EIN VAMPIR

Giuseppe Sabalich

1899

 

Ersterscheinung in: "Österreichisch-Ungarische Revue" XXV, 1899

Nicolaus Equiamicus: Sabalich kannte den Glauben an Vampire aus seiner Heimat sehr gut. In seiner Kurzgeschichte "Ein Vampir" von 1899 beschreibt er allerdings einen grausamen, sehr lebendigen Vampir in Form einer mitleidlosen, habgierigen Mutter, die ihrer armen Tochter die Lebenskraft aussaugt, indem sie deren Glück, in Form einer eigenen Familie über Jahre im Weg steht. (2013)

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Volltext

Eines Morgens, als ich mich mit meinem Verwalter zur Weinlese begab, kam ich dicht an einer elenden Hütte vorüber. Aus der halbgeschlossenen Tür hörte man einen Trauergesang herausdringen, welchen eine alte Frau mit der gewöhnlichen einförmigen Melodie der Trauerlieder des dalmatischen Volkes vor sich hinsang. Ich winkte mit den Augen dem Verwalter zu, welcher mich verstand und zu mir sagte:
"Herr! Hier drinnen ist der Tod!"
"Weißt du näheres davon? Gewiss ein Racheakt?"
"Diesmal nein - es ist Besseres."
"Was denn?"
"Es war der Vampir."
Ich entschloss mich einzutreten. Im Inneren dieser Hütte - wahrhaftig eine zerfallene Hundehütte - saß auf einem Stein die Mutter: eine hagere, schmutzige alte Hexe, welche sich die wenigen gelblich-silbernen Haarbüschel, die ihr noch im Genick haften geblieben waren, ausraufte, ein Scheusal an Schmutz und Unreinlichkeit. Neben ihr, auf den nackten Erdboden hingestreckt, lag die Tote. Es war ein Mädchen von ungefähr 18 Jahren. Sein Gesicht war ganz entstellt, gewiss infolge eines schrecklichen Todeskampfes. Es hatte die Festtagskleider an. Es trug an den Füßen Strümpfe von buntfarbiger Wolle und die gelben Babuschen der Mädchen. Es hatte einen Unterrock von tief himmelblauer Farbe Farbe an, am Saum mit scharlachroter Seide ausgenäht. Es trug ein grobleinenes Hemd von hänferner Farbe mit weiten Ärmeln wie die Pusztazigeuner. Auf seiner dürren Brust leuchteten Medaillen und Reifen aus Gold. Um seinen Hals schlang sich eine Perlenschnur in dreifacher Windung, und seine aufgelösten, tiefschwarzen Haarsträhnen, waren am äußerten Ende mit zwei grünen Bändern geknüpft, von welchen silberne Münzen herunterhingen. Auf den Kopf hatte man ihm - eine fromme Lüge - die kleine scharlachrote Mütze der Jungfrauen gesetzt, ganz mit Silbertalern geschmückt.
Wenn die Tote Mitgefühl erregte, die Mutter rührte sicherlich zum Erbarmen. Ich warf meine Blicke ringsumher, aber nichts war sonst zu sehen. Die Einfachheit dieser Totenwache flößte mir Grauen ein. Da gab es keinen Tanz, kein Totenmahl, keine Klageweiber ... Ich warf der Alten ein paar Münzen für Kerzen zu und eilte hinaus; es war drinnen ein solcher Talggestank und Leichengeruch, dass ein Pestkranker von Mansurah hätte daran sterben müssen.
Als ich ins Freie getreten war, zündete ich mir zur Reinigung meiner Lunge eine Zigarre an und nahm an der Seite meines Verwalters, welcher mir die Geschichte erzählen wollte, unseren Weg wieder auf.

Die alte Jerolima besaß nur diese eine Tochter, Jelina; Jerolima war Witwe und Wucherin. Das nicht unhübsche Mädchen war 15 Jahre alt geworden, ohne sich zu verheiraten, etwas seltenes bei unseren Bauernmädchen, welche schon mit 12 Jahren Hochzeit feiern.
Es ist wahr, es hatte sich mancher gefunden, der sie zur Frau begehrte, aber die geizige Alte gab sie niemand, weil sie einer Stütze im Haus bedurfte. Und nach und nach kam es so weit, dass ein ganzes Jahr hindurch niemand mehr vorsprach, und Jelina musste sich darein ergeben, in dieser elenden Hütte zu verkümmern. Eines Tages endlich stellte sich Jovo vor, ein kräftiger Mann, welcher aus dem Feldzug in Bosnien zurückgekehrt war. Aber auch dem Jovo wollte die Alte ihre Tochter nicht geben, und da Jovo etwas beschränkt war - obwohl er bei dem Mädchen so gut angekommen war, dass er es wie eine Katze verliebt machte - musste er den bitteren Brocken hinunterschlucken und von der alten Megäre eine Litanei hinnehmen, welche ihm die Lust vergehen ließ, noch weiter um Jelina herumzustreichen.
Das gutmütige Mädchen ließ die Mutter machen, was sie wollte, und so wurde es 16 Jahre alt und war immer noch nicht verheiratet. Sie plagte sich vom frühen Morgen bis zum Abend, arbeitete auf dem Feld, spann Wolle, und die Alte, welche nur von Gewinn träumte, gab noch ein Stück darauf und ließ sie in der Nacht das Korn mahlen, und sie wollte es nicht glauben, dass eine Tochter ihr so viel geholfen hatte.
Dieses Fleckchen Erde trug jetzt immer mehr Früchte, und Jelinas Hände wussten es, welche, früher gelb, nun ziegelrot und schwielig wie die der Alten geworden waren. Aber das gesunde, starke Mädchen fühlte die Last der Arbeit nicht im geringsten. Wenn sie zu mahlen aufhörte, um Atem zu schöpfen, schrie ihr die Alte mitten aus dem Halbschlaf zu: "Jelina arbeite! Es wird deine Mitgift sein!"
Und das Mädchen, welches heiraten wollte, verdoppelte dann seine Kraft; es dachte, das Gelb des türkischen Weizens könne sich in die schöne Farbe der Münzen verwandeln - und arbeitete. Die Sache ging noch eine Weile so fort - dann klopfte an ihre Tür Vuk, der kleine Waldheger. Dieses mal war die Alte ganz stolz; der Heger galt für reich.
"Was bringst du mir, Vuk, für die Verheiratung mit meiner Tochter?"
"Einen Maiskuchen, in Asche gebacken."
"Das ist wenig! Und dann?"
"Meine Flinte, die Pulvertasche, die ..."
"Das ist auch noch wenig, Vuk! Und dann?"
"Die Gunst des Gemeindevorstandes! Scheint dir das zu wenig?"
"Geh nur mit Gott, dich kann ich nicht zum Schwiegersohn nehmen!"
Er wandte ihr den Rücken. Darauf hatte sie zu Jelina gesagt: "Siehst du, dass dich ohne Mitgift kein rechtschaffener Bursche nehmen will?"
Und dann machte sich die Arme daran, die Erde mit noch mehr Eifer zu bearbeiten. Der Schweiß fiel ihr in Perlen auf die Scholle, aber aus dieser Scholle sollten andere Perlen hervorsprießen, welche sie am Tage ihrer Hochzeit um ihren taubenweißen Hals legen würde.
Doch die Monate vergingen, und die Dinge standen an demselben Punkt. Sie magerte sichtlich ab. Die Alte prügelte sie mit der schönen Begründung, dass, wie sie sagte, ein gleich faules Mädchen in ganz Dalmatien noch nicht zu sehen gewesen war! Jelina litt! Am Abend, wenn sie vom Feld heimkehrte, sang sie nicht mehr ihre Liebeslieder; und wenn sie den Viehhirten begegnete, welche mit den Kühen von der Tränke kamen, da blieb sie nicht mehr stehen, um mit ihnen zu plaudern; es drückte der Spitzhaken ihre Schultern, welche so mager geworden waren, wie sie es nicht einmal vor zehn Jahren gewesen.
Dann kam noch der dritte Bewerber; es schien wirklich ein Märchen. Dieses mal war es der Sohn Capovillas. Der ja - das war ein anständiger Bursche! Die Alte war ganz außer sich.
Wenn er sie zur Arbeit begleitete, erzählte er ihr so schöne Dinge, dass sie mit offenem Mund stehen blieb; wenn er dann von der Stadt zurückkam, brachte er ihr immer Geschenke, und wenn sie sonntags aus der Kirche heraustrat, da machte er sich immer an ihre Seite und tat ihr nach Art verfeinerter Bauern schön, und es zerplatzten darüber vor Wut die Tochter des Bauaufsehers, die Schwester des Pfarrers und die Frau des Gendarmeriewachtmeisters, welche alle drei für einen einzigen Blick Ljubos ihre Seligkeit verkauft hätten.
Auch die alte Jerolima schien damit einverstanden, sie glücklich zu machen; sie erwies Ljubo alle Ehre und Schmeichelei, denn er war reich - kurz, man war bereits daran, die herbeigesehnte Zeit der hochzeitlichen Entführung zu bestimmen, denn Jelina und Ljubo starben schon vor Sehnsucht.
Da kam das erste Unglück. Der alte Capovilla verschied plötzlich und hinterließ nicht unbedeutende Schulden; der Sohn musste sie bezahlen. Nachdem die Rechnungen aufs beste ausgeglichen waren, kehrte Ljubo zu seiner Beschäftigung zurück und fragte die Alte, was sie von der Verheiratung denke. Diese erwiderte: "Ich gebe sie dir, wenn du zur Mitgift ein kleines Landstück mitbringst."
"Du sollst das kleine Landstück haben," antwortete ihr darauf Ljubo. Wenige Tage darauf fragte Ljubo die Alte abermals: "Wann gibst du mir die Tochter? Ich habe mir das Landstück gekauft."
"Ich will noch warten, bis deine Kuh kalbt, und dann werden wir sehen."
Und Ljubo kaufte auf dem Markt Kälber und führte sie der Alten vor, welche diesmal zu ihm sagte: "Kauf dir auch ein Häuschen!" und ihn verabschiedete.
Eines Tages verbreitete sich im Dorf das Gerücht, dass Ljubo bei der Rekrutierung behalten worden war - Jelina glaubte sterben zu müssen. Aber es kam wirklich so. Ljubo ging zu seinem Regiment, und das arme Mädchen blieb verlassen zurück.
Das Unglück kommt niemals allein, und zu Jelina kam das Unglück gerade zu einer bösen Zeit. Wenige Monate nach der Abreise Ljubos war das arme Mädchen nicht mehr zu erkennen; es sang nicht mehr, es sprach kaum ein Wort, es arbeitete nicht, und es war gelber als Stroh. Die Alte, welche sich darüber erboste, schlug es bis aufs Blut. Im neunten Monat nach seiner Abreise brachte Jelina ein totes Kind zur Welt - schließlich, um es kurz zu machen, gestern starb auch sie vor Herzleid und Not.
Die alte Jerolima sagte allen, dass Ljubo ein Vampir mit eisernen Zähnen war, der ihre Tochter behext hatte, um so mehr als das arme gestorbene Geschöpf nur Haut und Knochen war. Zum Unglück ist dieses Jahr ein Jahr der Not, und die Alte rauft sich die Haare und schreit, der Vampir habe ihr das Korn aus den Säcken verzehrt.

"Hat dir die Alte diese Geschichte erzählt?"
"Was! Aus dem zahnlosen Mund dieser Hexe," erwiderte er mir, "ist keine einzige Silbe herauszubringen! Ich habe sie gestern auf dem Hof bei dem Freudenfeuer über die Mostabzapfung von dem Bruder Ljubos gehört, welcher, um es hier zu sagen, mir zwischen dem einen und anderen Mostgezeche anvertraute, dass das ganze Korn, welches der Alten fehlt, Ljubo in Gemeinschaft mit dem Mädchen ihr gestohlen hat. - Und da redet man von Vampiren!"
Den Tag über befand ich mich bei der Weinlese; abends kehrte ich heim. Die Wolken im Westen waren blutrot gefärbt; am Horizont dehnten sich zwischen einem feinem Duft von Violett und Purpur Streifen von Smaragdgrün aus, so hell und durchsichtig, während die schon hinuntergesunkene Sonne auf die bunten Wolken, welche Schuppen eines gigantischen Schildes glichen, Tausende von goldenen Funken warf. Das Meer in der Ferne war ein ganzes Gedicht von schimmerndem Perlmutt.
Als ich bei der Hütte anlangte, worin die Tote lag, hörte ich noch das Klagelied der Alten; aber statt des De profundis kam es wie das Röcheln eines Sterbenden aus dem zahnlosen Mund der Megäre - eine grausame Ironie, ein Stück der Dichtung, welche das Hochzeitsfest des Massimo Cernovich erzählt!

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Autoren

Giuseppe Sabalich, geb. 13. Dez. 1856, gest. 14. Sept. 1928. Er stammte aus Zadar und publizierte hauptsächlich über dalmatische Geschichte.

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weiterführende Links

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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