LILITH

Gottfried Gabriel Bredow

vermutlich zwischen 1799 und 1803

 

Aus „Rabbinische Mythen, Erzählungen und Lügen.“
Kap. 2. Adam, Lilith und Eva. Weilburg 1833. S. 8 ff.

bibliothèque: Eine (jugendfreie) Nacherzählung der jüdischen Legenden um die auch in Vampirkreisen bestens bekannte dämonische Urmutter Litith.
Der Text wurde vorsichtig der heutigen Rechtschreibung angepasst. Ein Glossar ist beigefügt.
(2013)

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Volltext

„Jeder hörte schon von der Lilith.[1] Man erzählt von ihr, sie sei eine Dämonin, ein weiblicher böser Geist, welche mit ihrer Nachkommenschaft den kreißenden Frauen die Niederkunft erschwere, nach der Entbindung zu schaden suche und auch den Neugeborenen Kinder nachstelle und wenn gegen sie nicht geschützt würde, tötet ...“ [2]

 

Als Gott den Adam aus Erde geschaffen hatte, sprach er zu seinen dienenden Engeln: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, ich will ihm eine Genossin schaffen, die um ihn sei.“ Und er schuf ihm eine Frau aus Erde, wie er ihn geschaffen hatte, und nannte sie Lilith. Und Adam war männlich und stark, und sammelte die Früchte des Paradieses, und brachte sie der Lilith. Lilith aber war weiblich und zart, und genoss die Früchte, und gebar dem Mann Söhne und Töchter. Bald aber entstand ein Zank unter ihnen. Lilith lehnte sich auf gegen Gottes Gebot: „Und er soll dein Herr sein;“ und wollte den Adam nicht ehren. „Wir sind beide einander gleich,“ sprach sie; „wir sind beide aus der Erde geschaffen; was soll ich dir gehorchen?“ Und Adam antwortete: „Du bist nach mir geschaffen; ich habe die ersten Kräfte der Erde empfangen, dass ich für dich sorgen und dich beschützen sollte; du aber sollst mich ehren und lieben, und meine Kinder ernähren.“ - Doch Lilith ließ nicht ab, zu zanken mit Adam, dass Jehova sich seiner erbarmte.

Er ließ einen Schlaf fallen über Adam, und nahm eine Rippe aus seiner Seite, und verschloss die Stätte mit Fleisch. Und Adam erwachte und siehe eine zweite Frau stand an seiner Seite und er nannte sie Eva. Eva aber liebte den Mann mit aller Liebe des Weibes; sie ehrte ihn als den erstgeborenen Sohn der Erde; und gehorchte ihm gern, denn sein Gebot war Liebe.

Da berief Gott die dienenden Engel zum Hochzeitsmahl, auch lud er den Adam und seine Frauen. Und bereitete vor ihnen einen Tisch von Edelsteinen, besetzt mit den fröhlichsten Speisen des Paradieses. Auch eilten die Engel herbei und brieten ihnen das Fleisch, und kühlten ihnen den Wein. Eva aber ward geschmückt mit einem Kranz, und Jehova führte im Tanz sie zu Adam; und segnete sie, wie er einst Adam und Lilith gesegnet hatte; und die Sonne, der Mond und die Sterne tanzten vor ihnen unter dem Gesang der Zimbeln und Harfen.

Aber Samael der Seraphim [3] erzürnte über Jehova, dass er den Menschen also ehrte, und dass er selbst die Diener der göttlichen Majestät dem Sohn der Erde dienen sollten. Er ging umher und suchte, wie er sie verdürbe. Da begegnete ihm Lilith, voll Neid über die Ehre der Eva, und voll Eifer gegen Adam und Jehova. Samael erkannte sie und sprach: „Was? Duldest du es, dass sie, die nach dir geschaffen ward, vor dir geehrt wird? Ist sie auch nur eine Tochter der Erde gleich dir? Aus des Mannes Rippe ward die Schwache gebildet; und wahrlich! Unsterblich soll sie nicht sein; nimmer soll sie Unsterbliche gebären. Komm, zuerst geborene Tochter! Entfliehe dem Adam, teile mit mir ewiges Leben; und lass uns ersinnen, wie wir sie verderben.“

Und eifrig willigte Lilith ein, und entfloh mit Samael von Adam. Adam aber trat mit Gebet vor seinen Schöpfer, und sprach: „O du Herr der Welt! Das Weib, das du mir gegeben hast, Lilith ist von mir geflohen.“ Da schickte der Heilige stracks drei Engel ihr nach, sie zurückzubringen zu Adam. Diese gingen nach ihr, und trafen sie mitten im Meer, in dem mächtigen Wasser, in dem einst die Ägypter umkommen sollten, und erzählten ihr Gottes Befehl; aber sie wollte nicht wieder zurückgehen, sondern schwur: „Bei dem allmächtigen Gott! Ich kehre nicht wieder zu ihm zurück. Aber schwächen will ich die Kinder des Adam schon im Leib der Mutter, verführen will ich die Männer und Weiber, und ihnen schaden dafür, dass ich verachtet bin.“ Als die Engel diese Worte hörten, drangen sie darauf, dass sie den Schwur zurücknähme; aber mit ergrimmter Gebärde schwur sie wiederholt bei dem Namen des lebendigen und ewigen Gottes. Und die Engel gingen von ihr; denn sie fürchteten sich vor ihr. Indes ging Samael aus mit dem Heer seiner Engel und suchte ein Bündnis gegen Jehova. Und er fand die Schlange, welche im Paradies die Gestalt eines Kamels hatte, und weit über alle Tiere der Erde hervorragte. Und er setzte sich auf sie, und ritt zur Eva, und die Lilith mit ihm, und sprach zu ihr: „Ist dem also, dass Gott gesagt hat, ihr sollt von allen Bäumen des Gartens essen?“ Und gedachte, ich will mehr fragen, und etwas dazusetzen, auf dass sie davon tue. Da antwortete sie ihm: „Nur die Bäume in der Mitte des Gartens hat er uns verboten, und hat gesagt: Von diesen sollt ihr nicht essen; an dem Tag aber, wo ihr davon esst, sollt ihr des Todes sterben.“ Und Samael erwiderte: „Glaubest du dem? Schau, ich bin ein Diener der göttlichen Majestät; ich schuf euch mit, da ihr entstandet. Jehova fürchtete, dass ihr ihm gleich würdet, wenn ihr von dieser Frucht äßet; darum verbot er sie euch. Aber ihr werdet den Göttern gleich sein und ewig leben, wenn ihr von diesem Baum esst.“ Doch Eva weigerte sich und nahm nicht von dem Baum. Da trat Lilith herbei und sprach: „Dem Kind, das du jetzt unter deinem Herzen trägst, wirst du Schönheit geben, du wirst es weise machen, gleich Jehova, und befreien von allem Übel, das Jehovas Neid über deine Söhne und Töchter verhängte, wenn du diesen Baum anrührst und seine Frucht kostest.“

Und Evas Mutterliebe ward bewegt. Lilith trat zum Baum und rührte ihn an, und sprach: „Sieh, ich habe ihn angerührt, und bin nicht gestorben.“ Und Samael brach die Frucht und aß davon, und sprach: „Sieh, ich habe von der Frucht des Baumes gegessen und bin nicht gestorben.“ Und Eva nahte, berührte den Baum und der Baum seufzte; und sie brach von der Frucht und Samael stand vor ihr als der Engel des Todes. Der Baum aber schrie und sprach: „Du Fuß der Hoffahrt, weiche von mir!“ Und Samael entfloh und Lilith mit ihm. Eva aber stand da, bleich und starrend, und bebte wie im Schauer des Todes. „Allmächtiger Regierer der Welt!“ Flehte sie: „Lass mich denn wenigstens das Kind erst gebären, das mein Schoß trägt; lass mein Geschlecht unsterblich sein, und nicht mit mir der Sünderin auch sie alle vertilgt werden, denen du die Erde zur Wohnung bestimmt hast. Aber sollte denn auch er, der schuldlos ist an meiner Sünde, sollte auch Adam mit mir und durch mich sterben müssen? Ewige Gerechtigkeit! Erhalte ihm das Leben, das ich mir raubte.“ Und sie weinte laut. Jehova aber hörte ihr Flehen, und rief herab vom Himmel: „Unsterblich soll dein Geschlecht sein! Ewig soll Adam leben!“ Den Samael aber ergriff er mit seiner Schar und stürzte ihn hinab von dem Ort seiner Heiligkeit aus dem Himmel; und er irrt umher auf der Erde als Verführer zum Bösen und Engel des Todes im Landes der Heiden. Und der Schlange schnitt er die Füße ab, und sprach über sie den Fluch: „Auf deinem Bauch sollst du kriechen, und alle sieben Jahre mit großem Schmerz deine Haut ablegen,“ und zur Lilith redete er: „Verflucht seiest du vor meinem Angesicht! Heulen und keifen sollst du dein ewiges Leben hindurch; Unruhe soll in deinem Herzen wohnen, und unstet und flüchtig sollst du auf Erden sein.“ Und sie wandelt umher, und sucht den Frieden der Erde zu stören mit grimmiger Gebärde. - Nur wo sie findet, dass zwei Herzen eins sind, erblasst sie im Gefühl ihrer Ohnmacht.

 

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Anmerkungen

[1] Lilith = Lilith gilt in der jüdisch-talmudischen Überlieferung als Adams, des ersten von Gott geschaffenen Menschen, erste Frau. Sie zeigte sich offen für die bösen Einflüsse des Teufels, (in diesem Fall erhielt er den Namen Samael) und verweigerte zukünftig Adam die Gefolgschaft. In der Legende hat sie anders als im biblischen Beispiel regen Anteil am Sündenfall des menschlichen Geschlechts und dessen Vertreibung aus dem paradiesischen Garten. Sie wird daraufhin von Gott verflucht und verfolgt von diesem Zeitpunkt an als ein böser Nachtdämon die Menschen und stellt insbesondere Säuglingen und deren Müttern nach. Sie trägt dadurch vampirische Züge an sich, ähnlich den antiken römischen Lamien und Strigen: „Jedenfalls ist der Glaube, dass Samael und seine Schar die Stammeltern zur Unzucht verleitet und Unzucht mit ihnen getrieben habe, sehr alt und reicht wohl in die Zeiten Christi hinauf, weshalb wir hiervon sprechen. Die Lehre von der Lilith begründete man durch die Stelle Jesaja 34,14, wo der Name Lilith genannt wird; der Talmud weiß von ihr zu erzählen (Nidda S. 24. b. Erubin 100, b.) und Augustin spielt darauf an, wenn er sagt: Die Juden lehren in ihren Deuteroseis, dass Gott dem ersten Menschen zwei Weiber erschaffen habe; hiermit sind Eva und Lilith gemeint.“ August Friedrich Gfrörer: „Geschichte des Urchristentums.“ Stuttgart 1838. S. 398.

[2] = aus: Dr. L. Adler: „Talmudische Welt- und Lebensweisheit oder Pirke Aboth“ 1. Band. Fürth 1851. S. 288.

[3] = Seraphim sind mit den Cherubim sind nach der biblischen Lehre die höchsten Engelgattungen in Gottes Reich.

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Autor

Gabriel Gottfried Bredow - 1773 bis 1814. Deutscher Lehrer. auch: G.G. Bredow.

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weiterführende Links

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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