DER SCHEINTOD

Ludwig Achim von Arnim und Clemens Brentano (Hrsg.)

1806

Ersterscheinung in: Achim von Arnim und Clemens Brentano: "Des Knaben Wunderhorn", Band 1, Mohr u. Zimmer, Heidelberg und Frankfurt, 1806

bibliothèque: "Des Knaben Wunderhorn" ist eine der bekanntesten deutschen Volksliedsammlungen. Der Text "Der Scheintod" hat augescheinlich nicht wirklich etwas mit Vampiren zu tun, doch die Verknüpfung von Scheintod und untotem Leben als Widergänger oder Vampir war im Volksglauben eng verknüpft. (2014)

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Volltext

Des Jerman Weizers Fraue ward
Mit großer Angst beschweret,
Von wunderbarer Krankheit Art,
Auch sollt sie bald gebären,
Sie betet: Wär' das Kind zur Welt,
Darnach, wenn's Gott dem Herrn gefällt,
Wollt sie auch gerne sterben.

Sie starb zu ihrer Kinder Leid,
Ward in ein Grab getragen,
Die Kinder gingen lange Zeit
Vielmal an allen Tagen,
Wohl auf den Kirchhof zu dem Grab,
Sie weinten sich die Äuglig ab,
Im Hause still zu bleiben.

Als nun die Frau neun Tage lang,
Im Grabe hat gelegen,
Die Kinder nahmen ihren Gang,
Zum Kirchhof täten gehen,
Da hörten sie ein lieblich Stimm
Auf ihrer Mutter Grab, vernimm,
Ein Kinder-Liedlein singen.

Nun schlaf mein liebes Kindelein,
Sangs mit der Mutter Tone,
Die Kinder liefen freudig heim,
Mit einer Blumenkrone:
"O Vater, lieber Vater mein!
Geh mit uns auf den Kirchhof ein ,
Die Mutter singet schöne.

Sie wiegt im Grab ein Kindelein,
Darum wir Blumen tragen."
"Ihr lieben Kinder bleibt daheim,
Eur' Mutter schläft ohn' Klagen."
Die Kinder ließen keine Ruh,
Der Vater ging dem Grabe zu,
Tät auch die Stimme hören.

Ein überlieblich reine Stimm,
Er hört an diesem Orte,
Mit Wunderkraft, mit frohen Grimm
Er reißet auf die Pforte,
Er hebet auf den schweren Stein,
Den eichnen Sarg er schlaget ein,
Dann stürzt er betend nieder.

Es lag die schöne Fraue da,
Das Kind an ihrer Seite,
Die andern Kinder treten nah,
Sie tät die Arme breiten:
"Herzlieber Mann, dein Kind nimm an"
Er sah es voller Freuden an,
"Und lass dich nicht entsetzen."

Das Kindlein lacht den Vater an,
Sie gingen all nach Hause,
Ein Bad man tät anrichten dann,
Man ladet viel zum Schmause.
Gelehrte kamen auch heran,
Zu schauen das Mirakel an,
Zu hören ohne Grausen.

Da nahm sie einen Becher Wein,
Dann grüßte sie die Freunde,
Und sprach: "O Tod, du böser Schein!
Ich schien wohl tot, ihr weintet,
Ich wachte auf, und war allein,
Ich lag im engen Kämmerlein,
Ein Kind hatt' ich geboren."

Sie sprach und dankte Gott so rein:
"Dreimal in einem Tage,
Bracht mir ein kleines Knäbelein,
Die Speis zum Glockenschlage,
Dass ich mein Söhnlein nähren konnt,"
Und sprach: "Neun Tage wart zur Stund,
Du gehest aus dem Grabe:

Doch länger nicht als noch drei Jahr,
Wirst du noch bleiben leben,
Du sollst es zeigen an fürwahr,
Den Bösen allen die leben;
Sie sollen sich bekehren all,
Von Fluchen, Lästern allzumal,
Der jüngste Tag ist nahe."

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Autoren

Ludwig Achim v. Arnim (eigentlich: Carl Joachim Friedrich Ludwig von Arnim) wurde 1781 in Berlin geboren. Er studierte in Göttingen Arzneikunde und Naturwissenschaften. Seine eigentliche Leidenschaft galt aber der Literatur und dem Sammeln und Aufzeichnen mündlich Volk verbreiteten Liedguts. Er lebte längere Zeit mit seinem Schriftstellerfreund Clemens Brentano zusammen, dessen Schwester er auch heiratete. L. Achim v. Arnim starb 1831.

Clemens Brentano wurde 1777 in Frankfurt a. Main geboren. Er studierte in Jena wo er auch 1805 heiratete. Es verband ihn eine tiefe Freundschaft mit L. Achim v. Arnim, und er lebte ganz für die Literatur. Er starb am 28. Juli 1842 in Aschaffenburg.

 

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weiterführende Links

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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