ZWEI BLUMEN

Rudolf Gottschall

1849

 

Ersterscheinung in "Gedichte", Hamburg, 1849
zitiert nach
Rudolf Gottschall: "Neue Gedichte", Breslau, 1858

bibliothèque: An dieser Dichtung scheiden sich bei der Frage nach dem Vampirbezug die Geister. "Was will uns der Dichter mir seinen Worten sagen?" war und ist bereits im Literaturunterricht der Schulen eine beliebte Testfrage des Lehrkörpers und ist bei einer Vielzahl von Schülern ebenso verhasst. An dieser Stelle soll kein Deutungsansatz vorgeben werden, und doch zeigt sich auch hier die Bandbreite der Möglichkeiten: Während in der "Sammlung N. Equiamicus - Dunkle Kulutrgeschichte" ein Bezug zum Vampir-Thema eindeutig hergestellt wird, sieht der 'Bibliothekar' des Projektes diesen Bezug bestenfalls sehr gut hinter zwanzig Ecken vesteckt. Beschränken wir uns also auf die Fakten: Es handelt sich - wie schon der Titel verrät - um zwei Blumen. Da wäre zum einen die Passiflora, auch als Passionsblume bekannt, und die Parnassia, auch als Herzblatt bekannt. Beide Arten (eigentlich ja Gattungen) gehören zu den Rosenartigen Pflanzen und nach Ansicht einer unbeteiligten Person, sehen beide Blüten "recht hüsch" aus. Beide Blumen wurden in der Heilkunst eingesetzt, wobei die Passionsblume umfangreichere Anwendungsmöglichkeiten zu zeigen scheint. Die Passionsblume, im Volksmund auch als 'Totenblume' bezeichnet, ist schon seit langem mit Tod / Begräbnis in Verbindung zu bringen; mir selbst ist die Herzblume, der offensichtlich deutlich lebensbejahendere Verbindungen zugesprochen werden, heute erstmals ins Bewusstsein gerückt. Botaniker, Rosenzüchter und Floristen mögen mir meinen Unwissenheit nachsehen. (2013)

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Volltext

Du, Passiflore, hältst an den Gräbern Wacht,
Und dich umhauchen Schauer der Todesnacht!
Der Menschheit Weh, das nie veraltet,
Hast du im düsteren Schoß entfaltet.

Die Dornenkrone trägst du so stolz zur Schau,
Es steigt aus deinem Kelche des Kreuzes Bau,
Und deine Purpurfäden prahlen
Mit den unsterblichen Wundenmalen.

Du schlürfst den Moder und die Verwesung ein,
Du schmückst das Haupt mit zuckender Flammen Schein,
Die nächtig um die Gräber schleichen,
Feurige Boten der kalten Leichen!

Du Totenblume, ewiger Marter Bild,
O dich umweht der Odem vom Schlachtgefild',
Der Scheiterhaufen brand'ge Düfte,
Eisiger Moder der Kerkergrüfte.

Der Hauch, der von den Schwingen der Seuche träuft,
In raschem Fluge zuckende Opfer häuft,
Die Seufzer aus der Folterkammer,
All' der unendliche Erdenjammer.

Und selbst Natur, die wilde Zerstörerin,
Sie schüttet Flammen über ein Eden hin,
Zerreißt die Erde, jagt die Meere
Über des Landes zersprengte Wehre.

Qual und Vernichtung schauern aus jeder Bahn,
Wo Menschen ringend höherem Ziel sich nah'n.
Im Opferdienst, in jeder Frone
Schau' ich die Stacheln der Dornenkrone.

Du aber winkst mir dort an des Baches Rand,
Parnassia, im schimmernden Festgewand,
Ein heller Stern aus sammt'nen Matten,
Tief in der silbernen Birke Schatten.

Rings steh'n die Wälder stumm, und kein Hauch bewegt
Der Ähren Gold, das sich um die Hügel legt!
Wenn atemlos die Fluren schweigen,
Muss sich die Liebe zur Liebe neigen.

In deinem Kelche regt es sich zauberhaft,
Es schwankt, es neigt sich, wie mit beseelter Kraft.
Die Kronenträger sind, die stolzen,
Plötzlich zu seligem Kuss verschmolzen.

Du Kelch der Freuden, wo durch der Liebe Macht
Zu geist'ger Regung schlummerndes Sein erwacht,
Wo Blütenfäden Wonne trinken,
Durstig sich neigen und süß versinken,

Parnassia, dich schling' ins Gelock entzückt
Ein neu' Geschlecht, das heilige Freude schmückt!
Vergessen an des Todes Tore
Blühe und welke die Passiflore!

 

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Autor

Rudolf Gottschall wurde am 30. Sept. 1823 in Breslau geboren. Er studierte später, ab 1841, Jura in seiner Geburtsstadt, wie auch in Königsberg und Berlin. In Königsberg übernahm er die Leitung der Bühne und siedelte einige Jahre später nach Hamburg über. Er tat sich sehr durch seine Dichtungen und dramatischen Werke hervor. Er starb am 21. März 1909 in Leipzig.

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weiterführende Links

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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