LEONORE

Gottfried August Bürger

1773

Ersterscheinung in: "Gedichte". Gottfried August Bürger
Dieterich, Göttingen
, 1778

bibliothèque: Obwohl das Werk vor Blasphemie warnt, gehört es heute in den Reigen der bekanntesten Werke der unheimlichen / düsteren Literatur. Neben den Geschichten um den Lügenbaron Münchhausen, gehört "Leonore" zu den bekanntesten Werken des Autors. "Die Toten reiten schnell" ist eines der bekanntesten Zitate rund um den Vampirmythos, nicht zuletzt durch die Verwendung im Klassiker "Dracula" von Bram Stoker. Inspiriert wurde Bürger vermutlich durch das Leben, und die Gerüchte darum, der Fürstin Eleonore A. von Schwarzenberg, die heute als Vampirin bekannt ist. Ihrerseits inspirierte und beeinflusste die Ballade auch eine Reihe von weltbekannten Künstlern, wie Bram Stoker, E.A. Poe und Walter Scott.
Obwohl das Werk in der Erstausgabe "Leonore" betitel wurde, findet sich im Text jedoch durchgängig die Verkürzung "Lenore", was bis heute zu Unstimmigkeiten führt - mache Sammlungen titeln nun "Lenore", andere hingegen schreiben "Leonore" in den Versen, beides vermutlich aus Gründen der Einheitlichkeit.
(2008, 2013)

Nicolaus Equiamcius: Sie [die Geschichte] fand allgemein einen guten Anklang unter der Leserschaft und erschien in den Folgejahren auch oftmals als illustrierter Einzeldruck. Mit dem Vampirmotiv nur im entfernteren Sinn verwandt, behandelt sie dieses Thema nur insofern, dass ein Toter, ein im Krieg gefallener Bräutigam, nachts zu seiner Braut kommt und sie zu sich in sein Grab holt, damit sie im Tode vereint sind. (2013)

 

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Volltext

Lenore fuhr um's Morgenrot
Empor aus schweren Träumen:
"Bist du untreu, Wilhelm, oder tot?
Wie lange willst du säumen?" -
Er war mit König Friedrichs Macht
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben:
Ob er gesund geblieben.

Der König und die Kaiserin,
Des langen Haders müde,
Erweichten ihren harten Sinn,
Und machten endlich Friede;
Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
Geschmückt mit grünen Reisern,
Zog heim zu seinen Häusern.

Und überall all überall,
Auf Wegen und auf Stegen,
Zog Alt und Jung dem Jubelschall
Der Kommenden entgegen.
Gottlob! rief Kind und Gattin laut,
Willkommen! manche frohe Braut.
Ach! aber für Lenoren
War Gruß und Kuss verloren.

Sie frug den Zug wohl auf und ab,
Und frug nach allen Namen;
Doch keiner war, der Kundschaft gab,
Von allen, so da kamen.
Als nun das Heer vorüber war,
Zerraufte sie ihr Rabenhaar,
Und warf sich hin zur Erde,
Mit wütiger Geberde.

Die Mutter lief wohl hin zu ihr: -
"Ach, dass sich Gott erbarme!
Du trautes Kind, was ist mit dir?" -
Und schloss sie in die Arme. -
"O Mutter, Mutter! hin ist hin!
Nun fahre Welt und alles hin!
Bei Gott ist kein Erbarmen.
O weh, o weh mir Armen -"!

"Hilf Gott, hilf! Sieh uns gnädig an!
Kind, bet' ein Vaterunser!
Was Gott tut, das ist wohlgetan.
Gott, Gott erbarmt sich Unser!" -
"O Mutter, Mutter! Eitler Wahn!
Gott hat an mir nicht wohlgetan!
Was half, was half mein Beten?
Nun ist's nicht mehr vonnöten." -

"Hilf Gott, hilf! wer den Vater kennt,
Der weiß, er hilft den Kindern.
Das hochgelobte Sakrament
Wird deinen Jammer lindern." -
"O Mutter, Mutter! was mich brennt,
Das lindert mir kein Sakrament!
Kein Sakrament mag Leben
Den Toten wiedergeben." -

"Hör, Kind! wie, wenn der falsche Mann,
Im fernen Ungarlande,
Sich seines Glaubens abgetan,
Zu neuem Ehebande?
Lass fahren, Kind, sein Herz dahin!
Er hat es nimmermehr Gewinn!
Wann Seel' und Leib sich trennen,
Wird ihn sein Meineid brennen." -

"O Mutter, Mutter! Hin ist hin!
Verloren ist verloren!
Der Tod, der Tod ist mein Gewinn!
O wär' ich nie geboren!
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
Bei Gott ist kein Erbarmen.
O weh, o weh mir Armen!" -

"Hilf Gott, hilf! Geh nicht ins Gericht
Mit deinem armen Kinde!
Sie weiß nicht, was die Zunge spricht.
Behalt ihr nicht die Sünde!
Ach, Kind, vergiss dein irdisch Leid,
Und denk an Gott und Seligkeit!
So wird doch deiner Seelen
Der Bräutigam nicht fehlen." -

"O Mutter! Was ist Seligkeit?
O Mutter! Was ist Hölle?
Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit,
Und ohne Wilhelm Hölle! -
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
Ohn' ihn mag ich auf Erden,
Mag dort nicht selig werden." -

So wütete Verzweiflung
Ihr in Gehirn und Adern.
Sie fuhr mit Gottes Vorsehung
Vermessen fort zu hadern;
Zerschlug den Busen, und zerrang
Die Hand, bis Sonnenuntergang,
Bis auf am Himmelsbogen
Die goldnen Sterne zogen.

Und außen, horch! ging's trap trap trap,
Als wie von Rosseshufen;
Und klirrend stieg ein Reiter ab,
An des Geländers Stufen;
Und horch! und horch! den Pfortenring
Ganz lose, leise klinglingling!
Dann kamen durch die Pforte
Vernehmlich diese Worte:

"Holla, holla! Tu auf mein Kind!
Schläfts, Liebchen, oder wachst du?
Wie bist noch gegen mich gesinnt?
Und weinest oder lachst du?" -
"Ach, Wilhelm, du? - So spät bei Nacht? -
Geweinet hab' ich und gewacht;
Ach, großes Leid erlitten!
Wo kommst du her geritten?" -

"Wir satteln nur um Mitternacht.
Weit ritt ich her von Böhmen.
Ich habe spät mich aufgemacht,
Und will dich mit mir nehmen." -
"Ach, Wilhelm, erst herein geschwind!
Den Hagedorn durchsaust der Wind,
Herein, in meinen Armen,
Herzliebster, zu erwarmen!" -

"Lass sausen durch den Hagedorn,
Lass sausen, Kind, lass sausen!
Der Rappe scharrt; es klirrt der Sporn.
Ich darf allhier nicht hausen.
Komm, schürze, spring' und schwinge dich,
Auf meinen Rappen hinter mich!
Muss heut noch hundert Meilen
Mit dir in's Brautbett' eilen." -

"Ach! wolltest hundert Meilen noch
Mich heut in's Brautbett' tragen?
Und horch! es brummt die Glocke noch,
die elf schon angeschlagen." -
"Sieh hin, sieh her! der Mond scheint hell.
Wir und die Toten reiten schnell.
Ich ringe dich, zur Wette,
Noch heut ins Hochzeitsbette." -

"Sag an, wo ist dein Kämmerlein?
Wo? Wie dein Hochzeitsbettchen?" -
"Weit, weit von hier! - Still, kühl und klein! -
Sechs Bretter und zwei Brettchen!" -
"Hat's Raum für mich?" - "Für dich und mich!
Komm, schürze, spring' und schwinge dich!
Die Hochzeitsgäste hoffen;
Die Kammer steht uns offen." -

Schön Liebchen schürzte, sprang und schlang
Sich auf das Ross behende;
Wohl um den trauten Reiter schlang
Sie ihre Lilienhände;
Und hurre, hurre, hop hop hop!
Ging's fort in sausendem Galopp,
Dass Ross und Reiter schnoben,
Und Kies und Funken stoben.

Zur rechten und zur linken Hand,
Vorbei vor ihren Blicken,
Wie flogen Anger, Heid' und Land!
Wie donnerten die Brücken! -
"Graut Liebchen auch? - Der Mond scheint hell!
Hurrah! Die Toten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Toten?" -
"Ach nein! - Doch lass die Toten!" -

Was klang dort für Gesang und Klang?
Was flatterten die Raben? -
Horch Glockenklang! horch Totensang:
"Lasst uns den Leib begraben!"
Und näher zog ein Leichenzug,
Der Sarg und Totenbahre trug.
Das Lied war zu vergleichen
Dem Unkenruf in Teichen.

"Nach Mitternacht begrabt den Leib,
Mit Klang und Sang und Klage!
Jetzt führ' ich heim mein junges Weib.
Mit, mit zum Brautgelage!
Komm, Küster, hier! Komm mit dem Chor,
Und gurgle mir das Brautlied vor!
Komm, Pfaff', und sprich den Segen,
Eh wir zu Bett' uns legen!" -

Still Klang und Sang. - Die Bahre schwand. -
Gehorsam seinem Rufen,
Kam's, hurre hurre! nachgerannt,
Hart hinter's Rappen Hufen.
Und immer weiter, hop hop hop!
Ging's fort in sausendem Galopp,
Dass Ross und Reiter schnoben,
Und Kies und Funken stoben.

Wie flogen rechts, wie flogen links,
Gebirge, Bäum, und Hecken!
Wie flogen links, und rechts, und links
Die Dörfer, Städt und Flecken! -
"Graut Liebchen auch? - Der Mond scheint hell!
Hurrah! die Toten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Toten?" -
"O weh! Lass ruhn die Toten!" -

"Rapp'! Rapp'! Mich dünkt der Hahn schon ruft -
Bald wird der Sand verrinnen -
Rapp'! Rapp'! Ich wittre Morgenluft -
Rapp'! Tummle dich von hinnen! -
Vollbracht, vollbracht ist unser Lauf!
Das Hochzeitsbette tut sich auf!
Die Toten reiten schnelle!
Wir sind, wir sind zur Stelle." -

Rasch auf ein eisern Gittertor
Ging's mit verhängtem Zügel.
Mit schwanker Gert' ein Schlag davor
Zersprengte Schloss und Riegel.
Die Flügel flogen klirrend auf,
Und über Gräber ging der Lauf.
Es blinkten Leichensteine
Rund um im Mondenscheine.

Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,
Huhu! ein grässlich Wunder!
Des Reiters Koller, Stück für Stück,
Fiel ab, wie mürber Zunder.
Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,
Zum nackten Schädel ward sein Kopf;
Sein Körper zum Gerippe,
mit Stundenglas und Hippe.

Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp',
Und sprühte Feuerfunken;
Und hui! war's unter ihr hinab
Verschwunden und versunken.
Geheul! Geheul aus hoher Luft,
Gewinsel kam aus tiefer Gruft.
Lenores Herz, mit Beben,
Rang zwischen Tod und Leben.

Nun tanzten wohl bei Mondenglanz,
Rund um herum im Kreise,
Die Geister einen Kettentanz,
Und heulten diese Weise:
Geduld! Geduld! Wenn's Herz auch bricht!
Mit Gott im Himmel hadre nicht!
Des Leibes bist du ledig;
Gott sei der Seele gnädig!"

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Autor

Gottfried August Bürger - deutscher Dichter, 1747 - 1794. Sein bekanntestes Werk sind wohl die "Abenteuer von Münchhausen".

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weiterführende Links

erschienen u.a. in: Totentanz und Mitternachtsgraus - Christian Liedtke (Hrsg.) - 2009

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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Vampire

Leonore - Geliebte des Wilhelm, der in der Schlacht um Prag sein Leben ließ. Daraufhin verflucht sie Gott und in der darauffolgenden Nacht erscheint Wilhelm und holt sie zu sich nach in sein Totenbett.

Wilhelm - in der Schlacht um Prag gefallen, holt er seine Braut Leonore zu sich nach ins Totenbett.

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