Der VAMPYR

Romantische Oper in 2 Akten (4 Bildern)

Musik: Heinrich August Marschner

Libretto: Wilhelm August Wohlbrück

Uraufführung: 28. März 1828, Leipzig

 

Kerel: Lord Ruthven (Ruthwen) ist inzwischen Vampyr und muss dem Vampyrmeister innerhalb eines Tages drei Jungfrauen opfern. Damit erhielte er ein weiteres Jahr seiner Existenz. Bei den ersten beiden Opfern, Janthe und Emmy, erfährt er keine Gegenwehr, sondern sogar Unterstützung von Edgar Aubry, dem er einst das Leben rettete. Das dritter Opfer soll Aubrys Geliebte Malwina sein, doch mit Ablauf der Frist entdeckt Aubry das Geheimnis und der Vampyrmeister holt Lord Ruthven in die Hölle. (2008)

Inhalt

Personen

 

Erster Akt

Zweiter Akt

 

Erstes Bild

Zweites Bild

Drittes Bild

Viertes Bild

 

Die PERSONEN des Stückes:
Sir Humphrey
, Lord von Davenaut (Bass)
Malwina, seine Tochter (Sopran)
Edgar Aubry, ein Anverwandter des Hauses Davenaut (Tenor)
Lord Ruthven auch als Graf Marsden (Bariton)
Sir Berkley (Bass)
Janthe, seine Tochter (Sopran)
George Dibdin, in Davenauts Diensten (Tenor)
John Perth, Verwalter auf dem Gute des Grafen von Marsden (Sprechrolle)
Emmy, seine Tochter, George Dibdins Braut (Sopran)
James Gadshill (Tenor)
Richard Scrop (Tenor)
Robert Green (Bariton)
Tom Blunt (Bass)
Suse, Blunts Frau (Alt)
Der Vampyrmeister (Sprechrolle)
Haushofmeister Davenauts (Bariton)
alter Diener Berkleys (Sprechrolle)
Diener Berkleys (Bass)
Chöre: Edelherren und Damen, Jäger und Diener Davenauts und Berkleys, Landleute von Davenaut und Marsden / Brautjungfern, Musikanten, Aufwärter, Blumen-, Schenk- und Girlandenmädchen / Hexen, Geister, Kobolde, Gnome, Hexen, Teufelsfratzen, Frösche, Fledermäuse

nach oben

ERSTER AKT

 ERSTES BILD

Nr. 1 - INTRODUKTION

Wildnis, Felsengruppen, ein erhöhtes Plateau, der Eingang einer Höhle. Es ist Nacht, der Mond leuchtet im Hintergrunde halbhell. Kleine Irrlichter. Der Chor der Hexen und Geister erscheinet in blauem und grünem Schimmer.

Chor der Geister, Hexen, Kobolde, Gnome, Teufelsfratzen, Frösche und Fledermäuse: Ihr Hexen und Geister, Schlingt fröhlich den Reihn, Ihr Hexen und Geister, Bald wird unser Meister Hier unter uns sein! Wegen grauser Freveltaten Ward der Boden hier verflucht, Drum wird er von uns gesucht, Dass wir uns auf ihm beraten. Lichtscheu in der Mitternacht, Wenn nur Angst und Bosheit wacht, Schleichen wir beim Mondenschein In die finstre Kluft hinein. Schlange, Natter hör’ ich zischen, Irrlicht flackert froh dazwischen, Molche, Kröten, schwarze Katzen, Kobold, Hexen, Teufelsfratzen Kommt und schlingt den muntern Reihn! Eul’ und Uhu, ihr sollt schrein, Kommt und schließt den muntern Reihn! Jo, hoho!

Auftritt Vampyrmeister und Lord Ruthven.

Chor der Geister, Hexen, Kobolde, Gnome, Teufelsfratzen, Frösche und Fledermäuse: Lichtscheu in der Mitternacht, Wenn nur Angst und Bosheit wacht, Schleichen wir beim Mondenschein In die finstre Kluft hinein. Ihr Hexen und Geister, Schlingt fröhlich den Reihn, Bald wird unser Meister Hier bei uns sein, hier bei uns sein! Kommt und schließt den muntern Reihn, Eul’ und Uhu, ihr sollt schrein, Joho, joho, joho! - Heissa, heissa, heissa, joho! Dort nahet der Meister Im falben Feuerschein!

Vampyrmeister: Dieser hier, der schon verfallen Unserm Dienste ist, Wünscht noch eine kurze Frist Unter den freien Menschen zu wallen. Sein Begehren sei bewillet, Wenn er seinen Schwur erfüllet, Wenn bis künft’ge Mitternacht Er drei Opfer uns gebracht: Für drei Bräute, zart und rein, Soll dem Vampyr ein Jahr bewilligt sein!

Ruthven: Bei der Urkraft alles Bösen Schwör’ ich Euch, mein Wort zu lösen; Doch fliehet diesen Aufenthalt, Denn eins der Opfer naht sich bald!

Der Vampyrmeister ab.

Chor der Geister, Hexen, Kobolde, Gnome, Teufelsfratzen, Frösche und Fledermäuse: Leise, leis’, beim Mondenschein Husch, in die Erde, husch, hinein! Husch, tausend Spalten, tausend Ritzen, Tausend Spalten, tausend Ritzen Dienen uns zum Aufenthalt. Lasst uns brütend unten sitzen, Bis die Mitternacht erschallt. Leise, leis’, beim Mondenschein Husch, husch, in die Erde, husch, hinein!

Die Uhr schlägt Eins. Geister, Hexen, Kobolde, Gnome, Teufelsfratzen, Frösche und Fledermäuse gehen ab.

 

Nr. 2 - REZITATIV UND ARIE

Ruthven: Ha! noch einen ganzen Tag! Überlang ist diese Zeit! - Zwei Opfer sind mir schon geweiht Und das dritte - das dritte ist leicht gefunden. Ha! ha! welche Lust! Ha, welche Lust! Ha! welche Lust, aus schönen Augen An blühender Brust Neues Leben In wonnigem Beben, Ha, neues Leben In wonnigem Beben, Mit einem Kusse in sich zu saugen! - Ha! welche Lust, In liebendem Kosen, Mit lüsternem Mut Das süßeste Blut Wie Saft der Rosen, Von purpurnen Lippen Schmeichelnd zu nippen! - Und wenn der brennende Durst sich stillt, Und wenn das Blut dem Herzen entquillt, Und wenn sie stöhnen voll Entsetzen, haha! Haha! Welch Ergötzen! Welch Ergötzen! Welche Lust! Ha, welche Lust! - Mit neuem Mut, mit neuem Mut Durchglüht mich ihr Blut; Ihr Todesbeben ist frisches Leben! - Armes Liebchen, bleich wie Schnee, Tat dir wohl im Herzen weh! - Ach, einst fühlt’ ich selbst die Schmerzen Ihrer Angst im warmen Herzen, Das der Himmel fühlend schuf.  Er erschrickt bei den Tönen. Mahnt mich nicht in diesen Tönen, Die den Himmel frech verhöhnen, Ich verstehe euren Ruf! Ha! Ha! welche Lust! Ha, welche Lust! Ha, welche Lust, aus schönen Augen, An blühender Brust neues Leben In wonnigem Beben, Ha, neues Leben In wonnigem Beben Mit einem Kusse in sich zu saugen. - Ha, welche Lust, in liebendem Kosen, Mit lüsternem Mut Das süßeste Blut Wie Saft der Rosen, Von purpurnen Lippen Schmeichelnd zu nippen, Schmeichelnd, schmeichelnd zu nippen! - Und wenn der brennende Durst sich stillt, Wenn dann das Blut dem Herzen entquillt, Und wenn sie stöhnen voll Entsetzen, haha! Haha! Ha! Welch Ergötzen! Ha, welche Lust! Haha! Und wenn sie stöhnen voll Entsetzen, Ha, welch Ergötzen, welche Lust! Und wenn der brennende Durst sich stillt, Wenn das Blut dem Herzen entquillt, Und wenn sie stöhnen voll Entsetzen, Haha, haha, welche Lust! Wenn sie stöhnen voll Entsetzen, Welch Ergötzen, welch Ergötzen, welche Lust! spricht: Horch, Geräusch, sie ist es! In der Abwesenheit ihrer Eltern wusste ich schlau unter fremdem Namen ihre Liebe zu gewinnen; nun kehrten sie zurück und kündigten ihr an, dass ihre Hand versprochen sei. Ich bewog sie, ihrem Herzen zu folgen und mit mir zu fliehen. Haha, armes Mädchen, dein Herz hat dich garstig betrogen!

Er geht ab nach links und kehrt mit Janthe zurück

Ruthven: Seh ich dich endlich, meine süße Janthe! Ach, verzeihe, wenn ich schon an deiner Liebe zweifelte.

Janthe: Ach, die Angst hat mich entkräftet. Sie sinkt in seine Arme. Erst nach Mitternacht konnte ich das Haus verlassen. Die Zubereitungen zum festlichen Empfang des Lord Mersey, der morgen mit dem Frühesten erwartet wird, beschäftigten Vater, Mutter und das ganze Haus bis spät in die Nacht.

Ruthven: O so war es die höchste Zeit! Morgen schon wärst du auf ewig für mich verloren gewesen. Du, die Braut eines andern! Du, die mein Herz so zärtlich, so unsäglich liebt, du, die Frau eines andern! Ha, der Gedanke könnte mich zum Wahnsinn führen.

Janthe: Ach, hätte ich meinem Vater deine Liebe geschildert, ihm gesagt, wie gut du bist, wie sehr mein Herz an dir hängt; ach, auch er ist ja so gut, er hätte mir gewiss verziehen und meine Liebe zu dir gebilligt. Warum hattest du mir auch verboten, gleich bei der Zurückkunft meiner Eltern der freudigen Regung meines kindlichen Herzens zu folgen.

Ruthven: Kannst du mir die Besorgnis meiner Liebe zum Vorwurf machen? Er, der geschworene Feind meines Hauses, nie hätte er in den Bund unsrer Herzen gewilligt, und seine Weigerung wäre mein Todesurteil gewesen.

Janthe: Du kennst ihn nicht; kein Hass steht so fest in seinem Herzen, dass ihn die Liebe zu seiner einzigen Tochter nicht entwurzelt hätte. Ach, und heimlich konnte ich ihn verlassen, mit Tränen wird er am Morgen sein Kind suchen und nicht finden. Sie wendet sich weinend von ihm.

 

Nr. 3 - DUETT

Janthe: Teurer Eltern einz’ge Freude, Lohn’ ich sie mit herbem Leide, Die zu ehren süße Pflicht. Ach! Ich muss sie ja betrüben, Denn es zwingt mich, dich zu lieben, Was Vernunft dagegen spricht.

Ruthven: Fühl’ an meines Herzens Schlagen, Mehr als ich vermag zu sagen, Dass ich dein auf ewig bin; Nimmer werd’ ich dich betrüben, Ewig, ewig dich zu lieben, Schwör’ ich dir mit treuem Sinn.

Janthe: Ach, ich muss sie ja betrüben, Denn es zwingt mich, dich zu lieben, Was Vernunft dagegen spricht. So bist du, Teurer, mein auf ewig, Und ewig, Teurer, bin ich dein! Ach, Liebe, Liebe nur macht selig, Mein Leben weih ich dir allein!

Ruthven: Nimmer werd’ ich dich betrüben, Ewig dich zu lieben, Schwöre ich mit treuem Sinn! Ja, Teure, dein bin ich auf ewig, Und ewig, Teure, bist du mein! Ach, Liebe, Liebe nur macht selig, Mein Leben weih ich dir allein!

Janthe: So bist du, Teurer, mein auf ewig!

Ruthven: Ja, Teure, dein bin ich auf ewig!

Janthe: Und ewig, Teurer, bin ich dein!

Ruthven: Und ewig, Teure, bist du mein!

Janthe: Ach, Liebe, Liebe nur macht selig, Mein Leben weih ich ihr allein! So bist du, Teurer, mein auf ewig, Auf ewig, Teurer, bin ich dein! –

Ruthven: Ach, Liebe, Liebe nur macht selig, Mein Leben weih ich ihr allein! Ja, Teure, dein bin ich auf ewig, Und ewig, Teure, bist du mein! –

Janthe: Als du dich zuerst mir nahtest, bebte ich entsetzt zurück.

Ruthven: Weiß wohl, Liebchen, dass du’s tatest, Doch jetzt lächelt mir dein Blick.

Janthe: Als du dich zuerst mir nahtest, Bebte ich entsetzt zurück! Aber wie mit Zaubersbanden Zog es später mich zu dir. - Ja, ich folg’ dem innern Drange, Meinem Herzen folge ich. Ewig, ewig ist er mein! Liebe lacht aus seinen Augen; O wie glücklich werd’ ich sein!

Ruthven: Weiß wohl, Liebchen, dass du’s tatest, Doch jetzt lächelt mir dein Blick! Ha, ihr ist im Herzen bange, Armes Mädchen, dauerst mich. Unsre Herzen, die sich fanden, Sind der Zauber, glaube mir. - Ha, ihr ist im Herzen bange, Armes Mädchen, dauerst mich. Doch Triumph! jetzt ist sie mein; Und ihr süßes Blut zu sangen, Welche Wollust wird das sein!

Ruthven und Janthe fliehen beim ersten Hornruf nach hinten in die Höhle. Jäger mit Hörnern, Diener und Landleute mit Fackeln kommen, nach allen Seiten hin suchend.

 

Nr. 4 - Chor mit Soli

Chor: Wo kann sie sein? - Wo kann sie sein? Beim Fackelschein Durchsucht den Wald, Ruft Echo wach, Dass tausendfach Mit Hörnerschall Allüberall Die Stimme widerhall’. Janthe! Janthe! - Janthe! -

Auftritt Sir Berkley

Berkley: Weh, mein Kind! In welcher Wildnis mag es irren? Weh, mein Kind, mein Kind! weh, mein Kind! In später Mitternacht vermiss’ ich es im Hause. Sicher haben Räuber sie entführt. Wer ihre Spur entdeckt, ich schwör’ es euch, Ihm wird des Vaters heißer Dank und großer Lohn. um sich blickend Doch wehe! welchen Ort betraten wir? Hier hausen böse Geister seit Jahrhunderten, Die Vampyrhöhle nennt ihn das Volk.

Chor: Weh! die Vampyrhöhle! Schnell hinweg mit leisem Tritt! Armer Vater! Armer Vater! Nur schnell hinweg mit leisem Tritt! Wo mag sie sein? Hier ist sie nicht! Ja, hier verlor sich ihre Spur! Ach, armer Vater, armer Vater, armer Vater, Nimmer siehst du Janthen wieder, Hier verlor sich ihre Spur. Drum schnell hinweg mit leisem Tritt, Nur fort von hier, nur fort von hier! Fort mit leisem Tritt!

Alle wenden sich zum Abgang.

Janthe - Stimme aus der Höhle: Weh’ mir!

Ruthven - Stimme aus der Höhle: Haha!

Chor und Sir Berkley kehren um und bleiben.

Chor: Welch’ Geschrei! Dort kam es her!

Janthe - wie oben: Weh!

Berkley: Das war meines Kindes Stimme, Rettet mir ihr teures Leben!

Die Jäger und Diener mit den Fackeln eilen in die Höhle hinein

Berkley: Weh’ mir! Meine Kräfte schwinden! Angst und Freude macht mich beben; Wie werd’ ich sie wiederfinden!

Er ermannt sich und will zur Höhle. Einige Diener kommen mit Lord Ruthven, den sie fest gepackt halten und der sich mit aller Macht dagegen sträubt, von dort zurück. Einige Jäger folgen. Die sonstigen Abgegangenen bleiben in der Höhle bei Janthe zurück.

Berkley: Frecher Räuber meines Kindes, Hier nimm deiner Taten Lohn.

Er dringt mit dem Degen auf Ruthven ein und verwundet ihn tödlich. Ruthven sinkt zusammen

Chor der in der Höhle zurückgebliebenen: Sie ist tot!

Berkley: Wie? Mein Kind ermordet? Mein Kind ermordet!

Er will zur Höhle. Jäger und Diener kommen ihm entgegen

Ein Diener: Armer Vater! Weh! Entsetzen! Brust und Nacken deiner Tochter Sind voll Blut. Gift’ger Zähne Spuren Verraten das Entsetzliche! Sie ward zum Opfer dem Vampyr!

Alle: Ein Vampyr! Ein Vampyr! Weh, ein Vampyr!

Sie stürzen davon. Berkley ebenso. Ruthven bleibt allein zurück.

Ruthven - sich mühsam aufrichtend: Weh mir! Meine Kräfte weichen! Müßig wird die Zeit verstreichen, Kann ich nicht die Höh’ erreichen, Um dort sterbend mit den Augen Mondesstrahlen einzusaugen, Die mir neue Kräfte geben zum Leben. Schrecklich! Schrecklich! Allgerechter! Alles, alles öd und leer, Grause Stille ringsumher! - Nur der Hölle Hohngelächter Muss ich hören!

Er sinkt zurück. Edgar Aubry kommt.

Aubry:  Ist denn nirgends ein Ausweg zu finden? Ein freier Platz ist hier, aber nach welcher Seite wende ich mich nun? Still, dort regt sich etwas.

Er tritt näher. Die Musik endet

Ruthven: Wohl mir! Ich höre eines Menschen Stimme! Wer du auch sein magst -

Aubry: Ha, ein Verwundeter liegt hier am Boden.

Ruthven: Wer du auch sein magst, habe Mitleid -

Aubry: Welche Stimme? Was seh’ ich! Täuscht des Mondes matter Schimmer mein Auge nicht, so bist du Ruthven!

Ruthven: Aubry, du bist’s? Mein Engel sendet dich; ich ward hier von Räubern überfallen.

Aubry: Gott! Teurer Freund, was kann ich für dich tun? Ist deine Wunde tödlich? Ist dir zu helfen?

Ruthven: Nein, menschliche Hilfe kommt zu spät - und doch - Aubry - wenn ich je dein Freund war - leiste mir einen wichtigen Dienst.

Aubry: O rede, was kann ich für dich tun? Du warst einst der Retter meines Lebens, o dass ich dir vergelten, dass ich mein Leben für das deine opfern könnte.

Ruthven: Nein, für mein Leben ist nichts mehr zu tun, aber - Aubry - ich bitte dich -

Aubry: Zögere nicht, es auszusprechen! Was ist’s? Soll ich deinen Tod rächen? Hast du jene Räuber erkannt?

Ruthven: Nein, das ist es nicht, was ich von dir begehre! Schmerzhaft zusammenzuckend und niedersinkend. O!

Aubry: So rede denn, was ist’s! Was kann ich für dich tun? Welch seltsame Unruhe in deinem ganzen Wesen - lebt irgendjemand, um den du besorgt bist? Drückt irgendeine schwere Schuld dein Gewissen? - Rede, was ist’s?

Ruthven: Nichts von allem - ich bitte dich nur - Aubry - leite mich hinauf auf jene Felsen (er zeigt nach dem Steinlager über der Höhle) und lege mein Gesicht so - dass die Strahlen des Mondes - mir in die Augen dringen.

Aubry: Seltsam - und was soll - ? Ha, welche Ahnung! Man sagt, dass jene fürchterlichen Geschöpfe -

Ruthven: Still! Vollziehe meine Bitte!

Aubry: So wär es wahr, was man in London mir gesagt? Entsetzlicher! Du wärst ein V -

Ruthven: Halt ein, Unglückseliger, vollende nicht! In jener Stunde, da ich dein Leben rettete, gelobtest du, für mich zu tun, was ich von dir verlangte. Wohl, so erfülle jetzt, um was ich dich bat, und schwöre mir zuvor, alles, was du von mir weißt, oder noch erfahren, oder auch nur ahnen magst, zu verschweigen.

Aubry zögert.

Ruthven: Nur vierundzwanzig Stunden!

Aubry: Ruthven!

Ruthven: Schwöre! Schwöre bei allem, was dir heilig ist, bei deiner Seele Seligkeit!

Aubry: Du warst der Retter meines Lebens - wohlan, ich schwöre!

Er erhebt die Hand zum Schwur.

Ruthven: Und verflucht seiest du in den Abgrund der Hölle, alle Strafe des Meineids laste zehnfach auf deiner Seele, wenn du den Schwur brichst! Verflucht seist du, und wer dir angehört! Verflucht sei, was du liebst, und was dich liebt! Schwöre mir!

Aubry: Ich schwöre! Entsetzlich!

 

Nr. 5 - MELODRAM

Ruthven: Ah! - So - nun will ich ruhig mein Schicksal erwarten. - Leite mich hinauf.

Er erhebt sich mühsam unter Aubrys Beihilfe. Aubry leitet Ruthven langsam über den Aufgang zu dem Steinlager über der Höhle, ist ihm beim Niederlegen behilflich, und zwar so, dass die Strahlen des Mondes auf Ruthvens Gesicht fallen; dann entflieht er entsetzt.
Ruthvens Züge beginnen sich zu regen, er richtet sich neubelebt unter dem Einfluss der Mondstrahlen auf.

nach oben

ZWEITES BILD

Nr. 6 – SZENE UND ARIE

Ein Saal im Schlosse des Lord von Davenaut. Malwina allein

Malwina: Heiter lacht die goldne Frühlingssonne Auf die buntgeschmückte neubelebte Flur. Ach, alles, was ich sehe, ist der Abglanz nur Von meines Herzens nie geahnter Wonne! (voll freudigen Gefühls, aber ohne Leidenschaft) Die Flur im bunten Festgeschmeide, Der Baum im duft’gen Blütenkleide, Der Vögel Chor, der mich umklingt Und jubelnd auf zum Himmel dringt, Ach, alles jauchzt und teilt mein Glück! Heute wogt es in mir auf und nieder, Ja, „heute“ schallt’s von außen wieder! Ja, heut’! heut’! heut’! ja, heut’! ja, heut’! a, heut’ kehrt der Teure dir zurück! - O schwing’ auch du, mein liebend Herz, Dich dankerglühend himmelwärts Und in dem Lust- und Freudendrang Lall’ deines Schöpfers Lobgesang. Vater, du im Himmel droben, Du, den alle Welten loben, Vater, du im Himmel droben, Hör’ auch deines Kindes Stimme! - Still! wer naht sich dort der Pforte? Er sieht herauf, es ist sein Blick! Er ist’s, er ist es! Edgar! Edgar! Er ist’s! - Ach, verzeihe mir die Sünde, Wenn aus freudetrunkner Brust Ich zum Dank nicht Worte finde In dem Übermaß der Lust. Nichts kann ich fühlen als dies Glück, Es kehrt der Teure mir zurück! - O Gott, verzeihe mir die Sünde Wenn aus freudetrunkner Brust Ich zum Dank nicht Worte finde In dem Übermaß der Lust.

Sie eilt ab durch die Mitte, Aubry entgegen. Edgar Aubry und Malwina kommen in freudiger Hast.

 

Nr. 7 - DUETT

Beide: Du bist’s, es ist kein Traum! Ach, dieses Glück, ich fass’ es kaum! Bist du es wirklich? Seh ich dich wieder! Freude des Himmels strömt auf mich nieder!

Malwina: Ach, dieses Glück, ich fass’ es kaum! Du bist es wirklich? Ist’s kein Traum? Ach, dieses Glück, ich fass’ es kaum!

Aubry: Bist du es wirklich, ist’s kein Traum? Ach, dieses Glück, ich fass’ es kaum! - Ach, entfernt vom Heimatlande, Stand ich klagend oft und sandte Seufzend sehnsuchtsvolle Blicke Nach des Hochlands Bergen hin.

Malwina: Wenn im Hause nichts mehr wachte, Nur der Mond durchs Fenster lachte, räumt’ ich mich zu dem Geliebten Von des Hochlands Bergen hin.

Beide: Wenn in trüben Dämmerstunden Süße Wehmut ich empfunden, Träumt’ ich mich zu der (dem) Geliebten Nach (von) des Hochlands Bergen hin.

Aubry: Doch die Zeit ist nun verschwunden, Heiter glänzt der Liebe Glück!

Beide: Denn es führten mich die Stunden Zu der (dem) Teuren ja zurück!

Malwina: Zu dir!

Aubry: Zu dir!

Beide: Du bist’s, du bist’s! Du bist’s, du bist’s, es ist kein Traum, Ach, dieses Glück, ich fass’ es kaum!

Malwina: Und schon am frühen Morgen bist du hier?

Aubry: Abends spät kam ich in Schellborn an, mein Pferd war so entkräftet, dass es die drei Meilen bis hierher nicht mehr machen konnte, da entschloss ich mich, die Nacht durch zu gehen, um heute der erste zu sein, der dir seinen herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtsfeste mit dem frühesten Morgen darbringt.

Malwina: O Edgar, ich bin so froh! Mein Vater spricht seit einiger Zeit mit so viel Achtung von dir. Seit du das für ihn so wichtige Geschäft in London über alle Erwartung glücklich beendet, sieht er in dir nicht mehr den unbedeutenden Jüngling, für den er dich hier immer hielt. Noch vor einigen Tagen sagte er: „Schade, dass mir nicht ein solcher Sohn geworden, er würde den Glanz des alten Hauses Davenaut erhalten!“

Aubry: Ach, Malwina, ich sehe darin nur die Sorge um den Glanz seines alten Hauses; nur dass ich mit diesem weitläufig verwandt bin, gibt mir in seinen Augen einigen Wert. Glaube mir, nie wird er mir, dem unbedeutenden Jüngling, die Hand seiner einzigen Tochter geben.

Malwina: Nein, ich fürchte nun nichts mehr; ich glaube, er ahnt unsere Liebe und billigt sie. Bedeutungsvoll haftet oft sein Blick auf mir, und er scheint mein Geständnis zu erwarten. Als du ihm die Nachricht sandtest, dass die großen Besitzungen der Grafschaft Schellborn nun unangefochten sein Eigentum blieben, küsste der sonst so strenge Vater meine Stirn, und gerührt und voll Liebe sprach er zu mir: „Dich glücklich zu sehen, meine Tochter, sei jetzt meine einzige Sorge“.

Aubry: Ach, nur Rang und Reichtum ist sein Glück, und ich selbst habe die Hindernisse vermehrt, die mich nun auf ewig von dir trennen.

Malwina: O trübe nicht durch deinen Zweifel meine frohe Hoffnung. Noch heute, an meinem Geburtstage, wenn mein Vater wie gewöhnlich mir die Gewährung jeder Bitte verspricht, will ich ihm zu Füssen sinken und das Geheimnis unsrer Liebe entdecken. - Still, er kommt!

Auftritt Sir Humphrey, Lord von Davenaut.

Malwina - eilt Davenaut entgegen: Vater! Vater! Edgar ist zurück!

Davenaut: Sir Aubry, seid mir herzlich willkommen! (Er reicht Aubry die Hand.) Einen wichtigen Dienst habt Ihr dem Hause Davenaut geleistet. Doch was Ihr tatet, fällt auf Euch selbst zurück.

Malwina - für sich: Was hör’ ich!

Davenaut - fortfahrend: Denn auch Ihr seid ein Sprosse dieses erlauchten Hauses, und je größer Glanz und Reichtum des Lords, je mehr Ruhm und Ehre für alle Glieder des Stammes. Doch fühl’ ich mich Euch sehr verpflichtet, nehmt meinen Dank und Euer Glück sei künftig Eures Vaters Sorge.

Aubry: Sir, diese Güte -!

Malwina: O mein Vater!

Davenaut: Meine Tochter! Wohl habe ich oft gemurrt, dass mir kein Sohn geboren, dass der Name Davenaut, seit Jahrhunderten einer der edelsten in Schottland, mit mir aussterben soll. Komm an mein Herz, geliebte Tochter! Der Tag, der dich mir heut’ vor achtzehn Jahren gab, er wird auch heut’ durch dich mir einen Sohn geben, wert meines Hauses, deiner Liebe wert.

Malwina: Mein Vater!

Davenaut: Ich habe längst bemerkt, was mir dein Mund verschwiegen; besorglich schien dein scheuer Blick mich oft zu fragen, soll ich allein dastehn, wenn mich mein Vater einst verlässt? Erraten hab’ ich deinen Wunsch, und deiner Bitte komme ich zuvor, ich grüsse dich als Braut.

Malwina: O mein Vater, diese Güte!

Davenaut: Ihr steht so fern, Sir Aubry? Nehmt Ihr nicht teil an unserer Freude?

Aubry - eilt freudig zu Davenaut: O Gott! Wär’s möglich? Dürft’ ich hoffen?

Davenaut: Glaubt Ihr, ich wolle Euer Schuldner bleiben? Zwar seit Ihr meinem Hause nur fern anverwandt, doch Ihr seid ihm verwandt, dieses genügt mir, und ich versprach, für Euer Glück zu sorgen. Edelmut ist die angeerbte Tugend jedes hochländischen Edelmanns und der Name meines Schwiegersohns, er sei Euch Bürge, dass er stets in meinem Geiste handeln wird: Es ist der Graf von Marsden!

 

Nr. 8 - TERZETT

Malwina: Wie? Mein Vater!

Aubry: Weh, verloren!

Davenaut: Ja, es ist der Graf von Marsden. Den ich mir zum Sohn, zum Sohn erkoren.

Malwina und Aubry: Wie, wer ist’s? Der Graf von Marsden?

Davenaut: Ja, ja, es ist der Graf von Marsden, Den ich mir zum Sohn erkoren! (für sich) Ha, die Wahl scheint sie zu freuen!

Malwina: Wie, mein Vater! Wie, wer ist’s?

Aubry: Weh, verloren! Weh, verloren! Weh, verloren!

Aubry und Malwina - beiseite: Ach, mein Glück war nur ein Traum, Musst’ er mich so schnell verlassen? Weh, dies Unglück ganz zu fassen, Hat mein armes Herz nicht Raum!

Davenaut - für sich: Ha, die Wahl scheint sie zu freun! laut Ja, er ist an Rang und Adel, Wie durch Sitten ohne Tadel, Wert ein Davenaut zu sein! -

Malwina: Sieh mich hier zu deinen Füßen; Vater, kannst du mir verzeihn? Vater, ach, dem Grafen Marsden Kann ich nimmer Gattin sein!

Davenaut: Wie, was hör’ ich? Ha, ist’s möglich!

Malwina: Dieses Herz -

Davenaut: Wie?

Malwina: Hat schon gewählt.

Davenaut: Ha! Ist’s möglich!

Malwina: Ach, ich fühl’s, ich hab’ gefehlt, Dass ich’s dir bis jetzt verschwiegen.

Davenaut: Wer ist der Verwegne? Sprich!

Aubry: Sieh ihn hier im Staube liegen! Der Verwegene, Sir, bin ich!

Davenaut: Ha, vor Zorn kaum halt’ ich mich! Wie, Verworfner! dürft Ihrs wagen, Dies ins Antlitz mir zu sagen?

Aubry: Ach, seit meiner Kindheit Tagen Hat dies Herz für sie geschlagen, Eure Tochter zu beglücken Soll mein einzig Streben sein!

Davenaut: Fort, ihr fleht vergebens, fort! - Mir ins Antlitz dies zu sagen! - Ha, Verwegner, dürft Ihr’s wagen? - Ha, vor Zorn kaum halt’ ich mich! Wie, Verwegne, dürft ihr’s wagen, Dies ins Antlitz mir zu sagen! Fort!

Malwina - flehend: Ach, seit meiner Kindheit Tagen Hat dies Herz für ihn geschlagen, Habe Mitleid, deine Tochter Kann mit ihm nur glücklich sein!

Davenaut: Ihr fleht vergebens!

Malwina: Vater!

Davenaut: Fort, ihr fleht vergebens - Denn der Graf, er hat mein Wort!

Aubry: Habt Mitleid!

Malwina: O Vater!

Davenaut: Und noch niemals ward gebrochen, Was ein Davenaut versprochen!

Malwina: O mein Vater - habe Mitleid! Habe Mitleid, deine Tochter Kann mit ihm nur glücklich sein! (für sich) Ach! Sein Zorn raubt mir für immer Jeden leisen Hoffnungsschimmer. Wehe mir, sein stolzer Sinn Gibt mich der Verzweiflung hin.

Aubry - für sich: Nimmer wird es mir gelingen, Seinen Hochmut zu bezwingen - Wehe mir! Sein stolzer Sinn Gibt mich dem Verderben hin.

Davenaut - für sich: Nein, des Vaterherzens Schwächen Dürfen meinen Stolz nicht brechen; Dieses Herz erfülle ganz Meines Hauses Ruhm und Glanz!

Aubry - für sich: Ach, sein Stolz raubt mir für immer Jeden leisen Hoffnungsschimmer. Wehe mir, sein stolzer Sinn Gibt mich dem Verderben hin!

Malwina - für sich: Ach, sein Zorn raubt mir für immer Jeden leisen Hoffnungsschimmer. Wehe mir, sein stolzer Sinn Gibt mich der Verzweiflung hin!

Trompetenruf außerhalb. Auftritt Diener George Dibdin.

George - meldend: Gnäd’ger Herr, der Graf von Marsden Ritt soeben durch das Tor, Und des Dorfes muntre Jugend Naht vereint im heitern Chor, Eure Tochter zu begrüßen Heut’ an ihrem Wiegenfeste.

Davenaut: Führe denn die muntern Gäste In den Saal zu meiner Tochter.

Davenaut und George gehen in unterschiedliche Richtungen ab.

 

Nr. 9 - FINALE

Auftritt Chor der Landleute und Ballett. Zwölf Jäger kommen während des Chores mit Fahnen und grünen Zweigen an den Armbrüsten, George an ihrer Spitze, und nehmen Aufstellung.

Chor der Landleute und Gäste: Blumen und Blüten im Zephirgekose, Lieblich entfaltet dem schmeichelnden West, Blume des Hochlands, du Davenaut-Rose, Winden wir dir zu dem heutigen Fest. Blumen und Blüten im Zephirgekose, Winden wir dir zu dem heutigen Fest! Möchte die Zukunft die heitersten Lose, Rosen gleich dir auf den Lebenspfad streun, Blume des Hochlands, du Davenaut-Rose, Wie wir heut’ Blumen und Blüten dir weihn.

Chor Jäger und Landleute: Möchte die Zukunft die heitersten Lose, Rosen gleich dir auf den Lebenspfad streun, Blume des Hochlands, du Davenaut-Rose, Wie wir heut’ Blumen und Blüten dir weihn!

Einige Landleute: Wie nach verderblichem Wettergetose Lächelt die Rose mit freundlichem Blick, Blume des Hochlands, du Davenaut-Rose, Wende sich jede Gefahr dir zum Glück. Blumen und Blüten im Zephirgekose, Lieblich entfaltet dem schmeichelnden West, Blume des Hochlands, du Davenaut-Rose, Winden wir dir zu dem heutigen Fest. Blumen und Blüten im Zephirgekose Winden wir dir zu dem heutigen Fest!

George: Seht, dort naht der Schwiegersohn An der Hand des alten Herrn, Stimmt an das Lied, ihr wisst ja schon, Das der Alte hört so gern! Nun stimmt an das Lied! Nun, ihr wisst ja schon!

Chor der Jäger und Landleute: Singet laut und jubelt froh, Dass es tönt durchs ganze Land, Heil, Heil dem Hause Davenaut, Heil jedem, der mit ihm verwandt; Was fest wie unsre Berge steht, Was mit der Welt nur untergeht, Was an Glanze der Krone nicht weichet, Was der Sonne gleich pranget und leuchtet, Singet laut und jubelt froh, Dass es tönt durchs ganze Land, Heil, Heil dem Hause Davenaut, Heil jedem, der mit ihm verwandt.

Auftritt Sir Humphrey, Lord von Davenaut mit Lord Ruthven. Zwei Diener folgen.

Davenaut: Hier, Malwina, ist der Mann, Den ich deiner wert erachte, Wert des Hauses Davenaut.

Ruthven: Eure Wahl zwar macht mich froh, Doch beglückt wär ich nur dann, Wenn Myladys Aug’ mir freundlich lachte.

Malwina - ohne ihn anzusehen: Werter Sir! sie sieht ihn an Ha! - Wehe mir!

Aubry - jetzt erst Ruthven ansehend, für sich: Gott, wen seh ich!

Ruthven: Unbegreiflich!

Aubry: Seh ich recht - du bist - Lord Ruthven!

Ruthven - ruhig: Nein, Sir! Ruthven ist mein Bruder, Der auf Reisen schon seit Jahren Auf dem festen Lande ist. Lieb ist mir es, zu erfahren, Was Ihr etwa von ihm wisst.

Aubry - verwirrt: Was ich weiß? - Er war ja heut’ –

Ruthven: Nun?

Aubry - noch verwirrter: Wehe! - Nein, Sir - ich weiß nichts - Täuschend ist die Ähnlichkeit Seines - Euren Angesichts. für sich Schneidend, wie ein gift’ger Pfeil Zuckt sein Blick mir durch die Seele, Diese Ähnlichkeit des Bruders, Das bedeutet nimmer Heil.

Ruthven - für sich: Schneidend, wie ein gift’ger Pfeil Zuckt sein Blick mir durch die Seele, Ha, den Träumer hier zu finden, Das bedeutet nimmer Heil.

Davenaut - für sich: Schneidend, wie ein gift’ger Pfeil Zuckt sein Blick mir durch die Seele, Seinen Stolz so zu beleid’gen, Das bedeutet nimmer Heil.

Malwina - für sich: Schneidend, wie ein gift’ger Pfeil Zuckt sein Blick mir durch die Seele, Dass mein Innres vor ihm bebet, Das bedeutet nimmer Heil.

Chor - unter sich: Schneidend, wie ein gift’ger Pfeil Zuckt sein Blick ihr durch die Seele, Dass ihr Innres vor ihm bebet, Das bedeutet nimmer Heil.

Davenaut: Nun, Malwina, ist das Sitte? Weißt du deinen Bräutigam Freundlicher nicht zu empfangen?

Ruthven - zu Davenaut: Lasst sie, werter Sir, ich bitte.

Malwina - zu Ruthven: Sir, ich weiß nicht, wie es kam, Dass ein grausend seltsam Bangen -

Ruthven: Schöne Lady, o verzeiht! Wie die junge Rose lacht, Die am Wege einsam blüht, Hat im innersten Gemüt Euer Anblick mich erfreut; Hoffen will ich, dass die Zeit Euch mein armes Angesicht Wenigstens erträglich macht.

Aubry - für sich: Nein, mein Auge täuscht mich nicht, Wie er lacht und wie er spricht, Alles zeigt es deutlich mir, Ruthven ist es, der Vampyr! Er tritt zu Ruthven: Sir, zwei Worte nur, ich bitte! Beide gehen abseits. Entsetzlicher, ich habe dich erkannt! Hier auch die Narb’ an deiner Hand! Unglücksel’ger, darfst du es wagen, Zu ihr die Augen aufzuschlagen, Grauses Scheusal der Natur!

Ruthven: Still! Gedenk’ an deinen Schwur!

Davenaut: Der Priester ist bestellt, geladen sind die Gäste, Bereitet alles nun zum frohen Hochzeitsfeste, Denn ehe noch die Mitternacht entschwunden, Bist du auf ewig mit ihm verbunden.

Malwina - außer sich: Ach, mein Vater!

Aubry - zu Ruthven: Ich beschwöre Euch!

Malwina: Ach, diese Eile, gönnt mir Frist, Wen’ge Tage bitt’ ich!

Davenaut: Schweig’!

Aubry: Sir, verschiebt’s bis morgen nur!

Davenaut: Nein, unmöglich!

Malwina: Ach, mein Vater!

Aubry - entschlossen: Nun, so wisst -

Ruthven - leise zu Aubry: Still! gedenk’ an deinen Schwur!

Davenaut: Heute noch, ich gab mein Wort, Morgen muss der Graf schon fort! Zum Gesandten, wie bekannt, Nach Madrid ist er ernannt, Seine Zeit gebeut zu eilen.

Aubry: Lasst ihn nur bis morgen weilen. Sir, seid nicht so fest gesinnt. Ach, verschiebt’s bis morgen nur, Und Ihr rettet Euer Kind!

Ruthven - leise zu Aubry: Still! gedenk’ an deinen Schwur!

Aubry - für sich: Ha, kaum halt’ ich mich vor Wut! Doch mein Schwur hält mich gefangen. Weh mir, seine blassen Wangen Lechzen schon nach ihrem Blut. Stimmen der Hölle, die mich umklingen, Höhnen mir zu: die Tat muss gelingen.

Ruthven - für sich: Lachen kann ich seiner Wut, Denn sein Schwur hält ihn gefangen. Mägdlein mit den Rosenwangen, Bald ist mein dein süßes Blut. Stimmen der Geister, die mich umklingen, Jubeln mir zu: die Tat muss gelingen.

Malwina - für sich: Freudig bin ich mir bewusst, Dass so lang dies Herz wird schlagen, Nimmer ich ihm werd’ entsagen; Dies Gefühl hebt meine Brust!

Davenaut - für sich: Freudig bin ich mir bewusst, Dass das Band, das ich geschlungen, Meinem Hause Ruhm errungen; Dies Gefühl hebt meine Brust!

Ruthven - für sich: Freudig bin ich mir bewusst, Ehe noch die Frist verronnen, Ist dies Opfer mir gewonnen; Dies Gefühl hebt meine Brust!

Aubry - für sich: Freudig bin ich mir bewusst, Eh’ nicht meine Kräfte schwinden, Wird er nicht sein Opfer finden; Dies Gefühl hebt meine Brust!

Chor der Jäger und Landleute: Wie nach verderblichem Wettergetose Lächelt die Rose mit freundlichem Blick, Blume des Hochlands, du Davenaut-Rose, Wende sich jede Gefahr dir zum Glück!

Davenaut - zu den Jägern und Landleuten zurücktretend: Zum Feste lad’ ich euch alle ein, Jubeln soll alles und fröhlich sein! Denn heute noch, ich schwör’ es laut, Führt Marsden zum Altar die Braut. Der ganzen Herrschaft mögt ihr verkünden, Dass Marsden sich und Davenaut verbinden.

Chor der Jäger und Jandleute: Singet laut und jubelt froh, Dass es tönt durchs ganze Land, Heil, Heil dem Hause Davenaut, Heil jedem, der mit ihm verwandt!

Aubry, Ruthven, Davenaut, Malwina - jeder für sich: Furchtbar eilend drängt die Zeit Und vom Ziel bin ich noch weit, Doch ich will nicht zittern.

Aubry, Davenaut, Malwina - jeder für sich: Wer der eignen Kraft vertraut, Und auf Gottes Hilfe baut, Den kann nichts erschüttern!

Ruthven - für sich: Wer der eignen Kraft vertraut, Wer der Hölle Macht geschaut, Nichts kann ihn erschüttern!

Aubry, Davenaut, Malwina - jeder für sich: Mögen sich die Wolken türmen, Mag es brausen, mag es stürmen, Nichts soll mich erschüttern! Furchtbar eilend drängt die Zeit, Und vom Ziel bin ich noch weit, Doch ich will nicht zittern! Wer der eignen Kraft vertraut, Und auf Gottes Hilfe baut, Den kann nichts erschüttern!

Ruthven - für sich: Mögen sich die Wolken türmen, Mag es brausen, mag es stürmen, Finstre Nacht die Zukunft decken, Höhnend uns das Schicksal necken, Wer der Hölle Macht geschaut, Ist mit Grausen schon vertraut, Ihn kann nichts erschüttern!

Aubry, Davenaut, Malwina - jeder für sich: Wer auf Gottes Hilfe baut, Den kann nichts erschüttern, Wenn es blitzet, wenn es kracht, Sieht er nur des Himmels Macht, Lachet bei Gewittern. Wer auf Gottes Hilfe baut, Den kann nichts erschüttern! Bei des Unglücks grauser Nähe Schwillt sein Mut zu Riesenhöhe, In der Elemente Toben Hebt er seinen Blick nach oben, Wenn es blitzet, wenn es kracht, Sieht er nur des Himmels Macht!

Ruthven - für sich: Bei des Unheils grauser Nähe Schwillt sein Mut zu Riesenhöhe, Grinsend blicket er nach oben! Wenn es blitzet, wenn es kracht, Freut er sich des Bösen Macht! Bei des Unglücks grauser Nähe Schwillt sein Mut zu Riesenhöhe, Grinsend blicket er nach oben In der Elemente Toben! Wenn es blitzet, wenn es kracht, Freut er sich des Bösen Macht!

Aubry, Davenaut, Malwina - jeder für sich: Ach, vom Ziel bin ich noch weit, Doch ich will nicht zittern! Wer der eignen Kraft vertraut, Und auf Gottes Hilfe baut, Den kann nichts erschüttern!

Ruthven - für sich: Wer der Hölle Macht geschaut, Ist mit Grausen schon vertraut, Nichts kann ihn erschüttern!

nach oben

ZWEITER AKT

DRITTES BILD

Nr. 10 - Introduktion

Garten und Schloss: Landleute Robert Green und Toms Blunt sitzen unter Bauern am Tische; die Landleute Richard Scrop und James Gadshill ebenso am Tische. Bauern auf Stühlen und auf den Bänken an allen Tischen. John Perth die Gäste zum Trinken nötigend. Einige Aufwärter und Schenkmädchen bedienen. Frau Suse Blunt bewegt sich unter den Gästen. Vier spielende Musikanten auf dem kleinen Orchester. Junges Volk tanzt und singt.

Chor der Trinker - Männer: Munter, edle Zecher, munter, Köstlich ist der Wein! Seht, die Sonne geht schon unter, Lasst uns fleißig, fleißig sein! Ach, der Tag find’t bald sein Ziel Und des Weins ist noch so viel, Darum frisch getrunken, frisch, frisch! Munter, edle Zecher, munter, Köstlich ist der Wein! Seht, die Sonne geht schon unter, Lasst uns fleißig, fleißig sein! Ach, der Tag find’t bald sein Ziel, Und des Weins ist noch so viel! Darum frisch getrunken, frisch! Getrunken frisch! –

Chor der Tänzer: Hört ihr die Geigen, Seht ihr den Reigen Fröhlich ertönen und munter ergehn? Eilet zum Tanze Froh in dem Kranze Munterer Jugend euch rascher zu drehn! Bannet die Sorgen! Heute und morgen Lächelt die Freude und droht nicht Gefahr. Nützet die Stunden, Eh’ sie entschwunden, Dass eure Jugend nicht freudenlos war. Tanz endet Seid ihr erst älter, Steifer und kälter, Drücket das Leben euch sorgvoll und schwer: Dann, ach, ihr Leute, Schickt sich’s, wie heute, Leider nicht mehr, ach nein, leider nicht mehr. Immer behende, Nimmer aus Ende Drehe der Kreis sich bald hin und bald her. Munter, nur munter, Krauser und bunter, Hinüber, hinüber der Kreuz und die Quer.

Beginnen auf der Terrasse zu tanzen

Chor der Trinker - Männer: Mag das junge Volk sich wiegen Dort im raschen Tanz, trinken auch ist ein Vergnügen Hier im Abendglanz! Sind wir gleich zum Tanz zu alt, Trinket nur, so wird sich bald Alles um uns drehn!

Allgemeiner Chor: Juch! - Juch! - Das ist’ne Fröhlichkeit, Alles schwimmt in Seligkeit, Alles jauchzt und alles schwärmt, Alles tobt und alles lärmt, Alles bricht in Jubel aus: So ist’s recht beim Hochzeitsschmaus! - Juch!

Gadshill - spricht: Aber wo sind denn Braut und Bräutigam?

Blunt: Ja, wo sind sie, Braut und Bräutigam?

Scrop: Sollen wir denn die Hochzeit feiern ohne Braut und Bräutigam?

Blunt: Ich habe noch nie eine Hochzeit gefeiert ohne Braut und Bräutigam.

Perth: Der Bräutigam kam noch nicht an; er wird sich auf Davenaut verspätet haben, meine Tochter ist ihm entgegen gegangen.

Frau Blunt: Da kommt sie eben her.

Blunt - ergreift das Glas: Dies volle Glas will ich ihr zu Ehren Bis auf den letzten Tropfen leeren.

Frau Blunt: Na, Tom, nimm dich in acht und trink’ mir nicht wieder zu viel!

Blunt: Suse, du hast recht, zu viel hab’ ich schon oft getrunken, aber noch nie genug, noch nie genug!

Auftritt Emmy Perth.

Alle: Es lebe die Braut! Emmy Perth lebe hoch!

Perth: Was ist das, du siehst ja so traurig aus, Emmy? Eine Braut muss fröhlich sein.

Blunt: Ja, eine Braut muss ein fröhliches Gesicht haben! Weißt du noch, Suse, wie du Braut warst -

Frau Blunt: I, so schweig doch still!

Blunt: Damals hatt’st du ein ganz andres Gesicht, ein ganz andres Gesicht!

Frau Blunt: Musst du denn immer reden!

Blunt: Ja, wenn ich nicht reden soll, da muss ich trinken.

Ein Teil der Bauern, Bäuerinnen, Tänzer und Tänzerinnen gehen ab.

Perth: Nun, Emmy, was fehlt dir denn?

 

Nr. 11 - LIED

Emmy: Dort an jenem Felsenhang Lauschte ich den Weg entlang, Georgen zu erspähen; In der Abendsonne Strahl Glüht und zittert Berg und Tal, Er lässt sich nicht sehen! Wenn beim frohen Hochzeitsfest Mich der Bräut’gam warten lässt: Soll mich das nicht traurig machen?  Dort im Strauch mit süßem Schall Lockt und girrt die Nachtigall, Und er ist noch ferne; Durch der Bäume grünes Reis Lauscht der Vollmond; still und leis’ Flimmern schon die Sterne! Alles zeigt, der Abend kam, Und noch fehlt der Bräutigam: Soll mich das nicht traurig machen?

Perth - spricht: Ei nun, er wird schon kommen! Du weißt, dass heute des Fräuleins Geburtstag war, und da konnte der arme Junge gewiss nicht so zeitig fortkommen.

Emmy: So ein vornehmes Fräulein möchte ich sein, Vater; da ließ mich George gewiss nicht warten.

Blunt: Er wird schon kommen, sag’ ich euch. Eine Braut ist wie eine volle Flasche Wein, die vergisst man nicht.

Green - im Gespräch mit Scrop: Ja, ja, wie ich Euch sage, Nachbar Scrop, in der vergangenen Nacht!

Scrop - auffällig laut: Das wäre ja entsetzlich!

Perth: Nun, was gibt’s denn hier?

Scorp: Green erzählt eben, die Tochter des reichen Berkley, drei Stunden hinter Davenaut, sei vergangene Nacht durch einen Vampyr umgebracht worden.

Alle: Wie? Was sagt Ihr? Ein Vampyr?

Green: Nicht anders; ich war heute Morgen dort. Die Tochter war Braut, heute sollte die Hochzeit sein. In der Nacht, Glock’ zwölf Uhr, vermisst der Vater die Tochter, alles wird gleich aufgeboten, sie zu suchen! Endlich findet man sie tot in der Vampyrhöhle.

Emmy: Das arme Mädchen!

Frau Blunt: Hat man denn den Vampyr auch gefunden?

Green: Freilich, der Vater hat ihn totgestochen.

Frau Blunt: Gott sei Dank!

Green: Ja, was hilft das, so ein Geschöpf ist ja nicht umzubringen! Sticht man’s heute tot, so steht es morgen wieder lebendig auf!

Scorp - zu Green: Habt Ihr schon einmal einen Vampyr gesehen?

Green: Nein, Gott sei Dank! Aber ich habe mir sagen lassen, sie sollen totenblass aussehen, und ihre Opfer am liebsten im Mondenschein aufsuchen, weil dieser eine heilbringende Kraft für sie hat und sie unter seinem besonderen Schutze stehen.

Emmy: Meine selige Großmutter hat mir oft ein altes Märchen von einem Vampyr erzählt.

Die Mädchen: Ach, lasst hören, lasst hören.

Emmy: Aber es ist schon ganz dunkel!

Scorp: Desto besser! Im Dunkeln hören sich solche Geschichten am besten an.

 

Nr. 12 - ROMANZE

Emmy: Sieh, Mutter, dort den bleichen Mann Mit seelenlosem Blick. Kind, sieh den bleichen Mann nicht an, Sonst ist es bald um dich getan, Weich’ schnell von ihm zurück! Schon manches Mägdlein, jung und schön, Tat ihm zu tief ins Auge sehn, Musst’ es mit bittern Qualen Und seinem Blut bezahlen! Denn still und heimlich sag’ ich’s dir: Der bleiche Mann ist ein Vampyr! Bewahr’ uns Gott auf Erden, Ihm jemals gleich zu werden!

Chor: Denn still und heimlich sag’ ich’s dir: Der bleiche Mann ist ein Vampyr! Bewahr’ uns Gott auf Erden, Ihm jemals gleich zu werden!

Emmy: Was, Mutter, tat der bleiche Mann? Mir graust vor seinem Blick! Kind, sieh den bleichen Mann nicht an, Viel Böses hat er schon getan, Drum traf ihn solch’ Geschick! Und ob er längst gestorben nun, Kann er im Grabe doch nicht ruhn, Er geht herum als bleiche, Lebend’ge grause Leiche! Denn still und heimlich sag’ ich’s dir: Der bleiche Mann ist ein Vampyr! Bewahr’ uns Gott auf Erden, Ihm jemals gleich zu werden! Wie dauert mich der bleiche Mann, Wie traurig ist sein Blick! Kind, sieh den bleichen Mann nicht an, Sonst ist es bald um dich getan, Weich’ schnell von ihm zurück! Er geht herum von Haus zu Haus, Sucht sich die schönsten Bräute aus, Zeigt eine sich gewogen, So wird sie ausgesogen! Denn still und heimlich sag’ ich’s dir: Der bleiche Mann ist ein Vampyr! Bewahr’ uns Gott auf Erden, Ihm jemals gleich zu werden! Es lacht mich an der bleiche Mann Und heitrer wird sein Blick. Kind, siehst du ihn noch immer an? Weh mir, es ist um dich getan, Weich’ schnell von ihm zurück! Sein erster Blick, mit Todesschmerz Durchzuckte er dein frommes Herz, Ach, lass dadurch dich warnen, Sonst wird er dich umgarnen! Denn still und heimlich sag’ ich’s dir: Der bleiche Mann ist ein Vampyr! Bewahr’ uns Gott auf Erden, Ihm jemals gleich zu werden! Das Mägdlein folgt dem bleichen Mann, Es lockte sie sein Blick; Hört nicht der Mutter Warnen an, Und bald war es um sie getan, Nie kehrte sie zurück! Ein Opfer ward sie seiner Lust, Mit blut’ger Spur an Hals und Brust Fand man den Leichnam wieder; Sie fuhr zur Hölle nieder! Nun geht sie selber, glaubt es mir, Umher als grausiger Vampyr! Bewahr’ uns Gott auf Erden, Ihr jemals gleich zu werden!

Auftritt Lord Ruthven, zunächst unbemerkt.

Ruthven - spricht: Guten Abend, ihr schönen Kinder!

Die Mädchen - erschrocken: Ha!

Emmy - erschrocken, gleichzeitig: Allmächtiger!

Ruthven: Ist John Perth nicht hier?

Perth: Hier bin ich. Was ist zu Euren Diensten?

Ruthven: Du kennst mich wohl nicht mehr?

Perth: Ach, seid Ihr es, Mylord? Freilich kenne ich Euch. Ihr seid der Bruder unsers verstorbenen Herrn, und jetzt Graf von Marsden. Seid herzlich willkommen auf Euerem Grund und Boden; wir glaubten Euch noch auf der Reise.

Ruthven: Auch kann ich nur wenige Stunden hier verweilen, ein Geschäft führte mich nach Davenaut. Ich hörte dort von deiner Tochter Hochzeit, und komme, die Feier durch meine Gegenwart zu verschönern. Die treuen Dienste, welche du meinem Hause geleistet, erfordern meine Dankbarkeit. Ich will, dass die Hochzeit auf meine Kosten gefeiert werde, und so glänzend als möglich. Betrachte den herrschaftlichen Keller heute als den deinigen.

Blunt: Das ist ein edler Herr! Bringt ihm ein Vivat! Hoch lebe unser gnädiger Herr! Hoch!

Alle: Hoch lebe unser gnädiger Herr! Hoch!

Ruthven - zu Perth: Lass sogleich den großen Saal erleuchten, dort will ich selbst Zeuge der heiligen Handlung sein, und der Braut den Myrtenkranz ins Haar flechten.

Emmy: Also meinetwegen seid Ihr gekommen, gnädiger Herr?

Ruthven: Ist das deine Tochter, John?

Perth: Ja, gnäd’ger Herr, meine Tochter Emmy.

Ruthven: Freilich bin ich deinetwegen gekommen, schöne Emmy.

Emmy: Ach, so verzeiht, gnäd’ger Herr, dass ich vorhin bei Eurem Anblick so erschrocken bin, aber wir hatten gerade ein schauerliches Märchen erzählt, als Ihr so unvermutet zu uns kamt.

Ruthven - zieht einen Ring vom Finger: Hier, schöne Braut, nimm diesen Ring zur Vergütung des Schrecks, den ich dir verursacht habe. Er steckt ihr den Ring an.

Emmy: Wie, gnäd’ger Herr, den kostbaren Ring, den schenkt Ihr mir?

Ruthven: Als Hochzeitsgast muss ich dir doch wohl ein Geschenk machen! Ich werde überdies für eine Ausstattung für dich Sorge tragen, und wenn du willst, deinen künftigen Mann auf meinen Gütern anstellen.

Emmy: Gnäd’ger Herr, soviel Güte -

Ruthven: Geht, liebe Leute, bringt den Saal in Ordnung.

Das Landvolk geht ab.

Ruthven: Hier, John, nimm meinen Mantel mit. Ich werde mich indes mit der Braut über die künftige Versorgung beraten. Wenn alles in Ordnung ist, lass mich rufen, dass ich den Tanz mit der schönen Emmy eröffne.

Alle gehen bis auf Emmy und Lord Ruthven ab.

Emmy: Ach, gnäd’ger Herr, wodurch habe ich soviel Güte verdient?

Ruthven: Durch deine Schönheit, liebe Emmy, die mich bei dem ersten Anblick so sehr für dich einnahm, durch deine Liebenswürdigkeit, die mich immer mehr und mehr zu dir hinzieht.

 

Nr. 13 - TERZETT

Emmy: Ihr wollt mich nur beschämen, So eitel bin ich nicht, Um für Ernst es anzunehmen, Was Euer Mund nur spricht.

Ruthven: Nein, liebe süße Kleine, Glaub’ mir, ich scherze nicht; Deine Schönheit ist’s alleine, Die so mein Herz besticht.

Auftritt des Dieners George Dibdin, bewaffnet.

George - für sich: Potz Blitz! was muss ich schauen! Die sind ja sehr vertraut! Darf ich meinen Augen trauen, Ist denn das nicht meine Braut?

Ruthven: Welche Wonne sondergleichen, Sanft die Wange dir zu streichen, Dir die weiche Hand zu drücken, Liebend dir ins Aug’ zu blicken, So den Arm um dich zu schlingen, Dich zu drücken an die Brust! Ach, welch ein Opfer wollt’ ich bringen, Gönntest du mir diese Lust!

Emmy: Ihr wollt mich nur beschämen, So eitel bin ich nicht, Um für Ernst es anzunehmen, Was Euer Mund nur spricht.

George - für sich: Ei, ei, was muss ich sehen, Jetzt drückt er ihr die Hand, Und sie lässt es auch geschehen, Das ist ja ganz charmant.

Ruthven: Ich sollte dich fast schelten, Ich tat so viel für dich, Und du willst mir nicht vergelten, Ist das nicht grausam, sprich?

Emmy: Ihr sucht mein Glück zu gründen, Das sehe ich wohl ein! Ach, ich kann nicht Worte finden, Euch meinen Dank zu weihn!

Ruthven: Du kannst für mein Bestreben Den schönsten Lohn mir geben! Ein einz’ger Kuss von dir Gilt mehr als Kronen mir!

George – für sich, erstaunt und empört: Ein Kuss!

Emmy: Wie?

George - für sich: Was muss ich hören?

Emmy: Ein Kuss?

George - für sich: Er will sie küssen?

Emmy: Wie?

George: Was?

Emmy: Ein Kuss? Ein Kuss? Ein Kuss? Ein Kuss?

Lord Ruthven will sie küssen

Emmy - entwindet sich ihm: Ihr wollt mich nur beschämen, So eitel bin ich nicht, Um für Ernst es anzunehmen, Was Euer Mund nur spricht.

Ruthven: Nein, liebe süße Kleine, Glaub’ mir, ich scherze nicht, Deine Schönheit ist’s alleine, Die so mein Herz besticht. -

Er küsst Emmy. Emmy entwindet sich ihm und läuft an ihm vorüber.

Ruthven - für sich: So, jetzt ist sie mir verfallen, Und das Ziel ist nicht mehr weit, Er lacht. Haha!

Emmy - für sich: Solchem Herrn zu gefallen, Ist doch keine Kleinigkeit! Soll mich das nicht eitel machen?

Ruthven - für sich: Jetzt ist sie mir verfallen! Ha, die Hölle hör’ ich lachen! Ha, jetzt ist sie mir verfallen, Und das Ziel ist nicht mehr weit!

George - für sich: Wie, sie lässt sich das gefallen? Ha, bei Gott, das geht zu weit! Soll mich das nicht rasend machen? Ha, bei Gott, das geht zu weit! Er tritt vor. Guten Abend -

Ruthven - beiseite: Ei, sieh da, der Bräutigam!

George: Meine Beste!

Emmy - verlegen: Kommst du endlich auch zum Feste?

George: Ja, Zeit war es, dass ich kam.

Emmy - blickt fortwährend nach Ruthven: Unser neuer Herr will dich Hier zum Gutsverwalter machen.

George: A, das merk’ ich, schöne Sachen, und zum Eigentümer sich.

Ruthven - beiseite Eifersucht? Das ist zum Lachen! Guter Tropf, du dauerst mich!

Emmy - beiseite: Eifersucht am ersten Tage! - Nun fürwahr, nun fürwahr, Das kommt zu früh!

George - beiseite: Ja, sie hat recht, die alte Sage: Weibern trau’ und Katzen nie!

Ruthven - zu Emmy: Nun, ich gehe, Liebesleute Sind am liebsten doch allein! Nur vergiss nicht, dass du heute Meine Tänzerin willst sein. -  tritt einige Schritte beiseite Ha, wie mein Herz vor Freude bebet, Nun ist das zweite Opfer mein! Die ihr mich unsichtbar umschwebet, Jubelt! jubelt! Bald wird sie euer sein!

Emmy - für sich: Mein Herz schwankt zwischen Furcht und Liebe, Und mir wird wohl und weh zu Sinn; Mit süß geheimnisvollem Triebe Zieht es mich zu dem Fremdling hin!

George - für sich: Wie bei böser Geister Hausen, So unheimlich wird mir zu Mut! Mich überläuft’s mit kaltem Grausen, Weh mir! das endet nimmer gut!

Ruthven - für sich: Ha! wie mein Herz vor Freude bebet! Nun ist das dritte Opfer mein! Die ihr mich unsichtbar umschwebet, Jubelt, bald wird sie euer sein!

Lord Ruthven tritt ab.

George - für sich: Er geht! Nun ist mir wieder wohl!

Emmy - verlegen: Weißt du wohl, George, dass es gar nicht schön von dir ist, dass du heute so spät kommst.

George: So ist’s recht, mach’ du mir noch Vorwürfe! Aber das ist schön, dass du hier im Mondenschein mit fremden jungen gnäd’gen Herrn charmierst, dir die Hand drücken, dich um den Leib fassen und am Ende gar küssen lässt? Nicht wahr, das ist schön?

Emmy: Ach, das war ja unser neuer gnäd’ger Herr! Und er will uns versorgen! Sieh nur den kostbaren Ring, den er mir schenkte. Er ist so gut, so liebreich, so herablassend, so -

George: Nun? Nur heraus damit: so schön, so liebenswürdig, dass ich nur ein Klotz gegen ihn bin.

Emmy: Wie du nun wieder bist. Ich bin ja bloß deinetwegen freundlich gegen ihn, damit er dich recht vorteilhaft anstellt.

George - ironisch: So? abweisend Meinetwegen! Glaubst du, ich habe nicht bemerkt, wie du ihn immer angesehen hast? So freundlich, so zärtlich, so wie du niemand ansehen solltest als mich. Selbst wie ich vortrat, konntest du keinen Blick von ihm verwenden. Siehst du die Pistolen hier? Ich habe sie mitgenommen, weil man mir sagte, der Weg sei nicht sicher. Mit denen schieß ich mich tot, wenn du ihn noch einmal so ansiehst.

Emmy: Sei doch nicht so wild, lieber George, er geht ja noch heute wieder fort - und wer weiß, ob ich ihn jemals wiedersehe.

George: Ja, er muss noch heute zurück nach Davenaut, er soll unser Fräulein heiraten. Aber die ist nicht so wie du. Sie liebt den jungen Herrn Aubry und war nicht so freundlich gegen den Grafen. Mit Tränen hat sie ihren Vater gebeten, den gnäd’gen Herrn wieder wegreisen zu lassen.

Emmy: Also dein Fräulein wird er heiraten?

George: Ja. Dir ist’s wohl nicht recht? Du könntest vielleicht selber noch eine gnäd’ge Frau werden, nicht wahr? Das ist doch dein höchster Wunsch! O ich Dummkopf! Um dir eine Freude zu machen, weil ich wusste, dass du es gern hast, wenn es recht vornehm bei unsrer Hochzeit hergeht, bitte ich den gnäd’gen Herrn, hierher zu kommen. Deine Freundlichkeit gegen ihn muss er aber schon geahnt haben; kaum sage ich ihm, dass es hier eine Hochzeit gibt, so springt er auf, lässt ein Pferd satteln, nimmt kaum Abschied von unserm alten Herrn und sprengt im Galopp hierher. Ich Esel keuche hinterdrein, um die Freude zu haben, zuzusehen, wie er meine Braut küsst.

Auftritt Edgar Aubry.

Aubry: Guten Abend, George. Ist der Graf hier? Meinen Glückwunsch, schöne Emmy.

George: Ja, der gnäd’ge Herr ist im Tanzsaal.

Aubry: Bitte ihn sogleich, zu mir zu kommen.

George: Ich gehe. leise zu Emmy Willst du nicht hierbleiben? Es ist ja auch ein junger gnäd’ger Herr.

Emmy - leise: Pfui, George, du wirst mich böse machen. Ich gehe mit dir in den Tanzsaal.

George - leise: Freilich, da ist der andere, und der ist noch freundlicher.

Beide gehen ab.

Aubry: Himmel, verleihe meinen Worten Kraft, sein Herz zu rühren. Retten muss ich sie, und sei der Preis mein Leben! Können meine Bitten ihn nicht bewegen, von seinem Vorhaben abzustehen, mein Entschluss ist gefasst, so eile ich zum alten Lord zurück, breche den fürchterlichen Schwur, und entdecke ihm das schreckliche Geheimnis, möge daraus entstehen, was da wolle.

Auftritt Lord Ruthven

Ruthven: Wie, Sir Aubry, Ihr hier?

Aubry: Ja, überall hin werde ich dir folgen, alle deine Schritte bewachen, überall dich bitten und beschwören, den entsetzlichen Gedanken aufzugeben: überall dir drohend entgegentreten, dir mit Gewalt dein Opfer entreißen. Ruthven, ich liebe Malwina, ich werde von ihr wieder geliebt! Wenn noch ein Gefühl von Menschlichkeit in deinem Herzen zurückblieb, so lass ab von ihr, morde nicht das Glück zweier Menschen. Hier auf meinen Knien beschwöre ich dich, weiche von ihr zurück, ich will zu dem Ewigen um Erbarmen für dich flehen - und das Bewusstsein dieser einzigen guten Tat wird wie ein rettender Engel für dich sprechen in der Stunde des ewigen Gerichts!

Ruthven: Verschwende nicht unnötige Worte, törichter Knabe! Mich treibt mein fürchterliches Schicksal. Zürne, tobe, rase gegen den ewigen Kreislauf der Natur! Kannst du ihn stillstehen heißen? Kannst du das Dasein der ganzen Schöpfung in ein leeres Nichts zurückwerfen? Tu’s! Ha, auf meinen Knien will ich dir danken! Ohnmächtiger, geh! Lass ab von mir.

 

Nr. 14 - GROSSE SZENE

Aubry: Wohl, du zwingst mich zum Verbrechen, Meinen Schwur geh ich zu brechen, Gott im Himmel wird verzeihn! Kann ich es dadurch erreichen, Dass du von ihr musst entweichen, Ist die Sünde ja nur klein.

Ruthven: Strauchle auf der Bahn des Rechten, Du verfällst den finstern Mächten, Scheint der Fehltritt auch nicht groß; Bist du einmal erst gewonnen, Enger stets wirst du umsponnen, Und die Hölle lässt nicht los.

Aubry: Gern will ich für mein Verschulden Martervolle Strafe dulden; Was kann Ärgeres geschehn! Gibt es größeres Verderben, Als die Heißgeliebte sterben Und so grässlich sterben sehn!

Ruthven: Meinst du? Ha! versuch’ es nur! Und mit Schaudern wirst du sehen, Was noch Ärgres kann geschehen. Glaubst du, dass mich die Natur Zu dem schrecklichen Beruf Schon bei der Geburt erschuf? Geh denn hin, verrate mich! Schuld des Meineids lad’ auf dich, Um mit süssem Triumphieren Die Geliebte heimzuführen; Werde Gatte, Vater dann, Und ein hochbeglückter Mann! Doch es naht die Zeit heran, Wo bei tausend Schlangenbissen Dir die Seele wird entrissen; Vor den Richter bang und schwer Tritt sie, und der Strenge spricht: „Reue sühnet Meineid nicht; Kehre dann zurück mit Graus In das kaum verlassne Haus.“ Nun gehst du, ein grausiger Leichnam, einher, Bestimmt, dich vom Blute Derer zu nähren, Die dich am meisten lieben und ehren; Im Innern trägst du verzehrende Glut. Bei deinem Leben hatt’st du geschworen: Was durch dich lebt, ist durch dich verloren; Der Gattin, der Söhne, der Töchter Blut, Es stillet zuerst deine scheußliche Wut, Und vor ihrem Ende erkennen sie dich Und fluchen dir - und verdammen sich! Doch was dir auf Erden das Teuerste war, Ein liebliches Mädchen mit lockigem Haar Schmiegt bittend die kleinen Händchen um dich. Die Tränen ins helle Äuglein ihr treten. Sie lallet: Vater, verschone mich, Ich will auf Erden für dich beten! Du siehst ihr ins unschuldig fromme Gesicht, Du möchtest gern schonen und kannst es doch nicht! Es reizt dich der Teufel, es treibt dich die Wut. Du musst es saugen, das teure Blut! So lebst du, bis du zur Hölle fährst, Der du auf ewig nun angehörst; Selbst dort noch weichet vor deinem Blick Die Schar der Verworfnen mit Schrecken zurück: Denn gegen dich sind sie engelrein, Und der Verdammte bist du allein! - Du starrst? Du stehst entsetzt vor mir? Haha! ich zeichnete nach der Natur, Meine eigne Geschichte erzählte ich dir. Jetzt geh hin! - Geh hin! - Geh hin! Und brich deinen Schwur!

Lord Ruthven ab.

Aubry: Ha! wie das grausenvolle Bild Mich mit Entsetzen ganz erfüllt; Kein Trost, kein Ausweg zeigt sich hier, Sie ist verloren! Wehe mir!

 

Nr. 15 - ARIE

Aubry: Wie ein schöner Frühlingsmorgen Lag das Leben sonst vor mir, All mein Wünschen, all mein Sorgen War ein heitrer Blick von ihr. Flur und Wald schien nur zu leben, Um ihr Bild zurückzugeben, Und mit süßem Zauberklingen Nur von ihr, von ihr zu singen. Denn ihr Antlitz wunderhold Lacht aus jeder Blume mir, Aus der Abendröte Gold, Aus der Sterne Glanzrevier. Ach, ihr Antlitz wunderhold, Lacht aus jeder Blume mir! Zephir schien mit ihr zu kosen, Nur von ihr sang Quell und Baum, Und entschlummert unter Rosen räumte noch von ihr der Traum. - Doch jetzt umgibt mich dunkle Nacht, Ich verzweifl’ an Gottes Macht; Unheilbringende Dämonen Scheinen die Schöpfung nur zu bewohnen. Grinsend hör’ ich sie triumphieren, Zum Verderben muss es führen, Was ich auch beginnen wollte. - Und von allem, was mir droht, Ist das minder Schreckensvolle: Wahnsinn! Wahnsinn, oder Tod!

Auftritt George Dibdin.

George: Gut, dass ich Euch noch finde, gnäd’ger Herr! Ach, nehmt Euch meiner an!

Aubry: Was hast du, George?

George: Wenn Ihr doch den gnäd’gen Herrn bereden könntet, mit Euch nach Davenaut zurückzukehren. Er zerstört mir meine ganze Hochzeitsfreude, er ist immer um meine Braut, spricht und tanzt beständig mit ihr; und sie tut auch, als wenn ich gar nicht auf der Welt wäre, und ist so freundlich gegen ihn, als wäre er der Bräutigam. Die jungen Burschen foppen mich schon damit, allen Hochzeitsgästen diene ich zum Gespötte; ich ertrage es nicht länger!

Aubry: Unglücklicher! Und du verließest sie? Kehre sogleich in den Saal zurück, verlass deine Braut nie, hörst du? Nie, auch nicht auf einen Augenblick! Es ist das einzige Mittel, dich und sie vom größten Verderben zu retten.

George: Ihr macht mir Angst, gnäd’ger Herr! Ihr glaubt doch nicht, dass er sie wirklich verführen würde?

Aubry: Frage nicht, geh’ schnell hinein zu ihr! Ich eile nach Davenaut zurück! Gott! Gott! wie wird das enden!

George Dibdin ab. Edgar Aubry ab. Auftritt Lord Ruthven mit der sich etwas sträubenden Emmy.

 

Nr. 16 - DUETT

Ruthven: Leise dort zur fernen Laube!

Emmy: Gnäd’ger Herr!

Ruthven: Wo wir ungestörter sind.

Emmy - sich angstvoll umsehend: Gnäd’ger Herr, man kommt, ich glaube -

Ruthven: Nicht doch, liebes süßes Kind!

Emmy: Ja, ja, man kommt!

Ruthven: Folge mir nur wen’ge Schritte -

Emmy: Gnäd’ger Herr! ach nein, ich bitte - George wird mich im Saal vermissen!

Ruthven: Furchtsam Närrchen, lass dich küssen!

Emmy: Nein, ach, lasst zurück mich gehen, Gnäd’ger Herr, ach, schonet mein! Würde George bei Euch mich sehen, Nimmer könnt’ er mir verzeihen.

Ruthven: Soll ich, ach, noch länger klagen? Wird mir nie dein Auge sagen, Dass für mich dein Herzchen spricht?

Emmy - für sich: Ach, ich fühl’s, mit tausend Banden Hängt mein ganzes Herz an ihm. - Ach!

Ruthven - für sich: Lange hat sie widerstanden, Doch sie weicht dem Ungestüm.

Emmy - für sich: Ach, ich fühl’s, mit tausend Banden -

Ruthven: So komm doch -

Emmy - für sich: Hängt mein ganzes Herz an ihm!

Ruthven: O komm doch, komm, mein süßes Leben! Meiner Augen holdes Licht!

Emmy - für sich: Seinen Bitten widerstreben, Ich vermag es länger nicht.

Ruthven: Nun, so komm, noch wen’ge Schritte -

Emmy: Nein, ach, gnäd’ger Herr, ich bitte -

Ruthven: Süßes Mädchen, folge mir!

Emmy: Gnäd’ger Herr!

Ruthven: O folge mir!

Emmy: Ach, ich zittre!

Ruthven: Folge mir! Kannst du länger grausam sein?

Emmy: Grausam, gegen Euch? Ach, nein!

Ruthven: Folge mir!

Emmy: Wohl, es sei! - Ich folge dir!

Sie sinkt an seine Brust.

Beide: Leise, leis’ im Mondenschimmer, Still und heimlich ziehn wir fort Nach dem süß verschwiegnen Ort; Du bist mein, ich dein auf immer! Mond und Sterne mögen lauschen, Wie wir Seel’ um Seele tauschen, Und in Liebe uns berauschen.

Beide ab.

Auftritt James Gadshill, Richard Scrop, Robert Green, Toms Blunt.

Blunt: Kommt hierher, hier sind wir ungestört.

Scrop: Im Saal ist’s so heiß.

Green: Und solch ein Lärm, dass man nicht einmal in Ruhe trinken kann.

Gadshill: Hier ist’s angenehm kühl, und der klare Mondenschein -

Blunt: Ach, Bruder, die Welt ist so schön! Hast du auch eine Flasche bei dir?

Gadshill: Das versteht sich!

Scrop: Ich auch!

Green: Ich auch!

Blunt: Siehst du, ich habe auch eine bei mir - und zwei hab’ ich noch in der Tasche; denn Trinken, Bruder, siehst du, Trinken, das ist: Trinken! Es gibt viel Annehmlichkeiten in der Welt, aber doch nur drei Hauptvergnügungen.

Gadshill: Ah, ich weiß schon, du meinst: Wein, Weiber und Gesang.

Blunt: Du bist ein guter Christ, aber du hast’s nicht getroffen. Siehst du, Bruder, das erste ist: Trinken! und das Zweite ist: Trinken! und das dritte ist: Trinken! Alle lachen Hahaha! Nicht wahr, ich habe recht? Denn seht: Singen? Singen ist gut, ich singe auch, aber man kann doch nicht immer singen, man kriegt’s satt. Und Weiber? O ja! o ja! - Aber - na, davon wollen wir nicht reden, das weiß ich und meine Suse am besten. Aber Trinken? Seht ihr, Trinken, das ist: Trinken!

Alle: Ja, Bruder, du hast recht, Bruder! Sie trinken, stehen auf und treten vor.

 

Nr. 17 - TRINKLIED UND QUINTETT MIT CHOR

Alle: Im Herbst, da muss man trinken! Das ist die rechte Zeit; Da reift uns ja der Traube Blut Und dabei schmeckt der Wein so gut; Im Herbst, da muss man trinken! Im Winter muss man trinken! Im Winter ist es kalt; Da wärmet uns der Traube Blut Und dabei schmeckt der Wein so gut; Im Winter, ja, da muss man trinken! Im Sommer muss man trinken! Im Sommer ist es heiß; Da kühlet uns der Traube Blut Und dabei schmeckt der Wein so gut; Im Sommer muss man trinken, trinken! Im Frühling muss man trinken! Da ist’s nicht heiß, noch kalt! Da labt uns erst der Traube Blut, Da schmeckt der Wein erst doppelt gut; Im Frühling muss man trinken, trinken! - Juch! Das ist ‘ne Fröhlichkeit, Alles schwimmt in Seligkeit! Alles bricht in Jubel aus, So ist’s recht beim Hochzeitsschmaus!

Auftritt Frau Suse Blunt.

Frau Blunt - zu Blunt: Endlich, Alter, find’ ich dich!

Blunt: Suse, ja, der hier bin ich.

Frau Blunt: Lange, lang’ schon hab’ ich dich gesucht, Nirgends konnte ich dich finden. Hab’ gewettert, hab’ geflucht, Gott verzeih’ mir meine Sünden! Hier bei deinen Saufkumpanen Treffe ich dich endlich an! O du ehrvergessner Mann, Gleich gehst du mit mir von dannen!

Blunt: Liebes Weibchen, sieh nicht scheel, Ach, ich bin so kreuzfidel.

Green, Scrop, Gashill: Frau, was schilt sie uns denn aus, Heute ist ja Hochzeitsschmaus.

Frau Blunt: Schweigt! - Schweigt, eh’ mir die Galle schwillt! Wollt ihr noch zu mucksen wagen, Will ich jedem von euch sagen, Was er ist und was er gilt.

Blunt - heimlich: O weh!

Frau Blunt - zu Green: Robert Green! Ihr seid bekannt Überall im ganzen Land Als ein schlechter Ehemann, Der zu gern nur dann und wann Mag nach andern Weibern sehen, Und zum Spiel und Weine gehen. zu Blunt Du, Tom, bist ein alter Narr! Der nichts ist und der nichts war, Als ein liederlicher Säufer, Spieler, Schlemmer, Wirtshausläufer! zu Scrop Scrop, Scrop hier ist im gleichen Falle!  zu Gadshill Euch, James Gadshill, Euch gebricht es An Verstand, und kurz alle, zu allen Alle, alle, alle, alle taugt ihr nichts!

Blunt: Liebe Suse, keinen Streit, Sieh, ich bin voll Seligkeit! Liebe Suse, keinen Streit, Sieh, ich bin voll Seligkeit!

Frau BluntJa, ich sag’ euch, alle, alle, Alle, alle taugt ihr nichts!

Green, Scrop, Gashill: Still! Nein, bei Gott, das ist zu toll! zu Blunt Sagt ihr, dass sie schweigen soll.

Blunt: Suse, lass uns doch in Ruh! Trink’ einmal! Ich bring’ dir’s zu!

Frau Blunt: Wie? Was war das? Ich soll schweigen?

Green, Scrop, Gashill: Ja, wir wollen nichts mehr hören.

Frau BluntWer will mir den Mund verwehren!

Green, Scrop, Gashill: Ach, wir wollen nichts mehr hören!

Frau Blunt: Nein, nein, nein, nein! Jetzt will ich noch ärger schrein!

Blunt: Liebe Suse, lass uns doch in Ruh! Suse, lass uns doch in Ruh!

Frau Blunt: Nein, nein, nein.

Green, Scrop, Gashill: Still jetzt, still jetzt, still! Stille soll sie sein!

Frau Blunt: Ich will nicht schweigen! Wartet nur, ich will euch zeigen, Dass ich reden will und kann! Hat euch, was ich sprach, verdrossen? Nun, wohlan denn, euch zum Possen Fange ich von vorne an!

Blunt: Suse, lass uns doch in Ruh! Trink einmal!

Green, Scrop, Gashill: O schweiget still!

Frau Blunt - zu Green: Robert Green, Ihr seid bekannt Überall im ganzen Land Als ein schlechter Ehemann!

Green, Scrop, Gashill: Ist das Weib denn ganz von Sinnen!

Frau Blunt: Der zu gern nur dann und wann Mag nach andern Weibern sehen Und zum Spiel und Weine gehen.

Green, Scrop, Gashill - zu Blunt: Nachbar, sprecht, was nun beginnen?

Blunt: Macht’s wie ich, und bleibt in Ruh, Wird’s zu arg, so lacht dazu! ‘s ist ein liebes Weibchen doch, Stoßet an, sie lebe hoch!

Frau BluntUnd kurz, alle, alle taugt ihr nichts!

Green, Scrop, Gashill: Hahahahahahahahahahahaha!

Blunt, Green, Scrop, Gadshill: Stoßet an, sie lebe hoch!

Auftritt John Perth, George Dibdin, sämtliche Bauern. George Dibin, nach Emmy suchend, ab.

Blunt: Sie lebe hoch! sie lebe hoch!

Green, Scrop, Gashill: Hahaha, hahahahahahahaha!

Chor: Welcher Lärm! was ist geschehen? Saget, was bedeutet das?

Blunt: Sie lebe hoch!

Chor: Man kann ja kein Wort verstehen, Ist es Ernst denn oder Spaß?

Frau Blunt: Robert Green, ihr seid bekannt Überall im ganzen Land Als ein schlechter Ehemann, Der zu gern nur dann und wann Mag nach andern Weibern sehen Und zum Spiel und Weine gehen. Du, Tom, bist ein alter Narr, Der nichts ist und der nichts war, Als ein liederlicher Säufer, Spieler, Schlemmer, Wirtshausläufer. Scrop hier ist in gleichem Falle. Euch, James Gadshill, Euch gebricht’s am Verstande! Und kurz, alle, alle, alle, alle, alle taugt ihr nichts!

Blunt: Suse! Suse! - Lass uns doch in Ruh! Liebes Weibchen, sieh nicht scheel, Ach, ich bin so kreuzfidel! Trink einmal, ich bring’ dir’s zu! Sie lebe hoch! sie lebe hoch! sie lebe hoch!

Green, Scrop, Gashill: Hahahahahahahahahaha!

Chor: Dieses Schelten, dieses Lachen, Das verwirrt uns alle noch! Wollt ihr uns denn rasend machen? Frau, so schweig sie endlich still!

Einige Bauern mit Frau Blunt ab. Blunt ab.

Es fällt ein Schuss.

Perth: Horch - was war das?

Green: Es fiel ein Schuss!

Alle: Ja, ja, ein Schuss, ein Schuss!

Ein zweiter Schuss.

Perth: Und noch einmal! Was kann das sein?

Alle: Auf, eilet schnell nach jener Seite, Im nahen Wäldchen fiel der Schuss!

Perth: Doch sehet, dort nahet diesem Platze George Dibdin sich in voller Hast!

Auftritt George Dibdin.

George: Ach, Freunde, eilt, ach, eilet, rettet, Freunde!

Perth: Sprich, George, was ist geschehn? Was ist geschehn?

George: Ach, Eure Emmy, Vater, ist ermordet, Und ich, weh mir, erschoss den gnäd’gen Herrn!

Perth: Gerechter Gott! welch grässliches Verbrechen! Sprich, Unglückseliger, wie ging das zu?

George: Voll Eifersucht sucht’ ich den gnäd’gen Herrn, Der meine Emmy aus dem Saal entführte. Vergebens spähte ich den Garten durch, Und kam zur Pforte bei dem nahen Wäldchen. Da höre ich die Stimme meiner Braut, Sie schreit um Hilfe, teuflisches Gelächter Des gnäd’gen Herrn dringt gleich drauf mir ins Ohr, Ich eile hin, erblicke sie am Boden, Ich ziehe die Pistole wutentflammt, Ich ziele nach dem gnäd’gen Herrn, ich schieße! Er stürzt zu Boden, rafft sich wieder auf, Und eilt davon, ich hin zu Eurer Tochter! Weh mir! voll Blut und leblos liegt sie da!

Vier Bauern ab.

George: Besinnungslos, nur meiner Rache folgend, Stürz’ ich ihm nach, dem Grafen! Ein zweiter Schuss Ereilt ihn bei dem Erdfall nah am Garten, Er stürzt hinab! Erstarrt steh’ ich am Rande. Gekühlt war meine Rache; mit Entsetzen Erkenn’ ich meine schaudervolle Tat! Ach, grässlich war es anzusehen, wie Der Mond das blasse Antlitz hell beschien, Der hoch herab vom Himmel in die Kluft sah. Nicht Ruhe hab’ ich mehr auf dieser Erde. Eilt, seht, ob Eure Tochter noch zu retten, Mich treibt die Untat in die weite Welt!

George Dibdin ab. Auftritt vier Bauern mit Emmy als Leiche

Perth: Mein Kind, mein armes Kind!

 

Nr. 18 - CHOR

Chor: Freuden und Leiden im irdischen Leben Wechseln so rasch, wie die Stunden entschweben! Wir zogen so fröhlich und munter daher, Zu vereinen die Braut mit dem Gatten. Ach, und jetzt gehen wir bange und schwer, Ihre Leiche zur Gruft zu bestatten!

nach oben

VIERTES BILD

Festlich geschmückter Säulensaal im Schlosse des Lord von Davenaut Auftritt Edgar Aubry.

Aubry: Vergebens sinne ich hin und her, kein Mittel zeigt sich mir, die schreckliche Tat zu verhüten! Malwina muss ich sprechen, sie beschwören, Aufschub zu gewinnen, nur wenige Stunden, nur so lange, bis die Zeit verflossen, in welcher jener fürchterliche Eid meine Zunge fesselt. Ach, wird sie es können? Ich muss sie warnen, warnen, auch nicht der leisesten Hingebung zu jenem schrecklichen Wesen Raum zu geben, sei es aus Wohlwollen, sei es aus Mitleid. Einmal ihm verfallen, vermag nichts mehr, sie zu retten.

Auftritt Malwina hochzeitlich gekleidet.

Malwina: Edgar!

Aubry: Malwina! - Du hast geweint!

Malwina: Ach, umsonst habe ich meinen Vater mit Tränen gebeten, den Gedanken an jene verhasste Verbindung aufzugeben; vergebens ihn beschworen, mir nur Aufschub zu gewähren; fest beharrt er auf seinem Sinn, fühllos gegen meine Leiden. Die Gäste sind versammelt, die Kapelle geschmückt, nur die Rückkunft des Grafen wird erwartet, um mein Unglück durch Priestersegen zu heiligen. Vor der Kapelle steht der Wagen des Grafen, um sogleich nach der Trauung -

 

Nr. 19 - DUETT

Aubry: Halt ein, ich kann es nicht ertragen, Du bist verloren! Wehe dir! Und wehe mir, ich muss verzagen, Nur Wahnsinn bleibt, Verzweiflung mir! O dürft’ ich rasch mit eignen Händen Dies martervolle Dasein enden!

Malwina: O lass, Geliebter, dich beschwören, Ersticke nicht den frohen Mut! Noch lebt ein Gott, er kann uns hören, Will er, so endet alles gut! Lass uns mit kindlichem Vertrauen Auf seine Vaterhilfe bauen. für sich Ach, ich darf ihm ja nicht sagen, Dass auch ich nicht Trost noch Rettung finde, Muss allein den schweren Kummer tragen, Dass ihm nicht die letzte Hoffnung schwinde!

Aubry - für sich: Ach, ich muss ihr ja verschweigen, Welch Verderben ihr genüber steht; Darf ihr nicht den finstern Abgrund zeigen, Dem sie rettungslos entgegengeht! laut zu Malwina Es drängt die Zeit, Malwina, lass dich warnen, O zögre nur, bis der Tag erwacht; Arglistig ist und groß der Hölle Macht, Mit bösem Zauber weiß sie zu umgarnen.

Malwina: Was redest du? Was hätt’ ich zu befahren? Ich fürchte nur des Vaters streng’ Gebot! Vor allem, was mir sonst Verderben droht, Wird mich mein Herz, mein reiner Sinn bewahren! Wer Gottesfurcht im frommen Herzen trägt, Im treuen Busen reine Liebe hegt, Dem muss der Hölle dunkle Macht entweichen, Kein böser Zauber kann ihn je erreichen!

Aubry: Sei mir gegrüßt, du schönes Himmelslicht, Das prangend durch die Nacht des Zweifels bricht! Mit lautem Jubel, wie aus lichten Sphären, Jauchzt es mir zu mit tausend Engelchören!

Beide: Wer Gottesfurcht im frommen Herzen trägt, Im treuen Busen reine Liebe hegt, Dem muss der Hölle dunkle Macht entweichen, Kein böser Zauber kann ihn je erreichen!

Auftritt Hochzeitszug: acht Jäger mit Fahnen, vier Diener, acht Blumenmädchen, sechs Paar Edelherren und Damen, zwei Brautjungfern, Sir Humphrey Lord von Davenaut, zwölf Girlandenmädchen, Bauern und Bäuerinnen von Davenaut.

 

Nr. 20 - FINALE

Chor der Gäste: Blumen und Blüten im Zephyrgekose, Lieblich entfaltet dem schmeichelnden West, Blume des Hochlands, du Davenaut-Rose, Winden wir dir zu dem heutigen Fest.

Davenaut: Ihr Freunde, kommt, beginnt die Hochzeitsfeier Mit frohem Sinn und heitrer Fröhlichkeit; Mein einzig Kind, dem Vaterherzen teuer, Vermähle ich dem edlen Gatten heut’!

Malwina - für sich: Dein Wille, Herr im Himmel, mag geschehen, In gläub’ger Demut unterwerf’ ich mich; O lass ein Zeichen deiner Huld mich sehen, Ich bin ja dein Geschöpf, erbarme dich!

Aubry - für sich: Schon senkte sich ein Engel tröstend nieder Mit schöner Hoffnung ros’gem Dämmerschein; Doch rasch durchbebt mich kaltes Grausen wieder, Hohnlachend stürmt die Hölle auf mich ein! O Herr, erbarme dich!

Davenaut: Ihr Freunde, kommt, beginnt die Hochzeitsfeier!

Chor: Ja, Freunde, auf, beginnt die Hochzeitsfeier Mit frohem Sinn und heitrer Fröhlichkeit; Das einz’ge Kind, dem Vaterherzen teuer, Vermählet er dem edlen Gatten heut’! Singet laut und jubelt froh!

Auftritt der Haushofmeister,  zwei Diener, Lord Ruthven.

Haushofmeister: Der Graf von Marsden!

Malwina - für sich: Allgerechter!

Aubry - beiseite: Weh, Entsetzen!

Chor: Ha, willkommen!

Davenaut: Ha, willkommen!

Ruthven - zu Davenaut: Sir, entschuld’gen kann ich nicht, Dass ich säumt’ in meiner Pflicht, Hab’ ich doch mein Glück verschoben; Meinen Fehler wollt’ ich loben, Preisen noch mein Missgeschick, zu Malwina Zürnte auch Myladys Blick Auf den läss’gen Bräutigam, Der so spät zur Hochzeit kam.

Davenaut: Spart die Worte, lieber Sohn, Alles ist bereitet schon! Auf denn, fort, hin zur Kapelle, Dort will ich an heil’ger Stelle Bei des Priesters frommem Segen Ihre Hand in Eure legen.

Malwina: Ach, mein Vater, habt Erbarmen!

Davenaut: Auf, Freunde, auf! Mit heiterm Sang begleitet unsern Hochzeitsgang!

Aubry - für sich: Starr und leblos steh’ ich da! - O Gott, wie wird das enden!

Malwina - für sich: Wehe mir! ach, weh’ mir Armen! - laut Mein Vater!

Ruthven - für sich: Ha! Triumph! Das Ziel ist nah! Sie ist in meinen Händen! Triumph! Das Ziel ist nah!

Chor: Möchte die Zukunft die heitersten Lose, Rosen gleich, dir auf den Lebenspfad streun; Blume des Hochlands, du Davenaut-Rose, Wie wir heut’ Blumen -

Aubry - tritt heftig zwischen Malwina und Ruthven: Haltet ein! - Nein, nimmermehr soll sie dein Opfer sein!

Chor: Ha! was ist das? Welch seltsames Beginnen!

Davenaut: Törichter Knabe! Weiche schnell von hinnen! Unsinniger, hinweg mit dir! zurück! Zu weit treibt dich strafbare Leidenschaft.

Aubry: Ha, nimmermehr! Es drängt der Augenblick! Ich fühle Mut in mir und Kraft, Ich will und muss die Heißgeliebte retten!

Davenaut: Ha, werft den Rasenden in Ketten!

Aubry: Fest will ich sie umklammern und umfassen Und nur mit meinem Leben lassen!

Davenaut: Hinweg mit ihm! Trennt sie, er ist von Sinnen!

Aubry: Ha, nimmermehr! Ach, habt Erbarmen! Betrogner Vater, ach, Ihr wisst nicht, was Ihr thut! Verloren Euer Kind, noch eh’ der Morgen graut, Bestimmt Ihr sie zu dieses Scheusals Braut.

Davenaut: Wie, Rasender! Du wagst den Mann zu schmähen, Den sich dein Lord zum Eidam ausersehen? Ha, fürchte meines Zornes Wut!

Ruthven - für sich: Die Zeit vergeht! Es wird zu spät! - Grausen bebt durch meine Glieder!

Malwina - für sich: Mut und Vertrauen verlassen mich, Vater im Himmel, erbarme dich!

Chor - unter sich: Wie die Sache auch sich wende, Weh, das nimmt kein gutes Ende, Was ich höre, was ich sehe, Deutet mir des Unglücks Nähe!

Aubry: Ha, trauet dem Verruchten nicht! Seht das verworfne Angesicht! Sein Auge flammet Höllenglut! Er lechzet schon nach ihrem Blut! Ihr seht sie niemals, niemals wieder!

Ruthven: Der hoffnungslosen Liebe Glut, Sie tobt in ihm mit wilder Wut! Ha, fesselt seinen Ungestüm, Ihr hört, der Wahnsinn spricht aus ihm!

Davenaut: Ja, fesselt seinen Ungestüm! Man hört, der Wahnsinn spricht aus ihm! Hinweg mit ihm, er ist von Sinnen!

Ruthven: Ja, hinweg mit ihm, er ist von Sinnen!

Aubry: Malwina, höre mich! In Todesangst beschwör’ ich dich! Verderben droht dir diese Nacht! O zögre nur, bis der Tag erwacht, O zögre nur -

Zwei Diener und Edgar Aubry ab.

Davenaut: Hinweg!

Aubry - von außerhalb: Malwina! - Malwina! -

Chor: Hinweg! Wie die Sache auch sich wende, Weh! das nimmt kein gutes Ende! Was ich höre, was ich sehe, Deutet mir des Unglücks Nähe!

Ruthven - zu Davenaut: Die Zeit vergeht, es wird zu spät, Lasst uns rasch zum Werke schreiten.

Davenaut: Ihr Freunde, auf, mit heiterm Sang Begleitet unsern Hochzeitsgang.

Malwina: Vater! ach, Vater! lass mit Zähren dich beschwören! Vater! ach, Vater! Hab’ Erbarmen mit mir Armen! Meine Kräfte fühl’ ich schwinden, O lass die Tochter Mitleid finden! O gönn’ mir Zeit, der Tag ist nicht mehr weit! Ach, lass uns bis morgen weilen!

Chor: O gönnt ihr Zeit, der Tag ist nicht mehr weit! Warum so hastig eilen?

Ruthven: Mich drängt die Zeit!

Davenaut: Sprecht, kann es sein!

Ruthven: Ihr wisst, was Pflicht gebeut!

Davenaut: Ich will’ge gerne ein!

Ruthven: Ich darf nicht länger weilen!

Davenaut: Sir, lasst uns bis morgen weilen.

Ruthven: Nein! nimmermehr! Es kann und darf nicht sein. Ihr gabt mir Euer Wort, Wollt Ihr es ehrlos brechen?

Davenaut: Ha! Wer wagt es, so mit mir zu sprechen? Auf! auf denn, zur Trauung fort!

Malwina: Nein, nimmermehr!

Davenaut: Auf, zur Trauung fort!

Malwina: Ich will’ge niemals ein!

Davenaut: Auf, Freunde, fort!

Malwina: Ha, nicht Liebe, nur Entsetzen Fühle ich für diesen Mann.

Davenaut: Ha! wagst du’s, dich zu widersetzen? Ha! Verräterin! Wohlan! So treffe dich - des Vaters Fluch!

Malwina und Chor: Weh!

Chor: Was ist geschehn!

Davenaut: Auf! beginnt den Hochzeitszug!

Chor: Wie nach verderblichem Wettergetose Lächelt die Freude mit heiterem Blick, Blume des Hochlands, du Davenaut-Rose, Wende sich jede Gefahr dir zum Glück!

Aubry - von außerhalb: Vergebens hemmt ihr meines Wahnsinns Stärke, Ich muss hinein! Zertrümmern will ich dieses Dämons Werke.

Ruthven, Davenaut, Chor: Man muss den Eingang ihm verwehren!

Auftritt Edgar Aubry gehalten von zwei Dienern.

Aubry: Haltet ein!

Donnerschlag.

Ruthven - für sich: Ich bin verloren! Wehe mir!

Aubry - auf Ruthven weisend: Wisst, dieses Scheusal der Natur -

Gewitter dauert fort.

Ruthven: Aubry! Gedenk’ an deinen Schwur - Verderben drohet dir!

Chor: Weh’!

Aubry: Nicht zag’ ich vor des Ew’gen Grimme - Laut ruf’ ich es mit Donnerstimme:

Ruthven - zu Aubry: Verderben drohet dir!

Chor: Weh’, was werd’ ich hören?

Donner.

Aubry: Dieses Scheusal hier -

Donner.

Ruthven - für sich: Zermalmung bebt durch meine Glieder! Gottes Donner wirft mich nieder! Wehe mir!

Aubry: Dieses Scheusal hier, Ist ein Vampyr!

Es schlägt Eins.

Alle: Weh’!

Auftritt der Vampyrmeister. Vampyrmeister packt Lord Ruthven unter Hohngelächter und versinkt mit ihm. Das Gewitter endet.

Chor - scheu und tonlos: Ha! Was war das? Was ist geschehen hier?

Davenaut: Gott, mein Kind, welch Unglück drohte dir!

Aubry, Malwina, Chor: Wer Gottesfurcht im frommen Herzen trägt, Im treuen Busen reine Liebe hegt, Dem muss der Hölle dunkle Macht entweichen, Kein böser Zauber kann ihn je erreichen!

Davenaut: Verloren hab’ ich meine Vaterrechte! Geliebte Tochter, kannst du mir verzeihen? Auf dass ich sie zurückgewinnen möchte, Will ich mit heißem Vatersegen Jetzt diese Hand in deine legen! zu Aubry Du sollst mein Sohn und meines Namens Erbe sein!

Malwina - beglückt: Tief im innersten Gemüte Fühl’ ich dankbar deine Güte, Vater, Worte hab ich nicht.

Aubry - ebenso: Darf ich’s glauben, darf ich’s hoffen? Ach, den Himmel seh’ ich offen! Diese Wonne trag’ ich nicht.

Auftritt Priester, zwei Chorknaben.

Chor: Prangend aus des Verderbens Schoss Erblühte euch das schönste Los; So steiget aus der finstern Nacht Der Tag empor mit Strahlenpracht; Dem Ewigen sei Preis und Dank! Ihm schalle unser Lobgesang!

Aubry, Malwina, Davenaut: Dem Ewigen sei Preis und Dank! Ihm schalle unser Lobgesang!

Alle wenden sich zur Trauung.

nach oben

 

bibliothèque des vampires