Das Lied vom Vampyr

Johann Peter Lyser

1838

bibliothèque / Nicolaus Equiamicus: "Das Lied vom Vamypr" entstammt der Geschichte "Der Vampyr. Eine schottische Sage", erzählt ab der zweiundneuzigsten Nacht durch den Kaplan in "Abendländische Tausend und eine Nacht oder die schönsten Mährchen und Sagen aller europäischen Völker" (Verlag F.W. Goedsche, Meissen, 1838). Die Illustration zum Werk schuf der Schriftsteller und Maler selbst.
Interessant ist hierbei, dass es sich bei der Geschichte, aus welcher das „Lied vom Vampyr“ entnommen ist, um eine Prosaumsetzung der Marschnerischen Oper „Der Vampyr“ (1828) handelt, dessen Stoff auf einer freien Umsetzung der Novelle Polidoris beruhte.
(2013/14)

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Volltext

»Sieh Mutter dort -
Den blassen Mann,
Mit seelenlosem Blick.«

»Kind sieh den blassen Mann nicht an,
Sonst ist es bald um Dich getan!
Weich' schnell von ihm zurück.
Wohl manches Mägdlein jung und schön,
Konnt' seiner Macht nicht widersteh'n,
Musst es mit tausend Qualen
Mit ihrem Blute zahlen.
Denn leis' und heimlich sag' ich's Dir,
Der blasse Mann ist - ein Vampir!
Bewahr' uns Gott, auf Erden
Ihm jemals gleich zu werden.«

»Was, Mutter, tat
Der bleiche Mann?
Wie traurig ist sein Blick?«

»Kind, sieh den bleichen Mann nicht an,
Viel Böses bat er schon getan,
Drum traf ihn dies Geschick.
Und ob er längst gestorben nun
Kann er im Grabe doch nicht ruh'n,
Und geht herum als bleiche
Lebendig grause Leiche.
So wandelt er von Haus zu Haus,
Sucht sich die schönsten Bräute aus,
Hat Eine er erkoren
Weh ihr! sie ist verloren.«

»Es lacht mich an
Der bleiche Mann!
Und freundlich wird sein Blick!«

»Ach, siehst Du ihn noch immer an?
Gewiss es ist um Dich getan!
Verderben droht sein Blick!«

Vergebens tönt' der Mutter Wort,
Der Bleiche nahm sie mit sich fort,
Kein Auge sah sie wieder
Sie fuhr zur Hölle nieder.
Nun geht sie selber, glaubet mir,
Herum als grausiger Vampir.
Bewahr' uns Gott, auf Erden
Ihr jemals gleich zu werden.

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Autor

Johann Peter Lyser - geboren 1804 (oder 1803), gestorben 1870; deutscher Schrifststeller und Maler; bürgerlicher Name Ludewig Peter August Burmeister. Er verlor im Alter zwischen 16 und 18 Jahren sein Gehör. Heinrich Heine und Felix Mendelsohn zählten zu seinen Freunden. Clara Schumann vertonte einige seiner Gedichte.

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weiterführende Links

Der Vampyr - Heinrich August Marschner - 1828 - Libretto der Oper

Der Vampyr - John William Polidori - 1816

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

in der 'gallery': Illustration Der Vampyr - Johann Peter Lyser - 1838

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