SÜDRUSSISCHE VAMPYRE

Juljan Jaworskij

1898

 

erschienen in: Zeitschrift des Vereins für Völkerkunde, Berlin, 1898

Titelverzeichnis

1 - Nächtlicher Besucher - Sage

2 - Unter dem Fenster - Sage

nach oben

Vampyrsagen

1 - Nächtlicher Besucher

bibliothèque: Diese Sage lehrt uns, dem weisen Rat einer alten Frau zu folgen und zeigt zusätzlich Hilfe den Witwen wider dem nächtlichen Treiben ihrer verstorbenen aber unruhigen Ehemänner auf. (2013)
 

Ein Mann lebte sehr gut mit seiner Frau, aber er starb plötzlich und man hat ihn begraben. Zwei Nächte war Ruhe, erst in der dritten Nacht ist er ins Haus gekommen, schob die Kinder im Bett zur Seite und legte sich zur Frau. Und so besuchte er sie einige Wochen, so dass sie ganz mager und blass geworden ist. Die Leute fragten sie, was mit ihr sei, aber sie antwortete nur:
"Ich kann es euch nicht sagen, denn gleich würde ich sterben."

So ging es weiter bis einmal eine alte Wanderfrau zu ihr kam und sie um ein Nachtlager bat.
"Ich möchte Euch, Mütterchen, sehr gern aufnehmen," sagte die Frau, "aber Ihr könnt bei mir nicht nächtigen!"
"Warum denn nicht?"
"Ach, mich besucht mein toter Mann," sagte die Frau, und erzählte ihr alles. Die Wanderfrau sagte dann:
"Verstecke mich also unter das Schaffell, du selbst nimm dein Brautkleid und die Weihnachtskerze und wie du merken wirst, dass er kommt, zünde die Kerze an, krieche auf den Tisch und zieh dich dort an. Er wird dich fragen, wohin du gehen willst? Da sage ihm: 'Ich gehe auf die Hochzeit zur Mutter!' - 'Was für eine Hochzeit ist dort?' - Sage ihm: 'Der Bruder heiratet die Schwester!' Der Vampir wird darauf sagen: 'Wer hat so was gehört, dass ein Bruder die Schwester heirate?' Sage ihm: 'Und wer hat so was gehört, dass ein Toter zum Lebendigen komme?' Und dann geh nicht zu ihm, wenn er dich auch ruft!"

Die Frau legte die Kinder schlafen, das alte Weib versteckte sich unter dem Schaffell am Ofen und dann zündete sie die Kerze an und fing an sich anzuziehen. Da kam ihr Mann, setzte sich an den Tisch und fragte sie:
"Wozu ziehst du dich an?"
"Auf die Hochzeit zur Mutter!"
"Auf was für Hochzeit?"
"Der Bruder heiratet die Schwester!"
"Wer hat denn das gehört, dass ein Bruder die Schwester heirate?"
"Und wer hat das gehört, dass ein Toter einen Lebendigen besuchte?"
Darauf sagte er erst nichts, dann aber sprach er:
"Komm, dass ich dich küsse!"
"Ich komme nicht!"
"Komm," sagte er, "dass ich ein Zeichen auf dir lasse!"
"Lass es nicht auf mir, lass es auf dem Tisch!"
Er schlug dann mit der Faust auf den Tisch und ein ganzes Stück flog weg. Und dann blies der Wind, riss die Tür auf und nahm den Vampir aus dem Haus auf ewige Zeiten.

nach oben

2 - Unter dem Fenster

bibliothèque: Diese Sage lehrt, wie vergleichsweise einfach Vampire in Schach gehalten werden können - zumindest wenn die Verfolgten die Nerven nicht verlieren. (2013)
 

Es starb ein junger Wirt und man hat ihn begraben. In der vierten Nacht kam er unter das Fenster seiner Frau und rief:
"Marie, lass mich herein!" Sie ließ ihn herein und da sagte er:
"Komm mit mir!"
"Wo werde ich die Kinder lassen?" fragte die Frau. Er sprach:
"Lass sie da, wo ich sie gelassen habe, es wird ihnen nichts geschehen!"

Die Frau zog sich an, nahm einige Kleidungsstücke mit und ging mit ihm. Als sie bei der Kirche vorübergingen, sagte er:
"Die Hühner schlafen, die Schweine schlafen, und der Tote führt einen Lebendigen in das Grab herein!" Sie kamen zum Grab, da sagte der Vampir:
"Tu dich auf, Grab!" Das Grab tat sich nicht auf. Da sagte er es ein zweites und ein drittes Mal und erst dann öffnete sich das Grab. Da sagte er zur Frau:
"Spring nun hinein!"
"Ach, ich weiß nicht, wie man springen muss, spring du zuerst," erwiderte sie. Er sprang hinein und sie warf ihm ihr Bündel mit Kleidern nach. Er hat da gedacht, dass sie gesprungen wäre und sagte:
"Tu dich zu, Grab!" Das Grab tat sich zu und die Frau lief eilig weg. Als der Vampir im Grab bemerkt hatte, dass die Frau nicht da war, sagte er:
"Öffne dich, Grab!" Das Grab tat sich auf, da sprang er heraus und lief der Frau nach.

Diese lief Hals über Kopf und da sie Licht in einem Haus erblickte, stürzte sie dort hinein. Doch in der Stube war niemand, nur ein Toter lag auf der Bank aufgebahrt. Sie verbarg sich hinter dem Ofen und betete zu Gott. Und ihr Mann kam unter das Fenster und rief:
"Lass mich herein, Brüderchen, ich bin so einer wie du!" Da fing der Tote auf der Bank an, sich mit den Füßen zu rühren. Als die Frau dies sah, nahm sie ihren Gürtel vom Leib herunter und warf ihn ihm auf die Füße. Da sagte er:
"Ich kann dich, Brüderchen, nicht hereinlassen, da ich Ketten auf den Füßen habe!" Da sagte jener unter dem Fenster:
"Lass mich herein, Brüderchen, ich bin so einer wie du!" Da fing der auf der Bank an, sich mit den Händen zu rühren, da nahm sie vom Hals Korallen herunter und warf sie ihm auf die Hände.
"Ach," sprach er, "er kann dich nicht hereinlassen, Brüderchen, da mir die Hände gebunden sind!" Sagte jener zum dritten Mal:
"Lass mich herein, Brüderchen, ich bin so einer wie du!" Nun fing dieser an, den Kopf zu heben. Da warf sie ihm auf den Hals ihre Haarbänder.
"Ich kann dich, Brüderchen, nicht hereinlassen, da ich Ketten auf dem Hals habe!"

Da krähte der Hahn und es wurde der Frau leichter. Der eine fiel tot auf die Bank zurück und der andere lag draußen unter dem Fenster.

nach oben

Autor

Juljan Jaworskij - geb. 1873 in Belcza (Galizien), gest. 1937 in Prag (Tschechien), war ein Philologe für Slawistik und beschäftigte sich intensiv mit den Volksüberlieferungen seiner Heimat.

Bearbeitung: Nicolaus Equiamicus

nach oben

weiterführende Links

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

nach oben

bibliothèque des vampires