Bericht über das Treiben des Upyrs

Sophie Wörrishöffer

1885

Auszug aus

Onnen Visser - Der Schmugglersohn von Norderney, Kapitel 16

[...]

Mikosch hatte die Pfeife aus dem Munde genommen, er schien zu sinnen, er seufzte.

"Ob es nur Hirngespinste sind, Herr?"

"Aber Mikosch - das fragst du?"

Der Alte wiegte den Kopf.

"Glaubst du an den Upyr, Herr? An das schwarze Wesen mit dem Zwergenkörper und dem Pferdekopfe?"

"Entschieden nicht!"

"Aber irgendwo zwischen Himmel und Erde lebt es doch. Sieh, ich hatte in meinen jungen Jahren einen Freund, der einmal Streit bekam mit einem weißen Manne und den mehrere andere Personen so reizten, dass er später das Messer brauchte und den Angreifer niederstach. Er hat es getan, aber nicht vor Zeugen - nachher schwor er es ab, um sein Leben zu retten, und kam auch gut davon. Wir begegneten uns einige Tage später, da war sein Haar weiß geworden, seine Augen lagen tief im Kopfe, ich erschrak förmlich, als ich den armen Schelm sah.
'Was fehlt dir, Gosim?' fragte ich ihn. Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus, dann aber gestand er mir's.
'Heute Nacht hat der Upyr auf meiner Brust gesessen!' Ich wusste, dass er mir gegenüber nie lügen würde, und suchte ihn daher abzulenken.
'Dir hat schwer geträumt, Gosim', sagte ich. Aber er schüttelte nur stumm den Kopf. Seit der Zeit schwand er zusehends hin, täglich mehr, und als ich ihn einmal im Vertrauen fragte, da gestand er mir die ganze Wahrheit.
'Jede Nacht kommt der Upyr - und immer rückt er ein wenig höher, immer näher an das Herz heran. Ist er erst einmal da, so ...' Und ein Achselzucken vollendete den Satz.
Ich suchte es ihm auszureden, ich bewog ihn, mich in eine andere Provinz zu begleiten, und habe dann mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ihn das Gespenst quälte. Er ächzte im Schlaf, er krümmte sich und wimmerte - es war furchtbar. Wir sprachen über die Sache nicht wieder, helfen konnte ihm ja doch keiner.
Nur eines Tages gab er mir, als der Abend hereinbrechen wollte, zum Gruße die Hand.
'Diesmal kommt es ans Herz, Mikosch. Morgen bin ich ein toter Mann.'
Ich blieb bei ihm, wir wachten zusammen bis über Mitternacht hinaus, dann fielen ihm die Augenlider herab - seine Kräfte waren eben zu Ende. Ich kann wohl gestehen, dass mir das Herz schneller schlug, dass ich an keinen Schlaf dachte. Gegen drei Uhr morgens begann das Ringen mit dem Upyr, Gosims ganzer Körper zuckte und bäumte, ich versuchte umsonst, ihn zu wecken - plötzlich schrie er laut auf.
'Das Herz, das Herz - nun ist es getroffen!'
Eiskalter Schweiß stand auf seiner Stirn, die Glieder streckten sich - mein Kamerad war tot, gestorben ohne Krankheit, ohne Fehl am Körper - der Upyr hatte ihn erdrückt."

Lange Stille folgte den Worten des alten Zigeuners, dann sagte Onnen mit halblauter Stimme:

"Sein Gewissen war's, Mikosch. Seit er falsch geschworen, würgte es ihn und würgte, bis das innere Elend den Leib vernichtet hatte."

Der Zigeuner dampfte große Wolken.

"Mag's denn heißen, wie du willst, Herr, mag man's erklären können oder nicht - ich glaube an den Upyr und an die Russalkij - nur dass sie den guten Menschen nichts anhaben dürfen."

"Und dass sie nicht in den Lüften oder der Steppe, sondern in unseren eigenen schuldbewussten Herzen geboren werden", rief Onnen.
"So glaube ich auch an sie."

Der alte Häuptling schwieg, aber unser Freund sah, dass er keineswegs überzeugt sei. Still und mondbeglänzt lag die Steppe, nächtlich still, nur durch den Ginster huschte leises Flüstern, wie die Stimmen unsichtbarer Wesen. Rings, so weit das Auge reichte, unterbrach kein erhöhter Punkt, kein Baum oder Haus die ebene Fläche; nur da oben im lichten Blau glänzte lächelnd der runde weiße Mond - war es wohl ein Wunder, wenn die unwissenden Kinder der Wildnis diese Einsamkeit mit lebenden Wesen bevölkerten, wenn sie das Kommen und Gehen des milden Himmelslichtes in Verbindung brachten mit dem Erscheinen körperloser Geister, die den Bösen heimsuchten und den Guten unbehelligt seines Weges ziehen ließen? Über den Aberglauben solcher Halbwilden sollte nie gelacht oder gespöttelt werden; sie suchen wie wir selbst die Verbindung mit dem Ewigen, Übersinnlichen, nur eben - in ihrer Weise.

[...]

 

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