L'ANGELO CUSTODE

Monika De Giorgi

2007

Mit freundlicher Genehmigung
der Autorin.

(c) Monika de Giorgi.

Monika de Giorgi: Die Geschichte eines jungen Mannes, der den Glauben an das Leben verloren hat und dadurch die Bekanntschaft eines seltsamen und gar nicht himmlischen Schutzengels macht. (2007)

Anmerkungen

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Autorin

mehr M. de Giorgi:

Eden's Asche

Freunde

Schmetterlingsküsse

Edens Asche: Engel der Rosen

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Handlungsort

Vampire

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erschienen u.a. in

Vampirschlampen

 

'Amore immortale ...(*)', las er auf dem Marmorblock. "Guter Witz, verdammt. Guter Witz!", flüsterte er und trat gegen den Grabstein.
"Und was, wenn ich nicht an ein nächstes Leben glaube? Oder was, wenn ich dich gar nicht sehen will? Immerhin hast du mich verlassen. Bist einfach durchgebrannt, mit so einem schicken, blonden Engel, der aussieht als wäre er auf einer Sonnenbank geboren worden. Oder bist du gar unten, bei den anderen? Den bösen Jungs. Wahrscheinlich eher das. Bei deinem Lebenslauf! Hast dir einen Dunklen angelacht und feierst jetzt Orgien, während ich dir hier oben nachweinen soll. Da hast du dich geschnitten. Nope!", wetterte er dem Namenszug auf dem Grabstein entgegen.
Verstohlen wischte er sich eine Träne aus dem Gesicht. Aber schließlich hielt er seine Wut nicht mehr durch.
"Scheiße, ich vermiss' dich doch! Warum bist du einfach ...?"
Er schüttelte den Kopf, unfähig Worte zu finden.
"... Ich meine ..., du hast es versprochen. Du hast versprochen mich nie zu verlassen und jetzt ... jetzt bist du weg. Einfach weg. Was soll das? Ich sitze alleine in dieser riesigen Wohnung. In jedem Zimmer werde ich an dich erinnert. Alles riecht noch nach dir. Jeden Moment glaube ich die Tür geht auf und du kommst herein, nimmst mich in den Arm. Und doch fehlt so viel. Deine Freunde lärmen nicht mehr jede Nacht im Fernsehzimmer. Unsere Freunde ... Ja sie besuchen mich. Aber ... ich will sie nicht. Ich will dich. Ich habe es dir nie gesagt ... aber ich habe dich auch gebraucht. Ich habe es dir nie gezeigt, aber ich habe mich auch nach dir gesehnt, in jeder Sekunde die ich nicht bei dir sein konnte. Ich war so ein ..."
Er stieß scharf den Atem aus.
"Du weißt was ich war ... bin. Aber du willst es hören, nicht wahr? Trottel. Ich war ein dummer Trottel. Oft genug hast du mich so geschimpft und jedes Mal hattest du recht."
Gedankenverloren sank er neben dem Grabstein zu Boden und lehnte den Rücken dagegen. Mit bebenden Fingern zündete er sich eine Zigarette an.
"Ich habe wieder angefangen. Jetzt bereust du es wahrscheinlich, dass du den Tag nicht mehr erleben konntest, um mich auszulachen."
Eine alte Frau hinkte an ihm vorbei und schenkte ihm einen empörten Blick. Aber ihre Meinung war ihm herzlich egal. Tief inhalierte er den Rauch und griff nach einer roten Rose, die in einem der zahlreichen Sträuße steckte, die das liebevoll gepflegte Grab bedeckten. Wie lange ihm die Fans noch Blumen bringen würden? Das fragte sich Allessandro oft.
"Die mochtest du nie. Sie waren dir immer zu eingebildet und zu übertrieben. Dabei warst du das selbst gerne. Aber das war es wahrscheinlich ...? Sie hielten dir einen Spiegel vor, deshalb mochtest du sie nicht. Ich weiß, man soll nicht schlecht über Tote reden, aber ich habe dir schon immer die Wahrheit gesagt und werde bestimmt nicht jetzt damit aufhören, nur weil du tot bist. … Nur. Ein tolles NUR. Sag' mir, warum musstest du das tun? Warum musstest du gehen? Warum?"
Er blickte auf die Blütenblätter in seinem Schoß. Wie blutige Tränen lagen sie dort. Ohne es zu bemerken hatte er die Rose zerpflückt.
"Ich habe dir keine Rosen gebracht. Von mir sind die Lilien, siehst du. Die mochtest du immer am liebsten. Ich finde sie sehen genauso eingebildet aus. Weiße Lilien - Symbol für eine Unschuld, die für dich ein Fremdwort ist."
Ohne es zu wollen, entschlüpfte ihm ein leises Lachen.
"Das konntest du immer gut, mich zum Lachen bringen. Das habe ich so an dir geliebt. Dir verdanke ich die meisten Momente ehrlichen Lachens meines Lebens. Und das soll jetzt vorbei sein? Ich will es immer noch nicht glauben!"
Er drückte seine Zigarette neben sich auf dem Boden aus und vergrub das Gesicht in den Händen, so als könne er auf diesem Weg die Erinnerungen aussperren, die in einer Bilderflut auf ihn einstürmten, kaum hatte er diese Worte ausgesprochen.
"Glücklich machen wolltest du mich, das hast du mir damals versprochen und jetzt sitze ich hier und flenne! Lügner! Lügner!"
Damals ...
Er schüttelte den Kopf und erhob sich.
"Ich gehe jetzt.", verkündete er, nachdem er seinen Mantel abgeklopft hatte und warf einen letzten Blick auf das Abbild neben dem kursiven Namenszug.
Das Lächeln, das er so liebte, die Augen deren Geheimnis er nie zu ergründen vermocht hatte.
"Jahre kannten wir uns. Du hast mir die Welt gezeigt, mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Jahre habe ich Zeit gehabt, das Geheimnis zu ergründen, doch wahrscheinlich hätten mir auch hundert Jahre nicht gereicht, nicht wahr?", fauchte er zärtlich. "Wer warst du eigentlich? Ich kenne deinen Namen, dein Lieblingsessen, deine Lieblingsschauspieler, Lieblingsmusiker, Lieblingsschriftsteller. Ich weiß welche Klamotten du gerne trägst und noch viel mehr, aber sag' mir, kenne ich dich?"
Ohne es zu bemerken war er in den Präsens gewechselt, so als spräche er von Angesicht zu Angesicht mit seinem verstorbenen Geliebten - so frisch war der Schmerz noch.

Langsam wandte er sich ab und verlies die Familiengruft, auf dem kleinen Friedhof, der außerhalb eines der kleinen Vorortes von Mailand befand. Die Sonne schien und der Wind trug den ersten Hauch von Frühling mit sich. Frühling. Eine Zeit, auf die er sich immer freute, doch diesmal war es ihm einerlei. In ihm war Winter und er fragte sich, ob der Schnee, der sich über seine Seele gelegt hatte, je wieder schmelzen würde.
Er würde heute ausgehen, ja ausgehen und ... einen Abend alles tun, was er schon immer tun wollte. Das Leben konnte so schnell vorbei sein ... Voller Ironie lächelte er vor sich hin.

Unberührbar ..., unnahbar ..., nein, es gab kein wirklich passendes Wort, das ihn hätte beschreiben können, wie er kaum auf Armeslänge entfernt und doch Meilen entfernt von ihm, auf seinem Barhocker saß. Lässig und doch würdevoll, gleich einem Regenten vergangener Tage. Man konnte sie nicht in Worte fassen, die unterkühlte Freundlichkeit, welche seine türkisfarbenen Augen zeigten, während sie das Treiben in diesem überfüllten Nachtclub in Mailand beobachteten. Unberührt und doch ... auf der Suche.
Ebenso wäre es ein absurdes Unterfangen gewesen, zu versuchen jemandem begreiflich zu machen, wie viel Eleganz in einer simplen Geste, wie sich die Haare aus der Stirn zu streichen, liegen konnte. Und das tat er immer wieder. Vielleicht das einzige Anzeichen dafür, dass der hoch gewachsene, athletische Mann mit dem taillenlangen Rabenhaar, nicht ganz so von der inneren Ruhe ausgeprägten Selbstbewusstseins erfüllt war, wie es nach außen den Anschein hatte - aber nur vielleicht ...
Mysteriös ..., geheimnisvoll ..., ja ein Geheimnis umgab ihn eindeutig. Trotzdem gefielen ihm diese Worte nicht. Sie waren nicht genug. Er wirkte ... fremdartig …irgendwie unmenschlich. Unmenschlich ... - nicht im Sinne von grausam, nein, im Sinne von "nicht menschlich".
Seine Haut war weiß, wie die unbeschriebene Seite eines neuen Tagebuchs. Und ebenso unbeschrieben waren seine Züge. Scharf geschnitten und männlich, ja, aber trotzdem frei jeden Schicksals und Alters. Nichts schien ihn je gezeichnet zu haben, nicht einmal eine schlaflose Nacht und doch … doch schien eine Art Weisheit von ihm auszustrahlen, wie sie nur das Leben verleihen kann. Ein langes Leben. Zu lange für die Jugend, die der Träger dieser arroganten Züge eindeutig noch inne hatte. Ja arrogant war der Federstrich seiner Augenbrauen, welche die strahlenden Augen krönten, die von einem inneren Feuer heraus zu leuchten schienen. Arrogant wirkte die gerade Aristokratennase und der schöne Mund, der immer noch männlich war, aber eindeutig sinnlich. Doch es war keine Arroganz im negativen Sinne. Es war die gerechtfertigte Arroganz einer Person, die wusste was sie wollte und was sie tat.

Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende geführt, da erhob sich das Objekt seiner Beobachtungen und glitt auf ihn zu. Ja glitt, wie ein Nachtschatten. Am ehesten vergleichbar mit dem Schreiten einer Katze.

"Du bist ein guter Beobachter Allesandro", lobte der Fremde, als er so dicht vor ihm stand, dass es schon fast den Höflichkeitsabstand verletzte. "Ein wirklich guter Beobachter."
Der Fremde hatte seine Stimme nicht erhoben, trotzdem überlagerte sie den Lärm des Nachtclubs, ja sogar den Bass des harten Technobeats, der selbst die Luft zum vibrieren zu bringen schien. Ihr dunkles Timbre füllte sein gesamtes Bewusstsein.
"D...danke", stammelte er, zu überrascht, um wirklich reagieren zu können..
Woher wusste der Fremde seinen Namen? Konnte er Gedanken lesen? Hatte er die ganze Zeit gewusst, dass Allesandro ihn beobachtete? Der Fremde war ihm sofort aufgefallen und hatte ihn fasziniert, wie kaum ein Mensch zuvor. Der fleischgewordene Nachtschatten trat noch einen Schritt vor. Jetzt verletzte er den Höflichkeitsabstand eindeutig. Allesandro spürte seine Nähe so deutlich, als würden sich ihre Körper berühren. Doch das taten sie nicht. Es war eher wie ein kalter Nachtwind, der den Fremden zu umwehen schien. Ja, wehte nicht sogar dessen Haar in diesem Wind?
'Glitzernd wie schwarze Diamantfäden.'
Langsam neigte sich sein Haupt vor. Allesandros Mund wurde trocken. Was geschah hier? Der Atem des Fremden strich über seine Wange, dieser war nicht kalt. Es war ein Gefühl, als streife ihn ein warmer Frühlingshauch. Allesandro presste seinen Drink an seine Brust, als wäre der eine Viole schützenden Weihwassers.
"Tu nicht, was du vorhast, Allesandro. Kippe die Tabletten ins Waschbecken und spül' sie weg. Lass es sein. Das Leben kann so schön sein", wisperte der Fremde in sein Ohr.
Zärtlich, als wispere er Liebesworte. Seine Worte klangen wie ein süßes Versprechen ...
Dann war er verschwunden, als wäre er wirklich zu einem der Schatten geworden, die über die Wände tanzten.

"Fuck, woher weiß der das?", stieß er schließlich hervor. "Was war das?!"
Allesandro kippte seinen Drink. Er hatte schon von solchen Erlebnissen gehört. Wenn den Menschen ihr Schutzengel erschienen war oder ein Geist. Aber er hatte nie daran geglaubt. Ausgeburten eines versponnenen Geistes, hatte er das immer genannt, oder es als Masche angesehen mit denen Geldmacher Esoterikfreaks das Geld aus der Tasche zogen. Aber dieser Mann hatte seinen Namen gewusst und einiges mehr. Dinge von denen Allesandro keiner Menschenseele erzählt hatte. Wie das von den Schlaftabletten …
Langsam erhob er sich von seinem Barhocker und machte sich auf den Heimweg in seine einsame Wohnung.

Er wollte nicht mehr einsam sein, sich nicht mehr seinem eigenen Leben stellen müssen. Nicht mehr denken ... Er wollte es nicht mehr. Guiseppe war sein Leben gewesen, alles andere waren nur Accessoires. Jetzt wo Guiseppe fort war, wurde ihm klar, wie leer sein Dasein eigentlich war - wie zwecklos. Allesandro hatte sich die ganze Zeit nur um ihn gekümmert - Guiseppe war ein relativ bekannter Schauspieler gewesen - hatte ihm in allem assistiert und nebenbei lediglich seine eigenen Hobbys gepflegt. Sein Freund hatte dafür gesorgt, dass er nicht in der Gosse landete, aber dafür hatte Guiseppe ihn so in den Bann geschlagen, dass er überhaupt nicht überlegte, ob er etwas anderes wollte, als für immer nur dessen andere Hälfte zu sein. Und nun trudelte er haltlos im leeren Raum.

Eine halbe Stunde später stand er ohne wirkliche Erinnerung an seinen Heimweg in seinem Badezimmer und starrte in den Spiegel. Er war jung und hübsch - im wahrsten Sinne des Wortes. Jede aufstrebende Band hätte sich um ein Mitglied mit seinem Gesicht geprügelt. Weiche dunkelbraune Locken umrahmten ein junges, aber männlich-markantes Gesicht mit den scharf geschnittenen Zügen eines Racheengels. Er war der Typ Mann der einen Drei-Tage-Bart tragen konnte und trotzdem stilvoll wirkte und nicht verwahrlost. Sein dichtes Brusthaar, die breiten Schultern, sein perfekter Hintern und die dunklen, großen Augen hatten manche Frau zum Seufzen gebracht - vergeblich. Guiseppe war seine erste wahre Liebe und seine einzige.
Allesandro war hoch gewachsen und durchtrainiert wie ein Leichtathlet. Nur leider war er unmusikalischer als ein Goldfisch - waren Goldfische musikalisch? Also keine Bandkarriere.
Jetzt jobbte er nebenbei in einer Bar und lebte von dem, was er die letzten Jahre gespart hatte. Er hatte nie viel von seinem Gehalt verbraucht. Guiseppe war für alles aufgekommen und die Wohnung hatte er geerbt. Das war schon etwas. Aber weshalb machte er sich Gedanken? Er brauchte sich nicht mehr um die Zukunft zu sorgen.
Er putzte sich die Zähne, zog sich aus und begab sich in das Schlafzimmer. Das große Designerbett schien ihn zu verspotten. Er kroch vom Fußende aus in die Mitte des Bettes. Er griff nach der Fernbedienung für die Stereoanlage, die auf der Ablage am Kopfende ihren Stammplatz hatte und strich mit den Fingern über die Schachtel Tabletten und die Flasche Gin, die dort schon bereitstanden. Er nahm zuerst die Fernbedienung zur Hand und schaltete den CD-Player ein. Crimson and Clover … Ein so schönes Lied - ein so trauriges Lied. Crimson and Clover ...
Während er leise den Text mitsang, schob sich wieder das Bild des Fremden vor sein geistiges Auge.
Er war so schön gewesen, so perfekt. Zu schön, zu perfekt. Und der Fremde hatte ihn aufgefordert nicht zu tun, was er vorhatte ... hatte ihn aufgefordert sein Leben nicht aufzugeben - doch was sollte er nicht aufgeben?
"Gibt es wirklich gar nichts?", mischte sich eine dunkle, sanfte Stimme in seine Gedanken, die er nie vergessen würde.
Er zuckte zusammen. In der Tür zum Wohnzimmer stand der Fremde von vorhin.
"Wie bis du hier ...?"
Der Eindringling zuckte mit den Achseln und lächelte.
"Was bist ...?"
Die Antwort war ein Kopfschütteln. Das schwarze Haar wehte, wie von einem eigenen Lufthauch bewegt. Allessandro vermeinte seinen Duft einzuatmen.
"Jedenfalls kein Engel, falls dir so etwas im Kopf rumspukt. Eher weit davon entfernt. Aber es ist trotzdem mein Ernst. Du solltest das wirklich nicht tun. Dass dir ein Lebenszweck genommen wurde, heißt nicht, dass es nichts gibt, für das es sich zu leben lohnt. Oder willst du mir wirklich sagen, dass es nichts mehr gibt, das du gerne tun würdest. Na, komm? Da gibt es doch was? Sag es mir, egal wie albern es klingt und wir werden sehen, ob wir dir diesen Wunsch nicht erfüllen können."
Vorher erstmal nur erschrocken, war Allesandro inzwischen vollkommen verwirrt. Seine ganzen Gedanken bestanden nur aus Ausrufezeichen und Fragezeichen.
Was ging hier vor? Das was hier in seinem Schlafzimmer geschah, passierte doch normal nur in diesen Filmen, die bevorzugt in der Vorweihnachtszeit ausgestrahlt wurden. Nur, dass sein Besucher kein Engel war, das hatte er ja deutlich gemacht. Doch wer und/oder was war er dann.
"Wie heißt du?"
"Im Augenblick heiße ich Sebastiano."
"Im Augenblick. Aha."
Plötzlich fühlte Allesandro ein ganz und gar irrsinniges Lachen in sich aufsteigen. Diese ganze Situation war so etwas von surreal - irrwitzig! Er lag doch eigentlich in diesem Bett und träumte, nicht wahr? Er hatte die Tabletten schon lange geschluckt und dämmerte mit einer Illusion erbaut aus Drogen und Alkohol hinüber ins Totenreich.
"Ach, Allesandro. Ich bin keine Illusion. Kein Traum", seufzte Sebastiano und trat näher ans Bett.
"Du bist viel zu schön um echt zu sein. Du bist ein Traum."
"Danke für das Kompliment. Aber ich bin wirklich hier in deinem Zimmer. Ich bin so real, wie das Bett in dem du liegst. Soll ich dir das beweisen oder glaubst du es von selbst?"
"Beweisen", forderte Allesandro trotzig-herausfordernd.
Wenn dies Wirklichkeit war, dann befanden sie sich in seiner Wohnung, und wenn es unwirklich war, dann befanden sie sich in seinem Traum. So oder so war es an ihm, den Ton anzugeben - nicht an Sebastiano, entschied er. Er ließ sich doch nicht behandeln wie ein kleines Kind.
'Meine Stimmung schwankt wie die eines Teenagers', dachte er ironisch. 'Aber die ganze Situation hier ist so absurd, da kann ich mir schon ein paar Launen erlauben, oder?'
"Aber wie willst du es mir beweisen?", setzte er spöttisch hinzu, ehe er an sich halten konnte.
"Allesandro, Allesandro", seufzte Sebastiano. "Meinesgleichen herauszufordern kann ein böses Ende nehmen", erwiderte Sebastiano in gleicher Manier.
"Du willst mich davon abhalten, mich ewig schlafen zu legen. Also wirst du mich auch nicht umbringen. Außerdem habe ich keine Ahnung, was du mit deinesgleichen meinst, ich finde dafür, habe ich ein bisschen Nachsicht verdient, du nicht?"
Sebastiano lachte leise. Dunkel. Sexy.
"Du bist gut. Zu schade zum Sterben."
"Nun denn. Verbring die Nacht mit mir und zwar richtig, du verstehst. Wenn du morgen noch da bist und ich an deiner Seite aufwache, war alles echt. Wenn du aber verschwunden bist, dann warst du ein wunderschöner Traum zum Abschied. Mit dir hält nicht mal Guiseppe mit und ich hielt ihn für einen der schönsten Menschen, die ich je kennen lernen durfte."
Aus welcher Ecke seines ... Gehirns ... war dieser Gedanke entsprungen. Aber hey, Sebastiano war sehr, sehr sexy und dazu noch sehr, sehr faszinierend. Außerdem - es war sein Traum, wie gesagt!
Überrascht nahm Allesandro zur Kenntnis, dass Sebastiano ihn vollkommen konsterniert anstarrte. Unwillkürlich lachte er boshaft auf.
"Cool - das hat dich aus der Bahn geworfen ... Du schau, ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich sage was ich will, wann ich es will. Lebe jeden Tag, wie deinen letzten. Ich finde das zählt auch für die Nächte."
Sebastiano nickte. Allesandro wusste nicht, wie er dieses Nicken auffassen sollte. Sebastianos türkis-blaue Augen glitten über ihn, über das Bett, fingen seinen Blick.
Er schien über etwas nachzudenken. Dinge abzuwägen.
"Ja, du überraschst mich. Aber ich finde dich interessant. Und ich finde alle Menschen schön - egal ob Mann oder Frau. Doch dich finde ich dazu noch interessant. Und ich habe mich sehr lange für niemanden mehr interessiert. Und sah ich dich und dein Anblick hat mich berührt, aus Gründen die mir schleierhaft sind. Ich habe schon viele traurige Menschen gesehen. Verzweifelte Menschen und einige davon waren durchaus auch attraktiv, wie du. Doch kam habe ich dich gesehen war ich fasziniert. Ich konnte nicht mehr anders, als deinen Geist zu erforschen und nach dem Grund für deine Traurigkeit zu suchen, Ich wollte dich kennenlernen und Anteil an deinem Schicksal nehmen. Ich will dass du lebst und glücklich wirst."
"Warum?", entfloh es Allesandro rau.
Zu seiner Bestürzung sammelten sich Tränen in seinen Augenwinkeln und die Kehle wurde ihm eng.
"Darum!", erwiderte Sebastiano fest. "Und ja, ich will mit dir schlafen."
"Was?", fragte Allesandro, für einen Moment irritiert.
Er hatte den Faden verloren.
Sebastiano grinste. Das machte ihn menschlicher, aber nicht weniger schön. Es war diese Art Grinsen das Herzen höher schlagen ließ und einen dazu bringen konnte, ziemlich viel zu verzeihen. Allesandro bemerkte, dass es auch bei ihm seine Wirkung nicht verfehlte. Er musste es unwillkürlich erwidern. In seinem Magen begannen Schmetterlinge zu tanzen und ihm wurde wohlig warm.
Dann sickerte trotz des verwirrenden Grinsens langsam zu ihm durch, was genau Sebastiano zu ihm gesagt hatte, und das zog ihm sprichwörtlich das Bett unter dem Hintern weg.
Er bemerkte, dass er gerade gar nicht traurig war. Er dachte auch nicht mehr an Selbstmord. Er dachte an Sex. Sex mit diesem wunderschönen Einbrecher.
Aber warum nicht? Sebastiano war ein wandelnder Mondstrahl und er hatte es zuvor selbst gesagt: Lebe jeden Tag wie deinen letzten und auch jede Nacht!
Er zog den Nachttisch auf und warf Sebastiano eine Packung Kondome zu.
Weshalb brauchte er ein anderes Argument, außer dass es sein Wille war?
"Ich bin jetzt dein persönlicher Dschinn. Drei Wünsche hast du ab morgen frei!", flirtete Sebastiano und plötzlich schien sich das unwirkliche Leuchten seiner Augen zu verstärken. Sein schwarzes Haar umwehte ihn wie ein Umhang aus glitzernder, schwarzer Seide und seine Haut schimmerte wie Sternenlicht.
Allesandro wäre fast ein ganz unelegantes "Wow!" entschlüpft, doch er konnte es rechtzeitig hinunterschlucken.
Warum tat Sebastiano das alles? Was wollte er von ihm dafür?
"Muss den immer alles einen Grund haben? Eine Rechtfertigung? Einen Sinn?", schnurrte Sebastiano und begann sein Hemd aufzuknöpfen.
"Ich habe mir selbst dieselbe Antwort gegeben, wie du dir", fuhr er fort. "Du bist schön und anziehend und ich will das alles einfach tun. Auch mit dir schlafen. Ich mag dich. Also, warum nicht? Es ist so lange her, dass ich etwas wirklich tun wollte."
Er schlüpfte aus Hemd und Schuhen und glitt zu Allesandro auf das Bett, der dort wie paralysiert saß. Ihm war als würde sich ein exotisches Wesen, anmutig an ihn heranschleichen. Ein Beben durchlief ihn.
Die Hände sittsam auf der Bettdecke gefaltet, seine Augen auf Sebastiano gerichtet, schluckte er schwer, als dieser über ihn auf seine Arme gestützt, den Blick des jungen Mannes einfing.
'Ich bin wie Alice im Wunderland in eine andere Welt gestürzt, nur leben in meinem Wunderland unglaublich attraktive, männliche Feen, die einen als Bonus noch verführen.', spottete er in seinen Gedanken.
Doch er schob diese Gedanken beiseite. Wie von selbst streckten seine Hände sich aus. Seine Finger verschlangen sich in das schwarze Seidengespinst von Sebastianos Haar. Sachte zog er daran und brachte Sebastianos Kriegerengelsgesicht nahe genug an seines, so dass er den Mondstrahl küssen konnte. Sebastianos Lippen schmeckten nach frischer Nachtluft. Süß, kühl und rein. Doch wie schnell wandelte sich die Natur dieses Kusses. Ein Feuer in tiefer Nacht - heiß, strahlend, hungrig.
Und dieses Feuer loderte auch in ihm auf. Noch nie hatte ihn ein Kuss so aufgerührt wie dieser.
Und wie er auf Sebastianos Berührungen reagierte! Auf seine Finger, die sich durch sein Haar wühlten, sich als würden sie Halt suchen, an seine Schultern klammerten, zärtlich über seinen Rücken glitten. Sein Körper bebte, flehte nach mehr. Sein Atem flog und das Blut toste durch seine Adern. Sebastiano behexte ihn, fing ihn in einem Netz aus Träumen und er ließ sich einfach in diese Traumwelt gleiten - getragen auf den Schmetterlingsflügeln von seines Dschinns Küssen, die flirrende Linien auf seinen Körper malten. Fast glaubte er, sie in irisierendem Farbenspiel auf seiner Haut aufleuchten zu sehen. Küsse, die wie Feuer brannten glitten über seine Brust, seinen flachen Bauch. Er bog sich Sebastiano entgegen. Doch dieser zog sich zurück, beugte sich über sein Gesicht. Er blickte auf zu Sebastianos wunderschönem Antlitz. Elektrisch blaue Augen, so intensiv leuchtend, dass sie ihn zu blenden vermochten, bannten ihn. Seine kühlen Finger berührten ihn dort, wo er am meisten nach ihrer Berührung fieberte. Strichen über sein aufgerichtetes Glied. Er stöhnte auf. Sebastianos kühle Lippen fanden wieder die seinen. Seine Zunge lud die seine zu einem aufreizenden Tanz.
Er presste seine Lenden gegen Sebastianos. Sein begehrter Einbrecher riss sich von seinen Lippen los. Küsste seinen Hals, seine schweißbedeckten Schultern.
Alles, was Allesandro noch zu hören vermochte, war sein eigener Atem. Es klang wie Flügelrauschen in seinen Ohren. Wieder Flügel, Flügel die ihn fort trugen.
Starke Arme umschlangen ihn - oder Schwingen? Er lies sich in sie sinken. Überlies sich ihnen - hingebungsvoll, sehnsüchtig. Voller Begehren. Sebastianos Finger schürten das Feuer gekonnt. Er wollte, dass ihn dieser aufreizende Flammenengel ...
"Nimm mich mit", keuchte er.
Sebastiano lächelte.
Ihre Vereinigung trug ihn endgültig in das Reich seines Engels.
Dunkelheit, Farben, Lichtspiele - aufpeitschend im Rhythmus ihres rasenden Herzschlages erfüllten ihn, durchdrangen ihn, bis er das Gefühl hatte selbst eine dieser Flammen zu sein, die lustvoll immer höher aufloderten, geschürt von einem dunklen, elektrisierenden Nachtwind. Und dann ... dann kam die Supernova. Er verging in einem weißglühenden Licht.

Als er wieder zurück ins hier und jetzt fand lehnte Sebastiano auf einen Ellenbogen gestützt über ihm und studierte lächelnd sein Gesicht.
"Gefallen dir meine Bilder?", fragte er fröhlich.
"Bilder?", wiederholte Allesandro verwirrt. "Welche Bilder?"
"Diese Bilder", sagte Sebastiano leise und küsste seine Stirn. "Die Bilder, die ich für dich geschaffen habe."
"Du hast mich diese Traumbilder sehen lassen?", wunderte er sich.
"Ja", antwortete der andere schlicht.
"Es war schön", erwiderte Allesandro, auch wenn ihm der Gedanke, so hypnotisiert worden zu sein, unheimlich war - doch während es geschah war es schön.
"Nein bitte. Beginne nicht Angst vor mir zu haben. Habe nie Angst vor mir. Ich bin kein harmloses Wesen, doch du hast von mir nichts zu befürchten."
Diese Nacht wurde immer mehr zu einem grotesken ... Spätfilm.
Sebastiano rückte von Allesandro ab. Nicht als wolle er von Allesandro zurückweichen, eher als wolle er ihm Freiraum geben, um weniger bedrohlich zu wirken.
"Ich bin kein Mensch. Kein Irrer. Wirklich nicht. Das hast du glaube ich, in dir drinnen, schon erkannt. Nicht wahr?", sprach er sanft auf den jungen Sterblichen ein.
Bevor Allesandro darüber nachdenken konnte, nickte er und wusste gleichzeitig, dass nur sein Verstand Sebastiano als Irren bezeichnet hatte. Sein Instinkt, oder wie auch immer dieser Teil von ihm genannt werden sollte, hatte die Wahrheit erkannt. Seine Begegnung mit, Sebastiano war eine Begegnung mit dem Anderen.
"Ja, ich weiß.", sagte Allesandro, als Sebastiano nichts tat, um auf sein Nicken einzugehen.
Dieser zuckte kurz zusammen, als wäre auch er in seine eigenen Überlegungen versunken gewesen.
"Ich bin ein unsterbliches Wesen, und ich habe ein paar Gaben, die mir sehr hilfreich sein können, mit meinem Leben fertig zu werden. Dank dieser Gaben konnte ich dich heute Nacht vor dem Tod bewahren. Ich bin dabei nicht ganz fair vorgegangen, das gebe ich zu. Aber du willst doch leben?"
Wieder nickte Allesandro. Ja, er wollte leben. Wieder sein Inneres, das die Führung übernahm. Ob Sebastiano das mit "nicht fair" meinte?
Hatte er in seinem Geist herumgewühlt und ...
"Ich habe dich nicht dazu gebracht Dinge zu tun, die du nicht tun wolltest. Das zuerst. Ich habe dich nur dazu gebracht, dich fallen zu lassen, dich deinen Träumen zu überlassen. Und ich habe ein paar Türen gesucht, die sich hinter all diesem Schmerz versteckten und ihre Schlösser geknackt, weil du ihre Schlüssel verloren hattest."
Er setzte sich auf und starrte Sebastiano an.
"Ich bin verwirrt, müde, fertig", murmelte er.
All das stimmte. Aber da war noch etwas anderes - er hatte keine Angst mehr vor Sebastiano. Sein Instinkt hatte es anscheinend geschafft, für heute Nacht das Zepter an sich zu reißen und teilte ihm mit: 'Junge, du bist im Moment so sicher wie nie zuvor!'
"Auch wenn im Moment ein Vampir neben dir im Bettchen liegt!", spottete Sebastiano fröhlich.
Augenscheinlich war er wieder ermutigt und selbstbewusst.
Allesandro war wieder hellwach!
"Ein Vampir! Wie in Interv…?"
"Genau, wie in "Interview mit einem Vampir". Außer, dass ich in die Sonne gehen, Essen und eine Erektion haben kann."
Sebastiano zeigte ein breites Grinsen, das seine Zähne deutlich aufblitzen ließ.
"Na, Letzteres hast du ja eindeutig schon bewiesen!", erklärte Allesandro frech.
Sebastiano nicht zu glauben, kam ihm gar nicht in den Sinn. Eher im Gegenteil.
"Ich habe immer gehofft mal einen von euch zu treffen. Man konnte mir nie weiß machen, dass es euch nicht gibt! Ich wusste es einfach!"
"Was?"
Jetzt war es an Sebastiano, komplett verwirrt und irgendwie dümmlich auf Allesandro zu starren.
"Na, ich glaub' an euch? Hast du das nicht auch in meinem Kopf gelesen? Ich sammle alles über Vampire. Bücher, Filme, Musik, Spiele usw …", erwiderte Allesandro.
"Und du willst auch unbedingt einer werden?", erkundigte sich Sebastiano wachsam.
So weit, dass er sich Allesandro als unsterblichen Gefährten erkoren hätte, war er noch nicht.
Aber Allesandro schüttelte den Kopf.
"Keine Angst", sagte er. "Ich wollte gerade Selbstmord begehen. War von Todessehnsucht erfüllt. Ich glaube nicht, dass ich dann jetzt auf einmal für die Unsterblichkeit bereit bin."
"Sehr weise", lobte Sebastiano und betrachtete Allessandro bewundernd. Dieser junge Mann war etwas Besonderes. Er hatte sich nicht geirrt.
"Ich fand euch nur immer cool", fuhr er fort.
"Warum?", erkundigte sich Sebastian.
"Ich weiß nicht. Diese Melancholie. Die Dunkelheit. Das Wissen. Und nicht zuletzt, die Möglichkeiten und natürlich das Aussehen. Die Haut. Die Augen. Das Haar. Ich mag nur ästhetische Vampirgeschichten und Darstellungen. Diese empfand ich immer als die einzig realistischen. Und wie man sieht, habe ich mich nicht getäuscht."
"Und du hast wirklich keine Angst", stellte Sebastian versonnen fest. "Das mit dem Blut und dem Tod ist auch wahr."
Allesandro zauste ihm das Haar.
"Nein. Ich bin nur mehr müde. Du bist ja schließlich kein wildes Tier, Schönheit. Und du hast versprochen mir schöne Tage zu machen, Jeannie!"
Mit diesem Worten rollte sich Allesandro ein und kuschelte sich in sein Kissen. Aber nicht, bevor er Sebastiano einen langen, zuckersüßen Kuss auf die Lippen gedrückt hatte, der den Vampir atemlos zurückließ.
Sebastiano konnte nicht anders - er musste lachen.

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Anmerkungen

(*) angelehnt an: Bram Stokers Dracula 'Love never dies'
l'angelo custode (ital.) = Der Schutzengel

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Autorin

Monika de Giorgi - geboren 1981, lebt in Rosenheim. Veröffentlichte 2007 ihren ersten Roman.

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Handlungsorte

Mailand (Italien)

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Vampire

Sebastiano - der italienische Vampir wird zum Lebensretter.

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