Leonhard Wohlmuth (1823 -1889)

DER TANZ

1.

Wie schwingen sich die holden Paare / So leicht dahin in schnellem Takt, / Die Mädchen Myrthen in dem Haare, / Den vollen Arm, die Schulter nackt!

Das ist ein Drängen, Wogen, Glühen, / Ein süß verwirrender Genuss, / Aus jedem Auge siehst du sprühen / Der Freude hellen Flammengruß.

Und die Musik klingt bald so rührend, / Als weinten alle Engel drein,  / Bald so berückend, so verführend, / Als zog’ zur Hölle sie hinein.

Du kannst auch ernst dich und gewaltsam / Nicht trennen mehr von diesem Ort, / Schon reißt dich rasch und unaufhaltsam / Der Tanz in seinem Wirbel fort.

2.

In ungeheurem Riesenbogen / Erhebt und senkt sich dort das Meer, / Und tanzend wälzen sich die Wogen / Im Arm der Windsbraut hin und her.

Die todumdrohten, stolzen Schiffe / Hat schon der wilde Sturm erfasst, / Und wirft sie an die Felsenriffe / Als Trümmer mit zerschelltem Mast. -

Der Fluten wogendes Getümmel / Verbraust in dem Grau’n der Nacht, / Und still und klar umsäumt den Himmel / Der junge Tag mit goldner Pracht.

Der Fischer führet seine Gäste /  Zum Strand dahin in leichtem Kahn, / Sie schauen tief bewegt die Reste / Der Ballnacht auf dem Ozean.

3.

Das Schlachtfeld dröhnt vom Huf der Pferde, / Die Luft erfüllt das Kriegsgeschrei - / Als bebte berstend rings die Erde, / Als zog’ das wilde Heer vorbei.

Als brandete in wildem Grimme / Durch’s weite Tal die Meeresflut: / So weckt Bellonas wilde Stimme / Von Heer zu Heer die Kampfeswut.

Die dichten Pulverdämpfe schwärzen / Den hellen Tag zur grauen Nacht, / Und jubelnd stürzen tausend Herzen / Sich in die grause Völkerschlacht.

Nur der Kanonen rasche Blitze / Versenden ihren grellen Glanz, / Mit nacktem Leib, mit blanker Spitze / Beginnt der helle Schwertertanz.

Und sinkend auf die blutigen Auen / Fallt Mann um Mann und Held um Held, / Der Morgen schaut mit düstrem Grauen / Das weite, öde Leichenfeld.

4.

Die Nacht vermählt sich mit dem Sturme / In schaurige Gewitterpracht, / Und dumpf herab vom alten Turme / Ertönt der Schlag der Mitternacht.

Da senken sich die Leichensteine, / Die Gräber tun sich spaltend auf, / Der Toten nächtliche Gemeine / Steigt in den Kirchhofraum herauf.

Mit den zerfallnen Leibern neigen / Sie grüßend sich im Wetterglanz, / Dann schlingen sie in düsterm Reigen / Von Grab zu Grab den Totentanz.

Doch als vom ernsten Glockenmunde / Die erste Stunde klingt herab, / Da sinkt die geisterhafte Runde / Zurück ins tiefe, stumme Grab.

5.

Den Blocksberg hüllt ein Nebelschleier / In seine grauen Falten ein, / Damit nicht die Walpurgisfeier / Dem Späheraug’ mag sichtbar sein.

Den Hexensabbat feiert heute / Mephisto auf dem Bergesplan, / Da kommen alle seine Bräute / Von nahe und von fern heran.

Auf langen, dürren Besenstielen / Umtanzen sie des Berges Rund, / Und ihre scheuen Blicke zielen / Verlangend nach des Meisters Mund.

Der spendet Beifall, spendet Tadel, / Flicht Sträußlein in manch’ graues Haar, / Erneuert seinen Hexenadel / In Gnaden auf ein weitres Jahr.

Dann reiten seine treuen Seelen / Auf ihrem Besenross davon, / Die dumme Menschheit neu zu quälen / Um ihren schnöden Höllenlohn.

6.

Balsamisch duftet rings die Runde, / Am Himmel glänzt die Sternenpracht: / Es ist des Lenzes schönste Stunde, / Der Elfen süße Maiennacht.

Sie trinken aus den Rosenblättern / Den feingewürzten Maientrank, / Und Nachtigallenchöre schmettern / Von blühender Orchesterbank.

Dann tanzen sie auf Lilienkelchen / Und spielen um des Veilchens Haupt / Mit zarten Blumenseelen, welchen / Zu leben diese Nacht erlaubt.

Da Plötzlich stürzt vom Weißdorngletscher / Die Taulawine sich herab / Und wirft mit rieselndem Geplätscher / Die Elfen in ihr Blumengrab.

Johannisfunken an den Halmen / Erglüh’n auf ihrem Totenschrein / Die Grille singt mit ihren Psalmen / Sie zu der ewigen Ruhe ein.

 

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

der unheimliche bücherwurm
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