FESTKALENDER

(Fasti)

Ovid

ca. 8 n. Chr.

 

bibliothèque: Ein unvollendetes lyrisches Epos zu römischen Festtagen, Namen, Riten und Bräuchen mit ihren Grundlagen der römisch-griechischen Mythen und geschichtlicher Ereignisse. Der Aufbau lässt die Vermutung zu, dass ursprünglich zwölf - für jeden Monat einen - Gesang geplant waren, die aufgrund der fehlenden Recherchemöglichkeiten in der Verbannung Ovids (ab 8 n.Chr.) nicht weitergeführt werden konnten.

In der Wiedergabe des Textes beschränken wir uns hier auf einen Auszug aus dem sechsten Gesang (Junius), der uns die Strigen und ihr Treiben an einem Beispiel beschreibt und auch Abwehrmöglichkeiten der blutsaugenden Vögel benennt. (2010)

Volltext (Auszug)

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Autor

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Sechster Gesang
(Junius - sechstes Buch, sechster Monat)

Auszug Verse 131 - 168 (Die Strigen)

Vögel gibt es voll Gier, doch jene nicht, welche des Phineus Tafel entrissen die Kost; aber sie stammen daher: Großer Kopf und starrendem Blick, ihr Schnabel zum Raube scharf; das Gefieder ist grau; hackig die Krallen zum Fetzen. Nachts nur fliegen sie, haschen der Amme bedürftige Kinder, und zerreißen sodann den Wiegen entraubten Leiber! Milchiges Eingeweide, so sagt man, pickt ihr Schnabel, und sie haben den Schlund voll von geschlürftem Blut. Dies Ohreulengeschlecht wird darum strigibus genannt, ihr Ruf schallt durch grausende Nacht.

Ob sie geboren nun sind, ob Zauber sie schuf und ein altes marsisches Weib formte Vögel aus Klagegesang - sie gelangten auch einst in Procas Gemach: der dort eben Geborene ward nach fünf Tagen ihr Raub. Ha! sie schlürfen mit gieriger Zunge am Herzen des Knaben; doch das unglückliche Kind wimmert und klagt nach Schutz. Rasch folgt die Amme, aufgeschreckt von der Stimme des Säuglings, und sieht die von den spitzen Klauen zerkratzen Wangen.

Was hier tun? Das Kind im Gesicht die Farbe des späten Laubes an Bäumen, das neu gewachsen, der Winter zerstört. Doch die Amme eilt zu Cranaen und sagt, was geschehen.
"Dir sei Furcht fern," spricht jene, "denn bald siehst du gerettet das Kind."

Und sie kam zu der Wiege, wo weinten Vater und Mutter.
"Beendet die Tränen! Ich helfe euch selbst."

Mit dem Hagedornzweig dreimal bestreicht sie die Pforten der Reihe nach, und berührt dreimal die Schwelle damit. Dann besprengt sie den Gang mit heilkräftigem Wasser; von einem geschlachtetem Schwein haltend die rohen Innereien ruft sie:
"Nächtliche Vögel, die Eingeweide des Knaben schont! Ein Opfer biete ich euch für das Kind: Herz für Herz, Fleisch für Fleisch, so flehe ich, nehmt! Für den Geist nehmt edleren an!" So bringt sie das Opfer und legt es zerteilt in die freie Luft, den Versammelten das Schauen verbietend.

Nun stellt sie den Weißdornstab des Janus dorthin, wo ein Festerchen dem Ruheraum Licht gab.
Seitdem haben die Vögel nicht mehr die Wiege verletzt und die Farbe, wie sonst, kehrte dem Knaben zurück.

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Die vorliegende Übertragung für die bibliothèque des vampires orientiert sich an der Übersetzung von Karl Seibl (1828)

Autor

Ovid - eigentlich: Publius Ovidius Naso. Der römische Dichter gibt als Geburtsjahr 43 v. Chr. an. Er starb 17 oder 18 n. Chr.

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