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GUTACHTEN der Königl. Preußischen Societät derer Wissenschaften, von denen Vampyren, oder Blut-Aussaugern.

Hrsg: Königliche Preußische Societät derer Wissenschafften - 1732

bibliothèque: Urheber dieses im königlichen Auftrag durchgeführten Gutachtens durften neben anderen auch Otto vom Graben zm Stein (ohne Namensnennung als Vizepäsident der Akademie der Wissenschaften) gewesen sein. Häufig wird es in Verbindung mit "Eines weimarischen Medici muthmaßliche Gedancken ..." von Johann Christian Fritsch veröffentlicht, da sich Fritsch direkt auf das Gutachten bezieht. (2010)


Volltext - gesammelt und zur Verfügung gestellt von Nicolaus Equiamicus

Allerdurchlauchtigster, Großmächtiger König, Allergnädigster König und Herr etc.

EW. Königl. Majest. Ist es allergnädigst gefällig gewesen, duch den Vice-Präsidenten, Grafen von Stein, das in Original hierbei kommende Protocoll, die so genannte Vampirs, oder Blut-Aussaugers zu Medwedia in Servien betreffend, uns communiciren zu lassen, mit allergnädigsten Befehl hierüber an Dieselbe unser ohnvorgreifliches alleruntertänigstes Gutachten zu erstatten. Sothanen allergnädigsten Befehl zu allergehorsamster Folge haben wir uns den 7ten dieses hierüber zusammen gestan, das Factum verlesen, die darinn angeführten Umstände reiflich erwogen, und uns darauf nachstehenden Gutachtens verglichen; Was nun anfänglich das Protocoll an und vor sich selbst betrifft, enthält selbiges allerhand, teils solche Facta, welche denen Commissarien nur von andern berichtet worden, teils aber auch solche, die von ihnen selbst untersuchet, und was sie bei Ausgrabung und Inspektion der Körper wirklich befunden haben; Dahero dann unsers wiewohl ohnmaßgeblichen Ermessens nach Anleitung des Protocolli ein Unterscheid zu machen, 1. unter denjenigen Factis, so denen Commissarien von andern Leuten referiret, und 2. in Ansehen der übrigen von ihnen angeführten Factorum, welche gedachte Commissarien abgehöret, ingleichen was sie gesehen, examoniret, und mit allen Umständen niedergeschrieben haben. Bei dem erstern Artikel, und demjenigen, so Zeugen von dem Heyducken Arnold Paole, und wider selbigen angeführet, ist derselben Aussage general und summarisch, ohne Specificirung der Zeit und des Orts, und auf was Weise, auch gegen wem Arnold Paole deponirter maßen sich heraus gelassen. Es lässet sich auch aus der Ausgrabung und denen an dieses Paole Körper befundenen Blute, Nägeln an Händ und Füßen, auch dem bei Durchschlagung des Pfahls durchs Herz angemerkten Geröchzer oder Laute, auf die Vampyrschaft kein bündiger Schluß machen, maßen dann die erstern Phaenomena ihre natürliche Ursachen haben, das Geröchzer und der Laut aber wegen der in der Cavität des Herzens annoch befindlichen ausgebrochenen Luft geschehen sein kann. Übrigens ist gewiß, dass die Erscheinung dieser Blut-Sauger, auch worinn selbige bestanden, mit nichts dargetan, und wie keine Spuren davon in der Hitsorie, und in den hiesigen so wenig, als anderen Evangelischen Landen, jemals gefunden, außer dass in den vorigen Zeiten hi un wieder von Einschluckung der Grab-Tücher und Schmatzen in den Gräbern Erzählungen geschehen, solches aber bei der Untersuchung unrichtig befunden, und als ein schädlicher Irrtum und Aberglaube verworfen worden. Bei dem zweiten Punkt lassen wir zwar die Untersuchung der Commissarien in ihrem Werte beruhen, wir können aber dabei nicht unangezeigt lassen, dass so viel die von ihnen so genante Stana betrifft, selbige laut Protocollo im 20ten Jahr ihres Alters, und allererst vor zweien Monaten von Zeit ihrer Niederkunft gestorben, bei welchen Umständen dann jetztgedachte Stana, bevorab da selbige zu Anfange des Winters allererst begraben, zu der angegebenen Zeit unverwesen sein können, ohne dass man nötig habe,m ihre Aussage wegen der Vampyrschaft statt finden zu lassen; wie dann auch nichts ungewöhnliches, dass die Sehnen und Blut-Adern nebst der Herz-Kammer bei denen natürlich Verstorbenen mit keinem geronnenem Geblüt angefüllet; Ingleichen dass bei andern dergleichen Verstorbenen Lunge, Leber, Magen, Milz, und das übrige Eingeweide nicht sonderlich angegangen, und vermutlich wie bei obigen sogenannten Vampyrs gefunden, ob gleich selbige keine Vampyrs gewesen, noch jemals etwas verdächtiges von ihnen ausgesagt worden; Ebener maßen hat das Wachsen der Nägel und Haare, so denen Vampyrs als eine besondere Eigenschaft beigeleget wird, in so weit seine natürliche Ursachen, dass, wann andere Umstände dabei concurriren, und in genaue Erwägung gezogen werden, nichts miraculeuses dabei vorhanden sein werde, wovon man Exempel anführen könnte, jedennoch aber Kürze halber solches aussetzen wollen. Was weiter von einer Frauens-Person, namens Militza, angeführet wird, dass selbige vieles liquides Geblüt und gesundes Eingeweide gehabt, unter andern auch an statt ihrer magern Leibes-Complexion fett und vollkommen gewesden; so ist bereits in Ansehung des ersten geantwortet; Was aber die Veränderung des Körpers anbelanget, kann dergleichen anscheinende Fettigkeit aus einer faulenden Gärung geschehen sein, wie dann auch, was bei denen folgenden Numeris von denen unverweseten Körpern angezeiget wird, solche seine natürliche Ursachen haben kann, indem nach Art und Beschaffenheit der Krankheit und des Körpers, der Jahrs-Zeit, des Alters etc. ein Körper vor dem andern der Fäulnis eher oder später unterworfen: und ist übrigens am meisten zu desideriren, dass bei dieser Untersuchung in Ansehung der Leute, welchen das Blut ausgesogen sein soll, kein lebendig Exempel, noch weniger aber die Art, wie selbiges geschehen? Ingleichen ratione der Erscheinungen keine Spuren gezeiget werden, maßen dann das Exempel von der Frauens-Person Stanoicka, und dessen, was ihrem Angeben nach mit dem verstorbenen Millove ihr begegnet, um so vielweniger zu attendiren, als dergleichen Weiber, wenn sie von melancholischer Complexion zu nächtlicher Zeit in Träumen, und sonsten sich allerhand fürchterliche Gesichter vorstellen können; Aus diesem einizigen Exempel aber auf die Wirklichkeit dieser Erscheinung und die Aussaugung an und vor sich selbst kein Schluß zu machen ist. Letztlich ist insonderheit hierbei anzumerken, dass die bisherige Blame der Vampyrschaft nur auf lauter arme Leute gebracht, und man ohne vorgängiger umständlichen, wenigstens aber uns nicht communicirten Untersuch- und Erörterung die Toten in den Gräbern geschmipft, und als Maleficanten tractiret worden. Bei welchen der Sachen Bewandnis dann wr davor halten, dass man bei dieser Quaestion behutsam zu verfahren, und noch zur Zeit nicht glauben kann, dass dergleichen Aussaugung von den toten Körpern geschehe, auch selbige ihre Qualität durch die Aussaugung, oder den Gebrauch ihres Bluts, und der Erde von denen Gräbern, worinnen sie liegen, nicht fortpflanzen können, noch weniger aber, dass man sich der darwider adhibirten Mittel der Exequirung dieser Toten mit Effect gebrauchen könne.

Welches Ew. Königl. Majest. Wir unserer alleruntertänigsten Obliegenheit nach zu referiren nicht ermangeln sollen. Die wir in untertänigster Devotion beharren
Ew. Königl. Maj.
Berlin, den 21. Mart. 1732
alleruntertänigst-treugehorsamste
zur Königl. Societät derer Wissenschaften verordnete Vice-Praesident, Doctoren u. Mit-Glieder.


Autoren

Otto vom Graben zum Stein - aka: Graf zum Stein, Otto zum Stein - * 1690, † 1756; Schriftsteller und Sagensammler, am preußischen Hof, Zeremonienmeister, Kammerherr und "Hofnarr", 1732 bis 1740 Vizepräsident der Preußischen Akademie der Wissenschaften. 1731 erhielt er, nicht zuletzt wegen seiner "Unterredungen mit dem Reich der Geister", ein zehnjähriges Publikationsverbot. An der Leipziger Vampirdebatte wollte er sich mit der Schrift "Otto, Grafens zum Stein unverlohrnes Licht und Recht derer Todten unter den Lebendigen, oder gründlicher Beweis der Erscheinung der Todten unter den Lebendigen, und was jene vor ein Recht in der obern Welt über diese noch haben können, untersucht in Ereignung der vorfallenden Vampyren, oder so genannten Blut = Saugern im Königreich Servien und andern Orten in diesen und vorigen Zeiten." beteiligen. Diese ist heute nicht mehr aufzufinden, wurde aufgrund des Publikationsverbotes vermutlich sogar nie gedruckt. In den "Unterredungen mit dem Reich der Geister" publizierte er erstmals die Sage vom "Freischütz". - Heiliges Römisches Reich (deutscher Nationen)

Nicolaus Equiamicus - * 1974, Buchhändler, Forscher, Sammler, Übersetzer und Herausgeber verschiedener historischer Werke zu Themen wie Vampire, Hexen, Dämonen und/oder Geister veröffentlicht neben den historischen Bearbeitungen auch als Autor Kurzgeschichten und wissenschaftliche Beiträge. - BRD


weiterführende Links

erschienen u.a. in : Von denen Vampiren oder Menschensaugern - Hrsg: Dieter Sturm, Klaus Völker - 1968

mehr von Otto vom Graben zum Stein : Unterredungen vom dem Reiche der Geister. 1730, darin : Die Geschichte von Asvitus und Asmundus / Dialog über das Schmatzen der Todten. - erschienen u.a. in: Von denen Vampiren oder Menschensaugern - Hrsg: Dieter Sturm, Klaus Völker - 1968