GIURE GRANDO

Johann Weichard von Valvasor

1689

Auszug aus:
Die Ehre dess Hertzogthums Crain:
das ist, wahre, gründliche und, recht eigendliche Belegen- und Beschaffenheit dieses Römisch-Keyserlichen herrlichen Erblandes.

- Krinck -
(S. 317 - 319)
 

Originaltext

[...] Krinck (crainerisch Kringa, und in italiänischer Sprache Coridigo, in lateinischer Coriticum) findet sich in Isterreich, siebzehn Meilen von Laybach und ein Meilwegs von der Stadt Mitterburg [...].

Im 1672ten Jahr hat dieses Orts sich ein abentheurlicher Fall begeben nemlich daß man einen begrabenen todten Körper eines Manns welcher Georg (oder Giure) Grando geheissen ausgegraben und mit besondren Ceremonien demselben den Kopff abgehauen: auf daß man mögte Ruhe für ihm haben. Weil ich dann oben im VI Buch dieses Wercks im X Capitel von dieser Begebenheit schon einigen Bericht gegeben und versprochen allhie bey Beschreibung deß Marckts Krinck den Handel völliger zu erzehlen: will ich anjetzso umständlicher denselben beschreiben.

Nachdem besagter Mann vor sechszehen Jahren verschieden und mit gewöhnlichen Leichgebräuchen Christ-üblich eingeerdigt worden; Begrabener Todter geht bey Nacht zu Krinck herum. hat man ihn nach seiner Begräbniß bey der Nacht gesehn umhergehen in diesem Marckt Krinck. Und ist er zwar anfänglich dem Pater Georgio, einem München S. Pauli deß Ersten Eremitens erschienen welcher ihn begraben und die Messe verrichtet hatte. Denn als jetzt benannter Pater, mit deß Begrabenen Befreundten zu der Witwen ins Haus gegangen und nach allda eingenommener Mahlzeit vom Essen aufstehend wieder heimgehen wollte; sahe er den Verstorbenen hinter der Thür sitzen: und ging gantz erschrocken davon. Hernach ist dieser Begrabene offt ihrer Vielen erschienen bey nächtlicher Weile da er auf der Gassen Klopfft an die Häuser. hin und wieder gegangen und bald hie bald da an die Hausthüre geschlagen: und seynd unterschiedliche Leute darüber gestorben; zumal aus solchen Häusern da er hat angeklopffet. Denn vor welchem Hause er angeschlagen daraus ist bald darauf Einer mit Tode abgangen.

Nothzüchtig die hinterbliebene Witwe. Er hat auch bey seiner hinterlassenen Witwen sich eingefunden und dieselbe würcklich beschlaffen. Welche aber weil sie einen Abscheu vor ihm getragen endlich zu dem Suppan (oder Marckt-Schultzen) Miho Radetich, hingeloffen auch bey ihm verblieben und gebeten er wollte ihr doch wider ihren verstorbenen Mann Hülffe verschaffen.

Der Supan bittet deßwegen etliche behertzte Nachbarn zu sich gibt ihnen zu sauffen und spricht ihnen zu sie sollen ihm Beystand leisten daß solchem Ubel möge abgeholffen werden: weil dieser Georg oder Giure Grando, allbereit viele Ihrer Nachbarn gefressen hette dazu die Witwe alle Nächte überwältigte und beschlieffe.

Etliche Männer vereinigen sich sein Grab zu öffnen. Worauf sie sich entschlossen den unruhigen Nachtgänger anzugreiffen und ihm das Handwerck zu legen. Diesem nach haben sich ihrer neune aufgemacht mit zweyen Windlichtern und einem Crucifix und das Grab geöffnet. Wie sie den Leichnam befunden. Da sie denn deß entdeckten todten Körpers Angesicht schön roth gefunden: Welcher sie auch angelacht und das Maul aufgethan. Worüber diese streitbare Gespenst-Bezwinger dermassen erschrocken daß sie alle mit einander davon geloffen.

Solches kränckte den Supan daß ihrer neune Lebendige mit einem einigen Todten nicht sollten zu recht kommen können sondern für einem blossen Anblick desselben zu flüchtigen Hasen würden: Derhalben sprach er ihnen zu und frischte sie an daß sie mit ihm wieder umkehrten zum Grabe und ihm einen geschärfften Pfal von Hagedorn Sie bemühen sich ihm einen Pfal durch den Leib zu schlagen. durch den Bauch zu schlagen sich bemüheten: welcher Pfahl allemal wieder zurück geprellt.

Indessen hat der Supan gleichsam einen Geistlicher gepresentirt das Crucifix dem Todten vors Gesicht gehalten und ihn also angeredt: Schau! du Strigon! Wie der Supan den Todten angeredet. (also werden solche unruhige Todten in Histerreich genannt) Hier ist Jesus Christus! der uns von der Hellen erlöset hat und für uns gestorben ist! Und du Strigon kannst keine Ruhe haben etc. Und was dergleichen Worte mehr gewesen so dieser unzeitiger Exorcist oder Todten-Redner daher gemacht. Indessen seynd dem Gespenst die Zähren aus den Augen hervor gedrungen.

Dem Körper wird der Kopff abgehauen. Weil aber der Pfal nicht durch den Leib getrieben werden können; so hat Einer zu Mehrenfels wohnhaffter Namens Micolo Nyena, von weitem angefangen mit einer Hacken den Kopff abzuhacken. Aber weil er allzu furchtsam und verzagt damit umgegangen; ist ein Andrer der mehr Hertzens gehabt nemlich der Stipan Milasich, hinzugesprungen und hat den Kopff weggehaut. Der Todte schreyet und blutet. Worauf der Todte ein Geschrey gethan und sich gewunden nicht anderst als ob er lebendig wäre auch das Grab voll geblutet.

Nach solcher Verrichtung haben die erbare Herren Executores das Grab wieder zugemacht und sich heim verfügt. Von welcher Zeit an das Weib und andre Leute Ruhe für ihm gehabt.

An der Gewißheit dieses Verlauffs hafftet kein Zweifel: denn ich (der Herr Haupt-Author nemlich) habe Selbst mit Personen geredt die mit dabey gewesen.

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Originaltext

Übertragung

Anmerkungen

Übertragung

[...] Krinck (krainerisch Kringa, italienisch Coridigo, lateinisch Coriticum) findet sich in Istrien, siebzehn Meilen von Laibach und eine Meile von der Stadt Mitterburg [...].

Im Jahr 1672 hat sich an diesem Ort ein abenteuerlicher Fall zugetragen, nämlich, dass man den begrabenen toten Körper eines Mannes, welcher Georg (oder Giure) Grando geheißen, ausgegraben und demselben mit besonderen Zeremonien den Kopf abgehauen, auf dass man möge Ruhe vor ihm haben. Weil ich oben im 6. Buch dieses Werkes im 10. Kapitel von dieser Begebenheit schon einigen Bericht gegeben und versprochen habe, hier bei der Beschreibung des Dorfes Krinck, die Begebenheit vollständiger zu erzählen, will ich jetzt ausführlicher dieselbe beschreiben:

Nachdem besagter Mann vor sechzehn Jahren verstorben und mit den gewöhnlichen und christlich-üblichen Bestattungsbräuchen beerdigt wurde, hat man ihn nach seinem Begräbnis im Dorf Krinck in der Nacht umhergehen gesehen. Anfangs ist er dem Pater Georgio erschienen, einem Mönch vom Orden des St. Pauls, des Ersten Eremitens, welcher ihn begraben und die Messe verrichtet hatte. Als der jetzt benannte Pater, mit den Freunden des Begrabenen zu der Witwe ins Haus gegangen und nach dort eingenommener Mahlzeit vom Essen aufstehend, wieder heimgehen wollte, sah er den Verstorbenen hinter der Tür sitzen, und ging ganz erschrocken davon. Danach ist der Begrabene in der Nacht oft und vielen erscheinen, da er in den Gassen hin und her ging und bald hier bald da an die Haustür schlug; und es sind verschiedene Leute in dieser Zeit gestorben, häufig aus Häusern, da er angeklopft. Denn an welches Haus er angeschlagen, daraus ist bald darauf einer tot abgegangen.

Er hat sich auch bei seiner Witwe eingefunden und dieselbe vergewaltigt, welche aber, weil sie einen Abscheu vor ihm empfand, endlich zu dem Supan (oder Dorf-Schulzen) Miho Radetich lief und bei hm blieb und bat, er wolle ihr doch gegen ihren verstorbenen Mann Hilfe verschaffen.
Der Supan bittet daher etliche beherzte Nachbarn zu sich, gibt ihnen zu saufen und spricht zu ihnen, sie sollen ihm Beistand leisten, dass solchem Übel abgeholfen werden mag: weil Georg oder Giure Grando bereits viele ihrer Nachbarn gefressen hätte und dazu die Witwe alle Nächte überwältigte und beschliefe.

Darauf entschlossen sie sich den unruhigen Nachtgänger anzugreifen und ihm das Handwerk zu legen. Es machten sich ihrer neun auf, mit zwei Windlichtern und einem Kruzifix und öffneten das Grab. Da entdeckten sie des Toten Angesicht schön rot. Er lachte sie auch an und tat das Maul auf. Darüber erschraken die mutigen Gespenst-Bezwinger dermaßen, dass sie alle miteinander davon liefen.
Solches kränkte den Supan, dass neun Lebendige mit einem einzigen Toten nicht zurecht kommen sollten, sondern vor dem bloßen Anblick desselben zu fliehenden Hasen würden: Daher sprach er ihnen Mut zu und spornte sie an, dass sie mit ihm wieder zurückkehrten zum Grabe und dem Leichnam einen angespitzten Pfahl aus Hagedorn durch den Bauch zu schlagen sich bemühten. Der Pfahl prallte aber immer wieder zurück.

Indessen hielt der Supan einem Geistlichen gleich, das Kruzifix dem Toten vor das Gesicht und sprach ihn an:
"Schau! Du Strigon!" (so werden solch unruhige Toten in Österreich genannt) "Hier ist Jesus Christus, der uns von der Hölle erlöst hat und für uns gestorben ist! Und du, Strigon, kannst keine Ruhe haben etc." und was dergleichen Worte mehr gewesen, die dieser Exorzist, oder Toten-Redner, sprach. Dabei sind dem Gespenst die Tränen aus den Augen gelaufen.

Weil aber der Pfahl nicht durch den Leib getrieben werden konnte, so hat einer, der in Mehrenfels wohnende namens Micola Nyena, aus sicherer Entfernung begonnen, mit einer Hacke den Kopf abzuschlagen. Aber weil er allzu furchtsam und verzagt mit der Hacke umging, ist ein anderer, der mutigeren Herzens war, nämlich der Stipan Milasich, hinzugesprungen und hat den Kopf weggehauen. Der Tote schrie auf und wand sich, nicht anders, als ob er noch lebendig wäre und blutete das Grab voll.

Nach dieser Verrichtung haben die ehrbaren Herren Exekutoren das Grab wieder verschlossen und sich nach Hause begeben. Von dieser Zeit an, haben das Weib und die anderen Leute Ruhe vor ihm gehabt.

An der Wahrheit dieses Verlaufs haftet kein Zweifel, denn ich (der Verfasser) habe selbst mit Personen geredet, die dabei gewesen.

[...]

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Anmerkungen

Das deutlich umfangreichere Werk Valvasors "Die Ehre des Herzogtums Krain ...." beschäftigt sich insgesamt mit dem damaligen Herzogtum Crain (Krain). Aus der ursprünglichen Hauptburg des Herzogtums ging die heutige Stadt Kranj (ehemals Krainburg) hervor.
Laybach / Laibach ist die heutige Hauptstadt Sloweniens Ljubljana. Seinerzeit gehörte die Gegend zu Österreich.
Der Supan bzw. Schulze ist der örtliche Gerichtsbeamte, fast auch Dorfpolizist.

Hartmut: In der vorliegenden Übertragung wurde von mir versucht, den Text in einen derzeitigen Sprachgebrauch zu pressen, ohne dabei viel am Original zu ändern.

 

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