DER VERMEINTLICHE VERLUST

Dagmar Schenda

2008

Books on Demand, Norderstedt (2008)
ISBN: 978-3-8334-8922-8

Klappentext / D. Schenda: Nichts hatte Karl an jenem strahlend schönen Tag vor mehr als 250 Jahren gewarnt oder darauf hingewiesen, dass er schon am nächsten Morgen das Sonnenlicht würde meiden müssen. Nach dieser Schicksalhaften Veränderung folgen Jahre des Selbstmitleids, freudloser Nächte und schlafloser Tage. Als es Karl endlich gelingt sich aus seiner Lethargie zu befreien, beherrscht ihn nach wie vor die Frage, wer ihm dieses unwürdige Dasein aufgebürdet hat. Doch erst jetzt, in einer lauen Sommernacht kurz nach dem Jahrtausendwechsel, offenbart ihm sein Weggefährte Matthias die Wahrheit. Karls Entsetzen und gleichzeitige Enttäuschung führen zu einer schlagartigen Veränderung seines friedvollen Wesens - nie gekannter Zorn und Rachegefühle ergreifen von ihm Besitz; dass ihm gerade zu diesem Zeitpunkt die arrogante, aber dennoch begehrenswerte Belinda begegnet, komplettiert sein Gefühlschaos. Geht Karls Verzweiflung und sein Wunsch nach Vergeltung so weit, dass er für die grausamen Morde, die die Bürger der sonst so beschaulichen Stadt erschüttern, verantwortlich ist? Denn nur ein Blutsauger tötet auf diese Weise ... (2008)

bibliothèque: Die Informationen dieser Seite stammen von der Autorin, die auch freundlich die Leseprobe für dieses Projekt zur Verfügung stellte. (2013)

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Autorin

Dagmar Schenda - Geboren 1952. Nach Ausbildung und Tätigkeiten alsolvierte sie ein Fernstudium im Fach Belletristik und arbeitet heute als freie Autorin. Die erste Veröffentlichung war ihr Vampirroman „Der vermeintliche Verlust“. Eindeutig erkennt man an den Schauplätzen des Romans die Verbundenheit der Autorin zu ihrer Heimat. Als Malerin entwirft und gestaltet sie die Cover für ihre Bücher selbst.

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Leseprobe

(c) mit freundlicher Genehmigung der Autorin

 [...]

'Du Narr', schalt er sich, 'für einen wie dich ist solches Glück unerreichbar.' Indem er das Bild der Hübschen vom Schlosshof aus seinem Kopf verbannte, befiel ihn eine große Leere. So trieb Karl ziellos zwischen den schwatzenden Menschen.

Unvermutet kam ihm Matthias, flankiert von zwei gutaussehenden Mädchen, entgegen. Matthias, der sobald die Sonne es erlaubte, ihr Versteck verlassen hatte, kannte weder Selbstzweifel noch Skrupel. Karl verspürte den dringenden Wunsch, die ahnungslosen Frauen zu warnen, als Matthias sie mit harmlosen Wangenküssen verabschiedete. Gut gelaunt eilte er auf Karl zu und legte kameradschaftlich einen Arm um dessen Schultern.
„Komm, mein Lieber, lass uns zum Fluss gehen. Ich habe aufregende Informationen.“ Erleichtert, aber auch amüsiert, betrachtete Karl den stets modisch gewandeten Matthias.
„Was machen wir nur ohne deine Neugier?“
„Sie bewahrt uns davor, in unserer Gruft zu versauern. Oder hast du das Problem schon gelöst, wie wir da unten an einen Fernseh- oder gar Internet-Anschluss kommen?“
Matthias zog herausfordernd die Augenbrauen hoch. Karl ließ sich von der Anspielung auf seine mangelnden Computerkenntnisse nicht ärgern, sondern setzte sich auf die Stufen, die zum Fluss hinunterführten. Zu beiden Seiten begrenzte eine halbhohe Mauer die Treppe.
„Bevor du erzählst - was hast du mit den Mädchen vor?“
„Im Moment gar nichts, du edler Ritter.“ Matthias deutete spöttisch eine Verbeugung an.

„Irgendwie schient diese Nacht besonders“, Karl hielt verträumt inne. „Es sind so viele schöne Mädchen unterwegs.“
„Na, Alter, was sind das für neue Töne? Wird ja auch langsam Zeit, dass du dich mal näher umsiehst. Immer nur Blutplasma aus dem Krankenhaus oder entsprechendes von deinem Metzgerfreund ist auf Dauer langweilig.“
Karl fuhr sich ungehalten mit den schlanken Fingern durchs dunkle Haar.
„Ich will keine aussaugen!“
„Nein?“ Matthias, der einen halben Kopf größer war als Karl und seine ohnehin breite Statur durch regelmäßiges Training im Fitness-Studio noch mit zusätzlichen Muskeln bepackt hatte, blickt abwartend auf Karl hinunter. Sein kantiges Gesicht bekam einen lauernden Ausdruck. Karl bemühte sich, durch den ironischen Ton in Matthias' Stimme nicht die Fassung zu verlieren.
„Nun“, lenkte er ein, „nach menschlichem Ermessen sind wir in dem richtigen Alter für weibliche Gesellschaft.“
„Nächste Woche feiern wir unseren sechsundzwanzigsten Geburtstag, du Spätzünder!“
Matthias hatte das Datum, an dem ihre Lebensform verändert worden war, zu ihrem wahren Geburtstag erklärt. Er vergaß nie, Karl, der regelmäßig an diesem Tag in tiefe Depression sank, frühzeitig an ihren 'gemeinsamen Jahrestag' zu erinnern.
„Herrlich, soviel Zeit zu haben!“ Genüsslich grinsend schlug er Karl auf die Schulter. Sie hatten herausgefunden, dass es etwa fünfzehn Jahre dauerte, bis sie ungefähr ein Jahr an Menschenzeit gealtert waren. Ohne auf die letzte Bemerkung einzugehen, nahm, Karl seine Brille ab und rieb die Gläser unnötiger Weise sauber.
„Du weißt, warum ich mich Frauen gegenüber so zurückhalte.“
„Auf eine Vampirin kannst du nicht warten. Nicht in dieser Stadt, hier gab es bislang keine.“
„Gab?“
Karl, der versuchte kleine Kiesel über die Wasseroberfläche hüpfen zu lassen, sah überrascht zu seinem - lässig mit einem Ellbogen auf der Mauer abgestützten - Gefährten hoch.

„Ja, damit wären wir bei meinen neusten Gerüchten. - Also“, Matthias hockte sich redselig neben Karl, „in dem Jahr als wir Bruder Ambrosius im Kloster geholfen haben, war ein Vampir zu Gast auf Schloss Stiemheim.“
Überflüssigerweise zeigte er auf das gegenüberliegende Flussufer. Karl nickte ungeduldig, er wusste nur zu gut, wo das zweite Schloss dieser Stadt lag. Aber eine andere Bemerkung versetzte ihn in Aufruhr.
„dir war bekannt, dass damals ein Vampir in der Stadt war?“
„Reg dich ab, er war es nicht. Der verliebte Trottel hatte ganz andere Probleme, als kleine Jungs zu beißen.“
„Wieso hast du nie etwas über ein anderes dieser Monster herausgefunden?“
„Auf dein Drängen hin habe ich überall geschnüffelt - ohne Ergebnis, wie du weißt.“
Matthias betrachtete intensiv den klaren Himmel, der deutlich einige Sternbilder erkennen ließ. Er verspürte jetzt wirklich keine Lust, dieses ständig wiederkehrende Thema mit Karl zu erörtern. Ein Blick zur Seite verriet ihm, dass Karl bereits dabei war, in die Vergangenheit abzutauchen. Er puffte ihn in die Rippen:
„Weit weg, wie?“
„Mmh, - nur zu gern hätte ich Bruder Ambrosius um Hilfe gebeten. Wohin mag er nur verschwunden sein?“

„Keine Ahnung, auf welche Wanderschaft Bruder Ambrosius damals gegangen ist. Ich habe ihn doch in der ganzen Umgebung gesucht“, unterbrach Matthias mit gleichgültiger Stimme die trüben Gedanken Karls. Im Gegensatz zu Karl, der sich noch Jahrzehnte versteckt gehalten und nur von kleinen Tieren (vorzugsweise deren Blut) gelebt hatte, war Matthias begierig überall herumgestreift und jeden Morgen in Karls Unterschlupf zurückgekehrt. Ganz allmählich hatte Karl die Anwesenheit von Matthias hingenommen und sich eingestanden, dass ihr gemeinsames Schicksal sie, trotz ihres Gegensatzes, verband.

Karl kippte fast von der Stufe, als Matthias in heftig anstieß.
„Hör endlich zu!“
Karl seufzte verhalten und schob die wohl nie zu klärenden Fragen beiseite. Was blieb war bohrende Ungewissheit.
„Na, dann erzähl schon!“
„Es hieß, der englische Vampirlord habe sich in eine junge Frau verliebt“, nahm Matthias den Faden wieder auf, „was natürlich einen Riesenskandal sowohl im Vampirrat als auch bei der reinrassigen Menschen-Familie der jungen Dame hervorrief.“ Matthias schleuderte einen flachen Stein über das Wasser, der ganz selbstverständlich drei Hüpfer absolvierte, bevor er abtauchte. „Seit ein paar Tagen ist der Vampir zurück - mit ihm seine Frau und eine wunderschöne Tochter.“
Matthias hielt dramatisch inne.

„Ja, und?“ Karl sah ihn verständnislos an.
„Mich interessiert, ob seine Frau diejenige ist, in die er sich bei seinem Aufenthalt auf Schloss Stiemheim vor mehr als zweihundert Jahren verliebt hat.“
„Dann wäre sie bewusst seine Gefährtin geworden?“

Karl sprang entsetzt auf. Er fand seine eigene Existenz so unwürdig, dass ihm eine gewünschte Verwandlung völlig absurd erschien. Matthias sah ihn lange grübelnd von unten herauf an. Dann erhob er sich und beugte sich hämisch grinsend zu Karl vor.
„Da wäre sie nicht die Erste gewesen, die sich den Blutsaugern freiwillig angeschlossen hat“, die nächsten Worte kamen zischend, „das habe ich auch getan.“ Kral starrte Matthias ungläubig an, doch dieser redete ungerührt weiter.
„Im bedeutenden Sommer 1747 konnte ich nicht herausfinden was passierte, denn meine Verhandlungen mit Bruder Ambrosius nahmen mich zu sehr in Anspruch. Mir kam nur zu Ohren, der Vampir sei abgereist und die junge Frau in ein Kloster verbannt worden.“

„Verhandlungen mit Bruder Ambrosius?“ Karls Stimme klang plötzlich brüchig.
„Ja, hast du es denn gar nicht bemerkt? Der Hüter des Weinkellers, den er nur nachts verließ, hatte absonderliche Fähigkeiten. Er hat mich zudem gemacht, was ich bin. - Obendrein hat er mir noch einen Wunsch erfüllt ...“

Matthias Augen funkelten hinterhältig und Karl, dessen fassungsloser Gesichtsausdruck von einer traurigen und dann erschreckend hasserfüllten Miene abgelöst wurde, nickte. Er hatte begriffen, endlich.

[...]

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Handlungsorte

Eine Stadt im Ruhrgebiet (BRD), Die Gegend in der Nähe von Amesbury (UK, Südengland)

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Vampire

Dagmar Schenda: Die Vampirfamilien von Desmond und Edgar leben wohl eingebettet in den Organisationen sämtlicher Vampirfamilien untereinander; zudem sorgt die Verwaltung des Vampirrats für Papiere, Urkunden und alles, was zu einem unauffälligen Dasein beiträgt. So ist der Irrtum entstanden, man wisse weltweit um jeden Ort, an dem Vampire leben. Doch niemand, fast niemand, weiß um die Existenz von Karl und Matthias. Da Ambrosius sofort nach der Verwandlung von Karl und Matthias verschwand, waren die beiden von jeher auf sich gestellt. Ohne jedwede Unterstützung führen sie ein Leben in stetiger Angst vor Entdeckung, verstecken sich in maroden Unterkünften, die sie oftmals wechseln; an moderne Annehmlichkeiten ist nicht zu denken, da sie absolut ohne Identität sind. Von daher ahnen weder Desmonds noch Edgars Familie, dass zwei Vampire in der Stadt am Fluss leben, als sie 2002 dort ankommen.

Karl - wurde 1747 als neunjähriger Junge hinterrücks zu einem Vampir gemacht; leidet fortan unter seinem Dasein, findet aber einen Weg, nicht töten zu müssen; arbeitet ab frühen Kindheitstagen des nachts für seinen Lebensunterhalt; erst nach 255 Jahren – im Sommer 2002 - enttarnt Matthias den damaligen Täter; Karl, mittlerweile etwa 26 Jahre alt (gemessen an Menschenjahren), sinnt vor Enttäuschung und unerwartet entflammter Wut auf Rache; zum gleichen Zeitpunkt verliebt er sich in Belinda, die er für menschlich hält.

Matthias - Schulkamerad von Karl; ist bereits im Alter von neun Jahren beseelt von dem Gedanken, Unsterblichkeit zu erlangen; erkennt in dem Mönch Ambrosius einen Vampir und es gelingt ihm, diesen zu erpressen nicht nur ihn, sondern auch Karl zu Vampiren zu machen; Matthias genießt seine veränderte Lebensform; als er Karl im Sommer 2002 die Wahrheit erzählt und dieser sich daraufhin erschreckend verändert, mutet Matthias ihm die beiden grausigen Morde, die kurz darauf geschehen, zu; Matthias zählt im Sommer 2002 etwa 26 Menschenjahre.

Agatha - verheiratet mit Edgar, entstammt einem alten Vampirgeschlecht aus Cornwall; hofft, ihre Schwägerin Laura bei der Reise nach Deutschland im Sommer 2002 als Mischwesen enttarnen zu können und so die Gunst ihres Ehemannes zurückzuerlangen.

Ambrosius / Ambros Weidtfelt - ist an der Vermischung von Vampiren, Langlebenden und Menschen interessiert um einerseits das Aussterben der beiden erstgenannten Lebewesen zu verhindern, andererseits auf ein „blutfreies“ Leben der Vampire hofft; lebt 1747 eine Zeit als Mönch im Ruhrgebiet; taucht erst 2002 wieder dort auf, diesmal als Sonderermittler; gemeinsam mit Matthias jagt er Karl, denn nur ein Vampir kann für die beiden Morde verantwortlich sein.

Belinda - verwöhnte und wohlbehütete Tochter von Desmond und Laura; als Mischwesen ist sie, wie ihre Mutter, Gefahren durch einen Geheimbund ausgesetzt; bei der Reise mit ihren Eltern im Sommer 2002 ist sie etwa 17 Menschenjahre alt; sie verliebt sich in Karl, den sie für einen Menschen hält.

Boris - Widersacher von Edgar im Geheimbund; schachert mit ihm um die höchste Machtstellung; hegt eine Schwäche für Agatha, die ihn bei ihrem Aufenthalt in Deutschland zu Hilfe ruft, um Edgar, der sie nach wie vor betrügt, zu beseitigen.

Desmond - enger Freund und Vertrauter von Ambrosius, Mitglied im Vampirrat; lernt bei einem Aufenthalt in Deutschland 1747 die menschliche Laura kennen; besucht 2002 mit seiner Familie Deutschland erneut; enttarnt den wirklichen Mörder.

Edgar - Halbbruder von Desmond, gehört zu dem Geheimbund, dessen Ziel es ist, alle nicht reinrassigen Vampire aufzuspüren und auf entsetzliche Weise umzubringen; da er seit langem einen Verdacht gegen seine Schwägerin Laura hegt, begleitet er 2002 die Familie nach Deutschland.

Elenor -Tochter von Agatha und Edgar; ist bei der Reise nach Deutschland 2002 etwa 18 Menschenjahre, besitzt im Gegensatz zu ihren Eltern keinerlei Boshaftigkeit; gutes Verhältnis zu ihrer Cousine Belinda; verliebt sich in Matthias, von dem sie annimmt, er sei ein Mensch.

Eugen - der jüngste Vampir der Familie; Sohn von Agatha und Edgar, versucht seinem Vater nachzueifern; seine Blutgier ist aufgrund seines Alters erschreckend; im Jahr 2002 ist Eugen etwa 8 Menschenjahre.

Laura - verliebt sich 1747 als 22-Jährige in Desmond, folgt ihm nach Südenglang und wird seine Vampirgefährtin; 2002 reist sie mit ihm und der gemeinsamen Tochter Belinda nach Deutschland um Belinda zu beichten, dass sie einst menschlich war und Belinda demzufolge ein Mischwesen ist.

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