DER VAMPYR UND SEINE BRAUT

Ein Nachtstück aus der neuesten Zeit.

Carl Spindler

1826

 

bibliothèque: Als eine der ersten deutschen Novellen wird hier das Vampirmotiv aufgegriffen, um eine schwarz-romatische Geschichte um Scheintod, Liebe, Leid und Intrigen zu erzählen. Der Italiener Angelo de Cane / Marsigli entkommt einer unglücklichen Ehe durch die Vortäuschung seines Todes und entkommt dem Grab dabei nur knapp. Später findet er seine große Liebe, doch die Vergangenheit holt ihn ein und auch aktuelle Rachegelüste einer Zurückgewiesenen besiegeln sein Schicksal.
Der Text wurde vorsichtig der heutigen Rechtschreibung angepasst. Ein Glossar ist beigefügt.
Ersterscheinung in: „Zwillinge. Zwei Erzählungen. Nebst einem Anhange von Originalbriefen.“ Carl Spindler, Hanau 1826.
(2013)

nach oben

Volltext

Die Gräfin Villing ist eine Ausnahme von der allgemeinen Regel der Frauen; darum macht auch ihr Haus eine solche. Sie empfängt gerne Gesellschaft; alle Fremden und Einheimischen, bedeutend durch Talent oder Rang, finden Zutritt in ihrem Salon, - aber wer nur in den bunten Kartenblättern den gesellschaftlichen Vehikel sucht und findet, kann immerhin daraus wegbleiben , denn die geistreiche, feingebildete Hausfrau hat einmal die Grille, das Spiel nicht zu dulden, und ihm eine angenehme abwechselnde Unterhaltung, bei der Kopf und Herz etwas zu tun bekommt, vorzuziehen. Aus diesem Grund ist aber auch ihr Zirkel bei weitem nicht der zahlreichste in der Residenz; vielleicht dafür das gewählteste, den der sinnige Gast stets mit dem Verlangen, recht bald wieder dahin zurückzukehren, verlässt.

Einst an einem Winterabend war die Unterhaltung in dem Salon der Gräfin besonders lebhaft. Ein liebenswürdiger deutscher Fürst, der unter seinen Silberhaaren noch jugendliche Munterkeit bewahrte, hatte das Haus der Gräfin mit seinem Besuch beehrt. Ein kleines musikalisches Fest war vorüber, die Erfrischungen herumgereicht, und die erlesene Gesellschaft, der fürstliche Anakreon neben der Frau vom Hause in der Mitte, hatte sich in weitem Kreis um den Kamin versammelt, dessen gastliche Flamme zu unumwundener Mitteilung aufforderte. Der wackere deutsche Fürst liebte ungezwungene Unterhaltung über alles, ging mit dem besten Beispiel voran, und diesem Beispiel folgten bald die übrigen Gäste. Tausend Gegenstände wurden berührt; Künste, Wissenschaften und Luxus gemustert; schließlich kam die Sprache auf das calderon’sche Stück, mit dem das Hoftheater sich vorgenommen hatte, das Publikum am selben Abend zu langweilen. Man staunte über die Hartnäckigkeit des Dramaturgen, der nicht aufhörte, die Schaulustigen mit Produkten fremder Zonen zu quälen, die niemals in der unsrigen heimisch werden können, in denen glückliche Gedanken nur gleich seltenen Schwimmern in einem weiten Meer von Albernheiten erscheinen, und obendrein noch durch die unerträglich steife Übertragung für gebildete Zuhörer ungenießbar werden. Man wunderte sich über die Gutmütigkeit des Publikums, das sich noch immer resignierte, die abgeschmackten Späße und Andächteleien des spanischen Dichters, (der sich wohl hüten würde, heutzutage solche Schauspiele zu schreiben), für Meisterwerke romantischer Kunst anzusehen, bloß, weil sie dreihundert Jahre alt, und auf fremdem Boden gewachsen sind. Man ging natürlicherweise auf den Schauspieler über, der Calderons Helden darzustellen hatte, gab seiner Trägheit den gebührenden Tadel, wie seiner Mimik das gebührende Lob, und erklärte einstimmig: Des Künstlers Augen gehörten unter die schönsten und ausdruckvollsten, die es gäbe. Stoff genug, den Faden der sich Unterhaltenden weiter auszuspinnen. Bald sprach man von des großen Friedrichs, bald von Napoleons Augen, und endlich von menschlichen Augen im Allgemeinen: Von grauen und blauen, grünen und schwarzen, oder pomeranzenfarbenen, wie man will. Der Ausspruch der Wortführenden ging dahin: Das Auge sei der schönste Teil des menschlichen Körpers, wie er der ausdruckvollste sei. Ein junger Mann aber, von ungemein blassem Angesicht und ernstem Wesen meinte, dieses Unheil scheine nur richtig. Die Schönheit des Auges bestehe aber lediglich in der Empfindung, die es gerade belebt. Wie man aber den Mund einer Person darum nicht allein schön nennen könne, weil er sich lächelnd schön ausnimmt, während er vielleicht im ruhigen Zustand unbedeutend erscheint, so müsse man auch das Gefühl, das aus dem Auge spricht, von dem Auge selbst unterscheiden, und er, der Sprecher, müsse gestehen, dass ihm dasselbe als der abschreckendste Teil des menschlichen Angesichts vorkomme. Die Zuhörer saßen erstaunt, als sie vernahmen, was ihnen ziemlich paradox zu sein schien, und konnten sich nicht genug wundern, wie ein junger Mann so sprechen könne, der selbst die größten und schönsten schwarzen Augen in seinem geisterblassen Gesicht trug. Er fuhr aber fort: „Ich hoffe, recht verstanden zu werden. Das heitere Leben verleiht dem Blick Reiz und Ausdruck. Wie könnte sonst der Liebende aus dem Auge der Geliebten Flammen des Entzückens saugen? Wie der Racheblick des Zürnenden den scheuen Gegner niederschmettern? Ein lebendiges Auge macht die alltäglichste Physiognomie lebendig. Ein seelenvolles macht sie schön. Es gibt auch fürchterliche Augen, die über alle Züge das Aushängeschild der Verworfenheit, des Hasses, der Verzweiflung breiten; von diesen rede ich aber nicht. Mit dem Auge an und für sich habe ich nichts zu tun, und sobald dieses wunderliche Chamäleon nicht mehr in der Idee lebt, sobald es in seinen natürlichen ausdruckslosen Zustand versinkt, ist es das Grässlichste, was es gibt. Die Hand eines Toten, sein Gesicht, gezeichnet mit dem Stempel der Vernichtung, haben aufgehört, schön zu sein, das Auge wird aber entsetzlich. Ich suche aber meine Beweise nicht an dem Körper, der schon der Zerstörung verfallen ist, sondern an Lebenden. Man sehe dem innigsten Freund starr und kalt in die Augen, einige Minuten lang und unverrückt; er verharre in derselben Stellung ... man verbanne mit Gewalt jede anderweitige Idee, und mit wachsendem Schauer wird man des Gegners Auge nach und nach glanzlos, stier, verglasen sehen, und zum starren Schreckbild geworden, jagt es des Todes Eis in des neugierigen Forschers Adern. Ich habe diese Erfahrung im Spiegel an mir selbst versucht ... dasselbe Resultat gefunden, und musste mich durch schnelle Zerstreuung von dem Grauen losmachen, in das mich die Untersuchung meines Auges gestürzt hatte.“ Eine lange und schwere Pause in der Gesellschaft. Wenige lächelten und zuckten die Achseln. Die Mehrzahl scheute sich, aus ihres Nachbars Augen ihr Urteil zu schöpfen, aus Furcht, die schauderhafte Erfahrung zur Stelle bestätigt zu sehen. Die Gräfin war die erste, die sich sammelte, und sprach:
„Fürwahr! Das Gespräch hat eine so ernste Wendung genommen, dass wir ebenfalls der Zerstreuung bedürfen, um uns des augenblicklichen Grauens zu entschlagen. Herr del Cane hat die Heiterkeit des Abends gestört und ist in Strafe verfallen. Das ängstliche Staunen seiner holden Nachbarin könnte hinlängliche Schande für sein Zartgefühl sein; da ich aber hier als Oberrichterin im Namen der ganzen beleidigten Damenwelt urteile, die ihre Augen nun einmal nur schön und liebenswürdig gefunden wissen will, so ergeht mein Spruch dahin, dass bemeldeter Herr del Cane, ob seiner frevelhaften Mitteilung fataler Experimente, gehalten werde, auf der Stelle ein galantes Impromptu auf die Taubenaugen seiner lieblichen Freundin zu machen. Um es ihm zu erleichtern, mag es in italienischer Sprache verfasst sein.“
„Darf ich Petrarca statt meiner sprechen lassen?“ fragte del Cane mit einem feurigen Seitenblick auf Florentine.
„Behüte“, eiferte die Gräfin. „Sie müssen reden ... Sie. Petrarca ist ein Schwätzer, der nie bei seiner Laura Augen allein stehen bleibt, und wir haben es hier bloß mit den Augen zu tun.“
Der Verurteilte fügte sich in sein Schicksal, und zauberte in anderthalb Minuten ein Sonnettchen her, das regelrecht, klingend und ritterlich galant dem Zweck vollkommen entsprach, für den Verfasser ein zärtliches Wort des Dankes aus dem Mund seiner Nachbarin zur Folge hatte, und ihm die Verzeihung der Gesellschaft erwarb.
Auch der fürstliche Gast versicherte den glücklichen Dichter seines Beifalls. Sein Blick ruhte aber forschend auf dessen Antlitz, und zerstreut hörend und antwortend, schien er verwirrte Ideen und Erinnerungen in seinem Kopf zu ordnen.

-

„Auf die Gefahr hin, unbescheiden genannt zu werden“ sprach er endlich zu der Gräfin, und zog sie in ein Fenster, „muss ich einige Fragen an Sie stellen, meine beste Gräfin. Für’s Erste, meine liebe Villing ... wie nannten Sie den jungen bleichen Italiener, dem so eben das scharmante Sonnettchen glückte?“
„Del Cane, Ihro Durchlaucht, aus einem guten neapolitanischen Haus.“
Der Gardekapitän, der zwei Schritte von den Sprechenden entfernt mit der ehemaligen Hofdame von Maltingen im leisesten Gespräch verkehrt hatte, wurde bei diesem Namen aufmerksam, wie seine Gesellschafterin. Von faltigen Gardinen dem Fürsten und der Gräfin verborgen, verloren die Lauschenden keine Silbe.
„Was ist der junge Mann weiter?“ fragte der Fürst.
„Er ist geschäftslos, so viel ich weiß“, entgegnete die Gräfin. „Das Gerücht nennt ihn reich. Er hält sich ungefähr seit sechs Monaten hier auf, fand, obgleich fremd und ohne Empfehlungen, Eingang in dem Hause der liebenswürdigen Baronin, die ihm gerade jetzt zur Seite sitzt, und mit der er sich so angelegentlich unterhält.“
Der Fürst blickte hin, erkannte die Bezeichnete, nickte beifällig, während die Hofdame höhnisch die Lippen zog, und dunkle Röte dem Kapitän bis unter die Haare stieg.
„Ein holdes Frauenbild“, sprach dann der Fürst. „Rosiger Schein auf den Wangen, Himmelsbläue in den Augen, Purpur auf den Lippen, viel Schwärmerei, aber auch viel Liebe in Blick und Zügen. Der Name des lieblichen Kindes?“
„Florentine, verwitwete Freiin von Hersfeld. Convenienz verehelichte das sechzehnjährige Mädchen. Nach anderthalbjähriger freud- und leidloser Ehe starb der Gemahl, und hinterließ ihr nebst großen Gütern einen Sohn, in dem sie erst den Vater zu lieben begonnen hatte. Dieses Kind war der Witwe Idol, bis ...“
„Bis der schlaue Italiener für sich den Altar gewann?“ lächelte der Fürst? „Ich verstehe.“
„Euer Durchlaucht haben erraten“, bekräftigte die Gräfin. „Er wusste die Witwe von neunzehn Jahren, die reichste Partie im Land, allen Mitwerbern zum Trotz zu fesseln, und ihre Verbindung ist schon so gut als festgesetzt.“
„Ich bin Ihnen verbunden, meine wackere Wirtin, für die Auskunft, die Sie mir zu geben so gütig waren“, versetzte hierauf der Fürst. „Meine geringste Pflicht ist nun, Ihnen von den Fragen, die ich tat, Rechenschaft zu geben. Aber ich weiß auf Ehre nicht recht, wie ich es anfangen soll. Denn für das Sonderbare, das ich Ihnen zu erzählen habe, kann ich nur meine Augen, mein seit einer Stunde wohl zu Rat gezogenes Gedächtnis, und meine Wahrheitsliebe, die wissentlich niemals einen Irrtum behauptet, als Bürgen aufführen. Zur Einleitung ein Reiseabenteuer. Auf meiner Reise nach Italien begriffen, kam ich vor zwei Jahren nach M**. Mein Arzt, der mich in den Seebädern von Livorno herstellen wollte, ward selbst krank, und verursachte einen Aufenthalt von einigen Wochen. Unter den Gästen des Hotels, das ich bewohnte, fiel mir ein junger Mann vor Allen auf. Seine männlich schönen Züge, seine strahlenden Augen zeichneten ihn vorteilhaft aus. Ich erkundigte mich nach ihm. Er wurde Angelo, Neapel seine Heimat genannt; ich erfuhr, sein Zimmer stoße an meine Gemächer, und diese Nachbarschaft gewährte mir in der Tat vielen Genuss. Denn in des Abends Dämmerstunden erklang seine Gitarre. Die Canzonen seines Vaterlandes und Barcarollen in venezianischer Mundart, von dem angenehmsten Bariton vorgetragen, stahlen sich mit den Blütendüften des Gartens in die offenen Fenster meines Zimmers, wo ich in behaglichem Schweigen den transalpinischen Melodien lauschte. - Ich spreche unvollkommen italienisch, ... französisch war ihm nicht geläufig, die deutsche Sprache gänzlich fremd, darum kam unsere Unterhaltung, begegneten wir uns zufälligerweise, nie weiter, als auf ein paar schlecht und recht gegebene Komplimente von meiner, und eine undeutliche kalte Erwiderung von seiner Seite. Es herrschte überhaupt in seinen Blicken und Gebärden eine gewisse ängstliche Unruhe und Scheu, die vielleicht auch bei besserer Kenntnis der Idiome kein dauerndes Gespräch unter uns hätte zu Stande kommen lassen. - Doch ich bemerke so eben, dass ich, der Gewohnheit des Alters gemäß, zu breit werde, und gehe, Ihre Geduld nicht zu ermüden, zum Schluss meiner Reiseerinnerung. Ich war noch keine Woche in M**, als ich eines Nachmittags meinen Nachbar Angelo in Begleitung seines einzigen alten Dieners ausreiten sehe, und mich über seine Haltung, sein munteres Aussehen, die blühende Farbe seiner Wangen, und die hohe Regsamkeit seiner Glieder freue. Ich kehre am Abend aus dem Theater in den Gasthof, sehe in dem Korridor, der zu meinem Zimmer führt, viele Menschen gehen und kommen ... ich fürchte für meinen kranken Äskulap, frage, erkundige mich, und höre, dass mein junger Nachbar gefährlich darnieder liege, dass er von Fieberschauern geschüttelt, den Folgen einer starken Erkältung, nach Hause gekommen, in Konvulsionen verfallen, dem Tode nahe sei. Gegen Mitternacht weckt uns das Geschrei und Geheul des Bedienten aus dem Schlaf. Angelo war so eben verschieden. Die Teilnahme, die ich für den Verblichenen gehegt hatte, machte mich geneigt, seine Leiche zu sehen. Ich sah sie mit dem Sterbekleid angetan. Der arme Jüngling! Seine Züge unentstellt, aber die Blässe des Todes auf seinen Wangen, kalt und starr seine Glieder. In meiner Gegenwart drückte ihm weinend der Diener die Augen zu; in meinem Beisein nahm ein Notar seine Hinterlassenschaft auf. Man fand ein Testament, Briefe, Kleinodien, Wechsel und Geld. Der alte Diener übernahm es, solche der Familie zu überbringen, ließ alles gerichtlich bescheinigen, versiegeln; packte und besorgte die Bestattung seines Herrn. Man musste den Jammernden mit Gewalt von der Leiche reißen, um sie in den prächtigen Sarg zu legen. Auch hier sah ich sie mit meinen Augen, und alle Bewohner des Hotels verabredeten sich, den Toten zu seiner Grabstätte zu begleiten. Die Stunde kam, der Sarg war schon in der Hausflur angelangt, die Träger wollten ihn auf die Schultern nehmen, als ein Reisewagen vor dem Hotel hielt. Eine junge Dame in Reisekleidern, von zwei Kammerfrauen begleitet, sprang heraus. Angelos alter Diener gewahrte sie, wurde geisterbleich, eilte dann auf sie zu, rang die Hände, und rief in italienischer Sprache „Verzeihung! Vergebung! Zu welchem Auftritt kommen Sie, Signora?“ - „Scellerato!“ herrschte ihm die Dame im Vorübergehen zu, Erbitterung und Grimm im Blick, und wandte sich dann zu den Trägern, verlangend, dass man ihr den Sarg öffne. Diese weigerten sich. Die Dame wies einen Polizeibefehl auf. Man gehorchte ihr. Der Deckel sprang auf. Die Fremde betrachtete den Toten mit fester Aufmerksamkeit, berührte sein Gesicht, schob seine Halskrause zurück, unter der sich ein sternförmiges brennendrotes Muttermal barg, und beugte sich dann zu ihren Begleiterinnen, sprechend: „Er ist es! Kein Zweifel! Er ist es gewiss!“ Keine Träne entfloss ihrem Auge, kein Schmerz verzog ihr Gesicht; nur ein leiser Schauder schien durch ihre Glieder zu beben, und mit einem Zeichen, den Deckel zu schließen, trat sie von der Bahre. Ich sah dies alles mit an, da ich wenige Schritte von ihr stand, und teilte das Staunen aller Anwesenden. Die Dame zog Angelos Diener auf die Seite, wechselte wenige heftige Worte mit ihm, ließ sich die Schlüssel zu des Verstorbenen Zimmer und Effekten ausliefern, und erlaubte nun die Fortbringung des Toten. Der Leichenzug ging vor sich. Wir folgten in der sonderbarsten Gemütsstimmung. Der alte Diener schwankte wie vernichtet hinter dem Sarg her, und verließ laut weinend das Grab, in das sein Herr gesenkt wurde. Ich sah ihn versenken, ich hörte das Poltern der Erdschollen, mit denen das Grab zugeworfen wurde. Als ich ins Hotel zurück kam, hatte die Fremde, - Angelos Schwester, wie man von den Wirtsleuten hörte, - Gasthof und Stadt verlassen, samt ihres Bruders beweglicher Habe. Sein alter Diener war ebenfalls abgereist, um einem nahen Verwandten seines Herrn die Kunde zu bringen, dass ihn der Verblichene, kraft seines beim Notar deponierten Testaments, zum Erben des größten Teils seines Vermögens eingesetzt habe.
Ich hielt mich noch vierzehn Tage in M** auf, und Angelos Tod war lange schon vergessen in dem Treiben der volkreichen Stadt, als ich abreiste. Das Bild des toten Jünglings blieb aber noch lange lebendig vor meinem Geist, und frischt sich heute auf die seltsamste Weise auf, und dennoch haben mich meine Sinne damals nicht getäuscht; ... sie täuschen mich noch nicht, so gern ich’s mich überreden möchte, denn dort am Kamin sitzt derselbe Angelo, den ich vor zwei Jahren, hundert und fünfzig Stunden von hier, in M** lebend, dann als Leiche, und begraben sah; sitzt dort, nicht wie ich ihn in des Lebens Blüte, nein, wie ich ihn auf seinem Sterbelager, wie ich ihn zweimal im Sarg sah.“
„Um Himmelswillen, del Cane!“ flüsterte die Gräfin, einen scheuen Blick nach dem Italiener sendend. Die Hofdame legte bange ihren Arm in den des Kapitäns, in dessen Antlitz sich ebenfalls eine seltsame Bewegung kund tat.
„Erklären Sie nun, meine schöne Philosophin !“ bat der Fürst.
„Wie soll ich?“ erwiderte die Gräfin sinnend und vergleichend.
„Was meinen Sie?“ fuhr er lächelnd fort, „ein Gespenst?“
„Euer Durchlaucht scherzen“, versetzte die Wirtin errötend.
„Oder eine sonderbare Ähnlichkeit?“
„Die natürlichste Erklärung, wenn nicht ...“
„Meine Philosophie zweifelt? Es ist also etwas Unheimliches in der Sache.“
„Man sollte denken, denn Euer Durchlaucht wissen noch nicht, wie gut Ihnen Ihr Gedächtnis dient.“
„Wieso? Sie machen mich erst neugierig.“
„Der Name...“
„Trifft nicht zu?“
„Doch. Del Canes Name ist Angelo.“
„Wär’s möglich?“
„Und das Mal am Halse ...“
„Findet sich am Ende auch vor?“
„Ach, mein Gott, ja ...“
„Sie hatten gesehen?“
„Mit diesen meinen Augen. Auf dem letzten Balle erschien del Cane in der romantischen Tracht des Mittelalters, und durch den dünnen Spitzensaum seiner Halskrause brannte wie ein Komet der fatale rote Stern.“

„Sonderbar!“ murmelte der Fürst, den Kopf wiegend. „Sonderbarer, als ich dachte. Diese zutreffenden Merkmale, meine Überzeugung ... es ist sein Gesicht, wie es im Tode war; es ist seine Stimme, seine Gebärde, nur ernster, schleppender als Stimme und Gebärde sich in dem lebenden Angelo aussprach.“
„Sein seltsames Benehmen“, fügte die Gräfin bei, „seine düstere Melancholie, die nur augenblicklich hellere Flammen schlägt ...“
„Und er ist Bräutigam?“ fragte der Fürst. „Wie konnte er jenes Herz gewinnen?“
„Wie bezaubert man unser Herz?“ fragte die Gräfin fein entgegen. „Ist es nicht unergründlich in seinen Launen und Neigungen? Doch hier ist mehr. Florentine ist aus der Familie der Eschen. Seit mehreren Jahrhunderten hat ein seltsames Schicksal dieses Geschlecht betroffen. Die männlichen Sprossen desselben sterben entweder in der Blüte ihrer Jahre, oder verfallen in einen stillen Wahnsinn, der nicht auf kurze Zeit bei ihnen einzieht, und sich nach der Jahreszeit richtet, wie bei einem gewissen Obersten, aus einem gewissen Geschlecht, in einer Erzählung unseres ritterlichen Fouques, sondern der sie bis ins Grab begleitet. Die kritischen Jahre sind vom dreißigsten bis zum fünfunddreißigsten. Die Frauen dieser Familie sind galanter bedacht, und das Fatum lässt es für sie bei einem ausgezeichneten Hang zur Schwärmerei und zum Wunderglauben bewenden, während es die Stammhalter in das Irrenhaus oder in die Gruft stößt. Eine solche liebenswürdige und ängstliche Schwärmerin ist meine gute Florentine, und fühlt sich darum schon zu dem geheimnisvollen del Cane hingezogen, dessen eisige Rinde dennoch eine glühende Leidenschaft decken dürfte. Er hat sie gänzlich für sich gewonnen; sie hängt mit voller Seele an ihm, trotz der Abneigung, die ihr Bruder gegen den künftigen Schwager hegt.“
„Ihr Bruder?“
„Ja, Euer Durchlaucht; der letzte männliche Spross des Geschlechts von Eschen, mit dem es zu Grabe geht, weil er sich nicht zu vermählen gedenkt.“
„Wie steht es denn mit ihm?“ fragte der Fürst, und wies lächelnd auf die Stirn.
„Ei nun“, erwiderte die Gräfin, „er tritt in die gefährlichen Jahre, und ich denke, er gehört nicht unter die Ausnahmen, die ohnehin in der Familie nur äußerst selten vorgekommen sind, und niemals an den Stammhaltern. Er ist trüben Sinnes, melancholischer Natur, wie man sagt; besucht keine Gesellschaften, hat, wie man behauptet, auf einer berühmten Universität die Arzneikunde mit allem Eifer studiert, um durch die bewährteste diätetische Regel dem Schicksal seiner Vorfahren zu entgehen, wenn es immer möglich ist; ... soll sich aber, wie man ebenfalls behauptet, durch sein anhaltendes Studium dem Irrenhaus um mehrere Jahre näher gebracht haben.“
„Das ist ja ein bedauernswertes Schicksal“, sprach der Fürst. „Und in diese Familie soll noch jener del Cane treten, von dem wir nun im eigentlichen Verstand nicht wissen, ob er zu den Toten gehört, oder noch das Recht hat, unter den Lebenden zu wandeln? Was wird da am Ende heraus kommen? Denn, meine gute Gräfin, lassen wir jenes Abenteuerchen auf noch so natürlicher Basis beruhen,... wunderlich bleibt es doch. Ihrer Diskretion allein habe ich es anvertraut, und in Ihrem Busen sterbe es, wie ich auch mit niemand davon reden werde, um nicht vielleicht fremde Ruhe dadurch zu stören. Erlauben Sie mir jetzt, Sie wieder zu der Gesellschaft zurückzuführen, die schon zu lange der lieblichen Hausfrau entbehrte.“

-

Ohne zu wissen wie, war das Fräulein von Maltingen mit dem Gardekapitän in ein Nebenzimmer getreten, das liebenden und Ränke schmiedenden Pärchen ein willkommenes abgelegenes Versteck bot. Antonie warf sich gedankenvoll in das Sofa; der Kapitän stand vor ihr, lächelte von Zeit zu Zeit, und kaute an den Nägeln.
„Was sagen Sie zu dem, was wir gehört?“ fragte sie endlich.
„Dass unsere Saat in schönster Blüte steht“, versetzte der Hauptmann.
„Dem Fürsten darf man trauen ... er lügt nicht“, sprach Antonie weiter. „Auch trifft alles mit seiner Erzählung zusammen ... Was ist demzufolge dieser del Cane eigentlich?“
„So Gott will, ein Mensch, wie wir;“ erwiderte kalt der Kapitän.
„Der aber schon im Grabe lag, in des Todes Armen! ... Der ...“
„Das kann alles natürlich zugehen, meine Gnädige“, sprach der Hauptmann von Lissa, „auch ich, in dem Treffen von Sanderslohe verwundet, lag Tage lang ...“
„Um Gotteswillen.“ fiel das Fräulein heftig ein, „verschonen Sie mich mit der hundertmal wiederholten Geschichte!“
„Wie Sie befehlen, meine Beste“, spöttelte der Hauptmann. „Auch mit meiner Gegenwart verschone ich Sie.“
Er wollte gehen. Antonie rief ihn mit den sanftesten Schmeichelreden zurück.
„Vergeben Sie mir“, sprach sie, seine Hand ergreifend. „Ich bin so bewegt, so gereizt ... ich bitte Sie um Vergebung ... Ach ich habe Ihnen so viel abzubitten, guter Harduin!“ Harduin sah mit besonderem Ausdruck auf sie herab. „Fühlen Sie das?“ fragte er schneidend.
Antonie drückte seine Hand an ihr Herz, und senkte das schöne Haupt. Der Hauptmann überließ ihr kalt seine Rechte, stützte sich mit der Linken auf den Degen, beugte sich tiefer zu der Reuigen, und fuhr leiser fort:
„Ich habe Menschen kennen gelernt; zum Teil durch Sie, Antonie. Diese Kenntnis hat mich belehrt, dass Sie seit einiger Zeit etwas auf dem Herzen haben, dass Sie sich mir wieder zu nähern suchen, mir, von dem Sie so lange getrennt wandelten. Ich kam Ihnen und meinem Triumph entgegen, feiere ihn jetzt, denn ich sehe es, Sie bedürfen meiner; in der ganzen Welt nur meiner, weil Sie auf meinen Dienst in Ihren jetzigen Verhältnissen am meisten zu rechnen haben.“

Ein tiefer Seufzer entquoll Antonies Brust.
„Galt dieser Seufzer der Vergangenheit?“ fragte Lissa, und ein leiser Abglanz schönen Gefühls flog über sein leidenschaftliches Antlitz. „Ja, es war eine schöne Vergangenheit, in der wir einst lebten, als der ungelenke, aber unverdorbene Harduin die Fahne bei der Garde erhielt, und Gnade fand vor den Augen der schönsten Jungfrau des Hofs; als günstiger Zufall und Gelegenheit ihn in Antonies Arme führte ... als an seiner Brust die Geliebte von Wonnetaumel hingerissen der Schicklichkeit vergaß, und Unschuld gegen Unschuld tauschte in verschwiegener Minne! Selige Zeit! in wenigen Monden verrauschtest du. Jahre sind seitdem darüber hingeschlichen. Harduin war vergessen, Antonie lag im Arme des Herzogs. Der verzeihliche Sinnenrausch zweier Liebenden war zum fressenden Lasterkrebs geworden. Deine Tugend erstickte unter dem Purpurmantel deines Verführers. Die meinige ging unter in den wilden Lüsten, die mich über deine Untreue betäuben sollten. Aus dem rohen Feldlager kam ich zurück, sah, ohne rot zu werden, der Favoritin ins Auge. Errötete sie bei meinem Anblick, so tat es nur das Verlangen, denn ich war zum Mann gereift. Auch meine Sinnlichkeit entflammten ihre ausgebildeten Reize auf’s Neue. Einen Schleier über jene Stunden. Sie brachen den Stab der Erniedrigung über uns.“
„Harduin! halt ein!“ stöhnte Antonie, und drückte krampfhaft seine Hand an ihre nassen Augen.
„Noch wenige Worte, und ich bin zu Ende“, fuhr der unerbittliche Hauptmann fort. „Wir hatten uns kennen gelernt. Du konntest dich leichtsinnig aus meinem Arm winden, und an des Herzogs Busen sinken. Ich konnte aus deiner Hand diese Epauletten nehmen, die vielleicht einem Würdigeren gebührt hätten. Ich konnte sie annehmen, und wusste, um welchen Preis sie erstanden waren! Da erschien del Cane in der Residenz. Du sahst ihn; seltsame Laune oder krankhafte Übersättigung ließ dich in leidenschaftlicher Glut für den blassen Sonderling entbrennen, stieß dich vom Gipfel deines Glücks. Der fischblütige Fremde wich deinen Lockungen aus, steigerte dein Verlangen zur rücksichtslosen Begierde. Ein Billet, für del Cane bestimmt, das Unbesonnenste, das vielleicht je ein Weib in deinen Verhältnissen schrieb, fällt in des Herzogs Hände, und bewirkt, was der Fürstin milde Tugend nicht vermocht hatte: Deine Entfernung vom Hof. Er hat dich wahrlich geliebt, der Herrscher, denn er schonte, - wie vielleicht noch Keiner. - Für freiwilliges Zurücktreten hält die Fürstin und die Welt, was eigentlich Verweisung ist, und du genießest jetzt mehr Achtung als vorher. Aber deine Stützen sind dennoch gebrochen. Man duldet dich gerne, man hebt dich aber nicht mehr, del Cane verschmäht dich, reicht seine Hand einer anderen. Du sinnst auf Rache, blickst nun nach einem Helfer. Alle stehen dir fern, Harduin der nächste. Deine Kreaturen sind gesplittert, wie das schwache Rohr, der Freund aus den Tagen deiner Unschuld, der hintergangene, zurückgesetzte Freund bleibt die einzige Zuflucht. Wird er aushalten, wo andere fliehen? Das fragst du dich in diesem Augenblick, Antonie, in dem deine gereizte Weiblichkeit das Glück einer anderen zu zerstören glüht. Mit dieser Frage quälst du dich seit acht langen Tagen, bis dich der heutige Abend bestimmt, dich in meinen Schutz zu begeben. Der Schein von Heiterkeit auf deiner Stirn belehrt mich, dass ich recht geraten, und dir ein schweres Geständnis erspart habe. - Nun reden Sie, mein Fräulein!“
„Darf ich?“ flüsterte Antonie, scheu und forschend zu ihm emporblickend.
„Ohne Umschweife?“ versetzte der Kapitän. „Rechnen Sie auf mich.“
„Ist das Edelmut oder Spott?“ fragte das Fräulein zögernd.
„Edelmut?“ sprach der Hauptmann mit verächtlichem Ton. „Wie käme der zwischen uns? Spott ist’s aber auch auf meine Ehre nicht.“
„Ich habe keine Ansprüche auf Ihre Bereitwilligkeit“, stotterte Antonie, „ich fühle das.“
„Wohl Ihnen, wenn das ist“, erwiderte Harduin ernst. „Dem ungeachtet aber bin ich Ihnen verpflichtet. Nicht wegen meinem Rang; er ist ein unsichtbares Brandmal. Aber Sie waren meine Lehrerin in der schönsten Kunst; ich der Erste, den Sie unterrichteten. Diese Erinnerung, die in der verdorbensten Phantasie als reines Zaubergold leuchtet, macht mich zu dem Ihrigen. Reden Sie.“
„Harduin! Sie zerfleischen mein Herz, und ich soll...“
„Keine Szene, Antonie; keine Klage! Schleichen Sie nicht wie eine Schlange auf Ihren Zweck zu. Meine Freimütigkeit ist der Erwiderung wohl wert. Scheut sich Ihre Zunge vor dem Wort, so will ich die Tat, die Ihr Herz begehrt, in Worte setzen. Der Sie verschmähte, ist auf dem Punkt, glücklich zu werden. Er darf es nicht. Seine Braut, deswegen gehasst, weil Sie nicht an ihrer Stelle sind, darf es auch nicht. Also: Verderben über Beide. Sie ahnen, dass sich aus der Erzählung des Fürsten Gift bereiten lässt; Sie brauchen einen Gehilfen, der Sie kräftig unterstütze, den wahnsinnigen Bruder gegen die Schwester Hetze, während Sie mit geschäftiger Hand den Brand des grollenden Argwohns in die leichtgläubige Brust schleudern ... einen Gehilfen, der im Notfall mit dem Degen einen Knoten zerhaue, den vielleicht die Zwietracht allein nicht lösen kann, und dieser Gehilfe soll ich sein. Ist’s nicht so?“
„Harduin!“ rief Antonie aufspringend, und sich an seine Brust werfend …, „mein Engel! mein Retter! ... wenn du einwilligst! wenn es uns gelänge! ... ich kann sie nicht glücklich sehen! wenn wir siegten ... welche Wonne! nur danken könnte ich dir ... nimmer dich belohnen!“ setzte sie langsamer hinzu. „Ich habe dir ja nichts zu bieten ...“
„Was nicht schon mir verfallen wäre?“ ergänzte der Hauptmann mit kaltem Hohn. „So ist’s! Doch gleichviel. Der Wechsel des Augenblicks, der Szene, wie unserer Laune, schafft gewohnte Genüsse zu neuen um. Liebe, Begierde und Interesse lohnen mit gleicher Münze, doch ist es nicht derselbe Lohn ... ich kenne das. Wie aber die Rache den Minnesold spendet, das will ich erfahren.“

Antonie bebte zusammen vor seinem flammenden Blick. Er fuhr aber fort:
„Seien Sie ruhig indessen, mein Fräulein. Nicht jener Neugierde schwacher Strang bindet mich allein an Sie. Ich habe mit jenem Italiener abzurechnen, der mir Ihr Herz zum zweiten Mal entrissen hat. Einem Herzog konnte ich wohl weichen ... dem Träumer weiche ich nicht. Darum verlassen Sie sich auf mich. Morgen sehe ich Sie, teile Ihnen meine Pläne mit, und dann frisch an das Werk!“
Ein dankbarer Kuss brannte auf seinen versagenden Lippen. „Harduin!“ flüsterte Antonie ... „sollte die aufrichtigste Reue jene süße Vergangenheit nicht wieder ins Leben zaubern? Keine Buße mich deiner würdig machen können?“
„Meiner würdig?“ wiederholte Harduin, und sah sie lange durchdringend an, legte seinen Arm um ihren schlanken Leib, und zog sie an sich. „Warum das nicht? Es gilt den Versuch, Magdalena! Büße, bereue; lasse aber deine Reize nicht unter den Büßungen sterben!“

Die schöne Büßende legte wie träumend den Lockenkopf an seine Brust, und blickte schmachtend zu ihm empor. Ihr Lebensfrühling schien aus diesem Blick zu lächeln, und der Hauptmann ehrte die Mahnung des Abgeschiedenen durch einen leichten Kuss auf Antonies Stirn. Er schob sie dann sanft von sich, und lud sie ein, zur Gesellschaft zurück zu kehren.

Sie gerieten in das Getümmel des Aufbruchs. Ihre Abwesenheit war unbemerkt geblieben. Der Fürst verließ das Haus, und Alles folgte. In ihren Mantel gehüllt hing Antonie am Arm des Hauptmanns, und das tückische Ungefähr ließ unmittelbar vor ihnen Florentine mit ihrem Verlobten die Treppe hinuntersteigen. Antonie zitterte vor Wut und Eifersucht am ganzen Körper, und presste krampfhaft den Arm ihres Führers, der ihr kaltblütig Ruhe und Schweigen empfahl. Er hob sie in den Wagen, und beim Scheiden flüsterte sie ihm noch zu: „Harduin! Rache an diesen, und ich bin deine Sklavin auf ewig!“ Der Wagen rollte fort, und Antonie, auf der unbedeutenden Gesellschafterin Fragen nicht achtend, schwelgte in schönen Hoffnungen und dem Vergnügen, mit leichter Mühe, durch geringe Künste ihr Ziel erreicht, und den auf’s Neue berückt zu haben, dessen Beistand allein ihr frommen konnte. Der Kapitän warf aber unter dem Peristyl den Mantel um, den ihm der Bediente reichte, sah dem Wagen nach, und murmelte:
„Fahre hin! deine Tränen, deine Küsse, deine Schwüre sollen mich nicht täuschen. Ich bin nicht der Tor einer geheuchelten Wallung. Ich fechte hierin eigener Sache, und bloß um meine Zwecke zu erreichen, verbinde ich mich mit der Maitresse, die ich verachte, wie sich’s gebührt, (besonders seit sie allen Einfluss verlor) die mir aber als intrigantes Weib vortreffliche Dienste leisten soll.“

-

Sie standen an dem Lager des kleinen Julius, der lächelnd wie der Mai in tiefem Schlummer lag ... sie reichten sich die Hände über dem schlafendem Engel, dem ihr Bündnis einen zweiten Vater schenken sollte, und Florentine sprach:
„O mein Angelo! Hier erst, am Lager meines Kindes, erkenne ich ganz die Vortrefflichkeit deines Herzens. O gewiss! Der Vater des Kleinen hat deine Schwüre gehört, dem Verwaisten das zu sein, was er ihm nicht sein konnte, und er lächelt vom hohen Himmel herab auf unser heiliges Band.“
„So beschleunige den Augenblick, in dem es unauflöslich geknüpft werde“, erwiderte del Cane, die erglühende Braut an sich ziehend. „Von dir hängt es ab. Gewähre.“
„Noch vermag ich's nicht“, lispelte sie verschämt, und sah bittend zu ihm auf. „Habe Geduld mit dem schwachen Geist des Weibes, das so gerne das Übernatürliche in sein Wohl und Wehe verflechtet. Ich sagte dir, dass ich, nachdem du um meine Hand geworben, neugierig hinter den dunklen Vorhang der Zukunft blicken wollte, mich in einer verschwiegenen Nacht zu jener klugen Frau stahl, die in der Vorstadt haust.“
„Zu der Kartenlegerin und Prophetin?...“ erwiderte del Cane bitter lächelnd … „ich weiß es; du hast mir’s gestanden, mit jener Scham gestanden, die das Bekenntnis einer Handlung, deren Unrecht wir einsehen, mit sich bringt. Noch jetzt fehlen dir die Worte, das Geständnis zu wiederholen. Die Pythonissin sagte dir ...“
„Schone meiner“, flüsterte Florentine, und versuchte dem Grollenden mit der kleinen Hand den Mund zu schließen. Er fuhr aber fort: „Sie sagte dir, dass sie in ihrem Zauberspiegel deinen Verlobten nicht erscheinen sehe ... dass ein seltsamer Umstand walten müsse, weil seine Gestalt ausbleibe; ... dass sie über dein künftiges Los nicht urteilen könne, aus diesem Grund; dass aber mit der Hochzeitfeier zu zaudern sei, bis zu dem Wonnemond: Dann nur könne sie Glück und Heil versprechen. Und diesem Gaukelspruch konntest du dich fügen! Der zahnlosen Zeichendeuterin deinen Willen, deine Vernunft aufopfern!“
„Habe Mitleid mit mir; schilt mich nicht!“ flehte Florentine, und der Zürnende konnte ihr nicht widerstehen.
„Siehst du das grobe Spiel nicht durch?“ fragte er weit milder. „Meine Gestalt erschien ihr nicht, weil sie mich nicht kennt, und fürchtete, ihre Allwissenheit möchte wegen meinem Signalement ins Gedränge kommen. Sie verschob den Tag unserer Verbindung um einige Monate, um während dieser Frist dich öfters bei sich zu sehen, und den goldenen Opferpfennig zu gewinnen.“
„Möglich!“ versetzte Florentine, und strich schmeichelnd die Falten von del Canes Stirne. „Ich gestehe mein Unrecht; werde nun aber wieder freundlich; entschuldige mich ... Vergib mir diese Schuld ... kein Sterblicher ist ja rein von Fehl!“
„Wahrlich, nein!“ sprach Angelo, zurücktretend, und finsterer Ernst stieg auf sein Antlitz.
„Du hast ein wahres Wort geredet; es wirft den Pfeil des Vorwurfs in meine eigene Brust.“
„Angelo!“ rief Florentine staunend über seine Bewegung. Del Cane fuhr aber erschüttert fort, indem er ihre Hand heftig in der seinen drückte:
„Ich ... ich soll dir vergeben? Heilige! vergib du meine Schuld.“
„Du bist in gewaltsamer Bewegung, mein Angelo“, erwiderte Florentine, ihm vertrauend ins Auge blickend. „Es ergreift dich öfters also. Deine lebendige Phantasie entrückt dich dann dem engen Leben. Komm zu dir, ich habe dir nichts zu verzeihen, dir nicht, der in stiller Tugend mein Vorbild war. Und hätte ich dir etwas zu vergeben ... o wie gerne!“
„Herrliches Weib!“ rief del Cane, und Tränen schossen in seine Augen. „Dies Vertrauen, diese himmlische Sanftmut, dieser Glaube ... Diese Welt belohnt sie nicht!“
„Ich verlange dein Herz“, antwortete Florentine schwärmerisch; „es wiegt eine Welt auf, ... so“ - fuhr sie durch Tränen lächelnd fort - „so; nun bist du wieder mein Angelo! mein Freund! mein Verlobter! denn deine Augen sehen freundlich auf mich, und nicht so finster, nicht so starr und kalt, wie vorhin. Ich fürchte mich, wenn du so durchdringend auf mich nieder schaust, und seit gestern kann ich diesen Blick gar nicht mehr ertragen.“
„Warum seit gestern, mein Leben?“ fragte Angelo schmeichelnd.
„Hast du vergessen, böser Mann“, sprach Florentine weiter, „dass du gestern die ganze Gesellschaft in banges Staunen versetzt hast, durch deine Bemerkungen über die Augen? Auch mich, und ich muss unwillkürlich an deine Worte denken, wenn du mich lange und starr ansiehst; ein frostiges Grauen überfällt mich ...“
„Wie bei dem Anblick eines Toten ... - nicht wahr?“ fragte Angelo wehmütig lächelnd. „Sprich es nur aus“, fuhr er fort, als sie verstummte. „Meine Blässe ... ich erschrecke oft selbst vor mir, wenn ich Abends in den Spiegel schaue ... ach! Ich war nicht immer so!“
„Mein geliebter Angelo!“ bat Florentine. „Weg mit diesem Trübsinn. Ich Unbesonnene! Wie konnte ich auch ...“
„Auch auf meinen Wangen blühten Rosen ...“ seufzte Angelo, ohne auf sie zu achten, „drei unglückliche Tage haben sie auf ewig hinweggehaucht, auf ewig ...“
„Du sprichst wieder von deinen Leiden“, versetzte Florentine. „Die Liebe hat dich so oft um Mitteilung gebeten ... Du hast sie stets versagt. Gewähre ihr endlich diese Bitte ...“
„Was verlangst du?“ fragte del Cane schwankend.
„Gewähre!“ fuhr Florentine drängend fort. „Sprich, und dein Verlangen, deiner Wünsche erster sei erfüllt!“
„Wie?“ rief Angelo, plötzlich hell aufsehend. „Du wolltest ...?“
Schamrot barg sie ihr Gesicht an seiner unruhig pochenden Brust.
„Weib!“ setzte er dann hinzu, sie plötzlich verfinstert von sich weisend. „Du willigst ein, der Prophezeiung zum Trotz, die Meinige zu werden, morgen, heute, in dieser Stunde schon ... Diesen Preis, um den dich vor ein paar Minuten meine Liebe vergebens bat, wirfst du der Neugier zum Opfer hin? Mache dir kein Verdienst daraus, und danke es mir, wenn ich es nicht annehme, und dir die Qual erspare, einen Stachel dafür einzutauschen, der dein Leben verwunden würde. - Nimmermehr. Gräber sollen nicht zu der Myrten bekränzten Braut sprechen! Lass mich schweigen.“
„Du sprichst in Rätseln“, erwiderte Florentine, und streichelte ihm begütigend die Wange. „Ich gehorche dir aber dennoch gerne, denn Böses hast du nicht zu verhehlen. Weg mit dieser neuen Wolke von der Stirn. Du siehst ja, wie ich dir vertraue. Bewahre Dein Geheimnis, bis du einst freiwillig das Siegel löst.“
„Das springt nur mit meinem Tode, so Gott will!“ sprach del Cane. „Wenn ich“, hier ward seine Stimme unsicherer, „wenn ich einst auf der Bahre liege ... dann ... sollen meine Schriftzüge dir enthüllen, was meine Zunge auszusprechen nicht vermag ... dann ...“
„Grausamer!“ klagte Florentine mit tränennassen Augen. „Schweige! Weg mit diesen schwarzen Gedanken. Ich will in Deinen Armen entschlummern ...“
„Um des Himmels Willen, nein“, fuhr Angelo entsetzt auf. „Das wolle der Allmächtige nicht. Ich sollte meine letzte Stunde unter Mietlingen erwarten, nicht gewiss sein, dass eine treue Seele mich überlebt, die meinen letzten Willen heilig befolge? Es wäre grässlich! ... Nein! Du musst leben, mir die Augen schließen, mich beobachten Tage lang ... hörst du? Und erst dann, wenn die Verwesung in ihr Recht tritt ... o Florentine! schwöre mir das ... erst dann mich der Erde übergeben ... hörst du? erst dann.“
„Woher diese Angst, mein Angelo?“, rief Staunen im Blick die besorgte Braut. „Besinne dich! Du stehst noch unfern der Pforte des Lebens, und sprichst schon vom Grabe? ...“
„Wer kann wissen, wie nahe es ihm ist?“ fragte Angelo, scheu um sich blickend, „aber ich fürchte es nicht, wenn du mir schwörst, was ich verlange, denn es ist grässlich, wenn ...“

Der kleine Julius erwachte, dehnte seine Ärmchen, blickte auf Florentine, und rief den süßen Mutternamen! Vom heiligsten Gefühl gerufen, verließ Florentine den Geliebten, und kauerte sich neben des Sohnes Wiege nieder. Angelo beugte sich still und freundlich über die Gruppe. Der Knabe gewahrte seiner, lächelte, und zog mit frohem Winken des wohlbekannten Freundes Haupt herab zu sich, und zu der Mutter. „Lieber Vater! liebe Mutter!“ stammelte der Unmündige. Angelos Lippen fanden Florentines Mund, und in dem herzlich erwiderten Kuss entschwand Furcht und Besorgnis. Die ganze dunkle Vergangenheit starb in dem seligen Augenblick der Gegenwart.

-

Ein Geräusch weckte die Seligen. Der Herr von Eschen stand hinter ihnen. Seine Anwesenheit scheuchte die Glücklichen in die Schranken der Schicklichkeit zurück.
„Warum so erschrocken, meine Schwester?“ fragte er, wie verlegen sich die Hände reibend ... „wenn man Recht tut, so hat man sich nicht zu scheuen, nicht wahr, mein lieber Schwager in Hoffnung?“
„Allerdings“, versetzte del Cane, über den unzeitigen Spott missvergnügt. „Da uns bald die heiligsten Bande vereinigen werden ...“
„So leistet man indessen eine Vorauszahlung auf das eheliche Glück?“ fiel der Baron ein, und zog das Gesicht in widrige Falten. „Nichts ist natürlicher, nichts zu gleicher Zeit rührender. An dieser Wiege kniend, vor dem kleinen Engel da vereint, ... der Bube wird täglich hübscher ... wenn er nur keinen Wasserkopf bekommt ...“
„Um Gottes willen!“ rief die ängstliche Mutter. „Kannst du glauben ... ?“
„Noch ist nichts zu glauben“, erwiderte der Baron. „Die Natur arbeitet lange still und heimlich an der Zerstörung ihres Werks, bis sie dem Forscher klar wird ... Aber ... darf man nach Vermutungen gehen, so dürfte diese vorspringende Stirne ...“
„O schweige, Unglücksherold!“ schrie Florentine, riss ihr Kind aus der Wiege, und eilte mit ihm in das Nebenzimmer. Eschen sah ihr staunend nach. Del Cane aber, der seinen Unmut nicht unterdrücken konnte, sprach zu ihm: „Sehen Sie, so flieht jede Freude den Weg, den Sie gehen, weil Sie den süßen Becher mit Myrrhen würzen.“
„Wer schilt mich darum?“ fragte Eschen, und maß seinen Gegner mit bohrendem Blick. „Tue ich nicht Recht? Ist das Leben nicht ein Spital?, der Sterbliche nicht ein allen Plagen und Foltern Preis gegebener Siechling? Gebiert ihn der Schoß der Mutter zu etwas andern, als früh oder spät dem Schoß der allgemeinen Mutter wieder gegeben zu werden? Was tut er in der Spanne Zeit zwischen Erwachen und Einschlafen? Er pflanzt sein erbärmliches Geschlecht fort, das mit jeder Generation erbärmlicher reift. Lohnt sich das der Mühe, zu leben? Tut man also nicht wohl daran, die Affenfreude der Mütter zu demütigen, indem man das endliche Ziel ihrer Sprösslinge ihnen nahe setzt?“
„Welche Wohltat!“ rief del Cane empört, „das Herz einer Mutter zu brechen!“
„Was das Kraut nicht heilt, heilt das Eisen oder das Feuer! Härte ist wohltätig, wohltätig auch der Wunsch, dass jeder keimende Mensch erstarren möge im Werden. Dieser Rückfall in das Nichts erspart ihm ein halbhundertjähriges Leiden. Jede Fehlgeburt ist ein mit Protest zurückgesandter Wechsel auf die Nachwelt. Wollte der Himmel, es würden fürder nur solche Wechsel gezogen. Dann hätte ich die Freude, das verdorbene Geschlecht verfallen zu sehen, hätte nicht zu fürchten, vielleicht eine Frucht aus Ihrer Verbindung mit Florentine zu erleben.“
„Herr!“ zürnte ihm Angelo entgegen. „Dieser Wunsch ... diese Tücke ... Sie sollten Ihnen teuer zu stehen kommen, wüsste ich nicht, dass Sie nur ein Narr sind ... ein grausamer, boshafter Narr!“
„Ein Narr?“ fuhr Eschen grimmig auf, und packte ihn fest beim Arm, ihm stier ins Gesicht schauend. „Hat der Narr den Vernünftigen wieder einmal einen Narren genannt? Wenn ich mein Säbel bei mir trüge, wollte ich dir die Kopfhaut abziehen, um deinem Gehirn mehr Luft zu verschaffen; leichenblasser Freiwerber, der dem Tod aus dem Garn gelaufen scheint ... wiederhole noch einmal das Wort! Nenne mich noch einmal einen Narren!“
„Lass’ mich, Elender!“ donnerte del Cane, und schüttelte den Verrückten von sich. Florentine, die den heftigen Wortwechsel gehört hatte, stürzte bittend und klagend zwischen die Erzürnten.
„Mäßigung, Friede!“ bat die Erschrockene. Del Cane aber griff nach dem Hut.
„Mäßige den aberwitzigen Narren, deinen Bruder, der mich seine tollen Schwindeleien entgelten lassen will. Du siehst mich nur dann wieder, wenn du einwilligst, endlich die Meine zu werden, und dich der vernunftlosen Tyrannei dieses Menschen zu entreißen!“

Er enteilte dem Gemach und dem Haus. Eschen sandte ihm giftige Blicke nach, und verschlang seinen Groll in tiefes Schweigen.
„Unbarmherziger Bruder!“ jammerte Florentine. „So kannst du deine Schwester betrüben? So ihres Herzens Gefühle misshandeln?“
„Ich hasse den Italiener!“ murrte Eschen vor sich hin.
„Warum?“
„Das begreifst du nicht, Florentine. Es ist etwas in dem Menschen, das nicht geheuer ist. Es drückt mir die Brust ein, wenn ich dich in seinen Armen sehe. Als ich vorhin ins Gemach trat, war mir’s, als ruhe der Mund eines bleichen Vampirs auf deiner Schläfe, und sauge dir das Blut aus dem Gehirn.“
Florentine schauderte.
„Er kommt mir vor wie ein böses Gespenst“, fuhr der Herr von Eschen fort. „Nur ein künstliches Treibhausleben scheint in ihm zu arbeiten.“
„Halt ein, Bruder!“ seufzte Florentine. „Stecke mich nicht an mit deinen krankhaften Ideen ... damit ...“
„Ich bin nicht krank“, versetzte ihr Bruder; „auch nicht verrückt, wie mich jener nennt. Das Schicksal meiner Ahnen trifft mich nicht, denn ich setze tiefes Studium dem Erbgebrechen entgegen. Toll werde ich nie; ein jäher Tod hingegen kann jeden treffen. Du weißt es nicht“, fuhr er fort, die Schwester bei der Hand fassend, und neben sich auf die Ottomanne ziehend, „wie bald es um den Menschen getan ist. Darum sei ihm auch kein Zweck so gering, dass er nicht mutig das Leben daran setze. Der nächste Atemzug kann es ihm ja rauben. Ihr Laien in der Kunst ahnt es nicht, dass ihr beständig zwischen Sein und Vernichtung schwankt. Ihr fühlt das Pochen Eures Herzens, das Klopfen eurer Pulse, mit jedem überstandenen Herzschlag ist eine Lebensgefahr vorüber - der folgende bringt auch eine neue. Der Kreislauf des Blutes strömt ab und zu, und in jedem Gelenk, bei jeder Drüse, in jeder Aderpforte und Schleuse lauert der Tod. Ein Krampf, ein Gegendruck, ein Nichts ... und die Maschine stockt. Das haben die Weisesten unserer Kunst erlauscht, das wissen wir, ihre Jünger. Ich habe meine Zeit benutzt, gleich dem ärmsten Schlucker, der ums tägliche Brot den Puls fühlt und die Zunge besieht; darum kann ich nicht verrückt sein, nie es werden. Besondere Vorstellungen sind hin und wieder in mir entstanden, das gestehe ich; aber bis zum Tollwerden ist davon noch weit. Das Studium der Anatomie, in der man lernt, den menschlichen Leib mit Messern zu durchwühlen, wie der Bergmann den ergiebigen Erzschacht mit der Hacke, hat mich angezogen, ergriffen und närrische Ideen in mir erzeugt, über die ich öfters lachen möchte, wäre nicht das Lachen meiner Natur zuwider.“
„Ich glaube, ich höre meinen Julius rufen!“ unterbrach ihn Florentine, von Grauen befangen, und wollte sich entfernen. Eschen hielt sie aber zurück.
„Nicht doch“, erwiderte er begütigend. „Der Kater steigt jetzt aufs Dach zu seinem Liebchen, und lockt sie mit der Stimme des weinenden Kindes. Bleib immerhin. Ich bin gemütlich geworden an deiner Seite, und in der stillen Dämmerung plaudert es sich so gut. Bleib, meine liebe Schwester, und höre mir zu.“

Florentine resignierte sich bebend; wollte ihr Ohr verschließen, und horchte um so ängstlicher auf des Bruders unheimliche Rede.
„Ich habe bedauert, dass ich nicht lachen kann“, fuhr dieser fort. „Du siehst, ich bleibe in dem Geleise, und meine Gedanken sind nicht verwirrt, wie jener dich wohl überreden möchte. Wenn ich lachen könnte über die närrischen Gesichte, die ich zuweilen habe, ... es wäre gut; denn brütet man die wunderlichen Eier aus, wie ich es tue, so picken sich Basilisken daraus zu Tage. Du weißt es, ohne zu der Fakultät zu gehören, dass jeder Mensch seinen Totenschädel und sein Beingerippe in sich trägt. Nun höre, ... wie sonderbar die Phantasie uns mitspielen kann. Diese Gerippe sehe ich mit eigenen Augen.“
„Bruder!“ rief Florentine entsetzt, und versuchte umsonst ihre Hand aus der seinigen zu reißen.
„Es ist närrisch? nicht wahr?“ fragte der Herr von Eschen, seinen Arm um ihren Leib schlagend. Zittere nicht, mein Schwesterchen. Es ist nur lebhafte Einbildungskraft, weiter nichts. Darum vermeide ich alle Gesellschaften, denn wo ich eintrete, wandeln Skelette um mich. Im Ballsaal drehen sie sich von bunten Lappen umflattert - im Spielzimmer wechseln sie mit knöchernen Fingern die Karten. Trete ich in die Kirche, so paukt ein predigendes Gerippe die Kanzel. Besuche ich die Parade, so schwingen dürre Knochenarme die glänzenden Waffen - marschieren klappernde Beine nach dem Takt der Trommel. Das Gräbervolk läuft in den verschiedensten Verrenkungen über die Straßen. Begegnet mir ein Freund, und umarmt mich im fröhlichen Ungestüm, ... seine Maske täuscht mich nicht. Kaum hat er den Hut gezogen, so gähnt mir schon das weite Maul des Schädels den hohlen: »Guten Morgen!« zu. Auch du, mein Schwesterchen ... dein Kind ...“
„Um der ewigen Barmherzigkeit willen! Lass mich!“ stammelte Florentine. „Du erkältest mir das Blut in den Adern!“ Stumm hielt sie der Unerbittliche zurück.
„Lass mich nur die Schelle ziehen!“ bat sie ferner; „es soll Licht gebracht werden.“
„Wozu?“ fragte Eschen kalt. „Mir ist wohl in deiner Gesellschaft, und der Mond tritt so eben aus den Wolken. Wie er dich so schön umstrahlt, mein Florentinchen! Er windet eine silberne Krone um deinen kreideweißen Scheitel, betrachtet dich lüstern, wie ein Bräutigam die Braut, und du bist schon eines Andern. Ja! Dieser Andere ...“
„O schweige wenigstens von ihm“, flehte Florentine in banger Ahnung.
„Wenn ich nur könnte“, versetzte Eschen kopfschüttelnd, „aber dieser Andere ist nicht wie ich, wie du, wie alle Übrigen.“
„Besser als wir“, fiel Florentine ein.
„Er wird dich verderben“, fuhr er mit weissagendem Ton fort. „In jedem Sterblichen, in mir selbst erkenne ich das Grundsystem des Baues unserer Maschine. In deinem Angelo nicht. Der Fürchterliche bleibt stets ein schneebleiches Phantom, so sehr ich mich mühe, den Blick der Phantasie durch seine Hülle zu bohren. Dieses Gespenst gehört nicht zum Leben. Das Seine ist schon der Verwesung verfallen. Er hat es ihr nur abgeborgt, um Unglückliche hinzuopfern. Ich habe vermutet, gezweifelt ... die Wahrheit siegt. Es war heute einer bei mir, und erzählte von einem Fürsten, der diesen del Cane vor Jahren sterben, beerdigen sah. Täuschung, Gaukelspiel war nicht möglich. Scheintod nicht, denn der Fürst hielt sich Wochen lang nachher in derselben Stadt auf, und del Cane war tot und blieb begraben. Hier findet er ihn wieder, ihn, denselben, aussehend, wie er im Sarge lag, gibt Kennzeichen von ihm an, die sich alle bestätigt finden. Was schließt man aus allen dem? Dass del Cane zu einer Gattung von Wesen gehören muss, die die Philosophie leugnet, weil sie ihr Dasein nicht begreift. Aber unsere blöden Augen begreifen nicht all’ das Wunderbare, das sich um uns her begibt. Hast du noch nie gehört von jenen Wesen, die in toten Körpern aus dem Grabe steigen, ein erkünsteltes Leben heucheln, ihre Leichenart aber dennoch nicht ganz verhehlen können, schöne üppig geformte Weiber berücken, ins Hochzeitbett zerren, und ihnen das Herzblut aus dem Busen saugen, um ihre verfluchte Existenz zu fristen, und neue Opfer schlachten zu können? - Du seufzest? Du sinkst an meine Brust ... Du antwortest nicht? ... wirst kalt wie Eis? ...“

Das Mondlicht fiel auf Florentines geschlossene Augenlider; der sinnverwirrende Bruder ließ die Ohnmächtige aus seinen Armen gleiten, zog die Klingel, übergab den herbeieilenden Zofen die bewusstlose Gebieterin, und schlich durch die dunklen Gänge nach seinen abgelegenen Gemächern.

-

Del Canes Braut verlebte eine schreckliche Nacht. Die Wahnsinnsgebilde, die ihr der unglückliche Eschen aus seinem verbrannten Gehirn gespendet hatte, waren für sie in die Wirklichkeit getreten, bis das helle Morgenlicht die Nachtgeburten verscheuchte, und ruhige Besinnung in der Leidenden aufkeimen ließ. Die Begebenheit des verwichenen Abends schien ihr ein böser Traum gewesen zu sein, und sie vermochte es über sich, über die törichte Gespensterseherei ihres Bruders zu lächeln, wenn diese gleich einen scharfen Widerhaken in ihrer Brust zurückgelassen hatte. Denn, so oft sie an del Cane dachte, an den, den sie mit voller Seele liebte, beschlich sie ein leiser Schauer, und sie wusste ihm es Dank, dass er, seinem Wort getreu, für heute fern blieb. Auch ihrem Bruder ließ sie ihr Gemach verschließen, und verlebte den heiteren Tag in der Gesellschaft ihres Sohnes. Die wiederkehrende Dämmerung wollte zwar die bange Scheu von gestern in ihr Herz zurückbringen, ... sie widerstand aber dem peinigenden Gefühl, so gut sie’s vermochte, ließ die Zimmer sorgfältig erhellen, und nahm mit Freuden das Fräulein von Maltingen an, das sich so eben ansagen ließ. Das Bedürfnis der Zerstreuung machte sie zuvorkommender gegen Antonie, als sie sonst zu sein pflegte. Der Empfang war herzlich, die Erwiderung desselben die freundlichste.
„Ich komme, meine beste Baronesse“, eröffnete das Fräulein das Gespräch, „den Abend bei Ihnen zuzubringen, wenn ich nicht störe.“
Florentine beteuerte, sie komme zur gelegenen Stunde.
„Ich dachte es auch“, versetzte Antonie, „denn der Zufall ließ mich erfahren, dass Ihr Paladin, Signor del Cane, heute mit dem Frühesten nach dem Edelsitz reiste, den er vor Kurzem an sich gebracht hat. Der Gute eilte hin, um daselbst alles zum Empfang der liebenswürdigsten Gattin vorzubereiten, die er in Kurzem in sein Hausparadies einführen wird. Sehnenden Bräuten die bleierne Zeit tragen helfen, ist der Frauen Pflicht. Sie zu erfüllen, bin ich hier.“
Florentine dankte mit halb verlegenem Ton.
„Ich sehe trübe Wolken auf dieser reizenden Stirn?“ fuhr Antonie schmeichelnd fort; „das schmerzt mich, und fast bereue ich die Eigenmächtigkeit, mit der ich mir erlaubte, in Ihrem Haus, meine Beste, ein Rendezvous zu geben, das Ihnen wahrscheinlich in dieser Stimmung lästig fallen wird.“
„Ein Rendezvous?“ fragte Florentine verwundert.
„So ist’s, liebe Hersfeld“, antwortete scherzend das Fräulein. „Ich rechnete dabei im voraus auf Ihre freundschaftliche Erlaubnis.“
„Ich verstehe nicht“, sprach die Baronin verlegner.
„Beruhigen Sie sich, meine liebe kleine Lukretia“, lächelte die Hofdame, und küsste ihr schmeichelnd die Fingerspitzen. „Das Stelldichein gilt keinem Adonis, keinem Seladon. Kein männlicher Fuß wird dieses geschmackvolle Boudoir entweihen. Ich erwarte hier eine der weisesten und respektabelsten unseres Geschlechts.“
„Eine Dame also?“ fragte Florentine aufatmend.
„Nicht so eigentlich eine Dame ...“, sprach jene neckend, „obschon sie ihrer manche zu ihren Füßen sah; eine Kassandra ... kurz, die alte Mutter Trude aus der Neustadt.“
„Wie?“ seufzte die Baronin erschrocken. „Die ... die Wahrsagerin?“
„Ja, ja, dieselbe. Sie ist alles, was Sie wollen. Sie staunen. Hören Sie mich an. - Ein Stiefbruder, der sein Glück und Leben den unbeständigen Wellen anvertraut hat, und nach Ostindien schwimmt, ist mir verwichene Nacht im Traum erschienen. Hager, von Wasser triefend, mit eingefallenen Wangen und Augen. Ich liebe den wilden Menschen, wie mich selbst, und dieses Traumgesicht hat mir demnach keine geringe Angst gemacht. Frau Trude soll mir sagen , wie es um den guten Bruder steht. Ich habe unbegrenztes Vertrauen zu Frau Trude, denn ich könnte Beispiele anführen, wo ihre Prophezeiungen eintrafen, ihre Angaben sich bestätigten, schienen sie auch noch so wunderbar und abenteuerlich. Wie aber die Tausendkünstlerin sprechen? Sie wohnt weit. Man geht gern unbegleitet auf solchen Wegen; und eine Dame, ... allein ... im Dunkeln, in dem unangenehmen Märzschnee wandernd ... das geht nun einmal nicht. In meinem Haus kann ich die Ehrwürdige ebenfalls nicht empfangen, denn da ist meine alte Tante, meine strenge Hüterin, die dem gewöhnlichen Altweibercharakter schnurgrad entgegen, alles Wunderliche und Seltsame, das nicht von ihr herrührt, verwirft, verspottet, verabscheut, und sich einbildet, in meinen vier Mauern die einzige Hexenmeisterin sein zu wollen, obschon sie keine ist. Meine Freundinnen sehen alle Abende Gesellschaft bei sich. Folglich blieb Ihr Haus mir allein übrig, meine liebe Baronesse, und ich war indiskret genug, die Alte hierher zu bescheiden. Freilich rechnete ich nicht auf die trübe Stimmung, in der ich Sie finde, und ich will Befehl geben, dass der Schweizer das Weib abweise, wenn sie erscheint.“

Antonie stand auf; Florentine hielt sie aber zurück, und beteuerte ihr, sie könne über ihr Haus verfügen. „Das Geschwätz der Alten wird vielleicht zu meiner Erheiterung beitragen“, setzte sie hinzu.
„Was konnte Sie aber so sehr verstimmen?“ fragte Antonie ... „Del Canes Abwesenheit dauert ja nur wenige Tage. Spannenlange Trennungen, wie diese, können der Liebe nur Gewinn bringen, keinen Abbruch tun.“
„Es ist nicht das, beste Maltingen, was mich verstimmt und bekümmert“, sagte Florentine, und stockte. Antonie drang mit der wärmsten Teilnahme in die Zögernde, und eine Frau, welche anfing zu klagen, kann ihrem Vertrauen bald keine Grenzen mehr setzen. In kurzer Frist wusste das Fräulein, was sich am gestrigen Abend zugetragen hatte.
„Fassen Sie sich“, sagte sie endlich tröstend zu der bekümmerten Florentine, in deren Seele sich alle Schrecknisse während ihrer Erzählung erneuert hatten. „Es ist nur die bedauernswürdige Krankheit Ihres Bruders, die aus ihm sprach. Ein unbesonnenes Gerede ist vielleicht von ihm missverstanden worden. Wir leben ja nicht mehr in den Zeiten der Gespenster und Poltergeister. Auch gleicht del Cane keinem bösen Geist, sieht eher einem schönen blassen Todesengel gleich. Vergeben Sie mir diese Parallele; ich sehe, Sie sind davon erschüttert, und Ihre reizbaren Nerven muss man schonen. Indessen möchte ich Ihnen einen Rat geben, den sie beherzigen werden, wenn Sie es für gut finden.“
„Welchen, liebe Maltingen?“ fragte Florentine begierig.
„Gerüchte sind Gerüchte“, fuhr Antonie fort, „bald lügenhaft, bald nur halb wahr; die wenigsten verdienen Glauben. Ohne Prüfung verwerfe man jedoch keines; zur Selbstberuhigung, meine ich. - Hat del Cane Geheimnisse vor Ihnen?“
„Nicht, dass ich wüsste“, stotterte Florentine. Die Flammenröte auf ihren Wangen strafte sie aber Lügen vor der geübten Frage.
„Dann, meine Freundin“, sprach Antonie mit gläubigem Enthusiasmus, „dann sind Sie zu beneiden, den Offenherzigsten des falschen Geschlechts Bräutigam zu nennen. Dann berücksichtigen Sie weder die Äußerungen Ihres Bruders, noch das fabelhafte Geschwätz, das ihnen zum Grund liegt; hätten Sie aber Ursache, ein geheimes Winkelchen in del Canes Brust zu vermuten, wohin das Auge der Liebe noch nicht dringen durfte, dann untersuchen, dann ergründen Sie, dann beleuchten Sie mit der Fackel der Prüfung, was man Ihnen verhehlte.“
„Wie sollte ich ...?“ fragte Florentine staunend.
„Sie bedürfen dessen nicht, Glückliche!“ versetzte Antonie, ihr mit Wärme die Hand drückend, „denn der Phönix ist Ihnen zu Teil geworden; aber gesetzt, del Cane wäre ein gewöhnlicher Mann, hinterlistig, trügerisch, wie sie alle sind, dann müssten Sie handeln, und das Verborgene an den Tag ziehen. Es lohnte sich auch wohl der Mühe. An blutsaugende Vampire und Grabeslarven verbietet uns die gesunde Vernunft zu denken, obschon wirklich vieles da ist, das wir, wiewohl vergeblich, zu leugnen suchen. Wir wollen aber annehmen, die unglückliche Phantasie Ihres Bruders habe ihm einen Streich gespielt. Jenes Gerücht könnte doch ... ich setze nur den Fall ... nicht gänzlich eine Lüge sein. Sie haben von Scheintoten gehört?“
„Ja“, erwiderte die lauschende Zuhörerin kaum vernehmbar.
„Die Sache kann sich also natürlich aufklären“, fuhr das Fräulein von Maltingen fort. „Del Cane starb, wurde beerdigt, erwachte im Grab zum Leben, und ein seltener, aber glücklicher Zufall half ihm wieder zu Tage. Sie sehen, die Sache kann sein, auf die natürlichste Weise zugegangen sein. Eben so natürlich hat er sich, als er hierher kam, in Ihren Grazienfesseln gefangen, denn die männliche Welt liegt zu Ihren Füßen, was uns Übrige schon eifersüchtig genug machte. Dass er nach Ihrer Hand strebt, dass er Ihnen verheimlicht, was einst mit ihm vorging, … was wäre natürlicher? Der Liebhaber erspart seiner Geliebten eine böse Kunde. Welches Weib umarmt wohl ohne Schauer den, der schon im Arme der Verwesung lag? Bis hierher fände nur Schonung, in seinem Interesse und in dem Ihrigen statt. Aber nun kommen wir zu dem Punkt, der dann zu berücksichtigen wäre. Erwiesene Erfahrung ist, dass der erwachte Scheintote den Schmelz der Wangen, die Regsamkeit der Glieder, die Kraft der Jugend in seinem Grab zurücklässt. Er entsprang zwar dem unbequemen Kerker, allein der eigennützige Tod, der zu frühzeitig zutappte, und dadurch für jetzt seine Beute verfehlte, lässt sie ungepfändet nicht aus den Händen. Ungestraft macht man seine Bekanntschaft nicht, und ein langwieriges Siechtum befällt die geschwächten Glieder, um sie allgemach der Grube nahe zu bringen, der sie nicht mehr entrinnen sollen. Welche Vernünftige wird eines solchen Gattin? Die Erbin eines verzehrenden Hinwelkens? - Das Opfer des Unglücklichen, der die trüben Lebenstage, die er dem Kirchhof mühsam abgerungen hat, in der Jugendfülle eines lieblichen Weibes verschwelgen will, gleichgültig, ob er des Todes Keim in ihr frisches Dasein pflanze?“
„Das wäre fürchterlich“, seufzte Florentine, ließ die Arbeit auf den Schoß sinken, und starrte vor sich hin.
„Weg mit diesem Ernst“, scherzte Antonie, ihr das Köpfchen in die Höhe richtend. „Sie haben das nicht zu befürchten. Sie kennen del Cane; er ist ein Ehrenmann, das Gerücht eine Lüge. Er hätte Ihnen sein merkwürdiges Schicksal erzählt, Ihrer Hand entsagt, und sein vortreffliches Herz würde sicher, um vergänglicher Lust willen, so schwere Verantwortlichkeit nicht auf sich laden. Doch horch! Hören Sie nicht die Klingel des Hauses? O gewiss, ist es die alte Trude. Erheitern Sie sich. Hat sie in meiner Angelegenheit das Orakel befragt, so soll sie uns ein paar Stündchen mit Kartenkünsten und Taschenspielerstückchen kürzen. Ihre Horoskope sind untrüglich, ihr Blick in die Zukunft unfehlbar, aber im Übrigen ist sie eine tausendkünstlerische Gauklerin.“

Die Zofe öffnete der Wahrsagerin die Tür. Trude schlich demütig herein, ihren Apparat unter dem Arm. Antonie bewillkommnete sie mit dem scheinbaren Übergewicht, das ein höherer Stand über den niederen verleiht; mit dem vornehmen Wesen, welches die Damen so gerne annehmen, während sie ihre Vernunft abergläubischen Ränken gefangen geben. Trude machte nicht viel Worte, schmiegte sich, neigte sich tief vor der Gönnerin, wie vor der Frau vom Hause, die nur ein leichtes Augenwinken an die frühere Bekanntschaft erinnerte, bat um Lichter, setzte sich, kramte Karten und Spiegel auf dem Tischchen aus, und fragte süßlich und geheimnisvoll nach dem werten Begehren.
Florentine wollte sich entfernen, Antonie aber behauptete, kein Geheimnis vor ihr haben, zu wollen, führte sie zu ihrem Sitz zurück, verriegelte die Tür, und setzte nun der klugen Frau ihr Begehren auseinander.
Trude mischte kunstfertig die bunten Blätter, legte, berechnete sie, konsultierte den Spiegel, und in einer Viertelstunde hatte Antonie den Trost, zu wissen, dass ihr Traum nicht Leid, sondern Freude bedeute, und dass der geliebte Stiefbruder, nachdem er beinahe Schiffbruch gelitten, und tüchtig nass geworden, in Madras glücklich ans Land gestiegen sei; dass ihr deshalb ein froher Brief zustehe, mit vielen Geschenken, und eine große Reise in Gesellschaft eines artigen reichen Herrn. Gevatterschaft, Heirat und gesunde Kindlein ließ die freigebige Spiegelseherin im Hintergrund des Gemäldes aufdämmern, und erbot sich, die wirren Bilder mehr ins Gesicht zu zaubern, aber Antonie, zufrieden mit der willkommenen Nachricht, verbat sich fernere Deutungen, und drückte das goldene Siegel auf den Mund der Begeisterten, welche Miene machte, zusammenzuräumen, und das Zimmer zu verlassen.
„Liebe Baronesse!“ fragte Antonie lächelnd, „wollen Sie nicht auch das Orakel zu Rate ziehen?“ Florentine verneinte hastig.
Antonie drang in sie; die Baronesse blieb unerschütterlich auf ihrer Weigerung, so sehr ihr das Herz pochte in neugierigem Sehnen, geweckt durch Antonies Warnungen und das mysteriöse Treiben der alten Prophetin. Mutter Trude packte indessen kaltblütig zusammen und sprach: „Die Zukunft will sich nicht aufdrängen lassen. Sollte die gnädige Frau einmal das Bedürfnis fühlen, sich mir anzuvertrauen, so steht meine Kunst zu Diensten. Leben Sie wohl, meine schönen Damen.“
„So bleibt doch, eigensinnige Trude!“ rief ihr Antonie scherzend zu, „bleibt doch! und Sie, liebe Florentine, erlauben mir doch, dass ich ihr eine Frage vorlegen darf? Die natürlichste, leichteste von der Welt“, setzte sie halblaut hinzu, um von der Alten nicht verstanden zu werden ... eine Frage, die Sie nicht im geringsten kompromittiert.“ Florentine zögerte unentschlossen.
„Bitte! bitte!“ flehte Antonie lächelnd. „Schlagen Sie mir diese Bitte ab?“
„Tun Sie, was Sie verantworten können“, antwortete endlich Florentine, halb gezwungen, halb überredet vom eignen Wunderglauben.
„So setzt Euch noch einmal, Trude“, sprach das Fräulein zu der Alten, und ließ sich an Florentines Seite nieder. „Bleibt nur sitzen, wie jetzt.“
„Das würde sich nicht schicken“, versetzte die Alte. „Ich drehe ja der gnädigen Herrschaft den Rücken zu.“
„Tut nichts“, wiederholte Antonie , und sagte halblaut zu der Nachbarin: „Die Hexe könnte ans Ihrem Gesicht studieren, was ihr beliebt.“
„Ich bin fertig“, sagte Trude. „Ihre Frage?“
„Ist das, was der Dame hier neben mir gestern Abend versichert wurde, wahr oder nicht?“ Florentines Händedruck lohnte die Diskretion der Fragenden.
Trude räusperte sich und versetzte: „Ich muss Ihnen bemerken, meine gnädigen Fräuleins, dass ich aus meinem Spiegel und aus dem Glas Wasser, das ich mir erbitte, nicht Ja, nicht Nein lesen kann. Ich muss erwarten, welche Bilder mir mein Spiritus familiaris im Spiegel und im Wasserkristall zeigen wird, und was ich sehe, ist dann die Antwort auf Ihre Frage. Sie, als Wissende derselben, mögen dann auslegen, ob sie bejaht oder verneint. Mir, der Unwissenden, wäre das unmöglich.“
„Das ist auch einzig unsere Sache,, erwiderte Antonie. „Nicht wahr, Baronesse?“
Florentine bejahte, und Trude forderte ihren Taufnamen von ihrer eignen Hand auf ein Zettelchen geschrieben, nebst einem Ring von ihrem Finger. Die Baronin gab beides, und schmiegte sich mit ungläubig neckendem Gesicht aber mit erwartungsvoller Seele, neben Antonie in das Sofa. Während die Alte das Zettelchen an der Kerze verbrannte, mit der Asche den Spiegel rieb, und unter Beschwörungsformeln den Ring in die Wasserschale warf, flüsterte das Fräulein von Maltingen der Baronin ins Ohr: „Freuen Sie sich, meine Freundin, die alte Unke zieht heute die fröhlichen Register. Sie ließ meinen Stiefbruder im Hafen landen, und wird Ihre Frage mit einem deutlichen Nein, in mimischen Darstellungen ausgedrückt, beantworten.“ Florentine bemühte sich, den Scherz zu belächeln, aber wie weit war ihrem eignen bangenden Gemüt der Scherz!

„Das Alter hat seine Vorrechte“, begann nach langer Pause die emsig schauende und beobachtende Trude in weissagendem Ton, „die Zeit hat auch die ihrigen, und darum zeige sich uns zuerst auf dem Grund dieses hellen Wassers die in das Meer der Jahre hingeflossene Vergangenheit. Der Ring von edlem Metall auf dem Boden dieser Schale, geweiht durch meinen Spruch, zwingt ihre Bilder in seinen Raum. Sie gestalten sich, werden deutlich ...“
„Was seht Ihr, Trude?“ fragte Antonie laut, Florentine leise.
„Lustiges Getümmel in einem Gasthaus“, antwortete die Alte in eintönigen abgerissenen Sätzen ... ein Spazierritt; ein schöner Mann zu Pferd ... ein Krankenbett ... ein Friedhof ... unter hohen Pappeln ein offenes Grab ... im Hintergrund schwankt ein Leichenzug ...“
Florentine hielt den Atem inne und lauschte; Antonie drückte ihr beruhigend die Hand.
„Er kommt heran“, fuhr die Alte wie oben fort, „der Sarg rollt in die Gruft ... Alles verschwindet ... das Bild verdunkelt ...“
„Du bist unerträglich langsam, Alte“, drängte das Fräulein. „Eile!“
„Es wird wieder lichter“, sprach Trude weiter. „Der Grabhügel lockert sich auf ... es spaltet sich der Schlund ... der schöne junge Mann im Leichengewand ... blass wie der Tod ... entsteigt der Gruft ...“
„Genug! genug!“ rief Antonie, denn der Baronesse Hand erstarrte in der ihrigen.
„Soll ich im Spiegel die Zukunft lesen?“ fragte die Alte mit halber Wendung nach den Frauen. Antonie verneinte heftig; aber Florentine, ihr brechendes Herz mit Gewalt zusammenfassend, verlangte es. „Nicht doch!“ redete ihr das Fräulein begütigend zu. „Ich will es, will mein Schicksal wissen!“ wiederholte die Ärmste, und im Fieberschauer klapperten ihre Zähne.
„Ich deute es Ihnen“, sprach die Alte, und nahm den Spiegel. „Doch vergessen Sie nicht, dass Gott und unser freier Wille die Zukunft lenken kann.“
„In Gottes Namen denn“, versetzte Antonie, „so sprecht: Was seht Ihr?“
„Eine fröhliche Hochzeit“, lautete es aus dem Mund der Prophetin. Ein Traualtar mit Myrtenzweigen und schwarzem Kreppbehänge geziert ...“
„Hören Sie?“ raunte Florentine verzweifelnd dem Fräulein zu.
„... ein lustiger Schmaus ... das Brautgemach ... das Hochzeitlager. Auf demselben die Braut, köstlich geschmückt, des Gatten harrend ... was seh ich ...?“
„Nun?“ riefen die Frauen.
„Ich wage es nicht zu sagen.“
„Um Gotteswillen!“ jammerte Florentine ... „Was ist’s? Das Ärgste ... ich will es wissen!“
„Ein gipsbleiches Spukgesicht“, krächzte die Alte mit bebender Stimme. „Es tappt zum Bett ... umschlingt die Schlafende mit langen weißen Fühlhörnern ... drückt den Rüssel in ihre Brust ... ein Blutstrahl springt ...“
„Unbarmherziger Gott!“ schrie Florentine auf, „nun kann ich nicht mehr! Es ist wahr! Ich bin verloren ... wenn nicht ein Engel für mich Erbarmen fühlt!“ Sie warf sich zurück ins Sofa, und verhüllte sich das Gesicht.
„Mut gefasst!“ rief ihr Antonie ins Ohr. „Ich ahne hier boshafte Tücke, und Sie sind so arglos. Da geblieben, Hexenmeisterin! Nicht davon geschlichen! Lasst sehen, ob das eine erlernte Lektion oder wirkliche Nativitätsstellerei war.“

Trude blieb verschüchtert in der Tür stehen, und Antonie zog die Klingel.
„Was beginnen Sie?“ fragte sie Florentine, aus der ersten Betäubung erwachend.
„Ich rufe Ihre Leute, Sie zu Bett zu bringen, denn Sie sind zum Tode erschüttert“, versetzte Antonie. „Aber auch Ihren Herrn Bruder will ich hierher bitten lassen ...“
„Wieso? warum?“
„Sie ahnen nicht? Sie sehen nicht, dass die Worte der Alten mit den Worten Ihres Bruders zusammentreffen auf ein Haar? Sie wittern hier kein Einverständnis? Ihre Ehe mit einem Mann zu verhindern, der nicht das Glück hat, dem Herrn von Eschen zu gefallen?“
„Wär’s möglich?“ fragte die Baronesse, von Hoffnung entflammt.
„Ich schwöre Ihnen, meine gnädige Frauen, ...“ wimmerte die Alte.
„Schweigt!“ herrschte ihr das Fräulein zürnend entgegen. „Seht, in welchem Zustand sich die gnädige Frau befindet, durch Euer sträfliches Beginnen. Eure Frevel sollen an das Tageslicht kommen, und brennen gleich keine Scheiterhaufen mehr für die Zauberinnen, so gibt es noch Spinnhäuser für betrügerische Vetteln!“

Florentine lag vom Fieber geschüttelt unter der seidenen Decke ihres Lagers. Ihr Bruder erschien, bestürzt über ihre plötzliche Krankheit. „Sehen Sie hier Ihr Werk!“ zürnte ihm das Fräulein von Maltingen zu. Eschen begriff nichts von allem, und seine Unbefangenheit, unterstützt von einer Geistesgegenwart, die angefangen hatte, bei ihm selten zu werden, widerlegte alle Angaben Antonies, die leidenschaftlich für die Baronesse Partei nahm. Mutter Trude bewahrte ihre Unschuld durch die ungezwungenste Fassung und Gleichgültigkeit. Ein Hoffnungsanker nach dem andern brach in Florentines Hand. Die magische Kunst hatte ihr Recht behauptet, und in der abergläubischen Frauenbrust stand des Bruders Vermutung, die sie noch heute dem Wahnsinn zugeschrieben hatte, erwiesen und bestätigt da. Antonie weinte auf die Hand der Kranken Tränen des Bedauerns, sie nicht beruhigen zu können. Florentine aber tröstete sie, und sprach mit verlöschender Stimme:
„Schicksals Wille, meine Freundin. Wahr ist, was mich zur Verzweiflung bringt, und das teuerste Band zerreißt, das mich an diese Erde fesselt. Mein Herz bricht ihm nach, und mein armes Kind, mein Julius!“
Sie sank zurück in die Kissen, und eine fürchterliche Nervenkrankheit legte das unglückliche Opfer des Aberglaubens, der Schwärmerei und des blinden Vertrauens auf seine Marterbank.

-

Del Cane kam nach wenigen Tagen zur Stadt; erfuhr, dass seine Verlobte gefährlich erkrankt sei, eilte auf den Flügeln der herzlichsten Liebe nach ihrem Haus und fand alle Türen vor ihm verschlossen. „Was soll das?“ rief er dem abweisenden Türsteher zu. „Erkennt Ihr mich nicht? Wisst nicht mehr, wer ich bin?“ Der vierschrötige Schweizer zuckte die Achseln, entschuldigte sich mit dem Befehl des gnädigen Herrn, und wandte ihm den Rücken.
„Elender Mensch!“ murrte Angelo, langsam davongehend, und meinte damit Herrn und Diener zugleich.
„Und ich soll nicht wissen, wie es mit ihr steht, mit ihr, die ich verehre? Ich soll sie nicht sehen? Doch wie? Sagte mir der Helote nicht, das Hoffräulein von Maltingen frage täglich nach bei der Kranken, durchwache ganze Nächte an ihrem Lager? Auf, zu ihr! Sie schien mich in früheren Tagen nicht ungern zu sehen, mich zu achten. Ihr zweideutiger Ruf machte mir es damals zur Pflicht, sie zu meiden ... Aber nun ... was kümmert mich auch ihr Ruf? Zu ihr! Sie werde die Mittlerin zwischen mir und einem wahnwitzigen hartherzigen Bruder!“

Auf der Stelle flog er zu ihr. Sie hatte die Nacht bei Florentine zugebracht, einige Morgenstunden zu Hause verschlummert, und war so eben mit der Toilette beschäftigt. Das Kammermädchen versicherte, ihre Gebieterin empfange zu dieser Stunde keine Seele. Del Cane drang aber darauf, gemeldet zu werden, und sein Ungestüm oder sein Gold siegte über des Mädchens strengen Diensteifer. Sie ging und öffnete einen Augenblick nachher die Tür. Antonie saß in dem einfachsten effektreichsten Nachtkleid vor dem Spiegeltisch. Die lockendsten Umrisse zeichnete der weiche Mousselin, und die eng verhüllten Reize sprachen nur um so siegreicher zu den Augen des lüsternen Bewunderers. Ihr schönes Haar war in das natürlichste Gebäude verflochten, und schmuck- aber nicht kunstlos umflossen die weichen Locken ihr blasses Gesicht, denn die Schlaue hatte noch nicht auf ihre Wangen die Rosen gezaubert, die ihr von der Unschuld längst versagt waren. Mit unwiderstehlicher Anmut wendete sie sich zu dem Eintretenden, und reichte ihm, wie einem alten Freund, die weiche Hand entgegen. Del Cane küsste sie, fühlte ihren leisen Druck, und begann mit Entschuldigungen.
„Sie machen sich eine undankbare Mühe“, lächelte Antonie, „die Neugier des Weibes hat Ihnen diese Pforten so schnell geöffnet. Es muss auch in der Tat von der höchsten Wichtigkeit sein, was der unbedeutenden Maltingen die Ehre dieses Besuchs gewährt.“
„Sie beschämen mich, mein Fräulein“, versetzte del Cane, „Sie sammeln glühende Kohlen auf mein Haupt, und ich würde Sie boshaft schelten, thronte nicht die reinste Güte und schöne Menschlichkeit auf Ihren Wangen.“
„Wie meinen Sie das?“ fragte Antonie scheinbar befremdet.
„Sie haben der kranken Freundschaft eine Nacht aufgeopfert, an ihrem Lager gewacht. Die Lilien dieser Wangen, das gemilderte Feuer dieser Augen verkündet mir ...“
„Sagen Sie lieber: mein Kammermädchen hat es Ihnen vertraut. Warum sollte ich auch leugnen, was kein Verdienst ist?“
„Keines?“
„Florentine würde dasselbe für mich tun.“
„Allerdings. Ich bürge Ihnen mit meinem Kopf dafür, sie würde es. Aber, ich komme ...“
„Doch nicht, um mich der Christenpflicht wegen zu beloben?“
„Nicht doch. Um Ihnen dafür zu danken.“
„Das ist Ihre Pflicht als Bräutigam. Dem Gatten würde es höher angerechnet.“
„Wie meinen Sie das?“
„Der Gärtner hegt und pflegt die sprossende Blume, weil er an ihrer Farbenpracht, an ihrem Duft sich zu laben gedenkt.“
„Nun?“
„Ist aber die Blume zur Reife erblüht, hat sie dem Pfleger Balsam und Schimmer gespendet, so mag sie immerhin welken im einsamen Winkel. Der Gärtner zieht andere zu gleichem Los, und vergisst ihrer ebenfalls.“
„Das tut doch nur der Leichtsinnige, der strafbare Gärtner?“
„Der Gärtner ist ein Mann, und folglich leichtsinnig, folglich strafbar.“
„Halten Sie mich auch für einen solchen?“

Antonie sah dem Frager lange gefühlvoll ins Auge, reichte ihm dann die Hand, und sprach ohne Ziererei:
„Sie, del Cane? Sie? O nein?“
„Dieser Scherz - hat er Sie verletzt?“ fragte sie schmeichelnd. „Vergeben Sie mir. Verzeihen Sie mir, und ich verzeihe Ihnen die Vernachlässigung, mit der mich bisher der Mann belohnte, den ich hochschätze, und nach dessen Achtung ich rang.“
„Ich fühle jetzt erst schmerzlich, wie sehr ich ...“
„Keine Lückenbüßer!“ fiel Antonie ein. „Sehen Sie mich an. Vergebung, gegenseitige Vergebung, oder Feindschaft - wählen Sie.“
„Kann man diesen Wunderaugen gegenüber noch eine Wahl haben?“ fragte del Cane begeistert, und drückte einen feurigen Kuss auf ihre Hand. Antonie senkte den zärtlichsten Blick von del Canes Antlitz zum Boden nieder, und ließ nachlässig ihre Hand in der seinigen.
„Was führt Sie zu mir, mein versöhnlicher Freund?“ fragte sie gleichsam verlegen, wie sie das Gespräch wieder anknüpfen wolle.
Del Cane erzählte, und es wogte in eifersüchtiger Bewegung Antonies Busen, als sie aus den glühenden Worten des Südländers ersah, welche Liebe er unter dem kalten Äußern barg. Kein Zug verriet indessen, was in ihrem Innern vorging, und sie war bald ihrer mächtig genug, den Bittenden ihres getreusten Beistandes zu versichern.
„Jetzt“, sprach sie, „jetzt dürfen Sie Florentine nicht sehen; sie liegt noch in wilden Phantasien, würde ihren treuen Freund nicht einmal erkennen. Hat sie aber ihre Besinnung wieder erlangt, so bin ich’s, die Sie bei ihr einführt, trotz allem Bellen des abscheulichen Zerberus, ihres Bruders, der Sie hasst, ohne zu wissen, warum, und Ihre Verbindung gar zu gern hintertreiben möchte, wenn es nur in seiner Macht stünde.“
„Meine Freundin!“ rief der entzückte Angelo.
„Ihre Freundin?“ erwiderte Antonie mit leuchtenden Augen. „Ja! bei Gott! ich will es sein nach meinen Kräften Ihre Wünsche fördern, Ihre Bahn ebnen ... aber - wird sie auch zu Ihrem Glück führen?“
„Ich hoffe es“, sprach del Cane mit Zuversicht. „Florentines Herz ...“
„Ist gut, vortrefflich.“
„Ihr Geist ...“
„Schlicht und rein, aber nicht gebildet. - Fehlerhafte Erziehung trägt die Schuld.“
„Die Geduld des Gatten ...“
„Trägt manches, bildet sogar noch viel; aber das Gemüt hat auch seine Rechte. Die Männer, die Bedeutenderen des Geschlechts zumal, sind wählerisch, ungenügsam.“
„Mein Fräulein ...“
„Launisch, veränderlich, wie türkische Bassen. Ein tadelfreier Körper, ein gutes Herz, ein für’s Haus leidlich gebildeter Geist genügt ihnen selten. Sie fordern eine höhere Mitgift von uns armen Geschöpfen. Der Mann ist klug? Er verlangt dasselbe von seiner Gattin. Er ist witzig? Seine Frau muss es auch sein. Freilich, wehe ihr, übertrifft sie darin den gestrengen Herrn, aber die Langeweile muss sie vereint mit ihm bekämpfen. Der Mann hat tiefes Gefühl, hohes Gemüt? Wehe ihm, wenn die Frau nicht gefühlvoll, gemütlich, empfänglich für alles schöne ist; wenn sie den Gatten nicht versteht. An ihrer nüchternen, hausbackenen Notbildung scheitert des Mannes Begeisterung, erkühlen seine Flammen, bricht am Ende sein Herz. Sie staunen über meine Erfahrung? Sie vergessen aber, dass ich in der eignen Familie, in dem Kreis meiner Freunde genug Beispiele zähle, die meine Vernunft in diesem Punkt berichtigen. Ich werde, sobald es möglich ist, Florentine von Ihrer warmen Teilnahme unterrichten.“
„Mein Fräulein“, stammelte del Cane verlegen, „Ihre Rede ... Sie haben mich wahrlich irre gemacht.“
„Irre?“ fragte Antonie verwundert. „Wie das? An Ihrem Herzen? Nicht möglich! Es ist edel, in tiefer Empfindung aufwallend und gerecht, ein Diamant, der aber einen Kenner sucht, und man findet diesen so selten! Oder an Ihrer Wahl? Über sie zu entscheiden, steht nicht der Fremden, nicht der Freundin zu. - Jetzt gehen Sie, mein guter del Cane, und verlassen Sie sich auf mich. Es gibt Weiber, die nach dem ersten Liebesschwindel gleichgültig an dem erhabensten Verdienst vorübergehen, ein glattes Gesicht dem gebräunten Heldenantlitz vorziehen, die starke Hand des Kräftigen wegschleudern, um die Flaumenhand des Weichlings zu ergreifen; denen abenteuerliche Schicksale, wunderbare Begebenheiten zu eben so viel Furcht und Entsetzen erregenden Konjunkturen werden. Ich kenne hingegen andere, die sich darauf verstehen, das Unvergängliche, Dauernde zu würdigen, die dem mit Lorbeer bekränzten einarmigen Krieger den Myrtenkranz reichen, den sie dem unverletzten Parade-Adonis verweigern; die den Ätna unter der Eisrinde entdecken, und ihn zur wirtlichen Herdflamme schüren, und die den kostbaren Edelstein kennen, schätzen und bewahren, wäre er auch aus dem Moder der Grüfte an des Tageslicht gezogen. Ich hoffe, Sie bald wieder zu sehen, mein artiger Sonderling; Sie erlauben mir wohl, Sie bei dem Namen zu nennen, den Ihnen die Residenz gibt. Ihrer Florentine bringe ich einen Kuss von ihrem getreuen Geliebten.“
„O mein Fräulein“, rief del Cane plötzlich entflammt, „dieser Kuss ...“
„Nun?“ fragte Antonie und lauschte schalkhaft der Antwort.
„Wird Ihnen Florentine glauben, wenn nicht ...“ - hier stockte Angelo, und ein Blick der Sehnsucht schoss in Antonies Augen.
„Wenn nicht ...“ wiederholte lächelnd Armida, beugte sich nachlässig zu dem begeisterten Schwärmer, und Rinaldos Mund brannte auf dem ihrigen.

„Er wird der Meine!“ triumphierte die Zauberin.

„Wie konnte ein Augenblick mich dergestalt hinreißen?“ fragte sich del Cane, als er sie verließ, und versprach sich’s heilig, in keine ähnliche Gefahr mehr zu laufen. Seine folgenden Besuche bei Antonie waren auch weit kälter und förmlicher, als der erste hoffen ließ; allein das Fräulein, seiner Laune nachgebend, wie der vorsichtige Fischer dem zupfenden Fisch mit der Leine nachgibt, modelte ihr Benehmen nach dem seinen, und wartete geduldig des günstigen Augenblicks. Indessen verstrich die Zeit. Florentine gesundete allmählich; schon sprach die Stadt von ihrer Genesung. Sie konnte also dem sehnsuchtsvollen del Cane kein Geheimnis bleiben. Antonie konnte keinen Vorwand mehr finden, die Erfüllung des Versprechens zu verzögern, das sie ihm gegeben, aber wie sollte sie diesem Versprechen Ehre machen? Wie den Mann wieder bei Florentine einführen, dessen Bild sie mit der letzten Wurzel aus dem Herzen der Leichtgläubigen zu tilgen bemüht gewesen? Diese Bemühung hatte ihr geglückt, besser als sie es hoffen durfte; denn Weibersinn ist ein trügliches Meer und diesen Sieg sollte sie sich selbst rauben, um ihr Wort zu erfüllen? Eine Närrin tut das, eine Antonie nicht. Sie kannte nur punische Treue.

Der ungeduldige Angelo fand die Freundin nicht mehr zu Hause. Alle Türen der Residenz schienen für ihn verschlossen. Umsonst brach er in Klagen, in Verwünschungen aus; umsonst wies er lockendes Gold. Die Zofe der Maltingen belächelte seinen Kummer, der rohe Portier in Eschens Hotel war der Bestechung unzugänglich. Del Cane war in Verzweiflung. Dass etwas vorgegangen sein müsse, schien ihm erwiesen. Diesem „Etwas“ auf den Grund zu kommen, suchte er die List seines Vaterlandes hervor, und drang in einer unscheinbaren Verkleidung eines Morgens in Florentines Gemach. Sie war nicht allein, wie er gehofft. Antonie war bei ihr. Das Fräulein wurde blutrot bei seinem Anblick; Florentine fuhr entsetzt auf.

„Um Gotteswillen“, rief ihr del Cane in heftiger Bewegung zu. „Florentine, meine Braut! Was ist zwischen uns getreten? Sage an, was ist geschehen, dass ich gleich einem Dieb mich zu dir schleichen muss?“ Florentine fand keine Worte.
„Mein Herr“, begann die gefasstere Antonie, und warf ihm einen bedeutenden Blick des Einverständnisses zu, seine Ungeduld ließ sie aber nicht endigen.
„Kein Wort von Ihnen, mein Fräulein“, erwiderte er heftig, „mit Florentine muss ich reden, mit ihr ...“
„Ich will nicht stören“, versetzte Antonie gekränkt, und stand auf.
„Bleiben Sie, Antonie!“ rief ihr Florentine ängstlich zu.

Die Schlaue antwortete aber mit sardonischem Lächeln: „Nicht doch! Liebende hassen den überlästigen Zeugen!“ und eilte in das Nebenzimmer, ihre Freundin durch einen Wink zu Mut und Festigkeit ermahnend.
„Nun, meine Florentine“, fragte Angelo nach kurzer Pause, „werde ich endlich aus deinem Mund erfahren ...?“
Florentine schwieg, von den widrigsten Empfindungen bestürmt.
„Du schweigst?“ fuhr Angelo fort. „Ich vergehe vor deinem Schweigen, und du beharrst darauf? Noch nie habe ich an deiner Aufrichtigkeit, an deinem Vertrauen gezweifelt, und nun ...“
„Sie fordern Vertrauen, Aufrichtigkeit von mir?“ fragte Florentine mit schneidendem Ton, „Sie von mir?“
„Diese Sprache ...“, versetzte del Cane bebend.
„Ist die Sprache der Enttäuschten“, erwiderte Florentine heftiger. „Unglücklicher! Vergebens verhehlen Sie, was mir nicht verborgen bleiben konnte. Der Schleier fiel von Ihrer Vergangenheit, und belehrte mich über meine Zukunft. Ich weiß alles, del Cane, alles, und dass ich es weiß, trennt uns ...“
Angelo fuhr zurück, denn der Blitz, der mit diesen Worten vor ihm einzuschlagen schien, und seine schönsten Hoffnungen unerbittlich zermalmte, hatte sein Innerstes gestreift.
„Alles? Alles weißt du?“ stammelte er vernichtet. „Alles? Weh mir! Dann ist’s vorbei, mein Urteil gesprochen. War’s ein Dämon der Hölle, war’s ein zürnender Gott, der dir es zuraunte? Gerecht ist der Spruch, er stamme vom Himmel, oder aus dem Abgrund. Ich wollte glücklich sein durch ein Verbrechen, und es zerschmettert mich. Hasse mich nicht, fluche mir nicht; du siehst mich nie wieder!“
Halb bewusstlos taumelte er zu der Tür hinaus, und verließ Florentine in den Qualen ihres Kummers. Antonie aber trat, Sieg und Rache auf der Stirn, aus dem Nebenzimmer, umarmte die verratene Freundin, und flüsterte: „Tröste dich, Florentine. Das Unvermeidliche ist geschehen, und mit Recht, denn ich fürchte, er ist strafbarer als wir glaubten!“

-

Angelo an den Malteserkomtur Marsigli in Wien:
„... Als ein heftiger schneidender Schmerz an meiner Rechten mich gewaltsam aus meinem Todesschlummer weckte, ich mich im Sarg fand, in einem aufgewühlten Grab liegend, in welches eine düstere Laterne ihre schwachen Strahlen warf; als ich zum völligen Bewusstsein mich ermannte, den Totengräber auf mir knien sah, mit dem blanken Messer in der Faust, der schon begonnen hatte, mir den Zeigefinger abzulösen, an dem ich meinen kostbaren Ring trug, um sich des Kleinods zu bemächtigen, dessen er auf glimpflichere Weise nicht mächtig werden konnte Als ich aufzuckte im Schmerz, dem Räuber an die Kehle fuhr, der in ohnmächtiger Furcht die Waffe sinken, sich von mir aus der Grube reißen ließ ... als ich mich da in kalter Nacht, auf dem Kirchhof, von Leichensteinen umgeben, im Totengewand sah ..., glaube mir, mein Bruder, es war ein fürchterlicher Augenblick, und ich dachte, es könne keinen entsetzlicheren das Leben erzeugen, keinen, mehr dazu geeignet, den Verstand in Torheit umzuwandeln; aber ich irrte mich. Seine Folgen waren segensreich für meine wunde Brust. Ich überlegte wenige Augenblicke, und konnte dem elenden Leichenräuber von Herzen verzeihen, der wimmernd zu meinen Füßen kroch, und um Schonung für sein Weib, für seine Kinder bettelte, seinen Frevel auf die Armut schob. Ich konnte mir kaltblütig alles von ihm erzählen lassen, was sich mit mir ereignet hatte. Ich erfuhr, dass sie da gewesen, mich auf der Bahre gesehen, und mein Plan war fertig. Ich war tot, ... tot für sie und die Welt, wer war glücklicher als ich? Ich und mein Totengräber lernten uns verstehen, gelobten uns ewige Verschwiegenheit, und die Hälfte der Summe, die ich aus meinem Solitär löste, war sein. Nach wenigen Tagen verließ ich M** bei Nachtzeit, und pilgerte nach dem Ort, von wo ich an dich schrieb. Der alte Hillario hatte seinen Auftrag ausgerichtet, seine Pflicht erfüllt, dir die Botschaft meines Todes gebracht. Hier schloss seine Laufbahn. Er erfuhr mein Wiedererwachen nicht mehr. Leicht sei ihm die Erde. Er war einer der wackersten unter den Sterblichen. Du bist aber der erste unter ihnen, Bruder, der mein Vertrauen völlig gerechtfertigt hat. Redlicher Universalerbe! Ich bat nur um einen Teil dessen, was dir in meinem Testament zufiel, und du gabst das ganze. Du schwurst mir unverbrüchliches Schweigen bei deinem Rittereid! Dein Mitwirken machte mich völlig glücklich. Ungebunden, frei von den Fesseln, die mich blutig gedrückt hatten, schweifte ich umher, und mein Unstern führte mich hierher. Mein glühendes Herz, das ich nicht mit meiner Jugendblüte in dem Grab zurückließ, klopfte bei Florentines Anblick heftig ... Nach ihrem Besitz strebten meine Sinne, meine Gefühle! Ich war taub gegen deine Ermahnungen ... stand auf dem Punkt, ein Verbrechen zu begehen, das vielleicht mit mir hinübergegangen, vielleicht auch an das Licht gekommen wäre, wenn es zum Zurücktreten schon zu spät gewesen sein würde; aber dieses Verbrechen hätte mich glücklich gemacht, und nun ... o mein Bruder, beneide oder bemitleide mich! Nun ist alles vorbei. Ein entsetzlicherer Augenblick, als jener auf dem Kirchhof zu M**, ging an mir vorüber, denn Florentine hat alles erfahren, und ich stand vor ihr, in dem vernichtenden Bewusstsein des ertappten Frevlers. Was ich seit einigen Tagen leide, geht über allen Begriff. Heute erst finde ich den Mut, dir zu schreiben, dir zu melden, dass der Zufall mich vor Sünde gerettet; dass er mich elend gemacht hat. Elend und schwach; denn gerne möchte ich den Ort fliehen, an dem sie weilt, die mich verworfen hat, und vermag es nicht. O hilf, rate mir! Tröste mich! Nur an deiner Brust kann ich Ruhe finden ... nur an deinem Busen mich ausweinen über mein Verhängnis!“

-

Angelo sandte den Brief auf die Post, und erhielt im nämlichen Augenblick ein zierliches Billet. „Sie wurden unwürdig behandelt“, schrieb ihm Antonie, „ich hörte es mit empörter Seele. Verstehen Sie nun, was ich Ihnen vor Wochen sagte? Florentine hat Sie niemals verdient, war Ihrer Liebe niemals wert. Ein elendes Geschwätz hat die Wetterwendische betört. Meine Bemühungen waren umsonst. Mein Zartgefühl vermochte es nicht, Sie auf das, was sich begab, vorzubereiten. Wollen Sie aber Aufschluss erhalten, woher die niederträchtige Kabale stammt, der die Baronesse verdienterweise unterliegt, während Sie als unschuldiges Opfer fallen, so schenken Sie den morgigen Abend Ihrer aufrichtigen Freundin.“
Del Cane lächelte bitter, schrieb unter das Billet die Worte: „Was geschehen ist, ist geschehen. Kabalen verachte ich, meine Freunde habe ich kennen gelernt; darum kein Wort mehr von Beiden.“

„Trage dieses zu deiner Gebieterin“, sprach er zu dem harrenden Mädchen, und warf ihr das Billet zu.
„Wie, gnädiger Herr?“ fragte die Zofe betroffen.. „Das nämliche Briefchen, das ich brachte?“
„Dasselbe. Geh!“
„Bedenken Sie aber auch ...?“
„Sprichst du auch?“ wiederholte verächtlich del Cane, und wies der Iris die Tür.

Der schöne Frühlingsmorgen bewog ihn sein Zimmer zu verlassen. Er durchstreifte den Park, machte Pläne für die Zukunft, verwarf sie wieder, und drang, im Kampf mit seinen Gefühlen verloren, ohne Zweck immer tiefer in die Schlangenpfade der englischen Anlagen. Eine Dame geht an dem Gedankenvollen vorüber ... blickt auf ... er vernimmt einen durchdringenden Schrei ... die Fremde sinkt neben ihm zu Boden. Er hebt sie auf, löst ihr eilig die Bänder des Huts, und fährt wie vor dem Bösen zurück.

„Hat sich denn alles wider mich verschworen?“ ruft er verzweifelnd in die Luft, legt die Ohnmächtige, von Abscheu und Bestürzung zitternd, in den Arm der herbeieilenden Begleiterin, und verlässt, wie vom Wind getragen, den Garten, rennt nach Hause. „Einpacken!“ donnert er dem Bedienten zu. „Postpferde bestellen! Morgen mit dem Frühesten.“
„Wohin?“ fragt der betroffene Diener. „Nach Petersburg, nach Wien ... wohin du willst!“ antwortet der Gebieter außer sich, und eilt flüchtigen Fußes durch das nächste Tor dem abgelegenen Forst zu, um unter dessen Schatten seinen brennenden Schmerz austoben und die aufgerissenen Wunden vergangener Jahre verwimmern zu lassen.

-

Aus dem Landhaus des Barons von Eschen, unfern den Toren der Residenz, schallte fröhliche Musik, und hundertfältiger Schimmer strahlte aus den hohen Fenstern auf die dunkle Straße, denn Florentines Bruder feierte das Fest ihrer Genesung. Ihre Bitten und Vorstellungen hatten ihn von dieser Idee nicht abbringen können, und das Fräulein von Maltingen hatte das Amt der Zeremonienmeisterin übernommen, da es dem blödsinnigen Eschen zu schwer gefallen sein würde, die Honneurs des Hauses zu machen. Florentine, zerfallen mit sich selbst, glich einem geschmückten Opferlamm, sah gleichgültig und trübe in das lustige Tanzgewimmel der Gäste, und wies jede Aufforderung zur Teilnahme an demselben als Genesende ab. Sie konnte es jedoch nicht vermeiden, den Gardehauptmann von Lissa beständig auf ihrer Ferse zu sehen, so lästig ihr der Zudringliche wurde, und gerne würde sie die stille Stube, in der ihr Julius schlummerte, mit dem Prunksaal vertauscht haben. Und als es später wurde, die Lust allgemeiner, die Verwirrung größer, stahl sie sich auch davon in ihr heimliches Putzzimmerchen, um von da ihren schlafenden Engel zu besuchen, zu küssen, und neugestärkt in das Menschengedränge zurückzukehren.

Des Hauptmanns Falkenauge bemerkte ihr Verschwinden. Sein Scharfsinn erriet, wohin sie Mutterliebe rief. Er eilte ihr nach, und begegnete im Gewühl der geschäftigen Antonie.
„Willkommen mein Rächer!“ flüsterte sie ihm zu, und drückte ihm feurig die Hand.
„Willkommen, Alekto!“ erwiderte der Hauptmann. „Du siehst zufrieden aus, meine Furie?“
„So zufrieden“, sprach sie, „als nötig ist, um den Vergleich nur zu belächeln. - Sie sind ja getrennt.“
„Deo gratias!“ fügte Harduin bei. „Bist du nun gesättigt?“
„Der Neid ist es, die Rache hungert noch.“
„Noch?“ fragte staunend der Hauptmann.
„Er hat mich aufs Neue beleidigt. Solange er noch atmet in dieser Luft ...“
„Geduld“, antwortete der Hauptmann mit kalter Selbstgenügsamkeit. „Geduld. Morgen führe ich einen Streich , der unsere Rechnung quitt machen soll.“
„Morgen?“ sprach Antonie mit flammenden Blicken. „Du bist mein Herr und Meister. Dieses noch und dann ...“
„Schon gut“, schloss Harduin, kurz abbrechend; „man sieht auf uns. Verlasse mich.“

Sie schieden, und der Hauptmann verfolgte seine Straße. Treppe und Gänge waren leer, die Dienerschaft bei den Gästen beschäftigt, oder auf ihr Vergnügen bedacht. Der Hauptmann, hatte freies Spiel, und drang bald in Florentines stilles Gemach. Sie hatte am Bettchen ihres Julius im Nebenzimmer einen Augenblick verweilt, und ruhte jetzt im weichen Sessel von der Erschöpfung des Repräsentierens aus. Sie erschrak bei dem Eintritt des Hauptmanns. Lissa lächelte.
„Störe ich, Frau Baronin?“ fragte er spöttisch und trat näher.
„Fürwahr, Herr Hauptmann, ...“ entgegnete sie mit Würde, „ich verstehe nicht ...“
„Wie ich es wagen kann, Sie zu beunruhigen?“ fragte Lissa neuerdings. „Meine Gegenwart hat Sie nicht immer befremdet.“
„Was soll das?“
„Ich besaß einst Ihre Achtung.“
„Bis ich Ihr böses Herz kennen lernte.“
„Ich liebte Sie.“
„Als mich noch heilige Bande fesselten.“
„Ich warb um Ihre Hand.“
„Und ich verwarf den Lüstling, der mich mit unreiner Flamme verfolgt hatte. Das ist vorbei. Was nun? Was bedeutet die Zudringlichkeit, mit der Sie mich heute verfolgen; die Ihnen die Frechheit einflößt, sogar dieses Zimmer zu betreten?“
„Sorge für Ihre Seelenruhe.“
„Wie?“
„Nebenbei mein Vorteil ...“ setzte Lissa hinzu, und spielte lächelnd mit der Uhrkette, während sein Auge von der Baronesse zu Boden, und wieder zu ihr ausschweifte.
„Ihr Vorteil?“ fragte sie verwundert.
„Ja, wenn ich mich anders in Ihrem Charakter nicht irrte.“
„Erklären Sie sich.“

„Sie haben mit del Cane gebrochen“, begann er ausholend.
„Woran erinnern Sie mich?“
„An das Vernünftigste, was Sie je getan haben. Die Jugend der Residenz dankt es Ihnen, dass Sie endlich dem abgeschmackten Sauertopf den Abschied gaben.“
„Er verdient wenigstens Ihre Beschimpfungen nicht.“
„Behüte der Himmel! Wohl noch etwas mehr. Sie taten Recht, meine Gnädige, völlig Recht, aber der Vorwand des Bruchs ... verzeihen Sie ... ist belächelnswert.“
„Mein Herr Hauptmann“, rief Florentine errötend. „Sie unterstehen sich, ohne zu wissen ...“
„Nicht doch!“ höhnte Harduin. „Ich weiß, die Stadt weiß. Die Maltingen hat geplaudert. Sie sind das Gespräch der Residenz geworden. Man belacht in allen Zirkeln Ihren gutmütigen Köhlerglauben, und Ihren abgedankten Vampir.“
„Sie werden unverschämt“, rief die Glühende.
„Ich bin nur wahr“, versetzte der Kapitän mit kaltem Spott. „Die Wahrheit ist aber ohne Falsch, und darum will ich, obschon Ihr Widerwille, Ihr Kaltsinn es nicht verdient hätte, Ihnen die Ruhe wieder geben.“
„Sie, Herr von Lissa?“ fragte Florentine mit Vorwurf im Blick.
„Wenn Sie es erlauben - ja.“
„Reden Sie.“
„Ihr Aberglaube hat, ohne es zu wissen, ein Verbrechen verhütet. Del Cane hat jenseits der Alpen ein Weib genommen, hat es verlassen, die Leichenkomödie zu M** gespielt, und wollte, da er das erste Mal nicht zum glücklichsten wählte, ein zweites Los aus der gefährlichsten Lotterie ziehen. Das blinde Glück, den Frevlern hold, wollte ihm hier zu der in Italien verlassenen Niete das große Los aufdrängen; allein zu Ihrem Besten rüttelte noch bei Zeiten ein Wahnwitziger die Urne, und Sie sind gerettet. Schande wäre Ihnen morgen zu Teil geworden, wie sie dem falschen Italiener zuteil werden wird. Denn seine Gattin ist hier. Auf der Reise nach Wien begriffen, hält sie hier an, lustwandelt im Park, und begegnet, Dank sei es der Prädestination, dem frechen Frauendieb. Sie glaubt ein Gespenst zu sehen, wird ohnmächtig; der Ungetreue flieht, von Angst und Schuld getrieben, wird aber der Rache seiner Gattin nicht entkommen.“
„Welch’ ein abscheuliches Gewebe!“ jammerte die Baronin.
„Sie hat sich zu den Füßen des Fürsten geworfen“, fuhr der Hauptmann fort, „alles bewiesen. Ich erhielt den Befehl zur Verhaftung des Verbrechers.“
„Des Verbrechers?“ fuhr Florentine auf, in deren Herzen del Canes Bild aufstieg. „Er beging kein Verbrechen!“
„Hat er nicht die erste Ehe gebrochen?“ fragte Lissa. „Hat er nicht die zweite schließen wollen? Der Herzog ist streng, das Gesetz straft Bigamie mit Infamie, Kugel und Kette.“
„Um des Himmels Willen!“ stammelte Florentine angstvoll. „Der Unglückliche! Möge ein Gott seine Flucht leiten!“
„Hat nicht den Anschein“, versetzte Harduin. „Seine Wohnung ließ ich umstellen. So eben erhielt ich die Kunde, er sei festgenommen.“
„Barmherziger Himmel!“ schrie Florentine. „Er ist verloren!“
„Habe ich ihn morgen beim Rapport gemeldet, so ist er’s.“
„Der Ärmste!“ fuhr die Baronin verzweifelnd fort. „Ach, ich fühle es, ich liebe ihn noch!“
„Ich dachte es“, sprach der Kapitän. „Ich habe mich nicht geirrt. Es zerreißt Ihr Herz, und dieser Schmerz ist der Herold Ihres Gefühls. Hat nicht del Cane für Sie das Verbrechen begehen wollen? Von einem hassenswerten Weibe fliehend, das im Brautgemach das Grazienantlitz mit der Medusenlarve vertauschte, hoffte er in Ihren Armen Seligkeit zu finden, wagte das Höchste, seine Ehre, um Ihren Besitz. Sie müssen ihn bemitleiden.“
„Nur bemitleiden?“ rief Florentine weinend. „Warum vermag ich nicht mehr?“
„Sie können ihn retten“, entgegnete der Hauptmann, ihr bedeutend ins Auge sehend.
„Retten? Wie? Sprechen Sie!“

Der Kapitän putzte gleichgültig die Lichter am Spiegel, und sprach:
„Heute noch ist er in meiner Gewalt. Heute Nacht allein noch. Morgen rettet ihn kein Gott.“
„Lassen Sie ihn fliehen!“ rief dringend die Baronin, die Hände faltend.
„Ich könnte es“, fuhr Lissa lauernd fort, „aber ich bin eigennützig.“
„Fordern Sie!“ flehte Florentine.
„Ich weiß nicht ...“
„Jeder Augenblick bringt ihn der Gefahr näher“, bat die Baronin in der höchsten Angst. „Zögern Sie nicht. Fordern Sie!“
„Des Geldes bedarf ich nicht“, sprach langsam der Versucher. „Nur Sie, gnädige Frau, können den Preis zahlen.“
„Verstehe ich Sie?“ fragte Florentine stutzend.
„Es ist ein hoher Preis“, setzte Lissa hinzu.
„Ich errate“, sprach das schmerzerfüllte Weib, und schlug die nassen Augen gen Himmel. „Meinem Ideal“, fuhr sie schwärmerisch nach einer Pause fort, „dem, den ich liebte vor Allen, opfere ich ihn.“
„Sie wollten?“ fragte Lissa staunend, sich so früh am Ziele zu sehen.
„Ja, Herr von Lissa!“ sprach Florentine erhaben: „Er wagte alles aus Liebe zu mir ... ich opfere mich für ihn. Sie warben einst um meine Hand, und ich versagte sie Ihnen. Retten Sie del Cane, und ich bin Ihre Gattin!“
„Wie?“ rief der Hauptmann, betreten über den Entschluss. „Doch nein! Das wäre zu viel gefordert; auch habe ich geschworen, nach dem Korb, den Sie mir gegeben, geschworen, mich nie zu verehelichen. Nein, gnädige Frau, Ihr Gatte werde ich nie.“
„Was verlangen Sie denn?“ fragte die Baronin ahnend.
„Die Rechte des Gatten“, sprach der Unhold ohne Scham, und wollte sie in die Arme schließen. Florentine aber, empört, und von dem edelsten Zorn durchglüht, stieß ihn von sich. „Niederträchtiger!“ rief sie ihm verächtlich zu, an ihm vorübergleitend, und ließ ihn beschämt zurück.

-

Der Hauptmann betrachtete eine Weile seine Schuhspitzen, stampfte erbittert mit dem Fuß, und wollte der Beleidigten nach, als er sich bei der Achsel festgehalten fühlte. Er blickte um, und sah in del Canes bleiches Gesicht, in dem männliche Entschlossenheit lag, und dessen Kälte sein Blut gerinnen machte.
„Ein Wort mit Ihnen, Herr Hauptmann“, sprach halblaut der unerwartete Gast.
„Sie hier?“ stotterte Lissa. „Wie kommen Sie hierher?“
„Das gelte Ihnen gleich“, antwortete Angelo frostig. „Komme ich doch nicht, um zu stehlen.“
„Was steht Ihnen zu Diensten?“ fragte der Kapitän.
„Ich habe Ihr ganzes Gespräch mit der Dame vom Haus angehört.“
„Haben Sie? Haben Sie wirklich? Was wünschen Sie nun?“
„Sie fragen noch, Herr Kapitän? Sie haben nicht wie ein Ehrenmann gehandelt, aber die Gesetze der Surrogatehre sind Ihnen nicht fremd.“
„Wie meinen Sie das?“
„Sie haben meine ehemalige Braut, eine Frau, die ich schätze und verehre, beleidigt, und werden mir Genugtuung geben.“

Der Herr von Lissa stutzte.
„Hör' ich recht?“ fragte er dann.
„Vollkommen!“ hieß es aus del Canes Mund. „Morgen mit dem Frühesten dachte ich abzureisen, ich muss aber erst diesen Handel ausmachen. Ich erwarte Sie in dem Wäldchen hinter diesem Haus.“
„Wie Sie befehlen“, versetzte der Hauptmann, dem es nicht an Mut gebrach, „aber Sie sind mein Arrestant.“
„Lüge!“
„Nicht doch; es ist wohl nicht alles so, wie ich es der Baronesse schilderte, aber morgen sollten Sie verhaftet werden, denn Ihre Gattin hat in der Tat ihre Klage bei dem Fürsten angebracht. Sehen Sie hier die Ordre! Ich erhielt sie vor einer Stunde.“

Del Cane überflog sie mit den Augen.
 „Es ist wahr“, sprach er dann kalt, „Sie können mich festnehmen, aber Sie werden es nicht tun.“
„Glauben Sie?“
„Fest und wahrhaftig. Sie werden Rang und Uniform nicht so tief entehren.“
„Wahrlich, dieses Vertrauen ...“
„Werden Sie rechtfertigen, und ich gebe Ihnen dagegen mein Wort, dass - sollten Sie morgen von meiner Hand fallen, - dass ich mich in meine Haft stelle.“
Leise Bewunderung sprach aus dem Auge des Hauptmanns. Über seinen Rücken lief es aber kalt. „Fallen?“ fragte er leiser. „Sie haben es also ernsthaft vor?“
„Auf das Ernsthafteste“, erwiderte del Cane. „Ich versichere es Ihnen. Sie oder ich.“
„Ich werde kommen“, versicherte Lissa nach kurzem Bedenken.
„Ohne Hinterlist?“
„Auf mein Wort.“
„Ich verlasse mich darauf."

Lissa war an der Tür, und kehrte wieder um.
„Sonderbarer Mann!“ sprach er zu Angelo. „Wem opfern Sie sich auf? Einer Frau, die nie die Ihrige werden kann.“
„Die ich verehre“, entgegnete del Cane begeistert, „die mich noch liebt, für die ich gerne sterbe!“
„Warum traten Sie nicht zwischen die Baronesse und mich?“ fragte der Kapitän. „Sie hätte Ihren Mut bewundern müssen!“
„Sie erfahre nichts von unserem Geschäft, nichts von meinem Hiersein. Sie versprechen mir das?“
„Mit Hand und Mund!“
„So leben Sie wohl. Die Mitternacht heult vom Turm. Um 6 Uhr sehen wir uns wieder.“
Der Hauptmann gab dem Gegner noch einmal die Hand darauf, und verließ das Zimmer.

Del Cane schlich nach der verborgenen Tapetentür, durch die er eingetreten war, deren geheimen Zugang er von früheren Zeiten kannte, und heute im Getümmel der Freude unbeachtet gefunden hatte. „Wohin?“ rief er sich aber plötzlich zu. „Diesen Schauplatz heiliger Stunden fliehen? Fliehen wie der Dieb das beraubte Haus? Nachdem du dich hereingestohlen wie der Dieb? Fliehen, ehe du sie gesehen, ehe du ihre Vergebung erfleht? Weshalb kamst du denn? Wolltest du nicht den versöhnenden Segen des Engels, zu dem der Verbrecher seinen Blick zu heben wagte, auf dein Haupt sammeln, damit er dich stärke zur fernen Lebensreise? Zum herben Abschied? Und nun ...? Nein! nein! Ich darf sie jetzt nicht sehen; ein Wort könnte mich verraten, ... sie könnte auf meiner Stirn lesen, dass ich bereit bin für sie mein Leben hinzuwerfen. Nein! ich fliehe; doch den kleinen Julius, ihr Ebenbild, will ich sehen. Ich wollte ihm Vater werden. Er hat mich geliebt. Ihn sehen, die Mutter in ihm küssen, und dann werde es mit mir, wie Gott will.“ Auf den Zehen näherte er sich dem Gemach, lauschte, drückte die Tür auf, und stand am Lager des schlafenden Knaben. Er sank auf seine Knie, berührte leise küssend die Stirn des Kindes, und unwillkürlich flüsterten seine Lippen ein Gebet, während sein böser Engel ihm zur Seite stand.

„Marsigli! Angelo Marsigli!“ sprach eine tiefe Stimme neben ihm, und es riss ihn krampfhaft in die Höhe, denn er sah, in männliche Kleider gehüllt, seine Gattin vor sich.
„Theresa! Du? Du hier!“ Seine bebenden Lippen versagten ihm den Dienst, denn die finster zusammen gezogenen Augenbrauen, der funkelnde Blick, der fest eingeklammerte Mund der Fremden ließen ihn nichts Gutes ahnen.
„Ihr wundert Euch, Signor?“ fragte sie mit schlecht verhehltem Zorn. „Dass meine Beute mir nicht entgehe, habe ich mich in dies Gewand gehüllt. Seit heute Mittag streife ich auf Eurer Fährte. Das erleuchtete Haus, nach dem ich Euch schleichen sah, die verborgene Treppe, die Ihr einschlugt, ließen mich etwas wichtiges vermuten. Um neugierigen Bedienten zu entgehen, musste ich unten verweilen, komme aber noch früh genug, um zu sehen, dass es hier eine Zusammenkunft gilt, dass ich in dem Haus des Weibes bin, das Ihr liebt.“
„Und was wollen Sie nun?“ fragte Angelo.
„Zeuge sein von der sentimentalen Unterredung“, erwiderte sie spottend. „Diejenige sehen, die den Flüchtling bezaubert, und den Hexenbanner fesseln konnte, der stirbt und lebt nach seinem Gefallen.“
„Ersparen Sie sich die Demütigung, Signora!“ brauste Angelo auf, „und gehen Sie!“
„Nicht so laut, bester Gemahl“, raunte sie ihm höhnisch zu. „Ihr könntet den teueren Sprössling, den Einzigen, aus dem Schlummer wecken. Ich werde gehen, wenn Ihr mich begleitet.“
„Ich mit Ihnen?“ rief Angelo voll Abscheu. „Niemals mehr mit Ihnen.“
„Elender!“ grollte Theresa, ihm drohend näher tretend. „Ist das der Lohn, dass ich aus dem edelsten Geschlecht zu deinem niederen Wappen herunterstieg?“
„Sprich zu meinem Reichtum!“ entgegnete er.
„Meine Herablassung vergiltst du mit Hinterlist, Tücke und schändlicher Flucht von deinem Weib?“ fragte sie mit steigendem Zorn.
„Megäre!“ erwiderte er heftig. „Deiner Tyrannei, deiner Verschwendung, deiner Bosheit und meiner Schande entfloh ich.“
„Deiner Schande?“ wiederholte sie wütend.
„Ja, Verworfene“, zürnte Marsigli, im Gefühl seiner bitteren Kränkung. „Deine Buhlerkünste hatten mein Haus besteckt, deine Schamlosigkeit meine Stirn gebrandmarkt. Ich musste dich morden, oder fliehen! Mir blieb kein anderer Ausweg. Danke es meiner Menschlichkeit, die das Letztere wählte, dir das Leben, mit ihm das Vermögen zu sündigen und zu bereuen ließ.“
„Lügner! abscheulicher Verleumder!“ stammelte außer sich die Gereizte. „Widerrufe!“

Julius erwachte, wurde unruhig, und streckte Angelo die Arme entgegen.
„Schone dieses Kind“, sprach er kalt zu Theresa. „Ich antworte dir nicht, denn ich verachte dich.“
„Widerrufe!“ wiederholte sie grimmiger, und riss ein Stillet aus dem Busen.
„Willst Du mich morden?“ fragte Angelo, und nahm den Knaben, der sich furchtsam an ihn schmiegte, in die Arme. „Versuche es, Sünderin! An dieser Unschuld erlahmt dein Arm!“
„Diese Unschuld?“ rief die Furie mit gellender Stimme. „Der Bastard, den du Ehrvergessener in einen reinen Stammbaum pflanztest? Diese Worte zeigen mir den Weg zu deinem Herzen. Der Tod wäre dir jetzt Wohltat, aber in deinem Arm verblute der Bube, und du ... stirb ihm tausendfach nach!“

Die Zornschäumende schwang das kleine Eisen, Angelo wollte mit seinem Arm den Knaben decken, doch zu spät. Der Stoß hatte seine junge Brust getroffen, und mit einem leisen Schrei sank er leblos auf Angelos Schulter.
„Verfluchte!“ donnerte Marsigli. „Mord für Mord! Lebendig kommst du nicht von hier!“ Er ließ den Knaben auf das Lager sinken, und wandte sich nach der Elenden, die vor ihrer Tat, wie vor den Donnern des Weltgerichts erbebt war, und ihr Heil in der schnellsten Flucht suchte.
„Flieh!“ rief ihr Angelo empört nach. „Flieh! Die Strafe säumt nicht! - Aber hier! Ist hier keine Hilfe möglich?“

Er eilte zu dem Knaben. Er atmete noch, aber schwer. Angelo riss ihm das Nachtkleid von der Brust, untersuchte die Wunde, und zitterte. Denn von dreischneidigem Eisen geschlagen, hatte sie sich fest geschlossen. Ohne zu wissen, was zu tun, tat Marsigli das Zweckmäßigste. Er saugte mit brennenden Lippen sich an der Wunde fest, und der Erfolg lohnte sein Bemühen. Sie öffnete sich, das Blut floss, und leichter wurden des Knaben Atemzüge. Alles um sich her vergaß Angelo, in dieser Pflicht bemüht, aber ein fürchterliches Geschrei weckte ihn. Florentine stand mit ihrem Bruder und Antonie auf der Schwelle des Zimmers, zur Bildsäule erstarrt bei dem grässlichen Schauspiel.
„Siehst du, Unglückliche!“ schreit Eschen. „Das Nachtgespenst mordet deinen Julius!“
„Barbar!“ jammerte Florentine, „gib mir mein Kind!“
Mit Riesenstärke entreißt sie es seinem Arm und wirft sich schirmend über den Unmündigen. Angelo will sprechen, sich ihr nähern …
„Zurück!“ kreischt Eschen, und hängt sich mit ganzer Gewalt an den Vorstrebenden.
„Zurück mit deinem blutigen Mund, Bewohner der Grüfte!“ heult ihm Florentines Stimme entgegen. „Nimm alles! Lass mir mein Kind!“
Antonie zerrte aus allen Kräften an der Schelle. Eine Schar von Dienern fliegt herbei.
„Weicht ihr alle!“ ruft Angelo mit Löwenstimme in den Haufen, und reißt eine Pistole hervor. „Hebe dich weg von mir, Wahnsinniger!“ fügt er hinzu, und schleudert den Baron von sich. „Wer mich anrührt, ist des Todes! Eine Sinnlose hat hier morden wollen, nicht ich. Darum weg von der Tür! Leb wohl, Florentine! Ich habe deinem Sohn das Leben nicht geraubt - ich habe es ihm erhalten wollen, und meine Hände sind rein an dieser Tat. Hinweg!“
Wie ein Riese schritt er durch die scheuen Diener und die aufgeschreckten Gäste in das Freie.

-

Die Morgensonne beleuchtete eine traurige Szene. Der tödlich verwundete Angelo ward auf einer Bahre von Baumästen in Eschens Landhaus gebracht, dem nächsten bewohnten Gebäude. Verzweifelnd stürzte Florentine über den Vergehenden, fragte die Wundärzte, bot ihre Habe, und konnte nur ein mitleidiges Achselzucken erkaufen. Lissas Degen hatte zu gut getroffen, und der Augenblick des Verlöschens war nah. Mühsam öffnete Angelo das matte Auge, und seine ganze Seele sprach aus ihm zu der klagenden Florentine.
„Weine nicht“, flüsterte er kaum hörbar, „und verzeihe mir.“
„Vergib du mir“, jammerte sie unter heißen Küssen auf seine kalte Hand, auf seinen bleichen Mund. „Mein Verdacht, ... ich brach dein Herz ... das sich ... ich ahne es ... für mich durchbohren ließ, denn der Abscheuliche war dein Gegner.“
„Nichts von dem!“ flüsterte er abweichend. „Dein Julius ...“
„Er lebt, du bist gerechtfertigt. Leute des Hauses sahen die Mörderin mit gezücktem Dolch entweichen ... die Wunde des Kindes ist nicht gefährlich ... sein ungeübter Mund nannte dich stammelnd seinen Retter!“
„So gehe ich hin in Frieden ...“ sprach Angelo mit seligem Lächeln. „Der Stoß der Wütenden ging fehl. Fluche ihr auch nicht, Florentine, und bete für mich.“
Sie sank schluchzend auf ihre Knie.
„Ich habe ausgelebt ...“, fuhr er mit schweren Atemzügen fort, „gedenke meiner, Lebende. Dich ...“, hier leuchtete himmlische Verklärung auf seinem Antlitz, und hell strahlten seine Blicke. „Dich allein lasse der Allgütige mich jenseits wiederfinden!“ Er sank zurück, und war nicht mehr. Seine Augen leuchteten aber heller, als im Leben, und auf die Glanzsterne drückte Florentine ihre tränennassen Augenlider, ließ die grenzenlose Wehmut ausströmen in halber Ohnmacht, bis des Toten Augen brachen, immer grausender in sich versanken, und eisige Kälte in die der Geliebten floss. Sie schreckte nun in die Höhe, aber ihre Sehkraft war gelähmt, und wie durch eine Flordecke starrte sie fürder in die sie umgebende Welt.

-

Der Hass hatte gesiegt. Antonie wandelte still und in sich gekehrt in dem Garten des Landhauses, horchte bald auf das jammernde Wehgeschrei der trostlosen Florentine, das aus den offenen Fenstern zu ihr drang, bald auf das Gebrüll des Herrn von Eschen, der seit der Begebenheit verwichener Nacht in Raserei verfallen war, und von handfesten Wächtern im Hintergebäude verwahrt gehalten wurde. Es war öde und feierlich in der Brust der Lustwandelnden geworden, und um dem Trauerhaus zu entlaufen, beschloss sie, heute noch nach der Stadt zurückzukehren, um in dem Taumel ihrer Vergnügungen sich selbst zu vergessen, als der Hauptmann, zu Pferde sitzend, über die Staketen blickte.
„Ist er hinüber?“ fragte er leise.
Ein siegendes Kopfnicken bejahte. Der Hauptmann fuhr wie unmutig mit der Hand über die Stirn, und sagte dann:
„Ich komme vom Fürsten. Ich habe mich vor ihm gestellt; die Sache ist beigelegt. Ich reise Morgen auf einige Monate nach Wien. Das Geräusch der Kaiserstadt soll mich zerstreuen, und meine Reinigungstaufe werden, wenn mich nicht des Erstochenen Bruder, der Komtur Marsigli, auswittert, was Gott verhüten möge. Jetzt bringe ich einen Befehl des Herzogs nach der Festung Oberstein. In der Dämmerung kehre ich zurück, den versprochenen Sold von Magdalenas Lippen zu küssen.“
„Sie wartet ihres Freundes!“ entgegnete Antonie mit lüsternem Blick. „Rosen und Lorbeeren sollen seinen Becher kränzen ...“

Lissa küsste die schöne Hand, die ihm die Zauberin zum Abschied reichte, und sprengte wie der Wind von dannen. Antonie flog aber auf ihr Zimmer, und warf folgende Zeilen auf das Papier: „An den Komtur von Marsigli! Ihr vortrefflicher Bruder ist heute auf die nichtswürdigste Weise im Duell gefallen. Sein Mörder, Gardehauptmann von Lissa, reist morgen nach Wien ab. Sie sind Italiener, Edelmann und Ritter. Rächen Sie Ihren Bruder. Rächen Sie die Menschheit an dem mörderischen Buben, der eine Pestbeule unseres Geschlechts ist. Dann erst nennt sich der Schreiber dieses Briefes.“ Ein Lakai musste die Weisung schnell zur Post befördern, und Antonie verließ um Mittag, ohne Abschied zu nehmen, das Haus, das sie in Elend und Trauer gestürzt hatte, um mit dem erfindungsreichsten Luxus die Anstalten zu des Hauptmanns Empfang zu treffen, der sich auch mit sinkender Nacht einfand. Die Zofe des Fräuleins, in Cythereas Dienst erfahren, ließ den Beglückten ein, der sich von allen Wohlgerüchen Indiens und von den Armen der verführerischen Antonie empfangen sah.
„Mein Harduin!“ flüsterte die schöne Sünderin, als sich das neue Morgenlicht durch die Purpurvorhänge zu dem Lager stahl, das sie mit ihrem Freund umging, und drückte einen süßen Kuss auf seine Wangen. „Gestehe, mein Harduin, dass die Rache auch süß zu lohnen vermag.“
„Wahrlich ja“, entgegnete der Hauptmann, „der Herzog würde mich beneiden, wüsste er ...“
„O still! still von ihm! Koste Antonie. Meinem Herzen war er nichts. Nur meiner Sinne Spiel, und dich erkor mein Herz aufs Neue wieder, denn du hast mich glücklich gemacht durch deinen Rachedienst. Wie uns alles glückte, Angelo, an deinem Stahl verblutet, Florentine, die gehasste Nebenbuhlerin, in den Staub getreten ... und alles nach und nach, und stufenweise entwickelt, von Trudes Possenspiel an, bis zu der letzten Katastrophe. O, mein Harduin, wenn du die Seligkeit begreifen könntest, die ich empfand, als ich an jenem Abend neben unserem Opfer auf dem Sofa saß, als ich ihre steigende Angst berechnete, und sie anschwellen ließ, wie die Wogen des neu aufflammenden Meeres, als ich sie vernichtet in sich selbst versinken sah, als ich ihre erstarrende Hand hielt, die Pulsschläge derselben zählte, während des grässlichen Marterspiels, wie der Arzt die Pulse der Gepeinigten in der Folterkammer zählt, bis die namenlose Angst sie zu sprengen drohte, und mir ein mitleidiges: Genug! entriss ... Wenn du jene Wollust begreifen könntest ...“
„Nein, fürwahr!“ unterbrach sie Harduin mit rauer Stimme, und riss sich von ihrer Seite, von dem Lager auf. „Ich begreife sie nicht, weil ich den Abgrund einer Teufelsseele nicht ermessen, nicht begreifen kann. Entmenschtes Geschöpf! Weil ich ein Genosse deiner Tat bin, zeigst du mir so schamlos deine Blöße? Nun, bei Gott, ich wandle lange auf der Bahn des Lasters ... habe im Übermut der Sinne und der Leidenschaften manches Herz zerrissen ... noch klebt das Blut eines unschuldigen Schwärmers an meinem Degen ... aber: Du hörst mich, Allmächtiger in den Himmeln! - An dies reiche ich nicht! ... Gegen diese bin ich rein; und Zeit ist’s, dass es mit ihr ende!“
„Welche Sprache?“ rief Antonie staunend. „Besinne dich, Harduin! Du redest irre!“
„Schweige!“ schnaubte sie Harduin an. „Du hast dem Jüngling seine Seligkeit abgestohlen, und ihn zum sittenlosen Mann geprägt, aber dich dafür zu strafen, ist er tugendhaft genug. Erhebe dich, kleide dich! In einer Minute sollst du von mir hören.“

Er ging, verschloss die Tür hinter sich, und Antonie verließ in Betäubung und Angst das Lager. Kaum gekleidet, eilte sie händeringend durch das Zimmer, denn sie hörte auf des Hauses Vorplätzen Waffen rasseln, Sporen klingen, raue Männerstimmen. Der Hauptmann trat in voller Uniform zu ihr ins Gemach. Wachhabende Dragoner hielten den Vorsaal besetzt.
„Im Namen des Herzogs!“ sprach Harduin mit dem verächtlichen Stolz, den die Demütigung des elendesten Feindes verleiht. „Ich verhafte das Fräulein von Maltingen. Schändlicher Kabalen, boshafter Einmischung in Staats- und Familiengeheimnisse und zuchtlosen Wandels überwiesen, geht sie zu lebenslänglichem Gefängnis nach Oberstein ab. Hier ist der Kabinettsbefehl, wenn Sie zu sehen verlangen.“
„Abscheulicher“, wütete Antonie, „das ist dein Werk!“
„Ich würde mich schämen, wenn es nicht das meine wäre“, entgegnete Lissa höhnend. „Der Schüler hat die Meisterin übertroffen. Angelos und der Eschen Unglück stürzt Sie in den Abgrund. Auf mein Verderben hatten Sie es gemünzt, ich komme zuvor, siege, und räche mich an Ihnen für mein ganzes verlorenes Lebensglück. Eilen Sie, meine schöne Dame. Das Zimmer auf Oberstein wartet Ihrer. Ihr Freund hat es Ihnen gestern ausgeschmückt.“
„Ich Unglückliche!“ jammerte das Fräulein, und zerraufte sich verzweifelnd die Haare. „Ich war die Seine, aus meinen Armen geht er ... um mich dem Verderben zu überliefern.“
„Ich spielte das Prävenir“, sprach der Kapitän mit hämischem Spott, ließ die Dragoner eintreten, begleitete das wehklagende Fräulein mit rauer Soldatenmanier zu dem Wagen, und hob sie hinein. Ihre Zofe und zwei Unteroffiziere stiegen mit ein, Dragoner umgaben den Wagen. Lissa zu Pferde, führte den Zug, und die ehemalige Favoritin des Fürsten verließ unter dem Spottgelächter des Pöbels die Residenz, den Schauplatz ihrer Taten, um in enge Kerkermauern zu wandern.

-

Am folgenden Abend wurde der unglückliche Angelo zur Gruft bestattet, aus der er nicht mehr erstehen sollte. Florentine, das arme Opfer der Treulosigkeit und des Aberglaubens, trauerte unvermählt ihr ganzes Leben lang um den Toten, erzog mit mütterlicher Sorgfalt ihren geliebten Sohn, und schenkte ihrem bedauernswerten Bruder, der im Irrenhaus starb, eine Träne des Mitleids. Theresa verbarg ihre Schande in Kalabriens Bergen, und der Hauptmann fiel im Zweikampf durch das rächende Schwert des Komturs.

nach oben

Glossar

Alekto - „Die nie Ablassende“, eine der drei Furien der griechischen Mythologie.

Armida - Name einer schönen mächtigen Zauberin in Tassos „Befreitem Jerusalem“ und somit in diesem Fall als Musterbild einer verführerischen, liederlichen Frau.

Barcarollen - venezianische Schifferlieder.

Bassen - bunte, verspielte orientalische Stoffe.

Canzonen - ein längeres Lied in hohem Ton und von kunstvoll gegliederter Form.

Convenienz - eine verabredete Heirat.

Cyntherea - Beiname der greichischen Göttin der Liebe, Aphrodite, von der Insel Cythera im ägäischen Meer.

Freiin / Baronesse - die unverheiratete Tochter eines Freiherrn oder einer Freifrau.

Helote - griechisch für „Sklave“.

Honneurs des Hauses machen - d.i. die gehörige Ehre seinen Gästen zu erweisen.

Impromptu - d.i. etwas aus dem Stegreif, ohne Vorbereitung vortragen.

Komtur / Malteserkomtur - Befehlshaber eines „Verwaltungsbezirks“ des Malteser-Ritterordens.

Prävenir - alte Redensart für jemandes Absicht zu vereiteln oder jemandem zuvorzukommen.

Pythonissin - dieser Ausdruck für „Hellseherin“ stammt von der wahrsagenden Pythia des berühmten antiken Orakels von Delphi in Griechenland.

Surrogatehre - d.i. die Stellvertreterehre. Jemand nimmt stellvertretend die Rechte einer anderen Person war, die diese aus irgendeinem Grund nicht verteidigen kann.

nach oben

Autor

Carl Spindler - 1796 bis 1855, deutscher Schriftsteller. Floh vor dem erzwungen Miltärdienst während der napoleonischen Besatzung. Arbeitete später in einer Schauspielgruppe unter Pseudonym. In der Schweiz begann er als Schriftsteller zu arbeiten. Auch bekannt als C. Spinalba und Max Hufnagl. Goedeke („Grundriß zur Geschichte der Deutschen Dichtung.“ 1859. 1. Buch. 3. Teil § 332. S. 734 ff.) beschreibt ihn so: „Er ist nicht bloß in Deutschland einer der besten Romandichter, sondern auch in der allgemeinen Literatur, der in jedem andern Lande zu den ersten Größen gezählt wäre, bei uns freilich nur gnädig geduldet wird, da er ja nur ein Deutscher und nur ein Romanschreiber war.“

nach oben

weiterführende Links

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

nach oben

bibliothèque des vampires