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VERA (Véra)

Villiers de l'Isle Adam - 1874

zuerst erschienen in: La Semaine parisienne, Paris, 7 Mai 1874,
in Buchform erstmals erschienen in: Grausame Geschichten (Contes Cruels), 1883.

bibliothèque: Graf d'Athol muss seine über alles geliebte Véra zu Grabe tragen. Ein Jahr lang ignoriert er diese Tatsache und lebt in einem Traum. Doch er hatte ihr den Schlüssel zur Gruft dagelassen.
Eine weitere der Geschichten, welche gern Vampiranthologien untergebracht werden. Und auch wenn es sich bei der bedauernswerten Gräfin durchaus um eine Untote handelt, ist diese unruhige Tote doch eher Gespenst als Vampir.
(2011)


Volltext - Der vorliegende Text basiert auf der Übersetzung durch Maria Ewers (1904) und wurde an einigen Stellen dem heutigen Sprachgebrauch angepasst.

Vera

»Die Liebe ist stärker als der Tod«, sagt Salomon: ja, ihre geheimnisvolle Macht ist unbegrenzt.

Die Dämmerung eines Herbstabends senkte sich über Paris. Einzelne Wagen, die sich im Bois verspätet hatten, rollten mit angezündeten Laternen dem dunklen Faubourg St. Germain zu. Einer von ihnen hielt vor einem großen herrschaftlichen Hause, das von einem hundertjährigen Garten umgeben war. Der Bogen des Torweges wurde von einem mächtigen Schilde überragt, das das alte Wappen der Grafen von Athol trug: blauer Grund, übersät mit silbernen Sternen, dazu die Devise: »Pallida Victrix«; darüber eine mit Hermelin gefütterte Krone auf einem Fürstenhut. Die schweren Flügeltüren öffneten sich weit: Ein Mann, der ungefähr 30 bis 35 Jahre alt sein mochte, stieg aus dem Wagen; er war in Trauer und sein Gesicht war erschreckend bleich. Auf der Freitreppe standen ernst und still die Diener des Hauses mit Fackeln in den Händen. Ohne sie eines Blickes zu würdigen, überschritt er die Stufen und trat ein. Es war der Graf von Athol. Schwankend erstieg er die Treppe, die zu dem Zimmer führte, darin seit diesem Morgen ein Samtsarg stand, in dem in weiße Schleier gehüllt und von Veilchen überdeckt, Vera ruhte, seine angebetete Gattin, seine höchste Lust und seine Verzweiflung. Unhörbar bewegte sich die Türe in den Angeln, er hob den Vorhang auf und trat ein.

Alles war noch genau so, wie die Gräfin es am Abend vorher verlassen hatte. Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel hatte der Tod sie dahingerafft.

In der letzten Nacht hatte sich seine Liebste so erschöpft in Liebkosungen, so aufgelöst in Lüsten, dass ihr Herz im Kampf zersprang: ein tödlicher Purpur färbte plötzlich ihre Lippen. Kaum hatte sie Zeit gehabt, ihrem Gatten lächelnd ohne ein Wort den letzten Kuss zu geben, dann schlossen sich ihre dunklen, langen Wimpern wie ein Trauerschleier über den brechenden Augen.

Und der Tag kam und ging.

Am nächsten Mittag fand die schreckliche Beisetzung in der Familiengruft statt. Noch auf dem Friedhof verabschiedete sich der Graf von Athol von dem Trauergefolge. Alle waren gegangen, nur er blieb zurück. Er trat hinein in das Mausoleum und schloss die eiserne Tür hinter sich ab. Weihrauch brannte auf einem Dreifuß vor dem Sarg, am Kopfende der Verstorbenen leuchtete hell eine Lampenkrone. Aufrecht, grübelnd unter dem Alpdruck eines Gefühls hoffnungsloser Zärtlichkeit hatte er den ganzen Tag dort zugebracht. Erst um 6 Uhr, zur Dämmerzeit, hatte er den heiligen Ort verlassen. Er schloss die Gruft ab, zog den silbernen Schlüssel heraus und warf ihn leise durch die durchbrochene Türe in das Innere des Grabes. Warum nur? Sicher infolge eines plötzlichen, seltsamen Entschlusses, nie mehr an diesen Ort zurückzukehren.

Und dann ging er wieder in das verlassene Schlafgemach. Das Fenster, das mit weichen, malvenfarbigen und reich mit Gold gestickten Kaschmirvorhängen verhangen war, stand weit offen. Ein letzter Strahl der scheidenden Sonne fiel auf das von einem geschnitzten Holzrahmen eingefasste Porträt der Toten. Der Graf blickte um sich. Das am Abend abgelegte Kleid hing über dem Sessel, auf dem Kamine lagen ihre Schmucksachen, die Perlenkette, der halboffene Fächer, die geschliffene Flasche, deren Wohlgerüche sie niemals wieder einatmen würde. Das aus Ebenholz geschnitzte Bett, das auf gewundenen Säulen ruhte, war noch nicht wieder gemacht worden und auf den mit Spitzen besäten Kopfkissen war die Stelle sichtbar, auf der ihr geliebtes Haupt geruht hatte; dort lag auch das Taschentuch, dass das junge Weib in ihrem kurzen Todeskampf mit ihrem Blute gerötet hatte. Das Klavier, das noch eine ewig unvollendete Melodie auszuklingen schien, stand offen; süße indische Blumen, die sie selbst im Treibhaus gepflückt hatte, welkten in alten Meißener Vasen. Zu Füßen des Bettes standen auf einer schwarzen Pelzdecke die kleinen orientalischen Pantöffelchen, auf denen mit Perlen Veras Devise gestickt war: »Wer Vera sieht, muss Vera lieben!« Noch gestern Morgen spielten darin die nackten Füßchen seiner Geliebten, bei jedem Schritt geküsst von dem Schwanenpelz. Und dort, dort im Schatten hing die Wanduhr, deren Feder er zerbrochen hatte, damit sie nie mehr eine andre Stunde schlagen sollte.

So war sie wirklich fort! ...

Und wohin? Und er sollte weiter leben?

Wozu denn? Unmöglich! Lächerlich!

Und der Graf versenkte sich in neue seltsame Gedanken. Er dachte an sein ganzes vergangenes Leben. Sechs Monate waren seit dieser Ehe vergangen. War es nicht im Ausland gewesen, auf einem Balle des Gesandten, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte? Ja, dieser Augenblick stand lebhaft vor ihm. Damals sah er sie zuerst in ihrer strahlenden Schönheit. An jenem Abend waren sich ihre Augen begegnet und sie erkannten sich und verstanden, dass ihre Liebe ewig sein würde. Das beobachtende Lächeln, die anzüglichen Redensarten, alle die kleinen Bosheiten und Hindernisse, mit denen die Welt das Glück - das sie doch nicht vereiteln kann - zweier Menschen, die sich angehören, zu hindern sucht, alles das versank in der ruhigen Sicherheit, die sie beide vom ersten Augenblicke an erfüllte. Vera, müde von den faden Formen der Gesellschaft, war beim ersten Hindernisse selbst zu ihm gekommen und ersparte ihm so in großherzigster Weise die Schritte des Alltagsfreiers, die uns die kostbarste Zeit des Lebens stehlen. Bei den ersten Worten schon - erschien ihnen ihre Umgebung einem Zuge von Nachtvögeln gleich, der in seine Finsternis zurückfliegt. Welch ein Lächeln, tauschten sie aus und welche unauslöschlichen Küsse!

Aber ihre Natur war eine höchst seltsame. Diese beiden Wesen waren mit einer wunderbaren Empfänglichkeit der Sinne begabt, aber nur für irdische Dinge. Die Leidenschaft steigerte sich in ihnen mit beunruhigender Heftigkeit. Sie vergaßen sich selbst, um sich ihr ganz hinzugeben. Dagegen fehlte ihnen für andere seelische Empfindungen, für den Begriff der Unendlichkeit, für Gott sogar jedes Verständnis. Der Glaube so vieler Menschen an übernatürliche Dinge war für sie nur ein Gegenstand seltenen Erstaunens, ein verschlossenes Buch, das sie nicht lasen, daß sie weder verteidigten, noch verdammten. So schlossen sie sich bald von der Welt ab, die ihnen so fremd war und versteckten sich in dem dunklen Herrensitze, wo die dicht verwachsenen Gärten jedes Geräusch von außen her fern hielten. Dort versenkte sich das junge Paar in jenes Meer sinnlicher Liebe, in dem Seele und Leib sich so geheimnisvoll vereinen. Sie kosteten ganz die wilde Wut der Begierde, das Zittern des Genusses und die zärtlichen Liebkosungen der erschöpften Wollust. Sie wurde der Puls seines Lebens und er der des ihren. So sehr durchdrang der Geist ihren Körper, dass ihre Formen ein inneres Leben zu haben schienen, dass ihre Küsse wie glühende Ketten ihre Seelen zusammenschmiedeten. Und dann ganz plötzlich brach der Zauber. Das entsetzliche Unglück warf sie auseinander. Ihre verschlungenen Arme lösten sich. Wo wirft sie jetzt ihren Schatten, die geliebte Tote? Die Tote? Nein. Flieht denn die Seele der Fiedel mit dem letzten Tone, wenn eine Saite zerreißt? - Die Stunden vergingen. Er beobachtete durch das Fenster, wie die Nacht hereinbrach, und die Nacht schien Gestalt anzunehmen. Ja, sie war eine stille, verbannte Königin, an deren Gürtelschnalle Venus in blauem Grunde leuchtete.

- Das ist Vera, dachte er.

Bei diesem Namen, den er ganz leise sprach, zitterte er, wie jemand, der vom Schlafe erwacht. Dann richtete er sich auf und schaute um sich.

Die Gegenstände des Zimmers wurden jetzt durch ein anderes Licht beleuchtet, dass man bisher nicht bemerken konnte. Es war ein ewiges Lämpchen, dessen Schein die Dunkelheit durchdrang und das die Nacht jetzt wie einen zweiten Stern erscheinen ließ. Es stand vor einem Heiligenbild, einem alten Erbstück aus Veras Familie. Das dreiteilige Bild hing in einem kostbaren Holzrahmen neben dem Spiegel über dem Kamin, und ein Strahl des matten Lampenlichtes fiel gerade auf die Perlenkette, die zwischen den anderen Schmucksachen dort lag. Voll beleuchtet aber war das himmelfarbene Gewand der Madonna und das rote byzantinische Kreuz, dessen seine Linien sich im Lichte verrückten und einen Schatten warfen, wie ein Blutstreifen. Seit ihrer Kindheit hatte Vera stets mit einem gewissen Mitleid in ihren großen Augen das mütterliche und reine Antlitz des alten Madonnenbildes betrachtet - und da ihre Natur dem Bilde nur eine unbestimmte abergläubische Liebe zollen konnte, so bot sie ihm diese - manchmal, wenn sie träumerisch an dem ewigen Lämpchen vorbeiging.

Der Graf, den dieser Anblick in der geheimsten Tiefe der Seele schmerzte, blies schnell das Licht aus, tastete im Dunkeln nach dem Klingelzug und läutete.

Ein Diener erschien: es war ein alter Mann in Trauerkleidung, er brachte eine Lampe, die er vor dem Bildnis der Gräfin niedersetzte. Als er sich umwandte, überlief ihn ein Schrecken, als er seinen Herrn lächelnd vor sich stehen sah, als ob gar nichts vorgefallen wäre.

"Raymond," sagte der Graf ruhig, "die Gräfin und ich sind beide heute Abend sehr müde, du wirst uns um zehn Uhr zum Abendessen decken. Übrigens haben wir uns entschlossen, uns von morgen an mehr zurückzuziehen. Keiner der Diener, außer dir, darf nachts über im Hause bleiben. Du wirst allen den Lohn für drei Jahre auszahlen, und dann lass sie gehen. Du wirst den Schlagbaum über den Torweg legen. Zünde dann Licht im Speisezimmer an. Du genügst uns vollständig. - Wir wollen in Zukunft niemand mehr empfangen."

Der Alte zitterte und sah seinen Herrn aufmerksam an.

Der Graf zündete sich eine Zigarre an und ging in den Garten.

Der Diener glaubte zuerst, dass der heftige Schmerz seinem Herrn den Geist verwirrt haben könnte. Er kannte ihn von Kind an und er begriff im Augenblick, dass die Erschütterung eines zu plötzlichen Erwachens diesem Nachtwandler tödlich sein könne. Fürs erste war es also seine Pflicht, das Geheimnis zu hüten. Er neigte sein Haupt. Sollte er ein Mitschuldiger dieses frommen Traumes werden? Gehorchen? Er sollte fortfahren, sie beide zu bedienen, ohne von ihrem Tode Notiz zu nehmen? Welch seltsame Idee? Würde sie nur eine Nacht dauern? Und morgen? Vielleicht - wer konnte es wissen? Tolle Gedanken, trotzdem! - Aber mit welchem Rechte kümmerte er sich darum?

Er verließ das Zimmer und führte die ihm gegebenen Befehle genau aus; schon an demselben Abende begann das neue Leben. Es handelte sich darum, ein furchtbares Trugbild zu schaffen.

Der Zwang der ersten Tage verwischte sich sehr bald. Raymond, der erst mit großer Bestürzung, dann mit Ehrerbietung und Hingebung alle seltsamen Wünsche seines Herrn erfüllte, ging bald vollständig darin auf. Nach kaum drei Wochen jedoch fühlte er, dass er selbst, wenigstens Minuten lang, ein Opfer seines guten Willens wurde. Er sann nicht mehr darüber nach. Manchmal war er wie in einem Taumel und musste sich selbst laut sagen, dass die Gräfin tatsächlich gestorben sei. Er widmete sich ganz diesem Schattenspiele und vergaß darüber die Wirklichkeit. Bald bedurfte es ernsten Nachdenkens für ihn, um sich zu sammeln und die Tatsachen zu begreifen. Er sah wohl ein, dass er selbst langsam ein Opfer dieser schrecklichen Vorstellungen wurde, mit denen der Graf nach und nach die ganze Luft erfüllte. Er empfand Furcht, aber eine unbestimmte, wohltuende Furcht.

Athol lebte so, als ob er wirklich von dem Tode der Geliebten nichts wisse. Die Gestalt der jungen Frau erfüllte ihn so vollständig, dass er sie stets gegenwärtig glaubte. Bald, wenn er an sonnigen Tagen auf einer Bank im Garten saß, las er ihr die Gedichte vor, die sie liebte; bald plauderte er, wenn er abends am Kamin saß, mit dem Scheinbild, das dort im Sessel ruhte neben dem kleinen Tischchen, auf dem zwei Tassen Tee standen.

Tage, Nächte und Wochen gingen dahin. Weder der eine noch der andere merkte, wie die Zeit entschwand. Seltsame Ereignisse erlebten sie, bei denen es schwer war, den Punkt zu finden, wo die Wirklichkeit aufhörte und die Täuschung begann. Etwas war da in der Luft, eine Form, die sich Mühe gab, zu erscheinen, sich zusammenzuziehen und greifbar zu werden.

Athol führte ein Doppelleben wie ein Hellseher. Wenn er die Augen halb schloss, sah er plötzlich ein bleiches zartes Antlitz ganz nahe dem seinen; dann plötzlich ertönte leise ein schwach auf dem Klavier angeschlagener Akkord und wieder, gerade wenn er etwas sagen wollte, wurde sein Mund durch einen Kuss verschlossen, oder aber es tauchten die Gedanken seiner Frau in ihm auf wie eine Antwort auf das, was er gesagt hatte. Er selbst schien ein anderes Wesen von sich abzulösen, so sehr, dass er fühlte, wie ihn in leichtem Nebel der wunderbar süße Duft der Geliebten umgab, dass er des Nachts zwischen Wachen und Schlummer leise ihre Stimme vernahm. - Alles gab ihm Nachricht von ihr, von einer Verneinung des Todes durch wunderbare Kräfte.

Einmal sah und fühlte Athol sie so nahe bei sich, dass er sie in seine Arme schloss, aber diese Bewegung verscheuchte sie.
"Kind!", murmelte er lächelnd. Und er schlief wieder ein wie ein Geliebter, der von seiner scherzenden Herrin geneckt wird. Am Tage ihres Geburtstages fügte er wie im Scherz eine Immortelle in den Strauß, den er auf das Kopfkissen Veras legte.
"Weil sie sich einbildet tot zu sein!" sagte er. Dank des ernsten und allmächtigen Willens Athols, der kraft seiner Liebe das Leben und die Gegenwart seines jungen Weibes in das einsame Haus zurückbannte, erhielt sein Dasein eine geheimnisvolle überzeugende Kraft. Selbst Raymond ängstigte sich nicht mehr, er gewöhnte sich allmählich an diese seltsamen Eindrücke.

Ein schwarzes Samtkleid, das plötzlich bei einer Wendung der Allee auftauchte, eine lachende Stimme, die ihn in das Wohnzimmer rief, der Klang der Schelle morgens bei seinem Erwachen gerade wie früher - das alles war ihm schon ganz vertraut geworden. Es war beinahe, als ob die Tote absichtlich die Unsichtbare spielte, wie ein Kind. Sie wusste sich so sehr geliebt - da war es ja natürlich.

- Ein Jahr ging dahin.

Am Abend des Gedenktages saß der Graf am Feuer in Veras Zimmer und hatte ihr soeben eine florentinische Novelle in Versen vorgelesen: Kallimache. Er schloss das Buch, dann schenkte er den Tee ein:
"Duschka," sagte er, "erinnerst du dich des Rosentales an den Ufern der Lahn und des Schlosses mit den vier Türmen? Erinnert diese Geschichte nicht daran?"

Er stand auf, warf einen Blick auf den Spiegel und bemerkte, dass er bleicher war wie sonst. Er nahm ein Perlenarmband aus der Schale und betrachtete die Perlen aufmerksam. Hatte Vera es nicht soeben abgelegt, ehe sie sich auskleidete? Die Perlen erschienen warm von der Wärme ihrer Haut. Und da der herrliche Opal in dem sibirischen Halsbande, der so sehr Veras Busen liebte, dass er verblasst und krank aussah, wenn die junge Frau ihn eine Zeit lang vergaß! Früher liebte sie den Stein um seiner Treue willen. Und jetzt leuchtete der Opal, als wenn sie ihn eben erst abgelegt hätte, als ob der Duft der geliebten Toten ihn noch durchdränge. Als er das Armband und den köstlichen Stein weglegte, berührte der Graf zufällig das Batisttuch: die Blutstropfen schienen feucht und purpurrot wie Nelken im Schnee! ..... Dort am Pianino, wer hatte die Noten umgeblättert? Was war das? Das ewige Lämpchen vor dem Heiligenbild brannte ja! Seine goldne Flamme erleuchtete geheimnisvoll die gesenkten Augen der Madonna. Wer hatte die frischen exotischen Blumen, die in den alten Meißener Vasen blühten, dorthin gestellt? Das Zimmer schien heiter und voll von Leben, viel bestimmter und ausgesprochener wie gewöhnlich. Aber der Graf wunderte sich über nichts mehr. Das alles schien ihm ganz natürlich zu sein, er bemerkte kaum, daß die Uhr schlug, deren Feder er vor einem Jahre zerbrochen hatte.

Es war an jenem Abend wirklich, als ob die Gräfin Vera jeden Augenblick in dieses Zimmer zurückkehren müsste, das so ganz von ihrem Wesen erfüllt war. War doch so viel von ihr zurückgeblieben. Alles, was ihr Leben ausgemacht hatte, zog sie dahin zurück. Ihr Duft wehte im Zimmer, und die lang angespannte Kraft des leidenschaftlichen Willens ihres Gatten musste endlich den Schleier, der sie unsichtbar machte, zerreißen.

Man zwang sie hierher. Alles, was sie liebte, war hier.

Sie musste ja wünschen, sich noch einmal in diesem Spiegel anzulächeln, in dem sie so oft ihr lilienbleiches Antlitz bewundert hatte! Die liebe Tote hatte da unten gewiss gezittert bei ihren Veilchen und den verloschenen Lampen - die süße Tote hatte im Grabe gewiss gelebt, als der silberne Schlüssel auf die Steinplatte niederfiel. Sie wollte ja zu ihm kommen - sie auch. Aber ihr Wille verlor sich in der Asche und der Einsamkeit.

Nur für die ist der Tod eine vollendete Tatsache, die an den Himmel glauben, aber fand sie nicht den Tod, den Himmel und das Leben nur in seiner Umarmung? Und der Kuss, den ihr Gatte in die Luft hauchte, zog er nicht ihre Lippen aus dem Schatten heran? Rief nicht alles sie zurück? Der verklungene Ton ihrer Lieder, die trauten Liebesworte, die Stoffe, die ihren Körper umhüllt und noch seinen Duft bewahrten, diese prächtigen Edelsteine, die sie heraufbeschworen - vor allem aber sein fester, unerschütterlicher Glaube an ihre Gegenwart, dieser Glaube, den alle Dinge umher mit ihm zu teilen schienen! Das alles rief sie zurück, zog sie schon so lange Zeit unmerklich herbei, dass erwacht vom Todesschlafe nur sie noch fehlte, nur sie allein.

Ah! die Gedanken haben wirklich ein Leben. Der Graf hatte sich die Form seiner Liebsten in die Luft gegraben und es musste sich der leere Raum mit dem Wesen füllen, das sein eigenes Wesen war - sonst wäre die Welt zusammen gebrochen! Und nun plötzlich empfand er es, ruhig, sicher, unabweisbar: sie musste da sein, hier im Zimmer!

Er war so fest davon überzeugt wie von seinem eigenen Dasein, und alles um ihn war auch von dieser Überzeugung durchdrungen. Man sah es wohl. So musste sie also da sein und so musste der große Traum von Leben und Tod für einen Augenblick seine unendlichen Tore öffnen. Die Kraft seines Glaubens schuf ihr den Weg zur Auferstehung. Ein Helles, fröhliches Lachen klang plötzlich von ihrem Bette; der Graf wandte sich um. Und dort vor seinen Augen, mit leicht aufgestütztem Haupt auf dem Spitzenkissen ruhte die Gräfin Vera, die Schöpfung seiner Erinnerung und seines Willens. Die Hand stützte die schweren schwarzen Haare, und ihr halboffener Mund lächelte ihm wollüstig zu. Sie schien gerade vom Schlummer erwacht zu sein.
"Roger!" sagte sie - ihre Stimme klang wie aus Traumesfernen.

Er näherte sich ihr, ihre Lippen vereinigten sich in göttlicher, alles vergessender Wonne.

Und sie entdeckten, dass sie in der Tat nur ein Wesen waren.

In rasender Eile entschwanden die Stunden, in denen zum ersten Mal Himmel und Erde sich vereinten.

Plötzlich sprang Athol auf, von einer unseligen Erinnerung ergriffen.

"Ah, jetzt erinnre ich mich!" - sagte er, "was habe ich denn? - Du bist ja tot!"

Kaum hatte er dies Wort gesprochen, als die Lampe vor dem Madonnenbild erlosch. Die bleiche Dämmerung eines grauen Regentages drang durch die Falten der Vorhänge.

Die Wachskerzen erbleichten und verloschen, und ihre versengten Dochte hauchten einen hässlichen Qualm aus. Das Feuer im Kamin ging aus und fiel in ein Häufchen Asche zusammen. Die Blumen welkten und vertrockneten in wenig Augenblicken. Der Pendel der Uhr blieb plötzlich stehen. Was war, entschwand oder aber: es verlor die Wirklichkeit. Der Opal erstarb, leuchtete nicht mehr. Die Blutstropfen auf dem Batisttuche erschienen vertrocknet. Die Weiße, zärtliche Erscheinung löste sich in seinen verzweifelnden Armen, die sie vergebens zu halten suchten, auf und verschwand in der Luft.

Ein leises Lebewohl, deutlich aber wie aus weiter Ferne, klang ihm bis in die tiefste Seele. Der Graf richtete sich auf, er fand sich allein. Sein Traum entfloh in einem Augenblick, er hatte mit einem Wort die geheimnisvollen Bande zerrissen. Alles umher erschien ihm nun erst verstorben.

Wie jene Glasperlen, die man lose aufeinander häuft und die dann so stark sind, dass man selbst mit einem Hammerschlag auf die Masse nicht eine zertrümmern kann, und die doch in Staub auseinander fallen, wenn man sie mit einer Nadel nur ein wenig verletzt, so war auch in ihm plötzlich alles zerfallen.
"Oh!" murmelte er, "so ist es denn aus! Sie ist verloren, ist allein! - Wie soll ich nun den Weg zu dir finden? Zeige mir den Pfad, der mich zu dir leitet!"

Plötzlich, wie eine Antwort, fiel mit metallischem Klang ein blanker Gegenstand aus dem Bette auf das schwarze Fell am Boden, ein Strahl des grauen hässlichen Tages beleuchtete ihn ... Der Verlassene bückte sich, hob ihn auf, und ein verklärtes Lächeln erhellte sein Antlitz, als er das Ding erkannte: es war der Schlüssel von Veras Grab.


Autor

Philippe Auguste Matthias Graf von Villiers de l'Isle Adam - * 1838, † 1889. Er entstammt verarmtem nordfranzösischen Adel. Mit 18 Jahren erschienen seine ersten Gedichte. Die "Grausamen Geschichten" machten ihn allerdings erst bekannt. Er wird als Schüler Edgar Allan Poes bezeichnet, mit dem ihn auch Parallelen im Lebenslauf verbinden. - Frankreich

Übersetzung: Maria Ewers, Joachim A. Frank, Ernst Sander


Titelgalerie


weiterführende Links

erschienen u.a. in : 14 Vampirstories - Hrsg: Manfred Kluge - 1978.
Französische Gespenstergeschichten - Hrsg: Hans Rauschning - 1964.

Villiers de l'Isle Adam in der "Gallery" : Philippe Auguste Matthias Graf von Villiers de l'Isle Adam - unbekannt - 1886.