DIE STRIGLA

Johann Georg von Hahn

gesammelt und übersetzt: 1864

 

erschienen in: J. G. v. Hahn (Hrsg.): "Griechische und albanesische Märchen", 2. Bd.
Verlag Wilhelm Engelmann, Leipzig
1864

Nicolaus Equiamicus: Die Strigla bezeichnet hier einen Art "lebenden" Vampir, wie er im Volksglauben Albaniens vorkommt. Er hat die Eigenschaften einer Nachtmahr, wie in Deutschland es der Volksglaube hielt, nur plagte die deutsche Nachtmahr Tiere und Menschen nur durch Bedrückungen, die albanische Strigla hingegen ist auch in der Lage das "Herz" also das Leben eines Tieres oder einer Person „zu fressen“ so dass diese bald nach solchen Angriffen sterben muss. Auch der Genuss von Blut wird diesem "lebendem" Vampir nachgesagt. (2013)

bibliothèque: Das vorliegende Märchen entsammt dem zweiten Teil der Märchensammlung (Nr. 65) und wird vom Sammler und Übersetzer der griechischen Insel Syra, d.i. Syros, zugeordnet. (2013)

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Volltext

Es war einmal ein König und eine Königin, die hatten drei Söhne, und nachdem diese bereits herangewachsen, gebar die Königin auch ein Mädchen; das war aber nicht wie andere Kinder, sondern verwandelte sich jeden Abend in eine bösartige Hexe, ging dann in den Marstall des Königs und erdrosselte dort ein Pferd, und am andern Morgen fand man es tot in seinem Stande liegen. Niemand begriff, wie das zugehe, und der älteste Königssohn beschloss daher, sich auf die Lauer zu legen, um zu sehen, wer die Pferde erdrossele.

Als er nun im Stall Wache hielt, sah er um Mitternacht eine Wolke in den Stall kommen, sich über das Pferd legen und es erdrücken. Darüber kam er in große Furcht, und erzählte am andern Morgen seinem Vater, was er gesehen hatte. Nun wollte es auch der zweite Sohn versuchen und ging am andern Abend in den Stall, um zu wachen, und der sah, was sein Bruder gesehen hatte, und fürchtete sich ebenso sehr wie dieser. Am dritten Abend wollte es auch der Jüngste versuchen und ließ sich von dem König, der ihn sehr lieb hatte, nicht davon abbringen, sondern nahm seine Waffen und ging in den Stall. Als er aber um Mitternacht sah, wie die Wolke hereinkam und sich über ein Pferd breitete, da verlor er den Mut nicht, sondern zog sein Schwert und hieb auf die Wolke ein; da verschwand diese und das Pferd blieb am Leben. Am andern Morgen erblickte er Blutstropfen auf dem Boden, er ging ihnen nach und kam so bis zu der Wiege seines Schwesterchens, und sah, dass sie am Finger verwundet war. Da zeigte er der Mutter die Wunde, erzählte ihr, was er in der Nacht gesehen, und sagte:
"Mutter, das Kind ist ein Satan." Die Mutter konnte ihm nicht Unrecht geben, nahm aber gleichwohl ihr Kind in Schutz und so blieb es am Leben.

In der andern Nacht erschien das Mädchen vor dem Bett ihres jüngsten Bruders, weckte ihn aus dem Schlaf und sagte zu ihm:
"Du musst fort von hier, denn wenn du hier bleibst, werde ich dich umbringen." Am andern Morgen ging der Prinz zum König und sprach:
"Das Kind ist ein Satan, und wenn du es nicht umbringen lässt, so muss ich fort von hier." Der König tat sein möglichstes, ihm dies auszureden, als er aber sah, dass alles vergebens war, so ließ er ihn lieber ziehen, ehe er sein kleines Töchterchen opferte.

Der Prinz zog also in die Welt und wanderte von Land zu Land. Bald ging es ihm gut, bald ging es ihm schlecht. Endlich aber kam ihm die Lust an, wieder einmal nach Hause zu gehen und seinen Vater und seine Brüder zu besuchen, und machte sich also dahin aus. Als er aber in die Stadt kam, fand er sie leer und keine Seele darin, und ebenso öde war es auch in dem Schloss seines Vaters, denn seine Schwester hatte alle Welt aufgefressen. Da ging der Prinz von einem Gemach zum andern, um zu sehen, ob er nicht irgend einen Menschen finde, bis er endlich in eines kam, in welchem seine Schwester saß und auf der Geige spielte. Wie diese ihn erblickte, da erkannte sie ihn sogleich und rief:
"Da bist du also doch wieder zurück? Hatte ich dir nicht gesagt, dass du nicht mehr hierher kommen solltest? Nun sollst du sehen, wie es dir ergehen wird; da nimm die Geige und spiele so lange, bis ich wiederkomme." Sie gab ihm darauf die Geige in die Hand und ging hinaus, und er setzte sich nieder und spielte, aber er hatte kaum angefangen, so schlüpfte eine Maus aus einem Loch hervor und sagte zu ihm: "Mach dass du fortkommst, denn deine Schwester ist nur weggegangen, um ihre Zähne scharf zu machen und dich besser fressen zu können. Gib mir also deine Geige, ich will auf ihr spielen, damit sie es nicht merkt, dass du weggegangen bist." Da gab der Jüngling die Geige der Maus und ging weg. Die Maus aber spielte so lange, bis die Strigla ihre Zähne gewetzt hatte und wieder in das Gemach kam. Als sie aber dort die Maus statt ihres Bruders auf der Geige spielen sah, rief sie:
"Ach! Er hat mich angeführt!" und stürzte sich auf die Maus, um sie zu fangen und ihren Zorn an ihr auszulassen; diese aber warf die Geige hin, sprang vom Stuhl und schlüpfte in ihr Loch.

Der Jüngling war aber nicht aus dem Schloss gegangen, sondern hatte sich nur darin versteckt, bis dass der Zorn seiner Schwester vorüber wäre. Am andern Morgen wartete er so lange, bis sie ihre Mahlzeit gehalten und dabei, wie sie gewohnt war, ein ganzes Pferd aufgegessen hatte, und trat dann vor sie. Kaum erblickte sie ihn aber, so stürzte sie sich wütend auf ihn, und sie rangen lange miteinander, bis er sie endlich erschlug und der Prinz lebte von nun an allein.

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Autoren

Johann Georg von Hahn - 1811 bis 1869. Der in Frankfurt a. M. geborene und in Jena verstorbene österreichische Diplomat war außerdem Leiabrzt und Geheimer Rat. In Hessen wurde er 1823 geadelt. Er bereiste und studierte insbesondere die Kultur Albaniens und veröffentlichte verschiedene Bücher über seine Forschungsergebnisse.

Bearbeitung: Nicolaus Equiamicus.

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weiterführende Links

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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