BREHM'S THIERLEBEN

Alfred Edmund Brehm

1876

bibliothèque: Hier ist nur der Auszug aus dem Werk wiedergegeben, der sich dem Thema der Vampire widmet und dabei einen höchst unterhaltsamen Einblick in die wissenschaftliche Forschung der damaligen Zeit gewährt.

 

Flatterthiere

[...]

Blattnase

Blattnasen oder Blutsauger (Istiophora) heißen die Mitglieder der letzten Hauptabteilung. Alle hierher gehörigen Flattertiere unterscheiden sich von den übrigen durch häutige Nasenaufsätze, deren Form mannigfachem Wechsel unterworfen ist, im wesentlichen aber aus einem mehr oder minder entwickelten Hautblatte auf der Nase besteht.

Genaueres berichtet der Spanier Azara, welcher den Blutsauger "Mordedor", zu deutsch Beißer, nennt.
"Zuweilen", sagt er, "beißen sie sich in den Kamm und in die Kinnlappen der schlafenden Hühner ein, um ihnen Blut auszusaugen, und die Hühner sterben daran gewöhnlich, zumal wenn die Wunden, wie fast immer geschieht, sich entzünden. Ebenso beißen sie Pferde, Esel, Maultiere und Kühe regelmäßig in die Seiten, die Schultern oder in den Hals, weil sie dort mit Leichtigkeit sich festhalten können. Dasselbe tun sie mit dem Menschen, wie ich bezeugen kann, weil ich selbst vier Mal in die Zehen gebissen worden bin, während ich unter freiem Himmel oder in Feldhäusern schlief. Die Wunde, welche sie mir beibrachten, ohne dass ich es fühlte, war rund oder länglichrund und hatte eine Linie im Durchmesser, aber so geringe Tiefe, dass sie kaum die ganze Haut durchdrang. Man erkannte sie durch aufgetriebene Ränder. Meiner Schätzung nach betrug das Blut, welches nach dem Bisse floss, etwa dritthalb Unzen. Allein bei Pferden und anderen Tieren mag diese Menge gegen drei Unzen betragen, und ich glaube, dass sie schon wegen des dicken Felles größere und tiefere Wunden an ihnen hervorbringen. Das Blut kommt nicht aus den Hohl- oder Schlagadern, denn bis dahin dringt die Wunde nicht ein, sondern bloß aus den Haargefäßen der Haut, aus denen sie es unzweifelhaft schlürfend und saugend herausziehen. Obgleich die mir beigebrachten Bisse einige Tage ein wenig schmerzten, waren sie doch von so geringer Bedeutung, dass ich weder ein Mittel dagegen anzuwenden brauchte, noch an meinem Gehen verhindert wurde. Weil sie also keine Gefahr bringen und die Tiere bloß in jenen Nächten Blut saugen, in denen ihnen andere Nahrung fehlt, fürchtet und verwahrt sich niemand vor ihnen. Man erzählt, dass sie ihr Opfer mit den Flügeln an derjenigen Stelle, wo sie saugen wollen, fächeln, damit die Tiere nichts fühlen sollen." Die übrigen volkstümlichen Anschauungen über den Vampir bestreitet Azara auf das nachdrücklichste.

Rengger fügt den Angaben Azara's das Nachstehende hinzu:
"Ich habe wohl hundert Male die Verletzung der Maulesel, Pferde und Ochsen untersucht, ohne über die Art, wie sie hervorgebracht, zur Gewissheit zu kommen. Die beinahe trichterförmige Wunde hat gewöhnlich einen Viertelzoll im Durchmesser, zuweilen etwas mehr, und je nach dem Teile des Körpers eine Tiefe von einer bis zu zwei Linien. Sie reicht niemals durch die Haut hindurch bis auf die Muskeln. Man bemerkt an ihr keinen Eindruck von Zähnen wie bei Bisswunden, hingegen ist ihr Rand immer sehr aufgelockert und angeschwollen. Ich kann daher nicht glauben, dass die Blattnasen (Phyllostoma) und die Blattzüngler (Glossophaga) zugleich vermittels eines Bisses den Saumtieren diese Wunden beibringen, wobei übrigens jedes schlafende Tier erwachen und sich seines Feindes entledigen würde. Vielmehr vermute ich, dass sie erst durch Saugen mit den Lippen die Haut unempfindlich machen, wie dies durch Aufsetzen von Schröpfköpfen geschieht, und dann, wenn sie angeschwollen ist, mit den Zähnen eine kleine Öffnung zu Stande bringen. Durch diese bohren sie nun, wie mir wahrscheinlich ist, ihre ausdehnbare, gleichfalls zum Saugen dienende Zunge allmählich in die Haut hinein, wodurch die trichterförmige Aushöhlung entsteht. Die Unmöglichkeit, dass die Fledermäuse zu gleicher Zeit saugen und ihre Flügel bewegen, ist uns durch die Beschaffenheit der letzteren vergegenwärtigt.

An diese Berichte schließen sich am besten die eingehenden Mitteilungen Hensels an:
"Das Gebiss der meisten Blattnasen gleicht durch die Kleinheit der Schneidezähne und die Größe der Eckzähne vollkommen dem der Raubtiere, und die von ihnen herrührenden Wunden haben ganz das eben beschriebene Gepräge, wie man dies sehr leicht bei dem Fange dieser Tiere, welche sehr bissig sind, beobachten kann. Die Wunden aber, welche man an den von Blutsaugern gebissenen Pferden oder Maultieren untersucht, sind von ganz anderer Beschaffenheit. Sie stellen eine kleine eiförmige Fläche vor, welche nur schwach vertieft ist und an Umfang etwa dem einer Linse gleicht. Die Schnittfläche ist nicht senkrecht gegen die Oberfläche der gebissenen Stelle gerichtet, wie dies bei Wunden durch Eckzähne der Fall sein würde, sondern geht ihr im ganzen parallel. Man könnte eine ähnliche Wunde hervorbringen, wenn man die Haut mit einer Greifzange etwas in die Höhe ziehen und nun, mit einem Messer wie beim Rasieren über die Haut fahrend, die hervorgehobene Stelle wegschneiden würde. Durch einen solchen Schnitt oder Biss, mit welchem immer ein Stoffverlust verbunden ist, wird eine große Anzahl seiner Hautgefäße durchschnitten, und es tritt sofort eine reichliche und lange dauernde Blutung ein. Wenn auch die Pferde am Abend oder in der Nacht von Blutsaugern gebissen wurden, so fließt nicht selten noch am nächsten Morgen das Blut in einem schmalen Streifen vom Halse der gebissenen Tiere zur Erde, oder über die Schulter und an den Vorderbeinen hinunter. Solche Wunden können nur durch große, eigentümlich schaufelförmig gebaute und dabei scharfe Schneidezähne hervorgebracht werden. Ein solches Gebiss aber findet sich bloß bei den mit einander nahe verwandten Gattungen der Schneidflatterer (Desmodus) und Kammzahnflatterer (Diphylla). Ich habe daher die bestimmte Überzeugung, dass einzig und allein diese beiden Sippen unter allen Fledermäusen Blutsauger sind, und dass alle Erzählungen von anderen blutsaugenden Flattertieren auf Irrtum oder Missverständnissen beruhen."

Wie aus dem Nachfolgenden mit gar nicht anzuzweifelnder Sicherheit hervorgeht, ist die Folgerung Hensels irrtümlich, und würde er es jedenfalls vermieden haben, sich so bestimmt auszusprechen, hätte er sich daran erinnert, dass auch unsere europäischen, ja selbst deutschen Arten der Blattnasenfamilie erwiesenermaßen Blutsauger sind. Doch nimmt dieser Irrtum den Angaben Hensels meiner Ansicht nach nicht das geringste von ihrem Werte.

Außer dem gewissenhaften Azara sind auch noch andere Reiseberichter von Blutsaugern gebissen und angezapft worden.
"Vor einigen Jahren", erzählt Waterton in seinen Wanderungen in Südamerika, "kam ich mit einem Schotten Tarbot an den Fluss Paumaron. Wir befestigten unsere Hängematten auf dem mit Stroh gedeckten Boden in dem Hause eines Pflanzers. Am nächsten Morgen hörte ich diesen Herrn in seiner Matte murmeln und dann und wann eine Verwünschung ausstoßen."
"Was gibt's, Herr!" fragte ich leise, "ist irgend etwas nicht recht -"
"Was es gibt -" antwortete er verdrießlich, "nun, die Fledermäuse haben mich zu Tode gesogen."
"Sobald es hell genug war, ging ich an seine Hängematten und fand sie sehr mit Blut bedeckt."
"Da", sagte er, seine Füße vorstreckend, "sehen Sie, wie diese höllischen Kobolde mein Lebensblut abgezapft haben."
"Ich untersuchte seine Füße und fand, dass der Vampir seine große Zehe angebohrt hatte. Es war eine etwas geringere Wunde als die, welche von Blutegeln herrührt. Das Blut floss noch immer heraus, ich vermutete, dass er zehn bis zwölf Unzen davon verloren haben konnte."

Ein nicht näher bezeichneter Reisender ließ sich, wie Cassell mitteilt, von einem Vampir Blut aussaugen, um ihn dabei beobachten zu können. Der Mann hatte sich in dem großen Zimmer eines Hauses zur Ruhe niedergelegt, die Mückennetze um sein Bett aber, weil die Nacht heiß war, nicht niedergelassen. Vollkommen wach, schaute er auf die Mondstrahlen, welche durch die offenen Fenster in den Raum fielen. Da erschien ein großer Vampir in dem Zimmer. Unser Beobachter blieb vollkommen ruhig, um zu sehen, was die Fledermaus tun würde. Zuerst segelte sie geräuschlosen Fluges von einem Ende des Zimmers zum anderen; nachdem sie aber verschiedene Male den gleichen Weg gemacht hatte, flatterte sie zwischen dem Betthimmel und dem Ruhenden hin und her. Nach und nach verkürzte sie ihre Windungen, senkte sich mehr und mehr hernieder, kam dicht über ihn und bewegte sich ihre Schwingen außerordentlich schnell, jedoch ohne jedes Geräusch. Sie fächerte ihrem Opfer eine höchst angenehme Kühlung zu. Dann senkte sie sich vollends hernieder. Der Erzähler versichert, dass er den Augenblick, in welchem der Vampir in seine entblößte Brust biss, nicht bestimmen konnte, so schmerzlos war der Biss und so angenehm das Fächeln der Schwingen. Nach und nach fühlte er aber doch ein leichtes Schmerzgefühl, welches an das vom Biss eines Blutegels herrührende erinnerte, griff zu und erwürgte den Blutsauger.

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