SCHREIBEN AUS DEM GRADISKER DISTRIKT IN UNGARN

Frombald

aus: Wienerisches Diarium vom 21. Juli 1725

 

bibliothèque: Der Volltext ist im Ortiginal wiedergegeben. Die vorliegende Übertragung schuf Nicolaus Equiamicus. (c) Für die Bearbeitung alle Rechte beim Autor. Mit freundlicher Genehmigung für die Nutzung in diesem Projekt. (2008)

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Volltext

Nachdeme bereits vor 10. Wochen, ein dem Dorff Kisolova, Rahmer-District, gesessener Unterthan, Namens Peter Plogojovitz, mit tode abgegangen, und nach Raitzischer Manier zur Erden bestattet worden, hat sichs in ermeldetem Dorff Kisolova geäußert, daß innerhalb 8. Tagen, 9. Personen, so wohl alte als junge, nach überstandener 24. stündiger Kranckheit also dahin gestorben, daß, als sie annoch auf dem Todt-Bette lebendig lagen, sie öffentlich ausgesaget, daß obbemeldeter, vor 10. Wochen verstorbener Plogojovitz, zu ihnen im Schlaff gekommen, sich auf sie geleget und gewürget, daß sie nunmehro den Geist aufgeben müsten; Gleichwie dann hierüber die übrigen Unterthanen sehr bestürzet in solchem noch mehr bestärcket worden, da des verstorbenen Peter Plogovitz Weib, nachdem sie zuvor ausgesaget, daß ihr Mann zu ihr gekommen, und seine Oppanki oder Schuhe begehret, von dem Dorff Kisolova weg, und sich in ein anders begeben. Sintemal aber bey dergleichen Personen, (so sie Vampyri nennen,) verschiedene Zeichen, als dessen Cörper unverweset, Haut, Haar, Barth und Nägel an ihm wachsend zu sehen seyn müsten, als haben sich die Unterthanen einhellig resolviret, das Grab des Peter Plogojovitz zu eröffnen, und zu sehen, ob sich würcklich obbemeldete Zeichen an ihm befinden; Zu welchem Ende sie sich dann hieher zu mir verfüget, und nebst Andeutung vorerwehnten Casus, mich samt dem hiesigen Poppen oder Geistlichen ersuchet, der Besichtigung beyzuwohnen: Und ob ihnen schon erstlich solches Factum reprobiret , mit Meldung, daß ein solches vorhero an eine Löbl. Administration unterthänig-gehorsamst berichten, und derselben hohe Verfassung hierüber vernehmen müste, haben sie sich doch keinesweges hierzu bequemen wollen, sondern vielmehr diese kurze Antwort von sich gegeben: Ich möchte thun was ich wollte, allein, wofern ich ihnen nicht verstatten würde, auf vorherige Besichtigung und rechtliche Erkandtnus mit dem Cörper nach ihren Gebrauch zu verfahren, müsten sie Hauß und Gut verlassen, weil biß zu Erhaltung einer gnädigsten Resolution von Belgrad wohl das gantze Dorff (wie schon unter türckischen Zeiten geschehen seyn sollte) durch solchen üblen Geist zugrunde gehen könte, welches sie nicht erwarten wollten. Da man dann solche Leute weder mit guten Worten noch Bedrohungen von ihrer gefaßten Resolution abhalten kunte, derohalben habe ich mich mit Zuziehung des Gradisker Poppen , in gemeldtes Dorff Kisolova begeben, den bereits ausgegrabenen Cörper des Peter Plogojovitz besichtiget, und gründlicher Wahrheit gemäß folgendes befunden: Daß erstlich von solchem Cörper und dessen Grabe nicht der mindeste, sonsten der Todten gemeiner Geruch, verspühret, der Cörper, ausser der Nasen, welche abgefallen, gantz frisch, Haar und Barth, ja auch die Nägel, wovon die alten hinweggefallen, an ihm gewachsen, die alte Haut, welche etwas weißlich war, hat sich hinweg gescheelet, und eine neue frische darunter hervor gethan, das Gesichte, Hände und Füsse und der gantze Leib waren so beschaffen, daß sie in seinen Lebzeiten nicht hätten vollkommener seyn können: In seinem Munde habe ich nicht ohne Erstaunen einiges frisches Blut erblicket, welches, der gemeinen Aussage nach, von denen durch ihn Umgebrachten gesogen. In Summa, es waren alle Indicia vorhanden, welche dergleichen Leute (wie schon oben bemercket) an sich haben sollten. Nachdem nun sowohl der Popp, als ich dieses Spectacul gesehen, der Pöbel aber mehr und mehr ergrimmter als bestürtzter wurde, haben sie, gesammte Unterthanen, in schneller Eil einen Pfeil gespitzet, mit solchem den toden Cörper zu durchstechen, an das Hertz gesetzet, da dann bey solcher Durchstechung nicht nur allein häuffiges Blut, so gantz frisch, auch durch Ohren und Mund geflossen, sondern auch andere wilde Zeichen (welche wegen hohen Respect umgehe) vorgegangen. Sie haben endlich offtermelten Cörper, in hoc casu, gewöhnlichen Gebrauch nach, zu Aschen verbrannt. Welches dann E. Hochlöbl. Administration hinterbringen, und anbey gehorsamst unterthänigst bitten wollen, daß, wann hierinnen einen Fehler begangen haben sollte, solchen nicht mir, sondern dem vor Furcht außer sich selbst gesetzten Pöbel beyzumessen.

Actum. 6. April. 1725.

Kayserlicher Provisor im Gradisker District.

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Bearbeitete Fassung

Nicolaus Equiamicus - 2008

-  kursiv gesetzte Begriffe sind unter Anmerkungen erklärt

- in eckigen Klammern [ ] sind Einfügungen des Bearbeiters zur Verständlichkeit

Nachdem bereits vor zehn Wochen ein in dem Dorf Kisolova, Rahmer-Distrikt, sesshafter Untertan namens Peter Plogojoviz mit Tode abgegangen und nach rätzischer Manier [1] zur Erden bestattet worden, hat sich in ermeldtem Dorf Kisolova geäußert, dass innerhalb acht Tagen neun Personen, sowohl alte als junge nach überstandener 24-stündiger Krankheit so dahin gestorben, dass sie, als sie noch auf dem Totenbett lebendig lagen, öffentlich ausgesagten, dass obengenannter vor 10 Wochen verschiedener Peter Plogojoviz zu ihnen im Schlaf gekommen, sich auf sie gelegt und gewürgt habe, dass sie nunmehr den Geist aufgeben müssten.
Gleichwie dann hierüber die übrigem Untertanen sehr bestürzt waren, [so wurden sie] in solchen auch mehr bestärkt, da des verstorbenen Peter Plogojoviz Weib, nachdem sie zuvor ausgesagt hatte, dass ihr Mann zu ihr gekommen und seine Oppanki oder s. v. Schuh begehrt habe, sich von dem Dorf Kisolova fort und sich in ein anderes begeben habe. Da aber bei dergleichen Personen (so sie Vampyri nennen) verschiedene Zeichen, als dass dessen Körper unverwest, Haut, Haar, Bart und Nägel an ihm wachsen zu sehen sein müssten, so haben sich die Untertanen einhellig dazu entschlossen, das Grab des Peter Plogojoviz zu eröffnen und zu sehen, ob sich wirklich oben genannte Zeichen an ihm befinden, zu welchem Ende sie sich dann zu mir hierher verfügten, und nebst Andeutung vorerwähntem Falls mich samt dem hiesigen Popen oder Geistlichen ersuchten, der Beschau beizuwohnen. Und obschon ich ihnen erstlich solches Factum reprobiret [2], mit Meldung, dass ich ein solches vorher an eine Löbliche Administration [3] untertänig gehorsamst berichten und derselben hohe Verfassung hierüber vernehmen müsste, haben sie sich doch keineswegs hierzu bequemen wollen, sondern vielmehr diese kurze Antwort von sich gegeben: Ich möchte tun was ich wollte, aber wenn ich ihnen nicht gestatten werde, auf vorherige Beschau und Rechtliche Erkenntnis mit dem Körper nach ihrem Gebrauch zu verfahren, müssten sie Haus und Gut verlassen; weil bis zu Erhaltung eines gnädigsten Beschlusses von Belgrad wohl das ganze Dorf (wie schon unter türkischen Zeiten geschehen sein sollte) durch solchen üblen Geist zu Grunde gehen könnte, welches sie nicht erwarten wollten. Da ich dann solche Leute weder mit Guten noch mit Bedrohungen von ihrem gefassten Entschluss abhalten konnte, habe ich mich mit Zuziehung des Gradisker Popen [4] in benanntes Dorf Kisolova begeben, den bereits ausgegrabenen Körper des Peter Plogojoviz besichtigt, und gründlicher Wahrheit gemäß folgendes befunden: dass
Erstens von solchem Körper und dessen Grabe nicht der mindeste sonst der Toten gemeiner Geruch verspürt wurde, der Körper außer der Nase, welche etwas abgefallen, ganz frisch war, Haar und Bart, ja auch die Nägel, wovon die alten hinweg gefallen, an ihm gewachsen waren, die alte Haut, welche etwas weißlich war, hat sich hinweg geschält, und eine frische neue darunter hervor getan. Das Gesicht, Hände und s. v. Füße, und der ganze Leib waren beschaffen, dass sie in seinen Lebzeiten nicht hätten vollkommener sein können; in seinem Mund habe ich nicht ohne Erstaunen einiges frisches Blut erblickt, welches er der gemeinen Aussage nach von den durch ihm Umgebrachten gesogen habe; in Summa waren alle Indizien vorhanden, welche derlei Leute (wie schon oben bemerkt) an sich haben sollten. Nachdem nun sowohl der Pope als ich dieses Spektakel gesehen, der Pöbel aber mehr und mehr ergrimmter als bestürzter wurde, haben sie, die gesamten Untertanen in schneller Eile einen Pfeil gespitzt, solchen, um den Totenkörper zu durchstechen, an das Herz gesetzt, bei welcher Durchstechung dann nicht nur eine große Menge Blut, so ganz frisch, auch durch Ohren und Mund geflossen ist, sondern andere wilde Zeichen [5] (welche ich wegen hohen Respekts umgehe) vorgegangen sind. Schließlich haben sie den Körper dem in diesem Fall gewöhnlichem Gebrauch nach zu Asche verbrannt, welches ich dann einer Hochlöblichen Administration habe hinterbringen, und anbei untertänigst gehorsamst bitten wollen, dass, falls ich hierin einen Fehler begangen haben sollte, solchen nicht mir, sondern dem vor Furcht außer sich selbst gesetzen Pöbel beizumessen.

Actum. 6. April. 1725. [6]

Kaiserlicher Provisorim [7] Gradisker Distrikt (i. e. Frombald).

Anmerklungen  zur Bearbeitung durch N. Equiamicus

Nach Raitzischer Manier bedeutet, dem Gebrauch der Rätzen entsprechend. Die Rätzen waren ein kleines slawisches Volk, das als Bauernsoldaten in den türkisch-österreichischen Grenzregionen angesiedelt war und über einen eigenes geistliches Oberhaupt verfügte, dass ihre kirchlichen Belange und Gebräuche befehligte.

Factum reprobiret = Die Tatsache, der Umstand erklärt wurde

Administration = d. i. eine übergeordnete Verwaltungs – bzw. Regierungsbehörde

Pope = Bezeichnung der Geistlichen der orthodoxen Ostkirche

wilde Zeichen = Michael Ranft deutet in seinem "Traktat von dem Kauen und Schmatzen der Toten in Gräbern" darauf hin, dass Frombald hier den erigierten Penis der vampirischen Leiche meint.

Actum = so geschehen, gegeben (als gerichtlich offizielle Datumsangabe)

Provisor = Verwalter

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Autor

Frombald - Vorname unbekannt. Um 1725 Kaiserlicher Provisor (= Verwalter) im ungarischen Distrikt Gradisk.

Nicolaus Equiamicus - geboren 1974. Deutschsprachiger Forscher, Sammler und Übersetzer verschiedener historischer Werke zu Themen wie Vampire, Hexen, Dämonen und/oder Geister. Neben den historischen Bearbeitungen veröffentlicht er auch Kurzgeschichten und wissenschaftliche Beiträge. Ein Teil seiner Veröffentlichungen erschien unter dem Namen Abraham Silberschmidt.

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weiterführende Links

Traktat von dem Kauen und Schmatzen der Toten in Gräbern - Michael Ranft

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

Blog Dunkle Kulturgeschichte (extern)

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