WALDMÄRCHEN

August Schnezler

1833

 

zitiert nach: August Schnezler: „Gedichte“. München 1833.

Volltext

1.

Sinkt nicht der Boden / Unter mir zusammen? / Mit feuchtem Oden / Umtänzeln mich Flammen, / Bläuliche Lichter; / Alraunen purzeln / Über knotige Wurzeln, / Und schneiden Gesichter / Dem zitternden Dichter. - / Unter den Wald hinab / Bin ich gefallen, / Aus grünenden Hallen / In dumpfiges Grab. / Gewürme hässlich, / Ineinander verschlungen, / Umzischet mich grässlich, / Mit gespaltenen Zungen; / Die Decke droben / Ist überwoben / Mit Fasern und Ranken, / Die seltsam schwanken / Vom Sturm geschüttelt, / Der hoch über mir / Mit wilder Gier / Die Tannen rüttelt, / Dass sie knarrend ächzen, / Wie Raben krächzen! / Welch Sausen und Brausen! / Die Wölbung kracht! / Es hüllet Grausen / Meine Sinne mit Nacht. / O wehe, wehe! / Wohin ich gehe / Folgt mir Entsetzen, / Vampire setzen / An meine Brust sich an, / Mit glühenden Augen / Und stechendem Zahn / Und saugen und saugen! / O wehe, wehe! / Wohin ich gehe, / O rette mich Himmel / Aus dem Gewimmel! / Willst Du mich kalt / Zum Wahnwitz verdammen? / O halt, o halt, / Meine Sinne zusammen! / Wer steigt dort hervor / Aus Sumpf und Moor? / Ein Männchen klein / Mit Spinnenbein; / Ein Grubenlicht / Über dem Gesicht; / Er hebt die Hand, / Und plötzlich flieht, / Sobald es ihn sieht. / Mit Ungestüm / Das Ungetüm, / Das mich umwand. / Und plötzlich sinkt. / Sobald er winkt, / Der Felsen ein, / Auf dem ich stand, / Goldene Adern / Sprüh’n aus den Quadern. / Das Männlein sprach: / „Komm folge mir / nur mutig nach; / Ich zeige dir, / Wie man hier unten, / Im tiefen Schacht, / Die vielen bunten Waldblumen macht. / nennen sich hier meine Geister, / Und erkennen mich / Als Blumenmeister. / Sei jetzt mein Gast / danke mir, / ich dich, rettete, / dem Getier, / dich umkettete. / Es sind die Wesen, / Die du gesehen hast, / Wie auserlesen / allem Bösen. / Sie hausen mächtig / Auf einer öden Trift, / Sie brauen nächtig / Der Belladonna Gift, / Sie haben die Kraft, / Ihr einzuhauchen / Der Hölle Saft, / Ihn zu gebrauchen / Zu tödlichen Schwämmen / Aus Schlangenkämmen, / Sie sind es, welche / Die Pilze weben, / Als geile Mölche / Im Moose kleben, / Um meiner Blumen Zier / Nur zu begeifern mir.“

2.

Mit einer Wünschelrute nun berührt / Der kleine Mann die grauen Felsenwände, / Sie springen auseinander und er führt / Mich durch ein wunderherrliches Gelände; / Wie Mondeslicht umstrahlt mich eine Halle, / Geformt aus einem einzigen Kristalle. / Und zarte Kinder sitzen dort gereiht, / Vor jedem steht ein feiner, goldner Rocken, / Sie spinnen all mit reger Emsigkeit, / Denn niemals darf das flinke Rädchen stocken; / Mitunter singt ein Chor die schönsten Lieder / Und silberhell klingt es die Halle wider. / Der Meister führt mich freundlich lächelnd hin, / Und zeigt mir, wie aus köstlichem Geschmeide, / Die Kinder bunte, zarte Fäden zieh’n, / Noch zarter als die allerfeinste Seide; / Wie sie die Fäden dann zusammenwinden, / Dass sinnig alle Farben sich verbinden. / Und aus dem Stoffe sah ich stillentzückt, / Allmählich Blatt und Knospe sich gestalten, / Und unter jedem Händchen, reichgeschmückt, / Sich eine Blume düftereich entfalten, / Ein Maienglöckchen bald, bald eine Rose, / Ein Veilchen bald, umhüllt von dunklem Moose. / Da rief der Meister: „Wenn ihr fertig seid, / So steigt mit euren Blumen auf die Erde, / Und schmückt damit ihr jungfräuliches Kleid, / Auf dass sie einer Braut recht würdig werde; / Sie muss im köstlichsten Gewande prangen, / Will sie den Bräutigam, den Lenz empfangen“ / Er sprach’s, und auf geht ein kristallnes Tor, / Und rings umstrahlt von goldnem Himmelsglanze, / Tritt lächelnd eine holde Frau hervor, / Gekrönt das Haupt mit einem Blumenkranze, / Mein Führer selbst und alle Kinder neigen / Sich tief vor ihr in demutsvollem Schweigen. / „Kennst du mich nimmermehr?“ rief sie mir zu, / „Lebt nimmermehr mein Bild in deinem Innern? / Ruf deine Kindheit dir zurück, kannst du / Der Fee Morgana nimmer dich erinnern! / Die oft im Walde deinen Schlaf bewachte. / Die dir oft bunte Wiesenblumen brachte?“ / Und nieder auf die Knie fiel ich hin. / Bedeckend ihre Hand mit heißen Küssen, / „Du bist’s, du bist’s, die Blumenkönigin, / Hast du mich denn so bald verlassen müssen? / Du bist’s, die Lieder in das Herz mir flöste, / Und mir des Blumenreiches Rätsel löste. / „Du sangst mir oft die schönsten Märchen vor. / Der Tannenforst ward mir zum Palmenhaine, / Als Bambus wiegte sich des Stromes Rohr, / Der Himmel schwamm in tieferblauem Scheine, / Oft schlief ich ein, von deinem Arm geschaukelt, / Von deiner Lieder Harmonie umgaukelt, / Wenn ich, das Kind, im Walde mich erging, / Bist du mir an der Quelle oft erschienen, / Du haschtest mir den bunten Schmetterling, / Gabst mir zu kosten gold’nes Brot der Bienen, / Du lehrtest mich am buschbekränzten Bache, / Der Wellen und der Blätter leise Sprache. / Du lehrtest mich der Vögel Melodie, / Des Zephirs Säuseln im Gebüsch verstehen, / Du ließest meinen Augen alles wie / Von einem höhern Licht verkläret sehen - / Doch eines Abends bist du mir entschwunden / Und heut’ erst hab ich wieder dich gefunden.“ / Da küsste mich die Fürstin auf die Stirn -

3.

Wer weckte mich mit warmen Hauche / Aus einem wunderbaren Traum? / War’s das Lüftgen aus dem Strauche, / War’s das Vöglein vom Baum? / Ich hörte über mir ein Lächeln, / Als ich noch halb im Schlummer lag, / Ich fühlte über mir ein Fächeln / Wie Turteltaubenflügelschlag. / Noch sah ich, wie zu mir sich nieder / Ein blondes Engelsköpfchen bog, / Schnell wie der Wind verschwand es wieder, / Als ich von meinem Lager flog. / Ich spähte durch die grünen Räume, / Doch alles war so still wie vor, / Nur oben flüsterten die Bäume: / „Du bist ein Tor, du bist ein Tor!“

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Autoren

August Schnezler wurde 1809 in Freiburg im Breisgau geboren. Er studierte in Heidelberg und München Philologie und Philosophie. Er war in den Jahren 1842 - 44 Redakteur der Zeitschrift „Gutenberg“ in Darmstardt. Danach lebte er als Privatgelehrter in Karlsruhe und München. Er starb dort am 11. April 1853.

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weiterführende Links

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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