Die erstere Dissertation,

so Historisch und Critisch ist,

ward auf der Universität zu Leipzig den 27. Sept. 1725. öffentlich gehalten,

wobey Hr. Christian Gottfr. Cleemann von Chemnitz, S. S. Theol. Stud. Respondente gewesen.

Michael Ranft

1734

Dieser Text ist dem

Tractat von dem Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern, .... (1734)

von Michael Ranft entlehnt.

Vorrede

Du wirst dich wundern, Geneigter Leser, warum ich in diesen Bogen ein solches Thema auszuführen mir vorgenommen, welches mit so vielen und großen Kontroversen verwickelt, dass ich zu tun haben werde, wenn ich demselben ein Genüge tun soll. Es gehört zur Natur-Lehre und folglich zu einer Disziplin, dessen Geheimnisse auch der beste Natur-Kundiger nicht erforschen wird, ob er gleich die ganze Lebens-Zeit hindurch Tag und Nacht damit beschäftigt ist. Was wirst du demnach von mir halten, der ich der Gottes-Gelehrtheit obliege, und doch kein Bedenken trage, mich auf die Untersuchung derer verborgensten Kräfte der Natur zu legen? Jedoch da ein Gelehrter alles zu unternehmen wagen soll, so darf dir es nicht so gar fremde deuchten, dass ich diese schwere und höchst sonderbare Lehre von dem Kauen und Schmatzen der Toten in Gräbern, so viel sich tun lässt, abzuhandeln mir vorgenommen habe. Eine sehr gute Gelegenheit hierzu habe ich erlangt, da in den öffentlichen Zeitungen uns vor kurzem ein so sonderbares Werk der Natur bekannt gemacht worden, dass ich glaube, dass dergleichen an denen toten Körpern kaum jemals wahrgenommen worden. Ich nahm mir so gleich vor, etwas davon zu schreiben und zur Probe auf öffentlichen Katheder zu verteidigen. Alleine da ich kaum die Arbeit vor die Hand genommen hatte, sah ich mich in so einem weiten Felde, dass ich in denen Schranken einer einzigen Dissertation nicht bleiben konnte. Du wirst es daher, Geneigter Leser, nicht ungütig deuten, dass ich dir von dieser Materie zwei Dissertationen liefere, eine, so Historisch und Critisch, und die andere, so Philosophisch ist. Die erste ist eben diejenige, so dir in gegenwärtigen Bogen zu Gesichte kommt. Du wirst die Arbeit zwar vor nicht gemein, aber doch vor nicht sonderlich achten. Die Kürze der Zeit und andere Umstände sind hinderlich gewesen, dass ich nicht so, wie es hätte sein sollen, Fleiß darauf wenden konnte. Ich mache mir daher nicht die geringste Einbildung, einiges Lob oder Ruhm der Gelehrsamkeit dadurch zu erlangen, sondern ich bin zufrieden, wenn nur meine Arbeit dir, Geneigter Leser, nicht ganz vergeblich und verdrießlich scheint. Ich verspreche mir dieses um so viel gewisser, da mir zur Zeit noch kein Autor bekannt ist, der absonderlich von dieser Materie etwas geschrieben, als Hr. M. Philip Rohr, von Marck-Ranstadt, welcher ebenfalls eine Dissertation hiervon A. 1679 auf unserer Universität Leipzig gehalten, die den Titel führt: Diss. Historico-Philosophica de Masticatione mortuorum.

Ich suchte anfangs viele darinnen, das in meinen Kram dienen sollte; aber da ich sie genauer ansah, befand ich, dass sie zwar vieles versprochen, aber wenig geleistet habe. Bei so gestalten Sachen, wolltest du dir gegenwärtige Arbeit bestens empfohlen sein lassen und glauben, dass, so dieser erste Versuch wohl aufgenommen werde: du in kurzem mit Gott vielleicht etwas Gründlicheres und besseres zu gewarten haben werdest.

Dieser Dissertation Inhalt

Die verborgenen Kräfte in der Natur.     § 1
Es ist nicht alles entweder Gott oder dem Teufel zuzuschreiben.     § 2
Ein sonderbar Exempel eines Enthusiasmi Poëtici.     § 3
Von der Unwissenheit der Sache ist kein Schluss zu machen auf dessen Verneinung.     § 4
Aller Geister und Körper Einfluss in einander. § 5. Verschiedene Gattungen der Sympathie und Antipathie.     §§ 6, 7
Das Kauen und Schmatzen der Toten, warum es in Zweifel gezogen worden.     § 8
Die Rechtgläubigkeit. Die Wunder Gottes von den wunderlichen Dingen in der Natur sind wohl zu unterscheiden.     § 9
Der Päbstler Wunder-Glaube.     § 10
Exempel von dem Kauen und Schmatzen der Toten.     § 11
Ein sonderbar Exempel aus Hungarn.     § 12
Die Einrichtung der Abhandlung.     § 13
Das Kauen und Schmatzen der Toten ist kein göttlich Wunderwerk,     §§ 14, 15, 16, 17
... noch auch bloß ein Zeichen des Satans.     §§ 18, 19, 20, 21
Die Dæmones oder Mittel-Geister werden verworfen. Wie viel denenselben hier zuzuschreiben. Garmannus.     §§ 22, 23, 24
Falsche Meinungen widerlegt. Ob die Toten in den Gräbern kauen und schmatzen?     § 25
Die alten Sarmaten. Das Geräusche der Seelen. Homerus. Diogenes Laërtius. Lucianus. Sophocles.     § 26
Wie viel der Aberglaube vermöge? Woher die unterirdischen Knalle.     § 27
Das Gotische Meteoron.     § 28
Der Menschen Einbildung. Das Schrecken. Das Klopfen der Toten in Gräbern.     §§ 29, 30
Ob die Toten ihre Kleider fressen.     § 31
Der Juden ihr Fleisch fressender Azazel. Die Jüdische Maus.     §§ 32, 33
Die Muhamedaner. Der Toten-Engel. Das unterirdische Examen.     § 34
Der Geist und Götze Eurynomus. Der Geist Asuiti. Pausanias.     § 35
Die Fleisch fressenden Tiere. Hyaena.     § 36
Die Striges, blutsaugenden Vögel.     § 37
Die Fleisch fressenden Schlangen, ob sie aus den Menschen-Mark wachsen. Wolffgang Franzius.     § 38
Ein Monument zu Meißen.     § 39
Die Toten, so ihre leinen Tücher verschlucken.     § 40
Die unterirdischen Tiere. Die Mäuse.     § 41
Schlangen in menschlichen Körpern. Die Ursache des Fressens der Toten.     §§ 42, 43
Das Weibliche Geschlecht. Rohrius und Pitzschmann. Abergläubische Ursachen. Schlüsselburg. Garmann.     §§ 44, 45
Das Kauen und Schmatzen der Toten zur Pest-Zeit. Das Schrecken wie vieles da vermöge. Rivinus. Helmont. Geyer.     §§ [46,] 47, 48
Die Türken, so sich vor der Pest nicht fürchten. Carl vom Pest-Engel.     § 49
Der Gestank der Körper, ob daher die Pest? Cornelius a Lapide.     §§ 50, 51
Das Kauen und Schmatzen der Toten, ob es der Anverwandten Tod nach sich ziehe?     § 52
Der Schluss. Es wird die andere Dissertation versprechen.     § 53

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§ 1

Die ganze Natur ist voller verborgenen Kräfte. Es hat die Natur-Lehre zwar zu unsern Zeiten bei nahe den höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht, aber es trägt sich doch immer und täglich etwas zu, das die gelehrtesten Meinungen derer Weltweisen umkehren kann. Diejenigen, welche vorgeben, es wirke die ganze Natur nicht anders denn mechanice, die verwerfen alle dergleichen verborgene Kräfte der Natur, oder so genannten qualitates occultas, als Weiber-Mährgen, die in denen Schulen derer Aristotelicorum ihren Ursprung genommen. Alleine da sie die Natur nicht anders als von hinten zu ansehen und alles auf deutliche experimenta ankommen lassen, so langen sie, so zu sagen, mit ihren äußersten Fingern nicht an dieselben, weil sie ihnen über alle Grenzen der Möglichkeit gesetzt zu sein scheinen. Und gewiss! die Zeichen die zu unsern Zeiten im Reiche der Natur sich geäußert, sind so beschaffen, dass man sich nicht wundern darf, wenn fast alle und auch die besten Philosophischen Oracul darüber verstummen.

§ 2

Es gibt einige unter denen Weltweisen, die alle dergleichen Natur-Wunder entweder Gott oder dem Teufel zuschreiben. Alleine wer hält nicht eine solche Art zu philosophieren vor ein abergläubisch Geschwätze? Es geben dergleichen Leute offenbar zu erkennen, dass sie in der Erkenntnis derer Kräfte der Natur eine große Unwissenheit besitzen. Wir leugnen zwar die Wirkungen der Geister in die Leiber nicht, sondern geben vielmehr mit beiden Händen zu, dass nicht nur Gott noch täglich in der Natur nach seiner sonderbaren Vorsehung Wunder tue, sondern dass auch der Teufel nach seiner großen Erkenntnis, die er von denen Kräften der Natur hat, Wunder-Dinge ausrichten könne. Aber alles deswegen denen Geistern und ihren unmittelbaren Wirkungen zuzuschreiben, düncket uns allzu unreif philosophiert zu sein. Denn es ereignen sich zum öftern in den raresten Natur-Zeichen solche Umstände, die deutlich bezeugen, dass dieselben weder von Gott noch vom Teufel unmittelbar herrühren können. Beide handeln nach ihren Absichten. Daher in solchen Wunder-Dingen allezeit sich entweder eine göttliche Güte oder eine teuflische Bosheit offenbaren muss.

§ 3

Vor ohngefehr drei oder vier Jahren ward der gelehrten Welt ein so sonderbares Exempel von einer Poetischen Entzückung bekannt gemacht, dergleichen kaum jemals bei Menschen Gedenken gehöret worden. Wer die Umstände davon aus den Deutschen Actis Eruditorum in genaue Erwägung ziehet, der wird zwar die Verborgenheit derer natürlichen Kräfte bewundern, aber doch auch hier weder Gottes noch des Teuffels unmittelbaren Wirkung etwas zuschreiben können. Denn wenn Gott in diesem Fall über allen Lauf und Macht der Natur ein Wunderwerk getan hätte so müsste uns ein göttlicher Endzweck davon bekannt sein, der entweder die Ehre Gottes oder das Heil der Menschen anbeträfe welches beides hier nicht statt findet. Dass man es aber dem Teufel zuschreiben wollte, ist darum nicht tunlich, weil es eine Person betrifft, an deren Unsträflichkeit des Lebens Niemand zu zweifeln hat: anderer Umstände vor ietzund zu geschweigen.

§ 4

Es ist demnach gewiss, dass in der Natur viel Kräfte verborgen liegen, über deren Wirkungen wir um keiner andern Ursache willen in Verwunderung geraten, als weil es uns nicht möglich ist, sie zu erkennen. Wer wollte aber deswegen ihre Existenz leugnen? Ein einfältiger Mensch, der wegen der schlechten Kultur des Verstandes nicht im Stande ist, die Ursachen der geschehenen Dinge zu erforschen, würde viel dem Teufel zuzuschreiben haben, wenn es erlaubt wäre, von der Unwissenheit der Sache auf der Sache Verneinung zu schließen. Denn das ist gewiss, dass die Natur unerforschlich bleibt. Je einfacher aber die Kräfte der Natur werden, je näher kommen sie denen ersten Anfangs-Gründen, und je mehr werden sie zu Wunderwerken gemacht.

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§ 5

Damit wir aber die Existenz derer verborgenen Kräfte der Natur desto deutlicher erkennen mögen, behaupten wir, dass alle Geister und Körper wechselweise in einander wirken. Denn es wirken die Geister in Geister, es wirken die Geister in Körper, es wirken endlich auch die Körper in Körper. Das vierte aber, das auch die Körper in Geister wirken sollten, ist nicht wohl zu glauben. Unter diesen verborgenen Wirkungen verdienen gar leichtlich die Wirkungen der Körper in Körper den ersten Platz, weil die Effekte davon vornehmlich in die Sinne fallen. Sie sind aber in der Wahrheit so feste gegründet, dass sich noch kein wahrer Philosophus gefunden, der sich unterstanden, dieselben zu verwerfen. Sie werden insgemein unter dem Nahmen der Sympathie und Antipathie begriffen, wovon sehr große Werke hin und wieder vorhanden sind, die davon handeln, worunter Athanasii Kircheri Magnetismus Naturæ vielleicht den Vorzug verdienet.

§ 6

Die Existenz der Sympathie und Antipathie wird leichtlich Niemand in Zweifel ziehen, der von der anziehenden Krafft des Magnets einige Erkenntnis hat. Die Hunde haben mit ihrem ungewöhnlichen und ungeschickten Geheule, das sie in und um den Häusern von sich hören lassen, nicht selten den bevorstehenden Tod derer Krancken vorher verkündiget, und dass ein jedes Tier aus dem bloßen Geruche merken kann, was ihm zur Speise gut ist, sehen wir täglich. Wem ist unbekannt, was die Musikalische Harmonie in den Gemütern der Menschen vor eine Art der Sympathie erweckt? Was vermögen nicht in diesem Fall die Erb- und Einbildungs-Krankheiten? Was geben nicht die Mordsüchtigen u. die, so gewisse Tiere, z. E. die Katzen, nicht leiden können, vor sonderbare Exempel der Sympathie und Antipathie ab? Und wer will alles erzählen können, was zum Beweiß der Existenz derer Wirkungen der Körper in Körper dienet und einem jeden im gemeinen Leben genugsam bekannt ist.

§ 7

Hierher sind allerdings auch viele andere Natur-Zeichen zu rechnen, die, ob sie gleich von mehrer Wichtigkeit sind, dennoch keines Weges aus einer teuflischen Zauberei geschehen. Hierher gehöret das Bluten der umgebrachten Körper, die Wünschelrute, die Bezauberungen durch eine Magische Einbildung, die Ahndungen der Tiere, das Beschreien, die denkwürdigen Träume, der Tarantul-Biss, der Einfluss der Gestirne, und viele andere Dinge, deren Ursachen man mit nicht geringerer Wahrscheinlichkeit denen verborgenen Kräften der Natur zuschreiben kann, als etwa das Einpfropfen der Bäume, die Raserei von Hunden, die Inokulation derer Bocken, das Sympathetische Pulver und dergleichen, von welchen allen man doch nicht den geringsten Verdacht einer teuflischen Magie hat. Wir unterstehen uns zwar nicht, allen Einfluss der Geister bei solchen verborgenen Wirkungen der Natur zu leugnen, weil uns mehr als zu bekannt ist, mit was vor Betrug und List öfters der Teufel die Menschen durch magische Künste zu betrügen pflegt, um dadurch sein teuflisches Reich zu vermehren. Alleine da er sein Werk meistenteils durch so genannte Hexen, denen der Teufel auf mancherlei Weise die verborgenen Kräfte der Natur bekannt macht, treibet, schließen wir daraus, es könne sich dieses alles auch ohne Beihilfe des Satans, nach dem bloßen Lauf der Natur zutragen.

§ 8

Da nun hieraus sattsam erhellet, es gebe vielerlei Arten von denen Wirkungen der Körper in Körper, so wollen wir auch eine gewisse Art setzen, die wir Masticationem mortuorum in tumulis, oder das Kauen u. Schmatzen der Toten in Gräbern nennen. Es haben uns schon längst unsere Vor-Eltern vieles von diesen in Gräbern fressenden Toten erzählt, aber wir haben davor gehalten, es sei uns schimpflich diesen Mährgen und Aesopischen Fabeln, daran sich nur die alten Weiber ergötzen, Glauben zuzustellen. Die Ursachen sind leichte zu erkennen: Wir haben dergleichen fressende Tote nicht selbst gesehen. Wir können ein dergleichen Natur-Zeichen mit unsern Vernunft-Schlüssen nicht begreifen, und die Beschuldigung des Aberglaubens fliehen wir eben so sehr als die Verletzung des ehrlichen Namens. Was Wunder daher, wenn wir alle dergleichen Exempel, die hin und wieder in den historischen Schriften vorkommen bisher in Zweifel gezogen? Es gibt zwar eine Art Menschen, die von Natur geneigt sind, aus jedweder abergläubischen Mutmaßung, ich weiß nicht, was vor ein Vergnügen zu schöpfen. Diesen ist es leichte, alles zu glauben, was sie hören. Was sie aber mit ihrem Verstande nicht begreifen können, das schreiben sie ohne Bedenken denen höllischen Geistern und der teuflischen Zauber-Kunst zu.

§ 9

Außer diesen gibt es auch welche, denen bloß die Rechtsgläubigkeit der Evangelischen Religion hinderlich ist, dass sie dem keinen Beifall geben können, was ihnen sonst nicht schwer zu glauben ist. Vor der Beschuldigung einer Ketzerei haben sie ein solches Grausen, dass sie lieber blindlings auf die Worte ihrer Lehrer schweren, als sich wegen einiger Gegen-Meinung verketzern lassen. Jedoch sie haben vielmals nicht Ursache sich diesfalls etwas zu befürchten. Die Wahrheit der Heil. Schrift wird bisweilen bloß aus Vorurteil vor beleidigt gehalten. Wir erkennen dieses unter andern an der Lehre von der natürlichen Zauber-Kunst oder Magia Naturali. Denn da die alten Gottesgelehrten aus Unwissenheit der verborgenen Kräfte der Natur alle Wunder-Dinge dem Teufel und seinen Zauberkünsten zugeschrieben, so haben wir daher das Vorurteil in Kopf bekommen, als ob alle Lehre von der Magia Naturali auf die Vernichtung der göttlichen Wunderwerke abziele. Aber es ist dieses falsch. Die göttlichen Wunderwerke lassen sich auf eine so herrliche Weise von denen Wunder-Dingen der Natur unterscheiden, dass man sich wundern muss, wie sie unter einander verwechselt werden können. Die Zerteilung der Wasser im Roten Meer und Jordan, die Auferweckung der Toten und viele andere herrliche Taten, die Christus, die Propheten und Apostel durch Gottes Finger im Alten und Neuen Testamente verrichtet, sind und bleiben der Natur solche Geheimnisse, dass zu deren Erklärung und Nachmachung das gesamte Höllen-Heer mit allen Schwarz-Künstlern nicht zulänglich ist, wenn sie gleich mit gesamten Kräften darüber zu arbeiten anfingen.

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§ 10

Alleine wer wollte deswegen alle Wirkungen der Körper in Körper, die nach dem, ob wohl etwas ungewöhnlichen Lauf der Natur geschehen, leugnen? Es wird der göttlichen Wahrheit dadurch nichts entzogen. Wir halten vielmehr dafür, dass es dem Evangelischen Glauben nützlich sei, wenn gezeigt werden kann, wie weit Gott mit seinem unmittelbaren Einfluss in den Wundern der Natur concurrire. Es ist uns allen bekannt, dass die Römische Kirche sich mit ihrem Wunder-Glauben viel wisse. Wenn nun wir, die wir von der Gegen-Partei und eines bessern Glaubens sind, alle wunderlichen Dinge in der Natur so gleich vor Wunderwerke oder wenigstens vor Wirkungen einer teuflischen Magie ausgeben wollten, könnten wir denn nicht sehr leichte von unsern Widersachern betrogen u. hintergangen werden? Das Kauen und Schmatzen der Toten in Gräbern werden die Papisten ohne Zweifel auch vor ein göttliches Wunder ausgeben, und wer weiß, was vor eine Lehre sie vielleicht damit zu bekräftigen suchen? Wer will es uns daher vor übel halten, wenn wir dieses Kauen und Schmatzen einer natürlichen Wirkung des Körpers zuschreiben? Die Art und Weise wird uns zwar allezeit verborgen bleiben, genug, dass immittelst der Sache Existenz dargetan werden kann.

§ 11

Ehe wir dieses sonderbare Natur-Wunder betrachten, wollen wir vor allen Dingen die Exempel anführen, die der Sache Gewissheit bestätigen. Überhaupt verdienen hier nachgeschlagen zu werden Schwimmer in Curiosit. Philos. secret. Diss. IV. § 12. seqq. Kornmann de Mirac. Mortuorum Part. VII. c. 64. Garmann de Mirac. Mort. L.I. Tit. III. p. 116. 117. Harsdörffer in Theatr. Tragic. c. CXV. p. 406. Phil. Rohr in Diss. de Mastic. Mort. c. I. Th. 7. und Voigt in dem Physical. Zeit-Vertreiber p. 516. Welche alle beflissen sind, die Exempel von denen kauenden und schmatzenden Toten zu sammeln. Einige sonderbare Exempel aber hiervon findet man bei dem seel. Euthero in seinen Tisch-Reden Tit. 24. fol. 211. 212. Andr. Mollern in Annal. Freiberg. p. 254. Conrad Schlüsselburgen in der gründlichen Erklärung des 91. Psalms conc. XII. p. 155. Martin Böhmen von den drei Land Plagen conc. XVII. fol. 169. Adam Röthern in Pest-Predigten. Wencesl. Hagenecio in Chron Boh. P. 1. fol. 419. b. Just. Ortolph Marold in Loemograph. p. 92. sqq. Marthin Zeilern in Not. ad. Resset. Hist. Trag. p. 32. Heinr. Rothen Conc. funeb. 30. in dem Anhang von denen schmatzenden Toten. Pitzschmann in Leichen-Redner P. II. p. 856. Ignat. Hanieln de Peste in Schiefelbein. Mart. Fabricio in Paradox λοιμ. p 123. Erasm. Francisci im Höllischen Proteus n. 28. p. 260. sqq. Beiern in fasc. dict. biblic. 4. n. 32. Stieflern im Historien-Schatz P. II. p. 1911. Hercul. sax. c. XI. de Plica & c. Hierher gehört auch, was der P. Gabriel Rzaczynsky in Hist. Nat. Curios. Regni Poloniæ, welches Buch Anno 1721. zu Sendomir in 4. heraus gekommen, erzählt und zwar Tract. XIV. sect. II. wo er von dem Bluten derer Körper handelt und bei dieser Gelegenheit zugleich vieles von denen Toten, die in ihren Gräbern noch fressen und die Lebendigen in der Nachbarschaft als Gespenster umbringen, beibringt. Die Polacken nennen sie mit einem besonderen Nahmen Upiers und Upierzyca, von welchen der gedachte Autor sehr glaubwürdige Zeugnisse anführet.

§ 12

Das allerneueste Exempel, das uns bekannt ist und vor andern sehr merkwürdig scheinet, ist die Nachricht aus Hungarn, welche wir vor kurzen in den öffentlichen Zeitungen gelesen. Sie ist würdig, dass wir sie von Wort zu Wort aus den Leipziger Zeitungen dieses Jahrs p. 503. seqq. abschreiben und hier mitteilen:

Wien vom 31. Jul 1725.

"Man sieht in den hiesigen Zeitungen oder so genannten Diario einen Bericht, welchen der Kaiserl. Provisor in dem Gradisker Distrikt in Hungarn an die Kaiserl. Administration zu Belgrad wegen einer besondern Begebenheit ergehenlassen, welcher unverändert und ohne darüber zu urteilen, wie er sich gedruckt befindet, folgendes Inhalts ist: Nachdem bereits vor 10. Wochen ein in dem Dorfe Kisolova, Rahmer-Distrikts, gesessener Untertan, Namens Peter Plogojowitz, mit Tode abgegangen, und nach Rätzischer Manier zur Erden bestattet worden, hat sich in ermeldetem Dorfe Kisolova geäußert, dass innerhalb 8. Tagen 9. Personen, so wohl Alte als Junge, nach überstandener 24-stündiger Krankheit also dahin gestorben, dass, als sie annoch auf dem Tod-Bette lebendig gelegen, sie öffentlich ausgesagt, dass obbemeldeter, vor 10. Wochen verstorbener Plogojowitz zu ihnen im Schlaff gekommen, sich auf sie gelegt und gewürgt, dass sie nunmehr den Geist aufgeben müssten; gleich wie denn hierüber die übrigen Untertanen sehr bestürzet, in solchem noch mehr bestärket worden, da des verstorbenen Peter Plogojowitz Weib, nachdem sie zuvor ausgesagt, dass ihr Mann zu ihr gekommen und seine Oppanki oder Schuhe begehret, von dem Dorfe Kisolova weg und sich in ein anders begeben; sintemahl aber bei dergleichen Personen, so sie Vampyri nennen, verschiedene Zeichen, als dessen Körper unverwest, Haut, Haar, Bart und Nägel an ihm wachsend zu sehen sein müssten, als haben sich die Untertanen einhellig resolvirt, das Grab des Peter Plogojowitz zu eröffnen und zu sehen, ob sich wirklich obbemeldete Zeichen an ihm befinden; zu welchem Ende sie denn sich zu mir hierher verfüget und nebst Andeutung vorerwähnten Casus mich samt dem hiesigen Popen oder Geistlichen ersuchet der Besichtigung beizuwohnen; und ob ihnen schon erstlich solches Faktum reprobirt, mit Meldung, dass ein solches vorher an eine löbliche Administration unterthänig-gehorsamst berichten und derselben hohe Verfassung hierüber vernehmen müsste, haben sie sich doch keines Weges hierzu bequemen wollen, sondern vielmehr diese kurze Antwort von sich gegeben: ich möchte tun, was ich wollte, alleine woferne ich ihnen nicht verstatten würde, auf vorherige Besichtigung u. rechtl. Erkenntnis mit dem Körper nach ihrem Gebrauch zu verfahren, müssten sie Haus und Gut verlassen, weil bis zu Erhaltung einer gnädigsten Resolution von Belgrad wohl das ganze Dorf (wie schon unter Türkischen Zeiten geschehen sein sollte) durch solchen üblen Geist zu Grunde gehen könnte, welches sie nicht erwarten wollten. Da denn solche Leute weder mit guten Worten noch Bedrohungen von ihrer gefassten Resolution abhalten konnte, habe ich mich mit Zuziehung des Gradisker-Popen in gemeldetes Dorf Kisolova begeben, den bereits ausgegrabenen Körper des Peter Plogojowitz besichtiget und gründlicher Wahrheit gemäß folgendes befunden: dass erstlich von solchem Körper und dessen Grabe nicht der mindeste, sonsten der Toten gemeiner Geruch verspüret, der Körper, außer der Nasen, welche etwas abgefallen, ganz frisch, Haar und Bart, ja auch die Nägel, wovon die alten hinweg gefallen, an ihm gewachsen, die alte Haut, welche etwas weißlicht war, hat sich hinweg geschält, und eine neue frische darunter hervor getan, das Gesichte, Hände und Füße und der ganze Leib waren so beschaffen, dass sie in seinen Lebzeiten nicht hätten vollkommener sein können; in seinem Munde habe nicht ohne Erstaunen einiges frisches Blut erblickt, welches der gemeinen Aussage nach, er von denen durch ihn umgebrachten gesogen; in Summa, es waren alle Indicia vorhanden, welche dergleichen Leute (wie schon oben bemerket) an sich haben sollten. Nachdem nun so wohl der Pope als ich dieses Spectacul gesehen, der Pöbel aber mehr und mehr ergrimmter als bestürzter wurde, haben sie gesamte Untertanen in schneller Eil einen Pfeil gespitzt, mit solchem den toten Körper zu durchstechen, an das Hertz gesetzt, da denn bei solcher Durchstechung nicht nur allein häufiges Blut, so ganz frisch, auch durch Ohren und Mund geflossen, sondern noch andere wilde Zeichen (welche wegen hohen Respekts umgehe) vorgegangen; sie haben endlich oft ermeldeten Körper in hoc casu gewöhnlichen Gebrauch nach zu Aschen verbrannt, welches denn einer hochlöblichen Administration hinterbringen und anbei gehorsamst-untertänigst bitten wollen, dass wenn hierinne einen Fehler begangen haben sollte, solchen nicht mir, sondern dem vor Furcht außer sich selbst gesetzten Pöbel beizumessen."
Kaiserl. Provisor im Gradisker Distrikt.

§ 13

Drei Haupt-Umstände sind es, die wir in Ansehen dieses Wunder-Zeichens zu betrachten haben. Denn da nicht mehr denn drei Gattungen von wahrscheinlichen Ursachen hier statt finden können, die entweder von Gottes Allmacht, oder von einer teuflischen Zauber-Kunst, oder einer natürl. Sympathie hergenommen sind, so sind wir entschlossen zu zeigen, dass dergleichen Wunder-Zeichen in der Natur weder unter die göttlichen Wunderwerke, noch schlechterdings unter die außerordentlichen Werke des Teufels, sondern unter die verborgenen Wirkungen der Natur zu zählen sind.

§ 14

Ein Wunderwerk nennen wir diejenige göttl. Wirkung, die über den Lauf der Natur außerordentlich durch den unmittelbaren Einfluss der göttl. Allmacht hervor gebracht wird, zu Bestätigung des Ansehens der göttl. Wahrheit. Es fragt sich demnach: Ob die Wunderwerke noch zu unsern Zeiten statt finden? Wenn wir sie in weitläufigem Verstande nehmen, wollen wir es nicht gänzlich leugnen; in engerem Verstande aber genommen und so, wie wir sie jetzt beschrieben, ist allerdings gewiss, dass sie zu unsern Zeiten gänzlich aufgehöret. Denn sie haben ihre Absicht bloß auf die Pflanzung der Kirche, und folglich gehören sie in die Zeiten der Apostel und Jünger Christi. Wir haben daher heut zu Tage nicht mehr dergleichen zu gewarten, weil das Ansehen der göttlichen Wahrheit schon zur Genüge bestätigt ist. Die Römische Kirche stimmt zwar darinne nicht mit uns überein. Sie rühmet sich vielmehr noch der Wunder-Gaben, wie ehemals die erste Kirche. Alleine wir wissen aus heiliger Schrift, dass solches nichts denn Lügen sind. Was daher zu unsern Zeiten durch einen außerordentlichen Einfluss Gottes über die Kräfte der Natur zu geschehen pfleget, sind Wirkungen einer sonderbaren göttlichen Vorsehung, welche bloß im weitläufigern Verstande Wunder genannt werden.

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§ 15

Wenn wir das Kauen und Schmatzen der Toten unter die göttlichen Wunder zählen wollten, müsste es entweder ein Wunderwerk der Lehre oder ein Wunderwerk der Vorsehung sein. Dass die Wunderwerke der Lehre schon längst in der Kirche aufgehört, haben wir bereits angezeigt. Alleine gesetzt, dass es dergleichen noch gebe, so läst sich doch aus allen Umständen schließen, dass wenigstens das Kauen und Schmatzen der Toten nicht darunter zu zählen sei. Denn ein jedwedes göttliches Wunderwerk, in engerem Verstande bestätiget 1) das Ansehen der göttl. Wahrheit, 2) wird es durch einen unmittelbar von Gott und Christo gesendeten Propheten oder Apostel verrichtet, und 3) überzeugt es alle, die es sehen und hören, von seiner Wahrheit und Richtigkeit. Wir brauchen keines Beweises, weil die Notwendigkeit dieser Eigenschaften aus der heil. Schrift sattsam dargetan werden kann.

§ 16

Wie schickt sich nun das Kauen und Schmatzen der Toten hierher? Findet wohl eine einzige von diesen Eigenschaften der göttl. Wunder hier statt? Wir halten es nicht dafür. Man sieht nicht, was für eine göttl. Wahrheit dadurch bestätiget werden soll. Es fehlen die Propheten und Apostel, die durch Gottes Finger hierbei etwas tun. Es mangelt die Überzeugung, von der Wahrheit, die die göttlichen Wunder-Werke sonst allezeit in den Hertzen der Menschen zu wirken pflegen. Wem zu gute sollte demnach Gott ein solches Wunder in der Natur geschehen lassen, da gar kein Endzweck davon bekannt ist? Der Endzweck Gottes ist zweierlei, entweder die Ehre seines Namens oder das Heil der Menschen. Zur Ehre des göttl. Namens tragen dergleichen Wirkungen der Toten wenig oder nichts bei. Sie verhindern sie mehr, als dass sie solche befördern. Denn es werden dadurch die wahren Wunderwerke mit den falschen vermischt und dadurch eine solche Verwirrung angerichtet, die der Ehre Gottes und der Wahrheit der göttl. Wunderwerke sehr nachtheilig ist. Der andere göttl. Endzweck bei den Wunderwerken ist das Heil der Menschen, welches teils zeitlich teils ewig ist. Zu beiderlei Heil zu gelangen wird der Glaube an Gott und seine Verheißungen, der durch die göttlichen Wunderwerke am besten erwecket werden kann, erfordert. Aber was soll aus dem Kauen und Schmatzen der Toten vor ein Glaube entstehen? Was soll uns daraus vor Heil zufließen? Den schnellen Tod haben die Menschen noch niemals unter die sonderbaren göttlichen Wohltaten gerechnet, sonderlich einen solchen gewaltsamen, wie dergleichen die Menschen durch das Kauen und Schmatzen der Toten zu betreffen pflegt. Von dem Glauben aber, der dadurch erweckt werden soll, können wir gar nichts sagen. Man mag es eher einen Aberglauben als wahren Glauben nennen, wenn der Toten Fressigkeit in Gräbern hiervon etwas in denen Hertzen der alten Weiber erwecken sollte. Unser Glaube ist genugsam aus den Schriften Mosis und derer Propheten bestätiget, und wenn wir diese nicht hören wollen, werden wir auch denen Toten nicht glauben, wenn sie gleich aus den Gräbern wieder kämen und uns predigten.

§ 17

Die andere Art der wahren Wunderwerke hat mit der göttlichen Vorsehung zu tun, die wir deswegen Wunderwerke der Providentz genennet. Es sind dieselbigen nichts anders als Exempel der sonderbaren göttl. Versehung, welche über die gewöhnliche Ordnung der Natur zu Erhaltung und Bewahrung unsers Leibes und Lebens zu geschehen pflegen. Zu einem Exempel hiervon dienet uns dasjenige Mägdaen, welches vor weniger Zeit in der Mark Brandenburg von einem räuberischen Wolfe rücklings mit dem Rachen zwar ergriffen, aber von der Bestie bald wieder ohne einige Verletzung niedergesetzt und verlassen worden. Dergleichen Wunderwerke geschehen zu unsern Zeiten fast noch täglich, aber sie zielen allezeit auf unsers zeitlichen Lebens Erhaltung ab. Dass man das Kauen und Schmatzen der Toten nicht hierher rechnen könne, ist ausgemacht. Denn es dienet solches mehr zu des menschlichen Lebens Verderbung als Erhaltung.

§ 18

Da nun auf keinerlei Art und Weise dieses Wunder-Zeichen der Natur unter die göttliche Wunder Werke gesetzt werden kann, so entstehet eine neue Frage: Ob es nicht dem Teufel und dessen Wirkungen, die er in die natürlichen Körper tut, zuzuschreiben sei? Der größte Teil der Menschen ist geneigt, solches zu bejahen. Denn da sie die verborgenen Kräfte der Natur nicht erkennen, etwas göttliches aber daran nicht wahrnehmen, so wissen sie es nichts anders als einer teuflischen Magie und verborgenen Wirkung des Satans zuzuschreiben. Wir selbst können nicht leugnen, dass wir nicht ehemals dieser Meinung sollten zugetan gewesen sein. Die Schalkheit dieses höllischen Geistes, die Menschen zu betrügen, ist so groß und vielerlei, dass sie niemals genug erforscht werden kann. Was Wunder demnach, wenn wir uns zu Beipflichtung dieser Meinung sonst allezeit geneigt finden lassen? Alleine da wir das merkwürdige Exempel eines kauenden und schmatzenden Toten in genaue Erwägung zogen, so bemerkten wir drei Umstände, die uns bewegten, von dieser Meinung abzugehen. Denn wir erkannten, dass 1) kein Blendwerk dabei vorgehe, 2) dem Teufel keine Gewalt über der Menschen Tod und Leben zukomme, und 3) die Umstände lauter natürliche Ursachen anzeigten.

§ 19

Die erste Ursache ist, dass die äußerlichen Umstände dieses Wunder-Zeichens keinen Schein einiger teuflischen Betrügerei zu erkennen geben. Von denen Gespensten und teuflischen Erscheinungen ist bekannt, dass sie nichts anders denn ein Blendwerk sind. Wir vermeinen zwar, wirklich etwas zu sehen, und wenn wir näher hinzu kommen, werden wir nichts gewahr. So ist es auch mit dem Gehöre beschaffen in Ansehen des Geräusches, das die Gespenster bisweilen in Küchen und Kellern machen, da es vielmals scheinet, als wenn alles zu tausend Trümmern ginge, da man doch nachgehends alles unversehrt an seinem Orte findet. Es ist dieses nicht zu verwundern. Der Teufel, als ein vollkommener Geist, kann in eines andern Imagination und Einbildungs-Kraft gar leichte allerhand Vorstellungen von gebildeten, ingleichen von empfundenen und gehörten Dingen erwecken, obgleich eigentlich und wirklich nichts vorhanden ist, das in die Sinne fället. Es erhellet dieses aus denjenigen Erscheinungen, welche einem alleine geschehen, da viele, die sich dabei befinden, nichts vermerken. Es pflegt zwar bisweilen auch die Erscheinung dem Menschen wirklich in die äußerlichen Sinne zu fallen, wenn nämlich der Geist in der Luft einen Leib, der nur den Schein davon hat, annimmt. Alleine es ist derselbe allezeit so beschaffen, dass wenn man mit einem Lichte hinzu nahet, solcher von sich selbst verschwindet.

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§ 20

Wenn wir das Kauen und Schmatzen der Toten betrachten, so werden wir nichts von einem dergleichen Blend-Werke gewahr. Haut, Haare, Bart, Nägel und alle übrigen Glieder des oben beschriebenen Hungarischen Körpers haben von einem jedweden betastet werden können. Es hat auch der Teufel, oder wer derjenige Geist gewesen, der nach der irrigen Meinung des Pöbels durch das Kauen und Schmatzen des obgedachten Körpers in den Häusern der Menschen ein so großes Sterben verursachet, sich auf keinerlei Weise als ein Gespenste denen, die sich seinen Wirkungen widersetzet, geoffenbahret, welches doch sonst insgemein zu geschehen pflegt. Wir lesen zwar in der Hungarischen Relation, es sei der verstorbene Plogojowitz zu denen Leuten im Schlaffe gekommen, habe sich auf ihre Leiber gelegt, und sie dergestalt gewürgt, dass sie des Todes darüber sein müssen; wir lesen auch ferner, er sei zu seinem Weibe gekommen und habe von ihr seine Schuhe begehret. Alleine was eigentlich von diesen Umständen zu halten sei, wollen wir weiter unten anzeigen. So viel mag vorjetzo zu gedenken genug sein, dass von der Einbildung einer Sache auf deren wirkliche Existenz kein Schluss zu machen sei, sonsten müsste auch der Alp und andere Krankheiten, die in der Einbildung bestehen, denen Geistern zuzuschreiben sein.

§ 21

Die andere Ursache, die uns abhält, dass wir dem Teufel das Kauen und Schmatzen der Toten nicht zueignen können, bestehet darinne, dass demselben keine Gewalt über der Menschen Leben und Tod zukömmt. Gott hat sich dieses als ein besonderes Regale alleine vorbehalten. Denn da er die Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen, hat er niemanden einiges Recht über deren Leben und Tod zugestanden, als der Obrigkeit, die seine Stelle vertritt. Diese alleine kann das Schwert der Gerechtigkeit über die Übeltäter ziehen. Wer wollte aber dem Teufel, dem von Gottes Angesichte verstoßenen und zur ewigen Höllen-Straffe verdammten Geiste, eine so große Gewalt über das durch den Sohn Gottes zu Gnaden gebrachte menschliche Geschlechte zugestehen, dieselben nach Gefallen zu töten, oder zu erhalten? Außerordentlich schickt zwar Gott bisweilen zu Bestraffung der Menschen gewisse Executores seiner Gerichte, aber den Teufel ist er nach seiner ihm beiwohnenden Heiligkeit nicht gewohnt, leichtlich hierzu zu erwählen. Wir lesen zwar von Hiob und andern Heil. Männern in Heil. Schrift, dass sie vom Teufel sehr übel traktiert und mit Ruthen und Fäusten gar sehr geschlagen worden. Alleine ob derselbe gleich solche Lizenz von niemand anders als dem großen Gott erhalten können, so ist sie doch allezeit so eingeschränkt gewesen, dass er ihnen nicht ans Leben kommen können. Woher soll ihm nun die so große Gewalt bei dem Kauen und Schmatzen der Toten kommen? Es ist gewiss recht entsetzlich zu sagen, dass der Teufel innerhalb sieben Tagen auf zehn Menschen gewaltsamer Weise hingerichtet haben sollte, und dass er deren noch mehr habe hinrichten wollen. Es läst zwar Gott bisweilen dem bösen Geiste zu, dass er mit seinen Erscheinungen manchen Menschen ein solches Schrecken einjaget, dass sie vor Alteration des Todes sind. Alleine auf solche Weise ist der Teufel nur eine zufällige Ursache des Todes, nicht aber eine Haupt-Ursache, wie es bei dem Kauen und Schmatzen der Toten sein müsste, wenn man solch Wunder-Zeichen der Natur dem Teufel zuschreiben wollte.

§ 22

Die dritte Ursache, die uns verhindert, dass wir das Kauen und Schmatzen der Toten dem Teufel nicht zuschreiben können, ist, dass alle Umstände lauter natürliche Ursachen anzeigen. Wir leugnen zwar nicht, dass die Zauberer, Hexen und andere Unholde, die dem Teufel dienen, sich der natürlichen Dinge, sonderlich des Auswurfes und Unflats der Leiber bei ihren teuflischen Künsten zum Schaden des Menschens bedienen. Alleine die Umstände, womit es geschieht, sind allezeit so beschaffen, dass ein jeder leichte daraus ihre teuflische Zauberkunst erkennen kann. Dieses aber kann man bei dem Kauen und Schmatzen der Toten nicht wahrnehmen. Denn da äußern sich solche Umstände, die offenbar das Gegenteil bezeugen. Der Hungarische Körper ward weder verschnitten noch verstümmelt, sondern ganz und vollkommen im Grabe gefunden. Der natürl. Auswurf des Leibes z. E. die Haare, Bart, Nägel etc. haben ihr Wachstum und die Leute, die darauf den Tod erlitten, haben nicht das geringste Zeichen einer teuflischen Bezauberung von sich gegeben. In übrigen, wenn auch denen Hexen hier etwas zuzuschreiben wäre, kann man doch nicht glauben, dass etwas anders daraus entstehen sollte, als solche Bezauberungen, die zwar der Gesundheit und Integrität des Leibes schädlich sind, aber doch auf keinerlei Art und Weise dem Leben Gefahr bringen, geschweige gar einen schleunigen Tod nach sich ziehen. Der verursachte Tod rühret bloß von Gottes Willen her und der Schaden des Leibes, den sonst der Teufel bisweilen intendiert, ist hier nicht einmal erfolget.

§ 23

Bei so gestalten Sachen ist nicht zu zweifeln, dass nicht alle übernatürl. Ursachen hier cessiren sollten. Es muss daher dieses Wunder-Zeichen bloß aus denen Kräften der Natur erklärt werden. Aber nun fragt sich: aus was vor welchen? und auf was vor Weise? Es finden sich einige unter denen Welt-Weisen, die die Existenz derer Mittel-Geister oder so genannten Dæmonum behaupten, unter welchen der bekannte Herr. D. Rüdiger die oberste Stelle verdient. Sie unterscheiden dieselben von denen bösen Geistern, die sonst Teufel heißen, und beschreiben sie als unvollkommene Geister, mit einem elementarischen Leibe umgeben, welche zwar eine Empfindung, Gedächtnis und Wissenschaft, aber keinen Verstand und Überlegung haben. In der Geister-Welt, sagen sie, wären sie eben dasjenige, was die unvernünftigen Tiere in der Tier-Welt sind. Sie rechnen dahin alle diejenigen Erscheinungen und Gespenster, die man sonst Bergmännigen, Kobolde, Bier-Esel, Drachen und dergleichen nennet. Die H eiden haben ehemals viel von diesen Dæmonibus gedichtet und sie Schatten und Nacht-Geister, Haus- und Polter-Geister, Waldgötter etc. u. d. g. geheißen. Sie hielten sie vor gute Geister (Spiritus) welche weder Schaden täten, noch in einer schrecklichen Gestalt erschienen. Theophrastus Paracelsus, den man der Zauberei wegen vor sehr verdächtig gehalten, heißt sie ausdrücklich die gütigen Geister, welches auch Georgius Agricola tut, der sie mites nennet und denen immitihus oder bösen entgegen setzet.

§ 24

Wir verwerfen diese und alle dergleichen Dæmones und Mittel-Geister, weil Vernunft und Schrift nichts davon wissen. Was aber in den Bergwerken, Häusern und Wäldern von solchen Unholden wahrgenommen wird, das zeuget sattsam von des Teuffels Bosheit. Der sehr belesene und gelehrte Garmann in Tract. de Mirac. Mort. Lib. I. Tit. III p. 122 urteilet von ihnen ganz recht, wenn er schreibet: "Ich statuiere mit dem P. Thyræo keine Geister, die entweder ganz gütig, oder ganz grausam sind. Welche jetzt gütig, die sind nachgehends grausam, und welche jetzt grausam, die erzeigen sich hernach wieder gütig. Denn auch denen gütigen fehlt es nicht an Bosheit noch an Willen und Vermögen zu schaden. Die uns hassen, können als verschlagene Geister, die tausend Künste wissen, sich auch wieder in Engel des Lichts verstellen und den Schein der größten Gütigkeit an sich nehmen. Es gilt hier das Sprichwort des Pöbels: Es ist ein Teufel wie der andere. Dieses sagt nun zwar Garmannus, aber nicht der Pöbel in Hungarn. Denn dieser scheinet, nach der oben angeführten Relation, ebenfalls die Ursache des Todes bei dem obgedachten Wunder-Zeichen denen Dæmonibus oder Mittel-Geistern zuzuschreiben. Denn wir lesen, dass sie unter andern gegen den Kaiserl. Provisorem ausdrücklich gesprochen: sie müssten Haus und Gut verlassen, wenn nicht in kurzen eine gerichtliche Besichtigung angestellt und der Körper nach ihrem Gebrauch vernichtet würde; denn sie besorgten, es möchte endlich durch solchen üblen Geist das ganze Dorf zu Grunde gehen. Dieses bekräftigen selbst die Sterbenden, die ausdrücklich bezeugt haben, dass der verstorbene Plogojowitz als ein Incubus und Nacht-Gespenste auf sie gefallen sei und sie bis auf den Tod gewürgt habe. Aber wer will doch solche Wirkungen einem gütigen Geiste zuschreiben, und wer erkennet nicht sattsam aus diesen Klauen den höllischen Löwen, wenn man wirklich denen Geistern hier etwas zuschreiben wollte?

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§ 25

Alles demnach, was von denen kauenden und schmatzenden Toten zu merken ist, muss aus der Körperlichen Welt erkläret werden. Ehe wir aber in Thesi etwas setzen, haben wir vor allen Dingen auf die Seite zu räumen, was der menschliche Aberglaube entweder aus einer betrogenen Phantasie oder aus einer vorgefassten Meinung diesem Wunder der Natur angedichtet hat. Hierher gehört 1.) dass dergleichen Tote mit einem hellen Laut kauen, 2.) ihre Sterbe-Kleider mit dem Munde fressen, 3.) insgemein von weiblichen Geschlechte sein, 4.) vornehmlich zu Pest-Zeiten existieren und 5.) keinen anderen als der nächsten Anverwandten Tod verursachen sollen. Was das erste anbetrifft, so stimmen alle Nachrichten von denen schmatzenden Toten überein, dass sie in den Gräbern nach Art der Schweine mit einem hellen Laut mit den Zähnen kauen, daher sie auch die schmatzenden Toten genennet worden sind. Alleine das neueste Exempel, das wir neulich aus Hungarn bekommen, gedenket nichts von diesem Schwein-Schmatzen; woraus erhellet, dass solches ein Gedichte sei, das aus der Leute Aberglauben entstanden. In denen Historischen Jahr-Büchern wird zwar viel von solchen Laut und Stimmen, so auf denen Gottes-Äckern, Grabmahlen, ja in denen Begräbnissen selbsten, ingleichen in denen Häusern und an anderen Orten gehöret worden, erzählet, alleine die Wahrheit der Sache beruhet meistenteils auf alten Weiber-Mährgen. Wir wollen zwar nicht gänzlich in Abrede sein, dass nicht der Teufel auf denen Gottes-Äckern sich bisweilen eine große Gewalt heraus nehmen sollte, aber es geschieht nicht so oft, als insgemein vorgegeben wird, weil Gott die Gräber der Frommen bewahren und vor des Teuffels Bosheit und Gespötte unversehrt erhalten will. An den Orten aber, wo Totschläge und Schlachten geschehen, leugnen wir nicht, dass nicht bisweilen sollten Gespenster gesehen, vielerlei Geräusche vernommen, unterirdische Stimmen und andere klägliche Worte und Seufzer gehört worden sein, aber dass dergleichen auch auf Kirch-Höfen und Gottes-Äckern als an heil. Stätten geschehen sollte, leugnen wir billig.

§ 26

Von denen alten H eiden lesen wir, dass sie gar viel von diesem unterirdischen Schall und Stimmen geglaubt, aber in Anzeigung der Ursachen hiervon haben sie niemals überein gestimmt. Die alten Sarmatæ scheinen die Ursache dieses unterirdischen Getönes denen Geistern zugeschrieben zu haben. Denn also erzählen Joh. Meletius in Epist. de Relig. Boruss. ad Georg. Sabin. und Jo. Losicius, dass sie über den Gräbern die Säbel gezogen und mit diesen Worten in die Luft geschlagen hätten: Ey! packet euch ihr Geister in eure finstern Höhlen. Die Griechen schrieben die Ursache denen Seelen derer Verstorbenen zu, von welchen sie glaubten, dass sie nach dem Abscheiden sausten und klirrten. Es läst sich daher Homerus Iliad. Lib. XXIII. v. 100. Edit. Cantabrig. p. 636. von der Seele des Patrocli also vernehmen.

[…] Die Seele fuhr als ein Rauch mit vielen Sausen unter die Erde. Von diesem Sausen und Klirren der Seelen gedenket derselbe an einem andern Orte noch mehr, wenn er sich also hören läst: […] Diese aber folgten mit einem Sausen. Denn wie die Fledermäuse aus ihren Löchern mit einem starken Sausen heraus fliegen, wenn eine von ihnen von dem Felsen, daran sie haufenweise hangen, herab geworfen wird: also gehen auch sie, hintereinander sausend her. Diogenes Laërtius schreibet von des Hesiodi Seele also: […] "Es erzählet Hieronymus, er sei in die unterirdischen Örter gefahren und habe des Hesiodi Seele an eine eherne Säule angebunden, gesehen, wie sie gerauscht und gesauses habe, vinculis adstrictam stridentemque vidisse." Wenn Menippus bei dem Luciano aus der Höllen zurücke kömmt, erzählt er unter andern: […] Es begegneten uns daselbst die rauschenden Seelen der Toten. Sophocles eignet deswegen denen Seelen ein Summen zu, wie die Bienen sonst von sich hören lassen.

§ 27

Wenn wir sagen sollen, was uns davon wahr zu sein düncket, so glauben wir, dass insgemein solch unterirdisch Geräusche, Getöse und Getöne entweder aus einer abergläubischen Meinung oder falschen Einbildung entstehe. Wie viel der Aberglaube in denen Gemütern der Menschen vermöge, erkennen wir in diesem Stücke an denen H eiden. Sie schrieben denen Seelen der Verstorbenen ein Sausen u. Sumsen zu, um keiner andern Ursache willen, als weil sie allerhand abergläubische Meinungen von dem Zustande der Seelen nach dem Tode hegten. Wenn sie diese nicht gehegt, würden sie das unter der Erde vernommene, Rauschen und Seufzen vielmehr dem unterirdischen Feuer zugeschrieben haben, als welches vielmals mit der größten Gewalt durch die engen Stein-Klüfte und Felsen-Löcher durchdringet und einen fürchterlichen Laut, wie ein Geheule von sich gibt. Sehr schön hat dergleichen Getöse der seel. D. Thomas Ittig in Præf. ad. Hist. Dan. p. 4. mit denen Donner-Wettern verglichen und selbsten unter die Arten des Donners gezählt. Es verursachet auch ein dergleichen Knallen und Platzen das Eis, wenn es wie in Island an die See-Klippen stößt, welchen Schall mit gleicher Absurdität vorzeiten die abergläubischen H eiden denen verdammten Seelen zugeeignet, wie solches Saxo Grammaticus und Marinier bezeugen.

§ 28

Was nun vor alten Zeiten das Gift des Aberglaubens in den ehemaligen H eiden wirken können, das kann es noch bis diese Stunde in den Hertzen der Christen wirken. Sie erkennen insgemein die Ursachen des unterirdischen Knalls nicht, welche vielerlei sein können, daher bilden sie sich gleich ein, sie hätten die Toten in den Gräbern kauen und pochen gehört. Es sind natürliche Ursachen genug vorhanden, die eigentlich das Getöse in den Gräbern verursachen, worunter wir vorietzund nur das Einfalles des Sarges rechnen wollen, welches schwerlich ohne Geräusche und Getöse abgehen kann. Es verlohnt sich der Mühe, das sonderbare Meteoron, das sich zu Gotha ereignet, hier anzuführen. Mich. Bernh. Valentinus erzählet solches also: "Ein gewisser Totengräber machte ein Grab und stieß auf einen ganz verfaulten Sarg, der nichts denn Toten-Beine in sich hielte. Als er solchen auf die Seite tun will, vernimmt er einen Laut, als wenn eine Gans zischte und schnatterte wobei er zugleich wahrnimmt, dass aus dem äußersten der Gebeine ein Schaum einer Faust groß heraus dringt, und zwar mit einem solchen Gestanke, dass er Maul und Nase zuhalten muss. Er setzt sich darauf auf die andere Seite des Grabes und will sehen, was endlich daraus werden wird. Nicht lange darnach gibt die ausgeschäumte Materie einen solchen Knall von sich, als wenn einer eine Pistole gelöst, worauf ein blauer Rauch hervor steigt und sich in die Höhe dreht, der die Luft mit einem noch viel stärkern Gestanke als vorher der herausgequollene Schaum getan, erfüllet, so dass der Toten-Gräber ohnfehlbar davon des Todes gewesen sein würde, wenn er nicht in höchster Eil das Grab verlassen, sich nach Hause begeben und gewisse Artzn eien eingenommen hätte." Aus dieser Begebenheit lässt sich genugsam schließen, dass es gar viel und vielerlei natürliche Ursachen gebe, dadurch ein Laut in denen Gräbern entstehen könne, welche gewiss sonst Niemand vor übernatürlich ausgeben wird, als der voller Aberglauben ist.

§ 29

So viel aber dem Aberglauben in diesem Fall zuzuschreiben ist, so viel kann man auch der falschen Einbildung zueignen. Wir geben zwar zu, dass wir durch die Sinne die Wahrheit empfinden, aber es müssen dieselben unversehrt, gesund und richtig sein. Es kann aber dieselben nichts mehr verderben, als Furcht und Schrecken, welches nach dem Ausspruch des Ciceronis, das Gemühte verrücken kann. Es scheinen alsdann viele Dinge, als wenn sie wirklich wären, und sind es doch nicht. Denn wenn das Schrecken das Hertze einnimmt, verrückt es den Verstand, erfüllt das Gemühte mit vielen nichtigen Bildern, und macht es voller Irrtum und Ungewissheit. Wer will sich daher verwundern, wenn ein Schreckens-volles Weib, oder sonst eine Person dieses Gelichters auf denen Kirchhöfen und Gottes-Äckern bisweilen etwas klopfen und rauschen gehört, welches doch nichts, denn eine falsche Einbildung ist. Man könnte eine große Anzahl von Exempeln anführen, wenn wir alle Jahr-Bücher und Chroniken, die man in unserm Sachsen fast von einer jedweden Stadt ausweisen kann, durchgehen wollte. Nur eins davon anzuführen, so wird erzählt, dass einstmals zu Harburg in dem Grabe einer gewissen adeligen Dame einige Tage lang ein Klopfen gehört worden. Nachdem man nun das Grab so wohl als den Sarg geöffnet, hat man an dem Körper nicht das geringste Zeichen eines Lebens oder Bewegung wahrgenommen. Jedoch da man den Sarg wieder eingescharrt, hat es den Leuten abermals gedeucht, als hörten sie pochen. Sie werden hierdurch bewogen, den Sarg von neuen zu eröffnen, aber sie haben diesmal eben so wenig an dem toten Körper veränderliches gefunden, als das vorige Mal.

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§ 30

Ein ganz sonderbares Exempel eines klopfenden Toten erzählet Herr George Gottlob Pitzschmann im Leichen-Redner p. 886. folgender gestalt: Zu Buntzlau in Schlesien ward A. 1701. ein gewisser alter Mann den vierten Tag nach seinem Tode mit gewöhnlichen Zeremonien zur Erden bestattet. Nicht lange darnach vernimmt der Toten-Gräber im Grabe ein Klopfen. Dieser, der es wenig achtet, geht darauf nach Gewohnheit in die Schenke, u. erzählet etwas davon denen bei ihm sitzenden Zech-Brüdern. Sie ermahnen ihn, er solle es der Stadt-Obrigkeit anzeigen, weil der Verstorbene vielleicht noch einiges Leben bei sich haben könnte. Der Toten-Gräber tut es. Er geht zum Magistrat der Stadt, erzählet ihm, was er gehört, und bewegt ihn, dass er befielt, den Toten wieder auszugraben. Alleine da man das Grab geöffnet, findet man nichts weiter veränderliches darinnen, als dass die Decke des Sarges wegen allzu großen Last der Erde, die darauf geworfen worden, eingebrochen, wovon es einen solchen Laut gegeben, als wenn es klopfte oder pochte. Man erkennet aus diesem Exempel, wie oft und leichte die Gemühter der Menschen von der falschen Einbildung betrogen werden können. Es scheinet daher Cassius bei dem Plutarcho nicht unrecht gesprochen zu haben: […] "Brute, das ist unsere Meinung; Dass nicht alles, was wir empfinden oder sehen, wahr ist, sondern es ist mit denen Sinnen eine schlüpfrige und betrügliche Sache." Die sinnlichen Dinge, die man einmal empfunden, werden in das Gemühte dergestalt eingedrückt, dass sie nicht eher wieder ausgerottet werden können, als bis die wahre Ursache aufs deutlichste unter die Augen gestellt worden. Es mag uns demnach von denen klopfenden und schmatzenden Toten jemand sagen, was er will, so leugnen wir sie dennoch gänzlich. Denn die Leute, die etwas davon gehört haben wollen, sind entweder durch den Aberglauben oder die Einbildung betrogen worden.

§ 31

Wir kommen nunmehr auf einen andern Umstand, den der abergläubische Pöbel bei dem Kauen und Schmatzen der Toten wahrgenommen zu haben glaubet und den wir als irrig hier verwerfen. Er bestehet darinnen, dass man vorgibt, die Toten fräßen in diesem Fall ihre Kleider. Aber wem ist nicht das Sprichwort bekannt, dessen sich schon vorlängst Theodotus bei dem Plutarcho bedient: […] ein Toter beist nicht mehr: Denn nach Auflösung des natürlichen Bandes zwischen Leib und Seel, hören auch alle Verrichtungen auf, die aus dieser Vereinigung herkommen. Wir reden aber jetzt von denen wahrhaftig Toten, nicht aber von denen Eplilepticis, Synocopticis, Hystericis oder Ecstaticis, die alle bisweilen auch den Schein haben, als wären sie tot, und doch zu solcher Zeit solche Dinge tun können, die denen Lebenden eigen sind. Von solchen ist hier die Rede nicht. Die Exempel zwar, welche wir oben von denen schmatzenden Toten angeführt, stimmen größtenteils darinnen überein, dass die Toten ihre Sterbe-Kleider, so wie sie solche mit dem Munde haben erreichen können, gefressen und verschlungen hätten. Alleine das ganz sonderbare Exempel aus Hungarn, welches wir hier vernehmlich zu untersuchen vor uns haben, gibt uns von diesem Umstande keine Nachricht. Der ausgegrabene Plogojowitz hat seine Sterbe-Kleider noch alle ganz gehabt. Das einzige, was da scheinet, hierher zu gehören, ist das Blut, das man in dessen Munde gefunden, und von welchem man geglaubt, es sei von denen, durch ihn umgebrachten, gesogen worden. Alleine was davon zu halten sei, wollen wir an seinem Orte umständlich zeigen.

§ 32

Die heutigen Juden, Türken und andere dergleichen Völker haben von dem unterirdischen Fressen derer Toten viel gedichtet, wovon wir etwas hier gedenken wollen. Denen Toten selbst haben sie sich zwar nicht unterstanden, die Ursache zuzuschreiben, sie haben aber der Sache Wahrheit mit so schlechten Ursachen bekräftiget, dass wir sie nicht wert achten, zu widerlegen. Von denen Juden ist bekannt, dass sie vier Haupt-Teufel oder Dæmones glauben, die sie Sammaël, Azazel, Asaël, und Muchazaël nennen. Unter diesen ist der Azazel derjenige, der mit seinem Gesellen, dem Samchasai, vom Himmel gefallen zu sein geglaubt wird, BUXTORFF. in Lexic Talmud. col. 1593. und von welchem die Juden vorgeben sollen, er habe sich in eine Schlange verwandelt und die ersten Eltern verführet, worauf er durch einen göttlichen Fluch dazu verdammt worden, dass er Erde und Staub fressen sollen. Hieraus haben sie nachgehends geschlossen, es sei dem Azazel das Fleisch und was von dem Menschen nach dem Tode übrig bleibet, zu einer Speise bestimmt worden. Aber es sind dieses einfältige Possen, deren sich selbst die klugen Juden in Ernste vorzubringen schämen.

§ 33

Wenn es erlaubt ist, zu sagen, was hiervon wahr ist, so ist es ein Gedichte und ein Mährgen, welches die unsrigen denen Juden aus denen nicht recht verstandenen Rabbinischen Schriften angedichtet. Denn alles was diesfalls zum Beweiß vorgebracht werden kann, scheinet aus Buxtorffii Synag. Jud. genommen zu sein, allwo Elias Gramaticus also geschrieben haben soll: "Der Rabbinen Meinung ist, dass wenn ein Jude aus dieser Welt gegangen und begraben worden, der Engel des Todes komme und sich aufs Grab setze, da denn zu gleicher Zeit dessen Seele in den leib kehre und ihn aufrichte; dieser Engel des Todes nehme alsdann eine eiserne Kette, die halb kalt u. halb warm ist, und schlage damit zweimal den Körper; bei dem ersten Schlage würden die Leibes-Glieder alle aus einander gerissen; bei dem andern Schlage betreffe es die Gebeine, und wenn endlich mit dem dritten Schlage die Zugabe geschähe, werde der ganze Leib in Staub und Asche verwandelt." […] Alleine wer will doch hieraus beweisen, dass die Juden von dem Azazel glaubten, er nähre sich von den Leibern derer Toten. Immittelst wird es bei denen Seribenten, die von Garmanno u. Rohrio häufig allegirt werden, vor eine ausgemachte Meinung gehalten. Mit der Jüdischen Mauß, welche die Körper derer Verstorbenen bald nach ihrer Beerdigung so grausam beißen soll, dass sie vor Schmerzen schreien müssen, ist es eben so beschaffen. Wir halten dieses vor ein Gedichte, ob gleich der große Theologus D. Martin Geyer die Sache ganz umständlich erzählt, wenn er schreibt: "Wenn die Juden über dem Grabe ihre Kleider zerrissen haben, so laufen sie alle mit großen Geschrei und Lärmen von dem Gottes-Acker, damit sie das tödliche Schreien des Verstorbenen nicht hören mögen, welches derselbe ihrer Meinung nach unter der Erden, wenn er von der Mauß an die Nase gebissen wird, von sich geben soll, und wovon derjenige, der es gehört, innerhalb 30. Tagen gleichfalls sterben muss."

§ 34

Die Mahometaner sind von diesen Träumen nicht weit entfernt, als welche aus einem nichtigen Aberglauben davor halten, dass wenn ein Körper eine Viertel Stunde lang im Grabe gelegen, so werde ihm von Gott sowohl ein neuer Geist eingegeben, als es kämen auch zwei Engel zu ihm, welche brennende Fackeln in der Hand hätten, und unter einer schrecklichen Gestalt den Verstorbenen wegen seines geführten Lebens und Wandels examinierten; wenn sie nun befänden, dass derselbe solches mit vielen Lastern beflecket, schlügen sie ihn mit feurigen Peitschen, wo er aber ein unsträflich Leben geführt, so gäben sie ihm die Gestalt eines schönen Engels und sprächen ihm auf das allerfreundlichste zu. Es erzählet dieses Philippus Lonicerus; in Chron. Turc. L. I. p. 119. Doch stimmen die andern Scribenten damit nicht überein: Sandys und Phil. Baldus nennen diese schwarzen und missgünstigen Geister bald Moncar und Nacir, bald Mongir und Guarequir, bald Mungir und Quoregner. Edo Pocokius erzählet das unterirdische Examen derer Toten in Gräbern also: Wenn der Tote recht geantwortet, so lassen sie ihn sanfte schlafen, wo aber nicht, peinigen sie ihn mit harten Schlägen, die sie ihm mit einem eisernen Hammer zwischen die Ohren geben, dergestalt, dass das Geschrei jedermann zwischen Morgen und Abend hören kann. Gerhard Cornelius Driesch in der Historischen Nachricht von der K. Kaiserl. Groß-Bothsch. nach Constantinopel Lib. I. sect. 8. p. 114. erzählet die Umstände hiervon also: "Die Türken, spricht er, machen ihre Gräber viel weiter als unsere und zwar aus dieser Ursache, damit die Toten mit Hilfe des guten Engels Gebrai oder Gabriel, dem sie im Grabe ein gewisses Behältnis anweisen, desto bequemer mit den bösen Geistern, die sie Aruth und Maruth nennen, streiten können". Jedoch da er nichts weiter hiervon gedenket, läst sich leichte daraus erkennen, dass dieses ganze Vorgeben nichts anders, denn eine Sage des abergläubischen Pöbels sei.

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§ 35

Von dieser Beschaffenheit scheinet auch derjenige Heidnische Geist zu sein, den sie Eurynomon oder Euryonium nennen. Die Priester, die ehemals zu Delphis gewesen, zählten ihn unter die unterirdischen Götter und gaben vor, er fresse das Fleisch der Toten, so dass er nichts weiter als die Gebeine übrig lasse. Die Gestalt, worinne sie diesen Götzen abbildeten, war schrecklich. Denn sie mahlten ihn mit fletschenden Zähnen, in einem Fuchs-Pelze sitzende, in blauer und schwarzer Farbe. Ob der Geist des Asuiti, davon Saxo Grammaticus gedenket, von gleicher Beschaffenheit gewesen, lassen wir an seinen Ort gestellt sein. Er läst sich aber daselbst von ihm also vernehmen:

[…] "Ich weiß nicht, durch was vor eine unterirdische Gottheit der Geist des Asuiti aus der Höllen herab gesendet worden, welcher mit seinen grausamen Zähnen das Feder-Vieh frisst und an die Hunde seinen unsäglichen Fress-Rachen setzet. Er ist nicht einmal mit Pferde-Fleisch zufrieden, sondern setzet seine räuberischen Klauen in mich selbsten und nach einer abgerissenen Wange nimmt er mir ein Ohr: Es gibt daher das zerfleischte Angesicht ein schreckliches Ansehen und in der grausamen Wunde sieht man nichts denn Blut."

Jedoch es sei dem, wie ihm wolle, so ist so viel gewiss, dass Pausanias selbst an der wahren Existenz dieses fressenden Geistes gar sehr gezweifelt. Denn er spricht ausdrücklich: dass weder bei dem Homero in seiner Odyssea, noch in dem Gedichte, so Minyas genennet wird, noch in dem so genannten letztern, welches von der Wiederkunft handelt (in welchen allen vornehmlich von der Höllen und denen schreckhaften Dingen unter der Erden gehandelt wird) etwas von einem Dæmone gedacht werde, der Euryomus heiße. […]

§ 36

Jedoch wir wollen diese Narren-Possen bei Seite setzen, und uns zu einigen wahrscheinlichern Ursachen dieses unterirdischen Fressens wenden, die unserm Bedüncken nach, bei gewissen Tieren zu suchen sind. Von der Hyæna und andern dergleichen Fleischfressenden Tieren, von welchen Garmannus sehr weitläufig handelt, ist hier nicht die Rede. Denn von solchen ist bekannt, dass sie ganze Körper aus den Gräbern reißen und nach Art der Bäre in Russland, deren Wut Adam Olearius sehr schön beschreibet, fressen. Zum Zeugen können wir diesfalls den heil. Chrysostomum anführen, der an einem gewissen Orte also schreibet: "Die Hyæna wird niemals bei Tage gesehen, sondern allezeit bei der Nacht, niemals im Lichte, sondern allezeit im Finsternis; sie hat die Art, dass sie die Körper der Toten ausgräbt und sie frisst; wenn nun jemand eine Leiche liederlich begräbt; gräbt sie solche bei der Nacht aus, trägt sie davon und frisst sie; wo nur Gräber und Gebeine sind, da ist auch der Hyæna ihr Aufenthalt." Siehe PLINIUM in Hist. Nat. L. VIII. c. 30. KORNMANN. de Mirac. Mort. P. X. c. 21. und ROHRIVM de Mastic. mort. c.2. th. 4.

§ 37

Von denen Blutsaugenden Strigibus oder Nacht-Vögeln wird bei dem Delrio und einigen andern Scribenten verschiedenes erzählet. Ovidius beschreibet sie also:

[…] "Es gibt sehr hungrige Vögel etc. Sie haben einen großen Kopf, stehende Augen, Schnäbel, die zum Raube geschickt sind, graue Federn, und starke Klauen. Sie fliegen bei der Nacht, trachten nach den kleinen Kindern und rauben sie aus den Wiegen. Man sagt: sie fressen die milchreichen Brüste der Mütter und haben stets den Hals voll Blut. Sie heißen Striges und haben daher den Nahmen, weil sie bei der fürchterlichen Nacht ein großes Geräusche machen." Alleine es erhellet hieraus noch nicht genugsam, dass sie Fleisch fressen. Wir wollen daher einen andern, obwohl viel jüngern Poeten, hören, welches Io. Stiegelius ist, der von den Strigibus sich also vernehmen läst:

[…] "Sie haben einen großen traurigen Kopf, allezeit funkelnde Augen, einen räuberischen Schnabel, leeren Bauch, einen Hals voller frischen Bluts, und starke Klauen, so geschickt zum Raube sind; sie saugen der Menschen Leiber aus und fressen derselben Eingeweide; ihre Kehle ist mit Menschen-Blute angefüllt."

Wenn wir diesen Strigibus bei dem Kauen und Schmatzen der Toten etwas zuschreiben sollten, würden wir die Ursache sehr schön dartun können, warum in dem Munde des obengedachten verstorbenen Plogojowitzens Blut gefunden worden. Alleine da in demselben Körper kein Anzeigen einer Freßigkeit anzutreffen gewesen, würde es eine törichte Mutmaßung sein, wenn wir derselben im Ernst nachhängen wollten. Dass immittelst dergleichen Vögel wirklich vorhanden sind, wollen wir aus Aristotelis Histor. Anim. L. IX. c. 30. Schriften nicht in Zweifel ziehen, wir wollen auch zugestehen, dass sie das Blut der kleinen Kinder, wenn sie dazu kommen können, saugen; dass sie aber überdies auch die Brüste der Kinder mit ihren Schnäbel ausmelken sollten, wollen wir ietzund nicht untersuchen. Doch ist so viel gewiss, dass es allerdings manchmal hat geschehen können, dass dergleichen Vögel eine Ursache desjenigen Fressens gewesen, das man an denen kauenden und schmatzenden Toten will wahrgenommen haben, insonderheit, wenn die Gräber nicht genugsam verwahret und zugedeckt gewesen.

§ 38

Es gibt noch mehr dergleichen Tiere, welche Menschen-Fleisch fressen, und welche leichte zu den Gräbern kommen und Körper darinnen benagen können. Die erste Stelle verdienen hier die Schlangen, von welchen bekannt ist, dass sie sich an dem süßen Fleische der Vögel und vierfüßigen Tiere und insonderheit derer Menschen gar sehr laben. Sie lieben überdies die warmen Örter, wie dergleichen die Gottes-Äcker sind, weil sie von Natur kalt sind. Sie scheinen daher angues von angulis, d. i. denen Winkeln, und colubri von colendis umbris d. i. denen bewohnten Schatten genennet worden zu sein, weil sie allezeit in Schatten und Büschen stecken und ihren Aufenthalt in unterirdischen Höhlen suchen. Es ist daher nicht zu leugnen, dass nicht die Schlangen das Fleisch der toten Aeser fressen sollten. Es gibt einige, welche mit dem Plinio vorgeben, es würden gewisse Schlangen in dem Rücken-Mark des menschlichen Körpers gezeugt, welches auch Plutarchus, Lev. Lemnius, de occultis Nat. Mir. L. IV. c. 12. Jo. Bapt. Porta, in Mag. Natur. L. II. c. 2. Ovidius, Camerarius, Fort. Licetus, M. Aur. Severius, de vipera Pythia c. X. Athan. Kircherus und andere behaupten. Alleine es ist diese Meinung mit allem Fleiß von Sennerto, Sperlingo und Francisco Redi widerlegt worden. Es ist unsers Orts jetzo nicht, uns in Streitigkeiten einzulassen. Daher wir nur so viel bekräftigen wollen, dass die Schlangen in den menschlichen Körpern allerdings bisweilen ihr Behältnis haben und von ihrem Fleische fressen, nach dem bekannten Ausspruche Syrachs: Wenn der Mensch tot ist, so fressen ihn die Schlagen und Würmer. Sir. X. 13. Wolffgang Frantzius bestätiget dieses nicht nur durch sein Zeugnis, sondern setzet noch hinzu, dass die Schlangen in den menschlichen Gräbern bisweilen auch gezeugt werden könnten, ob er gleich nicht zugeben will, dass solches aus dem Mark des menschlichen Körpers geschehen müsse.

§ 39

Es verdienet hier dasjenige Ehren-Mahl und Monument angemerkt zu werden, welches die Stadt Meißen in der Kirche zu S. Afra zeiget. Es soll dasselbe zum Gedächtnis eines gewissen Edelmanns, Namens Wolffgang von Schleinitz, mit dem Zunahmen des Schönen, der daselbst A. 1523. begraben worden, aufgebaut worden sein. Es konnte derselbe auf keinerlei Art und Weise beredet werden, sich in seinem Leben abmalen zu lassen. Jedoch verlangte er, dass man ihn nach seinem Tode nach Verlauf eines Monats ausgraben und in der Gestalt, darinnen man ihn finden würde, abmalen sollte. Als nun dieses geschah, ward sein Leichnam mitten unter denen Schlangen gefunden. Eine Schlange hatte sich um den Hals, zweie um die Arme und eben so viel um einen jedweden Fuß geschlungen. Wie man nun den Körper gefunden, so ward er auch in Stein ausgehauen, welches Monument man noch bis diese Stunde zu sehen bekömmt. Es erzählen dieses Hilscherus, Laur. Faustius und Camerarius in Hor. subsec. cent. l. p 73. Was aber andere davon gehalten, wollen wir ietzund nicht anführen; Siehe Wolffg. FRANZIVM de Interpret. Script. S. p. 868. it. AUG. PFEIFFERUM in Delic. Evang. P. II. p. 268. 484. und MICH. SACHSIVM in Alph. Hist. P. IV. p. 636. genug, dass dieses Exempel sich sehr wohl zu Erläuterung des Umstands von dem Fressen der schmatzenden Toten in Gräbern schickt.

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§ 40

Wenn demnach Exempel vorhanden sind von menschlichen Körpern, die da scheinen, als wenn sie ihre Sterbe-Kleider, so weit sie solche mit dem Munde erreichen können, verschlungen hätten, kann man aus dem oben angeführten gar leichte eine Ursache angeben. Denn wir wollen die Sache eben nicht gänzlich leugnen, weil es so viele bekräftigen, dass sie es mit Augen gesehen, dass die Körper nicht nur das leinene Zeug an sich gezogen, sondern es so gar in sich geschlungen. Alleine was sagen wir vom leinenen Zeuge? Wir lesen, dass sie selbst ihr Fleisch gefressen. Es soll dieses zu des seel. Lutheri Zeiten geschehen sein, wie M. George Rörer von einem gewissen Körper, der in seinem Kirsch-Spiel sein eigen Eingeweide und Gedärme gefressen haben soll, berichtet hat. Ein dergleichen Exempel erzählet Hohndorff von einem verstorbenen Weibe, die sich selbst im Grabe gefressen. Und wenn wir Harsdörffern Glauben zustellen sollen, so führt er auch ein Exempel von einem männlichen Körper an, der in Mähren nicht nur seine eigenen, sondern auch seiner bei ihm in einem Grabe liegenden Frauen ihre Sterbe-Tüchlein verschlungen u. vieles von ihrem Fleische gefressen haben soll. Siehe mit mehreren KORNMANNUM de Mir. Mort. P. VI. c. 64.

§ 41

Was sollen wir nun von diesen und andern dergleichen Dingen sagen? Wir können weder dem Teufel noch denen Toten selbst hiervon etwas ohne mehreren Beweiß zuschreiben. Wer die Ursache bei denen unterirdischen Tieren, deren es eine große Menge in der Erden gibt, zuschreiben will, der wird nicht irren. Es gehören hierher die Ratten, Mäuse, Maulwürfe und dergleichen, von welchen allen bekannt ist, dass sie zu Füllung ihrer hungrigen Mägen Fleisch fressen. Es bezeuget solches Georgius Agricola, welcher von den Mäusen also schreibet: "Sie fressen nicht nur Früchte, sondern auch Brod, Fleisch, Fische, Suppen und Breyer: am allerbegierigsten aber sind sie auf Milch, Butter und Käse, welches, wenn sie es kauen, einen solchen Laut als ein junges Schweingen von sich geben." Aber, möchte man sagen, warum wird denn das Fressen in Gräbern nur an der Körper Munde und Gesichte wahrgenommen, wenn solches einigen Fleischfressenden Tieren zuzuschreiben ist? Wir antworten darauf, dass solches darum geschehe, weil diese Teile des Leibes bloß sind. Denn es wird ja der ganze Körper vor dem Begräbnis in einige Sterbe-Kleider gehüllt, und nichts weiter als Gesichte, Hals und Hände bloß gelassen. Daher kömmt es, dass die übrigen Glieder des Körpers insgemein in den Gräbern unversehrt bleiben. Dass aber auch an denen Händen nicht leichtlich eine Verletzung wahrgenommen wird, geschieht wegen derselben Hagerkeit, welche verursacht, dass ob gleich dieselben nicht bedeckt sind, dennoch unversehrt bleiben, weil sie dergleichen Tierchen, wie wir oben angezeigt, keine sonderliche Nahrung geben. Das Gesichte aber und der Hals, der nebst der Brust wegen seiner Fettig- und Fleischhaftigkeit am besten und süßesten zu essen ist, wird von ihnen mit ihren Zähnen am leichtesten angefressen und benaget.

§ 42

Jedoch wer an diesem Fressen der Mäuse in Gräbern annoch zweifelt, der mag es nach Gefallen verwerfen und seine Gedanken lieber von neuen auf die Schlangen richten, bei welchen er vielleicht die wahre Ursache von diesem unterirdischen Fressen der Toten finden wird. Denn diese Art der Tiere hält sich in den Löchern unter der Erden auf, frisst Fleisch von Aesern und wird zum öftern in den Gräbern gefunden. Franzius merket unter andern von ihnen an, dass sie das Fleisch, das sie kriegen, aussaugten, und zwar nicht von außen, wie die Spinnen, sondern von innen heraus. Hieraus scheinet zu erhellen, warum man bei Eröffnung derer Gräber von ihnen keine Spur findet. Sie bewohnen die Körper und entziehen sich auf alle Art und Weise durch die Löcher des Schlundes dem Gesichte der Leute. Es ist daher kein Zweifel, dass sie nicht zuförderst das Eingeweide fressen und sich nachgehends zwischen den Gebeinen einen Aufenthalt zubereiten sollten. Was will man sich demnach verwundern, wenn gelesen wird, Siehe HARSDOERFERUM in Theatr. Trag. p. 406. dass ein gewisser weiblicher Körper in einer Böhmischen Stadt A. 1345. die Hälfte von seinem Sterbe-Kleide im Grabe verschlungen habe? Ingleichen wenn Rohrius von einem Körper nicht weit von unserer lieben Stadt Leipzig, der A. 1672. ausgegraben worden, erzählet, dass der Scharf-Richter aus dessen Munde einen großen Schl eier heraus gezogen habe, welchen der Verstorbene seinem Weibe vom Kopfe genommen und verschlungen haben solle?

§ 43

Wenn wir die Wahrheit sagen sollen, so halten wir davor, dass die Schlangen diese Körper allerdings bewohnet und dergleichen Schleier und Tücher von innen an sich gezogen haben. Denn da die nahen Anverwandten und andere Beistehende es insgemein übel nehmen, wenn eine Zerschneidung der Glieder mit einem dergleichen Körper vorgenommen werden soll, so ist die wahre Ursache dieses Fressens bis diese Stunde verborgen geblieben, wird es auch allezeit bleiben, wenn nicht endlich die Masque des Aberglaubens abgelegt und die Wahrheit dieser Sache genauer untersucht wird. Alleine was wir ietzund von dem Fressen der Toten vorgebracht, das darf auf keinerlei Weise zu dem Prodigio Masticationis mortuorum oder den Wunderzeichen der kauenden und schmatzenden Toten selbst gerechnet werden. Denn es findet sich hier keine Ursache, welche denen Lebenden den Tod zuziehe, welches doch der vornehmste u. in diesem Fall der wichtigste und merkwürdigste Umstand ist. Denn es kann sich dasjenige mit allen Körpern zutragen, was wir oben von den Ursachen des unterirdischen Fressens gedacht haben, und zwar ohne alle Lebens-Gefahr derer Lebenden, welche doch sonsten nach der irrigen Meinung des Pöbels denenselben daraus vorstehen soll.

§ 44

Das dritte Vorurteil, welches wir kürzlich zu widerlegen haben, ist auf der Verstorbenen Sexum und Geschlechte gerichtet. Es ist bei allen, die davon geschrieben, fast eine ausgemachte Sache, dass das Kauen und Schmatzen der Toten nur an weiblichen Körpern beobachtet werde. Also behauptet dieses Z. E. Rohrius, ob er wohl zugleich ausdrücklich zugesteht, dass man bei denen Scribenten von beiderlei Geschlechte Körper angemerkt finde, die im Grabe gekaut und geschmatzt haben sollen. Pitzschmann bemühet sich alle Exempel von männlichen Körpern, an denen man dergleichen wahrgenommen haben wolle, in Zweifel zu ziehen. Alleine wir glauben, dass diese Meinung ebenfalls aus Aberglauben entstanden sei. Es hat sich vielleicht einmal zugetragen, dass die ersten Exempel, welche von diesem Natur-Wunder bekannt worden, sich an Weibes-Personen ereignet; so gleich hat darauf der Aberglaube einige Theologische Ursachen an die Hand gegeben, warum der Teufel, dem sie es ohne Ursache zugeschrieben haben, dergleichen mit dem weibl. Geschlechte vornehme. Diese Meinung ist nachgehends in den Hertzen derer Menschen dergestalt eingewurzelt, dass sie aus solchen nicht leichtlich wieder hat heraus gebracht werden können. Schlüsselburg in Explic. Ps. XCI. p. 157, sq. gibt hiervon diese Ursache an, "es sei der Teufel ein abgesagter Feind des weiblichen Geschlechts, weil aus solchem derjenige geboren worden, der stärker sei als er; daher wende er allen Fleiß an, den guten Nahmen der Weiber auf alle Art und Weise zu Schanden zu machen." Hiermit stimmen auch überein Adam Röther, in Conc. 2. de Peste. Mart. Bohemus und Garmannus, welcher zugleich hinzu setzet, dass weil jedermann, nach dem Zeugnis Strabonis, die Weiber vor die Urheber des Aberglaubens halte, so suche der Teufel hierdurch die Menschen noch mehr zu äffen, um zu verursachen, dass das Unkraut noch reichere Früchte des Aberglaubens bringen möge.

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§ 45

Alleine wir sehen nicht, warum der Teufel vornehmlich die Weiber verleumden solle, da sie ja ohne dies schon allezeit vor geringer denn die Männer gehalten worden. Christus ist zwar von einem Weibe geboren worden, hat aber doch männliche Gestalt und männliches Geschlechte angenommen. Ich wollte daher lieber davor halten, es täte der Teufel besser, wenn er das männliche Geschlechte auf einige Art verleumden und dem weiblichen Geschlechte geringer machen könnte. Alleine was wollen wir uns darüber lange mit vielen Mutmaßungen aufhalten, da es eine Sache betrifft, die außer Streit gesetzt ist. Denn es sind ja von beiderlei Sexu und Geschlechte Exempel der schmatzenden Toten vorhanden, unter welchen dasjenige, das neulich aus Hungarn berichtet worden, unfehlbar die oberste Stelle verdient, allwo nicht eine Weibs- sondern eine Manns-Person das Subjectum Masticationis gewesen.

§ 46

Das vierte Vorurteil, das aus Aberglauben des Pöbels von denen schmatzende Toten gehegt wird, betrifft die Zeit, zu welcher vornehmlich die toten Körper in den Gräbern schmatzen sollen. Es ist eine allgemeine Meinung, dass solches zur Pest-Zeit geschehe. Alleine ob wir gleich zugestehen, dass uns zu solcher Zeit die meisten Exempel bekannt worden, so ist doch die Ursache davon nicht in der Pest selbst zu suchen. Die Pest hat nur Gelegenheit gegeben, dass dieses Wunderzeichen desto mehr bekannt und offenbar gemacht worden. Denn zu der Zeit, wenn die Pest im ganzen Lande grassiert und in Menge die Menschen nach einander hinreist, so werden vielmals die toten Körper unbegraben gelassen. Wenn nun die Totengräber alsdann Tag und Nacht auf den Begräbnis-Plätzen ihr Amt verrichten und gleichsam mitten unter den Toten sich befinden, so ist es kein Wunder, wenn zur selbigen Zeit das Kauen und Schmatzen der Toten am meisten wahrgenommen worden. Denn die Wunder der Toten können sich zu keiner Zeit besser offenbaren, als zu solchen kläglichen Pest-Zeiten. Immittelst hat dieses Anlass gegeben zu glauben, dass das Kauen und Schmatzen der Toten nicht nur eine Ursache der ansteckenden Seuche sei, sondern dass auch dieselbe so lange dauern werden, bis nach weggenommener Ursache die schädliche Wirkung selbst aufhöre. Alleine es ist ein Irrtum und etwas unanständiges vor einen gelehrten Mann, wenn er solchen einfältigen Meinungen Beifall geben will. Die Sache hat keinen Grund der Wahrheit, weil eben so viel Exempel von Toten, die außer der Pest-Zeit geschmatzt, vorhanden sind, als von denen Scribenten beigebracht werden, die es nur zur Pest-Zeit getan. Wir wollen uns vorietzund nur auf das einzige Hungarische Exempel beziehen. Denn von solchem lesen wir, dass es weder zur Pest-Zeit geschehen, noch vor eine Ursache der Pest gehalten worden, ob gleich sonst der Pöbel daselbst sich sehr abergläubisch erwiesen.

§ 47

Es sind aber vornehmlich zwei Ursachen, welche von denen vorgebracht werden, die das Kauen und Schmatzen der Toten denen Pest-Zeiten zueignen. Die erste ist das Schrecken, das der Teufel denen Menschen durch solches Wunder-Zeichen einjage. Sie berufen sich dieserhalben auf diejenigen Medicos, welche vorgeben, dass das Schrecken in der Pest und in andern hitzigen und ansteckenden Krankheiten mehr vermöge, als die wirkliche Seuche selbsten, wie dergleichen, A. Q. Rivinus behauptet. Sie sagen, der Teufel sei ein vollkommener Physicus, der von Erschaffung der Welt an bis jetzo viel Erfahrung erlangt. Dieser wisse daher aufs genaueste, wie viel das Schrecken in den Gemütern der Menschen vermöge. "Denn wenn das Gemühte anfange sich einzubilden, dass es wirklich etwas ansteckendes, ob wohl unter einiger Ungewissheit und Ängstlichkeit, (weil das Gift der Pest unsichtbar ist,) in sich gesogen, so wirke endlich solche Einbildung und die Beunruhigung des Gemüts in dem allgemeinen Welt-Geiste ein wirkliches Bild, zu Zeugung eines Samens, der die Pest hervor bringe." Die Gottesgelehrten, denen die Bosheit des Teuffels sonderlich sehr zu Hertzen geht, stimmen darinnen, was das Schrecken anbetrifft, fast alle überein; nur dass sie ihre Meinung mehr mit Theologischen als Physikalischen Ursachen zu bekräftigen suchen. Lasset uns vorietzo nur den einzigen Martinum Geyerum hören, welcher sich also vernehmen läst: "Es will der Teufel durch solche unsel. Zeichen denen Menschen eine Furcht einjagen, dass sie durch Verderbung der Lebens-Säfte desto leichter sterben müssen." […]

§ 48

Wir wollen diesem Vorgeben nicht gänzlich entgegen sein. Wir geben vielmehr zu, dass der Teufel ein guter Naturkündiger sei; wir gestehen, dass er dem Leben der Menschen sehr nachstelle; wir geben auch Beifall denen, die dem Schrecken bei ansteckenden Krankheiten viel zuschreiben. Aber dass sich dies alles hierher gar nicht schicke, noch etwas zu Umwerfung unserer hypothesis beitrage, halten wir vor eine ausgemachte Sache. Die Frage ist hier nur: ob der Teufel durch das Wunder-Zeichen der Mastication in Willens habe, denen Menschen ein solches Schrecken einzujagen, dass daraus die Pest entstehen, oder solche, wenn sie bereits entstanden, noch viel ärger wüten müsse? Aus dem, was wir oben gedacht, folgt nichts weiter, als dass der und jener bisweilen zur Pest-Zeit wegen des vernommenen Kauens u. Schmatzens derer Toten also erschreckt werden könne, dass er selbst auch die Pest bekömmt. Alleine wenn wir fragen: woher dieses Schrecken kömmt? so können wir keine andere Ursache anführen, als den Aberglauben, weil ein furchtsamer Mensch denkt, dieses Kauen und Schmatzen der Toten rühre vom Teufel her, und sei ein Zeichen einer viel stärkeren Pestilenz. Wenn er das nicht gedächte, so würde sein Gemühte in keine Furcht u. Schrecken gesetzt werden. Wer will nun nicht daraus schließen, dass nicht so wohl der Teufel, als wir selbsten in diesem Fall eine Ursache dieses gefährlichen Schreckens sein sollten, wenn die Gemühter aus einer vorgefassten Meinung so heftig bewegt werden können.

§ 49

Was das Schrecken selbst anbetrifft, so sind ihrer unter denen Medicis und Physicis so viel eben nicht, die es unter die wahren Ursachen der Pest zählen. Denn leider! die Erfahrung hat uns sattsam gelehrt, dass die Pest allerdings etwas mit sich führe, das an und vor sich selbst ansteckend ist. Es erhellet dieses wenigstens daraus, dass solche durch Kaufmanns-Güter, Kleider, Wolle, Leinewand u. andere dergleichen Dinge pflegt aus einem Land ins andere gebracht zu werden. Hierzu kömmt, dass dieselbe insgemein in denjenigen Ländern, welche gegen Morgen liegen, am meisten sich äußert. Da nun diese Länder größtenteils von Muhametanern bewohnet werden, die die Lehre von der Notwendigkeit des Schicksals unter ihre Glaubens-Artikel zählen, so müsste man sich gar sehr verwundern, wenn daselbst die Pest grassieren sollte, weil die dasigen Völker nach den Grund-Sätzen ihrer Religion sich vor nichts weniger fürchten als der Pest und derselben Contagion und Ansteckung. Es bezeuget dieses unter andern der Herr von Drieschmit deutlichen Worten, wenn er gedenket, dass die Türken mitten in der Pest sich um dieselbe wenig bekümmerten. Hieraus erhellet, was von derjenigen Meinung zu halten sei, die Joh. Sam. Carliusvon der Pest heget. Er holt die Ursache ihrer Ansteckung aus der Geister-Welt her und philosophiert also: "Wenn die menschliche Seele von einem aus der höhern Engel-Welt fließenden Principio geschreckt und mit einer durchdringenden Magie angegriffen wird, so läst sie ihre Mixtion aus Furcht und Schrecken aus den Händen fallen und läst der innern Fäulung den Lauf." Alleine der Autor scheinet uns hiermit wenig oder nichts gesagt zu haben.

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§ 50

Die andere Ursache, die die Widersacher zu Behauptung ihrer Hypothesis, dass nämlich der Teufel durch das Kauen und Schmatzen der Toten die Pest zu erregen suche, vorbringen, ist hergenommen von denen giftigen Ausdünstungen, welche aus denen geöffneten Gräbern herauf steigen. Denn sie geben vor, es suchte der Teufel, durch das Kauen und Schmatzen der Toten die Ausgrabung der Körper, und zwar aus der Ursache, zu befördern, dass sie durch ihren schändlichen Geruch die Luft mit einer ansteckenden Seuche vergiften sollten. Alleine die Exempel, welche sie zu Bekräftigung der Sache anführen, beweisen nichts. Also erzählet zwar z. E. Fortun. Licetus in Libr. de annul. antiq. c. 23. von dreien Toten-Gräbern, welche vor Gestank, so aus einem geöffneten Grabe gekommen, plötzlich gestorben wären. Aber wer will deswegen schließen, dass dieses insgemein geschehe? Wenn Licetus die Umstände der Sache, sonderlich in Ansehen der Krankheit, an welcher die Person gestorben, hinzugesetzt hätte, so würde uns vielleicht die Ursache dieses plötzlichen Todes bekannt sein. Immittelst ist so viel gewiss, dass daraus wenigstens die Pest nicht entstanden ist. Es kann zwar mit Exempeln dargetan werden, dass dieselbe bisweilen aus dem großen Gestank der Aeser ihren Ursprung genommen. Alleine es haben sich alsdenn die giftigen Ausdünstungen nicht von einem einzigen Aase, sondern von vielen tausenden in der Luft vereiniget und dieselbe so denn inficiret.

§ 51

Wir wollen daher dem Ambrosio Pareo gar gerne Glauben zustellen, wenn er erzählt, es wären einstmals sehr viel menschliche Körper in einen Brunnen, der auf 100. Ellen tief gewesen, geworfen worden, wodurch ein so schändlicher und giftiger Gestank entstanden, dass viel tausend Menschen durch die ganze Landschaft Agenois in Franckreich an der Pest gestorben. Cæsar Ripa merket deswegen gar recht an, dass die Gräber nicht so wohl um der Toten als um der Lebenden willen erfunden worden wären, um den Gestank der von denen Körpern entstehe, zu verhindern. Ob aber deswegen Cornelius a Lapide recht geschlossen, wenn er unter die Ursachen, warum die Römer ihre toten Körper verbrannt, auch diese mit gezählt, damit der Gestank derselben denen Lebendigen keine Pest zuziehen möchte, wollen wir ietzund nicht untersuchen. Immittelst können wir uns ganz sicher auf die tägliche Erfahrung berufen, welche uns mehr denn 100 Exempel an die Hand gibt, dass die Gräber ohne den geringsten Schaden geöffnet worden. B ei so gestalten Sachen kann man leichte erkennen, dass es nicht genugsam der Wahrheit gemäß sei, zu sagen, der Teufel suche durch das Kauen und Schmatzen der Toten die Pest zu erregen.

§ 52

Es ist noch das fünfte und letzte Vorurteil übrig, das wir bei dieser Materie zu widerlegen haben. Es bestehet solches in dem Wahne, als ob das Kauen und Schmatzen der Toten nur der nächsten Blutsverwandten Tod nach sich ziehe. Es hat diese Meinung sonderlich in dem Hertzen des Pöbels sich feste gesetzt. Sie prophezeien, es werde der Tote die nächsten Anverwandten und Freunde nachhohlen. Kornmannus hegt eben diesen Aberglauben de Mirac. Mort. P. VII. c. 64. Denn er führt solche Ursachen an, die man sonsten zu führen pflegt, wenn gefragt wird: Warum in der Pest und in andern ansteckenden Krankheiten ein einziger Tod bisweilen den Untergang einer ganzen Familie nach sich ziehe? Alleine da jetzt von der Pest nicht die Rede ist, sondern nur von dem Kauen und Schmatzen der Toten, welches der gedachte Kornmann nach dem oben abgehandelten Vorurteil vor etwas, das mit der Pest verknüpft ist, hält, wollen wir uns nicht länger dabei aufhalten. Es scheinet dasselbe zwar an sich selbst sehr wahrscheinlich zu sein, indem die kauenden und schmatzenden Toten allerdings bisweilen eine ganze Familie aus der Zahl der Lebendigen gestoßen haben. Alleine es ist dieses nur von ohngefehr geschehen, wie wir an seinem Orte mit mehren zeigen wollen. Denn die Exempel, welche man anzuführen pfleget, bezeugen, dass nicht nur ein Haus, sondern ganze Dorfschaften durch solches wunderbare Würgen hingerichtet worden. Es erhellet dieses sonderlich aus derjenigen Hungarischen Erzählung, die wir oben § 12. beigebracht, allwo die Einwohner desselben Orts alles das ihrige haben verlassen wollen, weil sie sich besorgt, es möchte endlich das ganze Dorf, wie dergleichen schon vormals, da es unter der Türken Botmäßigkeit gestanden, geschehen sei, zu Grunde gehen. Es hat dieses seine Richtigkeit. Das Kauen und Schmatzen der Toten ziehet allerdings derer Lebenden Tod nach sich. Aber es betrifft nicht so wohl die nahen Anverwandten, als vielmehr diejenigen, welche mit denen Verstorbenen kurz vor ihrem Tode eine große Gemeinschaft gehabt.

§ 53

Nach Widerlegung dieser fünf vorgefassten falschen Meinungen von denen kauenden und schmatzenden Toten, bleiben uns von diesem Wunder-Zeichen der Natur mehr nicht denn zwei Phænomena übrig, die Vegetantz des Körpers und dessen schädliche Wirkung in die lebendigen Menschen. Diese sollten wir nunmehr nach unserm Vermögen aus denen gesunden Anfangs-Gründen der Natur-Lehre zu erklären suchen. Alleine weil der Mangel des Raums solches vorietzund verhindert, wolle uns der Geneigte Leser verzeihen, dass wir seinem Verlangen vor diesmal kein Genügen tun können. Es wolle sich derselbe immittelst versichert halten, dass wir in der folgenden andern Dissertation, welche Philosophisch sein wird, alles dasjenige erfüllen wollen, was wir ihm jetzo versprochen. Es lebe derselbe indessen wohl und urteile von diesen Blättern also, wie wir es von dessen Gütigkeit allezeit hoffen können.

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Vorrede

Dieser Dissertation Inhalt

§ 1

§ 5

§ 10

§ 15

§ 20

§ 25

§ 30

§ 35

§ 40

§ 45

§ 50

 

Anmerkungen zum vorliegenden Text

 

Traktat von dem Kauen und Schmatzen der Toten in Gräbern

Anmerkungen
zu dieser Textversion

Diese Fassung soll nur für einen ersten unwissenschaftlichen Eindruck des Textes behilflich sein.
Die vom Autor im Werk direkt übersetzten lateinischen und griechischen Passagen wurden hier weitestgehend ausgelassen. Ebenso wurden die Fußnoten nicht berücksichtigt. Einige Wörter wurden im Rahmen einer einfachen Rechtschreibprüfung der derzeitigen Schriftsprache angepasst. Die Grammatik entspricht dem Original. Bei Interesse an einer vollständigen Übertragung in den heutigen Sprachgebrauch empfiehlt sich die von Nicolaus Equiamicus vorgelegte Fassung.

 

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