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VARNEY, DER VAMPIR oder Das Fest des Blutes (Varney the Vampire or The Feast of Blood)

James Malcolm Rymer, Thomas Peckett Prest - 1842 bis 1847

 München: Heyne, 1978 - ISBN: 3-453-00569-4

 Heyne: Über ein Jahrhundert war dieser Roman verschollen. - Ein halbes Jahrhundert bevor Bram Stoker's Dracula die klassische angelsächsische Gruselszene betrat, feierte dort bereits der legendäre Varney seine schauerlich schönen Blutfeste. Varney ist der eigentliche Stammvater des schrecklichen Geschlechts der Blutsauger und Lebend-Toten. Sein Schicksal ist ebenso mysteriös wie das seiner Autoren.
 "Varney, der Vampir", erstmals 1842 in Form der 'penny bloods' oder 'Salibury Square novels' in riesiger Auflage erschienen, sprengt alle Grenzen der bekannten Horrorlandschaft. Das ganze Repertoire der literarischen Vampirologie kommt hier bereits zur vollen Entfaltung: düstere Friedhofsszenarien, aufgebrochene Gräber, fahle Mondnächte, stickige Gruftgewölbe, schrille Entsetzensschreie, schmatzende Blutsauger - all jene teuflischen Mysterien diesseits und jenseits des Grabes, die ein ganzes Land in helle Aufruhr versetzen: ein Fest des Blutes, der Leidenschaften und der totalen Aktion, ein schwarzes Juwel, hineingewebt in einen gespenstischen Gobelin aus Entsetzen, Furcht und Grauen.
(1978)

bibliothèque: Wegen des bedeutenden Umfangs der mehrjährigen Erscheinung wird der Roman oft nur in Stückwerken veröffentlicht und auch, weil einige Teile als "verschollen" gelten.
Thomas Peckett Prest gilt spätestens seit M. Summers' "Gothic Bibliography" (1940) als Autor des Werkes, Stilanalysen ließen aber den Schluss zu, dass J.M. Rymer den Roman schrieb. Da dies wohl abschließend nicht mehr zu klären sein wird, werden heute üblicherweise beide als Autoren angegeben.
(2010)

Leonard Wolf: „eines der wunderbarsten schlecht geschriebenen Bücher der Welt“.


Titelverzeichnis

1 - Volltext: Varney, der Vampir - Kapitel 1 und 2

2 - Volltext: Varney the Vampire - Chapter 1


1 - Varney, der Vampir - die vorliegende Übersetzung wurde der b-v freundlich zur Verfügung gestellt

Kapitel 1: Mitternacht - Der Hagelsturm - Die schrecklichen Besucher - Der Vampir

Die feierlichen Schläge der Uhr der alten Kathedrale künden von Mitternacht - die Luft ist dick und schwer - eine eigenartige Luft durchdringt still wie der Tod die Natur. Wie die Ruhe vor dem Ausbruch eines Sturmes, scheint sie noch eine Pause zu machen, um dann mit vergrößerter Kraft loszubrechen. Ein schwacher Donnerschlag erklang von fern. Wie ein Signal für den Beginn einer Schlacht, erschienen die Winde aus ihrer Lethargie zu erwachen, und ein Wirbelsturm jagte über die Stadt und richtete in den vier oder fünf Minuten mehr Schaden an, als unter normalen Umständen in einem halben Jahrhundert.

Es war, als hätten einige Riesen über eine Spielzeugstadt und die verstreuten Häuser mit ihrem heißen Atem geblasen, denn so plötzlich, wie der heiße Atem kam, hörte er wieder auf und alles war so still und ruhig wie zuvor.

Der Schläfer erwachte und dachte, dass das, was er gehört hatte, die Chimäre eines Traumes gewesen sein musste. Er schüttelte sich und legte sich wieder schlafen.

Alles ist wieder ruhig wie in einem Grab. Kein Laut bricht den Zauber der Nacht. Was ist das - en seltsames Geräusch, wie von den Füßen einer Million Feen? Es ist Hagel - ja, ein Hagelsturm platzt auf die Stadt herunter. Blätter fetzen von Bäumen, vermischt mit kleinen Ästen. Sie liegen in den Fenstern, die in der Wucht der niederprasselnden Eisteilchen zerbrochen sind, und die Ruhe vor dem Sturm in ihrer Intensität war umso bemerkenswerter gegen den nun vorherrschenden Krach, in dem jeder überraschte und bestürzte Schrei ertrinkt, der den Menschen entfährt, deren Häuser vom Sturm erobert werden.

Hin und wieder erschien es, als würde ein plötzlicher Windstoß mit all seiner Kraft die Millionen Hagelkörner einen Moment in der Luft festhalten, doch es dauerte nur einen Moment und sie prasselten mit verdoppelter Geschwindigkeit in eine neue Richtung, in der sie noch mehr Schaden anrichten konnten.

Oh, wie der Sturm wütete! Hagel, Regen, Wind. Es war, und das ist nur die Wahrheit, eine schreckliche Nacht.

 

In einem alten Haus gibt es eine Kammer. Merkwürdige und malerische Schnitzereien schmücken die Wände, und der große Kaminsims ist ein Kuriosum für sich. Die Decke ist niedrig, und ein großes Fenster, es reicht von der Decke bis zum Boden, schaut nach Westen hinaus. Die gitterartigen kleinen Fenster darin, sind aus bemaltem Glas und reich verziert. Sie senden ein fremdes, aber wunderschönes Licht, wenn Sonne oder Mond durch die Scheiben scheint, in die Wohnung. Nur ein Portrait hängt in diesem Raum, obwohl die Wände offensichtlich für eine ganze Galerie von Bildern ausgelegt sind. Das Portrait zeigt eine jungen Mann mit einem blassen Gesicht, einer stattlichen Stirn und einem seltsamen Ausdruck in den Augen, der niemand ein zweites Male hinschauen lässt.

Ein großes Bett steht in der Kammer, in dessen Nussbaumholz reichliche Schnitzereien eingearbeitet sind, ein Design, das sein Dasein der elisabethanischen Zeit verdankt. Es ist mit schwerer Seide und Damast ausgestattet, vom Staub bedeckte Nickfedern hängen an den Ecken und verleihen dem Raum einen traurigen Anschein. Der Fußboden ist mit poliertem Eichenholz belegt.

Gott! wie der Hagel gegen das alte Erkerfenster schlägt! Wie ein unaufhörliches Musketenfeuer prasselt er gegen die kleinen Scheiben, aber sie widerstehen ihm - gerade ihre geringe Größe bewahrt sie vor Rissen. Wind, Hagel und Regen stürmen vergeblich mit ihrer Wut.

Das Bett in der alten Kammer ist belegt. Ein Wesen in all ihrer Lieblichkeit liegt im Halbschlaf in dem alten Bett - ein Mädchen jung und schön wie ein Frühlingsmorgen. Ihr langes Haar hat sich gelöst und fließt wie Bäche über die dunklen Stoffe des Bettes. Sie wurde unruhig und die Laken sind in Unordnung. Einen Arm über dem Kopf, hängt der andere fast aus dem Bett heraus, an dessen Kante sie liegt. Hals und Brust sind als Studie für die besten Bildhauer und deren Meisterwerk entblößt. Sie stöhnt leise im Schlaf und bewegt ein- oder zweimal die Lippen wie zu einem Gebet - zumindest kann man dies glauben, da sie der Name dessen, der für alle Sein Opfer gab, schwach erkennbar ist.

Sie war sehr müde gewesen und selbst der Sturm konnte sie nicht wecken. Der Aufruhr der Elemente störte sie nur leicht in ihrem Schlummer, hatte aber nicht die Macht diesen zu durchbrechen.

Oh, was für eine zauberhafte Welt verspricht dieser Mund und durch die leicht geöffneten Lippen glitzern ihre weißen Zähne im schwachen Licht das durch das Fenster dringt. Wie süß die langen seidenen Wimpern auf der Wange liegen. Nun bewegt sie sich und eine Schulter wird völlig sichtbar - weißer, gleichmäßiger als die makellosen Bezüge des Bettes, auf dem sie liegt, ist die glatte Haut des Wesens, dass eine gerade erblühende Weiblichkeit zeigt, und in diesem Stadium, dem Übergang vom Mädchen zur Frau zeigt sie uns alle Reize eines Mädchens - fast noch ein Kind, gepaart mit der Schönheit und Sanftheit der fortschreitenden Jahre.

War das ein Blitz? Ja - ein schrecklicher, lebendiger, erschreckender Blitz - dann ein krachender Donnerschlag, als ob tausend Berge übereinander rollen in den blauen Gewölben des Himmels! Wer schläft jetzt noch in der alten Stadt? Nicht eine lebendige Seele. Das Erschallen der Trompete, die zur Ewigkeit ruft, könnte nicht wirksamer wecken.

Der Hagelsturm tobt weiter. Der Aufruhr der Elemente scheint auf an seinem Gipfel angekommen. Jetzt erwacht sie - das schöne Mädchen in dem antiken Bett. Sie öffnet die himmlisch blauen Augen, und ein leiser Schreckensschrei dringt aus ihren Lippen. Inmitten des Lärmens und Tobens des Wetters ist aber dieser Schrei nur schwach und leise. Sie sitzt auf dem Bett und presst ihre Hände vor die Augen. Himmel! Was für ein wilder Sturzbach aus Wind und Regen und Hagel! Der Donner verklingt nicht ganz, bis schon wieder ein Blitz die Luft zerreißt und das nächste Krachen erfolgt. Sie murmelt ein Gebet - ein Gebet für die, die sie am meisten liebt. Die Namen, die sie in ihrem Herzen trägt, kommen über ihre Lippen. Sie weint und betet, denkt dann daran, was der Sturm für Verwüstungen sicher produzieren muss und zu Gott im Himmel betet sie für alle Lebewesen. Ein weiterer Blitz - ein wilder, blauer, verwirrender Lichtreifen dringt zum Erkerfenster herein, bringt jedes Detail für einen Augenblick erschreckend deutlich hervor. Abermals platzt ein Schrei von den Lippen des jungen Mädchens und dann, die Augen noch immer fest auf das Fenster gerichtet, wird alles wieder dunkel und finster und sie zittert mit einem noch nie gekannten Schrecken auf ihrem Gesicht und der Angstschweiß steht ihr auf der Stirn.

"Was - was war das?" keuchte sie, "Wirklichkeit oder Illusion? Oh, Gott, was war das? Eine hohe, hagere Gestalt bemühte sich von außen das Fenster zu öffnen. Ich sah sie genau im Licht des Blitzes. Sie stand in ganzer Länge vor dem Fenster." Der Wind flaute ab. Der Hagel fiel nicht mehr so dicht. Leiser nur noch prasselt der Hagel aber immer noch gegen die Scheiben. Es kann keine Illusion gewesen sein. Sie ist jetzt hellwach und hört es genau. Was war es? Ein weiterer Blitz - ein weiterer Schrei. Es war keine Täuschung.

Eine hohe Gestalt steht auf dem Fenstersims. Es sind seine Fingernägel die auf dem Glas den Hagelklang erzeugen, jetzt wo der Hagel aufgehört hat. Schreckliche Angst lähmt die Glieder des schönen Mädchens. Ein Schrei entringt sich ihr. Sie schlägt die Hände vor das marmorweiße Gesicht. Ihr Herz schlägt wild in ihrer Brust, ihr sie in jedem Moment zerreißend. Die Augen geweitet, wartet sie vor Schreck erstarrt. Das Klopfen und Kratzen der Nägel an der Scheibe setzt sich fort. Kein Wort wird gesprochen und sie kann sehen, wie sich die langen Arme der dunklen Gestalt scheinbar auf der Suche nach einem Eingang hin und her bewegen. Was für ein seltsames Licht erhellt nun allmählich die Nacht? Es ist rot und schrecklich, wird heller und heller. Der Blitz hat eine Mühle getroffen und der Widerschein des verschlingenden Brandes fällt auf das große Fenster. Das Mädchen versucht zu schreien, aber die Kehle ist ihr zugeschnürt. Sie versucht sich zu bewegen, doch ihre Glieder scheinen das Gewicht von Tonnen von Blei zu haben. Heiser kann sie nur einem Flüstern gleich rufen:

"Hilfe - Hilfe - Hilfe - Hilfe." Wie in einem Traum gefangen wiederholt sie das Wort wieder und wieder. Der rote Schein des Feuers leuchtet weiter. Es wirft den Anblick der großen und hageren Gestalt in einem abscheulichen Relief gegen das Fenster. In der Kammer hängt an der Wand ein Porträt, dass im flackernden Licht des Feuers erschreckend lebensecht erscheint und es aussieht, als würde es den Eindringling mit den Augen fixieren. Ein der kleinen Glasscheiben zerbricht und eine lange, hagere und scheinbar fleischlose Hand greift hinein. Sie öffnet den Verschluss des Fensters und eine Seite schwingt weit auf.

Und auch jetzt noch konnte sie nicht schreien - sie konnte sich nicht bewegen. "Hilfe! - Hilfe! - Hilfe!", war alles, was sie von sich geben konnte. Doch auf ihrem Gesicht saß das schreckliche Antlitz des Terrors, wenn Lebenserinnerungen an die glücklichsten Augenblicke zu Bitterkeit gefrieren.

Die Gestalt dreht sich zur Hälfte um und das Licht fällt auf ihr Gesicht. Es ist völlig weiß - blutleer. Die Augen sehen aus wie poliertes Zinn; die Lippen sind zurück gezogen, und das wichtigstes Merkmal neben diesen schrecklichen Augen sind die Zähne - furchteinflößende Zähne - ein Gebiss, wie das einiger wilder Tiere, abscheulich, grell weiß, Fänge. Die Gestalt nähert sich dem Bett mit einem seltsamen, schwebenden Bewegung. Die langen Fingernägel klappern und scheinen buchstäblich aus den Fingerkuppen zu hängen. Kein Ton kommt aus seinem Munde.

Wird das junge und schöne Mädchen verrückt durch den Horror, dem sie ausgesetzt ist? Sie hat alle ihre Gliedmaßen angezogen, sie kann nicht einmal mehr um Hilfe flüstern. Langsam zieht sie sich zum entgegen gesetzten Ende des Bettes zurück. Dennoch schaut sie fasziniert zu der näherkommenden Gestalt. Der Blick einer Schlange hätte keine stärkere Wirkung auf sie ausüben können, als der feste Blick dieser schrecklichen, metallisch glänzenden Augen, die sich über ihr Gesicht beugen. Nach vorn gebeugt füllt das näherkommende, schreckliche, markante, weiße Gesicht das Blickfeld aus. Diese Gestalt - Was ist es? Was will sie? Was lässt es so scheußlich aussehen - so anders als alle Erdbewohner und doch unzweifelhaft da?

Jetzt hat die Gestalt den Rand des Bettes erreicht. Es schien, als ob sie erschöpft angehalten. Die Hände des Mädchens umklammern unbewusst die Bettbezüge. Sie atmet kurz und schnell. Ihre Brust hebt sich und ihre Glieder zittern, aber sie kann ihre Augen nicht vom marmornen, bleichen Gesicht abwenden. Die Gestalt hält sie mit seinen glitzernden Augen gefangen.

Der Sturm hat aufgehört - alles ist still. Die Winde schweigen; die Kirchenuhr verkündet der erste Stunde. Ein Zischen kommt aus der Kehle des abscheulichen Wesens, er hebt seinen langen, hageren Arme - die Lippen bewegen sich. Er kommt weiter näher. Das Mädchen stellt seinen kleine Fuß auf den Boden. Unbewusst ziehen sie die Laken an sich heran. Die Tür des Zimmers ist in dieser Richtung - kann sie dieses erreichen? Hat sie die Kraft zu gehen? - Kann sie den Bann des Eindringlings brechen? Gott im Himmels! Die Gestalt ist real, oder es wird ein  Traum Wirklichkeit und ändert die Realität für immer?

Abermals hält die Gestalt inne und das Mädchen schon halb aus dem Bett heraus, sinkt zitternd zurück. Ihre langen Haare breiten sich über die gesamte Breite des Bettes aus. Etwa eine Minute vergeht - oh, was für eine Minute. In dieser Minute könnte das Mädchen in Wahnsinn verfallen.

In einem plötzlichen Ansturm, mit einem seltsam heulenden Kreischen, das in jeder Brust die Angst wecken würde, greift die Gestalt in die langen lockigen Haare, und seine knöcherne Hand hält das sich windende Mädchen auf dem Bett. Dann schrie sie laut auf - der Himmel gewährte es ihr endlich. Schrei folgte auf Schrei in rascher Folge. Die Bettwäsche fiel in einem Haufen aus dem Bett. Das Mädchen wurde von der Gestalt an ihrem langen seidenen Haar vollständig auf das Bett gezogen. Ihre wunderschön geformten Glieder bebten im Todeskampf ihrer Seele. Die gläsernen, schrecklichen Augen der Gestalt fuhren grob über die engelsgleiche Figur in abscheulich ordinärer Zufriedenheit. Er zieht an ihren langen Haaren, legt sich ihren Kopf auf dem Bett zurecht. Mit einem Sprung stürzt er sich mit seinen fangartigen Zähnen auf ihren Hals - ein Blutschwall, gefolgt von Sauggeräuschen. Das Mädchen wird ohnmächtig und der Vampir hält sein abscheuliches Mahl.


Kapitel 2: Der Alarm - Der Pistolenschuss - Die Verfolgung und ihre Folgen

Lichter erhellten das Gebäude und Türen wurden geöffnet. Stimmen riefen von einem Zimmer zum nächsten. Unter den Bewohnern herrschte allgemeine Aufregung.
"Hast du den Schrei gehört, Harry?" fragte ein junger Mann, der nur halb bekleidet die Kammer eines etwa gleichaltrigen betrat.
"Habe ich - woher kam er?"
"Gott weiß es. Ich zog mich sofort an."
"Jetzt ist alles ruhig."
"Ja, vielleicht war es nur ein Traum, in dem ich den Schrei vernahm."
"Wir können nicht beide den gleichen Traum gehabt haben. Was glaubst du, woher er kam?"
"Ich war so überrascht, dass ich das nicht zu sagen vermag."

Ein Klopfen kam von der Zimmertür in der die jungen Männer standen und eine weibliche Stimme rief:
"Um Gottes Willen, steh auf!"
"Wir sind es bereits", riefen die beiden jungen Männer gleichzeitig zurück und öffneten die Tür.
"Habt ihr es auch gehört?"
"Ja, einen Schrei."
"Oh, durchsucht das Haus - durchsucht das ganze Haus. Wisst ihr woher der Schrei kam?"
"Tatsächlich können wir dies nicht, Mutter."

Eine weitere Person trat nun hinzu. Es war ein Mann mittleren Alters, der fragte:
"Guter Gott, was ist los?" Kaum hatten die Worte seine Lippen verlassen, hallten weitere Schreie in rascher Folge an ihre Ohren, dass sie sich absolut betäubt fühlten. Die ältere Dame, die Mutter der jungen Männer, wurde ohnmächtig und wäre auf den Boden des Korridors gesunken auf dem sie alle standen, hätte nicht der zuletzt Hinzugekommene sie aufgefangen, während die Schreie weiter die Nacht durchbohrten. Er hatte sich zuerst wieder gefangen, die beiden jungen Männer schienen weiter wie gelähmt.

"Henry", rief er, "um Gottes Willen stützen Sie ihre Mutter. Mir scheint zweifelsfrei, dass die Schreie aus Floras Zimmer kommen." Mechanisch griff der junge Mann nach seiner Mutter und der Mann, der gerade gesprochen hatte, stürzte zurück in sein Zimmer und kam nach wenigen Augenblickblicken mit einem Paar Pistolen bewaffnet zurück.
"Folgen Sie mir, sobald Sie können", rief er über den Korridor und hastete in Richtung des Zimmers aus dem die Schreie gekommen waren. Sie waren jetzt verstummt.

Das Haus war massiv gebaut, alle Türen aus dicker Eiche. Unglücklicherweise waren diese Türen mit Riegel von innen verschließbar, so dass, als der Mann die Kammer erreichte, er hilflos davor stand, denn die Tür war von dieser Stelle nicht zu öffnen.
"Flora, Flora", rief er. "Flora, antworten Sie!" Alles blieb still.
"Guter Gott", fügte er hinzu. "Wir müssen die Tür aufbrechen."

"Ich höre von drinnen ein sehr seltsames Geräusch", sagte der junge Mann und zitterte dabei heftig.
"Ich kann es ebenfalls hören. Was bedeutet dieser Klang?"
"Ich weiß es nicht, aber es ähnelt einigen Tieren. Am ehesten klingt es nach dem Aufsaugen einer Flüssigkeit."
"Was in aller Welt kann das sein? Haben Sie kein Werkzeug, die Tür aufzubrechen? Ich werde verrückt, wenn ich hier bleiben muss."
"Ich habe etwas", sagte der junge Mann. "Warten Sie hier einen Moment."

Er rannte die Treppe hinunter, und kehrte mit einem kleinen, aber leistungsstarken, eisernen Brecheisen zurück.
"Damit wird es gelingen." sagte er.
"Es wird, es wird. - Geben Sie es mir."
"Hat sie inzwischen was gesagt?"
"Nicht ein Wort. Meine Ahnung sagt mir, dass mir ihr etwas ganz schreckliches geschehen sein muss."
"Und das seltsame Geräusch?"
"Ich höre es noch immer und es lässt mir irgendwie das Blut in den Adern stocken."

Der Mann nahm die Brechstange und mit einigen Schwierigkeiten gelang es ihm, diese zwischen Tür und Wand zu führen. Es brauchte viel Kraft das Eisen zu bewegen, aber es bewegte sich mit hartem, knisternden Klang.
"Drücken Sie", schrie der Mann mit dem Brecheisen. "Drücken Sie zur gleichen Zeit gegen die Tür!"
Der jüngere Mann tat so. Für ein paar Momente widerstand die Tür noch. Dann, plötzlich, mit einem lauten Schnippen - es war ein Teil des Schlosses - schwang die Tür weit auf.

Tatsächlich messen wir die Zeit nicht an ihrer wirklichen Dauer, sondern an den Ereignissen. Denen, die die Tür zur Kammer des jungen Mädchens, das sie Flora gerufen hatten, mühsam öffneten, dehnte sich die Zeit in jedem Augenblick zu einer Stunde der Pein, in der die Tür ihren Versuchen standhielt. In Wirklichkeit waren vom ersten gehörten Schrei bis zum lauten Krachen der Zerstörung des Türschlosses nur wenige Minuten vergangen.

"Sie öffnet sich - sie öffnet sich", rief der junge Mann.
"Einen Moment noch", sagte der Fremde, der noch immer mit der Brechstange hantierte, "in einem Momenthaben wir freien Eintritt in die Kammer. Seien Sie geduldig den Augenblick."

Dieser Fremde hieß Marchdale und noch während er sprach, gelang es ihm, die massive Tür endgültig zu öffnen und der Weg in das Zimmer war frei.
Mit einem Licht in der Hand im nächsten Moment der junge Mann namens Henry hinein; aber die Schnelligkeit des Vordringens verhinderte, dass er genau erkennen konnte, was darin war, denn der Wind fing sich in der Flamme, und obwohl sie nicht verlöschte, lag sie soweit auf der Seite, dass das Licht nutzlos war.
"Flora - Flora!" schrie er.
Da sprang irgend etwas plötzlich aus dem Bett. Der junge Mann erhielt einen Schlag, der ihn so völlig unerwartet und schwer traf, dass er stürzte und bei seinem Fall die Kerze verlosch.

Alles war dunkel, nur von außen drang das unstete, rötliche Licht der brennenden  Mühle hinein. Aber auch in diesem diffusen Licht war eine Gestalt zu erkennen, die zum Fenster lief.

Henry, obwohl noch benommen von dem Stoß, sah eine Gestalt von gigantischen Ausmaßen, die fast vom Boden bis zur Zimmerdecke reichte. Der andere junge Mann, George sah sie auch und Herr Marchdale ebenfalls, genau wie die Dame, die mit den beiden jungen Männern im Korridor gesprochen hatte, als die ersten Schreie des jungen Mädchens die Hausbewohner alarmierten.

Die Gestalt stieg durch das Fenster, das auf einen Balkon führte, von welchen aus, es war, in den Garten zu gelangen. Bevor sie ganz hindurch war, erhaschten die Bewohner einen Blick auf das Gesicht und sahen den unteren Teil, besonders die Lippen, von Blut verschmiert. Sie sahen auch Angst einflößende, metallisch glänzende Augen, die der Gestalt eine unirdische Grausamkeit verliehen.

Kein Wunder, dass für einen Moment alle von Panik ergriffen wurden, die jede Anstrengung unterband, die abscheuliche Gestalt zu ergreifen und festzuhalten.


2 - Varney the Vampyre

Chapter 1 : Midnight - The Hail-Storm - The Dreadful Visitor - The Vampyre

"How graves give up their dead, and how the night air hideous grows with shrieks!"

The solemn tones of an old cathedral clock have announced midnight - the air is thick and heavy - a strange, death like stillness pervades all nature. Like the ominous calm which precedes some more than usually terrific outbreak of the elements, they seem to have paused even in their ordinary fluctuations, to gather a terrific strength for the great effort. A faint peal appeared to awaken them from their lethargy, and one awful, warring hurricane swept over a whole city, producing more devastation in the four or five minutes it lasted, than would a half century of ordinary phenomena.

It was as if some giant had blown upon on some toy town, and scattered many of bulidings before the hot blast of this terrific breath; for as suddenly as that blast of wind had come did it cease, and all was as still and calm as before.

Sleepers awakened, and thought that what they had heard must be the confused chimera of a dream. They tremnled and turned to sleep again.

All is still - still as the very grave. Not a sound breaks the magic of repose. What ist that - a strange pattering noise, as of a million fairy feet? It is hail - yes, a hail-storm has burst over the city. Leaves are dashed from the trees, mingled with small boughs; windows that lie most opposed to the direct fury of the pelting particles of ice are broken, and the rapt repose that before was so remarkable in its intensity, is exchanged for a noise which, in its accumulation, drows every cry of surprise or consternation which here and there arose from persons who found their houses invaded by the storm.

Now and then, too, there would come a sudden gust of wind that in its strength, as ist blew laterally, would, for a moment, hold millions of the hailstones suspended in mid air, but it was only to dash them with redoubled force in some new direction, where more mischief was to be done.

Oh, how the storm raged! Hail - rain - wind. It was, n very truth, an awful night.

 

There was an antique chamber in an ancient house. Curious and quaint carvings adorn the walls, and the large chimneypiece is a curiosity of itself. The ceiling is low, and a large bay window, from roof to floor, looks to the west. The window is latticed, and filled with curiously painted glass an drich stained pieces, which send in a strange, yet beautiful light, when sun or moon shines into the apartment. There is but one portrait in that room, although the walls seem paneled for the express purpose of containing a series of pictures. That portrait is of a young man, with a pale face, a stately brow, and a strange expression about the eyes, which no one cared to look on twice.

There is a stately bed in that chamber, of carved walnut-wood is it made, rich in design and eaborate in execution; on of those works which owe their existende to the Elizabethan era. It is hung with heavy silken an d damsk furnishing; nodding feathers are at its corners - covered with dust are they, and they lend a funereal aspect to the room. The floor is of polished oak.

God! how the hail dashes on the old bay window! Like an occasional discharge of nimic musketry, it comes clashing, beating and cracking upon the small panes; but they resist it - their small size saves them; the wind, the hail, the rain, expend their fury in vain.

The bed in that old chamber is occupied. A creature formed in all fashions of loveliness lies in a half sleep upon that ancient couch - a girl young and beautiful as a spring morning. Her long hair has ascaped from its confinement and streams over the blackened coverings of the bedstead; she has been restless in her sleep, for the clothing of the bed is in much confusion. One arm is over her head, the other hangs nearly off the side of the bed near to wich she lies. A neck and bosom that would have formed a study for the rarest sculptor that ever Providence gave genius to, were half disclosed. She moaned slightly in her sleep, and once or twice the lips moved as if in prayer - at least one might judge so, for the name of Him who suffered for all came once faintly from them.

She had endured much fatigue, and the storm dose not awaken her; but it can disturb the slumbers it does not possess the power to destroy entirely. The turmoil of the elements wakes the senses, although it cannot entirely break the repose they have lapsed into.

Oh, what a world of witchery was in that mouth, slightly parted, and exibiting within the pearly teeth that glistened even in the faint light that came from that bay window. How sweetly the long silken eyelashes lay upon the cheek. Now she moves, and one shoulder is entirely visible - wither, fairer than the spotless clothing of the bed on wich she lies, is the smooth skin of that fair creature, just budding into womanhood, and in that transition state which presents to us all the charms of the girl - almost of the child, with the more matured beauty and gentleness of advancing years.

Was that lightning? Yes - an awful, vivid, terrifying flash - then a roaring peal of thunder, as if a thousand mountains were rolling one over the other in the blue vault of Heaven! Who sleeps now in that ancient city? Not one living soul. The dread trumpet of eternity could not more effectually have awakened any one.

The hail continues. The wind continues. The uproar of the elemnts seems at its height. Now she awakens - that beautiful girl on the antique bed; she opens those eyes of celestial blue, and a faint cry of alarm bursts from her lips. At least it is a cry which, amid the noise and turmoil without, sounds but faint and weak. She sits upon the bed and presses her hands upon her eyes. Heavens! what a wild torrent of wind, and rain, and hail! The thunder likewise seems intent upon awakening sufficient echoes to last until the next flash of forked lightning should again produce the wild concussion of the air. She murmurs a prayer - a prayer for those she loves best; the names of those dear to her gentle heart come from her lips; she weeps and prays; she thinks then of what devastation the storm must surely produce, and to the great God of Heaven she prays for all living things. Another flash - a wild, blue, bewildering flash of lightning streams across that bay window, for an instant bringing out every colour in it with terrible distinctness. A shriek bursts from the lips of the young girl, and then, with eyes fixed upon that window, which, in another moment, is all darkness, and with such an expression of terror upon her face as it had never before known, she trembled, and the perspiration of intense fear stood upon her brown.

"What - what was ist?" she gasped, "real or delusion? Oh, God, what was it? A Figure tall and gaunt, endeavouring from the outside to unclasp the window. I saw it. That flash of lightning revealed it to me. It stood the whole length of the window."

There was a lull of the wind. The hail was not falling so thickly - moreover, it now fell, what there was of it, straight, and yet a strange clattering sound came upon the glass of that long window. It could not be a delusion - she is awake, and she hears it. What can produce it? Another flash of lightning - another shriek - there could be now no delusion.

A tall figure is standing on the ledge immediately outside the long window. It is its finger-nails upon the glass that produces the sound so like the hail, now that the hail has ceased. Intense fear paralysed the limbs of the beautiful girl. That one shriek is all she can utter - with hand clasped, a face of marble, a heart beating so wildly in her bosom, that each moment it seems as if it would break its confines, eyes distended and fixed upon the window, she waits, froze with horror. The pattering and clattering of the nails continue. No word is spoken, and now she fancies she can trace the darker form of that figure against the window, and she can see the long arms moving to and fro, feeling for some mode of entrance. What strange light is that which now gradually creeps up into the air? red and terrible - brighter and brighter it grows. The lightning has set fire to a mill, and the reflection of the rapidly consuming building falls upon that long window. There can be no mistake. The figure is there, still feeling for an entrance, and clattering against the glass with its long nails, that appear as if the growth of many years had been untouched. She tries to scream again but a choking sensation comes over her, and she cannot. It is too dreadful - she tries to move - each limb seems weighted down by tons of lead - she can but in a hoarse faint whisper cry:

"Help - help - help - help!"

And that one word she repeats like a person in a dream. The red glare of the fire continues. It throws up the tall gaunt figure in hideous relief against the long window. It shows, too, upon the one portrait that is in the chamber, and the portrait appears to fix its eyes upon the attempting intruder, while the flickering light from the fire makes it look fearfully lifelike. A small pane of glass is broken, and the form from without introduces a long gaunt hand, which seems utterly destitute of flesh. The fastening is removed, and one-half of the window, which opens like folding doors, is swung wide open upon its hinges.

And yet now she could not scream - she could not move. "Help! - help! - help!" was all she could say. But, oh, that look of terror that sat upon her face, it was dreadful - a look to haunt the memory for a life-time - a look to obtrude itself upon the happiest moments, and turn them to bitterness.

The figure turns half round, and the light falls upon its face. It is perfectly white - perfectly bloodless. The eyes look like polished tin; the lips are drawn back, and the principal feature next to those dreadful eyes is the teeth - the fearful looking teeth - projecting like those of some wild animal, hideously, glaringly white, and fang-like. It approaches the bed with a strange, gliding movement. It clashes together the long nails that literally appear to hang from the finger ends. No sound comes from its lips.

Is she going mad - that young and beautiful girl exposed to so much terror? she has drawn up all her limbs; she cannot even now say help. The power of articulation is gone, but the power of movement has returned to her; she can draw herself slowly along to the other side of the bed from that towards which the hideous appearance is coming. But her eyes are fascinated. The glance of a serpent could not have produced a greater effect upon her than did the fixed gaze of those awful, metallic-looking eyes that were bent down on her face. Crouching down so that the gigantic height was lost, and the horrible, protruding white face was the most prominent object, came on the figure. What was it? - what did it want there? - what made it look so hideous - so unlike an inhabitant of the earth, and yet be on it?

Now she has got to the verge of the bed, and the figure pauses. It seemed as if when it paused she lost the power to proceed. The clothing of the bed was now clutched in her hands with unconscious power. She drew her breath short and thick. Her bosom heaves, and her limbs tremble, yet she cannot withdraw her eyes from that marble-looking face. He holds her with his glittering eye.

The storm has ceased - all is still. The winds are hushed; the church clock proclaims the hour of one: a hissing sound comes from the throat of the hideous being, and he raises his long, gaunt arms - the lips move. He advances. The girl places one small foot on to the floor. She is unconsciously dragging the clothing with her. The door of the room is in that direction - can she reach it? Has she power to walk? - can she withdraw her eyes from the face of the intruder, and so break the hideous charm? God of Heaven! is it real, or some dream so like reality as to nearly overturn judgment forever?

The figure has paused again, and half on the bed and half out of it that young girl lies trembling. Her long hair streams across the entire width of the bed. As she has slowly moved along she has left it streaming across the pillows. The pause lasted about a minute - oh, what an age of agony. That minute was, indeed, enough for madness to do its full work in.

With a sudden rush that could not be foreseen - with a strange howling cry that was enough to awaken terror in every breast, the figure seized the long tresses of her hair, and twining them round his bony hands he held her to the bed. Then she screamed - Heaven granted her then power to scream. Shriek followed shriek in rapid succession. The bed-clothes fell in a heap by the side of the bed - she was dragged by her long silken hair completely on to it again. Her beautifully rounded limbs quivered with the agony of her soul. The glassy, horrible eyes of the figure ran over that angelic form with a hideous satisfaction - horrible profanation. He drags her head to the bed's edge. He forces it back by the long hair still entwined in his grasp. With a plunge he seizes her neck in his fang-like teeth - a gush of blood, and a hideous sucking noise follows. The girl has swooned, and the vampyre is at his hideous repast!


Autor

Thomas Peckett Prest - * vermutlich 1810, † vermutlich 1859. Arbeitete als bezahlter Verlagsautor. Da unklar ist, ob Peckett Prest oder der beim gleichen Verlag unter Vertrag stehende Rymer der Urheber von "Varney" war, werden üblicherweise beide angegeben. - UK

James Malcolm Rymer - - * 1814, † 1884. Da unklar ist, ob Rymer oder der beim gleichen Verlag unter Vertrag stehende Peckett Prest der Urheber von Varney war, werden üblicherweise beide angegeben. - UK

Übersetzung: Günter Hehemann, Jürgen Abel, Joachim A. Frank


Titelgalerie


weiterführende Links

Auszüge erschienen u.a. in : 14 Vampirstories - Hrsg: Manfred Kluge - 1978

Kleine Bettlektüre mit nachtschwarzen Vampirgeschichten - Hrsg: Ursula Gail - 1999

Stunde der Vampire (The Midníght People) - Hrsg: Peter Haining - 1968

Varney the Vampire in der gallery - Titelbild von 1847.


Handlungsorte

Bannerworth Hall (ca. 20 Meilen nördlich von Anderbury), London (UK, England)


Vampire

Francis Varney, Sir - menschlicher Name war Mortimer, ein Pseudonym seines Un-Lebens ist auch Baron Stolmuyer zu Saltsburgh.