Die TOTEN SIND UNERSÄTTLICH

Leopold Ritter von Sacher-Masoch

1875

Bei uns lernt man sich so leicht kennen, bei den Bauern haben die Türen keine Schlösser und die Hütten noch häufiger keine Türen und die Tore der Gutsbesitzer stehen auch noch einem jeden offen. Wenn ein Gast zu Abend kommt, gibt es keine betrübten oder ängstlichen Gesichter wie im gemütlichen Deutschland, und es fällt den Familienmitgliedern nicht ein, einzeln in die Küche zu schleichen und dort heimlich ihr Nachtmahl zu verzehren, und zu den Feiertagen, wenn Verwandte und Freunde sich von weit her zusammenfinden, da werden Rinder, Kälber und Schweine, Gänse und Enten geschlachtet, und der Wein fließt in Strömen wie in homerischen Zeiten.

Ich kam also zu der Familie Bardoßoski, wie eben ein Edelmann in das Haus des andern kommt, ohne viel Umstände, und kam bald jeden Abend hin. Ihr Herrenhaus lag auf einem kleinen Hügel, und unmittelbar hinter demselben stiegen die grünen Vorberge der Karpaten empor. Die Familie hatte sehr viel Angenehmes an sich, das Beste war aber, dass die beiden Töchter des Hauses bereits ihre Verehrer besaßen, ja die jüngere sogar in aller Form verlobt war, man sich also ungezwungen unterhalten und sogar, was Polinnen gegenüber unerlässlich ist, ein wenig den Hof machen konnte, ohne gleich für einen Bewerber angesehen zu werden.

Herr Bardoßoski war ein echter Landedelmann, schlicht fromm und gastlich, stets heiter, aber nicht ohne jene stille Würde, die kein äußeres Mittel braucht, um sich zur Geltung zu bringen. Seine Frau, eine kleine, üppige, noch immer hübsche Brünette, beherrschte ihn ebenso vollkommen, wie die Königin Maria Kasimira den großen Sobieski beherrscht hat, aber es gab Dinge, in denen der alte Herr nicht zu scherzen beliebte, dann genügte ein Drehen seines langen Schnurrbarts oder ein hastig hervorgestoßenes blaues Wölkchen aus seiner Pfeife, das rasch zu einer respektablen Wolke anwuchs und ihn gleich dem Göttervater Zeus einhüllte, und niemand wagte mehr zu widersprechen. Ich habe ihn nie ohne diese lange türkische Pfeife mit dem Kopfe aus rotem Ton und dem Bernsteinspitzchen gesehen, die dem Fremden bei uns zu sagen scheint: Du bist nicht mehr in Europa, mein Freund, hier ist jenes Morgenland, aus dem deine ganze Weisheit kommt, aus dessen unversiegbaren Quellen alle deine Denker und Poeten geschöpft haben. Bardoßoski hatte 1837 unter Chlopicki gefochten und war im Jahre 1848 unter Bem bei Schäßburg verwundet worden. Im Jahre 1863 hatte er seinen einzigen Sohn zu den Insurgenten geschickt und durch den mörderischen Stoß einer Kosakenlanze verloren; von diesem Sohne war nie die Rede, aber sein Bild, von einem welken Kranz und einem verstaubten Trauerflor umgeben, hing über dem Bette des Alten zwischen zwei gekreuzten krummen Säbeln.

Von den beiden Fräuleins war die ältere, Kordula, das, was man interessant nennt, hoch und gut gewachsen, mit prachtvollem dunklem Haar, schönen Zähnen, grauen Augen, aus denen eine durchdringende Klugheit sprach, und einem Gesichte, in dem sowohl um die kleine Stumpfnase als die aufgeworfenen Lippen eine unbeugsame Festigkeit lag; die jüngere, Aniela, dagegen eine jener unendlich weißen, rosenwangigen blonden Schönheiten, welche immer sehr ermüdet scheinen, deren blaue Augen auch im Wachen träumen und deren tiefes Atemholen wie ein Seufzer klingt. Diese war es, welche bereits den Verlobungsring am Finger trug.

Ich lernte auch die beiden jungen Männer kennen, welche die Herzen dieser so verschiedenen Schwestern erobert  hatten. Der Verehrer der älteren war ein Herr Husezki, der in dem nahen Städtchen das Amt eines Adjunkten am Gericht bekleidete. Er zeigte jenen Ernst und wissenschaftlichen Eifer, welcher die jüngere Generation bei uns auszeichnet, war französisch gekleidet, trug Brillen und zupfte stets an seinen schneeweißen Manschetten.

Der Bräutigam der schönen Aniela war ein Gutsherr aus der Nachbarschaft und nannte sich Manwed Weroski, ein hübscher junger Mann mit blitzenden Zähnen unter einem kleinen, schwarzen Schnurrbart, kurzem, gelocktem, dunklem Haar, schmachtenden Augen, jederzeit in weißen Pantalons, welche in hohen Stiefeln staken, und einen Schnürrock, alles von schwarzer Farbe. Er rauchte Zigarren, liebte es, das Gespräch auf Literatur zu bringen und war imstande, hundert Verse aus dem „Pan Tadeusz“ oder „Konrad Wallenrod“ des Mickiewicz auswendig herzusagen. Sein Lieblingsstück war die Geschichte von Domeyko und Doweyko, und er verstand es, den Zweikampf derselben über der Bärenhaut so dramatisch vorzutragen, dass er sogar dem alten Herrn jedes Mal ein Lächeln abnötigte, das sich rührend kindlich in seinen weißen Schnurrbart stahl.

Noch war ein dritter junger Herr da, der die Gewohnheit hatte, immer zu spät zu kommen, und diese üble Gewohnheit war sein Fatum, denn er war auch bei Pana Aniela zu spät gekommen und begnügte sich jetzt damit, sie unausgesetzt anzusehen und, sooft sie nur eine Bewegung machte, aufzuspringen und alle nur möglichen Gegenstände herbeizuschleppen, und so kam es, obwohl er sich einbildete, ihre Wünsche zu erraten, dass er einen Fußschemel brachte, wenn sie eine Schere verlangte, und den beim Fell emporgehobenen kleinen Wachtelhund eine Luftfahrt machen ließ, wenn ihr feuchter Blick ihrem Taschentuch galt. Er hieß Maurizi Konopka, hatte ein Nachbargut gepachtet, auf dem er mit Maschinen arbeitete und überhaupt in allem genau nach dem Buche vorging zum Erstaunen der Bauern, und erschien nie anders als im Frack, weißer Weste, Glacéhandschuhen, durchbrochenen Strümpfen und Ballschuhen. Da er stets erst ankam, wenn der ganze Kreis versammelt war, und sich überdies alle Mühe gab, gleich einem Gespenste unhörbar einherzuschreiten, so erblickte man ihn gewöhnlich erst, wenn er auf seinen leichten Sohlen mitten im Zimmer stand, und da er es für unanständig hielt, durch einen lauten Gruß oder ein Räuspern auf sich aufmerksam zu machen, geschah dies so plötzlich, dass in der Regel alle zusammenschraken, mit Ausnahme des alten Helden, der höchstens für einen Augenblick die Pfeife aus dem Munde nahm, was aber freilich bei ihm schon viel sagen wollte.

Maurizi war ein ausnehmend hübsches Milchgesicht jener Art, die von reifen, erfahrenen Schönheiten bevorzugt wird, aber sehr wenig geeignet, das Ideal eines Mädchentraumes vorzustellen, daher ihm auch das herbe Los zuteil wurde, Abend für Abend - und die galizischen Winterabende sind lang - mit Herrn Bardoßoski und dem ernsthaften Adjunkten Tarock zu spielen, während wir anderen mit den Mädchen plauderten.

Anielas Verlobter gewann von Anfang an meine Sympathien für sich, er erzählte vortrefflich, was ihm bei vielen den Ruf eines Aufschneiders eintrug, dafür bestritt er aber auch in der Regel die Kosten der Unterhaltung, ohne dabei je dem bescheidenen Wesen untreu zu werden, das den Polen in Damengesellschaft so liebenswürdig macht. Wir wurden schnell vertraut, besuchten uns gegenseitig und gingen viel zusammen auf die Jagd. Wenn wir dann recht müde und ausgehungert, gleich den Sieben Schwaben, mit einem Hasen als Beute bei ihm ankamen, wurde sofort der Samowar hereingebracht, und der brave Valenty kam, uns die kotigen Stiefel auszuziehen. Dann half kein Verwahren, ich musste ein Paar von Manweds Saffianpantoffeln anziehen und einen seiner köstlichen Schlafröcke, er selbst stopfte mir die lange Pfeife, und mir blieb nichts anderes übrig, als die Nacht unter seinem gastlichen Dache zuzubringen.

Dann trieb er allerlei Possen, zog die Leintücher aus den Betten, hüllte sich in dieselben und wandelte als Gespenst im Hause umher, seufzend und wehklagend, um endlichen den alten Valenty, der inbrünstig betete, bei den Füßen unter seinem großen Kotzen hervorzuziehen und den Mägden mit einem über dem Lichte geschwärzten Kork Schnurrbärte zu malen.

In der Nähe von Manweds Edelhof lag einsam auf einem breiten und flachen Felsen das alte halbverfallene Schloss Tartakow, von dem im Munde des Volkes mancherlei unheimliche Sagen lebten.

Einmal, an einem schwermütigen Winterabend, während der Schnee mit weißen Geisterfingern leise an die Fenster pochte, der Wind dem roten Kaminfeuer wunderliche Melodien entlockte und in weiter Ferne ein Wolf heulte, brachte Aniela die Rede auf dasselbe.

„Haben Sie schon gehört“, sagte sie, „dass die Ruine bewohnt sein soll?“

„Wer kann in dem öden, zerbröckelten Mauerwerk wohnen als etwa Eulen oder Raben“, bemerkte Herr Husezki sehr verständig, wie es einem gebildeten, mit den Wissenschaften vertrauten jungen Mann ziemte.

„Nun, es gibt allerhand Bewohner dort“, versetzte Frau Bardoßoska, „wenn man den Landleuten glauben darf.“

„Das ist gewiss, dass ein alter, grauer Mann oben zu sehen ist, eine Art Kastellan“, sagte Aniela, „er trägt Kleider, wie man sie vor vielen hundert Jahren getragen hat, und unsere Bauern behaupten, er sein an tausend Jahre alt, und in einem großen, wohlerhaltenen Saale steht ein zauberhaft schönes Mamorweib mit toten weißen Augen, das soll in gewissen Nächten lebendig werden und durch die düsteren Gänge wandeln, allerlei Spuk im Gefolge, und seltsame Stimmen werden dann laut, ein wildes Heulen, ein schmerzliches Klagen, ein süßes Locken - -“

„Bah“, machte der Adjunkt, „eine Äolsharfe, ich selbst habe sie schon gehört.“

„Wer weiß - der Boden hier ist von Dämonen bevölkert“, sprach Manwed, „in den Hütten der Bauern rumort der Did und hilft heimlich die Kühe melken, fegt die Stuben, wäscht das Geschirr, striegelt die Pferde und lässt sich nur dann blicken, ein Männchen von einem Fuß Höhe und langem grauem Bart, wenn der Herr des Hauses sterben soll; an dem Ufer der Teiche und Flüsse, im schwarzen Dickicht, wiegt sich die Russalka auf schwankenden Zweigen und singt und bindet aus ihrem Haare goldene Fesseln, mit denen sie den Betörten, der ihr naht, gefangennimmt, und eine goldene Schlinge, in der sie ihn erwürgt; in den von grünem Gitterwerk verschleierten Höhlen des Gebirges wohnen die mutwilligen und verliebten Majki, welche hoch oben auf grünen Wiesen ihre Zaubergärten mit goldenen Zäunen einschließen, Brücken aus Perlen über die rauschenden Wasser bauen und auf blumigen Waldblößen tanzen, sie entführen Jünglinge, die ihnen gefallen, und bezaubern sie mit ihren duftigen, bekränzten Locken, ihren zarten Gliedern; aber in ihrem schönen Antlitz, in ihren blitzenden Augen wohnt keine Seele. Wie Wölfe in Rudeln durchstreifen die wilden Weiber, die das Volk auch die Göttinnen nennt, Wälder und Berge, ein entsetzliches Geschlecht, das die Kinder der Menschen entführt und ihre hässlichen Wechselbälge in ihrer Wiege zurücklässt, das die alten Männer zu Tode kitzelt und die jungen nach der Brautnacht grausam erdrosselt. Unter dem Volke wohnen auch die Wissenden, welche die geheimen Kräfte der Natur beherrschen, welche das Pestkraut kennen und die giftigen Schlangenbisse heilen, sie können den Sternen das Licht nehmen und den Menschen die Gesundheit; wenn ihr Leib schläft, fliegt ihre Seele als Vogel aus, und zu gewissen Zeiten reiten sie auf einem schwarzen Kater nach Kiew und halten, über der heiligen Stadt schwebend, hoch in den Lüften ihre Versammlungen. Ja, hier bei uns nehmen die Sterne, die zur Erde fallen, Menschengestalt an und werden zu Vampiren, und es gibt Menschen mit dem bösen Blick, und nachts irren die Seelen der Kinder umher und verlangen nach der Taufe. - Weshalb sollte es hier nicht auch allerlei Spuk geben und ein schönes Weib aus kaltem Marmor, dessen weiße Glieder zur Mitternachtsstunde das warme Blut des Lebens durchströmt?“

„Was für ein Phantast!“ rief Herr Husezki. „Nun möchte ich aber selbst wissen, was es mit dem alten Schlosse eigentlich auf sich hat.“

„Die Wahrheit kann ich euch sagen, ihr jungen Leute“, begann der alte Herr nach einer kleinen Pause, während der Pana Kordula den Samowar mit roter Kohlenglut gefüllt und Anielas kleine, rosig angehauchte Hände auf dem Piano ein paar Akkorde einer melancholischen Volksmelodie gegriffen hatten. Er begann damit, sich in blaue Wolken einzuhüllen.

„Das Wahre an der Sache ist“, fuhr er fort, „dass in der Tat in dem großen Saale des Schlosses ein herrliches Marmorbild zu sehen ist, das ein schönes Weib darstellt, ein Wunder von einem Weibe. Einige behaupten, ein Vorfahr der Familie Tartakowski sei mit dem roten Kreuze auf der Brust nach Palästina gezogen, um das Heilige Grab zu befreien, und habe aus Byzanz ein Venusbild, von der Hand eines griechischen Künstlers gefertigt, mitgebracht. Andere erzählen, dass eine durch ihre Schönheit und durch ihre Laster berühmte Dame aus der Familie Tartakowski sich von einem italienischen Bildhauer in dieser Weise habe meißeln lassen und zwar in einem Kostüme, das nicht der Mode unterliegt und das schon Eva im Paradiese getragen hat, notabene vor dem Sündenfall. Dies soll zur Zeit des Benvenuto Cellini geschehen sein, und die schöne Dame war die Starostin Marina Tartakowska.“

„So ist es“, sagte plötzlich eine tiefsanfte Stimme, die aus der Unterwelt zu kommen schien.

Alle fuhren zugleich von ihren Sitzen empor, Aniela stieß ein gellenden Schrei aus und schlug die Hände vor das Gesicht, Pana Kordula ließ eine Tasse fallen, welche wie eine Granate auf dem Boden explodierte, und der von einem Splitter getroffene kleine Wachtelhund begann wütend zu bellen.

„Ich bitte um Vergebung und falle den Herrschaften zu Füßen“, säuselte Maurizi Konopka, welcher wieder in seinen Tanzschuhen ungehört hereingeschwebt war und jetzt mitten in unserem Kreise stand. „Das lebensgroße Porträt“, fuhr er leise fort, „hängt in einem düstern getäfelten Zimmer des Schlosses, dessen Decke ein großes Gemälde, »Diana im Bade, den sie überraschenden Aktäon in einen Hirsch verwandelnd«, darstellt. Die Starostin ist in dunklen Samt gekleidet und hat eine polnische Mütze mit Reiherbusch auf. Ich habe das Bild gesehen, und die Starostin schien mich anzusehen, und mir war dabei zumute, als sollte meine Haut auf gut tartarisch über eine Trommel gespannt werden.“

„Das mag sein“, fiel der Adjunkt ein, „in Krakau befinden sich vielerlei merkwürdige alte Akten, darunter auch mancher Prozess aus der Zeit der Starostin Marina, welcher von der Willkür dieser schönen Witwe zeugt, die auf Tartakow gleich einer unbeschränkten Monarchin residierte und gebot. Einmal war sie des Mordes angeklagt, und da dieser adliger Abkunft war, begab sich eine königliche Kommission zu ihr, aber schon der Anblick dieser berückenden Frau genügte, um die Richter zu entwaffnen, und die Justiz kehrte, von Amor mit einem Rosenzweige verjagt, unverrichteter Sache heim. Übrigens soll das Schloss jetzt so gut wie herrenlos sein.“

„So“, sagte Pan Bardoßoski, indem er seine Bernsteinspitze erstaunt aus dem Munde nahm, „was wäre denn aus der Witwe des letzten Besitzers, der schönen Zoë Tartakowska geworden?“

„Sie hat in der letzten Zeit in Paris gelebt“, erwiderte der Adjunkt, „aber ich habe vor kurzem erst vernommen, dass sie gestorben sei.“

„Schade“, murmelte der alte Herr. „Sie war eine Frau wie die Starostin Marina, nur etwas nach der Mode zugeschnitten, aber ein schönes Weib.“

„Nun, nun, schwärme mir nur nicht zu sehr“, sprach Frau Bardoßoska.

Einige Zeit sprach niemand, dann sprang Manwed plötzlich auf und rief: „Ich muss hin!“

„Wohin?“

„In das gespensterhafte Schloss.“

„Was fällt Ihnen ein“, sagte Frau Bardoßoska, „es ist doch unheimlich, was man so hört.“

„Nun, ich denke, was Herr Konopka zu wagen sich traute, dazu wird mir der Mut auch nicht fehlen“, versetzte Manwed und drehte seinen Schnurrbart.

„Oh! Er scherzt nur!“ hauchte Aniela. „Ich scherze nicht, mein Fräulein.“

„Manwed, Sie werden nicht zu dem Marmorweibe gehen!“ rief jetzt Aniela mit aller Heftigkeit, die ihr zu Gebote stand.

„Ich werde, und zwar nachts, ich will sehen, ob die kalte Schöne lebendig wird.“

„Manwed“, sagte Aniela mit matter Stimme, aber in sehr bestimmtem Tone, „ich verbiete Ihnen zu gehen.“

„Vergeben Sie“, murmelte der Trotzkopf, „aber ich muss schon so ungalant sein und diesmal nicht gehorchen.“

Aniela sah ihn lange an, mehr erstaunt als böse, dann wendete sie sich ab, ihr Busen hob sich, ihr Atem stockte, Tränen flossen auf ihre Wangen herab.

Manwed nahm seine Mütze, empfahl sich kurz und ging. Nicht lange, und wir hörten die Peitsche seines Kutschers knallen, die Glöckchen klingen. Aniela verließ schluchzend das Zimmer.

 

Am folgenden Morgen besuchte ich Manwed in der Absicht, Frieden zu stiften, aber er zeigte sich womöglich noch halsstarriger als am vorhergehenden Abend.

„Alle sind sie Tyranninnen, unsere Frauen“, rief er erbost, „nur dass die einen uns mit Füßen treten und die anderen mit Tränen misshandeln! Wenn ich dieses eine Mal nachgebe bin ich verloren. Jetzt werde ich das geheimnisvolle Schloss um so gewisser besuchen und zwar auf der Stelle.“ Er zog sich rasch an, ließ sein Pferd satteln und nahm vor der Freitreppe seines Hauses Abschied von mir.

„Also du reitest wirklich?“

„Du siehst ja.“

„Nun, ich bin neugierig, was da herauskommt.“

„Ich auch.“

Ein gegenseitiges Zunicken, und er gab dem Pferde die Sporen, der Schnee knirschte unter den Hufen desselben, und leuchtende Eisstücke flogen auf. Ich sah ihm nach, bis er in dem weißen Nebel verschwunden war.

 

Zwei Abende blieb Manwed aus, am dritten kam er und wurde ziemlich kühl empfangen. Aniela schien ihn nicht einmal zu sehen, sie spielte und scherzte ziemlich laut, was sonst nicht ihre Art war, mit dem kleinen Wachtelhund, der sich darüber sehr erfreut zeigte, abwechselnd knurrte, winselte und bellte, sich bald auf die Vorderpfoten niederließ, bald auf den rückwärtigen aufstellte und unablässig wedelte.

Manwed saß gegen seine Gewohnheit schweigend da, sein Gesicht war ernst, nachdenklich und sehr bleich, seine dunklen Augen loderten nur in demselben, eine finstere Falte lag über ihnen wie ein Schatten oder die Narbe eines Säbelhiebs.

„Endlich nahm der alte Herr das Wort. „Nun? Was? Waren Sie etwa oben, Herr Weroski?“ Das „Herr“ wurde stark betont.

Manwed begnügte sich, leicht zu nicken. „Nun, so erzählen Sie!“ rief der Adjunkt und riss seine weißen Manschetten hastig aus den Ärmeln seines schwarzen Rockes hervor.

„Ich bin nicht neugierig“, warf Aniela hin.

„Es ist immerhin interessant“, sagte die Hausfrau mit Würde, „nehmen Sie eine Tasse warmen Tees, und dann erzählen Sie.“

Und Manwed nahm eine Tasse warmen Tees, lockerte den großen Knoten seines seidenen Halstuches, rieb sich die Augendeckel und begann zu erzählen.

„Wenn ich nicht hier unter Ihnen sitzen, den Samowar singen, das Feuer prasseln und die große Pfeife des würdigen Herrn Bardoßoski vernehmlich seufzen hören würde, ich würde glauben, dass ich zwei Tage und zwei Nächte und wieder einen Tag geschlafen habe und dass mich die sonderbarsten und unheimlichsten Träume während dieser Zeit  gequält haben, ja, ich würde glauben, dass ich jetzt noch träume, denn ein feiner, durchsichtiger Nebel, wie ein Schleier einer Majka aus blassem Mondlicht gewoben, trennt mich von Ihnen, und in weiter Ferne steht die Gestalt und deutet und winkt.

Es war ein heiterer Wintermorgen, voll Glanz und goldenem Lichterspiel auf dem weißen Schnee, der die Erde weich einhüllt, auf den hohen Fichten und Tannen, die ihre Äste wie schwarze Arme aus weißen Mänteln hervorstrecken, auf den Eisfransen, mit denen die Strohdächer der Bauernhütten an der Mitternachtsseite verziert sind, dem festgefrorenen Teiche, der sich in eine silberne Wiese verwandelt hat, und dem schwarzen, metallischen Gefieder der Krähen, welche auf dem Wege steif einherschreiten, mit einer Art Wichtigkeit vor sich hin nicken und schwer, gleichsam unwillig auffliegen, um sich wieder auf die Straße oder einen mit blitzenden Nadeln besäeten Baum zu setzen. Langsam drehten sich aus allen Klüften und Spalten des Gebirges aschgraue Dünste empor wie der Rauch ausgeblasener Kerze, die Sonne verschleiernd, und kamen mir rasch entgegen. In dieser feuchten, strömenden Nebelflut schien mein Pferd nicht zu gehen, sondern vorwärts zu schwimmen, und von Zeit zu Zeit kauerte sich eine sagenhafte Erscheinung, in undurchdringlichen Schleier gehüllt oder mit wallendem weißen Bart, in den Büschen am Feldrain nieder.

Doch es währte nicht zu lange, so wurde der Himmel zu durchsichtigem Alabaster, der sich mehr und mehr färbte und endlich einen glühenden Kreis zeigte, aus dem die Sonne triumphierend hervortrat. Die grauen Wogen ballten sich zu Wolken zusammen und wälzten sich über den Wald hinüber. Ein rosenfarbener Hauch schwebte um sie, Bäume und Sträuche waren mit einem Male mit Lichtperlen behängt, und der Schnee hatte den weißen Glanz des Atlas. Die Berge zeigten zwischen dunklem Holz Stellen so grell und so weiß wie Kreide, und jedes überragende Felsenhaupt war von einer leuchtenden Gloriole umstrahlt. Der Himmel trug eine blassgrüne Farbe, die sich nach und nach in das Blaue verlor, bis der reinste Azur mich überspannte und nur kleine weiße Wolken, wie wandernde Schwäne, durch denselben zogen.

Und da lag auch der graue zerbröckelte Felsen mit dem düsteren Schlosse vor mir. Ich ritt um denselben herum und fand einen sanften Abhang, über den sich ein verwilderter Park erstreckte, doch war auch hier keine Straße, nicht einmal ein Fußpfad zu entdecken. Mein Tier musste sich schnaubend selbst den weg bahnen. So kam ich endlich zu einem großen Tore mit verrostetem Beschlage und sah mich vergebens nach einem Glockenzuge oder einem Türklopfer um. Zu beiden Seiten ragte die hohe, graue Mauer, auf deren breiter Zinne im Laufe der Jahrhunderte eine Art kleiner Garten entstanden war. Einzelne Wurzeln liefen die ganze Höhe der Mauer herab und verschlangen sich unten zu wunderlichen Bildungen. Über dem Tore war ein graues, vom Regen verwischtes Wappen.

Ich stand in den Steigbügeln auf und ließ ein lautes »Hurra« ertönen, doch ehe noch das Echo der nahen Felsen es zurückgegeben hatte, öffnete sich mit einem schauerlichen Seufzen in dem einem Flügel des großen Tores ein schmales Pförtchen, und ein alter Mann erschien in demselben, der mich mit tiefer Reverenz, die Mütze in der Hand begrüßte. Ich habe seinesgleichen nie gesehen, wenn nicht etwa auf uralten Bildnissen oder auf dem Theater, wenn ein Stück aus der polnischen Geschichte dargestellt wurde. Er machte den Eindruck, als wäre eine der grauen, verwitterten Steingestalten aufgestanden, die auf den Marmorsärgen unserer vor Jahrhunderten verstorbenen Edeln mit gefalteten Händen liegen. Die ganze Gestalt des Alten war in einer Weise verfallen und schlotterig, wie wenn sie im nächsten Augenblick in Moder zerstäuben sollte; das verschrumpfte Gesicht mit den vergilbten Wangen glich einem ehrwürdigen Pergament, von zahllosen kleinen Runzeln wie von einer unleserlich gewordenen Schrift überzogen. Seine Tracht war die altpolnische, etwa aus der Zeit Johann Kasimirs, wo der tartarische Schnitt den slawischen bereits vollständig verdrängt hatte. Er trug hohe faltenreiche Stiefeln von Saffian, der einst grün gewesen sein mochte, über weiten Beinkleidern einen langen Kontusch, dessen geschlitzte Ärmel auf dem Rücken zusammengeknüpft waren, einen breiten Metallgürtel, an einer starken Schnur hing ihm ein krummer Säbel um die Schultern - dies alles war fahlgrau und düster von Farbe. Auf seinem kahlen Kopfe stand ein Büschel Haare aufwärts, das der Luftzug leise bewegte, es war, als habe er nach der Mode jener Zeit sein Haupt glattrasiert und trage die Tartarische Hordenlocke. Sein grauer Schnurrbart hing bis auf den Kontusch herab. Er verneigte sich nochmals sehr artig und zeremoniell.

»Du bist wohl erstaunt, einen Gast zu bekommen, was Alterchen?«sagte ich so leichthin, als es mir gelingen wollte.

Er schüttelte das Haupt. »Ich habe Sie erwartet«, sagte er, und ein freundliches Lächeln zog über sein versteinertes Antlitz.

»Setze doch deine Mütze auf«, rief ich.

Er nickte, setzte die graue Czapeka auf das linke Ohr, öffnete das Tor und nachdem ich hineingeritten war, schloss er es wieder und sperrte hinter mir zu. Der große Schlüssel sang weinerlich in dem rostigen Schlosse.

»Nun, willst du mir alle deine Schätze zeigen, Alterchen?« begann ich, nachdem ich abgestiegen war und er den Zügel meines Pferdes ergriffen hatte.

»Es wird eine seltene Ehre für mich sein«, gab er mit einer Stimme zurück, die wie eine verrostete Tür knarrte, »und man nennt mich Jakub, wenn Sie nichts dawider haben, mein Herr Wohltäter.«

Während er mein Pferd in den Stall führte, hatte ich Zeit, mich im Schlosshof umzusehen. Vor mir lag eine Art Palast mit bleifarbenem Dach, unter dem ein Drachenkopf bereit war, das Regenwasser in weiten Bogen auszuspeien, einen Balkon, den nackte Türken auf ihren steinernen Schultern trugen, und einer prächtigen Freitreppe. In einer Nische, welche die Mauer bildete, waren der hässliche Kopf und die mit Ketten beladenen Hände eines Mongolenfürsten, in Stein gehauen, zu sehen. Der mit Steinen gepflasterte und mit einem leichten Schneeteppich bedeckte Hof hatte in der Mitte eine gemauerte Zisterne, über die eine große Linde ihre breiten Äste streckte; zwei Krähen, die auf denselben saßen, stießen von Zeit zu Zeit ein gellendes Freudengeschrei aus, als gelte es, den Fremden würdig zu begrüßen. Allerorten lag Schutt, lagen zerbrochene Ziegel und wüste Steinhaufen.

Der Alte kam zurück, winkte mir und schickte sich an, das Gitter zu öffnen, das die Freitreppe verschloss.  Sein Gang und seine Bewegungen hatten etwas Schattenhaftes, ich glaube, wenn die Sonne geschienen hätte, ich hätte durch ihn durchsehen können. Ich bemerkte erst jetzt, dass ein großer Rabe stille und ernsthaft seinen Schritten folgte.

Er führte mich langsam die Freitreppe empor, schloss oben eine kunstreich verzierte Türe auf, und ich überschritt die Schwelle des verrufenen, unheimlichen Gebäudes. Wir gingen über breite Marmorstiegen und heimliche Wendeltreppen auf und nieder, durch Gänge, welche jetzt breit und herrlich wie eine Allee und dann wieder dumpf und ängstlich wie der Schacht eines Bergwerkes waren. Große holzbraune Türen mit Metallbeschlag wurden aufgeschlossen und wieder gesperrt, manchmal genügte ein Druck des Fingers, und eine Wand sprang auf und ließ uns durch, und durch die Zimmerfluchten zogen mit uns die Schatten vergangener Jahrhunderte. Hier hingen schwarze Rüstungen mit weißen Engelfittichen, erbeutete Türkenfahnen, Heerpauken, tartarische Köcher mit vergifteten Pfeilen in Gemächern, deren Tapeten, Szenen aus dem Alten Testament darstellend, verblichen und von Motten zerfressen waren, die sich bei der leisesten Berührung in Schwärmen erhoben und umherschwirrten; dort, einen Korridor weiter, thronte die ganze kapriziöse Grazie einer Rokokoschönen. Da gab es niedliche, mit verblasstem, blauen Atlas oder gelb gewordenem, weißem Musselin tapezierte Boudoirs mit großen Kaminen, auf denen dickbäuchige Porzellanchinesen, mit Toilettentischen, auf denen Spiegel in Silberrahmen und all den Nippes jener Zeit zu sehen waren.

Aus majestätischen Sälen mit sinnigem Stukkaturschmuck und gigantischen Fresken kam man in Schlafgemächer mit prunkvollen Himmelbetten. Da stand eine Vase, wie sie nur der Schönheitssinn eines Hellenen oder Italieners schaffen konnte, auf marmornem Piedestal, und eine Tür weiter nahm ein großer, geschnitzter Schrank die volle Breite der Wand ein, gefüllt mit all dem wunderlichen Glaswerk und Tongeschirr, bunt bemalt, mit kernigen Sprüchen versehen, wie es der bizarre deutsche Geschmack im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert erzeugte. In dem kostbaren, von der Zeit geschwärzten Getäfel der Wände pochte der Holzwurm, die Fenster waren meist erblindet, und an den alten Bildern, die allerorten die Wände schmückten, waren im Laufe der Jahrhunderte die Farben so stark gedunkelt, dass die kühnen Ritter, die prächtigen Starosten und die reichgekleideten Damen alle tief im Schatten zu stehen schienen und hie und da ein schönes Antlitz wie aus der Düsterheit der Nacht hervorleuchtete. Und alles war verwahrlost, verfallen, mit aschgrauem Staub bedeckt und mit Spinnweben behängt, die Luft roch nach Moder, und auch der alte graue Mann erschien mir plötzlich wie mit Schimmel überzogen.

Endlich kamen wir in ein mäßig großes Gemach, das im Viereck gebaut und mit dunklem Holze verkleidet war und in dem sich weder ein Einrichtungsstück noch ein Geräte befand. An der mittleren Wand hing ein Bild in rauchigem Goldrahmen, und auch dieses war mit einem grünen Vorhang bedeckt.

Der Alte winkte mir stehenzubleiben, er hatte während der ganzen Wanderung kein Wort gesprochen und sprach auch jetzt nur durch Zeichen und Blicke. Er näherte sich auf den Fußspitzen dem grünen Vorhange und zog an einer verborgenen Schnur.

Staub stieg empor, und aus der grauen Wolke, die sich schnell verzog, trat eine weibliche Figur von seltsamen Reize. Es war eine hochgewachsene Frau von schlangenartiger Schlankheit, in dunklen Sammet gekleidet, welche mir ein kaum schön nennendes, aber in seiner sanften Wildheit und lächelnden Schwermut berückendes, von dunklen Locken, auf denen eine polnische Mütze leicht und kokett saß, dämonisch eingerahmtes Antlitz zukehrte. Ihre großen, dunklen, brennenden Augen schienen zu phosphorisieren und, als ich zurückwich, mir zu folgen.

Was in diesem Blick lag - ich weiß es nicht; etwas Unbegreifliches, das mir den Atem benahm, mir das Herz in der Brust hämmern und die Knie schlottern machte.

»Sie ist gut getroffen«, flüsterte der Alte.

Ich sah ihn entsetzt an, wie man eben einen Menschen ansieht, bei dem man plötzlich entdeckt, dass sein Geist gestört ist. Er schien es zu bemerken, zuckte die Achseln und verhüllte das Bild. Ich empfand in diesem Augenblick einen brennenden Schmerz am Zeigefinger. Es war mein Verlobungsring, der mich zum ersten Male, seitdem ich ihn trug, in das Fleisch schnitt.

»Nun, Herr Jakub«, sagte ich, »werdet Ihr mir nun auch das Marmorweib zeigen?«

Er streckte seine dürre Hand, die nicht viel anders als ein welkes Blatt war, aus dem Ärmel des Kontusch hervor und schwenkte sie hin und her. »Ich weiß es«, sagte er mit seiner knarrenden Stimme, »dass der Herr deshalb gekommen ist, aber jetzt ist es nicht an der Zeit. Kommen der Herr Wohltäter morgen nachts, da haben wir Vollmond, da werden die Toten lebendig.«

»Bist du bei Sinnen!« stieß ich halb unbewusst hervor.

»Sehr wohl, mein teurer Herr«, erwiderte er mit einem Lächeln, das sich wie ein Sonnenstrahl in seinen grauen Schnurrbart stahl, »ich weiß auch, was ich rede. Das Bild ist gut getroffen, und auch der tote Stein hat Ähnlichkeit, ich kenne sie, doch wer soll sie denn kennen, wenn ich sie nicht kenne? Habe ich sie doch auf diesen meinen Knien geschaukelt, so wahr ich Gott liebe.«

Mir schauderte vor der tiefen Überzeugung, mit der der Alte das Unmögliche aussprach, ich gab ihm rasch ein Goldstück, das er ehrerbietig nahm, eilte in den Hof hinab, ließ mein Pferd aufführen und ritt den Abhang hinunter mit dem Vorsatz, dem geheimnisvollen Schlosse und seinem wahnsinnigen Bewohner nie wieder in die Nähe zu kommen.

Aber es war dies ein Vorsatz, wie eben Vorsätze sind. Schon am nächsten Morgen nannte ich mich einen Feigling, mittags hielt ich mir selbst eine schöne Rede gegen den Aberglauben, und mit Anbruch der Nacht saß ich im Sattel, um dem schönen Marmorbilde einen Besuch zu machen.

Es war kalt, aber die Luft stille und ohne Regung. Die große reine Scheibe des Vollmondes stand bereits hoch am Himmel, so dass von dem goldenen Licht und dem Blitzen der Sterne nichts mehr zu sehen war als ein bleicher, dämmeriger Schimmer. Es schien Tag zu sein, ein trüber Tag mit bleigrauem Lichte zwar, aber doch Tag, so mächtig war die Silberhelle des Mondes, von welcher Nähe und Ferne überströmt waren und welche der Schnee, der alles umher gleichmäßig in sein grelles Weiß einhüllte, scharf zurückwarf. Man konnte weithin jeden noch so kleinen Gegenstand erkennen, nur in der Ferne schwebte es wie leichter Rauch, und hinter demselben standen die Berge in diamantenen Schleier gehüllt.

Schnee und Mond sind in solchen klaren, ruhigen Nächten erstaunliche Künstler, Baumeister und Bildner vor allem, sie wetteifern, Gestalten in unsern Weg zu stellen und fabelhafte Gebäude aufzurichten. Da, wo sonst eine verlorene, rußige Bauernhütte mit windschiefem Strohdach steht, haben sie einen herrlichen Eispalast mit blitzenden Fenstern aufgeführt wie jenen, der unter der Regierung der Zarin Anna auf dem Eise der Newa erbaut worden ist. Von einem breiten Hügel winken düstere Säulen mit funkelndem Knauf, frei in die Luft ragend gleich einer griechischen Tempelruine. An dem Ufer des Teiches schien eine vom Scheitel bis zur Sohle in weißen Schleier eingehüllte Tartarenfrau zu stehen und sich in seiner grünleuchtenden Eisfläche wie in einem Spiegel zu beschauen, während in der Ferne Götterbilder ragten, aus blendendem Marmor geformt, und auf dem schimmernden Plan der Wiese holde Elfen sich zu einem geisterhaften Reigen verschlagen.

Auf dem Friedhofe war jedes der armen Gräber mit einem hohen Sarkophag geschmückt, über dem ein weißes Kreuz erglänzte, und friedlose Tote in schleppenden Grabtüchern schwebten drohend dazwischen.

Das Rad der Mühle stand versteinert, große Eissäulen stützten die Rinne, der silberne Sturz des Baches war erstarrt, und in ihm glühten Stauden und Halme in allen möglichen Farben gleich den Blumen aus Edelsteinen der Tausendundeinen Nacht.

Und wenn weithin kein Dach, kein Baum, kein noch so kleiner Strauch zu sehen war, nur die stille Glanzflut des Mondes auf den weißen Wogen des Schnees, dann war es mir, als schwebe ich auf dem Zauberpferde hoch in den Lüften, über mir die Gestirne, unter mir die weißen, schimmernden Wolken.

Es währte nicht lange, so kündigte die Erde wieder ihre Nähe an, die Lichter eines Dorfes guckten in der silbernen Dämmerung auf, eine Schmiede versendete Funken, und eine rote Feuersäule stieg aus ihrem Rauchfang gegen den Himmel, schwere Hammerschläge pochten im melancholischen Takt durch die Nachtstille, und am Rain stand ein Brunnen, von einem Schneetuch überdeckt, dessen gefrorener Strahl seltsame Arabesken bildete. Hinter den Hütten stieg der Abhang des Gebirges, ein Tannenwald mit beschneiten Wipfeln, herab wie ein Kosakenheer auf schwarzen Pferden mit hohen, weißen Lammfellmützen und glänzenden Lanzen. Dort, wo die gelben Schafte des Mais’ stehengeblieben waren, ein beschneiter Acker, schimmerte es wie mondbeglänztes Schilf im hellen Spiegel eines Teiches.

Eine Strecke weiter stand ein Kreuz am Wege, und der Heiland war mit diamantenen Nägeln an dasselbe geschlagen und trug statt düsterer Dornen eine leuchtende Strahlenkrone.

Und war bisher nichts Lebendiges zu spüren, so zeigte sich plötzlich auf der in Schnee gehüllten Wintersaat eine muntere Gesellschaft grauer Feldhasen, welche im hochzeitlichen Lichte des Mondes scherzte und liebelte; hier wühlten einige emsig den Schnee auf, um Nahrung zu finden, dort spielten andere und schrien gleich kleinen Kindern und schlugen sich mit den Vorderläufen, andere kamen mit leichten Sprüngen, setzten sich plötzlich auf, um mich anzusehen, legten die Löffel zurück und streckten sich ebensoschnell wieder lustig in die Höhe, wenn sie mich weiterreiten sahen. In der Ferne bellte heiser und verdrossen ein alter Fuchs.

So erreichte ich Schloss Tartakow. Vor dem Tore schauerte mein Pferd, und wie der seltsame Alte ungerufen und ungebeten die schweren Flügel auflehnte, fiel es auf die Hinterhufe zurück und wollte nicht in den vom magischen Licht erfüllten Hof. Endlich gehorchte es den Sporen, aber nur zitternd und mit einem traurigen Schnauben. Als mich der Alte die breite Steintreppe hinaufführte, erhob sich ein eisiger Luftzug, die alte Linde rauschte wehmütig, tief unten sang schauerlich ein wilder Bergstrom, dessen selbst der Winter mit seinen eisigen Ketten nicht Herr werden konnte, und über mein Haupt weg zogen fabelhafte, herzzerreißende, traurigsüße Töne.

»Was ist das?« fragte ich.

»Es ist die Äolsharfe«, entgegnete der Alte, »die steht nun schon bei hundert Jahre auf dem Turm, soweit ich mich erinnere.«

Wir traten in ein freundliches Zimmer mit grünen Vorhängen, das behaglich erwärmt war, im Kamin brannte frisches Fichtenholz und verbreitete einen angenehmen, narkotischen Geruch. Vor einem geblümten Sofa stand ein gedeckter Tisch. Ich bemerkte kostbares Porzellan und uraltes Silber, mit dem Wappen der Familie Tartakow verziert. Der seltsame Alte lud mich ein, Platz zu nehmen, setzte den Samowar auf und bediente mich mit der vollen Würde eines ergrauten Haushofmeisters. Ich nahm nur wenig, ich war zu sehr erregt. Der Zeiger auf der altertümlichen Wanduhr schien mir stillezustehen.

Endlich nahte die zwölfte Stunde.

»Es ist Zeit«, sagte ich.

»Ja, es ist Zeit«, stimmte der Alte bei. Er nahm seinen Schlüsselbund vom Gürtel und begann aufzusperren, Türe um Türe, wir gingen wieder durch lange Gänge und endlose Zimmerreihen, nur das diesmal alles ein gespenstisches Leben gewann. Aus den schwarzen Visieren blitzten mich feindselige Augen an, die unheimlichen Gestalten in den goldenen Rahmen drohten herauszutreten auf die verfallenen Teppiche, und sogar die alten Fahnen und die Vorhänge schienen sich zu regen und zu flüstern.

Nachdem der Alte die mit Silber verzierte schwarze Türe eines großen Saales geöffnet hatte, den ich beim ersten Male nicht betreten hatte, sprach er: »Hier muss ich Sie allein lassen, mein Herr Wohltäter, gehen Sie nur mutig vorwärts; Sie gelangen am Ende des Saales an zwei Treppen. Die linke führt zu dem Marmorweibe, treten Sie ein.«

Ich überschritt die Schwelle und stand in einem herrlichen Saal mit hohen Fenstern, durch die das volle Licht des Mondes hereinfiel und den ganzen Raum zauberhaft erhellte. Ich hörte die Türe hinter mir zufallen und die traurigsten Töne der Äolsharfe in den Lüften schweben. Es fiel wie ein kalter Stein auf meinen Weg, aber ich übermannte mich und ging vorwärts.

Meine Schritte hallten auf den Marmorplatten, und langsam, wie ich mich den beiden Treppen, die sich am Ende des Saales erhoben, näherte, stiegen oben in dem silbernen Lichte des Mondes zwei gestalten aus dem Boden empor.

Zu meiner rechten stand der Heiland in weißen, wallendem Gewande, das schöne Haupt mit der Dornenkronen bekränzt, das schwere Kreuz auf der Schulter, den Blick voll sanften Schmerzes auf mich gerichtet, und winkte mit der Hand.

Zur Linken aber zeigte sich ein Weib, dessen marmorne Glieder sich im Mondlicht zu dehnen und zu leuchten schienen, ein Weib von jener Schönheit, die etwas Teuflisches an sich hat, die uns mit holder Qual erfasst, die uns im Leiden jauchzen und im Genüsse weinen lehrt. Ihre weiße, kalte Hand schien ausgestreckt nach meinem warmen zuckenden Herzen, ihre toten, weißen Augen hatten einen verschwommenen, sammetenen Glanz und einen Blick, der durch meine Seele ging wie Frühlingswehn.

»Du sollst das Kreuz der Menschheit auf dich laden«, schien der Heiland sanft zu mir zu sprechen , sie aber hob die toten, süßen, schwellenden Kippen zum Kusse.

Eine rätselhafte Gewalt zog mich zu ihr, die Stufen empor, in den sanften Dämmerschein, der um die schwebte, und wie ich vor ihr auf den Knien lag, zog ich den Ring herab und ließ ihn auf ihre weißen Finger gleiten. Sie empfing ihn ruhig, kalt, wie ein Marmorbild, wie eine Göttin, eine Tote, und ich neigte meine Lippen zu ihren schönen Füßen nieder und küsste sie.

Dann stand ich auf und streckte meine Hand aus nach dem Ringe. Da geschah das Unglaubliche, was mir das Herz erstarren machte und meinen Geist verwirrte. Sie schloss die Hand und gab mir den Ring nicht mehr zurück.

Grauen erfasste mich, ich wich zurück und wäre fast die Treppe hinabgestürzt nach rückwärts, doch fasste ich mich noch einmal und sagte laut zu mir: »Ein Spiel der Phantasie, eine Gaukelei des Mondes, weiter nichts!«

Die Wölbung gab mir meine Worte zurück, aber spöttisch, wie mir schien, und mit einem Tone, der nicht der meine war. Ich trat noch einmal zu dem schönen Weibe hin, und wirklich hielt sie mir ihre weiße Hand mit göttlicher Anmut offen hin wie vordem, und ich sah an ihren Fingern den goldenen Reif. Noch einmal versuchte ich, ihn ihr zu entreißen, aber sie schloss von neuem die Hand, und als ich Gewalt gebrauchen wollte, fühlte ich die marmornen Finger zur Faust geballt zwischen meinen Händen. Es durchschauerte mich.

Ich weiß nicht, wie ich aus dem Saale, wie ich aus dem Schlosse gekommen bin. Mir kehrte erst die Besinnung wieder, als der Morgenwind mir eisig in die Wangen schnitt, aber das gespenstische Weib schien mir zu folgen, ich sah es, vom Frührot zart angehaucht, in einer Wolke stehen, die über den Teich zog, und sah noch unweit meines Edelhofes ihren schönen, weißen Leib durch die schwarzen Tannen schimmern. Ich sehe sie seitdem im Traume und auch im Wachen, mit offenen Augen seh ich sie, wie sie sanft, gleich einem Mondstrahl in das Zimmer tritt und mich anlächelt mit ihren weißen Totenaugen.“

 

Während Manweds Erzählung war Herr Konopka eingetreten, vielleicht nicht ganz so wie ein Mondstrahl, aber jedenfalls leise genug, und starrte die reizende Aniela an. Plötzlich stieß diese einen gellenden Schrei aus, wir erblickten jetzt alle zu gleicher Zeit den guten jungen Mann, und es gab keinen, der nicht ein wenig zusammenfuhr.

„Aber was haben Sie denn“, fragte Frau Bardoßoska ärgerlich, „dass Sie uns jedes Mal so erschrecken müssen?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Herr Konopka, der wie Espenlaub zitterte, „aber soviel ist gewiss, dass ich mich selbst entsetzlich fürchte.“

„Sie fürchten sich?“ spottete Kordula. „Wovor denn?“

„Die Geschichte des Herrn Weroski hat mir jedes Haar emporgerichtet auf meinem Kopfe“, stammelte Maurizi.

Der alte Herr blies eine Wolke blauen Dampfes zur Seite, stopfte mit den Fingern den Tabak fester und sagte dann: „Ein gut erzähltes Märchen.“

Aniela hatte sich erhoben und Manweds Hand ergriffen. „Wo ist der Ring, den ich Ihnen gegeben habe?“ fragte sie, die sonst so klare Stirne von tiefem Schatten überflogen.

„Ich habe ihn nicht.“

„Ein passender Scherz!“ rief Kordula.

„In der Tat“, fügte ihr Verehrer bei.

„Kein Scherz“, sagte Manwed, „den Ring hat die marmorne Tote.“

Niemand sprach mehr ein Wort von der Sache, aber alle waren sichtlich verstimmt, und so beeilte sich Manwed aufzubrechen. Ich begleitete ihn zu seinem Schlitten.

„Glaubst du nicht, dass es an der Zeit wäre, dein Benehmen zu ändern?“ fragte ich.

„Also auch du meinst, dass ich scherze“, erwiderte er gereizt, „gut, ich aber sage dir, dass ich keinen Willen mehr habe, dass meine Seele einem Dämon in Venusgestalt verfallen ist und dass ich diese kalte, tote Schöne, ohne Herz, ohne Sprache, ohne Augen, liebe wie ein Wahnsinniger.“ Dann fuhr er fort.

Ich fand, in das Haus zurückgekehrt, alle Anwesenden in unbeschreiblicher Aufregung. Maurizi schwor, dass er nicht allein nach Hause fahren werde, der Adjunkt sprach belehrend von der Macht der Einbildung über den Menschen, die Gefühle des Herrn Bardoßoski verdolmetschte uns ausschließlich seine lange Pfeife, welche gleich einem kleinen Kinde greinte und wimmerte. Niemand hatte Lust, etwas zu sich zu nehmen, und die Tarockkarten lagen unberührt. Plötzlich zog die Hausfrau die Brauen zusammen und blickte auf das Fenster.

„Wer steht denn dort?“ fragte sie kleinlaut.

Wir sahen jetzt alle zugleich eine weiße Gestalt, von dem bleichen Lichte des Mondes mysteriös beschienen.

„Sie ist es“, murmelte Maurizi, „sie sucht ihn.“

„Wer?“ fragte Aniela, von Eifersucht erfasst; ihre Stimme bebte.

„Das Marmorweib, wer sonst?“ erwiderte Maurizi. Er winkte mit der Hand, als wollte er sagen: Der, den du suchst, ist fort, weit von hier. Aber die weiße Gestalt rührte sich nicht von der Stelle.

„Meine Pistolen“, keuchte Herr Bardoßoski, „ich will eine geweihte Kugel laden, wir wollen doch sehen -“, er vollendete nicht, sondern nahm seine Kuchenreiter von der Wand und ließ den Hahn knacken.

„Reden Sie doch mit ihr“, flehte Aniela.

„Madame“, begann Maurizi mit einer wahrhaft erbärmlichen Stimme, „er ist nicht da, er ist nach Hause gefahren, wenn Sie sich ein wenig beeilen, können Sie ihn noch einholen. Für Sie ist das ein Scherz.“ Seine Zähne klapperten. „Sehen Sie doch“, fuhr er fort, mich in den Arm kneipend, „den feurigen Atem, den das schreckliche Weib von sich gibt. Ist das nicht merkwürdig?“

„Noch merkwürdiger ist es“, sagte der alte Herr mit einem behaglichen Gelächter, „dass das Gespenst eine Pfeife im Mund hat und aus derselben raucht.“

Er ging langsam zum Fenster, öffnete es, und nun sahen wir den ganzen Spuk mit heiterer Deutlichkeit im Mondlicht dastehen. Aus dem Hofe tönte ein mutwilliges Gelächter. Ein Schneemann mit einem großen Kopf und einem runden, urdummen Gesicht stand mit dicken Beinen in der Stellung eines Matrosen da. Der Kutscher und der Bediente hatten ihn mit aller Kunst, die ihnen zu Gebote stand, aufgerichtet, und der Kosak hatte ihm seine kurze, brennende Pfeife in das breite Maul gesteckt. Nun gab es ein lautes, ausgelassenes Lachen im Zimmer und im Hofe, wo sich die Spitzbuben hinter einem Leiterwagen versteckt hatten, der Samowar wurde aufgesetzt, die Tarockkarten kamen zu Ehren, und wir unterhielten uns auf das beste bis nach Mitternacht.

Manwed kam an dem folgenden Abend zu Bardoßoski mit dem festen Vorsatze, sich mit Aniela auszusöhnen. Sein traumhaftes, an geistige Verwirrung grenzendes Wesen schien vollkommen gewichen, alles an ihm verriet Ernst, Entschiedenheit und Reue. Er zögerte nicht lange mit seiner Erklärung. Als Aniela bleich, mit halbgeschlossenen Augen hereintrat, ging er auf sie zu und verneigte sich tief.

„Mein Fräulein“, begann er in einem schlichten Tone, der zum Herzen sprach, „ich habe sie durch ein ebenso rätselhaftes, als von Ihrer Seite in keiner Weise verdientes Betragen gekränkt, ich bin mir meiner Schuld vollkommen bewusst und bitte Sie, mir zu vergeben.“

„Bravo!“ rief der alte Herr und klatschte kräftig in die Hände, als gälte es, einem  Liebhaber auf der Bühne bei einer gelungenen Szene Beifall zu spenden.

Aniela wollte etwas erwidern, brachte es aber nur zu einer lautlosen Bewegung der blassen Lippen.

„Gib ihm die Hand“, sagte die Mutter.

Das arme Mädchen streckte gleich beide Hände aus, und Manwed ergriff sie mit aller Begeisterung eines Verliebten, ja, er machte eine Bewegung, als wolle er seine Braut küssen. In denselben Augenblick aber wurde er bleich und starr wie ein Toter, sein Blick blieb entsetzt an der leeren Luft haften, und endlich wankte er nach rückwärts und schrie auf: „Was willst du? Weshalb drohst du mir?“

„Was haben Sie?“ fragte Aniela erschreckt.

„Dort steht sie“, fuhr er fort, „zwischen mir und Ihnen, die tote steinerne Frau, sie hat meinen Ring am Finger und mahnt mich. Und jetzt schwebt sie zur Türe hinaus, dort, dort, und sie winkt mir.“

Zu rechter Zeit stand wieder Maurizi in einem weißen Mantel wie der Gouverneur in „Don Juan“ da. Ein Angstschrei durchzitterte das Zimmer, Aniela schlug die Hände vor das Gesicht, und Manwed sank auf einen Sessel.

„Ich bin sehr erschrocken“, begann Maurizi, am ganzen Leibe bebend.

„Können Sie denn nicht eintreten wie ein anderer Mensch!“ grollte der alte Herr.

„Sie sind krank“, sagte der Adjunkt zu Manwed, „vielleicht ist ein Nervenfieber im Anzug. Suchen Sie zu schwitzen. Legen Sie sich in das Bett und nehmen Sie Holundertee.“

„Ich fange an, mich vor ihm zu fürchten“, murmelte Aniela.

Manwed blickte mit verglasten Augen um sich, erhob sich, strich mit der Hand über die Stirne und verließ das Zimmer.

Eine Woche verging, ohne dass man ihn zu Gesichte bekam. Herr Bardoßoski fuhr zu ihm, aber traf ihn nicht zu Hause. Mir erging es nicht besser, aber er erwiderte noch an demselben Abend meinen Besuch. Wie einer, der eben sein Grab verlassen hat, verzerrten Gesichtes, bleich, schlotternd, kam er herein, bot mir die Hand und saß mehr als eine Stunde bei mir, ohne zu sprechen, ja, ohne zu hören, was ich ihm sagte.

„Komm“, rief er plötzlich, „ich muss an die Luft, begleite mich!“

Ich ließ zwei Pferde satteln, und wir ritten in leichtem Galopp auf der Landstraße durch beschneite Felder und zwischen weiß vermummten Bäumen seinem Gute zu. Mit einem Male hielt er seinen Braunen an und deutete vor sich hin.

„Siehst du“, flüsterte er mit trockener Stimme wie ein Fieberkranker, „siehst du sie?“

„Ich sehe niemand.“

„Dort, die weiße Frau, die auf schwarzem Pferde dahinsprengt!“

Es war jene Zeit der Dämmerung, welche düsterer ist als vollkommene Nacht; ich strengte meine Augen an, ohne etwas entdecken zu können. Er gab sich endlich zufrieden. Wir kamen in seinem Hofe an, stiegen ab und saßen dann in seinem kleinen, behaglichen Rauchzimmer bei dem großen Kamin, dessen starkes, rotes Feuer zugleich für Beleuchtung sorgte. Der alte Bediente füllte den Samowar mit glühenden Kohlen. Keiner von uns beiden hatte Lust zu sprechen. Unter dem Diwan stöhnte der gelbe Jagdhund auf, er schien zu träumen, die massive Uhr, deren geschnitztes Holzgehäuse sich wie ein Turm von der Diele fast bis zum Plafond erhob, hielt ihren eintönig ernsten Sermon. Eine Motte hatte sich aus der schadhaften Polsterung des Lehnstuhles, in dem ich saß, erhoben und umkreiste lautlos den Samowar.

„Was war das?“ fragte plötzlich Manwed.

„Ich habe nichts gehört.“

„Aber jetzt -“

In der Tat klopfte es leise an die Fensterscheiben, welche von Eisblumen, die großen Brüsseler Spitzen glichen, verdeckt waren.

„Nun, siehst du auch diesmal nichts?“ fragte lächelnd Manwed. Er stand auf und näherte sich dem Fenster. Ich blickte lange hin und sah endlich in der Tat, vom Monde beleuchtet, eine weiße Frau vor demselben stehen, welche mit meinem Freunde Zeichen des Einverständnisses wechselte. Zuletzt nickte sie mit dem Kopfe und zog sich zurück.

„Was soll das bedeuten“, fragte ich, „bin auch ich verrückt, oder leiden wir beide an Augentäuschungen?“

Manwed zuckte die Achseln. „Ich bin, wie du mich da siehst, bereits ganz in den Krallen des Satans“, flüsterte er, „es ist das eine Geschichte, die gewiss nicht alle Tage vorkommt, und deshalb möchte ich sie dir gerne erzählen, aber du  musst nicht glauben, dass ich wahnsinnig bin, und noch weniger, dass ich dir ein Märchen erzähle. Mir ist eben nicht spaßhaft zumute. Arme Aniela!“

Wir nahmen Tee, er zündete mir meine Pfeife an, fing die Motte, die um den Samowar streifte, und warf sie in das rote Feuer des Kamins, das sie im Augenblick verzehrt hatte. Dann begann er.

 

„Es war eine schöne, geisterhafte Vollmondnacht, als ich zum dritten Male nach dem Schlosse Tartakow ritt. Ich wollte meinen Ring wiederhaben um jeden Preis. Der alte verwitterte Mann erwartete mich diesmal im Torweg, nickte freundlich, nahm mein Pferd und lud mich ein, etwas zu mir zu nehmen. Ich trank ein Glas alten Burgunders, der meine Adern wie Feuer durchströmte, das war alles. Mein Kopf war hell, mein Herz pochte nicht im mindesten. Ich war entschlossen und ohne Furcht. Als es Mitternacht schlug, öffnete mir der Alte die Tür des großen Saales und schloss sie wieder hinter mir. Ich achtete nicht darauf, sondern stieg rasch die Treppe empor und fasste die Hand der marmornen Schönen in der Absicht, ihr meinen Ring zu nehmen, aber sie zog den Finger an sich, und ich strengte mich vergeblich an, ihr denselben zu entreißen.

Es war ein unheimlicher Kampf mit der kalten, steinernen Toten im fahlen Mondlicht und der tiefen Stille, welche herrschte. Ich ließ endlich die Arme sinken und schöpfte Atem, da hob auch ihre herrliche Brust einen Seufzer, und ihre weißen Augen blickten mich mit einem überirdischen Schmerze an, der mich beschämte, der mir die Besinnung raubte. Ohne zu bedenken, was ich tat schlang die Arme um ihren kalten schönen Leib und presste meine heißen Lippen auf ihre eisigstarren.

Es war ein Kuss ohne Ende, nicht wie wenn zwei Seelen ineinander fließen, sondern wie wenn eine dämonische Gestalt langsam mir das Blut aus dem Leben saugen würde. Mich fasste eine namenlose Angst, aber ich war nicht fähig, mich von den toten Lippen loszumachen, schon wurden sie warm von den meinen, schon hob ein sanfter Atem die elfenweiße Brust, und mit einem Male schlangen sich die Marmorarme um meinen Nacken wie eine schwere Kette, die süße Last drückte mich nieder auf die Knie, und zugleich brach ein reizendes Lächeln wie ein Mondstrahl aus den weißen Augen. Die ganze Gestalt begann sich sanft zu regen, wie Bäume sich im Frühlingswind strecken und aufatmen, nachdem der starre Schlaf gewichen, die Füße versuchten sich im Schritt, und langsam, wie zum Tod ermattet, trat sie vom Piedestal herab. Von ihrer Schönheit hingerissen, umschlang ich die Halberwachte und küsste sie von neuem mit aller Glut des Lebens und der Jugend, die durch meine Pulse flog. Sie gab mit müden Lippen den Kuss zurück wie im Schlafe, dehnte in olympischer Trägheit die blühenden Glieder und schwebte langsam wie eine Nachtwandelnde einer Türe zu, die ich bisher noch nicht bemerkt hatte, indem sie mir mit der Hand zu folgen winkte.

Die Türe schien von selbst aufzuspringen, und wir betraten ein Gemach mit getäfeltem Plafond, uralten Tapeten, seltsam geformten Möbeln mit vergoldeten Lehnen und Füßen, dessen Boden mit einem persischen Teppich bedeckt war. In der Nähe des Kamins stand ein Ruhebett aus blutrotem Seidenpolster, wie man es in türkischen Harems findet, vor demselben war ein Löwenfell ausgebreitet. In der schweren Luft war ein Geruch von Moder und von Spezereien wie in einer Gruft. Kein Licht brannte in den großen Armleuchtern, die vor dem Spiegel standen, aber draußen an dem dunklen Himmel hing der Mond wie eine silberne Ampel und erhellte den kleinen Raum vollständig. Das schöne Weib streckte sich auf dem Ruhebette aus und winkte mich zu sich.

Ich lag vor ihr auf meinen Knien und hauchte ihre Füße an und küsste sie und küsste ihre Hände, ihren Nacken, ihre Schultern, bis sie mich mit verschämter Anmut an sich zog und von neuem an meinen Lippen hing. Es ist unbeschreiblich, was ich empfand, als ich sie an meiner Brust erwarmen fühlte, der Strom des Lebens durchzuckte sie von Zeit zu Zeit elektrisch vom Wirbel bis zur Sohle, und wie wurde mir erst, als sie die Augenlider ganz wenig öffnete und mich von der Seite anblinzelte, als ihre Lippen sich bewegten und sie zu sprechen begann mit einer Stimme, die so seltsam war, so weich, während ihr großer Blick mit einem Male gleich einer Schneeflocke auf mein Herz fiel. Und merkwürdigerweise sprach sie französisch.

»Mich friert«, begann sie, »mache doch Feuer im Kamin.«

Ich gehorchte, und bald loderte es hell aus dem trockenen Holze empor und gab ein wunderbares Flammenspiel in dem Gemach, auf den verblassten Figuren, den alten Tapeten, auf dem Gelb der Möbel und dem rührend schönen Leibe der weißen Frau, die in den roten Seidenpolstern hingegossen lag, vom üppigen Lockengeringel umspielt. Der Mond flocht weiße Rosen in die blutroten des Feuers und bekränzte das stumme Götterbild. Der Wind sang im Schornstein, der Schnee pochte mit weißen Fingern an die Fensterscheiben, der Holzwurm klopfte oben im Getäfel, und unter der Diele nagte ein Mäuschen. Und wir küssten uns.

Meine Glut, meine Raserei erwärmte und löste vollends ihre starren, weißen, göttlichen Glieder, welche wie Feuer brannten oder wie grimmiger Winterfrost, sie atmete schwer, ihre Lippen zuckten in dem sinnverwirrenden Stammeln holder Leidenschaft auf und versengten mich mit ihren eisigen Küssen. Ich empfand die Qualen des Scheiterhaufens und fühlte die Marter des Erfrierenden, bald war es , als leckten wilde Flammen zu mir empor, bald schien sich das eisige Leichentuch des Schnees über mich zu breiten.

»Gib mir zu trinken!« sagte sie plötzlich.

»Was befiehlst du?« fragte ich.

»Wein«, gab sie zur Antwort. Zugleich deutete sie auf einen Glockenzug in der Nähe der Türe.

Ich zog die Glocke. Ihr Ton durchzitterte schauerlich das weite, öde Gebäude; nicht lange, und eine Stimme, die aus dem Grabe zu kommen schien, fragte nach unseren Befehlen.

»Wein, Alter!« sagte ich.

Wieder nach einer Weile pochte es an der Türe, und als ich hinaustrat, stand er Kastellan mit einer Flasche da, auf der noch der Staub es Kellers lag, und zugleich zitterte in seiner Hand ein silbernes Brett, auf dem zwei Glaspokale leise aneinander klangen.

Ich schenkte einen derselben voll mit glutrotem Burgunderwein und reichte ihn ihr. Sie setzte ihn an und schlürfte das Blut der Reben ebenso gierig wie meine Küsse, und als ich das Glas auf ihren Wink zurückgestellt hatte, legte sie den Arm um meinen Nacken und saugte sich fest an meinen Lippen. Eine wundersame Mattigkeit kam über mich, sie schien mir Atem, Leben und Seele zu nehmen, ich meinte zu sterben, der Gedanke, in den blutgierigen Händen eines weiblichen Vampirs zu sein, flog wie ein Schatten über mich, aber es war zu spät, ich hatte mich in ihren Locken verwickelt, meine Hände wühlten in ihrem dämonischen Haare, und ich verlor das Bewusstsein.

Als ich zu mir kam, sah ich mit namenlosen Erstaunen, dass ich weder in den Armen eines Vampirs noch in den Armen einer Statue oder eines toten Dämons lag. Ein lebendiges, schönes Weib mit großen, blühenden Formen, deren plastischer Marmor von warmen Blut durchglüht war, sah neugierig auf mich herab mit feuchten, dämonenhaften Augen. Das feingeschnittene Oval ihres bleichen Gesichtes leuchtete von keuscher Holdseligkeit, ihr fabelhaftes Haar, zugleich feuriges Gold und weiche Seide, erglänzte um sie wie eine Gloriole, wie die Flammenrute eines Kometen. Eine Atmosphäre voll Duft umgab sie. Sie hatte keinen Schmuck an sich, nicht einmal einen schlichten Reif, wie er die Arme der gemeißelten Göttinnen ziert, dafür glänzten ihre Zähne wie zwei Perlenreihen in dem Rubinenmund, und ihre Augen warfen gleich kostbaren Smaragden ein grünes Licht.

»Bin ich schön?« fragte sie endlich mit ihrer matten, röchelnden Stimme.

Ich konnte nicht sprechen. Der verschwommene, sonderbare Glanz ihrer lauernden Augen benahm mir den Atem. Ihr verlangender Blick ergriff mein Herz mit Pantherkrallen, ich fühlte mein Blut rieseln wie ein zu Tode Verwundeter, vorübergehend flackerte in ihren Augen ein drohendes Feuer auf, dann senkte es sich über dasselbe wie der geheimnisvolle Schleier, den der Mond über die Landschaft breitet.

»Bin ich schön?« fragte sie noch einmal.

»Ich habe ein Weib, wie du es bist, noch nie gesehen«, gab ich zur Antwort.

»Gib mir den Spiegel!« sagte sie hierauf.

Ich hob den schweren Spiegel von der Wand und stellte ihn vor sie hin, so dass sie ihre ganze liebreizende Gestalt betrachten konnte. Sie tat es mit lächelndem Entzücken und begann dann, ihr goldrotes Haar mit dem Elfenbeinkamm ihrer Finger zu kämmen und zu ordnen. Endlich schien sie von ihrer Schönheit gesättigt und hieß mich den Spiegel an seine Stelle setzen. Als ich nun wieder andächtig vor ihren Füßen lag und in ihr Antlitz schaute, murmelte sie: »Ich sehe mich in deinem Auge«, und ihre Lippen berührten schmeichelnd meine Lider.

»Komm«, gebot sie dann, »lass uns das grausame süße Spiel der Liebe erneuern.«

»Ich fürchte mich vor dir und einem roten Munde«, erwiderte ich zögernd. Sie lachte. Es war ein verlockendes Lachen voll holder Üppigkeit.

»Oh, du entfliehst mir nicht!« rief sie, und schon hatte sie mich mit einer ungestümen Bewegung in ihrem Haar gefangen, dann drehte sie einen Teil desselben rasch zu einer Schlinge, legte sie um meinen Hals und zog sie langsam zusammen.

»Wenn ich dich jetzt erwürgen würde«, sagte sie, »und zugleich ersticken mit meinen Küssen, wie es die Russalka mit ihren Opfern macht?«

»Es wäre ein süßer Tod.«

»Glaubst du? Aber ich lasse dich leben zu meiner Freude und deiner Qual.«

Sie neigte sich zu mir, nah und näher, ihr Hauch durchrieselte mich wie Glut der Hölle. Ich folgte mit meinen Lippen den zarten blauen Adern, die allerorten durch den Alabaster ihrer Haut schimmerten, und barg dann mein heißes Antlitz an ihre Brust, die so weich ist wie schwellender Samt und zart wie flockiger Schnee. Ich ließ mich von ihrem sanften Atem wie von einer Welle heben, und sie spielte mit mir wie mit einer Puppe. Sie deckte mir die Augen mit der Hand zu, sie unterhielt sich mit meinen Ohren, um mir dann ihre Finger auf die Lippen zu legen und endlich in den Mund, als wollte sie mich sie kosten lassen, und wirklich, sie waren glühend und süß wie Sorbet. Im nächsten Augenblicke wand sie meine Locken um ihre Hand und wühlte endlich mit beiden in meinem Haare, so zärtlich und dabei doch mit einer Art Zorn, und riss mich mit der Wut einer Bacchantin an sich, an ihre Lippen, die zu dürsten schienen in trockener Fieberglut.

Die Welle, die mich weich umspielt hatte, wurde zur Woge, die mich bedrohte, mit der ich gleich einem Schiffbrüchigen rang, und als das zaubermächtige Weib mich plötzlich auf das Ohr küsste, da begann es mir in demselben zu singen, zu klingen, zu sausen wie einem Ertrinkenden, und umwunden von ihren feuersprühenden Flechten, meinte ich in einem Ozean von kochender Lava zu schwimmen, der mich endlich verschlang, in dem Taumel übermenschlicher Liebeswonne. In ihren teuflischen Küssen ward mir die ganze Mystik der Leidenschaft mit einem Male offenbar, Lust und Bangen, Genuss und Marter, Seufzer, Lachen und Weinen, bis ich im Taumel wieder mit dem Antlitz zur Erde sank.

»Bist du tot?« fragte sie nach einer Weile, und als ich mich nicht regte, trat sie mit dem kleinen, nackten Fuß leise in das Gesicht, im nächsten Augenblick streckte sie sich, mutwillig lachend, auf meinen Rücken aus wie eine Tierbändigerin auf dem Löwen, den sie zahm und gehorsam gemacht hat.

Ich regte mich nicht, auch dann nicht, als sie sich erhob, um durch das Zimmer zu gehen. Als ich endlich die Augen öffnete, sah ich den Mond, der leise in das Zimmer getreten war, ihre Füße küssen, dann, sich langsam erhebend, sie mit seinen weißen Armen umfangen, während sie ihm kokett die Lippen darbot.

Zorn und Eifersucht erfassten mich. »Was will der bleiche Wüstling?« rief ich. »Du bist mein!«

»Mein bist du«, lachte sie und warf sich in die Polster, dass ihr Haar wie eine Flamme aufflog und ich, vom Wahnsinn der Liebe aufs neue erfasst, meine Lippen auf ihre Knie, ihre wogende Brust presste und endlich mein Haupt an ihre Schulter lehnte.

»Was ist das?« fragte ich nach einer Weile. »Ich fühle kein Herz in deiner Brust schlagen.«

»Ich habe kein Herz«, sagte sie kalt und verdrossen. Es durchschauerte ihre edlen Glieder wie ein Windstoß. »Aber du«, fuhr sie spöttisch fort, »dir pocht es wie toll hinter den Rippen - und - du liebst mich auch wie ein Narr!«

»Wie ein Narr«, wiederholte ich mechanisch.

Wir ruhten lange Zeit, Schulter an Schulter, und lauschten dem Wind, dem Flattern der weißen Flocken, dem Nagen des Mäuschens in der Diele und dem Pochen des Holzwurmes im alten Getäfel. Der volle Mond war längst nicht mehr zu sehen, nur die Sterne blinkten noch durch den weißen Schneeschleier, die erste fahle Dämmerung des Morgens breitete sich aus, als ich zum zweiten Male gleich einem Toten zur Erde niederfiel. Das schöne Weib richtete mich langsam auf, machte mich zu ihrem Schemel, und ihre müde, röchelnde Stimme klang wie ein leiser Harfenton durch das Gemach.

»Du hast mir Leben gegeben von deinem Leben, Seele von deiner Seele und Blut von deinem Blute, hast süße Lust in meiner Brust geweckt, nun sättige meine Zärtlichkeit.«

»Du tötest mich«, seufzte ich auf.

Sie schüttelte den Kopf. »Der Tod ist kalt«, gab sie zur Antwort, »aber das Leben so warm. Die Liebe tötet, aber sie erweckt zu neuem Leben.«

Sie flocht ihr Haar zusammen und schlug mich neckend damit; ihr Fuß, den sie zuerst in meine Hand gestellt hatte, ruhte jetzt auf meinem Nacken, und als ich, das Antlitz zur Erde, liegen blieb, fuhr sie mir mit demselben sanft über den Rücken, dass es mich überrieselte, einem elektrischen Strome vergleichbar. Von neuem ergriff sie göttliche Wildheit, sie wendete mich rasch herum, kniete auf meiner Brust und fesselte mir die Hände mit ihren goldenen Flechten.

»Nun gehörst du mir, und niemand rettet dich von meiner Liebe«, hauchte sie mit stockendem Atem, ein wildes Licht loderte in ihren Augen auf, ihre Lippen ergriffen die meinen wie glühende Zangen, Kuss um Kuss und Wonne um Wonne, bis der erste helle, goldige Strahl des Morgens vor unsere Füße fiel.

»Nun will ich ruhen«, sagte sie, »geh und lass dich nicht blicken vor dem Abend.«

Ich verließ das Gemach. Mein Pferd fand ich im Hofe, das Tor stand offen, der Alte war nicht zu sehen. Ich schwang mich in den Sattel und sprengte davon. Aber ich kam wieder, als die Nacht herabsank, und Nacht für Nacht.

Oh, dieses Weib ist wie ein Irrgarten, wer in denselben hineingeraten, ist verzaubert, verloren, vermaledeit!“

 

Einige Tage nach dieser seltsamen Erzählung war Manwed verschwunden. Niemand wusste mit Bestimmtheit zu sagen, was aus ihm geworden war.

Herr Bardoßoski war überzeugt, dass ihn der Teufel geholt habe, Aniela vertraute mir an, dass ihr die marmorne Dame im Traume erschienen sei, aber in einer Krinoline und mit einem großen Chignon, und ihr mit einem süffisanten Lächeln im reinsten Französisch gesagt habe: „Er ist tot, ich habe ihm die Seele aus dem Leibe gesogen und kann mich nun wieder einige Zeit auf dieser schönen Erde amüsieren.“

Sein Kosak versicherte, sein Herr habe Blut gespuckt und sei auf den Rat des Kreisphysikus nach „Netalien“ gefahren.

Aniela weinte sich die Augen rot und nahm einen anderen. Eines Tages, als sie in starrer, niobischer Trauer in ihrem kleinen Schlafzimmer mit den blütenweißen Vorhängen saß, stand plötzlich Herr Maurizi Konopka vor ihr, und sie erschrak diesmal unerklärlicherweise nicht im mindesten. Er stammelte etwas, was ein Heiratsantrag sein sollte und von einem lyrischen Gedichte kaum zu unterscheiden war, und vier Wochen später standen sie vor dem Altar. Es gab eine sehr lustige Hochzeit, ich habe selbst auf derselben getanzt.

 

Nach Jahren, es war in Paris in der großen Oper, sah ich meinen Freund Manwed unerwartet wieder. Man gab „Robert, der Teufel“. Ich hatte das Haus verlassen, während noch Bertram und Alice um seine Seele kämpften. Von einem Diener in blauer Kosakentracht herbeigerufen, fuhr ein Coupé vor, mit zwei wilden Rappen bespannt, unter deren Hufen Funken hervorstieben. Ich blieb stehen und sah ein vornehmes Paar an mir vorüberkommen.

Es war Manwed, der eine Dame am Arme führte.

Er war schwarz gekleidet, fahl wie ein Toter, tiefe Schatten lagerten unter seinen düster glühenden Augen, sein Haar hing in die Stirn herab. Die Dame war von majestätischem Wuchse, ich sah nur ihr edles, schönes Profil und sah, dass sie sehr bleich war, um ihren Marmorhals spielten goldrote Locken. Sie war in einen kostbaren Schal gewickelt, schien aber trotzdem zu frieren.

Manweds Blick streifte mich wie etwa eine Säule oder eine tote Wand. Er erkannte mich nicht.

Zur rechten Zeit kam ein Pariser Freund, ein Maler, der alle schönen Frauen kennt.

„Wer ist sie?“ fragte ich leise.

„Eine polnische Fürstin Tartakowska“, lautete die Antwort.

Im Auslande sind unsere Damen alle Fürstinnen, besonders wenn sie reich und schön sind. Nun weiß ich aber in der Tat nicht, ob mein Freund Manwed damals wahnsinnig war, ob er uns alle zum besten gehabt hat oder doch etwas Wahres an der Geschichte ist!

auch erschienen in:

Die Toten sind unersättlich - Gespenstergeschichten

Der unheimliche Gast - Gruselgeschichten

 

Vampire

 

 

Marina Tartakowska - polnische Fürstin mit goldrotem Haar. Ihr Portrait wurde in Stein gemeißelt. Als sich Manwed mit ihr symbolisch vermählt, vereinnahmt sie seine Lebenskraft und erwacht zu neuem Leben.

 

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