SCHREIBEN EINES GUTEN FREUNDES AN EINEN ANDEREN GUTEN FREUND,

DIE VAMPIRE BETREFFEND

- samt einer Beilage ferneren Gutachtens.

Anonym

25. März 1732

 

bibliothèque: Bei dem vorliegenden Volltext handelt es sich um die Übertragung durch Nicolaus Equiamicus.
(c) Alle Rechte beim Autor. Mit freundlicher Genehmigung für die Nutzung in diesem Projekt.
(2010)

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Volltext

Bei der gütigen Anfrage desselben muss ich mich schämen, dass ich so wenig Tüchtiges antworten kann. Ich tröste mich aber der Gesellschaft, denn auch andere Naturforscher werden nicht viel Besseres wissen. Wenn man weitere Nachrichten mit der Zeit erhalten wird, so kann man auch auf etwas weitere Erklärungen hoffen. Denn Hexenwerk suche ich noch nicht in dieser Sache - das hieße den Knoten zerhauen und nicht auflösen. Auch ist einem Naturforscher diese Ausflucht so lange nicht erlaubt, bis er vollkommen beweisen kann, dass die Sache aus natürlichen Kräften nicht erklärt werden könne. Und in solchem Fall ist es nicht mehr eine Ausflucht, sondern eine Auflösung der Frage, wenn man auf gute oder böse Geister hinaus geht. Unterdessen aber habe ich bei dem Ursprung der Seuche, von dem ich in den angeschlossenen Blättern rede, bei noch bisher verborgenen besonderen Umständen derselbigen mich auch auf die allgemeinen Ursachen bezogen, aber nicht in der Absicht, als ob es nicht natürliche und besondere, aber mir noch zur Zeit unbekannte Ursachen haben könnte. Denn es steht wohl zusammen, dass man sage, eine Seuche werde von Gottes Strafgerichten erweckt, und dass sie doch durch natürliche Ursachen gewirkt werde. 

Weil mich die Abschrift dieses Aufsatzes um einen Posttag zurück gesetzt, so habe ich noch bei einem guten Freund die Dissertation De masticatione mortuorum in Tumulis oder Trakat von dem Kauen und Schmatzen der Toten in Gräbern von M. Michael Ranft, in Leipzig gedruckt, zu sehen bekommen. Sie ist aus eben einer solchen Gelegenheit, die sich Anno 1725 in Serbien begeben hat, geschrieben, besteht in einer Sammlung allerhand historischer Dinge, und in einer Erklärung, die noch um ein gutes schlechter ist als die meinige. 

Auch habe ich indessen gesehen Garmann De miraculis mortuorum, L. 1, in welchem Tit. 3 auch eine Abhandlung von diesen Dingen ist. Seine historische Nachrichten sind die Quelle, aus welcher auch Ranft sein meistes geschöpft hat. Die Erklärung ist nicht einmal so speziell, als das wenige, was ich schon angesetzt hatte, und hier anschließe. Die Exempel, welche in den Regensburger Zeitungen aus Böhmischen Chroniken angeführt wurden, sind aus Erasmus Francisci’s Höllischem Proteus angezogen, dessen Art. 38 eine ziemliche Sammlung solcher Dinge begreift. 

Im Übrigen bitte ich ergebenst derselbe lasse mich vielmehr meines Gehorsams im Versuchen einer Erklärung genießen, als meiner Ungeschicklichkeit in deren Erfüllung entgelten. Ich empfehle mich übrigens etc.  

 

Die Begebenheit der sogenannten Vampire ist so entfernt von den gewöhnlichen Naturgeschichten und Ordnungen, dass ich mich wohlbedacht enthalten habe, eine Erklärung derselbigen auch nur zu versuchen, so lang es mir frei gestanden, solche Überlegung zu unternehmen oder zu versäumen. Aber nach der gütigen Anfrage, die an mich beliebt worden, bin ich schuldig einen Versuch zu machen. Dieser wird nach meiner Schwachheit ausfallen, und nicht nach der Sachen Notdurft und Wichtigkeit; daher bitte ich mir zwei Dinge aus. Eines dass ich meinen Vortrag nicht für Mutmaßungen, sondern nur für Argwohn ausgebe. Das andere, dass er nicht so wohl gemeint sei zu Erklärung der Sache, als zur Anleitung auf fernere Untersuchung. 

Vornehmlich sehe ich die mir zugesandte Erzählung so an: Auf der einen Seite ist sie mit so viel besonderen Umständen und guten Zeugnissen versehen, dass man von dieser Sache nicht urteilen darf, wie von andern dergleichen Erzählungen, deren eine große Menge zu denen Fabeln gehört. Auf der andern aber ist sie nicht so vollständig, dass sie alles, was zu einer gründlichen und ausführlichen Erklärung nötig wäre, enthält. Es wird sich bald zeigen, was man etwa noch mehr von der Geschichte wissen sollte, um tiefer auf ihren Ursprung zu kommen. 

Die Schwierigkeiten der Erklärung scheinen gleich im Anfang viele zu sein; aber bei näherer Betrachtung sind es an der Zahl weniger. Es ist etwas Ungewöhnliches, dass sich in lang vergrabenen Körpern frisches Blut, gesunde Eingeweide, neue Haut und neue Nägel finden, wo gleich nebenan andere liegen, die in kürzerer Zeit ganz anders und verwesen erschienen. Noch wunderlicher ist es, dass es die Leute vorher wissen, dass sich nach ihrem Tod solche Dinge bei ihnen äußern werden, dass sich auch ihre Körper nach dem Tod mehren und fett werden sollen; dass sich das Übel von einem auf viele fortgepflanzt, und in so kurzer Zeit tödlich ist; auch dass es kein Mittel dagegen gibt, außer das Ausgraben und Vernichten des schon toten Körpers. Ich halte für das wichtigste die Erklärung des noch frischen und flüssigen Bluts, denn aus demselbigen komme viel anderes. Zum Exempel, dass die inneren Teile vor der Verwesung so weit bewahrt werden, dass sie noch einige Zeit hernach als ganz und frisch aussehen, ist kein Wunder, wenn das sämtliche und meiste Blut so erhalten worden ist, dass es noch nicht in Fäulnis übergegangen; die Fäulnis fängt von den flüssigen Teilen und vornehmlich dem Blut an. Von da an greift sie erst die festen Teile an und bringt sie mit der Zeit zur Verwesung. Daher wer ein Mittel hätte, dass nunmehr stillstehende Säfte des Leibes nach dem Tod vor der Fäulnis zu bewahren, der würde eben hierdurch auch das Fleisch und alle feste Teile vor der Verwesung schützen. 

So wäre es dann das erste, das man dieses frische Blut erkläre: Ich gestehe gerne, dass, ob ich es gleich nicht hinlänglich erklären kann, ich mich doch für sicher halte, dass es nicht erst von den lebendigen Menschen ausgesogen sei, oder nach gewöhnlicher Nahrungsart in den toten Körpern erzeugt worden sei. 

Die Umstände sind diese: Man findet das Blut nicht anders, als wie es zum öfteren bei Toten geschieht. Es dringt ihnen zu dem Mund, Nasen, Ohren und Augen heraus. Dieses geschieht je und je bei Toten, wenn das Blut nach den Umständen der Krankheit oder der Jahreszeit in eine Gärung kommt, ehe die Toten begraben, und da sie folglich noch unter unseren Augen sind. Man findet ferner das Blut häufig in der Höhle der Brust, in den Kammern des Herzens etc. dieses geschieht auch anderswo, und ich habe es nach etlichen Tagen selber gesehen, dass nicht eben nur geronnenes, sondern auch viel flüssiges Blut in dem Herzen und daherum sich finden lassen. Bei einem einzigen Weib und ihrem Kind (Num. 20. 6) heißt es, dass man solches Blut auch im Magen gefunden habe. Dieses kann leichter für ein von Verletzung ausgeronnenes, als von Aussaugen übriggebliebenes Blut gehalten werden. Dass man also aus diesen Umständen (da ich die Länge der Zeit noch auslasse) nichts besonderes vorfindet, dass nicht auch anders wo öfters gesehen würde. Dann das fette Weib aus Num. 20. 2. bedeutet nicht viel. Sie darf sich nicht erst im Grab so vollgesogen und fett genährt haben. Die Erzählung redet nur NB. Vom äußerlichen Ansehen, man habe sich über ihren fetten, vollkommenen Leib verwundert: Dieses verstehe ich von einen vollkommenen Aussehen, da der Leib von den in Fäulnis gehenden Säften aufgetrieben wird. So ist auch bekannt, dass der Bauch schöner, runder und fetter ist als das Gesicht, wovon die Heyducken haben zeugen können. Kommt also die Hauptsache auf die Zeit an: Warum ist das Blut nach so langer Zeit der Beerdigung frisch und flüssig gefunden worden? Ich kann nichts kunstfertiges sagen; bin auch jetzt und hier nicht in den Umständen, dass ich Versuche aus dem Blut machen könnte, von welchem man wüsste, mit was für Mitteln sich das Blut auf kürzere oder längere Zeit flüssig erhalten ließe, damit man hernach raten, oder auch untersuchen könnte, ob solcherlei Ursachen in gegenwärtigem Fall eintreffen? Auch besitze ich nicht genug chemische Erkenntnis, aus der gemeinen Angabe, und Erklärung der Teile des Bluts solcherlei Mittel durch bloße Beurteilung herauszufinden. 

Bleibt mir also nur eines übrig: Ich meine die allgemeinste Erfahrung. Da weiß ich soviel: Das Blut bleibt länger flüssig wie gewöhnlich, wenn es in mäßiger Wärme erhalten wird. Es kommt auch in Gärung, wenn es bei solcher Wärme eingeschlossen ist; und wo die Gärung stark wird, bricht es an den Orten durch, wo die Gewalt am größten, oder der Widerstand am geringsten, oder doch jene größer ist als dieser. Ich erkläre z.E. das bekannte und öfters vorkommende Bluten erschlagener Leute, wenn sie bei Anwesenheit des beschuldigten Mörders ausgegraben werden, und Blut aus Mund, Nasen, Augen, Ohren, oder den Wunden austreiben, in denjenigen Fällen, wo es aus natürlichen Gründen herkommt, so, dass ich der Ansicht bin, bei der schnellen Einscharrung eines noch ganz warmen Körpers, besonders der mit Erde rings umschüttet wird, könne sich die Wärme nicht so in die Luft verlieren, dass sie in wenigen Tagen zerfließen sollte. Denn in der Naturlehre ist bekannt, je fester ein Körper ist, je länger hält er die Wärme, die er einmal empfängt. Auch gibt er nicht mehr von sich, als bis er nach und nach mit dem benachbarten in gleicher Wärme ist: Daher, wo es an einem sonst warmen Ort, oder zu warmer Zeit ist, diese Wärme länger anhält, auch immer langsamer abnimmt, je näher die Wärme dieses und der anliegenden Körper schon einerlei ist. Nun ist auch gewiss, dass, wo eine Fäulnis bei eingeschlossenen Körpern anfangen solle, eine Gärung, und durch dieselbige mehr oder weniger Hitze entsteht, die, wo sie nicht verfliegen kann, die Gärung vermehrt, die Flüssigkeit unterhält, und bei nächster Gelegenheit entweder eines freieren Lagers oder Rüttelns, oder eines zerrissenen Gefäßes ausbricht. 

Diesem allen erfordere ich nicht einen Grad der Wärme, weder äußerlich an dem Körper, noch in der Erde des Grabes von solcher Größe, dass wir ihn mit Händen fühlen können; denn weil ich keine Wärme fühle, als die größer ist, als die Wärme meiner Hand; so erscheint mir in diesen Fällen der Körper und die Erde kalt, denn sie ist kälter als meine Hand. Man hat ja täglich Exempel, dass Sachen mit innerlicher Wärme in Gärung sind, die uns kalt scheinen: Und mein Blut hört nicht auf flüssig zu sein, auch in den äußersten Teilen, so bald es mich dort friert. So weiß man auch außer diesem, dass in unterschiedlichen Krankheiten, sonderlich bei Weibsbildern, hier und da geschehen ist, dass man sie ein- oder zwei Tage für tot gehalten. Jedoch, da bei all diesem Erkalten in freier Luft das Blut seine innerliche Flüssigkeit nicht verloren hat, weil sie sonst nicht wieder zu sich und ins Leben zurückkommen können. 

Daher, wenn ich etwas sagen solle, da ich doch lieber meine Unwissenheit insgeheim behalten wollte, so frage ich dieses: Ist es dann ganz und gar ungereimt zu argwöhnen? 1. dass die Lebensart und Krankheit der Leute, von denen die Frage ist, ein solches Blut bei ihnen verursacht habe, dass bei einer mäßigen Wärme zu einer langsamen Gärung mehr geschickt sei, als überhaupt gewöhnlich ist? 2. Dass sie unter solchen Umständen begraben wurden, welche dem Körper etwas Wärme erhalten oder zugeben können? Z. E. bald nach dem Tod, ehe noch das innere des Körpers so erkaltet war, dass das Blut noch vor der Einscharrung hat gerinnen können. Ferner, dass sie nicht in Särge gelegt, sondern unmittelbar mit Erde bedeckt wurden; und was dergleichen Dinge mehr sein können, welche sich besser erraten ließen, wenn mir die Gebräuche dieser Heyducken bekannt wären. 

Auf die Erde und ihre Beschaffenheit, oder Adern habe ich bisher nicht sonderlich achten können, weil ich sie nicht kenne; auch die verwesenen Exempel Num. 8, 9 und 15 mich noch mehr auf solcherlei Argwohn bringen, wie ich zuerst angezeigt habe, als auf den Unterschied der Ede. Es wäre denn, dass sich auf der Stelle selbst ein anderes bemerken ließe. Von kalten Gärungen wovon man in allerhand Fällen mancherlei Aufhebens macht, habe ich auch nichts sagen wollen, weil ich sie auf das Blut und dessen Flüssigkeit nicht ausdeuten kann. Es sei aber wie es sei, ob die Flüssigkeit des Bluts der Vampire von diesen oder anderen Gründen herkomme, so habe ich schon oben angezeigt, dass von dieser nicht unbillig der frische Zustand der so wohl inneren, als äußerlichen Teilen des Leibes hergeleitet werde. Welches auch aus der Erzählung Num. 1. von der in Verwesung gefallenen Gebärmutter mehr bestärkt als umgestoßen wird. Weil sich in selbigem Exempel zeigt, dass die Fäulnis von anderen verschlossenen und von dem Blut abgesonderten Feuchtigkeiten herrühre. Ein neuer Umstand sind die neuen Nägel und Haut. Ich wünschte, dass es ein wenig ausführlicher beschrieben wäre: z. E. Ist die alte Haut an einem oder doch großen Stück über die Hand abgeschält, oder nur das Überhäutlein hin und her, auf und abgesprungen gewesen, als wie wenn es anfangs verdorrt, hernach bei innerlicher Auftreibung der Hand von dem Gären des Bluts aufgesprungen und abgelöst wäre, dass man also die aufgetriebene und frische Haut darunter hat sehen können? Sind die alten Nägel ganz abgefallen gewesen, und neue glatte harte Nägel an ihrer Stelle erschienen? Oder sind die neuen Nägel nichts anderes, als die Enden der zusammen gehenden Fäserlein gewesen, in Gestalt eines unausgemachten Nagels? Oder sind die alten Nägel nur an einigen Orten abgelöst gewesen, und es hat sich ein schier neuer Nagel darunter oder dahinter gezeigt? 

Ich vermute in diesen Sachen einige Umstände, welche das Wunder verringern, weil nirgends nichts vom Wachsen der Haare, des Barts und dergleichen berichtet wird, welches man sonst für leichter hält, als das Wachsen neuer Nägel und Häute. Auch sollte es ein Wunder sein, wenn alles gewachsen wäre, Haut, Nägel und Fett und nur die Haare wären zurück geblieben. 

Schließlich was die Wirkung dieser Blutsauger unter ihren Landsleuten antrifft, so scheide ich die Strafen und Gerichte Gottes, die Versuchungen und Werke des Satans von den natürlichen Geschichten. Ich sehe diese Krankheit als eine Heyducken-Pest an, deren Ursprung ich nicht kenne; deren Fortgang durch die Furcht und Einbildung befördert wird, und nach dieser beider geschehener Ablegung sich wieder verliert. Bei welchem allen der Aberglaube wissentlich und unwissentlich viel Umstände anflickt, womit sich der einmal eingeführte Wahn erhält. 

Dergleichen dürfte wohl sein: Das Essen von einem Tier, das von Vampiren angegriffen war, das Bestreichen mit der Erde und dem Blut eines Vampirs, das Köpfen derselben und Verbrennen und deren Wirkung eher aus Aberglauben durch verwirrte Einbildungen, oder satanische Versuchungskräfte, als aus der Natur nach deren ordentlichen Gesetzen herzuleiten sein dürfte. 

Doch bin ich der Meinung, dass man sich so lange in natürlicher Erklärung versuchen möge, als es nicht sein kann, und man nicht alles sogleich von verborgenen und geisterhaften Kräften ableite. Z. E. der laute und vernehmliche Krächzer, den der tote Arnold Paole von sich gegeben, als ihm ein Pfahl durch das Herz geschlagen wurde, ist nichts besonders. Es hat schon mancher Weinschlauch, wenn die Luft mit Gewalt heraus gepresst wurde, eben solche Krächzer von sich gelassen, als die Lunge und Luftröhre dieses Vampirs; und doch ist ein Schlauch kein Vampir. So ist auch, was der Heyduck Joviza von dem Traum seiner Schwiegertochter Stanaka erzählt, ist ungeachtet des schwarzen Flecks, von dem in Num. 13 berichtet wird, nicht notwendig etwas Übernatürliches. Denn dass es einem jungen Heyduckenweib von einem ihr bekannten Heyducken-Junggesellen träume, er fasse sie um den Hals, ist, glaube ich, hier nicht das erste mal geschehen. Dass sie aber krank darauf wurde, und sogar einen Fleck an demselbigen Ort zurückbehalten hat, stelle ich mir so vor: Die Seuche, die ich schon oben angenommen habe,  kann die Leute sowohl des Nachts als des Tags befallen, und die Merkmale zeigen sich auf unterschiedliche Weise und an unterschiedlichen Orten. Ein natürlicher Traum aber ist nach meiner Erkenntnis ein Werk der Einbildungskraft, die durch eine Empfindung, welche uns noch nicht ganz aus dem Schlafe erweckt, ihren Anfang nimmt, und hernach nach den Regeln der Einbildungskraft fortgeht. Diese Regeln bestehen vornehmlich in dem, dass eine gegenwärtige Vorstellung vermögend ist, noch andere mehr hervorzubringen, die mit ihr ähnlich sind, entweder aus der Sache selbst, oder von der Zeit, oder dem Ort, wo man das eine oder das andere ehemals empfunden oder vernommen hat, und diese Reihe geht fort, so lange der Traum ohne neue dazwischen kommende Empfindung währt. Denn wo neue dazwischen kommen, so wird es ein zusammen gesetzter Traum, der noch ärger untereinander geht als der erste, ungeachtet auch ein einfacher in seinem Fortgang närrisch genug ausfallen kann. Also kann es sein, dass der erste Angriff der Seuche, und folglich die erste Empfindung des Übels an der Brust und Halse gewesen, und diese Empfindung  den Anfang des ersten Traums gegeben, da die geschäftige Traumbringerin, die Einbildungskraft, aus alten Erzählungen einen Vampir und so einen verstorbenen Bekannten jungen Gesellen hervorgebracht, und in einer Stellung, die sich zu der gegenwärtigen Empfindung schickte, vorgestellt hat. Oder es kann auch bei einem anderen schweren Traum von einem erscheinenden Vampir geschehen sein, dass man sich an diesem Ort mit Anstoßen, oder auf andere Weise verletzt, folglich diese Empfindung den Traum vollends bis auf diesen Angriff des Vampirs fortgeführt, und hernach erst völlig aufgeweckt habe. Beiderlei Gelegenheiten sind fähig, dass sie ein Merkmal nach dem Tod hinterlassen können. Und wer weiß alle die tausenderlei Ursachen, wodurch an einem toten Körper öfters Male gestoßen werden, die noch unterlaufen? So hätte man auch anzeigen sollen, ob diese Person mehr solche blaue, mit Blut unterlaufene Flecken gehabt habe oder nicht? 

Daher wenn ich je etwas von diesen Vampiren raten soll, so argwöhne ich, dass es eine ansteckende, von Zeit zu Zeit ausbrechende Seuche sei, welche die Menschen in kurzer Zeit auszehre, und das Blut in einen solchen Stand versetze, dass es zu einer langsamen Gärung und daher rührenden Flüssigkeit bereitet sei, und von einer oder anderen Gelegenheit z.E. von schneller Begrabung des innerlich noch warmen Körpers, von dichter Aufschüttung der Erde um einen solchen Körper, von äußerlicher zu einem nicht tief eingegrabenen Körper eindringenden Sonnenhitze, von einiger auf den Körper eintropfender, scharfer, aber nicht fressender Feuchtigkeit oder dergleichen anderen Umständen, gemächlich in einige innere Gärung gebracht werde, sich folglich aufblähe, in die äußeren Teile des Körpers ausdringe, und damit sowohl ein fälschlich-frisches Aussehen als auch wirklichen Ausfluss verursache. 

Dass sich hernach die Heyducken so viele andere Wunderlichkeiten einbilden, ist mir auf der einen Seite leid, denn in Seuchen ist die Furcht gefährlich; und auf der andern ist mir’s lieb, denn das Vertrauen, welches sie nach geköpften und verbrannten Vampirkörpern haben, verursacht, dass sie auch der Seuche wiederstehen, so dass hernach ihre Kraft gemindert wird und ihr Lauf aufhört. Es geht der Pest in Polen auch so, dass, wenn man sich nicht mehr vor den Schmerzen fürchtet, selbige abnimmt und aufhört, und doch glaube ich nicht, dass sie der tote Schmatzer verursacht habe. Ja ich glaube nicht einmal an solche Schmatzer, wohl aber an tote Körper, denen mit Vorbedacht zu Verstopfung oder auch Abdrückung des schweißenden Munds, oder aus Unvorsichtigkeit, oder ungefähren Zufall vielleicht auch eine Bosheit das Leichenlaken oder Totenhemd in den Mund gesteckt, und die so begraben werden. Denn Schmatzen ist kein Ton, der in abgeschlossener wenigen Luft so mächtig sei, dass er noch vernehmlich sei, Auch muss Lippe auf Lippe liegen und abgerissen werden, wenn man schmatzen will, aber nicht Lippe auf und von Leinwand.

 

Zuletzt, und damit mein Raten doch auch was nutzen möge, so will ich den Vorteil meines Argwohns in diesem suchen: Man kann es sehr leicht erfahren, ob ich’s erraten habe. Erstlich: kennt man ja die Gewohnheit dieser Leute im Begraben ihrer Toten, und ob z.E. bei dem Begräbnis der verwesten Körper einiger Unterschied gehalten wurde. Von den übrigen, in Ansehung der Zeit nach dem Tod, der Tiefe des Grabes, der Eingrabung mit oder ohne Sarg und dergleichen; Es dünckt mich immer, wenn die Art der Eingrabung mit der Verscharrung eines ermordeten Körpers vieles gemeinsam hat, dass auch dieses Bluten mit jenem eine Ähnlichkeit habe, und was Num. 1 steht von der nachlässigen Begrabung des Kindes, das halb von Hunden verzehrt wurde, stärkt mich in diesem Argwohn. Zum andern: Kann man an derselbigen Stelle, wo dieses vorgegangen ist, und folglich die Erde von gleicher Beschaffenheit ist mit dem Begraben unverdächtiger Personen nach einiger Zeit ihren Zustand erkunden. Drittens: Könnte man auch wirkliche Vampire, ehe man ihnen die Köpfe abschlägt, einige Zeit ausgraben lassen, und sehen, ob sie in solchem frischen Stande bleiben oder verwesen? Denn weil die angegriffenen Personen nach der Aussage des Arnold Paole nicht sterben, wenn sie sich mit dem Blut des Vampirs bestreichen und von der Erde seines Grabes essen, so könnte man sich des Bluts, welches den Vampiren aus Augen, Ohren etc. ausläuft, und der Erde bedienen, auch den Leuten glauben machen, der Vampir wäre verbrannt, und hernach zu sehen, wie es den Vampiren ginge? Viertens: Sollte man bei dergleichen Öffnungen, wo sich irgendwo ausgelaufenes Blut z.E. im Magen, oder in der Höhle der Brust befindet, untersuchen wo selbiges ausgebrochen wäre? Damit es vielleicht mit der Art der Krankheit verglichen werden könnte. Daher Fünftens: Eine vollständige Krankheitsbeschreibung sehr nötig wäre; und Sechstens: Nicht nur eine allgemeine Öffnung sondern eine ganze Zergliederung eines solchen Körpers, da sonderlich diejenigen Teile, so zur Nahrung dienen, wohl untersucht würden, auch Siebentens: Die Beschaffenheit dieses Vampirbluts durch chemische Mittel wohl geprüft würde. Auch wäre es gut, wenn man Achtens: Auch noch mehr historische Nachrichten haben könnte, ob diese Sachen nur allein das Räzenvolk angegriffen? Wie ich unterrichtet worden bin. Ob es öfters solcherlei Seuchen gebe? Was es für eine Bewandtnis mit dem von Vampiren angegriffenen Vieh habe? Ob ein Vieh dem anderen auch zum Vampir werde? Oder ob es allein bei dem verbleibe, was in der Beschreibung steht, dass menschliche Vampire das Vieh angreifen, und die Menschen, die solches Vieh essen, wieder zu Vampiren werden. Wiederum, ob denn diese Vampirseuche so oft vorkomme, dass immer noch Leute leben von einer Seuche zur anderen, und folglich die neuen Vampire von den jetzt vorhergehenden entstehen? Oder ob es auch andere Arten gebe, nach denen einer zum Vampir werden kann? Denn im ersten Fall könnte man die Vampire auf ewig ausrotten, wenn man so lange alle Toten verbrennen, oder mit Pfählen durchs Herz spießen würde, bis von den heutigen Einwohnern niemand mehr übrig wäre, und was dergleichen mehr ist.

Autor

Nicolaus Equiamicus - geboren 1974. Deutschsprachiger Forscher, Sammler und Übersetzer verschiedener historischer Werke zu Themen wie Vampire, Hexen, Dämonen und/oder Geister. Neben den historischen Bearbeitungen veröffentlicht er auch Kurzgeschichten und wissenschaftliche Beiträge. Ein Teil seiner Veröffentlichungen erschien unter dem Namen Abraham Silberschmidt.

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