DER TOTENTANZ

Johann Wolfgang von Goethe

1813

 

bibliothèque: Totentänze stellen mittlerweile eine ganz eigene künstlerische Gattung dar - besonders in der bildenden Kunst. In der Lyrik jedoch haben es die Totentänze nie ganz geschafft, aus dem Schatten des Vampirthemas, dem sie zunächst zugeordnet werden mussten, herauszubrechen. (2013)

Nicolaus Equiamicus: Goethe bezieht bei diesem Gedicht in freier Weise auf eine Geschichte, die Augustin Calmet in seiner „Gelehrten Verhandlung...“ 2. Teil. Augsburg 1751. S. 199 f. wiedergibt. Sie soll sich um 1739 in Liebava/Bistum Olmütz, zugetragen haben. Calmet hält die Geschichte allerdings für erfunden:
»Vor kurzer Zeit hat mir ein frommer Priester erzählt: Als er in Mähren gewesen sei, habe ihn Herr Johanninus, ein Kanoniker von Olmütz, als ernannter Bevollmächtigter des Bistums zur Untersuchung eines verrufenen Vampirs, welcher einige Jahre zuvor im Dorf Liebava fürchterlichen Schaden verursacht hatte, zu diesem Dorf mit sich geführt. Man beobachtete dabei alle gerichtliche Ordnung; man verhörte Zeugen, und diese sagten aus, dass ein gewisser angesehener Mann dieses Dorfes sehr oft in der Nacht vom Gottesacker zu verschiedenen Häusern gekommen sei, und die Leute sehr beunruhigt habe. Seit ungefähr drei Jahren sei er aber nicht mehr erschienen. Als nämlich ein Ungar dahin gekommen und das Geschrei davon vernommen; habe er versprochen, den Vampir zu vertreiben, sich daraufhin auf den Glockenturm begeben und die Zeit genau beobachtet, wann jener aus seinem Grab steige, dort sein Leichentuch liegen lasse, und zur Beunruhigung der Leute in das Dorf gehe. Als er ihn nun aus dem Grab steigen sah, sei er schnell vom Glockenturm zum Grab gelaufen, habe das Leichentuch genommen, und sei damit wieder zum Glockenturm gelaufen. Als später der Vampir wieder zurückgekommen und sein Leichentuch nicht mehr gefunden, und daher heftig wider den Ungar geschrien habe; habe dieser ihm ein Zeichen gegeben, er solle zu ihm auf den Glockenturm kommen und das Leichentuch holen. Der Vampir habe sich auch angeschickt, dort hinaufzusteigen, der Ungar hat aber diesen dann über die Leiter hinabgestürzt und ihm den Kopf abgeschlagen - und dieses sei das Ende des Spiels gewesen.
Nun hatte weder der Priester, der mir solches erzählt hat, noch auch der genannte Kanoniker etwas davon gesehen, sondern allein nur dumme, einfältige, leichtgläubige und von der Furcht vor den Vampiren sehr eingenommene Leute als Zeugen angehört. Ich halte daher diese Geschichte für ein bloßes Märchen.«
(2013)

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Volltext

Der Türmer, der schaut zu mitten der Nacht
hinab auf die Gräber in Lage;
Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht:
der Kirchhof, er liegt wie am Tage.
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann,
in weißen und schleppenden Hemden.

Das reckt nun, es will sich ergötzen zugleich,
die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
so arm und so jung und so alt und so reich;
doch hindern die Schleppen am Tanze.
Und weil nun die Scham hier nun nicht weiter gebeut,
sie schütteln sich alle: da liegen zerstreut
die Hemdlein über den Hügeln.

Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
Gebärden da gibt es, vertrackte;
dann klippert's und klappert's mitunter hinein
als schlüg' man die Hölzlein zum Takte.
Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr:
"Geh! hole dir einen der Laken."

Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
nun hinter geheiligte Türen.
Der Mond, und noch immer er scheinet so hell
zum Tanz, den sie schauderlich führen.
Doch endlich verlieret sich dieser und der,
schleicht eins nach dem andern gekleidet einher,
und husch! ist es unter dem Rasen.

Nur einer, der trippelt und stolpert zuletzt
und tappet und grapst an den Grüften;
doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt,
er wittert das Tuch in den Lüften.
Er rüttelt die Turmuhr, sie schlägt ihn zurück,
geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück:
sie blinkt von metallenen Kreuzen.

Das Hemd muss er haben, da rastet er nicht,
da gilt auch kein langes Besinnen,
den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht
und klettert von Zinnen zu Zinnen.
Nun ist's um den armen, den Türmer getan!
es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,
langbeinigen Spinnen vergleichbar.

Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
gern gäb' er ihn wieder, den Laken.
Da häkelt - jetzt hat er am längsten gelebt -
den Zipfel ein eiserner Zacken.
Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins,
die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins,
und unten zerschellt das Gerippe.

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Autor

Johann Wolfgang von Goethe - 1749 - 1832. Der deutsche Ausnahmedichter ist weltweit ein Begriff und konnte sich auch dem Unheimlichen nicht verschließen.

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Titelgalerie

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weiterführende Links

erschienen u.a. in: „Goethe’s Werke“ 1. Band. - 1815 - Stuttgart und Tübingen
Totentanz und Mitternachtsgraus - Christian Liedtke (Hrsg.) - 2009 - Hoffmann und Campe, Hamburg - ISBN: 978-3-455-40209-4

mehr von J.W. v. Goethe: Die Braut von Korinth 1797.

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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