DER VAMPIR IN DEN PARISER FRIEDHÖFEN

Ein höchst interessanter Kriminalfall der neuesten Zeit; zunächst für Psychologen und Ärzte.

Aus dem Französischen der "Gazette des Tribunaux".

1849

 

Gazette des Tribunaux. 11. Juli 1849.
dt.: Verlag von Johann Scheible, Stuttgart 1849.

Nicolaus Equiamicus:  Francois Bertrand. Geb. 1823, gest. ?, verursachte durch seine zahlreichen bizarren Leichenverstümmlungen und Grabschändungen in den Pariser und umliegenden Friedhöfen in den Jahren zwischen 1847 bis 1849 einiges Aufsehen über die Landesgrenzen Frankreichs hinaus. Seine Taten beging er als Angehöriger der französischen Armee und so auch am 10. Juli 1849 durch ein Kriegsgericht zu 1 Jahr Festungshaft verurteilt. Es verliert sich danach seine Spur, ein Todesdatum ist nicht bekannt. (2013)

bibliothèque: Die Bezeichung "Vampir" ist in diesem Fall keine Erfindung der Presse, sondern scheint aus der Reihen des Krankenhauspersonals zu stammen, in dem Fracois Bertrand nach seiner Verwundung lag. Betrand gesteht bei der Verhandlung im Juli 1849, das ihn das "Bedürfnis" etwa alle zwei Wochen überkam und er sich dann an einer bis zu fünfzehn Leichen verging; dazwischen soll es über Monate Phasen gegeben haben, in denen er ganz ruhig blieb. Eine genaue Zahl seiner Schändungen ist nicht dokumentiert, er selbst gesteht über ein Dutzend ein.
Interessant ist der Bericht ganz besonders in Hinblick auf die medizinischen und psychologischen Ansätze Mitte des 19. Jahrhunderts, die in der Verhandlung zur Verteidigung des Leichenchänders angedeutet wurden, wenngleich dies bei der Urteilsfindung seinerzeit keine Gnade fand.
Der hier vorliegende Text wurde vorsichtig der heutigen Rechtschreibung angepasst.
(2013)

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Volltext

Kriegsrat von Paris.
Präsidentschaft von Herrn Manselon, Oberst des 24. leichten Linien-Regiments.
Sitzung am 10. Juli 1849.
Nächtliche Gräberschändung. - Verstümmlung von Leichnamen. - Vergehen des Francois Bertrand, Sergeant des 74. Linien-Regiments.

Noch selten hatte eine militärische Gerichtsverhandlung einen größeren Zusammenfluss von Neugierigen herbeigezogen. Lange Zeit vor Eröffnung der Sitzung ist die Garde genötigt, dem Publikum, das sich nach dem Hotel des Kriegsrats drängt, den Weg zu versperren. Die Verbrechen, deren der Angeklagte beschuldigt ist, sind so fremder Natur, dass die Einbildungskraft Mühe hat, solche zu fassen. Wer nur die einfache Erzählung davon liest, kann nicht umhin, die Vergehen einem jener Unglücklichen zuzumessen, welche total des Verstandes beraubt und in den wildesten Wahnsinn verfallen sind. Vergebens sucht man jedoch etwas im Charakter des Angeklagten; kein physisches Unglück, kein moralischer Unfall hat seinen Geist verwirrt.
Er ist jung, einsichtsvoll, seine Physiognomie trägt den Stempel der Milde und Menschenfreundlichkeit; er spricht mit der größten Ruhe und Kaltblütigkeit von grausenerregenden Verbrechen, deren er sich schuldig gemacht hat.
Unter den Anwesenden, welche Platz im Innern des Sitzungssaales erhalten haben, bemerkt man ausgezeichnete Personen aus allen Klassen der menschlichen Gesellschaft. Die medizinische Fakultät ist durch eine große Anzahl von Ärzten, die auf Zivil- und Militärverordnung hin da sind, repräsentiert; das Militärwesen durch Generale und höhere Offiziere; die Künste und Wissenschaften sind durch dramatische Schriftsteller vertreten, und wir bemerken mehr als einen Künstler, die Mappe und den Zeichenstift in der Hand, bereit, sofort die Züge und die Physiognomie des Angeklagten zu erfassen. Ja, selbst einige Damen haben den Mut gehabt, diesen schrecklichen Verhandlungen beizuwohnen. Ebenso bemerkt man mehrere Engländer und Deutsche, die als Männer von Auszeichnung wissenschaftlichen Gesellschaften angehören.
Um halb zwölf Uhr, eröffnet Herr Manselon, Oberst des 24. leichten Linien-Regiments, die Sitzung. Sofort, nach Mitteilung des Befehls der Zusammenberufung des Kriegsrats, befiehlt der Präsident, den Angeklagten hereinzuführen.
Es vergeht einige Zeit, bis er nach dem Sitzungssaal kommt. Der Amtsbote, Namens Sergeant, verkündigt, dass der Angeschuldigte, von seinen Verwundungen noch nicht völlig hergestellt, sehr schlecht marschiere.
Im Augenblick, wo er eintritt, auf Krücken gestützt, zeigt sich unter der Zuhörerschaft eine so lebhafte Bewegung der Neugierde, dass die Diener der öffentlichen Ruhe Mühe haben, sie zu unterdrücken.

 

Der Herr Präsident (zum Angeklagten): "Welches ist Ihr Vor- und Zuname, und welche war Ihre Profession vor dem Eintritt in den Militärdienst?"
Der Angeklagte (mit starker und vernehmlicher Stimme): "Ich heiße Francois Bertrand, bin fünfundzwanzig und ein halbes Jahr alt, geboren zu Voisey, Kanton Bourbonne, Departement Haut-Marne, gegenwärtig Sergeant bei der 3. Kompanie des 2. Bataillons vom 74. Linien-Regiment, garnisoniert im Quartier Luxembourg. Vor dem Eintritt in den Dienst - es sind nun fünf Jahre - war ich Student der Theologie; ich wollte mich dem geistlichen Fach widmen."

Bertrand war bei der Kompanie außer Dienst als Verwaltungsgehilfe beschäftigt, was ihn nicht zum Appell nötigte und ihm leicht Gelegenheit gab, sich ohne mündliche oder schriftliche Erlaubnis zu entfernen. Jedoch führte er beim Regiment einen sehr regelmäßigen Lebenswandel und galt für einen guten Unteroffizier.

Der Herr Präsident: "Sie sind angeklagt, mehrere Gräber geschändet zu haben; ich werde Ihnen die Verbrechen, welche gegen Sie vorliegen, vorlesen lassen."

Der Angeklagte ist von mittlerem Wuchs, hoher Stirn, seine Haare sind blond und seine Augen hellblau; er trägt einen wohlgezogenen kleinen Schnurrbart. Er ist sehr blass und scheint von einem inneren Leiden ergriffen zu sein, das er genötigt ist, zu unterdrücken. Angekommen an seinem Platz, legt er die zwei Krücken auf den Stuhl, und nachdem er die Fragen des Herrn Präsidenten beantwortet hat, legt er die Hände in den Schoß und bleibt unbeweglich, während man die ganze Anklageakte verliest.
Auf dem Büro liegen als Beweismittel die Kleidungsstücke Bertrands, des Angeklagten, welche er trug, als er die Schüsse erhielt, welche auf dem Kirchhof nach ihm abgefeuert worden waren. Man sieht in dem grauen Tuchmantel, wie in der Hose Löcher, verursacht durch Kugeln. In einer kleinen Pappschachtel sind kleine Tuch- und Eisenstückchen verschlossen, welch letztere aus den Wunden des Angeklagten gezogen, und von dem Kirchhofwächter als dieselben wieder erkannt worden sind, welche er in das Feuergeschoss getan, das auf Bertrand gerichtet worden war.

Herr Asseline, Gerichtsschreiber des Kriegsrats, berichtet über teils erwiesene, teils unerwiesene Anklagegegenstände, von denen die hauptsächlichsten folgende sind:
Verflossenen 25. August hatte Herr Gillet, Chef des Maschinendepots der Orleaner Eisenbahn, das Unglück, eine kleine Tochter im Alter von sieben Jahren und zehn Monaten zu verlieren, welche aus dem Kirchhof von Ivry beerdigt wurde. Am nächsten Morgen, als er noch vom Schmerz ergriffen war, brachte man ihm die Nachricht, dass das Grab seiner Tochter entweiht worden, dass man ihren Körper geöffnet, ja, dass man ihr Totenkleid gestohlen habe. Sogleich begab er sich zum Bürgermeister von Ivry, der schon von dieser Entweihung benachrichtigt war, weil sie der Professor Pillet kaum zuvor beim Polizeikommissar dieser Stadtgemeinde angezeigt hatte.

Herr Pillet gab an, wie gebräuchlich der Beerdigung dieses Kindes gefolgt zu sein, und dies zwar in Gegenwart seines eigenen Vaters und seiner Verwandten, dass er mitgeholfen habe, das Grab mit Erde zu füllen, und dass er den Kirchhof nicht verlassen habe, als bis er überzeugt gewesen, dass alles in völliger Ordnung sei. Aber am nächsten Morgen, nach dem Öffnen der Tore, als er seine gewöhnliche Runde machte, war er nicht wenig erstaunt, das Grab der jungen Gillet nicht mehr in demselben Zustand zu sehen, wie er es verlassen hatte - der Erdboden war durchwühlt worden. Mutmaßend, dass hier eine Grabentweihung vorgegangen sei, machte Herr Pillet sogleich Anzeige beim Amtsgehilfen der Bürgermeisterei von Ivry, welcher, nachdem er mit angesehen, dass der Sarg des Kindes zersprengt und der Leichnam zu drei Viertel aus der Bahre gezogen war, selbst bestätigte, dass die Brust und der Bauch von oben an bis nach unten ganz geöffnet waren, und dass ein Teil der Eingeweide aus dem Leib hing.
Man untersuchte jetzt, wie der Täter dieser scheußlichen Handlung habe in den Kirchhof eindringen können. Auf der nördlichen Seite, wo sich ein hölzernes Totenhäuschen befand, bemerkte man Spuren von Schmutz auf einem der Bretter, so wie an einem Pfosten, welcher zur Aufrechthaltung diente. Es unterlag keinem Zweifel mehr, dass der geheimnisvolle Täter an diesem Ort in den Kirchhof gekommen sei.
Herr Gillet, der Vater des Kindes, benachrichtigte davon den Republik-Prokurator von der Seine und führte Klage gegen mutmaßliche Täter der Grabentweihung seiner Tochter. Unverzüglich ergriff diese Behörde die geeigneten Maßregeln, aber sie blieben ohne Resultat. Herr Reinas, Arzt zu Ivry, erklärte, dass dies nicht das erste mal sei, dass Leichenschändungen verübt worden; ja, dass er selbst schon öfters gerufen worden sei, solche Handlungen unter Augenschein zu nehmen und zu bestätigen.

Eine von diesen Entweihungen trug denselben Charakter an sich und wurde auf dem Süd-Kirchhof begangen.
Ein Mädchen von ungefähr 12 Jahren wurde dorthin beerdigt, sein Bauch wurde geöffnet und die Eingeweide herausgenommen. Auf die Anzeige dieser Tat hin begab sich der Polizeikommissar vom Quartier Luxembourg an Ort und Stelle, wo er erfuhr, dass man während der Nacht über die Kirchhofmauer gestiegen und so in den Friedhof eingedrungen sei.
In den Einschnitt, der gemacht wird, um ein gewöhnliches Grab zu bilden, war mit geschickter Hand - sagt das Protokoll des Polizeikommissars - eine Grube gescharrt, um den Sarg herauszunehmen, der dann einige Meter weit weg vom Grab geschleppt wurde. Die zwei oberen Bretter waren aufgesprengt und der Leichnam einige Schritte davon niedergelegt. Es war die Leiche eines jungen Mädchens, Marie Caroline, das erst vor drei Tagen zuvor begraben worden ist. Die Tote war schon in Fäulnis übergegangen in Folge der Jahreszeit, denn es war im Monat Juli; sie war mit einem Hemd und Strümpfen angetan in ein Leintuch gehüllt und ein Rosenkranz war an ihren rechten Arm gehängt. Sie ruhte auf Blumenwerk.
Der Verbrecher hatte den Bauch durch einen leichten länglichen Einschnitt geöffnet, der einen Teil der Eingeweide sehen ließ.

Nebenan, in geringer Entfernung, war ein anderer Sarg; es war der einer dreißigjährigen Frau, seit acht Tagen beerdigt. Der Leichnam trug denselben Einschnitt an sich wie der, der an dem jungen Mädchen verübt worden ist.
Bei erneuerten Nachforschungen der Behörden fand man, dass selbst das Grab, welches die Gefallenen der Junirevolution barg, an mehreren Orten aufgescharrt war, zwei Särge aufgehoben, die Toten darin aber nicht geschändet waren.
Zwei Akazienbäume, außerhalb des Kirchhofs stehend, dienten dem Verbrecher, um die Mauer ersteigen und in die Mitte des Kirchhofs zu den noch frischen Gräbern gelangen zu können. Diese zwei Bäume trugen Spuren des Ersteigens; die Nägel der Schuhe waren in die Rinde eingedrückt, und schienen die Richtung anzugeben, welche er genommen hatte, um die Höhe der Kirchhofmauer zu gewinnen.
Man wusste nicht, wie man dem Verbrecher dieser Menschenentwürdigung auf die Spur kommen‚ oder auf wen man den Verdacht setzen sollte. Zahlreiche Anzeigen liefen bei der Behörde ein, aber unter allen, welche zu Untersuchungsarrest führten, geben wir bloß einen von etwas Belang an. Er traf einen Nationalgardisten der 3. Legion von Banlieue.
Man hatte bemerkt - sagt der Anzeiger - dass Herr G..., während er als Gardist im Theater de la Gaîté zu Montrouge war, sich eiligst zwischen 11 und 12 Uhr des Nachts entfernt und, nachdem er zurückgekommen, einen Leichengeruch von sich gegeben habe; gleichfalls sei sein Gesicht äußerst erhitzt und seine Augen sehr aufgeregt gewesen. Herr G... wurde vor den betreffenden Polizeikommissar gerufen und nicht mehr entlassen, bis er treulich dargetan hatte, wo er die Zeit seiner nächtlichen Entfernung vom Posten zugebracht habe. Andere Verhaftungen fanden statt, auch ohne zu einem weiteren Resultat zu führen.
Man gedachte jetzt eine Art Belagerung zu bewerkstelligen, um dadurch den Schuldigen niederzuschlagen oder doch so zu treffen, dass Spuren zurückbleiben, welche ihn sofort erkennen lassen. Man hatte bemerkt, dass die gegen neun Fuß hohe Mauer beinahe immer an gleicher Stelle überstiegen wurde.
Ein alter Soldat erfand eine Höllenmaschine folgender Zusammensetzung: Ein Flintenlauf, mit Eisenstückchen bis an die Mündung geladen, wurde auf ein Grab gelegt und dieses mit Kränzen überdeckt. Die Mündung des Laufs war nach der Mauer gerichtet, und ein Eisendraht, der am Drücker befestigt war, sollte bei der ersten Ersteigung, wobei der Draht berührt werde, Feuer geben.
Diese Maschine wurde aufgestellt und alle Abend bewacht.
Verflossenen Monat November erneuerten sich die Grabentweihungen und zwar auf dem Hospizen-Kirchhof, der nahe bei den, von Mont-Parnasse gelegen ist. Am 5. November hörte der Kirchhofwächter gegen Mitternacht seine Hunde anschlagen und stärker und länger als gewöhnlich fortbellen, aber er nahm keine Notiz davon. Des anderen Morgens gegen halb 7 Uhr machte er seine gewöhnliche Runde und sah das Grab einer des Tags zuvor beerdigten Frau sehr verwühlt; er näherte sich demselben und erkannte, dass der Leichnam herausgenommen worden war. Die Schritte, welche man um das Grab herum bemerkte, waren von einem Menschen verursacht, welcher Schuhe mit niedrigen Absätzen trug. Sechzig Meter von da bemerkte der Wächter ein blutiges Leintuch an ein Kreuz gehängt. Er begab sich an diesen Ort und fand dort den Leichnam einer jungen Frau; es war der, welcher Tags zuvor beerdigt worden ist. Er war zur Hälfte bedeckt und trug am rechten Schenkel einen tiefen Einschnitt, unregelmäßiger Form, gemacht mit einem stumpfen Instrument.

Diese Verbrechen, aufs Neue durch die Polizei bestätigt, führten zu einer gerichtlichen Untersuchung, die Herr Desmorliers leitete. Eine große Anzahl Zeugen wurde zitiert, und die Polizei arbeitete fleißig, um dem Täter oder den Tätern dieser Entweihungen auf die Spur zu kommen; Entweihungen, welche man sich nicht erklären konnte, da sie das Gepräge an sich trugen, dass dabei der Diebstahl von Kostbarkeiten verabscheut wurde, da indessen doch viele Personen beerdigt wurden, die solche trugen. Verstümmlungen, Verwundungen, Ausnehmen und Versetzen der Leichname, das war bis jetzt alles, was man aufweisen konnte. Schließlich führten neue Umstände die Justiz auf die Spur des wahren Schuldigen; er ist ein Soldat und erschien heute vor seiner natürlichen Gerichtsbarkeit, dem Kriegsrat.

Die letzte Tat ist vom 15. auf den 16. März auf dem Kirchhof von Mont-Parnasse verübt worden.
Es war ungefähr 11 Uhr Nachts - die gewöhnliche Stunde des Verbrechers. Bertrand zeigte sich, um die Mauer zu übersteigen, aber dieses Mal trat er auf den Draht und die Maschine ging unter einer ungeheuren Explosion los. Bertrand erhielt achtundzwanzig Posten, wovon dreiundzwanzig in die Kleider und fünf in den Leib drangen, drei in den rechten Schenkel und zwei in die Waden. Ungeachtet dieser schweren Verwundungen vermochte Bertrand noch leicht die Flucht zu ergreifen, um den Wächtern zu entgehen. Er erreichte das Militärhospital, wo er sich aufnehmen ließ, und von diesem Moment an hörten die verbrecherischen Kirchhofbesuche in Paris auf. Diese Ergebnisse ließen keinem Zweifel mehr Raum, was man von anderen bei der Justiz schon angezeigten Verbrechen halten sollte.

Der Herr Präsident beginnt sein Verhör.

Präsident (zum Angeklagten): "Sie kennen die zahlreichen Verbrechen von Grabschändungen, welche Sie begangen haben?"
Bertrand: "Ja, mein Oberst, der Herr Untersuchungsrichter hat sie mir im Lauf der Untersuchung mitgeteilt."
Präsident: "Welches Gefühl hat Sie zu solchen Verbrechen getrieben?"
Antwort: "Ich weiß es nicht. Ich wusste nicht, was in mir vorging."
Präsident: "Sie gestehen alle Verbrechen ein?"
Der Angeklagte: "Ich bekenne mich schuldig all der Grabschändungen, der man mich anklagt. Ich wurde in der Nacht vom 15. auf den 16. März dieses Jahres durch einen Schuss verwundet, während ich die Kirchhofmauer von Mont-Parnasse übersteigen wollte, wo ich einzudringen versuchte, um neue Gräber aufzuwühlen. Der Schuss nötigte mich, zu entfliehen, und ich begab mich in das Hospital von Val-de-Gràce, um meine Verwundungen heilen zu lassen. Ich erklärte dem Herrn Oberarzt Marchal (von Calvi) alles, was ich getan hatte."
Präsident: "Also geben Sie sich der Verbrechen schuldig, welche im Februar 1847 zu Bleré, nahe bei Tours, begangen worden sind, im Juni desselben Jahres auf dem West-Kirchhof, im Juli 1848 auf dem Süd-Kirchhof, am 23. August auf dem Kirchhof von Ivry, im September ein Dutzend mal auf demselben Friedacker, und im Dezember dort gleichfalls an mehreren Leichnamen?"
Der Angeklagte: "Alle diese Daten sind zutreffend oder beiläufig. So oft ich in einen Kirchhof eindrang, trieb mich eine Wut, stachelte mich ein Wahnsinn dazu. Es hat sich zuweilen zugetragen, dass ich in einer Nacht zehn bis fünfzehn Leichname ausgegraben habe, und nachdem ich sie verstümmelt hatte, beerdigte ich sie wieder." (Bewegung in der Zuhörerschaft.)

Präsident: "Was war Ihr Beweggrund und Ihr Zweck, so die Gräber zu einweihen und auf diese Art sich solcher schrecklicher Vergehen schuldig zu machen?"
Der Angeklagte: "Ich hatte gar keinen Zweck. Ich fühlte in mir ein unwiderstehliches Bedürfnis, zu zerstören, und nichts vermochte mich zurückzuhalten; ich musste in einen Kirchhof eindringen, um durch Verstümmlung von Leichnamen meine Wut zu stillen. Ich kann mir heute selbst noch keine Rechenschaft von den Gefühlen geben, welche mich durchdrangen, als ich den Leichnamen das Totenkleid in Fetzen vom Leibe riss."
Präsident: "Was für ein Instrument gebrauchten Sie zum Einschneiden in die Körper und zum Abnehmen der Glieder?"
Der Angeklagte: "Zum öftesten gebrauchte ich mein Faschinenmesser, oder auch ein gewöhnliches Messer oder Federmesser."
Präsident: "Auf welche Art haben Sie die Leichen enterdigt?"
Der Angeklagte (kalt): "Mit meinen eigenen Händen oder mit nächst bestem Werkzeug, das sich mir darbot. Meine Hände troffen oft von Blut und ich empfand den Schmerz erst andern Tags."
Präsident: "Was ging in Ihnen vor, wenn Sie Ihre Leidenschaft gestillt hatten?"
Der Angeklagte: "Ich zog mich, von einem Fieber befallen, das mich durch und durch zittern machte, zurück; hierauf fühlte ich ein Bedürfnis nach Ruhe. Ich schlief einige Stunden ununterbrochen fort, gleichviel, an welchem Ort oder an welcher Stelle. Ich hörte jedoch während dieser Zeit alles, was um mich her vorging."
Präsident: "Im Monat Juni 1847 hat man Sie in einem Grab versteckt gefunden; was wollten Sie da tun?"
Der Angeklagte: "Ich hatte mich versteckt, weil ich die Absicht hatte, einige Gräber zu öffnen."
Präsident: "Wie erklären Sie uns den Unterschied, dass Sie bei Ihren schrecklichen Verstümmlungen den Leichnamen des weiblichen Geschlechts den Vorzug vor denen des männlichen gegeben haben?"
Der Angeklagte: "Ich wählte nicht; es ist wahr, dass ich mehr Frauen als Männer ausgegraben habe."
Präsident: "Leitete Sie bei diesen Verbrechen kein anderes Gefühl, als das der Zerstörung?"
Der Angeklagte: "Nein, mein Oberst."
Präsident: "Es ist sehr sonderbar, dass Sie Ihre Leidenschaft immer an Toten und nie an Lebendigen zu befriedigen suchten."
Der Angeklagte: "Das ist eine Krankheit bei mir. Seitdem ich im Hospital bin, habe ich keinen Drang mehr empfunden, aber ich weiß nicht, ob ich völlig hergestellt sein werde, wenn ich mich diesmal aus dieser Sache gezogen habe."
Präsident: "Ein Zeuge hat im Verhör angegeben, dass ein Leichnam angebissen gewesen sei; haben Sie die Leichname mit den Zähnen angepackt?"
Der Angeklagte: "Nein, mein Herr Präsident; ich habe nie von meinen Zähnen Gebrauch gemacht. Der Zeuge wollte sagen, dass die zerstörten Körper von einem stumpfen Messer oder von meinem Säbel in den aufgeschnittenen Teilen unregelmäßige Einschnitte zurückließen und sich zeigten, als hätten Mäuse daran genagt."
Präsident: "Als Sie die Leichname öffneten, tauchten Sie nicht Ihre Hände in ihr Inneres?"
Der Angeklagte (immer mit Leidenschaftslosigkeit und der größten Ruhe): "Ja, Colonel, ich drang mit den Händen ein, um die Eingeweide auszureißen, und oft drang ich bis zu den oberen Teilen des Körpers, wo ich Lunge und Leber herausriss." (Bewegung des Abscheus unter der Zuhörerschaft.)

Präsident: "Aber ähnliche Handlungen müssen Ihnen einen Abscheu vor Ihnen selbst hervorgebracht haben? Erwachte nie ein Gefühl in Ihnen, das Ihnen die ganze Größe dieser grauenhaften. Handlungen vorstellte?"
Der Angeklagte: "Ja, gewiss, und mehr als jedes andere Gefühl empfand ich dieses; aber wenn es mich das Leben gekostet hätte, so wäre ich nicht im Stande gewesen, mich von Wiederholungen solcher Vergehen zurückzuhalten. Ebenso wusste ich, dass die Maschine gelegt war, um mich zu fangen oder zu töten ... gleichviel, ich überstieg die Mauer. Ein anderes Mal war diese Maschine abgespannt, und ich hätte sie nehmen und forttragen können, aber ich begnügte mich damit, sie mit einem Fußtritt umzuwerfen. Ich bin eingetreten in den Kirchhof, wo ich mehrere Leichname enterdigte. Es war eine stockfinstere Nacht und stürmisches Wetter, es regnete, was die Wolken lassen konnten. Nachdem ich den Kirchhof von Mont-Parnasse verlassen hatte, ging ich auf den von Ivry, wo ich das Nämliche verübte und gegen 3 oder 4 Uhr Morgens kehrte ich nach dem Luxembourg-Viertel zurück."
Frage: "Haben Sie sich nie gefragt, wohin diese schon Jahre lang andauernde Leichenzerstörung führen soll?"
Antwort: "Wenn mich meine Krankheit überfiel, fühlte ich, ohne mir Rechenschaft darüber zu geben, das Bedürfnis, zu zerstören."
Frage: "Befiel Sie diese Krankheit oft?"
Antwort: "Ungefähr alle vierzehn Tage; sie kündigte sich durch Kopfweh an."
Frage: "Fühlten Sie nicht die gleichen Begierden beim Anblick von toten Tieren?"
Antwort: "Nein. mein Oberst. ich fühlte nicht."
Frage: "Haben Sie, seit Sie im Hospital sind, auch diese abscheulichen Begierden empfunden?"
Antwort: "Nein, mein Oberst. Und bin sicher, jetzt ganz hergestellt zu sein. Ich habe kalte Leichname gesehen ... ohne zu zittern ... ich hatte noch nie jemand sterben gesehen. Seitdem ich im Hospital bin ... sind mehrere meiner Kameraden nahe bei mir gestorben ... Ja! ich bin genesen, denn jetzt fürchte ich einen Toten." (Lebhafte und ernste Bewegung.)

Präsident: "Setzen Sie sich, wir werden zum Zeugenverhör schreiten."
Man ruft einen Zeugen. Herr Baudens, Oberarzt der Chirurgie im Hospital von Val-de-Gràce, Volksrepräsentant, bittet, zuerst gehört zu werden. Der Präsident befiehlt, dass er zuerst vortrete, indem ihn seine Pflichten zur Nationalversammlung rufen.
"Ich habe den Sergeanten Bertrand vom Anfang seines Eintritts in das Hospital beobachtet und habe befürchtet, dass bei ihm tetanosische Anfälle eintreten möchten, die ich für unüberwindbar hielt, indem ich mich stellte, als wisse ich gar nichts von den schweren Anschuldigungen, die auf ihm lasteten, glaubte ich ihn an mich fesseln zu können und bat selbst den Polizeikommissar, ihn nicht zu verhören. Nachdem sich seine Verwundungen gebessert hatten, wurde er in die Abteilung meines Kollegen, des Doktors Marchal (von Calvi) versetzt."
Doktor Baudens führt Umstände auf, die ihm von seinem Kollegen mitgeteilt worden sind, und welche beziehungsweise der Psychologie vom größten Interesse sind.

Marchal von Calvi (Oberarzt der Chirurgie am Hospital von Val-de-Gràce): "Als Sergeant Bertrand in die Behandlung des Herrn Baudens kam, erfuhr ich durch ein aufregendes Gerücht, dass in einem unserer Säle, wo sich die Verwundeten befinden, das Individuum liege, welches schon lange lebhaft das Publikum beschäftigte, und das man mit dem Namen »Vampir« bezeichnete. Ich ging sogleich zu ihm, um seinen Krankheitszustand zu untersuchen. Seine Verwundungen waren nicht gefährlich. Ich legte eine große Aufmerksamkeit auf die Untersuchung des Zustandes seiner Hände und prüfte seine Schädelorganisation.
Ich fand diesen Unteroffizier von einem Fieber ziemlich stark befallen, dass ich keine weiteren Nachforschungen mehr anstellen konnte; aber einige Tage darauf war die Justiz damit bekannt gemacht worden, dass sich dieser Mensch im Hospital befinde, und man brachte den Sergeanten Bertrand in den Gefangenensaal, der zu meiner Abteilung gehört.
Bei einem neuen Besuch bei dem Kranken fand ich den Puls in gutem Zustand; das Fieber war weg. Ich beschränkte mich jedoch nur auf einige Hauptfragen. Der Soldat hatte Zutrauen zu mit gefasst und ich richtete mich in folgenden Worten an ihn: »Sie werden wohl nicht mehr in Zweifel stehen, dass die Behörden auf der Spur Ihrer Verbrechen sind, welche Sie hierher gebracht haben. Ich lade Sie daher ein, mir mitzuteilen, was in Ihnen vorgegangen ist, und was Sie zu den Verbrechen geführt hat, die Ihnen zur Last gelegt werden.«
»Ich habe zwei Gründe,« setzte ich bei, »diese Fragen an Sie zu stellen; der eine betrifft Ihre Person, der andere mich teilweise: Es kann von großem Interesse für Sie sein, wenn ich mit allen Umständen vertraut werde, welche Sie zu diesen Verbrechen führten.« Ich sagte ihm, dass ich im Interesse der Wissenschaft eine brennende Begierde habe, das Geheimnis zu durchdringen, das bei ihm vorliegt. Anfangs zauderte er, mich zu seinem Vertrauten zu machen; aber später, meines Charakters versichert, fand ich ihn bereit, sich meinen Ideen zu nähern und mir nichts zu verbergen. »Teilen Sie mir als Arzt alles offen mit,« sagte ich zu ihm, »und keine Macht der Welt soll mich vermögen, mir etwas zu entringen, was Sie mir mitgeteilt haben. Nehmen Sie mich als Ihren Beichtvater an, und wenn Sie nach Ihrer Aufklärung mich fragen werden, was für Sie am dienlichsten sei, so werde ich Ihnen sagen, was nach meiner Ansicht für Sie am besten sei; ich werde nichts enthüllen, als was Sie selbst wollen, dass es bekannt werde.«
Der Kranke nahm meinen Vorschlag an, und um recht pünktlich zu sein, hatte er sich entschlossen, seine Gefühle und Handlungen niederzuschreiben. Ich habe dieses Aktenstück bei mir, und dem Wunsch Bertrands gemäß bin ich bereit, es dem Kriegsrat zur Durchsicht zu übergeben."
Der Angeklagte Bertrand: "Was ich geschrieben habe, ist Wahrheit, und es kann vor dem Kriegsrat ohne Anstand verlesen werden. Ich widersetze mich nicht, dass es Ihnen der Herr Doktor Marchal mitteile."
Herr Cartelier: "Was mich anbelangt, so wünsche ich, dass dieses Dokument verlesen werde. Der Angeklagte hat mich darauf aufmerksam gemacht, und ich erkläre, dass die Verteidigung darin durchaus keinen Nachteil findet."
Präsident: "Weil es der Verteidiger und der Angeklagte selbst verlangen, dass Sie dieses Dokument vorlesen, so gehe ich Sie an, Doktor, nicht nur das Stück vorzulesen, sondern auch die Justiz noch mit allen Umständen vertraut zu machen, mit denen Sie während des häufigen Umgangs mit dem Angeklagten bekannt geworden sind, sei es, dass es nicht das erworbene Vertrauen und dadurch Ihren Charakter als Arzt verletzt."
Marchal (von Calvi): "Ich verstehe vollkommen den Umfang und die ganze Größe meiner Pflichten. Ich hätte sehr wenig zu sagen, wenn mir nicht der Angeklagte Bertrand, wie gesagt, seine völlige und absolute Zustimmung gegeben hätte; denn ich werde Ihnen noch viel Wichtigeres mitzuteilen haben, als was in dem geschriebenen Aktenstück enthalten ist." (Bewegung unter den Zuhörern. - Zeichen der Aufmerksamkeit.)
Der Angeklagte: "Ich stehe vor dem Gericht, sagen Sie alles, Doktor."

Herr Doktor Marchal (von Calvi) zieht das Dokument aus seiner Tasche und liest es, auf den Wunsch des Präsidenten hin, vor. Es ist ganz so, wie es eigenhändig von Bertrand geschrieben worden ist, und lautet:
"Schon in meinem siebenten und achten Lebensjahr bemerkte man an mir eine Art von Wahnsinn, er führte aber nie zu einer schlimmen Handlung. Alles, was ich tat, war, dass ich in den Wald ging und in den düstersten Örtern dort herumlief, wo ich zuweilen, in die tiefste Traurigkeit versunken, ganze Tage lang blieb.
Doch am 22. oder 25. Februar 1847 überfiel mich eine Art Wut, welche mich zu den Verbrechen geführt, für die ich vor den Schranken des Gerichts stehe. Hören Sie, wie es sich zutrug:
Eines Tages ging ich mit einem meiner Kameraden auf das Land spazieren. Wir kamen an einem Kirchhof vorüber und die Neugierde trieb uns hinein. Abends zuvor wurde eine Person beerdigt und die Totengräber sind von einem Regen überfallen worden, hatten das Grab nicht ganz zugedeckt und die Grabwerkzeuge auf dem Grund liegen gelassen. Bei diesem Anblick überfielen mich schwarze Ideen; ich bekam ein rasendes Kopfweh, mein Herz schlug heftig, ich gehörte mir nicht mehr an. Ich gab einen Beweggrund vor, der mich in aller Eile in die Stadt zurücktreibe. Kaum von meinem Kameraden entfernt, nehme ich die Richtung nach dem Kirchhof. Ich ergreife einen Spaten und beginne das Grab zu öffnen.
Ich hatte schon den toten Körper herausgenommen und begann mit dem Spaten mit einer solchen Wut auf ihn loszuschlagen, von der ich mir jetzt noch keinen Begriff machen kann, als ein Arbeiter, der in der Nähe beschäftigt war, sich unter dem Kirchhoftor zeigte. Diesen erblickend, legte ich mich neben dem Toten nieder, wo ich eine Zeitlang verharrte. Ich erhob mich dann, sah aber niemand mehr; der Arbeiter war fortgegangen, um es der Obrigkeit anzuzeigen. Ich beeilte mich, vom Grab fortzukommen, nachdem ich den Leichnam wieder mit Erde bedeckt hatte, und ich überstieg die Kirchhofmauer. Ich zitterte am ganzen Leib, ein kalter Schweiß bedeckte meinen Körper. Ich zog mich in ein benachbartes Gehölz zurück, wo ich mich trotz eines kalten Regens mitten in ein Gebüsch niederlegte. Ich blieb in dieser Lage von Mittag an bis Nachmittags 2 Uhr, in einem Zustand völliger Gefühllosigkeit.
Nachdem ich erwacht war, waren meine Glieder wie abgeschlagen und ich fühlte eine Schwäche im Kopf. Das gleiche begegnete mir später bei ähnlichen Handlungen.
Zwei Tage darauf ging ich wieder zum Kirchhof zurück, aber nicht des Tags, sondern um Mitternacht, wo es regnete. Ich fand keine Werkzeuge vor und höhlte das Grab ganz mit meinen Händen aus; meine Finger bluteten, aber ich fühlte keinen Schmerz. Ich zog den Körper heraus und zerriss ihn in Stücke, dann warf ich diese in das Grab und füllte es wieder, wie ich es geleert hatte.
Vier Monate waren während dieser Tat verflossen; innerhalb dieses Zeitraumes war ich ruhig. Wir kamen nach Paris zurück. Ich glaubte, meine Wut sei vorüber. Kameraden gingen mich an, mit ihnen den Kirchhof von Père-Lachaise zu besuchen. Die düsteren Alleen dieses Kirchhofs gefielen mir. Ich entschloss mich, dort bei Nacht spazieren zu gehen. In der Tat begab ich mich auch schon um 9 Uhr Abends dorthin, indem ich die Mauer überstieg. Ich ging ungefähr eine halbe Stunde spazieren, von schwarzen Ideen bewegt. Schließlich begann ich einen Toten auszugraben, immer ohne Werkzeug. Ich machte mir ein Spiel daraus, den Toten in Stücke zu zerschneiden, aber fast bewusstlos kehrte ich zurück. Dies war im Monat Juni.
So ging es ungefähr zwölf bis vierzehn Tage fort, als ich von zwei Kirchhofwächtern überrascht wurde, welche schon Feuer auf mich geben wollten; aber weil ich immer Sorge trug, die Körper, welche ich verstümmelt hatte, wieder zu bedecken, bemerkte man ringsum nichts und es war mir ein Leichtes, mich aus der Sache zu ziehen. Ich gab vor, dass ich ein wenig betrunken in den Kirchhof eingetreten und dort bis auf diese Stunde eingeschlafen sei. Sie ließen mich gehen, ohne Weiteres zu fragen. Die Gefahr, der ich entgangen war, machte einen solchen Eindruck auf mich, dass ich ungefähr sieben bis acht Monate nicht mehr zum Kirchhof zurückkehrte.
Die Februar-Ereignisse von 1848 kamen herbei. Von dem Tage an waren wir immer auf dem Marsch und das Regiment kehrte erst in den Tagen des Monats Juni nach Paris zurück; ich aber war in ein Dorf bei Amiens einquartiert und kam erst am 17. Juli nach Paris.
Nach einigen Rasttagen stellte sich das Übel heftiger ein, als es je gewesen. Wir waren auf dem Feld von Ivry; die Schildwachen waren bei Nacht sehr zusammengedrängt und hatten strenge Order. Nichts vermochte mich zurückzuhalten. Ich verließ alle Nacht das Lager, um auf den Kirchhof von Mont-Parnasse zu gehen, wo ich mich meiner Leidenschaft überließ und fürchterlich hauste.
Das erste Opfer meiner Wut war ein junges Mädchen, dem ich, nachdem ich es schon verstümmelt hatte, die Glieder abschnitt. Diese Grabschändung mag ungefähr am 25. Juli 1848 begangen worden sein. Seither bin ich nur noch zweimal in den Kirchhof zurückgekehrt, wo es sehr leicht einzudringen war. Das erste Mal, um Mitternacht, beim prächtigsten Mondschein, sah ich einen Wächter, der in der Allee auf und ab ging, eine Pistole in der Hand; ich hatte einen Baum erklommen, der nahe an der Kirchhofmauer stand und war nahe daran, in den Kirchhof hinabzusteigen. Er ging ganz nahe an mir vorüber, sah mich aber nicht. Als er sich entfernt hatte, ging ich auch wieder fort, ohne etwas anzustellen. Das zweite Mal enterdigte ich eine alte Frau und ein Kind, beide behandelte ich wie meine früheren Opfer. Es ist mir unmöglich, mich noch der Daten zu erinnern, an welchen diese zwei letzten Attentate begangen worden sind. Alles weitere ist auf dem Kirchhof begangen worden, wo die Selbstmörder und diejenigen liegen, welche in Hospitälern gestorben sind.
Das erste Individuum, dass ich dort ausgrub, war ein Ertrunkener, dem ich nichts als den Bauch aufschnitt. Es war ungefähr am 30. Juli.
Es ist zu bemerken, dass ich nie einen Mann zerschnitt; ich berührte ihn selten, während ich eine Frau mit dem größten Vergnügen in Stücke schnitt. Den Grund davon weiß ich nicht zu finden.
Am Tage der Ausgrabung des Leichnams, von dem ich so eben gesprochen habe, enterdigte und verstümmelte ich vier Tote, zwei Männer und zwei Frauen. Die letzteren waren wenigstens 60 Jahre alt. Ich kann nicht mehr genau die Zeit dieser Ausgrabungen bestimmen; sie gingen je von vierzehn zu vierzehn Tagen vor sich.
Am 6. November, um 10 Uhr Nachts, schoss man eine Pistole gegen mich los, in dem Moment, wo ich die Kirchhofmauer überstieg. Ich wurde nicht getroffen. Dieser Vorfall entmutigte mich nicht. Ich legte mich auf den feuchten Erdboden und schlief bei einer empfindlichen Kälte ungefähr zwei Stunden. Aufs Neue drang ich in den Kirchhof ein, grub den Leichnam einer ertrunkenen Frau aus und verstümmelte ihn.
Von diesem Tage an bin ich, bis zum 15. März 1849, nicht öfter auf den Kirchhof zurückgekommen, als zwei Mal. Das erste Mal zwischen dem 15. und 20. Dezember und das andere Mal im Monat Januar. Diese zwei Mal war ich wieder zwei Schüssen ausgesetzt; der erste, der nach mir gezielt war, drang von hinten in meinen Mantel in der Lendengegend ein, ohne mich zu berühren. Der zweite Schuss traf mich auch nicht. Ich hatte bemerkt, dass der Wächter nach voller Brust zielte und ich bin diesen zwei Schüssen wie durch ein Wunder entgangen. Der Eisendraht, welcher den Übergang versperrte, war nicht fest genug angespannt und erlaubte mir durch denselben zu gleiten, ehe das Geschoss Feuer gab.
Von der ersten Hälfte des Monats Januar 1849 an bis zum 15. März wurde ich nicht mehr von einem Wutanfall heimgesucht; in dieser Länge der Zeit berechnete ich schon mein Glück, wenn ich mich so ausdrücken darf, als das Unglück wollte, dass mich mein Weg am Kirchhof von Mont-Parnasse vorüber führte. Die Neugierde mehr als die Begierde, Böses zu tun, trieb mich an, die Mauer zu übersteigen und damals, als ich in den Kirchhof hinabsprang, erhielt ich den Schuss, in Folge dessen ich in den Spital gekommen bin. Ich bin gewiss, dass, wenn ich dieses Mal nicht getroffen worden wäre, ich zeitlebens nicht mehr auf einen Kirchhof zurückgekehrt wäre. Ich hatte meinen ganzen Mut verloren.
Anfangs schritt ich nur zu solchen Übeltaten, wenn ich vom Wein etwas aufgeregt war. In der Folge hatte ich keine geistigen Getränke mehr nötig, eine Widerwärtigkeit schon reichte hin, mich in dieses Übel zu stürzen.
Nach all diesem sollte man glauben, dass ich auch Lust bekommen habe, Lebendigen Übles zuzufügen. Im Gegenteil, ich war gegen jedermann sehr zuvorkommend und hätte keinem Kind etwas zu Leide tun können. Auch bin ich gewiss, dass ich nicht einen Feind beim ganzen 74. Linienregiment habe. Alle Unteroffiziere, mit welchen ich Umgang pflog, schätzten mich wegen meiner Aufrichtigkeit und Heiterkeit." (Bewegung unter den Zuhörern.)

Nachdem dieses Dokument, das einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer gemacht hatte, verlesen worden war, setzte Herr Marchal von Calvi seinen Vortrag wie folgt fort:
"Diese Note, meine Herren, ist unvollständig. Es liegt im Interesse des Angeklagten, dass auch nicht das Geringste übergangen werde, möge es an sich so schrecklich sein, als es wolle. Bertrand hat dies gefühlt, und da er sich nicht entschließen konnte, selbst zu sprechen, hat er mich gebeten, seine Geständnisse bei dieser Sitzung zu vervollständigen. So vielen Abscheulichkeiten setze ich folgende Abhandlung bei:
Die Menschenzerstörungssucht (monomanie destructive) hat in ihrem Begleite noch eine andere Sucht, wie dies bei ähnlichen Krankheiten gewöhnlich der Fall ist, und die Wissenschaft hat dieser einen besonderen Namen gegeben. Letztere ist aber erst lange Zeit nach den erstvorgenommen Verstümmlungen in Folge zu großer Geistesverwirrung erschienen. Ich glaube mich darüber in keine weitläufigen Details beziehungsweise der uns vorliegenden Tatsachen einlassen zu müssen. Allerdings glaubte ich anfangs, dass etwas daran sei und man wird sich fragen, ob es möglich ist. Dass Fälle dieser zweiten Monomanie schon vorgekommen, ist erwiesen; denn es gibt Fälle von Anthropophagie, z. B. wie der, den Doktor Bertholler von einem Menschen anführte, welcher neubeerdigte Tote ausgrub, um sie zu verzehren, und der ein ganz besonderes Vergnügen daran fand, die Eingeweide zu verschlingen. So zeigte ein aus der Erde gerissener Leichnam von unserem Angeklagten an einer »geöffneten Gegend« Bisse. Aber diese Bisse kommen daher, dass das Instrument, mit welchem die Einschnitte bewerkstelligt wurden, stumpf war, und in dieser Beziehung kann also keine Anwendung auf die zweite Monomanie hier gemacht werden.
Der Fall, welcher uns obschwebt, liefert also ein Beispiel von einer Menschenverstümmlungssucht, welche die erotische Monomanie im Gefolge hat, der jedoch immer ein Hang zur Schwermut vorangegangen ist, was bei jener gewöhnlich oder hauptsächlich der Fall ist. Der größte Teil der Menschenverstümmlungssüchtigen ist vorher von der Lypemanie befallen. Meiner Meinung nach ist dieser Mann nicht verantwortlich für seine Handlungen. Er war nicht frei. Ich weiß sehr wohl, von welcher großen Bedeutung diese Erklärung, wie sehr sie gegen den Angeklagten ist, im Fall die Justiz annehmen wollte, er sei nicht schuldig, und wenn man ihn so lange unter Aufsicht behalten wollte, bis er für schuldig erklärt werden würde. Aber ich sage, was ich für wahr erachte. Ich sage es vor Gott und den Menschen bei reiflicher Überlegung.
Mein letztes Wort, meine Herren. Bertrand hält sich für genesen. Seitdem er sich in unseren Sälen befindet, ist er nicht im Geringsten von einem solchen traurigen Drang befallen, dessen Opfer er so lange Zeit vorher gewesen; er fühlte nur einen Schrecken, einen Abscheu bei der Erinnerung an die grauenhaften Taten, wegen der er vor dem Tribunal zu erscheinen hat. Denn Bertrand hatte Tote gesehen, hatte aber zuvor nicht Sterben gesehen. Er hat das Röcheln gehört, er hat den Schaum auf den Lippen der Sterbenden wahrgenommen, er hat die letzten Lebensfunken erlöschen, die letzten Lebensbewegungen gesehen. Er sagte mir einige Tage darauf: »Ich bin geheilt; ich habe einen Menschen sterben gesehen!« Ich überliefere diese Tatsachen nun der Beurteilung des Kriegsrats.
Ich habe die Tatsachen frei gegeben, aber sie haben Leib und Seele, ich habe sie sozusagen in ihrer Materialität dargestellt. Wenn die Verteidigung oder der Kriegsrat es für notwendig erachten, werde ich später in eigene Auseinandersetzungen eingehen, um umfassend darzutun, dass, wenn der Unglückliche, welcher vor Ihnen steht, durch seine Vergehen Ihnen einen tiefen, einen unversöhnlichen Abscheu eingeflößt hat, auch verdient, der Gegenstand des tiefsten und lebhaftesten Mitleidens zu werden."
Präsident: "Hat Ihnen der Angeklagte nicht ausdrücklich gesagt, welche Verletzungen er an den Leichnamen verübte und warum er dabei dem weiblichen Geschlecht den Vorzug gegeben habe?"
Zeuge: "Er hat mir erklärt, dass diese Verletzungen gleicher Natur seien; dass er beide Geschlechter verstümmelte. Er schnitt ihnen den Mund bis an die Ohren auf und nahm ihnen dann die Glieder ab. Sobald er aber erkannte, dass es ein männlicher Körper sei, berührte er ihn nicht mehr. Den Unterschied wusste er nicht anders zu erklären, als dass er eben dem weiblichen Geschlecht den Vorzug gegeben habe."
Präsident: "Glauben Sie wirklich, dass diese Krankheit, wenn sie zu Schändungen geführt, den Charakter an sich hat, dass der Befallene nicht mehr ihrem Einfluss widerstehen kann?"
Zeuge: "Ich glaube, dass Bertrand unter der Herrschaft einer gewissen Macht stand, welche ihn regierte (in den alten Zeiten würde man sagen, der Satan sei in ihn gefahren) und die ihn willenlos zu Verbrechen führte, wie die medizinischen Annalen noch kein Beispiel aufzuführen haben."

Herr Kapitän von Hennezel führt mehrere Fälle von Monomanie an, Doktor Marchal bemerkt, dass sie keine sonderliche Analogie mit dem Vergehen Bertrands haben.

Im ganzen Verlaufe dieser Verhandlung, der das Publikum mit dem größtem Interesse gefolgt war, bemerkt man, dass die Züge des Angeklagten nach und nach an Lebhaftigkeit gewannen, und dass die Traurigkeit, welche vom Anfang der Verhandlung an auf seinem Gesicht lag, verschwinde. Seine Blicke schweifen hurtig über die Gegenstände und Personen weg, welche in der Nähe des Rats, der Bank der Verteidiger und der Journalisten sich befinden.

Präsident (zum Angeklagten): "Wenn Sie in die Kirchhöfe eintraten, geschah es zuweilen, dass Sie auf Hunde stießen, welche Sie anbellten; wie umgingen Sie diese?"
Der Angeklagte: "Wenn ich sie bellend auf mich zueilen hörte, so blieb ich ruhig stehen und erwartete sie mit der größten Fassung. Waren die Hunde auf mich zugekommen, so schaute ich sie mit festem, starrem Blick an, was ihnen Furcht einflößte, und die Hunde gingen wieder ihres Wegs weiter, ohne ihr Bellen fortzusetzen."

Der Kriegsrat vernimmt jetzt Herrn Doktor Pajot, Professor der ausübenden Schule, wohnhaft in der Rue de Vaugirard.
Präsident: "In einer Anzeige, welche Sie gemacht haben, um den Verstümmlungszustand von Leichnamen junger Mädchen zu bestätigen, haben Sie gesagt, dass die aufgerissenen Teile »angebissen« gewesen seien. Was verstehen Sie unter diesem Ausdruck? Waren die einzelnen Teile mit den Zähnen angebissen?"
Doktor Pajot: "Wenn ich diesen Ausdruck gebraucht habe, so wollte ich sagen, dass die aufgerissenen Teile, nach ihrer Absonderung, angebissen und stark von den Zähnen eines lebendigen Wesens angegriffen worden sind."
Präsident: "Herr Doktor Marchal, der soeben erst über die Würdigung dieses Ausdrucks gefragt wurde, hat erklärt, dass dieses Wort nur einen mit einem schlecht geschliffenen Instrument ausgeführten Einschnitt bedeute."
Doktor Pajot: "In diesem Sinne wollte ich das Wort nicht angewendet wissen. Ich wollte damit sagen, dass das Fleisch mit den Zähnen angepackt gewesen, und dass dies also ein Verbrechen der Anthropophagie sei." (Bewegung unter den Zuhörern.)
Präsident: "Den gleichen Schluss hat Doktor Marchal gezogen, nur konnte er nicht glauben, dass im vorliegenden Fall ein Akt der Anthropophagie vorliege."
Doktor Pajot: "Was ich gesagt habe, ist meine Überzeugung, um eine traurige Wirklichkeit zu bestätigen."
Bertrand: "Ich habe nie Leichname mit den Zähnen berührt; ich habe die anderen Handlungen eingestanden und würde wohl auch diese zugeben."

Man schreitet jetzt zu den Zeugen, welche Bericht über die verschiedenen Grabschändungen erstatten, die in den Kirchhöfen im Bereich ihrer Obhut verübt worden sind.

Grand Perret, Wächter des Kirchhofs von Mont-Parnasse, gibt an, dass er in der Nacht vom 15. auf den 16. März, wo er Dienst hatte und den Kirchhof-Inspektor begleitete, auf einmal die Explosion eines Feuergewehrs gehört habe, und dass er dann fortgelaufen, um den Wächter Lelièvre zu Hilfe zu holen. Man fand an dem Ort der Tat nichts als Stücke von rotem Ordonnanztuch, was die Obrigkeit auf den Verdacht führte, dass das Individuum, welches nächtlicherweile in die Kirchhöfe dringe, eine Militärsperson sein müsse.
"Das, was für uns nur ein Verdacht war", sagte der Zeuge, "wurde eine Wirklichkeit, als wir erfahren hatten, dass ein Unteroffizier des 74. Linienregiments, der, welcher gegenwärtig vor Ihnen steht, sich im Hospital von Val-de-Gràce habe aufnehmen und seine Verwundungen heilen lassen, die er in der Nacht des angeregten Vorfalls erhalten hatte."
Präsident: "Wie haben Sie erfahren, dass dieser Unteroffizier verwundet worden und dass er in das Hospital gegangen sei?"
Zeuge: "Am Tag der Exekution der zwei Mörder des Generals von Brea wurde eine Abteilung des 74. Linienregiments zum Dienst auf den Hospizen-Kirchhof beordert; mehrere von den Soldaten fingen an mit uns bald von diesem, bald von jenem zu sprechen, und sagten uns unter anderem, dass ein Sergeant von ihnen auf eine sonderbare Weise verwundet worden sei und dass er im Hospital von Val-de-Gràce liege, dass aber einer Erzählung, die er über seine Verwundungen gemacht habe, niemand Glauben schenke.
Eines anderen Tages kamen zwei Pioniere desselben Regiments, um sich auf dem Kirchhof zu ergehen; es kam mir in den Sinn, ein Gespräch mit ihnen anzufangen, das auf den fraglichen Sergeanten führte. Sie sagten mir, dass er Bertrand heiße, und dass es nicht das erste Mal sei, dass ihm Ähnliches begegnet sei; dass er im Monat Januar schon fast erschossen worden wäre, wo er die auf ihn gerichteten Schüsse zwei Mobilgarden zumaß, die er, wie er sagte, mit dem Säbel in der Hand verfolgte, worauf sie ihm einen Schuss in den Hals beigebracht haben."

Herr Gillet wird gerufen. Er erklärt die an seinem noch nicht acht Jahre alten Töchterchen verübten Verbrechen, deren Opfer sie, kaum begraben, geworden ist, und die auch der Angeklagte, Bertrand, freiwillig eingesteht.
Präsident: "Ist nicht das Gewand, in welchem Ihre Tochter begraben worden ist, mitgenommen worden?"
Zeuge: "Ja, Herr Präsident. Alles ist entwendet worden: Wir gaben ihr ein weißes Kleid und einen kleinen Halsschmuck mit ins Grab, an welch' letzterem eine Medaille hing, die Herrn Affre, den Erzbischof von Paris, vorstellte."
Präsident: "Hören Sie es, Angeschuldigter, wo sind diese Gegenstände hingekommen?"
Der Angeklagte: "Ich habe nichts mitgenommen. Sie müssen auf dem Boden liegen geblieben und von anderen mitgenommen worden sein."

Dutale, genannt Picard, Totengräber auf dem Süd-Kirchhof, gibt an, dass er oft auf dem Kirchhof Mont-Parnasse einen Soldaten im Sergeanten-Rang bemerkt habe, wie er von Ferne den Beerdigungen gefolgt sei. Das habe ihn nicht besonders beschäftigt, weil man gewöhnlich viele Leute sehen könne, welche die Kirchhöfe besuchen, wie wenn man einen Spaziergang macht, um sich zu zerstreuen. (Man lacht.)
Präsident (zum Zeugen): "Wie sieht er aus? Glauben Sie, ihn noch in der Person des Angeklagten Bertrand wiedererkennen zu können?"
Zeuge: "Ich glaube mich zu erinnern, dass er von mittlerer Statur war und ein gutes äußerliches Aussehen hatte, dass er einen kleinen Schnurrbart ohne Backenbart trug."
Präsident (zum Angeklagten): "Angeklagter, stehen Sie auf. Zeuge, sehen Sie ihn genau an, ob er das Individuum ist, von dem Sie gesprochen haben."
Der Zeuge Dutale: "Mein Oberst, die Beschreibung, welche ich Ihnen so eben geliefert habe und das Bild, das in meinem Gedächtnis geblieben ist, scheint sehr mit dem des Angeklagten übereinzustimmen. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, dass er derselbe ist."
Präsident: "Sah er düster aus? Ging er allein für sich?"
Der Zeuge: "So oft ich ihn sah, hatte er kein besonders heiteres Aussehen. Ich sah ihn mit Bürgern sprechen, wie wenn er zu denselben gehörte, jedoch ich könnte nicht sagen, ob diese Herren miteinander gekommen sind; aber für gewöhnlich sah ich sie nicht beisammen, und im Falle, so waren es höchstens eine oder zwei Personen. Beinahe alle Grabentweihungen, die auf meinen Kirchhof vorfielen, fanden des Tages nachher statt, an dem der Soldat bei den neuen Gräbern vorübergegangen ist."

Lelièvre, Wächter auf dem südlichen Hospizen-Kirchhof, gibt an, was er über die Grabentweihungen, welche dort im Monat November, Dezember und Januar stattgefunden haben, weiß.
"In der Nacht vom 3. auf den 4, Dezember, gegen Mitternacht," sagt dieser Wächter, "hörte ich ein leichtes Geräusch, das sich im Schatten hören ließ. Ich konnte nichts unterscheiden und verhielt mich still. Das Geräusch näherte sich der Maschine. Nachts, wenn es ruhig ist, und besonders auf einem Kirchhof, kann man jedes Geräusch, so klein es auch sein mag, bis zu einer gewissen Entfernung hin leicht unterscheiden, ob es rechts oder links ist, ob es sich nähert oder entfernt. Ich lauschte äußerst aufmerksam und bemerkte, dass es auf oder in der Nähe der Mauer war, nicht weit von dem Grab, wo ich meine Maschine aufgestellt hatte. Das Geschoss ging los, ich eilte schnell darauf zu, aber zu meinem großen Erstaunen fand ich niemand mehr; selbst nicht einmal das Geräusch hatte ich gehört, welches doch der Geheimnisvolle entweder im Fall oder im Sprung über die Palisade hätte machen sollen. Mehrere Personen kamen herbei, wir durchsuchten alles, fanden aber niemand. Am anderen Morgen jedoch lasen wir einige Tuchstückchen zusammen, und zwar von der Qualität, wie das der Militärmäntel ist."

Der Präsident, im Einverständnis mit dem Minister des Öffentlichen und der Verteidiger, nehmen an, dass die gegen den Angeklagten eingegangenen einzelnen Vergehen hinreichend dargetan seien und befiehlt jetzt, alle Zeugen in den Sitzungssaal treten zu lassen; die durch den Gerichtsschreiber schon vorgelesenen Angaben derselben genügen, um die Mitglieder des Kriegsrats einen Beschluss fassen zu lassen.
Herr von Hennezel, Gouvernement-Kommissar, ist auf »absichtlicher Tat« geblieben und hat die Annahme von Monomanie verworfen. Es hat dem Gouvernement-Kommissar geschienen, dass Bertrand mit voller und ganzer Freiheit aller seiner Verstandesfähigkeiten gehandelt habe.
Die Herren Robert Dumesnil und Cartelier haben nacheinander die absichtliche Handlung als Verteidiger widerlegt, und indem sie sich auf die ärztliche Annahme Doktors Marchal stützten, forderten sie die Freilassung des Angeklagten.
Nach kurzen Einwendungen für und gegen zog sich der Kriegsrat in den Entscheidungssaal zurück. Er überbrachte ein Urteil, das Bertrand mit Einstimmigkeit der Gräberentweihung schuldig erklärt hat, und verurteilte ihn nach Artikel 360 des Strafgesetzbuchs zum Maximum, einer Gefängnisstrafe von 1 Jahr.
Dieser Richterspruch ist dem Verurteilten vor versammelter, unter Waffen stehender Garde bekannt gemacht worden. Bertrand blieb dabei ruhig; das einzige Gefühl, das sich in ihm zu regen schien, tat sich durch ein Lächeln kund, das um seine Lippen schwebte. Unverzüglich darauf ist der Verurteilte zu seinem Strafarrest abgeführt worden.

 

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Anmerkungen

Faschinenmesser - waren in den Armeen des 19. Jahrhunderts ca. 60-70 cm lange, teils ein- oder zweischneidige Blankwaffen mit breiter Klinge in Form eines kurzen Schwertes. Man gebrauchte sie in der Regel bei den Pioniereinheiten um Äste abzuschlagen, Holz zu bearbeiten und ähnliche grobe Arbeiten zu verrichten; sie dienten aber auch im Kampf zur Selbstverteidigung.

Federmesser - sind kleine, sehr scharfe Messer, oft in der Form eines Skalpells, mit welchen früher, wie ihr Name schon andeutet, Schreibfedern zugeschnitten wurden.

Februar-Ereignisse von 1848 - Das Revolutionsjahr 1848, das auch in den deutschen Staaten großen Aufruhr verursachte.

tetanosische Anfälle - Anfälle von Starrkrampf

achtundzwanzig Posten - Hier sind damit Schrotkugeln bezeichnet.

Anthropophagie - D.i. Kannibalismus. In diesem Fall eher Nekrophagie, das Verzehren von Leichenteilen.

Lypemanie - D.i. Schwermut.

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weiterführende Links

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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