DIE LEICHENFRESSERIN

Johann Wilhelm Wolf

1851

- Märchen -

 

zitiert nach: J. W. Wolf, "Deutsche Hausmärchen", Göttingen und Leipzig (1851)

bibliothèque: Dieses Märchen zeigt aus heutiger Sicht die Symbolik des Vampirmythos nur versteckt und wir würden die Geschichte um die Königstochter und den Schneider eher mit Scheintod und Zombie in Verbindung bringen. In den alten Legenden waren die Grenzen dazu bestenfalls fließend, wenn überhaupt schon vorhanden, so dass aus damaliger Sicht die Verbindung von "Leichenfresserin" und "Vampir" nur naheliegend war.
Märchen gehören mit zu den brutalsten Erzählungen, die ich in der Literatur kenne und manche Eltern werden sich sicher fragen, ob sie dieses wirklich einem Kinde zumuten können. Eine etwas seltsame Fragestellung, wenn ich gefragt würde, solange auf dem Nachttisch des Kindes die "Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm" oder die Hauffsche Märchensammlung für die nächste Gute-Nacht-Geschichte bereitliegen. Und auch bei diesem Märchen zeigt sich am Ende, dass das Gute siegt und, wenn sie nicht gestorben sind, noch heute glücklich leben ...
(2013)

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Volltext

Der König von England hatte eine wunderschöne Tochter, die sprach zu ihm : "Vater, wenn ich zwanzig Jahr alt bin, so sterbe ich, dann will ich hinausgetragen sein in das alte Kapellchen vor der Stadt; da sollt ihr mich in meinem Sarg hineinstellen und jede Nacht eine Schildwache dabei." Wie sie gesagt, so geschah es: Sie starb auf ihren zwanzigsten Geburtstag und der König ließ ihren Willen tun. Sie ward in ihrem Sarg hinausgetragen in das Kapellchen und vor den Altar gestellt, und als es Nacht wurde, musste eine Schildwache dabei bleiben. Als aber des andern Morgens der Soldat abgelöst werden sollte, lag er da und war ihm das Genick gebrochen. Ebenso ging es mit der zweiten Schildwache und mit der dritten, und zum vierten Male wollte es niemand probieren, ob der König gleich eine große Belohnung darauf setzte. Damals war aber gerade am Hof von England ein fremder Schneidergeselle. Er war auf seiner Wanderschaft dahin gekommen, und weil er so gut arbeitete, ließ ihn der König nicht mehr fort, ob er gleich gar dringend darum bat, weil er das Heimweh hatte. Der machte nun einen Anschlag, wie er sich auf gute Art aus dem Staube machen möchte und als er glaubte, es würde so gelingen, trat er vor den König und sprach: "Herr König, wollt ihr mir diesen Abend einen Säbel, eine Patronentasche und ein Gewehr geben lassen, so will ich hinausgehen und bei der Prinzessin Schildwache stehen." Darob lobte ihn der König sehr und ließ ihm das Verlangte geben. Der Schneider ging damit ganz keck über die Straße und zum Tor hinaus; als er aber draus war, dachte er mit keinem Gedanken mehr an die Prinzessin, sondern machte rechts um und lief fort, was er laufen konnte. Da hörte er sich auf einmal bei Namen rufen, er hielt an und sah sich um, da stand ein klein alt Männlein vor ihm und sprach, er solle doch kein Narr sein und fortlaufen, er gehe ja seinem eignen Glücke durch. Wie er das meine? fragte der Schneider. "Ei," sagte das Männchen, "wenn du gescheit bist, so gehst du zurück und bleibst heute Nacht in dem Kapellchen, ich will dir sagen, wie du es anfangen musst, dass du die Prinzessin, erlösest und König wirst." Der Schneider wollte Anfangs Nichts davon wissen, doch endlich ließ er sich überreden und fragte, wie er sich dazu anstellen müsse, dass ihm nicht auch das Genick gebrochen würde? Da sagte das Männchen, er solle nur in die Beichtkammer der Kapelle gehen, darin läge eine Reihe von Leichen und mitten darin sei noch ein Platz frei, da solle er sich hineinlegen und sich durch nichts irre machen lassen, was auch geschehen möchte. Dem Schneider steckte nun das Königwerden so im Kopf, dass er richtig umkehrte in die Kapelle und sich mitten zwischen die Toten in der Leichenkammer hineinlegte. Um elf Uhr sprang der Sarg auf, die Königstochter von England stieg heraus, kam in die Beichtkammer und fing an, die Leichen zu zerreißen und zu fressen. Der Schneider war mehr tot als lebendig, indem er ihr so zusah, wie sie dem einem Toten ein Bein abfraß und dem andern einen Arm und die Stücke in der Kammer herumwarf. Als es aber zwölf Uhr schlug, stieg die Prinzessin wieder in ihren Sarg, der Deckel klappte über ihr zu und alles war vorbei. Der Schneider stieg jetzt auf und stellte sich auf seinen Posten neben den Sarg. Des andern Morgens in aller Frühe kam der König mit dem ganzen Hofstaat herausgefahren, freute sich gar sehr, dass der Schneider noch lebte und nahm ihn in seiner eignen Kutsche mit nach Haus. In die Kapelle ließ er aber das allerbeste Essen aus der Schlossküche und ein ganzes Fass voll Wein bringen, damit der Schneider in der folgenden Nacht sich daran stärken könne. Dem wurde es aber doch ganz bang zu Mut, als es dunkel wurde und er wieder hinaus musste. Wenn du diesmal hingehst, frisst sie dich gewiss! dachte er, als er vor dem Tor draus war und machte rechtsum und lief fort, diesmal aber einen ganz andern Weg, damit ihm das Männchen nicht begegnen sollte. Wer ihm aber doch begegnete, das war das Männchen. "He! guter Freund!" rief es ihm auf einmal zu, "wo hinaus so eilig?" Da sprach der Schneider, diesmal gehe er nicht mehr hin, und wenn er hundertmal König werden und hundert Prinzessinnen heiraten sollte. Das Männchen sprach ihm aber gar freundlich zu, er habe jetzt die Hälfte schon vollbracht und brauche nur noch die eine Stunde auszuhalten, er wolle ihm ja sagen, wie er sich anstellen müsse, damit ihm an Leib und Leben nichts geschehen könne. Der Schneider dachte, es wäre doch immerhin schön, wenn er schon den andern Tag Hochzeit halten könnte und ließ sich zum zweiten Male bereden. Das Männchen sprach jetzt, er solle getrost wieder hingehen und sich zwischen die Toten legen, wenn aber die Prinzessin wieder da sei und so recht gierig an einer Leiche fresse, so solle er hinter ihr vorbeischleichen, bis vor den Altar und statt ihrer in den Sarg steigen. Und so tat ers. Um elf Uhr kam die Königstochter wieder und machte sich über die Leichen her wie ein Wolf, riss eine nach der andern voneinander, warf die Gebeine in der ganzen Kirche herum und schrie dabei in Einem fort: "Ich krieg' dich doch, du magst stecken, wo du willst." Endlich aber blieb sie bei einer Leiche sitzen und fraß und fraß, als wenn es der beste Braten gewesen wäre. Da stand der Schneider leise auf, schlich an ihr vorbei, bis vor den Altar und legte sich in den Sarg. Mit dem Schlag Zwölf kam die Prinzessin und wollte hineinsteigen. Als sie aber den Schneider sah, fing sie an sehr zu klagen und zu bitten, es sei ja ihr Bett, er solle doch herausgehen und sie hineinlassen, dass sie schlafen könne. Als das nichts half, fing sie an aufs Fürchterlichste zu toben, als wenn sie ihn auf der Stelle umbringen wollte; er blieb aber ruhig liegen und sie konnte ihn nicht anrühren. Mit dem Schlage Eins stürzte die Prinzessin zusammen und blieb auf dem Boden liegen und schlief. Der Schneider stand auf und sprach: "Du hast gut schlafen, denn du hast dich satt gefressen, ich habe aber seit gestern Mittag noch nichts in den Leib bekommen!" und somit machte er sich über das Essen und den Wein her und ruhte nicht eher, als bis er auch auf den Boden fiel und schlief wie ein Sack. Des andern Morgens kam der König mit dem Hofstaat herein, da lagen sie alle zwei auf der Erde, das Eine da und das Andere dort und schliefen als sollten sie nicht wieder aufstehen. Als nun Hochzeit gehalten war, und der Schneider zum ersten Mal bei der Prinzessin lag, da fürchtete er sich so vor ihr, dass er aus dem Bett springen wollte, wenn sie nur einen Finger bewegte. "Ei du Narr," sprach sie, "bleib nur, ich tu' dir ja nichts, ich hab' auch die Leichen nicht gefressen, es musste dir nur so vorkommen." Da fürchtete sich der Schneider nicht länger und gab ihr einen herzhaften Kuss. Sie lebten lang und glücklich beisammen und bekamen viele schöne Kinder.

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Autoren

Johann Wilhelm Wolf wurde 1817 geboren und brachte längere Zeit seines Lebens in den Niederlanden zu. Nach Deutschland zurückgekehrt, ließ er sich in Darmstadt nieder. Er machte des öfteren ausgedehntere Reisen durch den Odenwald und die Niederlande und sammelte dort bei den Einheimischen sein Material für seine Märchensammlung, die 1851 erstmals im Druck erschien. J. W. Wolf starb am 28. Juni 1855 in Darmstadt.

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