Die BLUTNEKTARINE

Mathis Zojer

2011

empfohlenes Lesealter: ab 16 Jahre

edition buche: "DIE BESTIEN SIND UNTER UNS, schireb sie auf Fassaden, Stromverteilerkästen, Straßenbahnsitze, SEID UNGENIESSBAR! Obwohl sie wusste, dass es ohne eine baldige Lieferung aus China nichts fruchten würde, hinterließ sie auch den Blutsaugern selbst eine Botschaft: Go VEGAN, VAMPIRE!"
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral - Ariane findet es tröstlich, dass die Vampire in ihrem Bekanntenkreis das ein wenig anders sehen. Zumindest solange es noch eine pflanzliche Alternative zu frischem Menschenblut gibt. Aber diese ganz besonders nahrhaften Früchte wachsen nur in China, und dort kommt es zu rätselhaften Ernteausfällen. Die vegane Schonkost droht zu verschwinden. Und die Menschenschützer unter den Vampiren geraten gegenüber denen, die es wieder nach Deftigem gelüstet, immer mehr in die Defensive.
Eine allesentscheidende Konferenz der Untoten wird einberufen, auf die auch Ariane eingeschleust wird. Was sie dort hört, kommt ihr unheimlich bekannt vor: Die Vampire sprechen über die Menschen, so wie diese über die Tiere sprechen. Und sie werden sie auch so behandeln, wenn die blutige Logik des Fressens und Gefressen-Werdens nicht endlich durchbrochen werden kann. Ganz allein steht Ariane vor der Frage: Hat es die Menschheit überhaupt verdient, gerettet zu werden?
Sich unter Ungeheuern wiederzufinden, ist eine Erfahrung, die im zweiten Handlungsstrang des Romans auch das chinesische Mädchen Li Mei machen muss. In fantastischer Entsprechung zu den inneren Kämpfen, die Ariane auszustehen hat, entspinnt sich hier ein märchenhaftes Abenteuer. Li Mei, vielleicht ein Alter Ego von Ariane, verirrt sich mit ihren Freunden in ein unterirdisches Reich der Untoten, in dessen labyrinthischen Höhlen die Lebenden buchstäblich im Dunkeln tappen. Durch die Begegnung mit skurrilen Figuren, wie etwa einem blasierter chinesischer Kaiser und seinem griesgrämiger Kammerdiener, kommt es immer wieder zu Situationskomik, jedoch liegen Humor und Horror, Groteske und Grusel eng beieinander.
Der Roman bietet nicht nur ein unterhaltsames Fantasy-Abenteuer, sondern kann auch als tierethische Variation des Vampirmythos gelesen werden. Als vegane Vampirfabel dürfte das Buch vor allem nach dem Geschmack all jener Leserinnen und Leser sein, denen das anthropozentrische Weltbild fragwürdig erscheint und die schon einmal den Verdacht hegten, dass die menschliche Spezies das größte Untier auf Erden darstellen könnte.
(2011)

bibliothèque: Das passiert mir wirklich selten: Mehrfach blieb der Notizblock während des Lesevorgangs unbeachtet, so dass ich den vielschichtigen Roman dreimal hintereinander las. Widmen wir uns also diesen Schichten (ohne Gewähr der Vollständigkeit, bitteschön!):
Ohne Vorwarnung beginnt ein Staccato von Worten, Fragen und Antworten auf das Gegenüber einzuprasseln, bis zu den endlich erlösenden Worten: "Fangen wir also doch lieber von vorne an?" - Nicht, das die Geschichte jetzt ruhiger würde ... nur etwas chronologischer erzählt Ariane, wie sie sich mit ein paar Vampiren befreundet und von deren Unruhe angesichts der Tatsache, dass die Blutnektarinen, die ausschließlich in China wachsen, nicht mehr geliefert werden. Die Blutnektarine ist für die Vampire die Alternative zum Blutsaugen am Menschen. Was für einen Verlust der Wegfall dieser Nahrungsquelle für die Vampire und auch für die Menschen bedeutet, ist leicht auszumalen. Die Vampire beraten in einem großen Konzil über die nächsten Schritte zur Erhaltung ihrer Art, eine Veranstaltung, in die Ariane durch ihre Freunde nicht ohne Hintergedanken eingeschleust wird, denn sie soll einen Vortrag halten, um die friedliche Koexistenz zwischen Vampir und Mensch zu erhalten. Eine Aufgabe, der sich die Schülerin nicht ein bisschen gewachsen fühlt, die sie nicht annehmen will und genau darum das Plädoyer ihres (und unseres) Lebens hält.
Und ... In der chinesischen Unterwelt fechten Li Mei und ihre Freunde einen ganz eigenen Kampf mit, gegen und für Vampir und Mensch aus, wobei die Vampire schließlich eine ihrer Hoffnungen auf eine Mondrakete zu setzen scheinen ...
Soweit kurz zur rasanten und immer wieder witzigen Vampirgeschichte. Doch es geht weiter:
Und ... Wie menschlich ist der Mensch gegenüber dem Menschen und den vermeintlich oder tatsächlich evolutionstechnisch weniger weit entwickelten Tieren, wie monströs und wer sind die Monster? - Philosophische und gesellschaftskritische Betrachtungen über das (Un-)Tier Mensch und seine (industrialisierte) Vorherrschaft über andere Lebewesen. Wobei sich zusätzlich die Frage stellt, ob der Vampir nicht nur das Gewissen des Menschen ist - Zitat des Vampirs Simon: "Wir haben wohl deswegen kein Spiegelbild, weil wir das eure [das der Menschen] sind." (S. 364)
Und  ... wie verrückt, entrückt, realistisch, aufgeklärt und/oder auch nicht ist eigentlich diese, ich nenne sie mal liebevoll: Generation Twilight. Imaginäre Freunde, Dreamteams im wahrsten Sinne des Wortes, wurden noch nie von den Erwachsenen ohne Argwohn betrachtet. Leben diese auch noch von menschlichem Blut, fordert dies geradezu eine professionelle Behandlung heraus. Zu Recht oder steckt auch da noch viel mehr dahinter?
Nachtrag zur "Generation Twilight": Diesen kleinen Seitenhieb konnte ich mir einfach nicht verkneifen - wohl wissend, dass, geschichtlich betrachtet und nicht zuletzt auch eingedenk meines eigenen Alters, Hobbys und Umfeldes, das Phänomen Vampir nicht nur auf das aktuelle Jahrhundert zu beschränken ist.
(2011)

Autor

 

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Handlungsort

Vampire

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edition buche

ISBN: 978-3-9026-5109-9

 

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Autor

Mathis Zojer - Geboren 1972,  arbeitet als Lektor, Autor und Mitgestalter eines Webmagazin und Radiosendung in Österreich. Romandebüt: "Die Blutnektarine".

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Handlungsort

Wien, Graz (Österreich), irgendwo in China

ohne weiteres Interesse für die Handlung werden erwähnt:
New York (USA), Rom (Italien), Madeira (portugiesische Insel)

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Vampire

Simon - rollstuhlfahrender Teen, der deutlich älter ist.

Trude - eine "Gift spuckende Hexe" und gute Freundin Arianes. Jahrhunderte vorher wurde sie von einem abgewiesenen Pfaffen der Folter der Inquisition zugeführt. Gegen diese Qualen erscheint ihr der Biss des Alten geradezu zärtlich. Am folgenden Tag wird sie der Hexenprobe unterzogen, die sie besteht und ihr damit den Weg durch die Zeiten öffnet.

Tilio und Vesper - riesenhafte Zwillinge aus dem alten Rom. Damals waren sie als kühne Krieger und für verschwenderische Gelage bekannt. Nachdem sie bei einer Festlichkeit mörderischen Besuch erhielten, änderten sie ihr Leben und wurden dafür vom römischen Kaiser zum Tode verurteilt. In der Nacht vor ihrem "Auftritt" im Zirkus wandelte sie ein Lemur, so dass sie entkamen.

Egelwolf - ein sprechender Vampirhund.

Hao - ihrem Mann Liang folgte sie aus Liebe nach ihrer Wandlung in das "Schwarze Reich" der Unterirdischen Vampire um Kaiser Tong. Dort rebelliert sie gegen den Kaiser und dessen Autorität, so dass sie die meiste Zeit in Einzelhaft in einer engen Zelle verbrachte. Dort erhielt sie den Namen die "Hässliche Hao", den sie sooft hörte, bis sie ihn für sich übernahm. Diese Bezeichnung entspricht jedoch in keiner Weise der menschlichen Wahrnehmung, auch wenn sie ihr Gesicht fortan meist hinter ihren langen Haaren versteckt.

Liang - er biss, entgegen den Gesetzen der Vampire, seine Frau Hao und wurde dafür in die Unterwelt verbannt, wohin sie ihm aus Liebe folgte. Zunächst wird er von den anderen Unterirdischen für seine Liebe zu Hao gehasst und auf das schändlichste angepöbelt und gereizt. In Kerkerhaft verliert er sich in Trauer, bis ihn der Kaiser Tong an seinen Hof holt und ihn als General, nur dem Kaiser untertan, mit Macht ausstattet. Dieses Amt bekleidet und missbraucht er, bis ihn der letzte Wächter, Herr Shu, jahrhunderte später tötet.

Leclerc - Chefin eines Kosmetikkonzerns, auf der Suche nach ewiger Schönheit. Der Alterungsprozess zumindest wird durch ihre Wandlung gestoppt.

Herr Shu - unter den Vampiren als "Rabiater Ratz" bekannt. Bis zu seinem Tode war der chinesische Mönch der letzte Wächter  zwischen den unterirdischen und überirdischen Welten. Seine Feindschaft zum General des unterirdischen Kaisers dauerte fast ein Leben lang, bis er ihn köpfte. Der General verbiss sich aber noch in ihm und wandelte ihn. Herr Shu wählte daraufhin den endgültigen Freitod.

Liu Bo - chinesischer Vampir, der an der weltweiten Verteilung der Blutfrüchte nicht unwesentlich beteiligt ist.

Jadwiga und Koschei - Jadwiga ist seit jahrhunderten schwanger, Koschei ihr Fötus. Jadwiga weigert sich beharrlich abzutreiben, in der Hoffung irgendwann Koschei doch noch gebären zu können.

Kaiser Tong - Anführer der Unterirdischen im chinesischen Anbaugebiet der Blutbäume. Vor zweihundert Jahren hatte er seinen vorletzten Wutanfall, bei dem er seinen vorletzten Zahn verlor.

Kao Cheng - Kammerdiener des Kaisers Tong.

Judas - ein Vampir, der Jesus nicht als Zeichen des Verrates küsste, sondern ihn biss.

Jesus von Nazaret - Heiland, der von seinem Jünger Judas gebissen wurde und nach drei Tagen im Grab als Untoter wiederauferstand.

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