VARNEY DER VAMPIR
oder Das Fest des Blutes

(Varney the Vampyre or The Feast of Blood)

James Malcolm Rymer / Thomas Peckett Prest

1842 - 1847

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Mitternacht - Der Hagelsturm - Die schrecklichen Besucher - Der Vampir

Varney, der Vampir


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"How graves give up their dead, and how the night air hideous grows with shrieks!"

Die feierlichen Schlage der Uhr der alten Kathedrale kündigen Mitternacht an - die Luft ist dick und schwer - eine eigenartige Luft durchdringt still wie der Tod die Natur. Wie die Ruhe vor dem Ausbruch eines Sturmes, scheint sie noch eine Pause zu machen, um dann mit vergrößerter Kraft loszubrechen. Ein schwacher Donnerschlag erklang von fern. Wie ein Signal für den Beginn einer Schlacht, erschienen die Winde aus ihrer Lethargie zu erwachen, und ein Wirbelsturm jagte über die Stadt und richtete in den vier oder fünf Minuten mehr Schaden an, als unter normalen Umständen in einem halben Jahrhundert.

Es war, als hätten einige Riesen über eine Spielzeugstadt und die verstreuten Häuser mit ihrem heißen Atem geblasen, denn so plötzlich, wie der heiße Atem kam, hörte er wieder auf und alles war so still und ruhig wie zuvor.

Der Schläfer erwachte und dachte, dass das, was er gehört hatte, die Chimäre eines Traumes gewesen sein musste. Er schüttelte sich und legte sich wieder schlafen.

Alles ist wieder ruhig wie in einem Grab. Kein Laut bricht den Zauber der Nacht. Was ist das - en seltsames Geräusch, wie von den Füßen einer Million Feen? Es ist Hagel - ja, ein Hagelsturm platzt auf die Stadt herunter. Blätter fetzen von Bäumen, vermischt mit kleinen Ästen. Sie liegen in den Fenstern, die in der Wucht der niederprasselnden Eisteilchen zerbrochen sind, und die Ruhe vor dem Sturm in ihrer Intensität war umso bemerkenswerter gegen den nun vorherrschenden Krach, in dem jeder überraschte und bestürzte Schrei ertrinkt, der den Menschen entfährt, deren Häuser vom Sturm erobert werden.

Hin und wieder erschien es, als würde ein plötzlicher Windstoß mit all seiner Kraft die Millionen Hagelkörner einen Moment in der Luft festhalten, doch es dauerte nur einen Moment und sie prasselten mit verdoppelter Geschwindigkeit in eine neue Richtung, in der sie noch mehr Schaden anrichten konnten.

Oh, wie der Sturm wütete! Hagel, Regen, Wind. Es war, und das ist nur die Wahrheit, eine schreckliche Nacht.

 

In einem alten Haus gibt es eine Kammer. Merkwürdige und malerische Schnitzereien schmücken die Wände, und der große Kaminsims ist ein Kuriosum für sich. Die Decke ist niedrig, und ein großes Fenster, es reicht von der Decke bis zum Boden, schaut nach Westen hinaus. Die gitterartigen kleinen Fenster darin, sind aus bemaltem Glas und reich verziert. Sie senden ein fremdes, aber wunderschönes Licht, wenn Sonne oder Mond durch die Scheiben scheint, in die Wohnung. Nur ein Portrait hängt in diesem Raum, obwohl die Wände offensichtlich für eine ganze Galerie von Bildern ausgelegt sind. Das Portrait zeigt eine jungen Mann mit einem blassen Gesicht, einer stattlichen Stirn und einem seltsamen Ausdruck in den Augen, der niemand ein zweites Male hinschauen lässt.

Ein großes Bett steht in der Kammer, in dessen Nussbaumholz reichliche Schnitzereien eingearbeitet sind, ein Design, das sein Dasein der elisabethanischen Zeit verdankt. Es ist mit schwerer Seide und Damast ausgestattet, vom Staub bedeckte Nickfedern hängen an den Ecken und verleihen dem Raum einen traurigen Anschein. Der Fußboden ist mit poliertem Eichenholz belegt.

Gott! wie der Hagel gegen das alte Erkerfenster schlägt! Wie ein unaufhörliches Musketenfeuer prasselt er gegen die kleinen Scheiben, aber sie widerstehen ihm - gerade ihre geringe Größe bewahrt sie vor Rissen. Wind, Hagel und Regen stürmen vergeblich mit ihrer Wut.

Das Bett in der alten Kammer ist belegt. Ein Wesen in all ihrer Lieblichkeit liegt im Halbschlaf in dem alten Bett - ein Mädchen jung und schön wie ein Frühlingsmorgen. Ihr langes Haar hat sich gelöst und fließt wie Bäche über die dunklen Stoffe des Bettes. Sie wurde unruhig und die Laken sind in Unordnung. Einen Arm über dem Kopf, hängt der andere fast aus dem Bett heraus, an dessen Kante sie liegt. Hals und Brust sind als Studie für die besten Bildhauer und deren Meisterwerk entblößt. Sie stöhnt leise im Schlaf und bewegt ein- oder zweimal die Lippen wie zu einem Gebet - zumindest kann man dies glauben, da sie der Name dessen, der für alle Sein Opfer gab, schwach erkennbar ist.

Sie war sehr müde gewesen und selbst der Sturm konnte sie nicht wecken. Der Aufruhr der Elemente störte sie nur leicht in ihrem Schlummer, hatte aber nicht die Macht diesen zu durchbrechen.

Oh, was für eine zauberhafte Welt verspricht dieser Mund und durch die leicht geöffneten Lippen glitzern ihre weißen Zähne im schwachen Licht das durch das Fenster dringt. Wie süß die langen seidenen Wimpern auf der Wange liegen. Nun bewegt sie sich und eine Schulter wird völlig sichtbar - weißer, gleichmäßiger als die makellosen Bezüge des Bettes, auf dem sie liegt, ist die glatte Haut des Wesens, dass eine gerade erblühende Weiblichkeit zeigt, und in diesem Stadium, dem Übergang vom Mädchen zur Frau zeigt sie uns alle Reize eines Mädchens - fast noch ein Kind, gepaart mit der Schönheit und Sanftheit der fortschreitenden Jahre.

War das ein Blitz? Ja - ein schrecklicher, lebendiger, erschreckender Blitz - dann ein krachender Donnerschlag, als ob tausend Berge übereinander rollen in den blauen Gewölben des Himmels! Wer schläft jetzt noch in der alten Stadt? Nicht eine lebendige Seele. Das Erschallen der Trompete, die zur Ewigkeit ruft, könnte nicht wirksamer wecken.

Der Hagelsturm tobt weiter. Der Aufruhr der Elemente scheint auf an seinem Gipfel angekommen. Jetzt erwacht sie - das schöne Mädchen in dem antiken Bett. Sie öffnet die himmlisch blauen Augen, und ein leiser Schreckensschrei dringt aus ihren Lippen. Inmitten des Lärmens und Tobens des Wetters ist aber dieser Schrei nur schwach und leise. Sie sitzt auf dem Bett und presst ihre Hände vor die Augen. Himmel! Was für ein wilder Sturzbach aus Wind und Regen und Hagel! Der Donner verklingt nicht ganz, bis schon wieder ein Blitz die Luft zerreißt und das nächste Krachen erfolgt. Sie murmelt ein Gebet - ein Gebet für die, die sie am meisten liebt. Die Namen, die sie in ihrem Herzen trägt, kommen über ihre Lippen. Sie weint und betet, denkt dann daran, was der Sturm für Verwüstungen sicher produzieren muss und zu Gott im Himmel betet sie für alle Lebewesen. Ein weiterer Blitz - ein wilder, blauer, verwirrender Lichtreifen dringt zum Erkerfenster herein, bringt jedes Detail für einen Augenblick erschreckend deutlich hervor. Abermals platzt ein Schrei von den Lippen des jungen Mädchens und dann, die Augen noch immer fest auf das Fenster gerichtet, wird alles wieder dunkel und finster und sie zittert mit einem noch nie gekannten Schrecken auf ihrem Gesicht und der Angstschweiß steht ihr auf der Stirn.

"Was - was war das?" keuchte sie, "Wirklichkeit oder Illusion? Oh, Gott, was war das? Eine hohe, hagere Gestalt bemühte sich von außen das Fenster zu öffnen. Ich sah sie genau im Licht des Blitzes. Sie stand in ganzer Länge vor dem Fenster." Der Wind flaute ab. Der Hagel fiel nicht mehr so dicht. Leiser nur noch prasselt der Hagel aber immer noch gegen die Scheiben. Es kann keine Illusion gewesen sein. Sie ist jetzt hellwach und hört es genau. Was war es? Ein weiterer Blitz - ein weiterer Schrei. Es war keine Täuschung.

Eine hohe Gestalt steht auf dem Fenstersims. Es sind seine Fingernägel die auf dem Glas den Hagelklang erzeugen, jetzt wo der Hagel aufgehört hat. Schreckliche Angst lähmt die Glieder des schönen Mädchens. Ein Schrei entringt sich ihr. Sie schlägt die Hände vor das marmorweiße Gesicht. Ihr Herz schlägt wild in ihrer Brust, ihr sie in jedem Moment zerreißend. Die Augen geweitet, wartet sie vor Schreck erstarrt. Das Klopfen und Kratzen der Nägel an der Scheibe setzt sich fort. Kein Wort wird gesprochen und sie kann sehen, wie sich die langen Arme der dunklen Gestalt scheinbar auf der Suche nach einem Eingang hin und her bewegen. Was für ein seltsames Licht erhellt nun allmählich die Nacht? Es ist rot und schrecklich, wird heller und heller. Der Blitz hat eine Mühle getroffen und der Widerschein des verschlingenden Brandes fällt auf das große Fenster. Das Mädchen versucht zu schreien, aber die Kehle ist ihr zugeschnürt. Sie versucht sich zu bewegen, doch ihre Glieder scheinen das Gewicht von Tonnen von Blei zu haben. Heiser kann sie nur einem Flüstern gleich rufen:

"Hilfe - Hilfe - Hilfe - Hilfe." Wie in einem Traum gefangen wiederholt sie das Wort wieder und wieder. Der rote Schein des Feuers leuchtet weiter. Es wirft den Anblick der großen und hageren Gestalt in einem abscheulichen Relief gegen das Fenster. In der Kammer hängt an der Wand ein Porträt, dass im flackernden Licht des Feuers erschreckend lebensecht erscheint und es aussieht, als würde es den Eindringling mit den Augen fixieren. Ein der kleinen Glasscheiben zerbricht und eine lange, hagere und scheinbar fleischlose Hand greift hinein. Sie öffnet den Verschluss des Fensters und eine Seite schwingt weit auf.

Und auch jetzt noch konnte sie nicht schreien - sie konnte sich nicht bewegen. "Hilfe! - Hilfe! - Hilfe!", war alles, was sie von sich geben konnte. Doch auf ihrem Gesicht saß das schreckliche Antlitz des Terrors, wenn Lebenserinnerungen an die glücklichsten Augenblicke zu Bitterkeit gefrieren.

Die Gestalt dreht sich zur Hälfte um und das Licht fällt auf ihr Gesicht. Es ist völlig weiß - blutleer. Die Augen sehen aus wie poliertes Zinn; die Lippen sind zurück gezogen, und das wichtigstes Merkmal neben diesen schrecklichen Augen sind die Zähne - furchteinflößende Zähne - ein Gebiss, wie das einiger wilder Tiere, abscheulich, grell weiß, Fänge. Die Gestalt nähert sich dem Bett mit einem seltsamen, schwebenden Bewegung. Die langen Fingernägel klappern und scheinen buchstäblich aus den Fingerkuppen zu hängen. Kein Ton kommt aus seinem Munde.

Wird das junge und schöne Mädchen verrückt durch den Horror, dem sie ausgesetzt ist? Sie hat alle ihre Gliedmaßen angezogen, sie kann nicht einmal mehr um Hilfe flüstern. Langsam zieht sie sich zum entgegen gesetzten Ende des Bettes zurück. Dennoch schaut sie fasziniert zu der näherkommenden Gestalt. Der Blick einer Schlange hätte keine stärkere Wirkung auf sie ausüben können, als der feste Blick dieser schrecklichen, metallisch glänzenden Augen, die sich über ihr Gesicht beugen. Nach vorn gebeugt füllt das näherkommende, schreckliche, markante, weiße Gesicht das Blickfeld aus. Diese Gestalt - Was ist es? Was will sie? Was lässt es so scheußlich aussehen - so anders als alle Erdbewohner und doch unzweifelhaft da?

Jetzt hat die Gestalt den Rand des Bettes erreicht. Es schien, als ob sie erschöpft angehalten. Die Hände des Mädchens umklammern unbewusst die Bettbezüge. Sie atmet kurz und schnell. Ihre Brust hebt sich und ihre Glieder zittern, aber sie kann ihre Augen nicht vom marmornen, bleichen Gesicht abwenden. Die Gestalt hält sie mit seinen glitzernden Augen gefangen.

Der Sturm hat aufgehört - alles ist still. Die Winde schweigen; die Kirchenuhr verkündet der erste Stunde. Ein Zischen kommt aus der Kehle des abscheulichen Wesens, er hebt seinen langen, hageren Arme - die Lippen bewegen sich. Er kommt weiter näher. Das Mädchen stellt seinen kleine Fuß auf den Boden. Unbewusst ziehen sie die Laken an sich heran. Die Tür des Zimmers ist in dieser Richtung - kann sie dieses erreichen? Hat sie die Kraft zu gehen? - Kann sie den Bann des Eindringlings brechen? Gott im Himmels! Die Gestalt ist real, oder es wird ein  Traum Wirklichkeit und ändert die Realität für immer?

Abermals hält die Gestalt inne und das Mädchen schon halb aus dem Bett heraus, sinkt zitternd zurück. Ihre langen Haare breiten sich über die gesamte Breite des Bettes aus. Etwa eine Minute vergeht - oh, was für eine Minute. In dieser Minute könnte das Mädchen in Wahnsinn verfallen.

In einem plötzlichen Ansturm, mit einem seltsam heulenden Kreischen, das in jeder Brust die Angst wecken würde, greift die Gestalt in die langen lockigen Haare, und seine knöcherne Hand hält das sich windende Mädchen auf dem Bett. Dann schrie sie laut auf - der Himmel gewährte es ihr endlich. Schrei folgte auf Schrei in rascher Folge. Die Bettwäsche fiel in einem Haufen aus dem Bett. Das Mädchen wurde von der Gestalt an ihrem langen seidenen Haar vollständig auf das Bett gezogen. Ihre wunderschön geformten Glieder bebten im Todeskampf ihrer Seele. Die gläsernen, schrecklichen Augen der Gestalt fuhren grob über die engelsgleiche Figur in abscheulich ordinärer Zufriedenheit. Er zieht an ihren langen Haaren, legt sich ihren Kopf auf dem Bett zurecht. Mit einem Sprung stürzt er sich mit seinen fangartigen Zähnen auf ihren Hals - ein Blutschwall, gefolgt von Sauggeräuschen. Das Mädchen wird ohnmächtig und der Vampir hält sein abscheuliches Mahl.

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