KURIOSER UND SEHR WUNDERBARER BERICHT,

VON DENEN SICH NEUERDINGS IN SERBIEN ZEIGENDEN BLUTSAUGERN ODER VAMPIREN,

aus authentischen Nachrichten und mit philosophischen Erwägungen begleitet

(Curieuse und sehr wunderbare Relation von denen sich neuer Dingen in Servien erzeigenden Blut-Saugern oder Vampyrs, aus authentischen Nachrichten mitgetheilet, und mit Historischen und Philosophischen Reflexionen begleitet)

W. S. G. E.

1732

- in der Bearbeitung von Nicolaus Equiamicus (2008) -

 

bibliothèque: Bei dem vorliegenden Volltext handelt es sich um die Übertragung durch Nicolaus Equiamicus.
(c) Alle Rechte beim Verfasser der Bearbeitung. Mit freundlicher Genehmigung für die Nutzung in diesem Projekt.
(2008)

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Volltext

Die Fakten.

I. Bericht

Im Jahre 1725 wurde das erste Mal unter dem 31. Juli von Wien in den öffentlichen Zeitungen Folgendes geschrieben. Man sieht hier einen Bericht, welchen der kaiserliche Amtmann in dem Gradisker-Distrikt in Ungarn an die kaiserliche Verwaltungsbehörde zu Belgrad wegen einer besonderen Begebenheit hat ergehen lassen, mit folgendem Inhalt: „Nachdem bereits vor zehn Wochen ein in dem Dorf Kisolova im Rahmer Distrikt sesshafter Untertan namens Peter Plogojovitz gestorben, und nach raitzischem [1] Brauch zur Erde bestattet worden ist, hat es sich in genanntem Dorfe Kisolova geäußert, dass innerhalb von acht Tagen neun Personen, sowohl alte als auch junge, nach überstandener 24stündiger Krankheit so dahingestorben sind, dass sie, als sie noch auf dem Sterbebett lebendig lagen, öffentlich ausgesagt haben, dass oben genannter Plogojovitz zu ihnen im Schlafe gekommen sei, und sich auf sie gelegt und sie gewürgt habe, so dass sie nunmehr den Geist aufgeben müssten. Hierüber waren die übrigen Untertanen sehr bestürzt und wurden in solchem noch mehr bestärkt, da des Verstorbenen Weib zuvor ausgesagt hatte, dass ihr Mann zu ihr gekommen sei, und seine Schuhe begehrt habe, und sie sich danach von dem Dorf Kisolova weg, und in ein anderes begeben habe. Nachdem aber bei dergleichen Personen, welche sie Vampire nennen, verschiedene Zeichen, als dass ein Körper unverwest, Haut, Haar, Bart und Nägel an ihm wachsend zu sehen sein müssen, so haben sich die Untertanen einhellig entschlossen, das Grab des Peter Plogojovitz zu öffnen und zu sehen, ob sich wirklich oben genannte Zeichen an ihm befinden. Zu welchem Ende sie sich hierher zu mir gefügt, und nebst Andeutung vorerwähnten Falles mich samt dem hiesigen Geistlichen ersucht haben, der Besichtigung beizuwohnen. Und ob ich ihnen schon solche Handlung untersagt habe, mit der Meldung, dass ich ein Solches vorher an eine löbliche Administration [2] untertänigst gehorsam berichten, und derselben hohe Erlaubnis hierüber vernehmen müsste; haben sie sich doch keineswegs hierzu bequemen wollen, sondern vielmehr diese kurze Antwort von sich gegeben: Ich möchte tun, was ich wollte; aber sofern ich ihnen nicht gestatten würde, nach vorheriger Besichtigung und rechtlicher Erkenntnis mit dem Körper nach ihrem Gebrauch zu verfahren, müssten sie Haus und Gut verlassen, weil bis zur Erhaltung einer gnädigsten Entscheidung von Belgrad wohl das ganze Dorf (wie schon unter türkischen Zeiten geschehen sein sollte) durch solchen üblen Geist zu Grunde gehen könnte, welches sie nicht erwarten wollten. Da ich nun solche Leute weder mit guten Worten noch Bedrohungen von ihrem gefassten Entschluss abhalten konnte, habe ich mich unter Zuziehung des Popen in besagtes Dorf begeben, den bereits ausgegrabenen Körper des Peter Plogojovitz besichtigt und befunden, dass erstens von diesem Körper und dessen Grab nicht der mindeste, sonst der Toten gemeine Geruch zu verspüren war; der Körper, außer der Nase, welche etwas abgefallen war, ganz frisch gewesen ist; Haare und Bart, ja auch die Nägel, wovon die alten hinweg gefallen waren, an ihm gewachsen sind; die alte Haut, welche etwas weißlich war, sich hinweg geschält, und eine neue frische darunter hervorgetan hat. Das Gesicht, Hände und Füße, und der ganze Leib waren so beschaffen, dass sie in seinen Lebzeiten nicht hätten vollkommener sein können; in seinem Munde habe ich nicht ohne Erstaunen einiges frisches Blut erblickt, welches er, der allgemeinen Aussage nach, von den durch ihn Umgebrachten gesogen hatte. Alles in allem, es waren alle Anzeichen vorhanden, welche dergleichen Leute an sich haben sollten. Nachdem nun sowohl der Pope als auch ich dieses Spektakel gesehen hatten, der Pöbel aber mehr und mehr ergrimmter und bestürzter wurde, haben die gesamten Untertanen in schneller Eile einen Pfahl gespitzt, und diesen, um damit den toten Körper zu durchstechen, an das Herz gesetzt. Da ist bei solcher Durchstechung nicht nur sehr viel Blut, welches ganz frisch war, auch durch Ohren und Mund, geflossen, sondern es sind noch andere wilde Zeichen (Peniserektion) vorgegangen. Schließlich haben sie genannten Körper nach dem in diesem Fall gewöhnlichen Brauch zu Asche verbrannt, etc.

 

II. Bericht

Wien den 4. Februar 1732.

Von den Blutsaugern, welche bekanntlich nach ihrem Tod umher gehen, und den Leuten das Blut aus ihren Brüsten bis zum Sterben saugen, welche Begebenheit schon von alten Zeiten her in Mähren, Ungarn und anderen angrenzenden Provinzen sehr oft geschehen sein soll, ist jüngstens wieder ein ausführlicher Bericht, der von vielen Zeugen unterschrieben war, welche dem Prozess mit beigewohnt haben und die Sache untersuchen halfen, aus Serbien hier angelangt.

Dieser Bericht lautet vollständig von Wort zu Wort folgender Gestalt:

Nachdem die Anzeige geschehen ist, dass in dem Dorf Medvegya in Serbien an der türkischen Grenze die so genannten Vampire einige Personen durch Aussaugung des Blutes umgebracht haben sollen, bin ich auf hohe Verordnung eines hiesigen löblichen Oberkommandos, um die Sache vollständig zu untersuchen, nebst dazu kommandierten Herren Offizieren und 2 Unterfeldscherern [3] dahin abgeschickt worden, um gegenwärtige Untersuchung in Beisein des Stallater Heyducken [4] Kompaniekapitän Gorschiz, Hadnuck [5], Baijactar [6] und ältesten Heyducken des Dorfes, folgendermaßen vorzunehmen und zu verhören:

Welche dann einhellig aussagten, dass sich vor ungefähr fünf Jahren ein hiesiger Heyducke namens Arnont Parle, durch einen Fall von einem Heuwagen den Hals gebrochen hat. Dieser hat sich zu seinen Lebzeiten öfters verlauten lassen, dass er bei Gossova in dem Türkischen Serbien von einem Vampir geplagt worden sei, daher habe er von der Erde des Grabes des Vampirs gegessen, und sich mit dessen Blut beschmiert, um von der erlittenen Plage entledigt zu werden. 20 oder 30 Tage nach seinem Todesfall haben sich einige Leute beklagt, dass sie von genanntem Arnont Parle geplagt würden, wie dann auch wirklich vier Personen von ihm umgebracht worden sind. Um nun dieses Übel einzustellen, haben sie auf Anraten ihres Hadnucks (welcher schon vormals bei dergleichen Begebenheiten gewesen ist) diesen Arnont Parle nach Verlauf von 40 Tagen nach seinem Tod ausgegraben, und gefunden, dass er ganz vollkommen und unverwest sei, ihm auch das frische Blut zu den Augen, Nase, Mund und Ohren herausgeflossen ist; Das Hemd, Übertuch und der Sarg seien ganz blutig gewesen, die alten Nägel an Händen und Füßen samt der Haut abgefallen, und dagegen eine neue gewachsen. Weil sie nun hieraus geschlossen haben, dass er ein wirklicher Vampir sei, so haben sie demselben nach ihrer Gewohnheit einen Pfahl durch das Herz geschlagen, wobei er einen vernehmlichen Ächzer getan, und viel Blut von sich gelassen hat. Worauf sie den Körper gleich am selbigen Tag zu Asche verbrannt, und diese in das Grab geworfen haben.

Ferner sagen oben genannte Leute aus, dass alle diejenigen, welche von den Vampiren geplagt und umgebracht würden, ebenfalls zu Vampiren werden müssten, also haben sie die obengenannten vier Personen auf gleiche Art exekutiert. Dem fügen sie auch hinzu, dass dieser Arnont Parle nicht allein die Leute, sondern auch das Vieh angegriffen und ihm das Blut ausgesaugt habe. Weil die Leute das Fleisch von solchem Vieh genutzt haben, zeigt es sich auch aufs neue, dass sich wiederum einige Vampire hier befinden. Insgesamt sind in der Zeit von drei Monaten 17 junge und alte Personen gestorben, worunter einige ohne vorher gehabte Krankheit in zwei oder längstens drei Tagen gestorben sind. Dabei meldet der Heyducke Joviza, dass seine Schwiegertochter Stanjoicka sich vor 15 Tagen frisch und gesund schlafen gelegt hat, um Mitternacht aber sie mit einem entsetzlichen Schreien, Furcht und Zittern aus dem Schlaf aufgefahren sei und geklagt habe, dass sie von einem vor neun Wochen verstorbenen Heyduckensohn namens Milloe am Hals gewürgt worden sei, worauf sie große Schmerzen auf der Brust empfunden und sich so von Stund zu Stund schlechter befunden habe, bis sie schließlich am dritten Tag gestorben ist.

Hierauf sind wir, nebst den oftgenannten ältesten Heyducken des Dorfes denselben Nachmittag auf den Friedhof gegangen, um die verdächtigen Gräber öffnen zu lassen, und die darin sich befindlichen Leichen zu besichtigen; wobei nach sämtlicher Sezierung sich gezeigt hat:
1. Ein Eheweib namens Stana, 20 Jahre alt, welche vor zwei Monaten nach dreitägiger Krankheit nach ihrer Niederkunft gestorben ist, und vor ihrem Tode selbst ausgesagt hat, dass sie sich mit dem Blut eines Vampirs bestrichen hätte, und dass folglich sowohl sie, als auch ihr Kind (welches gleich nach der Geburt gestorben, und durch leichtsinniges Begräbnis von den Hunden bis auf die Hälfte verzehrt worden war) ebenfalls Vampire werden müssten, waren ganz vollkommen und unverwest. Nach Eröffnung des Körpers zeigte sich in der Brusthöhle viel frisches, aus den Gefäßen ausgetretenes Blut, die Gefäße, wie die Arterien und Venen, nebst den Herzkammern, waren nicht (wie sonst gewöhnlich) mit geronnenem Blut gefüllt. Sämtliche innere Organe, wie Lunge, Leber, Magen, Milz und Gedärme, waren ganz frisch, genau wie bei einem gesunden Menschen, der Uterus aber befand sich ganz groß und äußerlich sehr entzündet, weil Plazenta und Lochia [7] bei ihr geblieben waren, und selbiger daher in völliger Fäulnis war. Die Haut an Händen und Füßen samt den alten Nägeln fiel von alleine herunter, hingegen zeigten sich nebst einer frischen und lebhaften Haut ganz neue Nägel.
2. War eine Weib namens Miliza, an die 60 Jahre alt, welche nach dreimonatiger Krankheit gestorben, und vor rund 90 Tagen begraben worden ist. In der Brust befand sich viel flüssiges Blut; die anderen inneren Organe waren wie bei der Vorgemeldeten in einem guten Stand. Die umstehenden sämtlichen Heyducken haben sich bei der Sezierung über ihren fetten und vollkommenen Leib sehr verwundert, und sagten einhellig aus, dass sie das Weib von ihrer Jugend auf wohl gekannt haben, und diese Zeit ihres Lebens ganz mager und ausgedorrt gewesen ist, mit nachdrücklicher Vermeldung, dass sie erst in dem Grab zu eben dieser verwunderungswürdigen Fettheit gelangt sei, auch soll sie, der Leute Aussage nach, jetziger Zeit den Anfang der Vampire gemacht haben, zumal sie das Fleisch von den Schafen, welche von den vorhergehenden Vampiren umgebracht worden sind, gegessen hat.
3. Befand sich ein achttägiges Kind, welches 90 Tage im Grab gelegen hat, gleichermaßen im Vampirstand.
4. Wurde ein Heyduckensohn namens Milloe, 16 Jahre alt, ausgegraben, welcher neun Wochen im Grab gelegen hat, und nach dreitägiger Krankheit gestorben war, und wie die anderen Vampire gefunden wurde.
5. Ist der Joachim, gleichfalls eines Heyducken Sohn, 17 Jahre alt, nach dreitägiger Krankheit gestorben: Nachdem er acht Wochen und vier Tage begraben gelegen hatte, befand er sich bei der Sektion gleichergestalt.
6. Ein Weib namens Rusche, welche nach zehntägiger Krankheit gestorben und vor sechs Wochen begraben worden war; bei welcher auch viel frisches Blut nicht allein in der Brust, sondern auch im Magen gefunden wurde, wie es sich gleichfalls bei ihrem Kind, welches 18 Tage alt war, und vor fünf Wochen gestorben ist, gezeigt hat.
7. Nicht weniger befand sich ein Mädchen von 10 Jahren, welche vor 20 Monaten gestorben war, in dem beschriebenem Zustand, ganz vollkommen und unverwest, und hatte in der Brust viel frisches Blut.
8. Hat man des Hadnucks Weib samt ihrem Kind ausgraben lassen, welche vor sieben Wochen begraben worden ist, sowie ihr 8 Wochen altes Kind, das vor 21 Tagen gestorben ist, dabei aber gefunden, dass sowohl die Mutter als auch das Kind völlig verwest sind, obwohl sie in gleicher Erde, und nächst den Gräbern der Vampire gelegen waren.
9. Ein Knecht des hiesigen Heyduckenkorporals, namens Rhade, 23 Jahre alt, ist nach dreimonatiger Krankheit gestorben, und nach fünfwöchentlichem Begräbnis völlig verwest aufgefunden worden.
10. Des hiesigen Baijactar’s Eheweib samt ihrem Kind, welche vor fünf Wochen gestorben sind, waren gleichermaßen völlig verwest.
11. Bei dem Stancko, einem Heyducken, 60 Jahre alt, welcher vor sechs Wochen gestorben ist, habe ich gleichfalls viel flüssiges Blut in der Brust und im Magen gefunden, und der ganze Leib war in oftbenannten Vampirstand.
12. Milloe, ein Heyducke, 25 Jahre alt, welcher sechs Wochen in der Erde gelegen hat, fand sich gleichermaßen in dem oftgenanntem Vampirstand.
13. Stanjoicka, eines Heyducken Weib, 20 Jahre alt, ist nach dreitägiger Krankheit gestorben, und vor 18 Tagen begraben worden. Bei der Sezierung habe ich gefunden, dass sie in dem Angesicht ganz rot und von lebhafter Farbe war, und, wie oben gemeldet, sie von des Heyducken Sohn, namens Milloe, um Mitternacht am Hals gewürgt worden sei, was sich auch augenscheinlich zeigte, da sie rechter Seiten unter dem Ohr einen blauen mit Blut unterlaufenen fingerlangen Fleck gehabt hat. Bei Eröffnung ihres Sarges floss eine Menge frisches Blut aus der Nase. Nach der Sezierung fand ich (wie schon oft gemeldet) ein recht balsamisches Blut, nicht allein in der Brusthöhle, sondern auch im Herzen. Sämtliche Eingeweide befanden sich in vollkommen gesundem und gutem Stand; die Unterhaut des ganzen Körpers, samt den frischen Nägeln an Händen und Füßen, war gleichfalls ganz frisch.

Nach geschehener Besichtigung sind sämtlichen Vampiren die Köpfe durch die dortigen Zigeuner herunter geschlagen worden, und samt den Körpern verbrannt worden. Die Asche davon warf man in den Fluss Morava, die verwesten Leiber aber sind wieder in ihre vorher gehabten Gräber gelegt worden. Welches ich samt den mir zugegebenen zwei Unterfeldscherern bekräftige.

Medvegya in Serbien, den 7. Januar 1732.
(L.S.) Johann Flickinger / Regiments-Feldscherer Löbl. Fürstenbusch. Regiments zu Fuß.
(L.S.) Joseph Siegel / Feldscherer Löbl. Maragl. Regiments
(L.S.) Johann Friedrich Baumgärtner / Feldscherer Löbl. Obrist Baron Fürstenbusch. Regiments zu Fuß.

Wir Unterschreibenden bezeugen hiermit, dass alles dasjenige, was der Regimentsfeldscheer vom Fürstenbusch. Löbl. Regiment droben neben den unterzeichneten Feldscherersgesellen, die Vampire betreffend in Augenschein genommen hat, in allem und jeden der Wahrheit gemäß, und in unserer eigenen Gegenwart vorgenommen, untersucht und geprüft worden ist. Zu Bekräftigung dessen ist unsere eigenhändige Unterschrift zugefügt.

Belgrad den 26. Jan. 1732.
(L.S.) Güttner / Oberstleutnant Löbl. Alexandr. Regiments.
(L.S.) Johann von Lindenfels / Fähnrich Löbl. Alexandr. Regiments.

 

Anmerkungen.

Dieser vorstehende untertänige Bericht, ist zu Anfang dieses Jahres an seine hochfürstliche Durchlaucht, Prinz Karl Alexander von Württemberg / der Römisch - Kaiserlichen Majestät Geheimen Rat, Gouverneur der Festung Belgrad und des ganzen Bannats [8] von Serbien, etc. nach höchst derselben einige Zeit hergenommenen Hoflager zu Stuttgart im Württembergischen eingesendet, und von Seiner Durchlaucht hier und da gnädigst mitgeteilt worden. Nachdem nun von den häufig abgeschriebenen authentischen Kopien auch in hiesige Lande ein Exemplar gekommen ist, und, wie es bei neuen Zeitungen durch Korrespondenzen geht, halb dem einen, halb dem anderen erzählt wurde, so erweckte diese abenteuerliche und bei uns sonst unerhörte Begebenheit allenthalben große Verwunderung. Es war dieses, wenn nicht ein Zankapfel, doch eine fruchtbare Zusammenkunft hoher und niederer Personen. Auch die Damen fingen an mit verständiger Betrachtung darüber ihre Klugheit zu beweisen. Niemand aber war übler daran als die Herren Ärzte, die der eine da, der andere dort beim Ärmel kriegte, und von ihnen wissen wollte, was sie, wie sie selbst bekannten, noch nicht genügend erforscht hatten. Bei welchen wunderbaren mündlichen und brieflichen Disputen gescheite Leute unter uns ein neues Wunderwerk anmerken wollten, nämlich, dass die Herren Geistlichen auf ihren Predigtstühlen bisweilen so still schweigen konnten. Sie gemahnten uns mit dieser ihrer ungewöhnlichen, und darum desto lobenswerteren Zurückhaltung an jenes artige Sinnbild, als einer Loths Weib als eine Salzsäule malte, und darüber geschrieben hat: Mulier tacens [9]! Welch ein Wunder über Wunder! Hier sieht man auch einmal ein Weib, das schweigen kann! Ich wünschte mir hundertmal auf eine Zeitlang unter diesem glücklichen Stern zu sein, weiß aber nicht, warum man mich nicht schweigen lassen wollte. Wie sehr ich mich entschuldigte, wie oft ich mich auch auf mein altes Studenten-Sprüchlein berief: Si tacuisses, Philosophus manisses [10], so nötigte man mir doch hier und da ein Denkmal meiner Unwissenheit ab, und zuletzt fanden Personen, die sich über mich etwas herauszunehmen wussten, Mittel, zu bewirken, dass ich, um von der Marter abzukommen, zusammenschrieb, was ich hier und da zerstreut geredet hatte. Und ich warf es ins Feuer, und siehe, es ist ein Kalb daraus geworden! 2. Mose, Kapitel 32, Vers 24. Aber kein goldenes, welches zu seiner Fertigung eines so kunstfertigen Chemikers, als es Moses war, bedarf, sondern ein grob fleischernes, dessen Fett gewissermaßen riecht. Wenn es aber doch die Leute nicht anders haben wollen, so mögen sie es haben.

Wir wollen aber zur Sache selbst schreiten. Wenn ich nun zurück gehe, auf was man mich befragt hat, so entsinne ich mich, dass der eine alsobald hängen geblieben ist in dem Umstand von den unverwesten Körpern, der andere hat bei dieser Gelegenheit zeigen wollen, dass er in Naturkunde auch etwas verstehe, und wärmte das Gespräch von den Schmatzern im Grabe auf, der dritte war klüger, und wollte, man solle den Vampiren recht nahe auf den Leib rücken, und sagen, was doch aus ihrem Blutsaugen zu machen sei? Und der vierte erinnerte sich des klugen Rates jenes Beamten, welcher, als die Bauern über den großen Schaden der Feldmäuse an den Früchten klagten, riet, man sollte sie allesamt fangen. Und so meinten auch einige, man solle nur beizeiten diesen Blutschlürfern ihr Handwerk niederlegen, ehe sie die Lust bekämen, auch das deutsche Blut zu versuchen. Nach diesen unterschiedlichen Köpfen muss ich nun wohl auch den meinen richten, und also etwas sagen.

I. Von den Körpern, welche nicht verwest sein sollen.

§ 1

Denn dieses ist das erste Zeichen eines Vampirs, wie der oben genannte Bericht ausführlich beschreibt. Wenn man nun bloß nach dem Berichte überhaupt fragt, ob das schon öfters geschehen sei, dass ein menschlicher Körper (denn von anderen will ich der Kürze wegen nicht reden) nach der Trennung der Seele etliche Tage, Wochen, Jahre und Jahrzehnte, unverwest erhalten worden sei, so muss man durchweg mit einem Ja darauf antworten. Und zwar versteht sich solches nicht von solchen Körpern, die nichts als ihre äußerliche Gestalt behalten haben, an sich aber schon zu Staub und Asche geworden, und in solche alsbald zerfallen sind, wo sie an die freie Luft gebracht, und stark bewegt wurden. Dergleichen könnte man einem ohne Zweifel in vielen Grüften zeigen, und ich sehe daher nicht viel Besonderes an dem, was an dem Körper Karl V. nach 95 Jahren auf solche Weise wahrgenommen worden ist. Denn hier ist nicht die Rede von den Mumien, noch von Körpern, die durch Einbalsamierungen lange Zeit in besagtem Zustand konserviert werden können, sondern von Körpern, die ohne Kunst belassen werden, und doch in keine Verwesung übergehen, keinen Totengeruch von sich geben, Haut, Fleisch und Säfte, besonders das Blut, unversehrt, frisch und flüssig behalten haben. Dergleichen erzählen die Alten etwas von Hektor von Troja und Alexander dem Großen. Wenn bisweilen manche in Bergwerken oder anderen Erdfällen verschüttet worden sind, hat man einige Körper oft lange Jahre, auch halbe oder ganze Jahrzehnte, danach noch unversehrt gefunden. Unsere deutsche Acta Eruditorum [11] erzählt uns ein noch frisches Beispiel, welches ein württembergischer Pfarrer, Magister Georg Christoph Ludwig, in einer Schrift, die er Rothenackers Trauertag nennt, beschreibt. Es seien nämlich im Winter des Jahres 1709 etwa vierzig Männer seiner Gemeinde während eines Eisganges von der Donau mitgerissen, und vierundzwanzig darunter auf allerlei Weise jämmerlich verdorben worden. Nachdem man nun die Körper nach und nach zusammen gesucht, in eine warme Stube gebracht, und mit warmen Wein gewaschen habe, sei es geschehen, dass bei einigen, die vier, fünf, sechs, sieben bis acht Wochen unter dem Wasser gelegen haben, das helle klare Blut stark aus der Nase hervorgeflossen ist, so dass nicht nur ein Tropfen den anderen geschlagen, sondern bei einigen auch die Leichenlaken, in welchen sie eingenäht gewesen waren, mit Blut angefüllt wurden, welches zum Teil sogar durch die Totenbahre gedrungen sei. So armselig und traurig es hier bei diesen verunglückten Leuten herging, dass genannter beredter Prediger es nicht kläglich genug zu beschreiben weiß, so kostbar und ungemein prächtig und fröhlich ging es hingegen vor neun Jahren bei der schließlich erlangten Heiligsprechung des eben auch aus dem Wasser gezogenen Heiligen Johannes von Nepomuk ab. Dieser Johannes hat bisher auch unter den Protestanten viel Gerede verursacht. Er war aus dem Städtchen Nepomuk in Böhmen gebürtig, und daher heißt er „von Nepomuk“. Er wurde geboren um das Jahr 1320. Seine Gabe zu predigen brachte ihn an den Hof des Kaisers Wenceslai [12] zu Prag, und damit, wie es schon öfters unterdessen geschehen ist, in sein Unglück. Aber eben damit auch wieder zu seiner größten Ehre und Erhöhung. Zu seinem Unglück gereichte das besondere Vertrauen der kaiserlichen Gemahlin gegen diesen Hofprediger, und das argwöhnische Gemüt des eifersüchtigen Wenceslai. Denn dieser wollte wissen, was seine Gemahlin gebeichtet hätte, und Johannes wollte es nicht sagen. Darüber kam es mit ihm ins Gefängnis, und da dieses bei ihm nichts ausrichten wollte, so wurde er heimlich bei Nacht am 16. Mai des Jahres 1383 in die Moldau geworfen. Der redliche und getreue Johannes war kaum ertrunken, so vertrocknete das Wasser des Flusses drei ganze Tage lang, es erschienen allerhand helle Lichter an dem Ort, wo sein Körper liegen geblieben war, und dieser machte sich sogleich durch allerhand Wunderwerke bemerkbar, die in seiner Gegenwart fast so häufig geschahen, wie man eben jetzt von dem Grabe des Paris zu Paris erzählt. Warum wir aber seiner hier gedenken, hat den Grund, weil bei dessen kürzlich geschehener Exhumierung aus dem Grabe nach 338 Jahren der übrige Leib zwar als ein Skelett, die verschwiegene Zunge aber ganz frisch, und am Kopf und an der Seite zwei frische Wunden, woraus Eiter geflossen ist, gefunden worden sind. Die Akten dieser Canonisation [13] wurden zu Prag und Rom zusammen getragen, und sind wohl zu lesen, wenn nur das weibliche Geschlecht das dreiundachtzigste Blatt überschlägt. Doch ist der vierfache Gruß an diese Zunge noch andächtiger unter den Römischen, dessen Anfang lautet: „O liebwerter Heiliger Johannes! Ich bin nicht fähig mehr auszusprechen, als diese Worte: Ich habe gesündigt, und darum rufe ich dich mit Vertrauen an: Löse meine Zunge, damit ich erst meine Sünden herzlich bereue, und dann deine heilige Zunge würdiger verehren und ehrerbietiger grüßen möge, etc.“ Schließlich könnte man sich auch hier einigermaßen des Blutens der gewalttätig umgebrachten Körper erinnern, wenn der Täter zu ihnen hingeführt wird. Unter so vielen, was hiervon geschrieben wurde, ist vornehmlich ein bemerkenswertes Beispiel bei dem anmutigen Harsdörffer im Schauplatz jämmerlicher Mordgeschichten, c. 129. Aber ein weit flüssigeres, und alle gerichtlichen Folterungen durchgegangenes Beispiel von Grypswalden weiß ich in den Ephemerides Naturae Curiosum [14] aber nimmer wo, gelesen zu haben, bin auch so ungeschickt, es vor lauter Eile jetzt nicht in den vielen Bänden finden zu können.

§ 2

Fragt man nun jetzt nach der Ursache, wo diese Unverweslichkeit der Körper herzuleiten sein möchte, so steht hier zuallererst eine Probe, nämlich, wie wir Menschen die vor uns kommenden Dinge durch ganz ungleiche Brillen sehen, und deswegen ganz ungleiche, ja recht gegensätzliche Gestalten in ihnen erblicken. Kurz, einerlei Ding sieht der eine für eine Rana [15], der andere für eine Diana [16], der eine für eine Cerva [17], der andere für eine Minerva [18] an, um aus meinem alten Schulwissen auch etwas an den Mann zu bringen. Die guten Leute in Serbien an den noch barbarischen Grenzen der Türken, halten die unverwesten Körper der Begrabenen für ein Anzeichen eines fürchterlichen Vampirs, Plagegeistes, Würgengels, Blutsaugers und grausamen Mörders ihrer Nachbarn und Brüder, oder doch Geschwisterkinder. Die Griechen führen die Unverweslichkeit eines Körpers zum Beweis eines ansteckenden Ketzers, oder eines verruchten, verfluchten, verbannten und unter dem Bann gestorbenen Missetäters an. Die Herren Katholiken haben eine ganz gegenseitige Ansicht, und erblicken daran ein deutliches Merkmal eines begrabenen großen Heiligen. Dergleichen Hochachtung wäre, welche neben dem Johannes von Nepomuck, dem berühmten Judianer Apostel Francisco Xaverio und der heiligen Catharina von Bononien zu gute gekommen ist, ohne Zweifel auch dem Römischen Kaiser Karl V. widerfahren, wenn er sich in seinen letzten Stunden nicht heimlicher Ketzerei verdächtig gemacht hätte. Unter den Protestanten teilen sich, wie es bei ihnen gern zu geschehen pflegt, nach der größeren Freiheit zu denken, auch hier die Meinungen. Einige nehmen daran ein Pfand einer in die Ewigkeit lieblich grünenden und blühenden Woche, so habe ich zu meinem nicht geringen Vergnügen in einem neuen Journal, unter dessen Autorschaft auch ein gelehrter Arzt ist, folgendes merkwürdige Stück gelesen: Eine Witwe von 76 Jahren, die von früher Jugend an einen Ernst zum Christentum empfangen hatte, wurde vor ihrem Ende mit zwei lieblichen Träumen gestärkt, und starb in den heißen Hundstagen an der Wassersucht, so dass man wegen der Brandblasen und -flecken eine baldige Fäulnis besorgte. Aber am dritten Tage, als man zur Beerdigung eilte, sah man etwas ganz Unvermutetes. Ihr von hohem Alter und langer Krankheit verrunzeltes Gesicht und die Gestalt des Leibes klärte sich in einer Stunde, wie bei einer Person von 30 Jahren. Die Füße blieben in dem Brand ohne Geruch und Aufbruch. So lässt ein zum Leben durchbrechender und eindringender Geist auch in seiner Hütte ein Denkmal seines Sieges nach sich! Alle Anwesenden bekamen ein Herzenssiegel, es sei das Los auf das Liebliche gefallen! So ist also ein munterer Todeskampf besser als ein totes Leben!

§ 3

Andere raten, um der jetzigen Zeiten willen mit solcherlei Urteilen, wenigstens vor dem Publikum, ein wenig an sich zu halten. Denn man weiß ein noch merkwürdigeres Beispiel von dem unruhigen Eisenbeißer Alexandro M. [19] zu berichten. Dessen verblichener Leib lag in dem brennend heißen Mesopotamien, weil seine Generäle mit der Einrichtung ihrer eigenen Absichten so viel zu tun hatten, dass sie sich nicht nach ihm umsehen konnten, sieben Tage lang ganz verlassen, und schließlich, als man weder an ihn denken konnte (o wie sind große Herren oft bei Leben und Tod so schlecht bedient!) ergab es sich, dass man nicht die geringste Spur von Fäulnis an ihm bemerkte, sondern die lebhafte Farbe seines Angesichtes blühte wie eine Rose, und es schien, als wenn er noch atmete, so dass die Ärzte sich aus Ehrerbietung nicht getrauten, ihn sobald anzurühren und zu balsamieren, Curtius Rufus, Das Leben Alexanders des Großen, 1. Buch, Kap. 4 § 9. Daher wollen einige von keinen anderen, als bloß natürlichen Ursachen, wissen. Sie erzählen uns ein halbes Dutzend Mittel, wodurch ein Körper vor der Verwesung könne bewahrt werden. Als da sind:
1. Kälte
2. Wärme
3. Auslüftung
4. Luftausschluss
5. Salz & Ausdörrungsmittel
6. Fett. Und welches mir
7. zur Zugabe noch beigeht, Alkohol

Einige hierunter gehören zu künstlichen Bewahrung: Einige aber, besonders Luftausschluss, dienen zu unserem Vorhaben. So gewiss eine Maus, Vogel, und dergleichen Tier sterben muss, wenn mit der Luftpumpe die Luft aus dem Gefäß, worin es gesperrt ist, hinaus gepumpt wird, so wenig wird dieser erstickte Körper riechen oder faulen, so lange keine Luft zu ihm gelassen wird. Wenn nun auch ein menschlicher Körper in eine solche Lage gerät, so muss sich auch ein gleicher Effekt der Unverwesbarkeit ergeben. Kann die Luft von einem Körper abgehalten werden, so werden auch die in der Luft steckenden Salzkristalle abgehalten, dass sie in dem an sich selbst zwar zur Zersetzung geneigten Körper keine wirkliche Bewegung, Gärung und Auflösung der Teile verursachen können. Was die oben erwähnten, in der Donau viele Wochen lang frisch gebliebenen Körper, betrifft, so hat der Herr Autor des Buches eine gute ärztliche Beurteilung angehängt, welche Kap. 1 p. 29 nachgelesen werden kann. Ich gedenke bei dieser Wassergeschichte ein anderes, welches zwar gleichermaßen eine kalte, aber doch glücklichere und gesündere Herberge in diesem Element gefunden hat. Denn da erzählt Herr Dr. Joel Langelott, Herzoglich Holsteinischer Leibarzt, wie ein gewisser Gärtner in Schweden, der einen anderen retten wollte, mit demselben ins eiskalte Wasser versunken ist, alsobald erstarrte und 16 Stunden lang darinnen aufrecht geblieben ist, schließlich heraus gezogen wurde, mit Tüchern umhüllt an einem gelinden Feuer erwärmt und so wieder zum Leben gebracht worden sei, dass er danach noch sehr viele Jahre gelebt hatte. Drauf erwähnt er ein Weib, welches drei ganze Tage so unter Wasser lebendig geblieben, und auf die vorhergenannte Weise gerettet worden sei. Beide Beispiele sind gering gegen das dritte, in dem ein Jüngling von 17 Jahren, Burmann, ins Wasser gefallen war, und erst in der siebenten Woche gefunden, und auf oben beschriebene Weise wieder zum Leben gebracht worden sei. Über welchen Fall allerlei gelehrte Ärzte in den Ephemerides Naturae Curiosum, Dekad. 1 ad Ann. IV ihre Gedanken eröffnet haben, wie fern es möglich sei, dass ein Mensch so lang unter dem Wasser erhalten werden möge. Da sie denn bei dieser Gelegenheit noch mehrere Beispiele vorbringen, und im besonderen Herr Dr. Sal. Reisel eines einschaltet, das unserem Vorhaben nahe kommt, nämlich, wie der Körper eines erschossenen Jünglings öfter Blut geschwitzt, und unbegraben sieben Wochen ohne jeglichen Geruch und Fäulnis in seiner Farbe geblieben sei, wovon man dessen unzweifelhafte Versicherung habe. Hingegen will man dem Herrn Baron von Herberstein in Comment. rerum Moscovit keinen Glauben beimessen, wenn er nämlich von den Leuten in Lukomorien [20] verbreitet, dass ihnen die Nase von dem Eis zufriere, so dass sie den Winter über wie tot daliegen, jeden Frühling aber gleichsam wieder lebendig würden.

§ 4

Die Personen, mit welchen ich zu tun hatte, merkten meistens, dass ich mit diesen Umwegen nur durchzuschlüpfen suchte. Darum fassten sie mich genauer, und fragten, was denn letztendlich meine Meinung hiervon wäre? Ich gab sie dahin, dass alle diese Beispiele, wenn sie auch alle ihre Richtigkeit hätten, bei weitem noch nicht an die Begebenheit der Vampire hinreichten, da ihrer so viele auf einmal nicht nur unversehrt bleiben, sondern auch so eine Menge helles Blut in sich behalten, ja nach dem Tod vollblütiger und sonst vollkommener werden, als sie bei Lebzeiten gewesen sind. Da von den Ursachen, welche sonst die Naturkundler anführen, hier keine anzuschlagen scheint, da sie von keiner dicken und tiefen Erde verschlungen, oder von der aufliegenden Last des Wassers gedrückt sind, da andere neben ihnen liegen, und verzehrt werden, welche und dergleichen Umstände alle uns nötigen, hierbei an etwas weiteres zu denken, sei noch gar kein sicherer Schluss zu machen: Es hat etwa hier oder da ein so seltener und ungefährer Zusammenschluss natürlicher Ursachen sich begeben können, dass tote Körper eine Zeitlang unversehrt geblieben sind. Darum ist solches auch bei diesen Körpern, zu dieser Zeit, in dieser Erde, unter diesem Himmel, bei diesen Umständen, also bloß natürlich geschehen. Aber es ist von den oben genannten anderwärtigen Beispielen eben auch noch eine bedeutende Frage, ob man bei allen Ursache habe, bloß die natürlichen Gesetze allein vorauszusetzen. Zum Beispiel, wenn die Erzählung von der Zunge Johannes` von Nepomuk ihre historische Gewissheit hat, so weiß ich nicht, ob nicht der die Grenzen seines Verstandes sich zu groß einbildete, der diese Begebenheit in die engen Grenzen der bloß natürlichen, und durch einen Zufall so zusammentreffenden Ursachen einschränken wollte. Es wäre mir leid, wenn ich für keinen guten Protestanten durchgehen sollte. Aber das sage ich ungescheut: Wenn ich den Bericht von Nepomuk glaube, so glaube ich auch zugleich, dass eine höhere Ursache mit darunter zu finden sei. Desgleichen auch mit den Vampiren. Da ich die Nachricht davon als wahr annehme, daneben gewiss weiß, dass sich ein jeder Körper, von welchem die Seele geschieden ist, notwendig zur Verderbnis neigt, und dass dieses die allgemeine Erfahrung in der ganzen Welt ist, und dass es sich auch normalerweise zu Medvegya in Serbien so verhalte, und sich nur selten bei einigen so etwas ereigne, was sich da ereignet. - So bekenne ich meine Einfalt vor Herren und Frauen, dass ich dabei über die gewöhnlichen Gesetze der Natur hinausdenke. Ja ich schäme mich nicht zu bekennen, wenn auf hiesigem Kirchhofe nur ein einziger Körper ausgegraben würde, der etliche Wochen oder Monate neben anderen Verwesten unverweslich gelegen sei, ohne Totengeruch, ohne Fäulnis, mit frischem Fleisch, und flüssigem klaren Blut geblieben wäre, so könnte ich mich nicht enthalten, über die tägliche und gewöhnliche Ordnung der Natur hinauszusehen, und auf eine dazwischen laufende fremde und höhere Ursache zu schließen. Welches ist aber dieselbe fremde und höhere Ursache? Da bitte ich mir ein wenig Geduld aus, bis uns die Ordnung dahin führt. Wenn ich nun dieses mein Glaubensbekenntnis vor solcher Art Leute getan hatte, so fielen mir andere in die Rede, welche hatten sagen hören, dass nicht nur gewisse Tote unversehrt blieben, sondern dass sie auch in den Gräbern schmatzten, oder vielleicht mit ihrem Nachbar schwatzten. Und da muss ich nun den zweiten Gang tun:

§ 1
Hier will ich erstens den Bericht kund tun. 2. Die vornehmsten Meinungen berühren. Und 3. meinen Ausschlag geben. Weil doch die Sache einige Verwandtschaft mit den Vampiren hat, so will ich zuerst den Bericht davon, mit den ungeänderten Worten derer, die davon geschrieben haben, kurz wiedergeben: Schon lange hat es sich hin und wieder in der Welt bis noch auf unsere Zeiten geäußert, dass man aus den Gräbern heraus die eingescharrten Toten hat schmatzen hören wie die Schweine, wenn sie essen, oder patschen, klopfen und ein anderes Geräusch machen. Hat man sie nun ausgegraben, so hat man gefunden, dass die Leiche sich entweder die Finger, oder die Hände, oder einen Arm und dergleichen abgenagt, oder die umgeschlagenen Leichenlaken und Hemden halb oder ganz verschlungen, oder noch blutig im Rachen stecken hatte. Weil man nun die Erkenntnis haben will, dass auf solches Schmatzen entweder die Pest folge oder doch wenigstens die nächsten Anverwandten nachsterben müssen, so werden diese daher Schmatzer und Nachfresser genannt. Man pflegt solchen Toten mit einem Grabscheit [21] den Kopf abzustoßen, andere wiederum legen ihnen beim Begräbnis einen Wasen [22] unter das Kinn, oder einen Stein in den Mund, damit ihnen die Nascherei vergehen möge.

§2
Ich will von den in diesen Fällen oft genannten Autoren keine heranziehen als folgende wenige: Luther in den Tischreden, f. m. 151, Erasmus Francisci in Höllischer Proteus, Kap. 28, Dr. Hörnig im Würgengel, qu. 71.
Samuel Friedrich Lauternach, Prediger zu Frauenstadt in Polen, der erst Anno 1710 eine kleine Pestchronik herausgegeben hat, redet auch von dieser Materie und setzt hinzu: „Man muss sagen, dass dergleichen Ausgraben auch jetzt hier in der Nähe an einem Römischen [23] Ort vorgenommen worden ist, und sich einige Leichen ganz blutig und befressen gefunden hätten, denen man die Köpfe hat abstoßen lassen, p. 26. Ich weiß nicht, es muss sich dergleichen etwas schon bei den alten Juden gezeigt haben, weil der gelehrte Calvör in seinem fast schon unsichtbar gewordenen Rituale Ecclesiasticum [24] von ihnen schreibt, sie hätten geboten, man solle zusehen, dass den Toten nichts von leinwandnen Zeug in den Mund komme, es sei sonst große Gefahr dabei. Sonderlich werden die Upiers in Polen fast genauso beschrieben, wie die Vampire in Serbien. Wenn Gabriel Rzaczynski‘s Historia naturalis curiosa regni Poloniae, Sendomir 1721, gerade zur Hand wäre, könnten wir uns daraus viel guten Bescheid holen. So aber müssen wir uns vorerst mit den Excerptis Actor. Lipsiae [25] begnügen lassen, die wie folgt lauten: Sect. II. Von den mit Blut gestärkten Leichnamen, welche Wunderbarliches getrieben, was der Autor der „Toten in Gräbern“ bisher von deren Gefräßigkeit angemerkt hat, und welche den dortigen Lebenden nur in Erscheinung als Totschläger begegnen, welche in Polen speziell Upiers und Upierzyca genannt, und von denen authentische Dokumente vorgeführt werden, welche der Untersuchung dienlich sind. Anno 1722 im Monat Januar, p. 17. Um Zeit zu sparen, will ich besondere Geschichten nicht anführen. Viel lieber fragt es sich:

§ 3
Was halten gelehrte Leute von diesen abenteuerlichen Erzählungen? Ihre Antworten sind teils eben so abenteuerlich, wie würdig, milchbärtig genannt zu werden. Etliche führen sich auf gut Macchiavellisch [26] auf im Reich der Gelehrten, und sagen: Historie hin, Historie her, es ist alles nicht wahr, was man hiervon sagt. Das wäre freilich der kürzeste Weg, auch mit unseren Vampiren aus dem Felde zu kommen. „Unwürdig ist doch der Philosoph, der aus Unkenntnis der Ursache die Sache an sich lieber ablehnt, als seine Unwissenheit zu bekennen.“ denke ich mit dem unvergleichlichen Plinius, den einige für eine halbe, einige für eine ganze Bibliothek erachten, in seiner Naturgeschichte, Kap. 4. Ich fördere diese Regel bei Zeit, weil ich wünsche, dass sie auch bei folgenden Gegenständen in frischem Andenken bleibe. Andere machen sich ein Gewissen, die historische Zuverlässigkeit so zu durchlöchern, und erkennen die Glaubwürdigkeit der Erzählungen. Aber der eine gibt zur Ursache das unterirdische Feuer an; der andere die unterirdischen brausenden Winde, der dritte das Einfallen des Sarges, der vierte die Hyänen; und ich weiß nicht, was uns die Juden und Türken bald von einer Maus, bald von einem Engel, vorschwatzen wollen. Der Herr Autor, der vor 4 Jahren De Masticatione mortuorum [27] geschrieben hat, meint, er habe es bei den zischenden Schlangen und gefräßigen Würmern ertappt, die sich sonderlich bei den Fetten und Wohlgemästeten ihre Mahlzeit so saftig schmecken ließen, dass man ihr behagliches Schmatzen oben auf der Erde höre. Hingegen finden andere hieran keinen Geschmack und wollen lieber in die Tiefe fahren und es dem Teufel in die Schuhe schieben. Doch wissen sie nicht recht, wie sie es auf ihn bringen sollen. Etliche meinen, Satan mache eine akustische Betrügerei, ein leeres Geräusch vor den Ohren der Lebendigen, etliche, es sei zwar ein wahrhaftiges Geräusch, aber nicht von den Toten, sondern von dem Teufel im Grabe verursacht. So hat Dr. Luther entschieden, wie man es ausführlicher in seinen Tischreden lesen kann, Kap. 9. f. 151 und nach ihm die meisten Man sehe nur Dunte in Cas. Consc. Kap. 22. S. 1, qu. 19. Vornehmlich aber den ehemals sehr wissbegierigen und gelehrten Prediger zu Laubach, Martin Böhm, der unter seinen 23 Predigten von den Drei großen Landplagen in der 17. ausdrücklich diese Materie behandelt, und aus unterschiedlichen Gründen dieses Schmatzen dem Teufel zuschreibt, und eben auch dahin zieht, dass der Kaiserin Eudoxia, die den Chrysostomus [28] so verfolgt hatte, dass ihr Sarg, als sie sollte begraben werden, sich ohne Menschenhände hin und her bewegt habe, nach Nicephorus` Bericht in der Historia Ecclesia, 13. Buch, Kap. 36 [29]. So haben sich auch Papst Sylvesters II. Gebeine, welcher allgemein für einen Schwarzkünstler gehalten wird, lange Zeit nach seinem Tode im Sarg bewegt, dass sie geklappert, auch wohl geschwitzt haben, wenn ein Papst hat sterben sollen, wie Bonifacius Simoneta 5. Buch Kap. 50 schreibt.

§ 4
Es ist nicht nötig, mit meiner Meinung lang hinter dem Berg zu halten. Ich bekenne mich mit kurzem zu denen, welche mutmaßen, dass dieses Schmatzen, Klatschen und Geräusch von den Begrabenen selber gemacht werde. Ich sage nicht, von den Toten, sondern von den Begrabenen, die nämlich, für tot gehalten, lebendig begraben wurden. Dass dieses Malheur Unschuldigen nicht nur widerfahren könne, sondern besorgniserregend, nur gar zu oft schon widerfahren sei, achtet nicht, dass bei jemand ein Zweifel walte. Denn erstens hat man bei unterschiedlichen Leuten, deren Gräber man zufällig oder um sonstiger Ursachen willen geöffnet hat, diese in einem solchen Zustand angetroffen, woraus man überzeugt werden könnte, dass sie, wie sie dahin gebracht worden sind, noch nicht wirklich gestorben waren, da etliche im Sarg umgewendet gelegen, etliche aufrecht gesessen, etliche auch gleich nach ihrem Begräbnis durch ihr erbärmliches Gewinsel zu verstehen gegeben hatten, dass sie noch lebten, indessen jedoch wegen nicht sobald erfolgter Rettung schließlich haben verderben müssen, - etliche aber noch rechtzeitig gerettet worden sind, siehe des nun seligen Herrn Paul Christian Hilschers, beliebten Predigers zu Alt-Dresden, der sich mit etlichen sonderbaren Stücken bekannt gemacht hat, Nachricht von der aus ihrem Grabe wieder auferstandenen Frau Goldschmidt zu Dresden Anno 1723, wo er zwar diese Sache widerlegt, hingegen die Sache an sich selbst mit anderen Beispielen bestätigt. Zweitens muss man sich anderer Länder und die vorigen Zeiten nicht wie unsere vorstellen, so als wenn man überall und allezeit gute Vorsicht und Ordnung wegen der Begräbnisse getragen hätte, so wie etwa jetzt und heute. An vielen Orten scharrte man die Toten nur ein wenig mit Erde ein, so dass sie leicht herausgeholt und von Hunden und anderen Tieren misshandelt werden konnten. Allgemein hat man gar zu sehr mit den Leichen unter die Erde geeilt. Wie tumultartig und unordentlich es damit hergegangen sein muss, kann man genug daraus schließen, dass noch zu unserer Väter Zeiten oder davor der gottselige Kurfürst Augustus eine Verordnung machen musste, dass man einen Verstorbenen mindestens zwölf Stunden lang im Haus behalten solle, siehe Kirchenordung, Generalartikel Nr.15.

§ 5
Was manchen auf der Totenbahre, manchen noch auf dem Kirchhof bei dem Grab widerfahren ist, das hat anderen im Grabe erst widerfahren können, nämlich dass sich ihr noch nie verloschenes Leben wieder geoffenbart hat. Genannter Herr Hilscher erzählt von seiner eigenen Gemeinde, dass im Jahre 1719 eine christliche Witwe begraben wurde, welche, als im Jahre 1680 während der damaligen Ansteckung der Gemeinde ihr Mann nebst 25 Personen aus einem Haus verstorben, und sie selbst auch von der Pest heftig angegriffen worden sei, man den anderen Leichen beigesellt habe. Indem aber des Abends, als sie begraben werden sollte, noch jemand an ihr etwas zurecht machen wollte, hat sie darüber die Augen aufgetan, und sich beschwert, dass man sie in ihrer Ruhe gestört habe, da sie dem Himmel schon so nahe gewesen sei. So wurde auch im Jahre 1698 aus Kopenhagen geschrieben, dass ein gewisser Schiffskapitän nach langer Krankheit von den Anwesenden für tot gehalten worden ist. Nachdem er aber etliche Stunden gelegen hatte, und ihn der Tischler, welcher das Maß zum Sarg nehmen wollte, etwas zu unsanft angerührt hatte, hat er jenen beim Kopf gekriegt, welcher sich dermaßen darüber entsetzte, dass er plötzlich krank wurde und bald gestorben ist. Noch mehr ist, was eben in selbigem Jahr aus London gemeldet wurde, dass in der Grafschaft York ein Prediger, Henry Weats, für tot angesehen, und nach der Kirche zum Begräbnis gebracht worden sei. Indem man ihm aber die Leichenpredigt gehalten, habe er in dem Sarg ein solches Gepolter gemacht, dass man selbigen geöffnet, und ihn zu aller Verwunderung lebendig gefunden habe, so sehr, dass er etliche Tage danach wieder vor denen gepredigt habe, welche seinem Begräbnis beigewohnt hatten. Und wie sehr man immer noch auch bei uns in dieser Sache anstoße, weiß man in dieser Stadt, wo ich aus einem noch ziemlich frischen Beispiel schreibe, noch wohl. Eine alleinstehende Frau arbeitete sich über der Geburt ihres Kindes so müde, dass sie vermutlich in eine tiefe Schwäche und Ohnmacht sank, und für tot gehalten wurde, ehe sie die Frucht von sich gebracht hatte. Man wickelte sie ein, und legte sie hinaus in ein kaltes Zimmer. Nach etlichen Stunden kam der Tischler, und wollte das Maß nehmen zur Bahre. Man fand aber mit Bestürzung, dass nicht nur inzwischen das Kind von ihr getrieben worden war, sondern dass sie auch das Leichenlaken über sich zerzappelt und von sich geschafft hatte, welches wenigstens bei vielen einen Verdacht erweckte, als wäre damals noch ein Leben in ihr gewesen. 

§ 6
Und so könnte es auch bei anderen Arten der Krankheiten, wie Schlaganfällen, Ohnmachten, Fallsucht, Gichtern [30], Erstickung durch Rauch oder starken Geruch, mancherlei weiblichen Beschwerungen und dergleichen leicht geschehen, dass sich die Seele aus dem Stand ihrer ordentlichen Bewegungen setzte, und aus diesem Grunde der Leib für eine Leiche, ehe er eine ist, angesehen werden kann. Siehe Paraeus 23. Buch, Kap. 46 De hysterica pro mortua habita, quae ad cultri anatomici applicationem vitae superstitis signa praebuit [31] Borellus Cent. 1 Obs. 2. De carbonum fumo suffocatis vitae restitutis [32], Theodorus Kirchmaier Diss. De hominibus apparenter mortuis [33], Wittenberg 1669. Valvassor`s Ehre des Hertzogtums Crain, 11. Buch, p. 715, 717. Das letztere kann man ganz haufenweise angeführt finden bei Paul Hilscher 1 c. p. 10 und Dr. Michael Albertis Abhandlungen Memento mori und De Resuscatione semi-mortuorum [34]. Ich setze nur noch zwei hinzu, die der Fleiß dieser Männer nicht mitgenommen hat, nämlich Hieronymus Jordanus de eo. Quod divinum est in morbis humani corporis [35], Kapitel 42, welches anfängt: „Wie bekannt ist, täuschen viele natürliche Krankheiten den Tod vor“, p. 154 b. Vornehmlich aber den gründlichen Theologen Dr. Philipp Jacob Spener, der in seinen Consiliis Lat. eine weitläufige Antwort einem vornehmen Herrn gibt, der ihn um Rat gefragt hatte über das öfters vernehmbare Klopfen in den Gräbern, welches seit einem Jahr an seinem Ort gehört werde. Daraus will ich das meiste mitteilen, weil doch die Wenigsten ein Buch nachlesen können oder wollen, wenn es nur zitiert wird. Er sagt: „Wenn auch nur das geringste Geräusch gehört werde, solle man alsbald das Grab öffnen. Ich habe meinen Bekannten schon oft gesagt, man begrabe weit mehr Lebendige, als etwa jemand glauben dürfte. Die Ärzte sollen gute Kennzeichen haben, an denen man die wahrhaftig Gestorbenen von den vermeintlich Gestorbenen, insbesondere in gewissen heftigen Gemütsbewegungen unterscheiden kann (von welchen betrüglichen und wahrhaftigen Kennzeichen eines Toten nebst Paulus Zachias in Questiones Medic. Legal. L. 4 tit. 1 qu. 11  n. 26-29 auch ein Theologe, Paul Christian Hilscher, handelt, l. c, p. 21)

Ja ich habe ehdessen den Rat dahin gegeben, dass keine Frau, welche hysterischen Leiden unterworfen gewesen ist, vor dem fünften Tag als für gewiss tot gehalten und begraben werden solle,“ wo er sich dann auf ein paar Beispiele bezieht. Er selber habe einen Onkel gehabt, der 70 Jahre alt geworden war, den man aber im 16. Jahr als an den Gichtern gestorben von früh morgens an bis in die folgende Nacht für tot gehalten und zur Bestattung geschickt habe, wo er indem wieder zu sich gekommen sei. Mehrere solche Beispiele erzählte Sebizius [31] in seinem Brief an Dr. Danhauer, welchen er seinem Scheide- und Absage-Brief einverleibt habe, p. 232. Deswegen, wo die geringste Vermutung eines Schalles in dem Grabe sei, solle man eilen, um solches zu öffnen. Unterlasse man solches, so verschulde man sich ebenso schwer, als wenn man sonst aus seiner Schuld den Nebenmenschen umkommen lasse. Er sehe keine Ursache, warum man sich ein Bedenken machen sollte. Gott habe solches nirgends verboten. Es möchte schließlich zu einigem Aberglauben Anlass geben. Aber diese Gefahr sei nicht so groß, als wenn unter vielen nur eines einzigen Leben, das auf solche Weise hätte gerettet werden können, vergeben würde. Ja er wollte wünschen, dass, ehe ein Sarg eingesenkt werde, man denselben jedes Mal zuvor öffne, und versuche, ob bei der neuen Anwehung freier Luft sich nicht am Gesicht oder sonst auch nur das geringste Zeichen eines noch übrigen Lebens entdecken lasse, wozu man erfahrene Männer nehmen müsste. Das Leben des Menschen sei so kostbar, dass es sich wohl solcher Sorgfalt lohne. Wollte man aber dieses Klopfen und Rauschen für ein Wunderwerk ansehen, so gehöre große Vorsichtigkeit dazu, damit wir nicht einer anderen Ursache zuschreiben, was die Natur vermocht hat. Ja wenn auch der Teufel hier und da sein Spiel mit darunter menge, so schade es doch nichts, den Körper auszugraben und nachzusehen, was denn geschehen sei. Bis hierher der vernünftige Dr. Spener Part 3, p. 120. Noch fällt mir ein, dass Herr Dr. Alberti sich irgendwo auch auf die Herren Juristen beruft, welche es schon öfters den Ärzten vorwerfen, dass sie, wo nicht gleich den ersten, doch den anderen Tag unterschiedslos ihre Sektionen vornehmen etc. Weil diese Sache in der Praxis genutzt werden kann, so habe ich mich ein wenig länger, als meinem Vorhaben gemäß, dabei aufgehalten. Ehe wir aber von unseren bisher durchkrochenen Gräbern hinweggehen, wollen wir zum Angedenken unserer getanen Wallfahrt auch eine Grabschrift hinterlassen. Das soll jene des scharfsinnigen Scholastikers, Johannes Duns Scotus sein, welcher ehrliche Mann eben auch die bisher beklagte Fatalität erlitten, und deswegen folgenden Nachruf verdient hat: „Was keinem Menschen bisher zu Ohren gekommen ist, o Reisender: hier liegt dieser Scotus, einmal bestattet, und zweimal gestorben; gab allen Weisen kund, dass sie sich irrten.“ Kornmann, de miraculis mortuorum [36]

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Fußnoten der Bearbeitung


[1]. raitzischem = Rätzen, dort ansässige Volksgruppe
[2]. Administration = Verwaltungsbehörde
[3]. Unterfeldscherern = Militärärzte
[4]. Heyducken = ungarische Bauernsoldaten, welche den Grenzdienst zum Türkischen Reich versahen
[5]. Hadnuck = ungarischer Leutnant
[6]. Baijactar = ungarischer Bannerträger, hier wohl der Dorfhauptmann
[7]. Plazenta und Lochia = die Nachgeburt also
[8]. Bannat = Herrschaftsbezirk
[9]. Mulier tacens = Das schweigende Weib
[10]. Si tacuisses, Philosophus manisses = Hättest Du geschwiegen, so wärest Du ein Philosoph geblieben.
[11]. Acta Eruditorum = eine zeitgenössische Gelehrtenzeitschrift
[12]. Kaiser Wenceslai = Wenzel, Sohn Karls IV.
[13]. Canonisation = Heiligsprechung
[14]. Ephemerides Naturae Curiosum = naturwissenschaftliche Jahrbücher
[15]. Rana = Frosch
[16]. Diana = Römische Göttin der Jagd
[17]. Cerva = Hirschkuh
[18]. Minerva = Römische Göttin, Ehefrau des Jupiter
[19]. Eisenbeißer Alexandro M. = Alexander der Große
[20]. Lukomorien = eigentlich die Umgebung der Stadt Lukow, zwischen Polen und Russland
[21]. Grabscheit = Spaten
[22]. Wasen = Grassoden oder Erklumpen
[23]. römisch(er Ort) = Römisch-Katholischer Konfession
[24]. Rituale Ecclesiasticum = ein liturgisches Werk über die kirchlichen Bräuche
[25]. Lipsiae = eine Leipziger Gelehrtenzeitschrift
[26]. Macchiavellisch = herrisch, in Anlehnung von Macchiavellis Philosophie in "Der Fürst"
[27]. De Masticatione mortuorum = Ranft / Vom Kauen und Schmatzen der Toten
[28]. Chrysostomus Johannes = Chrysostomus, einer der Kirchenväter
[29]. Historia Ecclesia ... = Kirchengeschichte
[30]. Gichtern = allg. für Krämpfe
[31]. Paraeus 23. Buch, Kap. 46 = i.e. Von scheintoten „hysterischen“ Frauen
[32]. Borellus Cent. 1 Obs. 2. = i. e. Durch Kohlenrauch Erstickte wieder zum Leben Erwachte
[33]. Theodorus Kirchmaier Diss. = i. e. Abhandlung von tot erscheinenden Menschen
[34]. Dr. Michael Albertis Abhandlungen Memento mori und De Resuscatione semi-mortuorum = i. e. Von der Wiedererweckung von Halbtoten
[35]. Hieronymus Jordanus = i. e. Warum göttliches Wirken in toten menschlichen Körpern ist
[36]. Kornmann, de miraculis mortuorum = i. e. Über die Wunderwerke der Toten

Autor

W.S.G.E - vermutlich männlich, aber selbst das ist nicht sicher. Beschäftigte sich im 1732 in einem Aufsatz mit den Vampiren Serbiens.

Nicolaus Equiamicus - geboren 1974. Deutschsprachiger Forscher, Sammler und Übersetzer verschiedener historischer Werke zu Themen wie Vampire, Hexen, Dämonen und/oder Geister. Neben den historischen Bearbeitungen veröffentlicht er auch Kurzgeschichten und wissenschaftliche Beiträge. Ein Teil seiner Veröffentlichungen erschien unter dem Namen Abraham Silberschmidt.

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