VAMPYR

Ein Liebeslied

Otto Julius Bierbaum

1892

 

bibliothèque: Mir ist noch nicht ganz klar, wie der Vampyr in dieses Liebeslied passt. Auch das Liebeslied an sich erschließt sich mir nicht zur Gänze. An dieser Stelle stimme ich nun doch noch einer früheren Literaturlehrerin zu: "Lyrik erschließt sich nicht immer sofort." (2011)

Autor

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Dieser Text folgt der Veröffentlichung in: Die Gesellschaft. Monatszeitschrift für Litteratur, Kunst und Sozialpolitik. 1892.

 

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Im hellen Herbstwald auf buntem Laub waren wir wie Kinder und küssten uns unschuldig in linder Liebe.
Bubenmädel! Bubenmädel, wie lachten deine Augen, die hellen, braunen, wie lag dein liebes Köpferl so leicht auf dem Laube, und leicht auch lagen meine Lippen auf deinen.
Aber die Nacht kam auf Katzenpfoten, die schwarze, schwere, schweigende Nacht, und schwül war's im Zimmer. Das gelbe Licht der schwebenden Lampe lag wie leuchtender feuchter Nebel über dem Raum, und deine Augen fragten ängstlich aus dem gelben Dämmer.
Braune, brütende, unselige Augen. In ihnen braute, tief unten, tief, giftiger, brodelnder Gischt.
Oh, du, du, du!
Und über dich hin warf mich die Wut der Liebe.
Und unsere Lippen lasteten aufeinander, wie alle schmerzlichen, sehnsuchtschmachtenden Sünden zweier Sterne, die sich im wirbelnden Weltall treffen und klagegellend sich umklammern.
Oh, du, du, du!
Und meine Augen gruben sich in deine, und meine Arme wanden sich um deinen Leib wie Raubtierpranken, und es stöhnte deine Brust, und deine Augen irrten wie verflogene Tauben.
Sie suchten den hellen Herbstwald und die Kindheit unserer Liebe im buntem Laube.
Und fanden nicht und wurden schmerzenstarr und höllebrünstig heiß und hackten in mein Herz wie schwarze Adlerschnäbel.
Oh, du!
Oh, Du!
Matt sank mein Haupt dir in den Schoß. Du betest.
Dann sprachst du leise wirre Worte und weintest.
Und deine Augen wurden wieder hell.
Weißt du es wohl, was zwischen uns geschehn?
Der Hass hat uns gepaart in wildem Kampf, der Hass von Mann zu Weib, die heiße Gier, sich einzusaugen das fremde Herz und Blut und Glut und jeden Atemzug.
Mein Herz und dein Herz haben sich geschaut im Kampf und kämpfend sich durchdringend, sind sie in Eins geflossen:
Du bist nun ich, doppelt ist meine Seele.
Ich habe das Weib erkannt.

Autor

Otto Julius Bierbaum - 1865 - 1910. Deutscher Journalist, Redakteur, Herausgeber, Schriftsteller und Lyriker. Er ist auch unter seinem Pseudonym Martin Möbius bekannt.

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