SEELENBRÄUTE UND VAMPIRISMUS

(Incubi und Succubi / "Soul Brigdes" and Vampirism)

Franz Hartmann

1895

bibliothèque: Der Artikel erschien zuerst in der vom Autoren selbst herausgegebenen zwischen 1893 und 1900 monatlich erschienen Zeitschrift "Lotusblüthen". (2010)

Hartmut: "Unter einem Vampir versteht man einen Geist, von welchem ein Mensch besessen ist und der an der Lebenskraft desjenigen, den er besitzt, zehrt, seinen Nervenkraft erschöpft und ihn schließlich dem Wahnsinn und Tod in die Arme treibt." Incubus und Succubus entstammen der Phantasie der Opfer, die auf die geistigen Überreste des "Täters" zurückgreifen. Die Opfer "verfallen der Abzehrung und Lungentuberkulose".
Trotz genauer Lektüre verbleibe ich als ein "Bauer, der sich einbildet ... dass in der fahrenden Lokomotive Pferde versteckt seien".
(2006)

Volltext

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Autor

mehr F. Hartmann

Lebendig Begraben

Autor

Dr. med. Franz Hartmann - 1838 - 1912. Zunächst arbeitete er als Mediziner u.a. in den USA, bis er mit Helena P. Blavatsky die Gesellschaft der Theosophischen Gesellschaft in Indien führte. Anschließend gründete er die Theosophische Gesellschaft Deutschlands und war Mitbegründer des "Ordo Templi Orientis". Neben der Veröffentlichung eigener Schriften und Vorträge zur Theosophie übersetzte er auch verschiedene Sanskrit-Texte ins Deutsche.

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Seelenbräute und Vampirismus

Unter einem Vampir versteht man einen Geist, von welchem ein Mensch besessen ist und der an der Lebenskraft desjenigen, den er besitzt, zehrt, seine Nervenkraft erschöpft und ihn schließlich dem Wahnsinn und Tod in die Arme treibt.

Was aber versteht man unter Geist?

Man muss dabei nicht gleich an ein Gespenst, das außerhalb des Menschen und in der Luft herumspaziert, denken. Das Wort "Geist" bezeichnet im Deutschen vielerlei voneinander verschiedene Dinge, dass man die Wahl hat, darunter zu verstehen, was man will. Da heißt es: "Wer glaubt heute noch an Geister und Geist?" - und dennoch sind wir alle selber Geister in einer materiellen sichtbaren Hülle, denn ein Mensch ohne Geist ist ein Leichnam, selbst wenn er auch sonst bei gutem Appetit ist, doch geistig tot. Unter Geist verstehen wir, eine Einheit von Wille und Vorstellung; mit anderen Worten: eine durch den Gedanken belebte und selbstbewusst gewordene Willenskraft.

Aus dem Gefühl entspringt der Gedanke und aus diesen beiden die Kraft, welche in der Seele des Menschen Formen schafft; ob dies nun absichtlich und bewusst oder unabsichtlich und instinktiv geschieht, das Resultat bleibt sich gleich. Der Materialist "spricht ein großes Wort gelassen aus", wenn er sagt, dass Geister nur in unserer Fantasie existieren, aber er bildet sich dabei ein, dass die Schöpfungen der Fantasie ein Nichts seien und das er mit seinem Orakelspruch die Geisterwelt vernichtet hätte, während doch die Fantasie eine Kraft ist, welche in unserem Geiste wirkliche substantielle Erscheinungen hervorruft und sie in unserer Seele einbildet, so dass sie für unsere innere Wahrnehmung ebenso wesentlich sind, als ein äußerliches Ding für unsere physischen Sinne ist. Je kräftiger die Einbildungskraft, um so kräftiger treten die in dem Spiegel der Seele einbildeten Vorstellungen objektiv vor der inneren Wahrnehmung auf, sei es durch das innere Gesicht oder das innerliche Gefühl; und unter gewissen Umständen, die jedem Metaphysiker bekannt sind, besonders bei nervenschwachen und mediumistischen Personen, können die so gebildeten Gestalten nicht nur für den, der sie geschaffen hat, sondern sogar für alle Anwesenden äußerlich objektiv sichtbar und fühlbar werden; was durch die bereits allgemein bekannten sogenannten "Geistermaterialisationen" hinlänglich festgestellt ist.

Es wäre aber ein großer Irrtum, zu glauben, dass bei der Schaffung solcher "Geister" keine äußeren Einflüsse tätig seien. Ein Samenkorn, sei es physischer oder psychischer Natur, entwickelt sich und wächst nicht ohne Zufluss von Nahrung und Anregung von außen. Das Wasser und die Erde führen der Pflanze Nahrung zu, und das Licht und die Wärme regen sie zum Wachstum an, bis dass aus dem zarten Keim schließlich ein Baum wird, an dem sich der Skeptiker, der nicht an Bäume glaubt, hängen kann. Desgleichen werden durch den Gedanken, der aus der Empfindung entspringt, entsprechende Ideen aus der "Astralebene" angezogen, treten in das Gemüt des Menschen ein, gelangen ihm zum Bewusstsein, und der Gedanke kann schließlich zur "fixen Idee" werden, über welche die Vernunft die Herrschaft verliert und welche Besitz vom ganzen inneren Wesen des Menschen ergreift. Verliebte und Narren und Fanatiker aller Art könnten davon erzählen, wenn sie Verstand genug hätten, ihren eigenen Zustand einzusehen.

Der Verliebte ist in die Vorstellung verliebt, welche er sich von dem Gegenstand seiner Verliebtheit macht; er schafft sich selbst ein Bild in seiner Seele seiner geliebten, und dieses Bild wird durch seine Sinneswahrnehmungen, durch den Anblick seiner Geliebten und den Klang ihrer Stimme erzeugt und genährt. Ein anderer schafft sich in seiner Einbildung ohne äußere Hilfe den Gegenstand seiner Verehrung, aber er zieht durch seine Begierde korrespondierende Einflüsse, Larven, Tiere, Scheusale aller Art, Gespenster und Teufel aus der Unterwelt an.

Ein in mir ins Dasein getretener Gedanke ist nicht ein von mir körperlich verschiedenes Ding, und dennoch ist dieser Gedanke nicht "Ich", noch ich der Gedanke, sondern er ist ein Teil meines Wesens, der aus meinem Willen und meiner Vorstellung entstanden ist, und insofern dieses Wesen oder dieser "Geist" in mir selbstbewusst geworden und von meinem eigenen Ich verschieden ist, ist er mein anderes, mein falsches Ich, alterego, "dual" oder wie man es nennen mag; er ist ein in mir und aus mir selbst geborener, in mir "fleischgewordener" Gedanke, von meinem Willen belebt, ein Teil meiner Natur, der von mir und in mir lebt und in mir sterben oder auch mich überdauern kann.

Der Mensch ist ein aus Wille und Vorstellung entsprungener "materialisierter" Geist; er ist eine Zusammensetzung von einer Summe von Kräften und Eigenschaften, welche seine stets wechselnde Persönlichkeit darstellen. Entsteht in ihm eine fixe Idee, welche die Oberhand über seine Vernunft erlangt, so haben wir eine spezielle Gruppe von Eigenschaften in dieser Summe, eine individualisierte Vorstellung innerhalb dieses Produktes von Vorstellung, einen zum Gegensatz gewordenen Willen innerhalb des Willens, aus dem er geboren ist, einen "Geist" im Geiste. So entspringen aus den verschiedenartigen Gefühlen, Empfindungen, Begierden und Instinkten des Menschen verschiedenartige Ideen, Gedanken und Geister, die in ihm ein individuelles Bewusstsein erlangen und seine falschen "Iche" werden können, gerade so, wie die vielen Menschen auf der Erde nur falsche "Iche" der Gottheit, das heißt, selbstbewusste, individuelle, körperliche Erscheinungsformen der einen Weltseele sind. Stirbt der Mensch, so löst sich seine Zusammensetzung in ihre Bestandteile auf, das Wahre in ihm geht in die Wahrheit ein; die Eigenschaften, welche er der Natur entliehen hat, werden dadurch nicht vernichtet, sondern kehren wieder zur Natur zurück und werden wieder von anderen korrespondierenden Organismen angezogen, um in ihnen wieder zum Bewusstsein zu gelangen und in den Kreislauf des Lebens einzutreten. Dies ist aber nicht nur mit seinen physischen, sondern auch mit seinen psychischen Bestandteilen der Fall; jedes Ding kehrt zu seinem Ursprung zurück; der Körper zur Materie, der Geist zum Geist und die Leidenschaft zu der Quelle, aus der sie entstanden sind.

So ist zum Beispiel der Geschlechtstrieb im Menschen kein Mensch und auch kein in der Luft herumfliegendes Gespenst, sondern eine Willensform in der Natur, die sich in Menschen und Tieren als Geschlechtstrieb offenbart; er kann im Menschen so heftig werden, dass er in ihm die Herrschaft über seine Vernunft erlangt. Er ist dann eine im Menschen personifizierte Naturkraft, ein in ihm ins Dasein getretener Geist, ein falsches Ich, das ihn zu allerlei unvernünftigen Handlungen antreibt und dem die Fantasie eine beliebige Form geben kann. Stirbt der Mensch, so hört damit diese Naturkraft, welche sich ihm als Geschlechtstrieb offenbarte und die wir Kama nennen, nicht auf zu existieren, sondern, wenn sie einen günstigen Boden an anderen Orten findet, so ernährt und entwickelt sie die dort gelegenen psychischen Keime und tritt wieder in anderen Menschen und Tieren als deren Geschlechtstrieb auf die Bühne ihres Daseins. Auf diese Weise kann die Leidenschaft, welche ein lebender Mensch ins Leben gerufen hat und die ihn besessen hat, auch nach seinem Tode einen anderen Menschen beeinflussen oder in Besitz nehmen. Nicht die verstorbene Person ist es, die sich als "Seelenbräutigam" aufspielt, sondern die psychische Energie, welche der Verstorbene hinterlassen hat und welche der davon Besessene je nach dem Spiel seiner Fantasie gestaltet und kleidet. Der Tote weiß davon nichts. Ähnlich ist es unter den Lebenden. Nur ein ganz unwissender Mensch bezweifelt heute noch, dass die Empfindungen des einen in einem anderen Menschen dieselben Empfindungen hervorrufen können und die Gedanken des einen einen anderen beeinflussen, ohne dass der erstere sich dessen bewusst ist. Stirbt ein Mensch, der während seines Lebens eine bestimmte Art von kamischer Energie in Tätigkeit gesetzt hat, so existiert dieselbe auch dann noch als Naturkraft fort, so wie die den Körper verlassende Wärme als Wärme weiterexistiert und wieder andere Körper erwärmt. Deshalb ist auch die Todesstrafe ein der Unwissenheit entspringender Irrtum, wenn man meint, damit einen schädlichen Einfluss unschädlich gemacht zu haben. Man zerstört dabei die Form, das Werkzeug, nicht aber den treibenden Geist. Solche Naturkräfte oder "Geister" haben kein individuelles Bewusstsein, keine Urteilskraft oder Denkfähigkeit; sie sind Einflüsse, welche individuelles Bewusstsein erst wieder in dem Menschen, in dem sie offenbar werden, und durch denselben erlangen.

Zu diesen "Geistern", welche ein verkehrter Geschlechtstrieb im Menschen ins Leben rufen kann, gehören die "Incubi" und "Succubi" der Metaphysiker des Mittelalters, welche unseren modernen "Seelenbräuten" und "Seelenbräutigamen" entsprechen, und zwar versteht man unter einem "Incubus" eine in der Fantasie eines sinnlichen Menschen entstandene weibliche Form und unter einem "Succubus" eine der weiblichen Einbildungskraft entsprungene männliche Form. In Indien werden dieselben "Mohinis" und "Pisachas" genannt, und Theophrastus Paracelsus bezeichnet sie als "Phantasmen, Drachen, Monster" usw. Sie sind wirklich existierende Wesen, von den betreffenden Menschen selber erzeugt und durch geistige Einflüsse genährt; sie sind Gemütszustände des von ihnen befallenen und beweisen ihr Dasein nur zu deutlich durch die von ihnen verursachte Zerrüttung des Nervensystems und den Zerfall der physischen Kräfte. Dass der nichts wissende und nichts wissen wollende Gelehrtendünkel nur mit dem Ausruf "Aberglaube!" antworten wird und damit alles erklärt zu haben meint, tut nichts zur Sache. Es ist dies die bequemste Art, sich unter den Unwissenden ein Ansehen zu geben und Fragen über Dinge, von denen man nichts versteht, zu beseitigen. Der Vampirismus ist eine leidige Tatsache, die man durch Ableugnen nicht abschaffen kann. Wer dafür zugänglich ist, wird nicht bloß von Einflüssen, die den Überbleibseln der Toten entspringen, sondern auch von seinen lebenden Mitmenschen vampirisiert und ausgesogen, psychisch, moralisch und körperlich. In der physischen wie auch in der psychischen Welt sucht der eine auf Kosten des anderen sein Dasein zu fristen, ob es nun bewusst und mit Absicht oder ohne Absicht, instinktmäßig geschieht. Die Gedanken des einen beeinflussen den anderen, ohne das der andere deren Ursprung kennt, und wenn die Gedanken, welche die Menschen, die vor uns existiert haben, ins Dasein riefen, auf uns keinen Einfluss haben könnten, so gäbe es in der Welt überhaupt keinen Fortschritt. Der Geist eines Goethe oder Shakespeare lebt und wirkt heute noch, wenn auch die Persönlichkeit längst sich in ihre Elemente aufgelöst hat, und niemand wird sich unter diesem Geiste ein in der Welt herumfliegendes Gespenst vorstellen. Die Ideen, welche große Geister ins Leben riefen, ernähren die Keime in den Herzen derjenigen, welche für große Ideen empfänglich sind. Dasselbe ist mit den Leidenschaften der Fall. Der Mensch ist eine verkörperte geistige Kraft; er verschwindet aus der Erscheinungswelt, aber die Kraft bleibt bestehen. Er ist wie eine Wolke am Firmament, welche kommt und geht, aber die Luft und das Wasser, die sie gebildet haben, bestehen fort und bringen neue Wolkengebilde hervor.

Wer die Literatur des Okkulten und der Metaphysik studiert hat, dem wird es nicht an Material zum Nachdenken über den Vampirismus fehlen. Dort befindet sich eine Menge von Ereignissen beschrieben in Bezug auf den Vampirismus der Toten und den der Lebendigen, welche hier angeführt werden kann; ich ziehe es jedoch vor, aus eigener Erfahrung zu sprechen:

In G... lebt eine Frau, in welche ein junger Mann verliebt war. Da derselbe aber ein Säufer und Vagabund war, so verschmähte sie ihn, obgleich sei eine große Neigung zu ihm fühlte, und heiratete einen anderen. Aus verletzter Eitelkeit erschoss sich der junge Mann, und bald darauf wurde die junge Frau von einem Incubus befallen, welche sie nachts besuchte und mit ihr geschlechtlichen Umgang pflog. Sie konnte den "Geist" nicht sehen, wohl aber fühlen und empfand dabei dasselbe, als ob ein lebender Mensch bei ihr wäre. Diese Besuche wiederholten sich sehr häufig, besonders in Abwesenheit ihres Gatten, und zerrütteten ihre Nerven, so dass der Ehemann sich schließlich gezwungen sah, ärztlichen Rat einzuholen. Durch eine Stärkung der moralischen Kraft wurde die Frau geheilt.

 

Nach der Theorie der Spiritisten wäre nun hier das Gespenst des Selbstmörders die Ursache dieser Erscheinung. Demnach hätte der Selbstmörder, nachdem er seinen materiellen Körper abgelegt hatte, sich persönlich zu seiner ehemaligen Geliebten begeben, um sich mit ihr zu vergnügen. Wer aber die Gesetze des Geistes kennt, sieht die Sache ganz anders. Der Incubus wurde von der Fantasie jener Frau selber geschaffen; die noch in ihrem Gemüt zurückgebliebene Liebe zu diesem Selbstmörder bildete den Samen, aus dem der Incubus wuchs, und die Nahrung, welche er zu seinem Wachstum erhielt, bestand in dem Einfluss, welchen die von dem Serienmörder während des Lebens wachgerufene Leidenschaft auf ihr Gemüt ausübte. Aus ihrer eigenen innerlichen Begierde erwuchs die betreffende Vorstellung, welche durch ihre Erinnerung mit der Gestalt des verschmähten Geliebten bekleidet wurde, und wurde zu ihrem "anderen Ich", das für sie objektiv und fühlbar wurde. Dass aber die Kraft, welche diesen Vampir ernährte, wirklich von den Überbleibseln eines Selbstmörders ausging, dafür spricht der Umstand, dass die Nähe dieser Frau einen sehr deprimierenden Einfluss auf sensitive Personen ausübte. Nicht nur trug sie sich selbst mit Selbstmordgedanken, sondern viele ihrer Besucher, wenn sie auch von der ganzen Sache nichts wussten, wurden durch ihre Gegenwart mit übler Laune und Selbstmordgedanken, welche oft wochenlang dauerten, angesteckt.

Ähnliche Fälle sind durchaus nicht selten, aber die Wirkung dieser Vampire ist in den verschiedenen Personen ihrer Natur nach verschieden. Manche möchten diese Einflüsse gerne loswerden, haben aber nicht die moralische Kraft, sich diese Einflüsse vom Leibe zu halten; andere bewillkommnen dieselben und finden in dem Umgang mit diesen unsichtbaren "Gatten" und "Gattinnen" ihren höchsten Genuss. Immerhin aber wird das Opfer solcher Vampire durch die fortwährende Erregung seiner oder ihrer Nerven geschwächt, empfindlich, reizbar, zu Tränen geneigt, leidet an Erschöpfung trotz des sehr gesteigerten Appetits und wird nicht nur selber vampirisiert, sondern vampirisiert auch andere und entzieht den in seiner Nähe befindlichen Personen einen Teil ihrer Lebenskraft. Es sind mir verschiedene alte Damen bekannt, die sich nur dadurch am Leben zu erhalten scheinen, dass sie beständig junge Dienstmädchen um sich haben, von deren "Lebensmagnetismus" sie zehren, und nicht wenige solcher Dienstboten werden, ohne es zu wissen, das Opfer solcher Vampire und verfallen der Abzehrung und Lungentuberkulose.

Wer nicht viel davon weiß, was in der Welt vorgeht, der glaubt vielleicht, dass Fälle von Vampirismus, Incubus und Succubi seltene Dinge seien, die nur sehr vereinzelt vorkommen; wer aber diesen Dingen einige Aufmerksamkeit geschenkt hat, weiß, dass sie erstaunlich zahlreich sind. Unter den Spiritisten befinden sich Tausende, die von einem Vampir besessen sind, den sie für ihre Seelenbraut oder Bräutigam halten, und selbst solche, welche mit verkörperten Erscheinungen solcher Art Umgang pflegen, sind nicht selten. Es gibt Männer und Frauen, welche mit Entzücken von dem Vergnügen erzählen, welches ihnen die Zusammenkünfte mit ihrem "Dual" gewähren, und alte Weiber, welche glauben, dass sie sich ihm selbstlos opfern, in dem sie mit ihm geschlechtlichen Umgang pflegen, weil sie meinen, dass dadurch sein "geistiger Fortschritt" gefördert werde. Wie es scheint, ist der menschlichen Narrheit keine Grenze gesetzt. Manche begnügen sich damit, von ihrem "Dual" zu träumen, andere empfinden seine Gegenwart und führen seine Berührung, und noch andere sehen ihn, während sie bei vollem Bewusstsein sind, und genießen die Belustigungen eines ehelichen Lebens, ohne die materiellen Unannehmlichkeiten desselben zu teilen.

Dass ein Incubus oder Succubus unter gewissen Umständen eine körperliche, sichtbare und greifbare Gestalt annehmen kann, ist für den Metaphysiker, der die betreffenden Naturgesetze kennt, kein Geheimnis. Goethe hat in seiner "Braut von Korinth" einen derartigen Fall beschrieben. Washington Irwing erzählt einen ähnlichen; die Literatur des Okkultismus und Spiritualismus strotzt von solchen Tatsachen, und die Geschichte des Mittelalters liefert unzählige Beispiele. Dass man dies alles aber nicht jedem sogleich begreiflich machen, und das "wie" und "warum" besonders einem mit Vorurteilen belasteten Gelehrten nicht mit ein paar Worten erklärlich machen kann, versteht sich von selbst, weil solche Personen noch nicht die Anfangsgründe zum Verständnis dieser Naturgesetze besitzen. Eduard von Hartmann sagt in seiner Broschüre über den Spiritismus: "Das Publikum hat nachgerade ein Recht darauf, zu wissen, woran es mit diesen Dingen ist." Wohlan! Gepredigt und erklärt wurden diese Dinge schon lange, aber vom Publikum nicht verstanden. Wir möchten deshalb den Satz umkehren und sagen: "Die Metaphysiker haben nachgerade ein Recht darauf, zu verlangen, dass das wissenschaftlich sein wollende Publikum selbst denken und die gegebenen Erklärungen begreifen lernen sollte."

Wer von den Anfangsgründen der Metaphysik nichts weiß, ist in der Lage eines Bauern, der sich einbildet, zu wissen, dass in der fahrenden Lokomotive Pferde versteckt seine, welche die Bewegung verursachen. Um einen solchen Bauern zu überzeugen, müsste man ihm erst die Konstruktion der Lokomotive und die Wirkung der Dampfkraft erklären, wozu er weder Verständnis noch die Geduld zum Anhören der Erklärung hätte.

Um den Physiker, der von Metaphysik nichts weiß und alles auf dem verkehrten Wege sucht, die Gesetze der "Materialisation" zu erklären, müsste er zuerst das eigentliche Wort der "Materie" und die okkulte Konstitution des Menschen begreifen lernen. Zwischen Geist und Materie besteht im lebenden Menschen keine unübersteigbare Kluft. Geist, Seele und Körper sind durch Zwischenglieder verbunden; das Höhere wirkt auf das Niedere, der Geist auf das Gemüt, das Gemüt auf den Körper ein; das Geistige findet schließlich seinen Ausdruck im materiellen, welches ein Symbol des Geistigen ist. Der Schlüssel zu diesem Rätsel liegt in der Kenntnis der Eigenschaften des "Astralkörpers" oder desjenigen Teiles des menschlichen Organismus, welchen der Inder "Linga Scharira" nennt, der aber für die gesamte europäische Wissenschaft noch eine terra incognita ist, über welche sich unsere Philosophen noch lange die Köpfe zerbrechen können, wenn sie von den alten indischen Weisen, welche dies alles längst exakt wissenschaftlich beschrieben haben, durchaus nichts wissen wollen. Das Publikum aber hat das Recht, zu verlangen, dass unsere Mediziner und Doktoren, wenn sie noch länger den Nimbus der Allwissenheit bewahren wollen, aus ihrer Versumpfung heraustreten und sich, statt mit dem bloßen "Beobachten" zu begnügen, die psychischen Ursachen kennenlernen sollten, aus denen die meisten physischen Krankheiten entstehen.

Es findet keine äußerliche Erscheinung ohne innerliche Ursache statt. Es tritt kein Geist aus dem Menschen heraus, der nicht zuvor in ihn eingetreten ist. Ohne Form und Gestalt ist das Licht, welches die Pflanze aufbaut und sich in ihr verkörpert. Ohne Vernunft und ohne Form sind die psychischen Einflüsse, welche in das unbewachte Gemüt des Menschen eindringen, in ihm zum Bewusstsein kommen und in ihm Form und Gestalt annehmen können. Solche Gestalten können objektiv und körperlich auftreten, so dass sie mit allen fünf Sinnen wahrgenommen werden; das hierbei beteiligte Organ ist die Milz, deren okkulte Funktion ebenso wie diejenige der Zirbeldrüse der jetzigen, offiziellen medizinischen Wissenschaft unbekannt ist. Wer, wie der Verfasser, solche Materialisationen zu dutzend Malen gesehen, sie befühlt und mit ihnen gesprochen hat, für den haben alle die bekannten angeblichen Entlarvungen von Betrügern kein Interesse mehr, um so weniger, als solche Entlarver in der Regel nichts anderes entlarven, als ihre eigene Unwissenheit.

Die "Seelebräute" und "Seelenbräutigame", von denen hier die Rede ist, sind somit keine im Jenseits existierenden Personen, sondern die bewusst oder unbewusst erzeugten Produkte der eigenen Begierden und Vorstellungen; genährt durch die aus der übersinnlichen Welt strömenden Einflüsse. Ein altes ägyptisches Sprichwort sagt: "Wie es unten ist, so ist es oben, und es nichts so Unbedeutendes auf der Welt, dass es nicht von etwas ihm vorgesetzten Oberen abhängig wäre; so dass, wenn das Untere sich regt, das Obere sich ihm entgegen regt", und in der Bhagavad Gita heißt es: "Wer sich den Göttern darbringt, der geht zu den Göttern; wer sich den Dämonen opfert, der geht zu den Dämonen ein."

 

Was aber sind diese dämonischen Einflüsse und was sind die Dämonen?

In der physischen Welt nehmen wir verschiedene Kräfte wahr, in denen keine uns bekannte Art von Bewusstsein zu finden ist; dahin gehörten die Wärme, das Licht, die Elektrizität usw. Auf der psychischen Ebene dagegen gibt es ähnliche Kräfte, in welchem Bewusstsein vorhanden ist. Dahin gehört die Begierde, welche sich in Menschen und Tieren je nach deren Beschaffenheit als diese oder jene Leidenschaft offenbart. Ein Mensch, der eine gewisse Menge irgendeiner Leidenschaft entwickelt, schafft dadurch einen Herd von kamischer Energie, ähnlich wie eine Flamme eine Ansammlung von Hitze erzeugt, und diese wirkt durch Ausstrahlung wieder auf andere Menschen ein. Solche Kraftherde von dämonischen Begierden bilden die dämonischen Einflüsse, und die Dämonen selbst sind Organismen, in denen dies Einflüsse verkörpert und versinnbildlicht sind. Da auf der Astralebene jede Form dem Charakter, den sie repräsentiert, entspricht, so kann sich dort eine hässliche Leidenschaft nicht anders als in einer hässlichen Form darstellen, und wenn unsere Spiritisten die Seelenbräute und -bräutigame, für die sie so sehr begeistert sind, in ihrer wahren Gestalt sehen könnten, sie würden sich voll Entsetzen und Abscheu davon abwenden. Es ist da nicht von "dahingeschiedenen Personen", sondern von deren kamischen Überbleibseln die Rede. Die Wärme, welche ein toter Mensch verloren hat, ist nicht mehr der Mensch, und die verkehrten Willensformen und Gedankenbilder, welche er erzeugt hat und die von ihm abgeschieden sind, gehören nicht mehr ihm an, sondern sind der Unrat, den er hinterlassen hat, mit dem die Dämonen sich mästen.

Von solchen Dämonen, halb tierischen und halb teuflischen Wesen, aber gibt es sehr viele verschiedene Arten, die, obgleich sie nicht mit den physischen Sinnen wahrgenommen werden, nichtsdestoweniger vorhanden sind; wenn auch die vermeintlichen "Aufgeklärten" nichts von ihnen wissen können, da sie selbst von dem Geiste des Eigendünkels besessen sind und daher mit geistigem Auge überhaupt nichts mehr sehen, als das eigene Selbst und dessen Chimäre.

Unbekümmert um die Verhältnisse, die ihn auf Erden bedrückt und erfreut haben, ruht der Geist des Menschen in Devachan; aber die Leidenschaften, tierischen Instinkte und niederen intellektuellen Kräfte, welche er in der Welt der Begierden zurückgelassen hat, bestehen fort, bis dass ihre Tätigkeit erschöpft ist. Diese Summe von Begierden bilden seine zurückgelassenen kamischen Überreste. Sie stellen auf der Astralebene eine Energie dar, welche dorthin angezogen wird, wo sie Organismen findet, die ihrer eigenen Natur entsprechen, geradeso wie der Magnet das Eisen an sich zieht. Eine solche Summe von Energie wird ein "Elemental" genannt. Sie ist ohne Vernunft, Verstand und Urteilskraft. Tritt sie aber in die Bewusstseinssphäre eines Menschen ein, so nimmt sie an seinem Bewusstsein teil und ist ein Teil seines Bewusstseins. Sie ist in ihm und er in ihr.

In einem Brief eines Adepten heißt es: "Jeder ausgehende Gedanke eines Menschen trifft in eine andere Welt ein und erlangt dort ein individuelles Dasein, indem er sozusagen mit einem Elemental, das heißt mit einer der halbintellektuellen Kräfte, welche dort existieren, sich verbindet. Ein solcher Gedanke lebt fort als eine tatsächliche Denkkraft, ein Geschöpf, welches das Gemüt erzeugt hat, und die Dauer seines Daseins hängt ab von der ihm innewohnenden Energie. Ein guter Gedanke lebt fort als eine wohltätige Kraft, ein böswilliger Gedanke als eine teuflische Kraft, und der Mensch bevölkert auf diese Art beständig seine eigene geistige Sphäre mit den Erzeugnissen seiner Begierden, Instinkte und Fantasien, welche ihrerseits wieder auf andere Gemüter einwirken, je nach dem Grad ihrer Empfänglichkeit."

Ideen sind Dinge, welche tatsächlich existieren, sei ihr Erzeuger nun tot oder lebendig. Jede Summe von Gedanken, belebt durch den Willen, sei sie nun gut oder böse, stellt einen Stern am Gedankenhimmel vor, der seine Strahlen in empfängliche Seelen sendet. Der im Gemüt schlummernde Trieb wird durch die mit seinen Eigenschaften korrespondierenden Einflüsse erweckt, der Same wächst und entfaltet sich, und es entsteht ein zweites Ich, welches je nach seinem Ursprung ein Engel oder Teufel sein kann. Um einen solchen "Geist" zu erkennen, muss man nicht die Erscheinung, sondern das eigene Gewissen befragen.

Eine der größten Geistesgaben besteht darin, zwischen den Geistern unterscheiden zu können. Wer diese Kraft nicht besitzt und sich Einflüssen hingibt, die er nicht kennt, schwebt in großer Gefahr. Wer sich der Geisterwelt nähern und mit ihr verkehren will, der sollte ein reines Herz haben, in welchem nichts Unreines enthalten ist. Er sollte durch sein höheres Selbstbewusstsein einen Kreis um sich bilden, in welchen kein unreiner Gedanke eindringen kann. Dann wird die ewige Wahrheit in seiner Seele sich spiegeln, und er wird in sich selbst das Gegenbild Gottes erkennen, welcher der Herr aller Geister ist.

Der Geist der Wahrheit im Herzen erfüllt die Menschen mit Kraft, aber die Geister der Lüge zehren von seinem Leben. Wer im Bewusstsein der Wahrheit lebt, der lebt in seinem wahren Selbst, er ist unabhängig und frei; wer sich aber Schwärmereien und Fantasien hingibt, der lebt außer sich; er verliert sich im Mondschein seiner Fantasie und zerstreut im Raum die Kraft, die ihm zu seinem Wachstum gegeben ist. In sich selbst einzugehen und sich selbst zu erkennen im Sonnenlicht der Weisheit, ist besser als alle Theorie und Wissenschaft, deren Endzweck die Befriedigung der Neugierde ist. Die reine Menschenseele ist die wahre Braut und der Geist der Weisheit, der sie erleuchtet, der Bräutigam. Durch diesen allein entsteht die wahre Vereinigung aus welcher der Sinn des Lichtes im Menschen geboren wird.

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