DIE BESCHWÖRUNG

Heinrich Heine

1844

 

erschienen in: Heinrich Heine: "Neue Gedichte"
Hoffmann und Campe, Hamburg,
1844

bibliothèque: Auch wenn hier nicht eindeutig von Vampiren die Rede ist, so kann diese Totenbelebung doch durchaus in der Nähe der Vampirliteratur verbleiben. Nicht wenig nachfolgende Autoren, bedienten sich des hier skizzierten Bildes und bauten es in ihren Vampirmythen aus. (2006)

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Volltext

Der junge Franziskaner sitzt
einsam in der Klosterzelle,
er liest im alten Zauberbuch,
genannt den Zwang der Hölle.

Und als die Mitternachtsstunde schlug,
da konnt' er nicht länger sich halten,
mit bleichen Lippen ruft er an
die Unterweltsgewalten.

Ihr Geister! Holt mir aus dem Grab
die Leiche der schönsten Frauen,
belebt sie mir für diese Nacht,
ich will mich daran erbauen.

Er spricht das grause Beschwörungswort,
da wird sein Wunsch erfüllet,
die arme verstorbene Schönheit kommt,
in weißen Laken gehüllet.

Ihr Blick ist traurig. Aus kalter Brust
die schmerzlichen Seufzer steigen.
Die Tote setzt sich zu dem Mönch,
sie schauen sich an - und schweigen.

Autor

Heinrich Heine - 1797 bis 1856. Deutscher Dichter und einer der größten und berühmtesten Vertreter der deutschen Romantik, beschäftigte sich thematisch darüber hinaus von Regimekritik über zeitgenössische Satire bis zu tiefer Religiosität. Verließ 1831 Deutschland, der Zensur überdrüssig, nach Frankreich. Dort starb er (vermutlich) an Bleivergiftung.

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weiterführende Links

erschienen u.a. in: Von denen Vampiren oder Menschensaugern - Dieter Sturm / Klaus Völker - 1968

mehr vom selben Autor: Helena - in: Neue Gedichte - 1852

Dunkle Kulturgeschichte - Sammlung Nicolaus Equiamicus in der bibliothèque des vampires

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