Die BESCHWÖRUNG

Wilhelm Gerhard

1828

 

zitiert nach: Wilhelm Gerhard: „Wila - Serbische Volkslieder und Heldenmärchen.“ Leipzig 1828.

bibliothèque: In diesem Text finden sich ohne Mühe die Belehrung zur umsichtigen Grablegung und die notwendigen Rituale zur Ruhigstellung eines Vampirs. Ebenso deutlich tritt der weitverbreitete Spagat zwischen Volksglaube und christlicher Lehre hervor.
Trotz einiger Suche konnte das serbische Original zu dieser Übersetzung nicht gefunden werden. Die mir momentan verfügbaren Quellen lassen auch keine Rückschlüsse auf den ursprünglichen Titel des Gedichtes oder Liedes zu. Demzufolge ist von hier aus jetzt nicht unmittelbar zu klären, in wie weit es sich um eine nahezu wörtliche Übertagung des Originals oder eine Nachdichtung handelt. Auffällig ist, dass die Gedichte in „Wila“ sehr hohe Parallelen zu Prosper Mérinées „La Guzla“ (1827) aufweisen. Damit könnte „Wila“ auch eine Übersetzung dieses Werkes darstellen und die schwierige Quellensuche der „serbischen Lieder“ erklären.
(2015)

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Volltext der Übersetzung

Saß der Constantin Jakubowitschu, / saß auf einer Bank vor seiner Türe; / vor ihm stand sein kleiner Sohn und spielte / mit des Vaters Säbel; die Miljada, / seine Gattin kauert' auf der Erde. / Und es kam vom Walde her ein Fremder,  / reicht' ihm seine Hand und grüßt' ihn traulich. / Der Gestalt nach scheint der Fremd' ein Jüngling, doch sein Haar ist grau, sein Auge düster, / hohl die Wangen und die Schritte schwankend. / "Du in Gott mir Bruder!" rief der Fremde, / "habe großen Durst und möchte trinken.“ / Die Miljada sprang auf ihre Füße. / Ging und brachte schnell ihm Milch und Branntwein. / "Bruder, welch' ein Hügel ist da unten, / jener dort, bepflanzt mir grünen Bäumen?" -

"Warst du denn noch niemals hier im Lande, / dass du nicht," erwidert Jakubowitsch, / "unsers Stammes Gottesacker kennest?" -

"Nun! Dort will ich ruhen;" ruft der Fremde, / "denn ich fühle, dass der Tod mir nahet." / Wickelt los den breiten roten Gürtel, / zeiget eine blutige tiefe Wunde: / "Eines Türken mörderische Kugel / hat seit gestern mir die Brust zerfleischet, / so dass ich nicht leben kann noch sterben.“

Alsbald stützt den Jüngling die Miljada / Und der Constantin Jakubowitschu / Untersuchet seine blutige Wunde.

"Traurig war mein Leben," spricht der Fremde, / "traurig war es, traurig wird mein Tod sein; / doch auf jenem sonnumstrahlten Plätzchen, / auf dem Hügel soll man mich begraben; / denn ich war ein Held, da meine rechte / schwer genug für sie kein Schwert gefunden." / Und da lächelte sein Mund; die Augen / Traten vor aus ihren Kreisen; plötzlich / neigte sich sein Haupt. - Da schrie die Miljada: / "Hilf mir halten, lieber Jakubowitsch! / Ach! Wie schwer geworden ist der Fremde! / Kann nicht länger ihn alleine stützen." / Und ihr Gatte merkte, dass er tot war.

Auf sein Ross nun hat er ihn geladen, / und getragen auf den Gottesacker, / nicht gefraget, ob lateiner Erde / eines ketzerischen Griechen Leichnam / wohl in ihrem Schoße dulden werde. / Machten drauf ein Grab an sonnigem Orte, / und begruben ihn mit Schwert und Handschar, / wie es sich für einen Krieger ziemet.

Eine Woche war hierauf verstrichen. / Und das Kind des Constantin erkrankte. / Bleich die Lippen, konnt' es kaum noch gehen, / legte sich betrübt auf eine Matte, / das wohl sonst so gern herumgesprungen. / Sieh! Da führt in seinem Hof der Himmel / Seinen Nachbar, einen heil'gen Klausner. / "Seltenes Übel hat dein Kind befallen: / Schau auf weißem Hals den roten Flecken, / das ist Spur von eines Vampirs Zahne."  / In den Sack nun steckt er seine Bücher, / und begibt sich auf den Gottesacker; / dort befiehlt er gleich das Grab zu öffnen / wo der unbekannte Held bestattet.

Rot und frisch noch fand man seinen Körper; / Nur gewachsen war indes der Bart ihm, / seine Nägel glichen Vögelklauen, / blutig war des toten Jünglings Lippe, / und das Grab war überschwemmt mit Blute. / Einen Pfahl ergriff der Jakubowitsch, / und durchstach damit des Fremden Leichnam. / Sieh! Da schrie der Tot' und floh zum Walde. / Und ein Pferd, die Bügel in den Flanken, kann so schnell wie das Gespenst nicht laufen, / und so ungestüm und heftig eilt' es, / dass vor ihm sich junge Sträuche bogen, / und der Bäume dicke Äste brachen, / gleich als wäre jeder Ast gefroren.

Hierauf nahm der Klausner von dem Grabe, / von des Fremden Grabe Blut und Erde, / rieb damit den Leib des kranken Kindes; / gleiches taten auch des Kindes Eltern. / Wie der Abend kam, da sagten beide: / "Grad’ um diese Stunde starb der Fremde." / Nach dem Worte heult der Hund und birgt sich / Furchtsam zwischen seines Herren Beine, / und es öffnet sich des Zimmers Türe, / und ein Riese tritt herein, sich bückend, / setzt sich nieder mit gekreuzten Beinen, / und sein Haupt berührt der Decke Balken; / lächelnd blickt er an den Jakubowitsch. / Dieser kann nicht weg das Auge wenden, / denn er war bezaubert durch den Vampir.

Doch der Klausner hat sein Buch geöffnet, / wirft ins Feuer einen Rosmarinzweig, / bläset dem Gespenst den Rauch entgegen, / und beschwöret es in Jesu Namen. / Bald, so fängt der Vampir an zu beben, / und entweichet durch des Zimmers Türe, / Wie ein Wolf, verfolgt von kühnen Jägern. / An dem andern Tag, in gleicher Stunde, / heult der Hund, es tut sich auf die Türe, / und ein Mann tritt ein und setzt sich nieder; / dieser Mann, von eines Kriegers Wuchse, / heftet unablässig seine Blicke / auf den Constantin, ihn zu verblenden, / doch der Klausner hat den Geist beschworen, / und so ist er abermals entflohen.

Und am dritten Tag in gleicher Stunde, / ist ein kleiner Zwerg ins Haus getreten; / Eine Ratte hätt’ ihn tragen können. / Doch blitzen sein beiden Augen / wie zwei Fackeln, und sein Blick war kläglich. / Da beschwor der Klausner ihn aufs neue, / und für immer ist er drauf entwichen.

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Übersetzer

Wilhelm Gerhard - vollständig: Christoph Wilhelm Leonhard Gerhard. Geb. 1780, gest, 1858. Dramaturg und Übersetzer vornehmlich von Werken der Antike und der schwarzen Romantik.

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weiterführende Links

mehr von Wilhelm Gerhard: Der Vampir - Wilhelm Gerhard (Übersetzung) - 1828
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- Wilhelm Gerhard (Übersetzung) - 1828

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