EIN VAMPIR

Siegfried Kapper

1844

 

Ersterscheinung in: Siegfried Kapper: "Slavische Melodien."
Verlag Wilhelm Einhorn, Leipzig
, 1844

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N. Equiamicus: Kapper knüpft hier unzweifelhaft an das Gedicht „Der Vampir“ in Wilhelm Gerhards „Wila“ aus dem Jahr 1828 an. (2013)

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Volltext

I.

"Was betrübt, o Marko, deine Seele,
Dass dein Auge also finster schauet?
Was bedrückt dein Herz, dass deine Stirne
So gefurcht und deine Wang' erblichen?
Hat der Hagel dir die Saat zerschlagen?
Glaubst du, dass ich wankend in der Liebe?
Oder saugt in mitternächt'ger Stunde
Ein Vampir das Blut dir aus dem Herzen?

Hätte Hagel mir die Saat zerschlagen,
Brächt' ein nächstes Jahr wohl Doppelernten;
Wärst du wankend in der Liebe worden,
Neue Zeit brächt' wohl auch neue Liebe.
Aber ein Vampir saugt mir am Herzen,
Nachts und Morgens, lange, lange Tage,
Seit Stavila ist zu Schutt geworden,
Seit an unsern Küsten fremde Kähne,
In den Bergen fremde Männer streifen.

Schlimm sind, die Stavila eingeäschert,
Schlimm in unserm Land' die wilden Gäste;
Schlimmer der Vampir in deinem Herzen, -
Hat mir deine Liebe wohl geraubt;
Kämst wohl sonst wie immer an mein Fenster,
Ließest nimmer mich in stillen Nächten
Einsam deiner und vergebens harren,
Bis der Morgen in der Ferne graut!

Müsst' ich nicht vorüber an Stavila,
Wenn ich Nachts zu dir, Geliebte, gehe,
Solltest nicht vergebens meiner harren;
Müsst' ich nicht vorüber dann am Strande,
Wenn ich früh des Morgens von dir scheide,
Solltest meine Liebe nicht bezweifeln.
Aber - der Vampir in meinem Herzen
Lässt mich nie den Weg zu dir vollenden,
Hält mich wie gebannt bei jenen Trümmern,
Bei Stavilas Schutt und Aschenfeldern!"

Kam zur Hütte der Geliebten Marko,
- Morgens war es, eines frühen Morgens
Pochte leise an das kleine Fenster.
Trat heraus das Mädchen an die Schwelle,
Sah den Liebsten, den so lang vermissten,
Sank ihm freudig jubelnd an die Brust.

"Einen Becher fülle mir, Geliebte,
Roten Weines! - Reiche mir ihn selber,
Dass ich einmal noch von deinen Händen
Trinke, die so oft mich treu gepflegt;
Dass ich einmal noch die warmen Lippen
Küsse, die so oft mich süß gelabt!"

Eilt das Mädchen in des Vaters Keller,
Bringet schnell den Becher roten Weines,
Reicht ihn freundlich dem Geliebten hin.
Marko nimmt den schäumend vollen Becher,
Schwingt ihn hoch: "O edler Heldentrank!"
Schlingt die Arme um das schlanke Mädchen,
Küsst sie: "Und o süßer Trank der Liebe!"
Doch mit einmal windet sich das Mädchen
Bleich, entsetzt aus des Geliebten Armen -

"Marko! Marko! sprich, was ist geschehen?
Feucht von nächt'gem Taue ist dein Mantel -
Nass von frischem Blute die Gewänder -
Blutbefleckt dein Jatagan - die Hand -
Und - o Gott! - aus deiner Brust - verwundet -
Quillet warmes Blut! - Hast du gerungen
Mit den Hirten um ein Ross im Walde?
Hast mit Räubern du gekämpft am Wege?
Oder hast du in den dunkeln Schluchten
Des Gebirges einen Wolf erlegt?"

Marko drauf mit stolzem Mut erwidert:
"Um ein edles Ross hab' ich gerungen,
Aber mit den Hirten nicht im Walde;
Hab' gekämpft mit einem frechen Räuber,
Doch mit keinem, der am Wege lagert;
Einen bösen Wolf hab' ich erlegt,
Aber keinen, der in Schluchten hauset:
Edles Ross ist unser freies Recht!
Räuber sind die Fremden, die es schänden!
Wölfe sind es, die mit blut'ger Gier
Sich von unsern Scheunen, Herden mästen!"

Also Marko. - Und den Becher schwingt er,
Trinkt die volle Glut des Heldentrankes:
"Dies, o Mädchen, ist mein letzter Trunk!"
Und die Arme schlingt er um das Mädchen,
Trinkt der Liebe Glut von ihren Lippen:
"Dies, o Mädchen, unser letzter Kuss!
Eile nun, und lass die Glocken läuten -
Lass ein Grab mir graben bei Stavila -
Lass sie singen alte Heldenlieder,
Wenn sie mich versenken in das Grab.
Rosen pflanze über meinem Herzen -
Neben um den Hügel rings im Kreise -
Und zu Häupten einen Eichenbaum;
Denn wie ich - im Arme treuer Liebe,
Mit dem Becher voll des edlen Weines,
Für das gute Recht, für heil'ge Freiheit -
Wen'ge sterben also sel'gen Tod!"

 

II.

Auf dem Marschland bei Stavila,
Auf dem Brachfeld, wo die Asche
Ausgestreuet liegt vom Winde
- Asche von Stavila's Hütten -
Steht ein Eichbaum alt und riesig,
Fließt ein klarer Wiesenquell.
Über Nachtzeit sind die Blätter
Hingewelkt vom Eichenbaume,
Über Nachtzeit sind die Wasser
In der Quelle rot geworden.
An der Eiche, an der Quelle
Liegt ein Leichnam auf dem Rücken.
Eine Kugel traf die Kehle
Und das Herz ein Jatagan.
Seit drei langen, langen Tagen
Liegt er da im Quellensande,
Liegt im heißen Sonnenbrände
Und im kühlen Tau der Nacht.
Nicht geschlossen sind die Augen,
Scheinen boshaft noch zu glimmen;
Nach der Eiche schau'n sie aufwärts
Und es welkt das grüne Laub.
Nicht geschlossen sind die Wunden,
Rotes Blut fließt noch aus ihnen,
Fließet abwärts in die Quelle
Und die Wasser werden rot.
Lang geworden ist sein Haupthaar,
Und die Nägel sind gewachsen,
In den Boden hat die Rechte
Eingewühlt den blut'gen Dolch.
Also seit drei langen Tagen
Liegt er da im Quellensande,
Liegt im heißen Sonnenbrande
Und im Tau der kühlen Nacht.
Fanden ihn des Feldes Hirten
Als es war am vierten Tage.
Eilten in die dunkeln Wälder,
Eilten in die finstern Schluchten:
"Die ihr flohet in die Wälder,
Die ihr flohet ins Gebirge,
Als der Venezianer Fackeln
Auf Stavilas Dächer fielen -
Eilt herbei! - An jener Eiche,
An der Quelle bei Stavila
Könnt ihr schauen einen Leichnam!
Ist der Venezianerhauptmann,
Dessen Boote an den Küsten
Unsers Meers auf Beute lauschten!
Ist der böse Venezianer,
Der mit seinen Schandgesellen
Uns die Herden fortgetrieben!
Der die Töchter uns geschändet,
Der die Söhne uns geknechtet,
Der die Hütten uns verbrannt!
Eilt herbei! - Im heißen Sande
Liegt er da in seinem Blute!
Liegt allein, und seine Rotten
Flohen weit hin übers Meer!"

Also ruft die Schar der Hirten
In die Wälder, in die Schluchten.
Die es hörten, die da kamen,
Um den Leichnam an der Quelle
Stehn sie alle nun im Kreise.
Jeder kennt ihn, den Verhassten,
Jeder freut sich seines Falles,
Freier atmet jede Brust.
Und so stehn sie rings im Kreise,
Graben eine tiefe Grube,
Wohl drei lange Klafter tief,
Und verscharren drin die Leiche
Des gehassten Venezianers.
Und o Wunder! -
Schattig wieder Grünt der Eiche welkes Laub!
Kühlend, wie in frühern Tagen,
Fließt die Quelle klar und rein!
Aber - Einer fehlt im Kreise.
Wird kein Aug' ihn wiedersehen! -
Volle, rote Rosen blühen
Bald aus seinem treuen Herzen,
Daran kein Vampir mehr nagt.
Schlanke Reben werden grünen
Bald um seine stille Klause,
Deren Frieden nichts mehr stört;
Eine stolze, kühne Eiche
Schattet bald sein Grab, darüber
Hin sich dehnt ein freies Land.
Und auch Eine fehlt im Kreise
Freute sich mit Euch wohl gerne!
Aber einsam muss sie sitzen
In der stillen, dunklen Kammer.
Ihre schönen schwarzen Augen,
Sie beweinen den Geliebten,
Ihre schönen weißen Hände
Weben einen Witwenschleier.

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Autor

Siegfried Kapper - Geb. 21. März 1820 in Smichov/Böhmen, gest. 7. Juni 1879 in Pisa.

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Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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