DIE BLUME DES BÖSEN

(Les Fleurs du Mal)

Charles Baudelaire

1857

 

Erstveröffentlichung: Poulet-Malassis, Paris 1857

Inhalt der Seite

1 - zum Werk

2 - Volltext (dt)
     - Der Vampir
     - Die Verwandlung des Vampirs
     - Totentanz

3 - Volltexte (französisch)

4 - Autor

5 - Titelgalerie

6 - weiterführende Links

zum Werk

bibliothèque: Dem Zyklus sind hier die dem Thema entsprechenden Teile entnommen und waren bereits in der ERstveröffentlichung vertreten. Das Werk ist in die fünf Gruppen "Spleen et Idéal", "Le Vin", "Fleurs du Mal" und "Révolte et La Mort" aufgeteilt. Die drei hier wiedergebenen Texte entstammen dem Teil "Fleurs du Mal", dass mit dem heutigen Sprachgebrauch passender "Die Blüten des Bösen" heißen könnte.
Eine genaue Datierung der einzelnen Gedichte ist heute nicht mehr vollständig möglich; bereits vor dem Erscheinen der Erstausgabe 1857 mit 100 Gedichten waren einzelne Gedichte veröffentlicht. Zwei weitere Ausgaben 1861 (aufgrund von Zensierung notwenig geworden) und 1868 wurden jeweils erweitert und neu sortiert. Sechs Gedichte des Zyklus' wurden bei der Erstveröffetnlichung als "obszön" und "Gotteslästerung" eingestuft. Neben dem Autor wurden auch der Verleger und Drucker dieser Schandtaten angeklagt und für schuldig befunden.
(2013)

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Volltext

1 - Der Vampir

Die du wie des Messers kalter Stoss
In mein jammernd Herze bist gefahren,
Die du stark bist wie Dämonenscharen
Und im tollen Rausch erbarmungslos,

Die in meinem Geist schwach und gering
Eingenistet sich und eingebettet,
Schändliche, an die ich festgekettet
Wie der Sträfling an den Eisenring!

Wie der Spieler seiner tollen Sucht,
Wie der Trinker der Begierde Krallen,
Wie der Leichnam ist dem Wurm verfallen,
So verfiel ich dir, o sei verflucht!

Oft rief ich das rasche Schwert herbei,
Dass es mir die Freiheit neu erringe,
Und ich bat das falsche Gift, es bringe
Mir Erlösung aus der Tyrannei.

Doch verächtlich hat das rasche Schwert,
Hat das falsche Gift zu mir gesprochen:
»So hat dich die Sklaverei zerbrochen,
Dass du nimmer der Erhebung wert.

Tor und Schwächling, selbst wenn unsre Kraft
Dir Erlösung von der Schmach gegeben,
Würde deiner Küsse Leidenschaft
Deines Vampirs Leichnam neu beleben.«

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2 - Die Verwandlung des Vampirs

Das Weib mit rosigem Mund begann den Leib zu recken,
Wie sich die Schlange dreht auf heißem Kohlenbecken,
Und in den Schnürleib fest die Brüste eingezwängt,
Sprach diese Worte sie, von Moschus ganz durchtränkt:
»Mein Mund ist rot und feucht, und auf des Lagers Kissen
Kann alle Tugend ich und alle Weisheit missen.
Die Tränen trockne ich auf meines Busens Pracht,
Mach' Alte fröhlich, wie man Kinder lachen macht.
Wer ohne Hüllen schaut des nackten Leibes Wonnen,
Dem ist der Mond verlöscht und Himmelswelt und Sonnen!
Ich bin, mein Weiser, so geübt in Wollustglut,
Dass tödlich fast dem Mann wird der Umarmung Wut,
Und wenn ich meinen Leib den Küssen überlassen,
Die frech und schüchtern mich und zart und roh erfassen,
Dann über meinem Pfühl, der sich vor Wonne bäumt,
Ohnmächtiger Engel Schar von meinen Reizen träumt.«

Nachdem aus dem Gebein sie mir das Mark gesogen,
Dreht ich mich matt zu ihr, von Liebe hingezogen,
Um sie zu küssen, doch nichts hat mein Aug' entdeckt,
Als einen leeren Schlauch, besudelt und befleckt!
Ich schloss die Augen schnell, gepackt von kaltem Grauen,
Und öffnete sie dann, beim hellen Licht zu schauen
An jener Puppe Statt, die neben mir geruht,
Und die zu strotzen schien von Leben, Kraft und Blut,
ein zitterndes Skelett, verwirrter Knochen Trümmer,
Daraus ein Stöhnen klang wie Wetterhahns Gewimmer,
Wie eines Schildes Schrei, das in den Angeln kracht,
Wenn es der Windstoss dreht in stürmischer Winternacht.

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3 - Totentanz

Stolz wie die Lebenden auf ihre edle Haltung,
Bewegt sie lässig sich mit Handschuh und Bukett
Und zeigt die Sicherheit graziöser Unterhaltung,
Die magren Schönen liegt, extravagant, kokett.

Sah je auf einem Ball man schlankere Gestalten?
Das überreiche Kleid, von grellem Prunk erdrückt,
Fällt auf den Knochenfuß in königlichen Falten,
Den zierlich, blumengleich das Flitterschuhwerk schmückt.

Und wie ein üppiger Bach sich reibt an Felsenhängen,
So rieseln Spitzen keck aufs magre Schlüsselbein
Und schließen züchtig vor dem losen Spott der Mengen
Die tiefverborgnen, dunklen Reize ein.

Die Augenhöhlen sind voll Finsternis und Leere,
Der Schädel, grauenvoll mit Blumen aufgestutzt,
Schwankt auf dem Wirbelbein in kraftlos matter Schwere,
- O Zauber eines Nichts, voll Wahnsinn aufgeputzt!

Gar manche werden dich ein tolles Zerrbild nennen,
Die nur vom Fleisch berauscht, der Schönheit nicht bewusst
Des menschlichen Gebeins, und seinen Reiz nicht kennen.
Mir, herrliches Skelett, gibst du höchste Lust.

Flohst, fratzenhaft Gebild’, du deine trübe Sippe,
Zu stören unser Fest? Spornt aller Wünsche Gier
Noch immer dich und stößt dein lebendes Gerippe,
Leichtgläubige, zum Rausch des Freudensabbats hier?

Hoffst du beim Geigenklang, beim Flackerlicht der Kerzen
Dem Alpdruck zu entflieh’n und bittrer Träume Qual?
Hoffst du der Hölle Brand zu kühlen dir im Herzen
Im Wirbelsturm der Lust beim tollen Bacchanal?

O Bronnen unerschöpft des Lasters und des Leides!
Der Narrheit alter Quell, an Reinheit unerreicht!
Noch immer sehe ich durchs Gitterwerk des Kleides
Die alte Schlange, die den Busen dir umschleicht.

Doch fürcht’ ich, dass dein Reiz, die Wahrheit zu gestehen,
Den Preis nicht findet, wert so vieler Müh’ und List;
Wer von den Sterblichen wird deinen Scherz verstehen?
Des Schauders Rausch liebt nur, wer starken Geistes ist.

Der Abgrund deines Blicks voll fürchterlichem Grauen
Haucht tollen Wahnsinn aus. Und, welchen du gewinnst,
Ein jeder Tänzer wird voll wilden Ekels schauen
Das ewige Lächeln, das aus deinen Zahnreih’n grinst.

Doch wessen Arm umschlang nicht liebend schon Skelette?
Wer naschte nie am Tod, hat nie im Graun gewühlt?
Was kümmert mich Geruch, was Antlitz und Toilette?
Wer sich geekelt zeigt, zeigt, dass er schön sich fühlt.

Tänzerin nasenlos, du hohle Holde, winke
Der Tänzer Schar heran und sprich, wenn sie sich ziert:
„Ihr stolzen Liebchen, trotz des Puders und der Schminke
Haucht Grabesdunst ihr aus! Skelette parfümiert,

Verwelkte Gecken ihr und greisenhafte Junge,
Du übermalt’ Gebein, du altersgrauer Fant,
Des Weltalls Totentanz mit ungeheurem Schwunge
Er reißt auch euch hinweg zu Stätten nie gekannt.

Am kalten Seinestrand, an heißen Gangeswellen
Spreizt sich die Menschheit stolz und fühlt und ahnt es nicht,
Dass das Gewölk schon klafft, dass die Posaunen gellen,
Der finstre Engel ruft zum letzten Weltgericht.

Wo deine Sonne scheint, wird dich der Tod umgirren,
Lächerlich Menschenvolk, in deiner Raserei,
Oft salbt er sich wie du den Leib mit duftigen Myrrhen
Und mischt so seinen Hohn noch deinen Wahnsinn bei.“

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Volltext (französisch)

 

1 - Le Vampire

Toi qui, comme un coup de couteau,
Dans mon coeur plaintif es entrée;
Toi qui, forte comme un troupeau
De démons, vins, folle et parée,

De mon esprit humilié
Faire ton lit et ton domaine;
- Infâme à qui je suis lié
Comme le forçat à la chaîne,

Comme au jeu le joueur têtu,
Comme à la bouteille l'ivrogne,
Comme aux vermines la charogne
- Maudite, maudite sois-tu!

J'ai prié le glaive rapide
De conquérir ma liberté,
Et j'ai dit au poison perfide
De secourir ma lâcheté.

Hélas! le poison et le glaive
M'ont pris en dédain et m'ont dit:
«Tu n'es pas digne qu'on t'enlève
À ton esclavage maudit,

Imbécile! - de son empire
Si nos efforts te délivraient,
Tes baisers ressusciteraient
Le cadavre de ton vampire!»

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2 - Les Metamorphoses Du Vampire

La femme cependant de sa bouche de fraise,
En se tordant ainsi qu'un serpent sur la braise,
Et pétrissant ses seins sur le fer de son busc,
Laissait couler ces mots tout imprégnés de musc:
- «Moi, j'ai la lèvre humide, et je sais la science
De perdre au fond d'un lit l'antique conscience.
Je sèche tous les pleurs sur mes seins triomphants
Et fais rire les vieux du rire des enfants.
Je remplace, pour qui me voit nue et sans voiles,
La lune, le soleil, le ciel et les étoiles!
Je suis, mon cher savant, si docte aux voluptés,
Lorsque j'étouffe un homme en mes bras veloutés,
Ou lorsque j'abandonne aux morsures mon buste,
Timide et libertine, et fragile et robuste,
Que sur ces matelas qui se pâme d'émoi
Les Anges impuissants se damneraient pour moi!»

Quand elle eut de mes os sucé toute la moelle,
Et que languissamment je me tournai vers elle
Pour lui rendre un baiser d'amour, je ne vis plus
Qu'une outre aux flancs gluants, toute pleine de pus!
Je fermai les deux yeux dans ma froide épouvante,
Et, quand je les rouvris à la clarté vivante,
A mes côtés, au lieu du mannequin puissant
Qui semblait avoir fait provision de sang,
Tremblaient confusément des débris de squelette,
Qui d'eux-mêmes rendaient le cri d'une girouette
Ou d'une enseigne, au bout d'une tringle de fer,
Que balance le vent pendant les nuits d'hiver.

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3 - Dance Macabre
A Ernest Christophe

Fière, autant qu'un vivant, de sa noble stature,
Avec son gros bouquet, son mouchoir et ses gants,
Elle a la nonchalance et la désinvolture
D'une coquette maigre aux airs extravagants.

Vit-on jamais au bal une taille plus mince?
Sa robe exagérée, en sa royale ampleur,
S'écroule abondamment sur un pied sec que pince
Un soulier pomponné, joli comme une fleur.

La ruche qui se joue au bord des clavicules,
Comme un ruisseau lascif qui se frotte au rocher,
Défend pudiquement des lazzi ridicules
Les funèbres appas qu'elle tient à cacher.

Ses yeux profonds sont faits de vide et de ténèbres
Et son crâne, de fleurs artistement coiffé,
Oscille mollement sur ses frêles vertèbres.
- O charme d'un néant follement attifé!

Aucuns t'appelleront une caricature,
Qui ne comprennent pas, amants ivres de chair,
L'élégance sans nom de l'humaine armature.
Tu réponds, grand squelette, à mon goût le plus cher!

Viens-tu troubler, avec ta puissante grimace,
La fête de la Vie? ou quelque vieux désir,
Eperonnant encor ta vivante carcasse,
Te pousse-t-il, crédule, au sabbat du Plaisir?

Au chant des violons, aux flammes des bougies,
Espères-tu chasser ton cauchemar moqueur,
Et viens-tu demander au torrent des orgies
De refraîchir l'enfer allumé dans ton cœur?

Inépuisable puits de sottise et de fautes!
De l'antique douleur éternel alambic!
A travers le treillis recourbé de tes côtes
Je vois, errant encor, l'insatiable aspic.

Pour dire vrai, je crains que ta coquetterie
Ne trouve pas un prix digne de ses efforts:
Qui, de ces cœurs mortels, entend la raillerie?
Les charmes de l'horreur n'enivrent que les forts.

Le gouffre de tes yeux, plein d'horribles pensées,
Exalte le vertige, et les danseurs prudents
Ne contempleront pas sans d'amères nausées
Le sourire éternel de tes trente-deux dents.

Pourtant, qui n'a serré dans ses bras un squelette,
Et qui ne s'est nourri des choses du tombeau?
Qu'importé le parfum, l'habit ou la toilette?
Qui fait le dégoûté montre qu'il se croit beau.

Bayadère sans nez, irrésistible gouge,
Dis donc à ces danseurs qui font les offusqués:
«Fiers mignons, malgré l'art des poudres et du rouge,
Vous sentez tous la mort! O squelettes musqués,

Antinoüs flétris, dandys à face glabre,
Cadavres vernissés, lovelaces chenus,
Le branle universel de la danse macabre
Vous entraîne en des lieux qui ne sont pas connus!

Des quais froids de la Seine aux bords brûlants du Gange,
Le troupeau mortel saute et se pâme, sans voir
Dans un trou du plafond la trompette de l'Ange
Sinistrement béante ainsi qu'un tromblon noir.

En tout climat, sous ton soleil, la Mort t'admire
En tes contorsions, risible Humanité,
Et souvent, comme toi, se parfumant de myrrhe,
Mêle son ironie à ton insanité!»

 

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Autor

Charles-Pierre Baudelaire - Geb. 9. April 1821, gest. 31. Aug. 1867. Baudelaire gilt heute als einer der größten Dichter Frankreichs. Er führte ein unstetes, zügelloses Leben, erkrankte an Syphilis und erlitt wahrscheinlich ausgelöst durch seine Drogenexzesse im März 1866 einen Schlaganfall von dem er sich nicht mehr erholte. Sein Tod erfolgte im Jahr darauf. ER übersetzte als Erster Edgar Allan Poe in das Französische.

Übersetzung: Terese Robinson (1925).

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Buchgalerie

 

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weiterführende Links

Der Vampir erschienen u.a. auch in: Dracula - Mythen und Wahrheiten / Von denen Vampiren oder Menschensaugern / Von Fledermäusen und Vampiren

Die Verwandlung des Vampirs erschienen u.a. auch in: Dracula - Mythen und Wahrheiten / Von denen Vampiren oder Menschensaugern

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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