WAHRHEITEN IM VOLKSABERGLAUBEN

nebst Untersuchungen über das Wesen des Mesmerismus

(The Letters on the thruths contained in popular superstitions)

Herbert Mayo

1847

 

zum Werk

Ersterscheinung: Letters on the thruths contained in popular superstitions. In: Blackwood’s Magazine, Edinburgh und London, 1847

deutschsprachige Ausgabe: Wahrheiten im Volksaberglauben nebst Untersuchungen über das Wesen des Mesmerismus, F.A. Brockhaus, Leipzig 1854. Dieser Übersetzung liegt die dritte englische Ausgabe zugrunde.

bibliothèque: Der hier vorliegende und "Der Bauer von Meduegna" genannte Text entstammt dem "Zweiten Brief - Vampyre und Vampyrimsus, Beispiele dieses Aberglaubens". Dieses Beispiel kann auch als Novellenfragement gesehen werden. (2014)

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Auszug

2. Brief - Vampyre und Vampyrismus

Inhalt: Vampyre und Vamyprismus - Beispiele dieses Aberglaubens - Der vampirische Zustand des Körpers im Grabe - Erklärung: Scheintod und Vampyrismus - Traumtod oder Todesekstase (Todesschlaf) - Beispiele - Die Fähigkeit, spontan in diesen Zusatnd zu geraten - Beispiele einer langen Dauer desselben - Gefahr zu frühzeitiger Beerdigungen - Einzig untrügliche Zeichen des wirklichgen Todes - Der Besuch des Vampyrs und seine Folgen - Erklärung: epidemisches Vorkommen von Traumtod; der Vampyrgeist

bibliothèque / N. Equiamicus: In diesem Auszug versuchte sich der Autor an einer kurzen literarischen Verarbeitung des berüchtigten Vampirfalles von Medvegya aus dem Jahr 1731/32. (2014)

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Volltext

Der Bauer von Meduegna (Ein Fragment.)

Im Frühjahr 1727 kehrte ein gewisser Arnod Paole aus der Levante in seine Heimat, das Dörfchen Meduegna bei Belgrad zurück. Er hatte sich in einigen Jahren Kriegsdienst und abenteuerlichen Lebens soviel gesammelt, um sich eine Hütte und einige Morgen Land zu kaufen, da er den Rest seines Lebens in seinem Geburtsort zu beschließen beabsichtigte, wie er wiederholt aussprach. Er hielt auch Wort. Kaum hatte er die Blüte des Mannesalters erreicht, und obgleich er die rauen Stürme, wie die Süßigkeiten des Lebens erfahren und mit manchem wilden ruchlosen Gefährten in nähere Berührung gekommen sein musste, so war er dennoch bei seinem von Natur tüchtigen Charakter und seinen festen Grundsätzen bei allen Ereignissen und Szenen, welche er durchgemacht, unverdorben geblieben. So waren wenigstens die Ansichten seiner Nachbarn, wenn sie in der großen Stube der Dorfschenke über seine Rückkehr und seine Niederlassung unter ihnen plauderten. Auch strafte die freie, offene Haltung Arnods, sein angenehmes Wesen und sein festes, männliches Betragen ihr Urteil über ihn keineswegs Lügen. Und doch trat zuweilen ein besonderer Zug auffallend an ihm hervor - ein Blick, ein Klang der Stimme, welche von innerer Unruhe zeugten. Er schlug dann die Einladungen seiner Freunde, den Abend mit ihnen zuzubringen, ab oder verließ unter irgendeinem plötzlichen, kurz vorgebrachten Vorwand jählings ihre Gesellschaft. Noch unverantwortlicher und wie es schien systematisch, vermied er es, seiner hübschen Nachbarin Nina zu begegnen, deren väterliches Besitztum unmittelbar neben seinem Gehöfte lag. Siebzehn Jahre alt, war Nina ein so reizendes Bild der Jugend, des Frohsinnes, der Unschuld und des Vertrauens, wie man es nur auf dem ganzen Erdenrund hätte finden können. Man konnte nicht in ihre klaren durchsichtigen Augen blicken, ohne zugleich den Grund der reinen, durchsichtigen Quelle ihre Gedanken zu erschauen. Weshalb fuhr denn Arnod vor jedem Begegnen mit ihr zurück? Er war gesund, hatte ein kleines, aber hinreichendes Vermögen, besaß Gesundheit, Fleiß und Geschicklichkeit und hatte seinen Freunden erzählt, dass er in andern Landen keine Bande geknüpft habe. Warum vermied er denn den Zauber der reizenden Nina, welche eine Wesen zu sein schien, geschaffen von jeder Stirn die Falten der Sorge zu verjagen? Und doch benahm er sich so; allein mit immer weniger und weniger Entschlossenheit, denn er fühlte den Reiz ihrer Gegenwart, und wie konnte er auch lange Widerstand leisten - er tat es nicht - er folgte dem Trieb der in ihm erwachten Neigung für das unschuldige Mädchen, welches ihn in seinen Anfällen von Trübsinn so oft zu erheitern suchte.
Und sie wurden vereint - und doch umschattete selbst im Sonnenschein dieser Tage dann und wann ein Ausdruck von düsterer Angst seine männlich schönen Züge.

»Was macht dich so trübsinnig, so traurig, mein geliebter Arnod? Ich kann nicht daran schuld sein, denn du warest traurig, ehe du mich jemals bemerkt hattest, und ich glaube,« hier überzog eine dunkle Röte ihr reizendes Antlitz, »ich glaube, dass allein dadurch zuerst meine Aufmerksamkeit auf dich gezogen wurde.«
»Nina,« lautete die Antwort, »ich fürchte, ich habe ein großes Unrecht begangen, als ich deine Neigung zu gewinnen suchte. Nina, ich habe die feste Überzeugung, dass ich nicht lange leben werde, und dennoch habe ich, selbstsüchtig genug, trotz dieser Überzeugung, dein Glück unauflöslich an meine Existenz geknüpft.«
»Wie sonderbar du da redest, geliebter Arnod! Kein Mensch im Dorf kommt dir an Kraft und Gesundheit gleich! Du fürchtetest doch nie Gefahren, als du Soldat warst; welche Gefahr fürchtest du als Bauer von Meduegna?«
»Es quält mich sehr, arme Nina.«
»Aber Arnod, du warest ja schon immer traurig, ehe du an mich gedacht hattest. Fürchtetest du dich damals auch vor dem Tode?«
»Ach, Nina, es ist schrecklicher, als der Tod.« Und seine kräftige Gestalt bebte vor Entsetzen.
»Arnod, ich beschwöre dich, sprich deutlicher!«
»Zu Cossova traf mich das Unglück. Hier seid ihr bis jetzt der fürchterlichen Geißel entgangen. Aber dort starben sie und der Tote besuchte den Lebenden. Mir galt der erste schreckliche Besuch und nicht eher konnte ich ihn verscheuchen, als bis ich sein Grab gesucht und die furchtbare Buße von dem Vampir erpresst hatte.«

Das Blut gerann in Ninas Adern bei dieser fürchterlichen Erklärung zu Eis. Von Schrecken und Schauder war sie ganz betäubt. Allein ihr jugendliches Herz wurde der ersten Verzweiflung bald Herr. Mit rührender Stimme erwiderte sie nach kurzer Pause:
»Sei ruhig, mein geliebter Arnod fürchte dich jetzt nicht mehr, ich will dich schützen oder mit dir sterben.« Und sie umschlag seinen Hals mit ihren zarten Armen und die zurückkehrende Hoffnung schimmerte, dem Frieden verkündenden Regenbogen gleich, unter ihren strömenden Tränen hindurch. Beide fanden ihre Furcht zu verbannen oder zu vermindern in der Länge der Zeit, welche seit Arnods Weggang von Cossova verflossen war und während welcher der schreckliche Besucher sich nicht wiederholt hatte, einen Grund zum Trost und zur Beruhigung, und sie glaubten fest, dass dieser Umstand ihnen Sicherheit geben würde.

Es geht auf dieser Welt gar sonderbar zu, das Unglück, welches wir am meisten fürchten, trifft uns gewöhnlich nicht. Die Streiche des Schicksals welche uns mehr erreichen sind meist ganz unvorhergesehen und ungeahnt. Etwa eine Woche nach diesem Gespräch stürzte Arnod von einem hochbeladenen Heuwagen hinab; man trug ihn leblos nach Hause und nach kurzem Leiden starb er. Sein Begräbnis erfolgte, wie es dortzulande gebräuchlich ist, sehr bald nach seinem Tod. Ninas Schmerz war unbeschreiblich!

Zwanzig oder dreißig Tage nach Arnods Tod klagten, wie der aktenmäßige, vollkommen bestätigte Bericht über diese Vorfälle meldet, mehrere Nachbarn, dass sie von dem toten Arnod als Vampir verfolgt und gequält würden; ja vier von ihnen starben sogar ganz plötzlich. Das Unglück war, selbst mit skeptischen Augen angesehen, schon an sich schlimm genug, aber durch die Äußerungen des Aberglaubens vergrößert, verbreitete es einen panischen Schrecken durch den ganzen Bezirk. Um die ungeheure Bestürzung und Angst der Bevölkerung zu beschwichtigen und dem Übel wo möglich auf den Grund zu gehen, wurde ein öffentlicher Befehl erlassen, Arnods entseelten Körper öffentlich wieder auszugraben und zu untersuchen, ob er wirklich ein Vampir sei, in welchem Fall mit dem Leichnam nach Recht zu verfahren sei. Der zu diesem Geschäft festgesetzte Tag war der vierzigste nach seiner Beerdigung.

Die zu der Verhandlung ernannte Kommission begab sich an einem Tag anfangs August beim ersten Morgengrauen auf den stillen Friedhof von Meduegna, welcher, mit einer Mauer von unbehauenen Steinen umgeben, von einem Berg geschützt ward, der in wellenförmigen grünen, mit Obstbäumen bepflanzten Abhängen ansteigt und in einen felsigen, mit Unterholz bewachsenen Gipfel verläuft. Die meisten Gräber waren mit Blumen bepflanzt, mit einer Einfassung von Buchsbaum und ähnlichen immergrünen Sträuchern umgeben und am Kopfende mit einem einfachen, schwarz angestrichenen, hölzernen Kreuz geschmückt, welches den Namen des unter ihm Ruhenden trug. Nur hier und da sah man einen Leichenstein; einer derselben, ein einzelner mit grob gehauenen gotischen Verzierungen geschmückter Pfeiler, erhob sich stolz über seine niedrigeren Nachbarn. Neben ihm lag Arnods Grab und nach diesem zu bewegte sich die Untersuchungskommission. Der grauhaarige, von Alter gekrümmte Totengräber, welcher in dem Leichenhaus neben dem großen Kruzifix wohnte, begann die Erde wegzuschaufeln. Er schien sehr gleichgültig bei der Ausführung des ihm gewordenen Auftrages zu sein; er mochte wohl denken, dass aus ihm kein Vampir eine Abendmahlzeit aussaugen könne. Zunächst dem Grab standen zwei Militärärzte oder Feldscherer von Belgrad, nebst einem Tambour, welcher ihre Instrumente und Bestecke trug. Der Knabe schaute mit gespannter Aufmerksamkeit zu, und als nun der Sarg bloßgelegt und etwas roh aus dem Grab herausgezogen ward, bewies die Blässe seines Antlitzes und der Glanz seiner Augen, wie sehr ihn die Szene erregte. Der Totengräber hob den Deckel des Sarges ab; der Körper lag auf einer Seite; er drehte ihn herum und rief, auf das frische Blut, welches die Lippen des Toten bedeckte, zeigend:
»Ha, Ha! Was! Du hast nach deinem letzten Nachtmahl deinen Mund nicht abgewischt!«

Die Umstehenden schauderten; der Tambour sank ohnmächtig zur Erde und ließ die Instrumentenkasten niederfallen, dass ihr Inhalt klirrte; der ältere Feldscherer, von Schauder ergriffen, vermochte kaum einen hastigen Ausruf des Entsetzens zu unterdrücken und bekreuzte sich. Man besprengte den Tambour mit Wasser; er kam zu sich, wollte aber den Platz durchaus nicht verlassen. Dann gingen die Ärzte an die Untersuchung des vermeintlich Toten. Er sah aus, wie wenn er kaum vor vierundzwanzig Stunden verschieden sei. Beim Anfassen löste sich die Oberhaut ab, allein unter derselben fand man eine neue Haut und neue Nägel! Wie konnten diese anders entstanden sein, als in Folge seiner grässlichen Nahrung! Der Fall war klar genug, das, was sie so sehr fürchteten, lag vor ihnen - ein Vampir! Daher trieben sie, ohne weitere Weitläufigkeiten, einen schon vorher in Bereitschaft gehaltenen spitzen Pfahl durch des armen Arnods Brust; ein Blutstrahl sprang hervor und der vermeintliche Leichnam stieß ein hörbares Ächzen aus!
»Mord! Oh Mord!« schrie der kleine Tambour und stürzte mit wilden, konvulsiven Gebärden vom Kirchhof weg.

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Autoren

Dr. Herbert Mayo - geb. 1796, gest. 1852 -  englischer Professor für Anatomie und Psychologie.

Übersetzung: Dr. Hugo Hartmann (1854)

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weiterführende Links

Kurioser und sehr wunderbarer Bericht ... W.S.G.E., 1732

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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Handlungsorte

Meduegna (Serbien)

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Vampire

Arnod Paole - Er starb 1727 im serbischen Dorf Meduegna / Medwegya durch Genickbruch. Bereits zu seinen Lebzeiten berichtete er aus seiner Zeit beim österreichischen Militär, dass ihn in Griechenland während des Krieges in griechischem Gebiet ein Vampir gebissen hat. Einen Monat nach seinem Tod sahen ihn die ersten Dorfbewohner. Die Hälfte der Dorfbewohner fiel ihm zum Opfer. Er und alle seine Opfer, wurden gepfählt.
Die Berichte darüber drangen weit über die Grenzen des Ortes hinaus und zogen eine offizielle Untersuchung nach sich. Der Fall des Arnod Paole kann als einer der bestdokumentiertesten Fälle von Vampirismus bezeichnet werden.
Der zuständige Militärkommandant Schnezzer hat dazu den Medicus Glaser nach Medvegia geschickt, der die Untersuchung vornahm. Glaser fand einige Bewohner des Ortes vor, die unter Fieber, Brechreiz, Magen-Darm-Schmerzen, Seitenstechen, Brustbeschwerden und unstillbarem Durst litten. Eine ansteckende Krankheit konnte jedoch nicht diagnostiziert werden. Alle Bewohner hatten jedoch starke Angst, von Untoten verfolgt zu werden und nach ihrem Tod als Vampire keine Ruhe zu finden. Glaser ließ schließlich einige Gräber öffnen und fand tatsächlich einige unverweste Leichen mit rosigem Teint. Glaser schrieb seinen Bericht über den Militärkommandanten und bat darin um die Erlaubnis, die gefundenen „Vampire“ zu töten. Dazu wollte er ihnen einen Pfahl durch das Herz schlagen und sie anschließend verbrennen. Schnezzer sandte diesen Bericht nach Belgrad an seine Vorgesetzten und der Interimskommandant Marquis Botta d'Adorno verweigerte jedoch zunächst diese Erlaubnis. Zuvor sollte eine „Chyrurgische Visitation“ durchgeführt werden. Der Regimentsmediziner, der Feldscher Johann Flückinger, zwei Unterfeldscher und mehrere Offiziere hatten diese durchzuführen. Flückinger erstellte den Bericht über die Untersuchung, den die Unterfeldscher und die Offiziere gegenzeichneten. Vampire sah Flückinger allerdings nicht, sondern er ging von einer ansteckenden Krankheit aus und versuchte den Übertragungswegen der Seuche auf die Spur zu kommen.
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