bibliothèque des vampires : Literatur   

Werner

Friedrich Gerstäcker - ca. 1859

 aka: Das rote Haus

bibliothèque: Ein junger Maler verliebt sich die geisterhafte Agnes, die - seit mehr als hundert Jahren tot - sein Werben erst erhört, als er der Seligkeit entsagt.
Nach Einschätzung der 'bibliothèque des vampires' handelt es sich bei dieser, durchaus schönen, Erzählung eher um eine Spuk-/Geister-/Gespenstergeschichte. Doch die Übergänge der Interpretation sind zuweilen fließend, und so wurde auch Gerstäckers "Werner" spätestens Anfang des 20. Jahrhunderts in den Kanon der Vampirgeschichten aufgenommen. Um dies zu untermauern, wurde die Erzählung unter dem neuen Titel "Das rote Haus" veröffentlicht und "nicht unwesentlich verändert, um das Wilde und Lebenzerstörerische, das gerade den Vampyrgeschichten eignet, stärker herauszuarbeiten" (Benno Diederich, 1927). Damit reiht sich die Geschichte in die breite Diskussion um die "richtige" Schublade ein, wie es beispielsweise auch Maupassant's "Der Horla", Goethe's "Braut von Korinth", Turgenjew's "Gespenster", Arnim/Brentano's "Der Scheintod" oder Poe's "Ligeia" (um nur wenige zu nennen) trifft.
(2016)

Benno Diederich: »Das rote Haus« gehört zu den Vampyrgeschichten, wie Goethe eine in seiner Ballade »Die Braut von Korinth« alles Grausigen entkleidet und zu den Höhen rein menschlicher Schicksalhaftigkeit erschütternd erhoben hat. – Vampyr ist ein slawisches Wort, bedeutet Blutsauger und ist der Name für Verstorbene, die nachts ihrem Grabe entsteigen und besonders jungen Leuten beiderlei Geschlechts das Blut aussaugen. Man schützt sich dadurch, daß man Türen und Fenster der Häuser mit blutigen Kreuzen beschmiert. Das Grab eines Vampyrs ist an einem matten Lichtschein darüber kenntlich oder daran, daß ein Hengst, der noch keinen Reiter getragen, nächtlicher Weile von einem Knaben über den Kirchhof geführt vor dem Grabe scheut; öffnet man es, so liegt der Tote darin, frisch und rosig wie einer, der sich nach einer guten Mahlzeit zur Ruhe gelegt hat, und man hört und sieht ihn schmatzen; unschädlich gemacht und endgültig getötet wird er, indem man ihm einen angeglühten spitzen Pfahl in das Herz stößt. Der unheimliche Volksglaube ist außer bei den Griechen besonders bei den Slawen verbreitet, deren Literatur von ihm Geschichten erzählt, seltsam gemischt aus sinnlicher Sehnsucht und gespenstischem Entsetzen. – Beides gibt Gerstäckers »Das rote Haus« gut wieder. Wie der Titel, der ursprünglich »Werner« lautet, ist auch der Text nicht unwesentlich verändert, um das Wilde und Lebenzerstörerische, das gerade den Vampyrgeschichten eignet, stärker herauszuarbeiten; erst durch diese Kürzungen hat die Erzählung [...] künstlerischen Wert erhalten und ihre dramatische Schlagkraft voll ausgewirkt. (1927, in: Der Untergang der Carnatic. Spukgeschichten)

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Volltext

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Es ist eine wunderbare Sache um den Geist des Menschen, und unergründet wie das Meer liegen die Geheimnisse seiner Tiefe vor uns in dunkler Nacht.

Wir nennen das Auge den Spiegel der Seele und vermeinen in seinem klaren Stern das Bild zu lesen, das da unten verborgen ruht; aber arme, kurzsichtige Sterbliche, die wir sind - nur raten und vermuten können wir. Ungelöst wie je liegt hinter dem wunderbaren Kristall eine zauberreiche, märchenhafte Welt, die wir nicht einmal in uns selbst zu ergründen vermögen, viel weniger in einem andern fremden Blick.

Wer kennt die Grenzen, die Phantasie und Wahnsinn voneinander trennen? wer enträtselt uns den Traum, ja die Erinnerung selbst, die in der weichen Waffe des Gehirns Millionen Bilder aufgeschichtet hat und oft wie spielend Jahre weites Leben vor unserem innern Blick mit einem Wurf entrollt? Wir grübeln wohl darüber und kombinieren, und hier und da gibt uns auch wohl ein Gelehrter ein vollständiges System über das, was er weiß und was er nicht weiß - aber gelöst hat noch niemand die Frage, noch nie einen Blick in das geheimnisvolle Walten dieser rätselhaften Kraft und Welt getan. Nur ihre Wirkungen sehen wir; ihre Ursachen bleiben uns ein verschlossenes Buch.

Wohl machen wir uns die Kräfte der Natur mit jedem Tag mehr dienstbar und lernen ihr eigentliches Wesen mehr verstehen; aber während sich unser Blick in dieser Richtung hellt, erkennen wir doch auch immer mehr, dass es eben einzig und allein die äußere Schale ist, die wir uns bloßgelegt. Je mehr wir lernen, desto mehr sehen wir ein, wie wenig wir noch wissen, und wir stehen schwindelnd vor dem Raum, der uns von dem Unendlichen trennt.

Mit unseren Teleskopen haben wir Welten im Himmelsraum - mit unseren Mikroskopen ein bis dahin ungeachtetes Leben in allem, was uns hier umgibt, entdeckt, und immer mehr drängt sich uns dabei die Überzeugung auf, dass keine Stelle, kein Punkt im weiten Weltenbau vergebens existiere oder brachliegen könne und dürfe.

Nur das geistige Wesen, das uns umgibt, blieb bis jetzt unseren schärfsten Forschungen verborgen, und doch - wer darf es leugnen? - zwingt sich uns die Überzeugung auf, dass auch im weiten Ätherraume ein luftig Heer sein Wesen treibt. Mögen unsere Sinne zu grob sein, es zu erfassen, zu verstehen, ja nur zu erkennen; ein Etwas in unserer Brust sagt uns, dass mehr als bloße Luft zum Atmen uns umschließt. Wir ahnen eine andere Welt, wenn wir sie auch nicht ergründen, sie unserem Blick noch nicht erschließen können, und je geheimnisvoller sie uns entgegentritt, desto stärker reizt sie, lockt sie uns.

Selbst unser Glaube steht damit im Bunde. Es widerstreitet unserem Herzen wie Verstand, dass wir, mit solch geistig Fähigkeiten ausgestattete Wesen, zu weiter nichts geboren sein sollen als nur, wenn wir einst sterben, den Erdboden, der uns getragen, mit unseren Leibern wieder zu düngen. Der Geist, der in uns wohnt, kann nicht so plötzlich  untergehen. Und wenn das ist, wenn es ein Fortleben für ihn gibt, wie wir fest glauben und hoffen, sollte er sich dann so leicht von allem, was er früher auf diesem Erdenball geliebt, trennen und es meiden können, nie mehr zurückzukehren?

Des Volkes Stimme sagt: Nein. Seine Ahnungen, seine wunderbar schönen und duftigen Sagen von Schutzgeistern und Engeln, die der Kinder Welt bewachen und auch dem guten Menschen schützend zur  Seite stehen, sie alle sprechen die feste Überzeugung einer näheren, innigeren Verbindung mit jener geheimnisvollen Welt aus. Wenn die  Toten um zwölf Uhr Nachts ihr stilles Kämmerchen verlassen und die Wohnungen ihrer Lieben wieder aufsuchen, geschieht das, diesen Sagen nach, nicht, um Schrecken und Entsetzen dort zu verbreiten. Ungesehen, nur vielleicht geahnt, umschweben sie die alten lieben Plätze, warnen vor bevorstehendem Liede und kehren um ein Uhr traurig in ihre einsame kalte Zelle, die Gruft, zurück.

Dem Menschenauge sind sie freilich nicht sichtbar, nur einzelne Bevorzugte hat der Volksglauben dazu ausersehen, die dann und wann ein solch umherstreifendes Nebelkind erschauen und ihm begegnen dürfen. Es sind das die sogenannten Sonntagskinder. Ihrem Blick allein enthüllt sich jene fremde, geisterhafte Welt, mit der sie, selber sterblich, in oft gar unwillkommene, selten gesuchte Verbindung treten. Vor ihren helleren Augen huschen sie vorüber, die unheimlichen Schatten. Für sie hat das Heulen des Sturmes, das Rauschen des Waldes Sprache. Ihnen erzählt der plätschernde Quell die Märchen seiner Geburt und singt der Vogel in allen Zweigen verständlich sei leise klagendes Lied. Und kann sie das dafür entschädigen, dass ihre Mitmenschen, ungläubig und verblendet, sie oft nur für Wahnsinnige halten, und überspannter, krankhaft erregter Phantasie allein das zuschreiben, was sie vielleicht in Wirklichkeit umgibt? - Wir wissen es nicht. Aber ihr Los ist kein beneidenswertes, denn an den Körper noch gebunden, mit allen Schwächen und Gebrechen menschlicher Natur, gehört ihr Geist doch einer andern Welt, und wir begreifen weder sie noch ihn.
 

Es war im Herbst des Jahres 1851, dass ein leichter Reisewagen durch das Tor der alten Stadt M. rasselte und in die zum Markt führende Straße einbog. Zwei junge Männer saßen darin, die eben von einem Ausflug in die nicht weit entfernten Gebirge zurückkehrten und beide, mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, auf das rege Leben und Treiben um sich her schauten. Stach es doch gar so eigen und auffallend gegen das fast heilige Stillleben in den gewaltigen Bergesschluchten ab, die sie soeben erst verlassen. Es waren zwei Maler, die ihre Mappen mit reichen Skizzen und Studien gefüllt hatten, um im Winter das im ruhigen Atelier auszuarbeiten, was ihnen der Sommer auf Joch und Bergeshang, in Tal und Schlucht, am Seegestade und im weiten Moor mit freigiebiger Pracht geboten.

"Sieh dort, Gerhard", sagte jetzt plötzlich der eine von ihnen, ein junger schlanker Mann mit rabenschwarzem Haar und leichtem, zart gekraustem Bart, mit großen dunkeln sprechenden Augen und zwar etwas bleichen, aber belebten Zügen, indem er rasch des Freundes Arm ergriff und auf die Seite der Straße deutete, auf der er saß. "Wahrhaftig, da ist sie wieder! Merkwürdig bleibt es doch, dass mir, sooft ich nun auch in das alte M. hineingegangen oder -gefahren bin, jedes Mal, wenn ich von einem längeren Ausflug zurückkehrte, jenes schöne Mädchenbild da drüben zuerst begegnete."
"Welches?" fragte sein Begleiter. "Die dicke Dame dort im braunen Kleide?"
"Oh bewahre! Jene schlanke Gestalt in der schwarzen Mantille."
"In der schwarzen Mantille?" fragte Gerhard, indem er sich weiter  vorbog, um aus dem rasch vorüberfahrenden Wagen noch einen Blick auf die bezeichnete Dame zu gewinnen. Aber er konnte sie nicht mehr finden, und das Fuhrwerk bog in diesem Augenblick nach der entgegengesetzten Seite um die Ecke des Marktplatzes.
"Ich habe in meinem Leben keine tiefdunkleren Augen gesehen", sagte Werner, der, als die Fremde seinem Blick entzogen war, sich in seine Ecke zurückwarf, "und mir ist jedes Mal, wenn ich ihnen begegne, als ob sie mir Feuer ins Herz hineinbrennten."
"Dann nimm dein Herz vor der Glut in acht", lachte Gerhard, "aber wer ist sie? Hast du es nie erfahren können?"
"Nie, und sonderbarerweise habe ich sie auch selbst bei jahrelangem Aufenthalt in M. nie getroffen. Nur wenn ich, wie heute, eine Zeitlang entfernt gewesen, traf ich sie regelmäßig bei meinem ersten Einfahren in die Stadt."

"Du machst mich ja neugierig", lächelte Gerhard, "dass ich deine unbekannte und rätselhafte Schöne ebenfalls von Angesicht zu Angesicht kennenlernen möchte, und je eher, desto besser. - Halt, Kutscher! Wir wollen hier aussteigen" rief er rasch, indem er die Schulter des auf dem Bock sitzenden Führers berührte, "fahre nur langsam zum Grünen Baum und warte dort auf uns, wir kommen gleich nach."
"Was willst du tun?" fragte ihn Werner erstaunt.
"Was ich tun will?" lachte Gerhard, indem er aus dem Wagen sprang. "Deiner geheimnisvollen Donna, wenn irgend möglich, begegnen, da man ihrer sonst, wie es scheint, nicht habhaft wird. Sie muss jetzt etwa gerade den Markt erreicht haben, und wenn wir die kurze Strecke zurückgehen, werden wir sie leicht finden." Werner folgte, ohne ein Wort weiter zu erwidern, dem Freund, und die beiden jungen Männer schritten Arm in Arm rasch den Weg zurück, den sie eben gekommen waren. Obgleich sie aber beide ihre forschenden Blicke nach rechts und links schweifen ließen, war die Fremde nirgends mehr zu erkennen. Sie musste irgendwo in ein Haus getreten sein. Allerdings suchten sie noch sämtliche Läden in der Nachbarschaft ab, aber auch das vergebens, und so schritten sie endlich langsam dem Gasthof zu, vor dem ihr Kutscher sie erwarten sollte.
"Deine schwarze Dame scheint durch eine Versenkung abgegangen zu sein," sagte Gerhard.
"Möglich, dass sie in der Nähe wohnt", erwiderte Werner, "aber was hätte uns auch ein zweites Begegnen geholfen? Wir durften sie doch nicht anreden."
"Für mich wäre es aber ein erstes Begegnen gewesen", lacht der Freund, "denn trotz deiner Beschreibung habe ich vorher auf dem ganzen Trottoir keine ähnliche Gestalt erkennen können. Doch wir finden sie vielleicht ein ander Mal, und wohnt sie in der Nähe, so hat sie wohl gar aus dem Fenster unser eifriges Suchen beobachtet: eine stille Huldigung, die jeder jungen Dame angenehm sein muss." Die Sorge um ihr Gepäck wie das Aufsuchen eines passenden Quartiers, mit der Übersiedlung dorthin, nahm von jetzt ab ihre Aufmerksamkeit so in Anspruch, dass selbst Werner die schöne Unbekannte vergaß, aber wenn er jäh einmal einer ähnlichen Gestalt auf der Straße begegnete, die ihm jenes Bild wieder ins Gedächtnis rief, sich damit tröstete, sie im Laufe des Winters schon irgendwo zu treffen.

Der Winter verging aber, und trotzdem dass Werner manchen Ball besuchte und in den verschiedensten Gesellschaften ein oft und gern gesehener Gast war, traf er unter allen den jungen fröhlichen Mädchen nicht ein einziges Mal seine unbekannte Schöne. Auch dachte er in der Tat kaum mehr an sie. Das rege Treiben in der lebensfrohen Stadt brachte für ihn zu viel des Neuen und Interessanten, um einer flüchtigen Erscheinung aus früherer Zeit länger als dann und wann einmal mit einem ebenso flüchtigen Gedanken nachzuhängen. So kam das Frühjahr heran und mit ihm die Zeit, in der Werner M. wieder verlassen wollte. Er hatte eines Tages schon einige Abschiedsbesuche gemacht und den Abend in sehr angenehmer Gesellschaft zugebracht, aus der er ziemlich spät nach Hause zurückkehrte. Die Straßen waren still und öde, die Lampen schon längst ausgelöscht, und nur der Mond, der hell und voll am Himmel stand, warf seinen lichten Schein auf die eine Seite, so dass die andere in desto tieferem Dunkel lag. Werner wohnte in einem ziemlich entlegenen Teil der Stadt, und der Nachtwächter war die letzte Person, der er begegnete, als er plötzlich vor sich in dem vom Monde beschienenen Teil der Straße eine weibliche Gestalt bemerkte, die mit raschen Schritten denselben Weg zu verfolgen schien wie er. Mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, achtete er wenig darauf und hatte eine ziemliche Strecke lang etwa die gleiche Entfernung mit ihr gehalten, als vom andern Ende der Straße her ihnen lautes Lachen und Singen entgegenschallte und ein Trupp etwas angetrunkener Wirtshausgäste ein wenig übervergnügt den Weg herunterkam. Die Gestalt vor ihm blieb plötzlich zögernd stehen, als ob sie sich  fürchte, dem vielleicht rohen Schwarm allein zu begegnen, und schien auf die andere Seite der Straße gehen zu wollen. Aber auch dorthin zogen sich einzelne des Trupps. Während sie deshalb noch in Ungewissheit auf ihrem Platz verharrte, hatte sie Werner eingeholt.

Wenn es ihm auch auffiel, eine Dame zu so später Stunde noch allein auf der Straße zu treffen, ließ es seine Gutmütigkeit doch nicht zu, sie in Verlegenheit zu lassen, und er sagte artig:
"Sie scheinen die dort nahende, etwas zu lustige Schar zu fürchten. Wenn Sie mir erlauben, werde ich Sie hindurchgeleiten." Die Fremde wandte ihm ihr Antlitz zu, das der Mond in diesem Augenblick hell und klar beschien, und wie ein Schlag zuckte es durch Werners Körper, als er sich den dunklen, rätselhaften Augen seiner Unbekannten dicht gegenüber sah.
"Ich danke Ihnen", sagte die Fremde mit leiser, weicher Stimme, die alle Fibern seines Herzens erbeben machte; "ich fürchte allerdings jenen Leuten zu begegnen und nehme Ihre Begleitung an." Werner, er wusste selber nicht weshalb, brachte keine Silbe mehr über die Lippen, und kaum wissend, was er tat, bot er der schönen Unbekannten seinen Arm. Diese aber wich wie scheu der Berührung aus, wickelte sich fester in ihre Mantille und schritt still und schweigsam neben ihm her die Straße entlang.

Kein Wort wurde zwischen ihnen gewechselt, bis sie die Trunkenen lange hinter sich hatten, und nur manchmal warf Werner einen scheuen, forschenden Blick auf seine Begleiterin, die mit lautlosem Schritt neben ihm herging. Da plötzlich wandte sich diese wieder gegen ihn und sagte freundlich:
"Ich danke Ihnen herzlich; ich habe nichts mehr für meine Sicherheit zu fürchten. Die Straßen sind still und leer, und ich möchte Sie nicht weiter bemühen, denn meine Wohnung liegt noch fern."
"Soviel mehr Grund für mich, Sie noch nicht zu verlassen", sagte da Werner, mit Gewalt das Gefühl niederkämpfend, das ihn bis dahin befangen gemacht und wirklich eingeschüchtert hatte. "Ein Spaziergang in dieser wunderbar schönen mondhellen Nacht ist an und für sich ein Genuss, wie viel mehr, wenn -" Er stockte plötzlich, denn die Augen des Mädchens hafteten so ernst, so strafend auf den seinen, dass er fast erschreckt inne hielt, und schweigend wanderten beide wieder eine lange Strecke nebeneinander hin. Eben dies Schweigen wurde aber zuletzt Werner so peinlich, dass er es unter jeder Bedingung zu brechen suchte und das Gespräch entschlossen wieder aufnahm.
"Wahrscheinlich", begann er, "bin ich Ihnen, mein Fräulein, ein vollkommen Fremder, den Sie im Leben nicht gesehen zu haben glauben, und doch muss ich Sie fast wie eine alte Bekannte begrüßen." Die junge Dame antwortete nicht und sah nur wie fragend zu ihm auf.
"Oft bin ich schon", fuhr Werner lächelnd fort, "nach M. gekommen, aber jedes Mal, durch welches Tor auch immer ich einfuhr, begegnete ich Ihnen, freilich ohne später, selbst bei dem längsten Aufenthalt in der Stadt, auch nur ein einziges Mal imstande zu sein, Sie wieder anzutreffen. Heut Abend ist es das erste Mal, dass mir dies Glück zuteil wird, und Sie müssen mir also die Freude darüber zugute halten."
"das Glück?" wiederholte leicht und fast wie schmerzlich das junge Mädchen.
"Und dürfen wir das nicht ein Glück nennen, wenn uns ein Lieblingswunsch endlich, und noch dazu auf so angenehme Art erfüllt wird? War ich doch gleich imstande, Ihnen einen, wenn auch sehr geringen und unbedeutenden Dienst zu leisten." Die Fremde schüttelte langsam den Kopf, und Werner fuhr wärmer fort:
"Sie halten mich vielleicht, meinen Worten nach, für einen jener faden Gesellen, die dem schönen Geschlechte gegenüber stets nichtssagende Schmeicheleien auf den Lippen haben. Ich gehöre nicht zu ihnen, und wenn ich auch selber nicht begreife, was dies Gefühl in mir hervorgerufen, so gebe ich Ihnen mein Wort, dass mir nichts in der Welt eine größere Freude machen würde, als Ihnen wirklich einmal einen Dienst zu leisten."
"Und wenn ich Sie beim Wort nähme", sagte mit fast traurigem Kopfschütteln die Fremde, "würden Sie ein so leichtsinnig gegebenes Versprechen sicherlich bereuen."
"Stellen Sie mich auf die Probe!" rief Werner rasch, und wieder schrak er zusammen, denn wiederum traf ihn jener unsagbare, fast unheimliche Blick des Mädchens, der sich ihm bis in die Seele bohrte.
"Ihr Menschen seid euch doch alle gleich!" sagte die Fremde ruhig, indem sie wieder mit gesenktem Haupt neben ihm hinschritt. "Pläne, Hoffungen, Träume füllen euer Herz bis zum Rande, und der gute Keim, der in euch liegt, dünkt sich mächtig genug, eine Welt zu tragen und Zeit und Raum zu besiegen. Ihr wisst nie, wie weit eure Kräfte reichen und wo euch die Natur die Schranke setzt."
"Und doch", rief Werner begeistert, "gelingt dem festen Willen des Mannes vieles, was beim ersten Anblick seine Kräfte zu übersteigen scheint." Seine Begleiterin antwortete ihm nicht auf die Bemerkung; sie streckte nur die Hand gegen das Gebäude aus, an dem sie hinschritten, und sagte leise:
"Wir sind am Ziel!" Zugleich ergriff sie einen eisernen Ring, der ziemlich tief neben der gewölbten Tür hing, und zog daran. Im Innern tönte eine laut dröhnende, lang nachhallende Glocke ihren lauten mahnenden Ton; dann flog die Tür wie durch einen Federdruck auf und gestattete einen Blick in den düstern Vorsaal, in dem der Mond, vielleicht durch ein hinteres Fenster, sein mattes, ungewisses Licht warf.
"Ich danke Ihnen", sagte die junge Dame freundlich gegen Werner.
"Und darf ich Sie nicht wiedersehen?" fragte der junge Mann, indem ein eigenes schmerzliches Gefühl sein Herz durchzuckte. "Soll ich - doch ich fühle, dass es unrecht von mir wäre, Sie zu drängen. Ihrem eigenen Ermessen sei dies anheimgestellt."
"Vielleicht, wenn Sie wieder nach M. kommen", lächelte die Fremde und verschwand in der Tür, die sich so rasch hinter ihr schloss, als ob sie nie geöffnet gewesen wäre.

Werner stand allein vor dem Haus, und wie ein Traum war das Ganze an ihm vorübergegangen. Er hatte die Fremde nach ihrem Namen fragen, er hatte ihr sagen wollen, dass er morgen schon die Stadt verlasse, vielleicht erst nach langer Zeit daher zurückkehre, er hatte alles in der Nähe der lieblichen Erscheinung vergessen, und nur die Erinnerung an den Blick, der ihm so sonderbar das Herz getroffen, war ihm geblieben. Auch die Gegend der Stadt, in der er sich befand, war ihm vollkommen fremd; hatte doch die Nähe des wunderbaren Wesens seine Sinne so gefangen gehalten, dass er ihr fast willenlos folgte und weder auf Straße noch Richtung achtete. Er musste sich jedenfalls an der äußersten Grenze der Stadt befinden, wo schon die Gärten begannen; denn niedere Mauern zogen sich an der anderen Seite der Straße hin, und das Haus, vor dem er stand, was für ein altes wunderliches Gebäude war es doch! Oben der Giebel musste ganz unbewohnt sein, denn der Mondstrahl fiel durch Dach und offene Fenster, und die wettergraue Wand sah in dem düstern Schatten, vom Mondlicht nicht ereicht, schwarz und drohend aus. Die unteren Fenster waren mit hölzernen Läden geschlossen, zwei ausgenommen, die starke Eisenstäbe schützten, und nur der erste Stock schien bewohnt zu sein oder wenigstens bewohnbar, soweit sich das nämlich in der Nacht und Dunkelheit erkennen ließ. - Und doch, wie unheimlich und verlassen sah das Ganze wieder aus! War es am Ende nur ein Durchhaus - ein Eingang zu den dahinterliegenden Gärten, an dessen anderem Ende vielleicht die Fremde ihre Wohnung hatte? - Aber nein, dort im ersten Stock zeigte sich plötzlich hinter den lichtverhangenen Fenstern Licht. Ein kleiner Balkon führte da auf die Straße hinaus. Jetzt verschwand das Licht wieder, und nun blieb alles dunkel.

Der Platz kam dem jungen Fremden noch einmal so öde vor als vorher. Kopfschüttelnd und die Arme verschränkt blieb er noch viele Minuten lang an derselben Stelle stehen, wo ihn die Fremde verlassen hatte, als sein Auge plötzlich auf einen blinkenden Gegenstand vor ihm auf dem Trottoir fiel. Er bückte sich danach, hob es auf und fand, dass es ein schmaler goldener Reif sei, den niemand anderes als eine Unbekannte verloren haben konnte. Schon streckte er den Arm nach dem Klingelzug aus, einen Diener herbeizurufen und ihm das Gefundene einzuhändigen, aber zugleich durchzuckte ihn auch der Gedanke, dadurch auf morgen einen Anknüpfungspunkt mit der Fremden und wenigstens eine Entschuldigung zu haben, sie zu besuchen. Rasch schob er deshalb den schmalen goldenen Reif in seine Brusttasche, als plötzlich, nur wenige Schritte von ihm entfernt, aus einem der dunkeln vergitterten Fenster ein heiseres Lachen heraustönte und ihn, so wenig er sonst Furcht kannte, doch wie mit eisigem Schauer durchrieselte. Erschreckt sah er sich nach den unheimlichen Tönen um, und es war ihm fast, als ob er hinter dem Gitter die verzerrten Züge eines menschlichen Angesichts gewahrte. Mehr sah er nicht, denn von einem sonderbaren Grauen getrieben floh er im nächsten Augenblick schon die Straße , die er vorher gekommen, wieder zurück und ließ das alte Gebäude mit dem unheimlichen Bewohner bald hinter sich. Als er den belebteren Teil der Stadt wieder erreichte, schlug es vom nahen Turm eins, und Werner merkte sich jetzt die Straßen wie die Richtung, von der er gekommen, um die Gegend am nächsten Morgen wiederzufinden. Er dachte gar nicht mehr an seine Abreise, bis er das Rätsel dieses Abends, das ihm Kopf und Herz erfüllte, gelöst haben würde.
 

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Vergebens aber suchte er die Ruhe auf seinem Lager. Wilde Träume neckten und peinigten ihn, und wieder und wieder schritt er mit dem schönen Mädchen durch die stillen mondbeschienenen Straßen der Stadt und hörte aufs neue das grausige heisre Lachen aus dem vergitterten dunkeln Raum heraus. Auch das Haus selber betrat er in seinem halb wachenden, halb träumenden Zustand und schritt an der Hand seiner schönen Begleiterin durch hohe gewölbte Zimmer und weite Säle über weiche Teppiche, auf denen er ihren leichten Gang so wenig hörte wie draußen auf dem harten Trottoir der Stadt. Aber was ihn dabei beängstigte, war, dass er im Mondschein draußen, wie unter den strahlenden Kronleuchtern hier, keinen Schatten der Geliebten erkennen konnte. Überall grinste ihn dabei ein Fratzengesicht mit schielendem Blick, narbenzerrissenen Zügen und wilden, struppigen Haaren bald aus einem Bild an der Wand, bald von einem geschnitzten Sims, bald aus einem kunstvoll gearbeiteten Muster des Teppichs entgegen, und jedes Mal, wenn er die Fremde nach jenem frug, dem diese Schreckenszüge gehörten, schallte jenes Lachen wieder in sein Ohr und trieb ihm den kalten Schweiß aus den Poren.

Mit wie im Fieber pochenden Schläfen und heftigem Kopfschmerz erwachte er endlich, und er war schon versucht, das Ganze, selbst sein wirkliches Erlebnis am gestrigen Abend, für einen tollen Traum zu halten, als sein Blick auf das auf dem Tisch liegende goldene Armband fiel. Ein Teil wenigstens war also doch Wahrheit, wenn auch seine erregte Fantasie das Ganze wunderlich genug sich ausgeschmückt. Durch seinen Fund aber konnte er sich auch Gewissheit verschaffen; er sprang also rasch von seinem Lager auf und kleidete sich an, fest entschlossen, noch an diesem Morgen die geheimnisvolle Fremde aufzusuchen. Während er eben seine Toilette, und mit mehr Sorgfalt als gewöhnlich, beendete, öffnete Gerhard die Tür und blieb erstaunt auf der Schwelle stehen, als er den noch offenen Koffer und die ordnungslos rings umhergestreuten Sachen und Kleidungsstücke erblickte.
"Was ist das?" rief er aus. "Du bist noch nicht einmal fertig mit Packen? Und in einer halben Stunde geht der Zug ab!"
"Ich reise nicht, Gerhard", sagte Werner entschlossen, "wenigstens heute nicht - vielleicht morgen - vielleicht übermorgen."
"Was ist da im Wind?" lachte der Freund. "Gefällt dir M. auf einmal wieder so ganz besonders oder - ist etwas vorgefallen?"
"Gerhard", antwortete Werner und sah dabei dem Freunde fest ins Auge, "ich - ich habe sie gesehen!"
"Sie? - Wen?" fragte dieser erstaunt, der die Einfahrt in M. lange vergessen hatte.
"Die Fremde."
"Welche Fremde?"
"Erinnerst du dich nicht mehr jener fremden Dame, die uns begegnete, als wir in M. einfuhren, und die wir damals nicht wiederfinden konnten?"
"Deine schwarze Dame?" lachte Gerhard. "Nicht übel! Und deshalb reist du nicht? - Desto besser, so behalten wir dich noch ein paar Tage hier. Es ist ja noch viel zu früh in der Jahreszeit, um wieder in die Berge hinauszusteigen. Was willst du oben allein im Schnee anfangen? Wo aber hast du deine Donna getroffen, und wann? Wetter noch einmal, Werner, da fällt mir eben ein, wir waren ja bis fast um zwölf Uhr gestern Abend beisammen, und da wusstest du noch kein Wort davon, und heute Morgen bist du doch noch nicht ausgewesen?"
"Nein, aber gestern Abend traf ich sie auf dem Heimweg."
"Um Mitternacht?" lachte Gerhard. "Das lass ich gelten! Wahrscheinlich wie sie in einem Wolkenwagen heimfuhr - oder hast du sie gar auf den Kirchhof begleitet? Um Mitternacht gehen doch sterbliche Damen nicht mehr in den Straßen spazieren."
"Ich kann dir deinen Scherz nicht übelnehmen", sagte Werner, "denn so unerklärlich, wie es dir scheint, war und ist mir das Ganze selber noch, obgleich doch alles mit sehr natürlichen Dingen zuging."
"So erzähle doch nur, um Gottes willen! Du spannst mich ja wahrhaftig auf die Folter. Bedenke dabei, dass ich nicht allein Maler, sondern auch teilweise Schriftsteller bin und dadurch wahrscheinlich Stoff für eine vortreffliche Erzählung bekomme."
"Für eine Einleitung wenigstens", sagte Werner, "denn mein ganzes Abenteuer ist bis jetzt noch weiter nichts. Aber du magst es mir durchführen helfen. Und nun höre, was ich selber darüber weiß."

Mit kurzen Worten gab Werner jetzt dem Freund Bericht über die Vorgänge des letzten Abends, von dem Augenblick an, wo er ihn verlassen und die junge Fremde getroffen. Gerhard, der sich dazu bequem auf das Sofa gelegt, horchte mit gespannter Aufmerksamkeit. Ihm entging dabei nicht die Aufregung, in der sich Werner befand. Seine Augen leuchteten während der Erzählung von einem fast unheimlichen Feuer, seine erst noch bleichen Wangen röteten sich und seine Stimme zitterte, als er das heisere Lachen erwähnte, das aus dem vergitterten Fenster heraus zu ihm gedrungen war. Erst aber als er auf das Armband kam, das noch immer auf dem Tische lag, sprang Gerhard in die Höhe und sagte:
"Gott sei Dank! Jetzt kommen wir doch endlich einmal zu einem Gegenstand, an den man sich halten kann. Geister haben keine goldenen Armbänder, und dein Ideal scheint also doch von Fleisch und Blut zu sein. - Hm, ein ganz einfacher altmodischer Reif, ohne das geringste Zeichen daran, ohne Chiffre oder Namenszug. - Doch - da ist etwas, das einem Buchstaben ähnlich sieht - ein A, wenn ich nicht irre. Sieh - hier gleich neben dem Schloss. Das freilich kann vieles heißen. - Nun, und was willst du jetzt tun?"
"Was ich tun will?" antwortete Werner rasch. "Es versteht sich von selbst, dass ich ihr heute morgen meinen Besuch mache und das verlorene Armband wiederbringe."
"Da begleite ich dich", rief Gerhard rasch entschlossen, "und wenn du mich auch wohl nicht gleich bei ihr einführen kannst, promeniere ich indessen in der Straße auf und ab. Nachher habe ich wenigstens den Vorteil, deine Schilderung ihrer Reize gleich aus erster Quelle und in dem vollen Feuer des ersten Eindrucks zu erhalten, und ich gebe dir im voraus das Versprechen, dir jede Silbe auch der allerexaltiertesten Schilderung glauben zu wollen. Mehr kannst du nicht verlangen. Und nun komm! Für eine Visite bei einer Dame ist es allerdings noch etwas zu früh, aber wir rekognoszieren indes die Gegend, denn deiner Erzählung nach liegt das Haus eine tüchtige Strecke von hier entfernt, und du scheinst mir außerdem nicht einmal recht zu wissen, in welcher Straße."

Zehn Minuten später etwa waren die beiden Freunde unterwegs und schritten Arm in Arm der von Werner bezeichneten Richtung zu. Die Straße, wo er sich gestern Abend zuerst nach der eigentlichen Richtung umgesehen und bei einem Nachtwächter sich danach erkundigt hatte, erreichten sie ohne Schwierigkeit. Hier aber musste er sich erst orientieren, und es war schon längst elft Uhr vorbei, als sie endlich den ziemlich breiten, nur mit einzelnen Häusern besetzten und an der einen Seite von niederen Gartenmauern begrenzten Weg erreichten, den Werner als den richtigen wiedererkannte.
"Also in der Gartenstraße!" sagte Gerhard. "Nun brauchen wir nur noch die Nummer zu erfahren, und wir sind in Ordnung. War es rechts oder links hinauf von hier?"
"Links - dort hinüber - ich erkenne jetzt auch die Straße mit ihrer runden Biegung wieder. Wenn wir noch eine Strecke weiter hin sind, werden wir das Haus an der rechten Seite liegen sehen."
"Vortrefflich! Also weiter, Kamerad. Wir haben eine schmähliche Zeit mit der Suche versäumt, und die Dame hat ihre Toilette wohl schon lange beendet - sie müsste denn heute nach dem gestrigen Nachtmarsche etwas länger als gewöhnlich geschlafen haben."

Werner verfolgte mit rascheren Schritten die Richtung, in der er das ersehnte Ziel wusste. Nur wenige hundert Schritte waren sie auch noch weitergegangen und, einzelne kleine Häuser passierend, zu einer ebensolchen Mauer wie an der andern Seite gekommen, die sich in einem weiten Bogen nach rechts hinüberzog, als Werner schon aus der Ferne das alte düstere Gebäude erkannte und seinen Begleiter darauf aufmerksam machte.
"In dem alten Steinhaufen wohnt deine Schöne?" lachte dieser. "Das muss ich sagen; im Innern mag es vielleicht recht hübsch und wohnlich eingerichtet sein, von außen sieht es aber gerade so aus, als ob es nur eben auf eine günstige Gelegenheit warte, seinen Insassen ohne weitere Warnung über dem Kopfe zusammenzubrechen." Werner erwiderte nichts hierauf, denn sie näherten sich jetzt dem Haus, und ihm selber kam das alte Gebäude gar wüst und verfallen vor.
"Das kann der Ort gar nicht sein", nahm Gerhard das Gespräch wieder auf. "Du musst dich in der Gegend irren."
"Und ich bin doch recht", rief Werner, indem er nach vorn deutete. "Erstlich erkenne ich jetzt das kleine helle viereckige Türmchen wieder, das dort an der andern Seite der Straße steht, und dann sind auch hier unten dieselben vergitterten Fenster. Auch der wettermorsche Giebel stimmt und der kleine Balkon -" Er brach plötzlich kurz ab, und Gerhard fühlte, wie er an seinem Arm zusammenschrak. In denselben Augenblick riss er auch seinen Hut ab und grüßte nach dem Hause hinauf. Gerhard tat allerdings dasselbe; obgleich er aber mit raschem Blicke sämtliche Fenster der ersten Etage überflog, konnte er kein einziges lebendes Wesen darin erkennen.
"Siehst du, dass ich recht hatte?" flüsterte ihm dann Werner zu, als sie an dem Haus vorüberschritten. "Hast du sie jetzt gesehen?"
"Hast du sie gesehen?" fragte Gerhard.
"Sie stand ja am Fenster."
"An welchem?"
"Nahe zum Balkon."
"Dann bin ich mit Blindheit geschlagen gewesen, denn ich habe mir halb die Augen ausgesehen und nicht das Mindeste entdecken können. Aber wo willst du denn hin? Ich denke, du wünschtest ihr das Armband zu überreichen?"
"Lass uns nur bis zur nächsten Ecke gehen und dann umkehren - mir schlägt das Herz wie ein Schmiedehammer in der Brust."
"Schön, aber das kann ich dir versichern, Werner, neugierig wäre ich wirklich, die Wohnung im Innern betrachten zu können. Meiner Meinung nach ist es gar nicht möglich, dass ein zivilisierter Mensch - viel weniger denn eine Dame - imstande ist, in der wettermüden Baracke zu existieren."

Schweigend gingen die beiden Freunde noch ein kurze Strecke nebeneinander hin, kehrten dann um und hatten nun, sich jetzt dicht an die Mauer haltend, das in der Tat entsetzlich verfallen aussehende Gebäude wieder erreicht. Werner erfasste hier ohne Zögern, und nur mit einem scheuen Blick nach dem vergitterten Fenster, den noch von gestern Abend im Gedächtnis behaltenen Klingelgriff und zog daran - aber der Draht war in der Hülse eingerostet und regte sich nicht, und als er mehr Kraft anwandte, riss das durch den Zahn der Zeit zerstörte Eisen und der Ring selber fiel klirrend zu Boden. Gerhard lachte.
"Da stehen wir nun vor deinem bezauberten Schlosse", sagte er leise, "das irgendein neidischer böser Geist in dieser Nacht in eine Ruine verwandelt hat. Sieh nur übrigens, Wie die Tür in ihren Angeln hängt, und in dem Nest sollte jemand wohnen? Höchstens würden es sich Zigeuner zu ihrem Aufenthalt wählen, und ich glaube wahrhaftig, dass selbst die Ratten schon den morschen Bau verlassen haben, wie sie ein Schiff auf offener See verlassen sollen, wenn es seinem Untergange nahe ist."
"Aber ich habe sie ja vorhin gesehen! Sie muss hier wohnen", rief Werner und pochte, fest entschlossen, sich Gewissheit zu verschaffen, an die Tür. Der Schall klang hohl im Innern wider, aber nichts regte sich - alles blieb totenstill.

Ein Vorübergehender blieb stehen und sah den beiden jungen Leuten zu.
"Sie machen sich da vergebens Arbeit", sagte er endlich. "In dem Haus wohnt niemand mehr, schon seit sechs oder sieben Jahren, und es soll auch jetzt, wenn sich ein Käufer dazu findet, aus freier Hand auf den Abbruch verkauft werden."
"Es wohnt niemand hier?" fragte Werner erstaunt. "Aber ich habe noch vor wenigen Minuten eine Dame dort am Fenster gesehen."
"Das ist möglich", erwiderte der Mann, "die ist dann jedenfalls durch die Hintertür und vom Kirchhof heraufgekommen."
"Vom Kirchhof?" riefen beide Freunde rasch.
"Dies Haus stößt mit seinem Hofe an den Gottesacker", erklärte ihnen der Mann, der sie wahrscheinlich für Fremde hielt, "und man erzählt sich auch einige wunderliche Geschichten darüber, aber, lieber Gott! die Leute sprechen oft mehr, als sie verantworten können. Übrigens sind die letzten Mietbewohner, arme Leute, die den Zins fast umsonst hatten, wirklich nur aus dem Grunde ausgezogen, weil es ihnen zu unheimlich in dem alten Nest wurde.
Übrigens", setzte er hinzu, "können Sie das Nähere am besten von dem Totengräber erfahren, der den Schlüssel zu der Hintertür hat. Wenn Sie hier an der Mauer hingehen, ereichen Sie den Eingang zum Friedhof mit einem Totenkopf und zwei gekreuzten Knochen über der Tür. Dort klingeln Sie nur." Gerhard dankte dem Mann für seine Auskunft, während Werner wie betäubt bei dem, was er hörte, stand. Dass er am richtigen Haus sei, davon fühlte er sich fest überzeugt. Der kleine viereckige weiße Turm gegenüber; der vorneigende durchlöcherte Giebel, durch den er das Mondlicht gesehen; die unten vergitterten Fenster; der Balkon am Haus selbst, wie der ganze Charakter der Straße mit ihren niederen Mauern ließ ihm nicht den geringsten Zweifel mehr. Um noch größere Gewissheit zu erlangen, ging er mit dem Freunde eine Strecke zurück, denselben Weg, den er gestern Abend gegangen, und bald kam er zu der Stelle, wo er den Nachtwächter getroffen und nach der Gegend gefragt hatte. Es stimmte alles - kein anderes Gebäude als jenes konnte das sein, zu welchem er die Fremde gestern begleitet hatte, und um so rätselhafter wurde jetzt alles, was mit dem unbekannten schönen Mädchen in Verbindung stand.

Er befand sich in einer sehr aufgeregten Stimmung, und eine scherzend hingeworfene Bemerkung Gerhards, dass er doch am letzten Abend wohl in dem Schmerz des Abschiednehmens dem süßen Punsch ein wenig zu stark zugesprochen haben könne, reizte ihn noch mehr. Gerhard wusste endlich nicht, was er von allem denken solle, kehrte zu dem Haus zurück und untersuchte, soweit sich dies von außen tun ließ, aufmerksamer als vorher das anscheinend wüste und leerstehende Gebäude. Hinter dem eisernen Gitter hingen verwitterte und zerbrochene Fensterrahmen mit den Überresten angelaufener Glasscheiben; durch den oberen Stock konnte man an mehreren Stellen das Tageslicht niederscheinen sehen, und selbst in der ersten Etage war keine Spur von Vorhängen oder Rouleaus. Die Fenster schienen dort zwar etwas besser instand zu sein, aber auch hier waren viele Scheiben zerbrochen, und deutlich ließ sich auf dem vielleicht seit Jahren nicht benutzten Balkon Staub und verschiedenes zerbrochenes Geschirr erkennen. Die einzige Hoffnung blieb, die Dame, die Werner vor kurzer Zeit erst am Fenster gesehen haben wollte, vielleicht im Innern zu finden, und er selber machte jetzt dem Freunde den Vorschlag, den Kirchhof erst zu besuchen, ob sie ihr vielleicht dort begegneten, oder, wenn nicht, den Totengräber, an den sie mit verlangter Aufklärung gewiesen waren, anzusprechen. Von ihm konnten sie dann Näheres erfragen, wie sich  auch vielleicht in dem Haus selber herumführen lassen. Sie brauchten ja  nur vorzugeben, dass sie die Absicht hätten, den alten Steinhaufen zu kaufen. Ein Trinkgeld machte den Führer dann schon freundlich und gesprächig.

Ungesäumt gingen sie an die Ausführung dieses Vorschlags und hatten bald die bezeichnete kleine Pforte erreicht. Diese stand offen, und sie betraten den stillen Wohnort der Toten, der, mit tausend Blumen geschmückt, eher den Namen eines Gottes-Gartens als eines Gottes-Ackers verdiente. Vergebens aber durchwanderten sie alle Gänge. Sie fanden wohl hier und da einzelne Damen, die der letzten Ruhestätte ihrer lieben Menschen den zärtlichen Tribut der ersten Lenzeskinder brachten, aber die Gesuchte war nicht unter ihnen. Überall schauten  ihnen fremde, oft recht bleiche und schmerzdurchfurchte Züge entgegen, und nur das Haus selber blieb endlich ihre letzte Hoffnung. Gerhard erbot sich, den Totengräber herbeizuholen, während Werner seine Forschung zwischen den Gräbern noch nicht aufgab. Eine Trauerweide, irgendein Monument konnte die Fremde, wenn sie sich wirklich hier aufhielt, noch immer ihrem Blick entzogen haben, und der Freund eilte indessen mit raschen Schritten der kleinen, gar traulich gelegenen Wohnung des Alten zu, dass er sie in das wunderliche Heiligtum des alten Gebäudes einführe.

Er fand ihn zu Hause in der besten Stimmung, in der man überhaupt einen Menschen finden kann: als er nämlich gesättigt vom Tisch aufstand. Er war auch rasch erbötig, dem Wunsch der Fremden zu willfahren, nahm sein Schlüsselbund und ging mit ihm den breiten Hauptweg hinauf, der zwischen den Gräbern hin dem unbewohnten Hause gerade zuführte.
"Sie sind heute morgen wohl schon einmal in Anspruch genommen worden?" sagte Gerhard, als er neben ihm herging und die Gelegenheit benutzen wollte, etwas zu erfahren.
"Heute? Nein," sagte der Mann, "die Leute reißen sich nicht gerade um den Platz, denn erstlich liegt er weit ab von dem eigentlichen Verkehr der Stadt, und dann baut sich auch nicht jeder gern ein Haus dicht an einem Kirchhof, wenn es nur des Brunnens wegen wäre."
"Aber eine Dame hat doch heute morgen den Platz besucht, nicht wahr?"
Heute? Nein. - Vor acht Tagen war einmal ein Herr mit einer Dame da; sie sind aber nicht wiedergekommen."
"Mir war es fast, als ob ich im Vorübergehen eine Dame am Fenster gesehen hätte", sagte Gerhard gleichgültig und begegnete im nächsten Moment schon dem rasch und scharf zu ihm aufgehobenen Blick des Alten. Über das Gesicht desselben flog aber auch gleich darauf ein gutmütiges Lächeln, und er sagte, mit dem Kopfe schüttelnd:
"Sie wollen mich wegen der alten Spukgeschichten aushorchen, wie? - und sich nachher über einen alten Mann lustig machen? Wenn Sie Märchen über das rote Haus erzählt zu hören wünschen, da müssen Sie sich schon an jemanden andern wenden. Meine Alte wäre vielleicht da eine passendere Person, wenn man sie gerade einmal dazu aufgelegt fände. Ich für meinen Teil habe zu lange zwischen toten Körpern zugebracht, um an lebendige Geister zu glauben."
"Mein bester Mann, ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich auch mit keiner Silbe an einen Geist dachte, im Gegenteil von einer sehr hübschen jungen Dame sprach, die ich gesehen zu haben glaubte. Ich kann mich aber auch geirrt haben, denn die alten Scheiben sind so blind, dass das darauffallende Licht recht gut eine solche Täuschung möglich macht. Wenn Sie niemanden hineingelassen haben und das alte Gebäude verschlossen ist, kann natürlich niemand darin gewesen sein. Also das rote Haus nannten Sie es?"
"So nennen es die Leute wenigstens", meinte der Alte, wie es schien, gar nicht unzufrieden damit, das Gespräch in eine andere Bahn gelenkt zu sehen, "wahrhaftig wegen der roten Farbe der alten Backsteine."
"Es scheint lange nicht bewohnt gewesen zu sein."
"Natürlich", lachte der Alte. "Ich selber möchte nicht in einem Nest wohnen, wo man jeden Augenblick befürchten muss, dass es einem über dem Kopf zusammenbricht."
"So baufällig ist es?"
"Sehen Sie den alten Kasten nur an. Die liebe Sonne scheint an allen Ecken und Winkeln durch, und der Regen geniert sich auch nicht mehr und läuft oben zum Dach hinein bis unten in den Keller. Es ist ordentlich lebensgefährlich, nur die Treppen hinaufzusteigen."

"Ich kann sie nirgends finden", sagte Werner, der in diesem Augenblick zu ihnen trat. "War sie im Haus?"
"Nein", erwiderte Gerhard. "Ein Freund von mir", stellte er ihn dann dem alten Mann vor, "er ist Baumeister, und ich wünschte, dass er sein Gutachten abgäbe." Der Alte lachte.
"Dazu hätten Sie keinen Baumeister gebraucht", sagte er, den freundlichen Gruß Werners erwidernd, "es wäre denn, den Kostenvorschlag des Einreißens zu berechnen. Ich glaube nicht einmal, dass Sie, den Grund ausgenommen, von dem alten Gemäuer viel wieder gebrauchen können. Die Steine sind gar zu sehr vom Wetter mitgenommen worden." Er schloss dabei die kleine gewölbte Tür auf, die neben einem der Grabgewölbe hin und eigentlich fast wie mit zu diesem gehörig durch die Mauer führte, und gleich darauf betraten sie den engen Hofraum, der von den beiden Flügeln des roten Hauses eingeschlossen wurde. Hier sah es ziemlich wild aus. An den kleinen Gebäuden, die früher zu Ställen und Waschhäusern usw. gedient haben mochten, waren meist die Türen, wie alles Holzwerk, ausgebrochen, ein Werk , wie der Alte meinte, des letzten Gesindels, das hier gehaust und seine Feuerung gestohlen hatte, wo es eben etwas Brennbares fand.
"Aber wem gehört das Gebäude jetzt?"
"Einem Advokaten, der irgendwo in Preußen wohnt und es einmal früher für Prozesskosten angenommen hatte", lautete die Antwort. Deshalb kümmerte sich auch niemand darum, und er, der alte Totengräber, war zum Castellan dieser Hausleiche bestellt worden. Wenn es jemand käuflich an sich zu bringen wünsche, hatte er den Auftrag, ihn an den Notar Rekkel in M. zu weisen, der damit beauftragt war und den Kauf abschließen konnte.

Der Alte hatte, noch während er diese Auskunft gab, die morsche Hintertür aufgeschlossen, und die beiden Freunde betraten mit einem eigenen Gefühl des Grauens, über das sie sich keine Rechenschaft zu geben wussten, den düstern öden Raum. Gerhard besonders hütete sich aber wohl, sich etwas Derartiges merken zu lassen, und sagte mit einem freilich etwas erzwungenen Lachen:
"Alle Wetter, das sieht böse hier unten aus! Ich denke, wir gehen gleich in die Beletage, um wenigstens einen etwas wohltätigeren Eindruck zu bekommen."
"Es wird nicht viel zu sehen sein", meinte der Alte. "Was niet- und nagellos war, haben die Mietsleute schon mit fortgeschleppt. Ein Wunder, dass sie nicht sogar schon die Dielen aufgebrochen." Er schritt dabei langsam die Treppe voran hinauf, die beiden Freunde warnend, nicht zu fest aufzutreten, und bald erreichten sie den nicht hochliegenden ersten Stock.

Die Unmöglichkeit, dass dieser Platz in den letzten Jahren bewohnt sein konnte, lag so auf der Hand, dass selbst Werner keinen Augenblick mehr daran zweifelte. Um so rätselhafter war ihm die Szene des vorigen Abends, die ihm fast wie ein Traum vorkommen wollte, hätte ihm das Armband, das er bei sich trug, nicht die Wirklichkeit immer wieder frisch und warm ins Gedächtnis zurückgerufen.

Sie betraten jetzt die Zimmer, die einen traurigen Anblick boten. Schmutz und Gerümpel lag überall darin umhergestreut. Keine Spur von Wohnlichkeit war auch nur in einem derselben zu entdecken. Selbst der mittlere Saal, dessen zerfallene Glastür auf den Balkon führte, glich eher einer ausgeräumten und nicht wieder gereinigten Rumpelkammer, als dem Hauptsalon einer ersten Etage. Und doch verrieten einzelne Spuren, dass in diesen Räumen einst Glanz und Pracht geherrscht und der Reichtum sie bewohnt habe. Oben in einigen Zimmern, denn was man unten hatte erreichen können, war abgerissen worden, hingen noch Stücke und Streifen alter schwerer Damasttapeten, an denen selbst die Zeit die lebhaften glühenden Farben nicht hatte vollständig bleichen können, und kleine Stücke echt vergoldeter Leisten schimmerten hier und da, wo sie ein starker Nagel festgehalten, aus ganzen Kolonien von Staub überzogener Spinnwebe vor. Ein Zimmer schien früher mit einer gemalten Tapete bekleidet gewesen, und Werner konnte kaum einen lauten Aufschrei unterdrücken, als er aus den weißen Tapetenstreifen heraus ein halbes Menschengesicht auf sich herniederschauen sah. Jenes struppige Haar, das schielende Auge hatte er schon einmal gesehen, und fast krampfhaft fasste er den Arm des neben ihm stehenden Freundes und deute mit dem Arm dort hinauf.

Der alte Totengräber folgte ebenfalls mit seinen Augen der angedeuteten Richtung und sagte, langsam mit dem Kopfe nickend:
"Ja, früher muss das einmal prächtig hier gewesen sein, und ich erinnere mich, vor langen Jahren freilich, dies Zimmer in besserem Zustand gesehen zu haben. Die Tapete stellte ein großes Turnier vor, und das da oben war wohl eine von den Figuren, die vom Balkon herniederschauten. Es war prachtvoll gemalt, ist aber mit dem Übrigen zugrunde gegangen. Wollen Sie sich vielleicht auch noch einmal den obersten Teil des Hauses ansehen? Dort schaut es aber womöglich noch wüster aus. Die Querbalken sind wenigstens schon alle von der ewig niederströmenden Nässe durchfault, und es ist ein Wunder, dass die Decke noch so lange gehalten hat."
"Ich danke Ihnen", sagte Gerhard, der zu seinem Schrecken bemerkte, dass Werner totenbleich geworden war. "An ein Restaurieren des alten Gebäudes ist doch wohl nicht zu denken."
"Gott bewahre!" sagte der alte Mann kopfschüttelnd. "Eins hält nur noch das andere, und wenn Sie einmal an einer Stelle anfangen abzureißen, bröckelt das Übrige schon von selber nach."
"Das ist derselbe Kopf, den ich im Traume gesehen", flüsterte Werner dem Freunde zu, indem er den Blick nicht von den kaum noch erkennbaren Zügen des alten Tapetenbildes abwenden konnte, "So wahr ich selig zu werden hoffe."
"Unsinn!" sagte Gerhard, dem die Sache anfing, unheimlich zu werden, indem er den Arm des Freundes ergriff und ihn zur Tür hinzog. "Komm fort aus dem alten verfallenen Gemäuer, und du wirst mir doch jetzt zugestehen, dass du dich im Hause oder vielmehr in der ganzen Straße geirrt."
"Ich setze meine Seeligkeit zum Pfande", rief Werner rasch.
"Nun ja", unterbrach in Gerhard, der eine Erklärung in Gegenwart ihres Führers zu vermeiden wünschte, "wir sprechen nachher weiter darüber. Ich muss gestehen, dass ich mich hier oben selber anfange unbehaglich zu fühlen, denn wenn einer der Balken, auf denen wir stehen, von unserem Gewicht nachgeben sollte, können wir am Ende rascher hinunterkommen, als uns lieb wäre. Wie viel Quadartellen hat der ganze Bauplatz mit Haus und Hofraum?"
"Ja, das kann ich Ihnen nicht genau sagen", meinte der Alte, "wenn Sie das wissen wollen, müssen Sie zu dem Herrn Notar Rekkel gehen. Hier haben Sie seine Karte." Der alte Mann schritt dabei wieder, noch während er sprach, der Tür zu und fast gewaltsam zog Gerhard den Freund mit sich fort und von den Überresten der Tapete hinweg, von denen er den Blick nicht losreißen konnte. Unten im Hause verlangte Werner jenen Raum aufgeschlossen zu haben, der links von der Haustür lag. Es war derselbe, aus dem heraus er das Lachen glaubte gehört zu haben. Der Alte willfahrte ihm augenblicklich und schloss die Tür auf, die sich knarrend in ihren Angeln drehte, aber nur mit Mühe aufgeschoben werden konnte, da ein Teil der Decke eingestürzt war und sich vor den Eingang gelegt hatte. Keiner von ihnen betrat auch den dunkeln Raum, aus dem ihnen ein feuchter Moderduft entgegenzog: Überreste von alten Kartoffeln und Rüben, wie ihr Führer meinte.

Werner, mit seinen Gedanken beschäftigt, sprach kein Wort weiter, und da der Alte ebenfalls glaubte, seiner Pflicht genügt zu haben, schloss er die Tür wieder zu und trat den Rückweg an.
"Gott sei Dank!" sagte auch Gerhard, und er holte tief Atem, als sie aus den düsteren Räumen wieder hinaus in das freie, goldene Sonnelicht traten, "ich glaube, ich würde krank werden, wenn ich nur eine Stunde in dem alten, wüsten Bau zubringen müsste. Ein Wunder wäre es auch, wenn sich das Volk keine Spukgeschichten darüber erzählte, denn einen besser gelegenen Platz, den Kirchhof noch dazu so nah und bequem bei der Hand, könnten die Geister gar nicht finden."

"Wie sonderbar dies Gewölbe hier mit der Tür zusammengebaut ist", sagte Werner, als sie den Gottesacker wieder betraten und der Pförtner die kleine Tür in ihr Schloss zurückdrückte. "Gehörte dies vielleicht mit zu jenem Gebäude?"
"Allerdings", sagte der Alte. "Früher lag der Kirchhof noch weit draußen vor der Stadt, die sich jetzt so vergrößert hat, dass wir schon an drei Seiten von Käufern umgeben sind, und damals soll ein alter Malteserritter, wie mir der Herr Advokat Rekkel einmal erzählt hat, dies Haus hierher gebaut haben, ein Gelübde zu erfüllen. Wie er starb zog seine Schwester hier ein, und mehrere Generationen herrschte Glanz und Reichtum in den jetzt verfallenen Räumen. Nachher hat die Familie wohl irgendein großes Unglück betroffen, denn sie geriet in Verfall, und vor jetzt etwa hundert Jahren ist die letzte Nachkomme in der Gruft beigesetzt worden."
"Wer war das?" fragte Gerhard, der an dem alten eisernen Gitter stehen geblieben war und mit einigem Interesse die stille steinerne Wohnung derer betrachtete, die dicht daneben einst in frischer Lebenslust gehaust.
"Ein junges Fräulein", sagte der Alte, "die in der Blüte ihrer Jahre stand. Hier gleich an der Marmorplatte können Sie die Inschrift noch lesen." Auch Werner war rasch zu dem Gitter getreten und las auf dem bezeichneten Stein die Worte:

Agnes von Hochstetten,
geb. den 29. Februar 1728,
gest. den 29. Februar 1744.

 "War sie denn die letzte ihres Stammes?" fragte Gerhard. "Das arme Kind hat früh die Erde verlassen müssen."
"Ich glaube, ja", erwiderte der Führer. "Von der Zeit an soll wenigstens das rote Haus in anderen Händen gewesen sein und ein alter wunderlicher Kauz, ein weitläufiger Verwandter der Hochstetten - einige sagen, der dem Fräulein bestimmt gewesene Bräutigam - hier gehaust haben. Doch das ragt alles in die Märchen hinein", setzte er kopfschüttelnd hinzu, "und mag seinerzeit den alten Weibern Stoff zu recht schrecklichen Geschichten gegeben haben. Sowie das alte Gebäude aber abgerissen ist oder, wenn das nicht bald geschieht, dem hochweisen Rat der Stadt von selbst in die Straße fällt, spricht niemand mehr davon."

Werner stand noch immer an dem Gitter und starrte auf die alte Marmorplatte mit ihrer einfachen und doch sprühenden Inschrift, bis Gerhard dem alten Mann für seine Bemühung ein Geldstück in die Hand drückte und des Freundes Arm nahm.
"Wunderbar - wunderbar!" flüsterte dieser und schien sich nur gewaltsam von dem alten Grabgewölbe loszureißen, auf das er wie gebannt den Blick geheftet hielt.
"So entsetzlich viel Wunderbares ist nicht dabei", sagte Gerhard, "und das Ganze wird doch noch auf einen Irrtum von deiner Seite hinauslaufen. Doch jetzt schlag' ich vor, dass wir vor allen Dingen etwas essen. Ich bin bei der Geschichte hungrig geworden, und meine Mittagszeit ist schon lange vorüber. Nachher stehe ich dir mit Vergnügen wieder zu Diensten, und wir können meinetwegen unsere Suche nach dem wirklichen Haus deiner Schönen von vorn anfangen. Dass sie in dem alten Gemäuer hausen soll, wirst du doch jetzt selber nicht mehr glauben." Werner erwiderte nichts darauf und folgte, wohin sein Freund ihn führte, war aber auffallend still und schweigsam geworden und setzte am Nachmittag, mehr, wie es schien, dem Freude zu Gefallen als um sich selber zu überzeugen, die Nachforschungen nach der am Abend vorher gesehenen Wohnung der Fremden fort. In all den Straßen war jedoch kein altes ähnliches Gebäude, an das sich eine solche niedere Mauer angeschlossen oder das unten vergitterte Fenster gehabt hätte. Der ganze Stadtteil schien noch neu zu sein, und da Werner fest behauptete, die nächsten Straßen genau zu kennen, und dabei blieb, das rote Haus sei das nämliche, zu dem er die Fremde begleitet habe, wusste Gerhard am Ende selber nicht mehr, was er von der ganzen Sache denken solle.
"Gut", sagte er endlich. "Ein Mittel hast du immer noch in der Hand, deine Schöne, wenn dir soviel daran liegt, ausfindig zu machen. Lass dein gefundenes Armband in das Morgenblatt rücken und sieh zu, wer sich meldet. Allerdings kann das auch jemand anderes vor dem Haus verloren haben, möglich ist's ja aber doch, dass du dadurch auf die rechte Spur kommst, und tu mir den Gefallen lass es mich ebenfalls wissen, denn ich kann nicht leugnen, dass ich jetzt auch anfange, neugierig zu werden."

Damit war ihre Unterredung über die rätselhafte Fremde für jetzt abgebrochen, denn andere Bekannte begegneten ihnen, und Werner musste seiner verzögerten Abreise wegen eine Entschuldigung ersinnen. Den wahren Grund scheute er sich natürlich einzugestehen.
 

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Dem Rate des Freundes folgend, ließ Werner die Annonce über das gefundene Armband in das täglich erscheinende Blatt einrücken und erwartete mit wirklich peinlicher Ungeduld den Augenblick, in dem sich die Eigentümerin desselben melden würde.

Hierüber vergingen indessen mehrere Tage, und in dieser Zeit konnte es seinen Freunden nicht verborgen bleiben, dass mit dem sonst so lebensfrohen Werner eine auffallende Veränderung vorgegangen sein. Schon sein Äußeres verriet das: Er sah bleich und überwacht aus; die Augen lagen ihm tief in ihren Höhlen und hatten etwas Scheues, Wildes bekommen; sein sonst so elastischer, leichter Gang war unsicher und schwankend geworden, und Gerhard besonders riet ihm, einen Arzt über seinen Zustand zu fragen, den er noch immer den sehr angestrengten Arbeiten der letzten Monate zuschrieb. Werner dagegen versicherte, dass er sich vollkommen wohl und nur in der Stadt etwas beengt fühle. Die Frühlingsluft stecke ihm in den Gliedern, und wie er überhaupt von Jugend aus eine Art Wandervogel gewesen sei, treibe es ihn auch immer wieder in dieser Zeit hinaus ins Freie. Sobald er dem Trieb folge, sei er auch wieder gesund, und die Sehnsucht in die Berge sei eigentlich seine ganze Krankheit.

Und doch verheimlichte er dem Freunde den Wurm, der ihm am Herzen nagte. Trotzdem er sich mit Gewalt zusammennahm und sogar gegen Gerhard kein Wort weiter von seinem nächtlichen Abenteuer erwähnt hatte, quälte und peinigte ihn die Erinnerung den ganzen Tag, während in der Nacht wilde Träume seine Ruhe störten. Eine furchtbare Macht hatte Gewalt über seine Phantasie gewonnen und zehrte an seinem  Lebensmark, ohne dass er sich selber Rechenschaft darüber zu geben wusste. Wohl kam ihm manchmal der Gedanke, sich gewaltsam loszureißen von allem, was ihn hier peinigte und drängte, aber er vermochte es schon nicht mehr. Wenn der Abend kam, trieb es ihn mit geheimnisvoller Kraft jenem Hause zu, in dem, wie er meinte, das Rätsel seines Lebens seine Lösung hatte, als wenn er von dort ein neues Zeichen erwarte. Nur wenn er, immer wieder vergebens, die öde Straße durchwandert war und zu dem düsteren fahlen Fenstern aufgeschaut hatte, kehrte er nach Hause zurück, im Traume mit den unheimlichen Bewohnern jener Stätte zu verkehren und morgens unerquickt, ja zum Tode ermattet zu erwachen, einen neuen Tag ungestillter Sehnsucht zu durchleben.

So hatte er eine volle Woche verbracht, und auch wieder am letzten Abend, aber eigentlich erst gegen Morgen, sein Lager gesucht. Schon schien die Sonne in sein Schlafgemach, als er sich noch im Schlaf beunruhigt fühlte. Ein paar Mal warf er sich, ohne die Augen zu öffnen, im Bette hin und her, aber irgend etwas Äußerliches peinigte ihn. Ohne dass er es sich zu erklären wusste, kam ihm das Gefühl, als ob ihn jemand recht starr ansähe. Langsam endlich und fast gewaltsam die noch müden Augenlider öffnend, fuhr er mit einem Schrei im Bett empor, denn zu Füßen desselben entdeckte er die dort auf einem Stuhl kauernde und ihn lauernd betrachtende Gestalt eines fremden Mannes.

Es war ein ältlicher Herr, schwarz und sehr anständig gekleidet, die etwas buschigen Haare sorgfältig frisiert, mit weißer Wäsche, hellen Glacéhandschuhen und einem großen Brillant als Busennadel. Die Beine übereinandergeschlagen, den Hut auf dem rechten Knie haltend, schien er ihn mit seinen Blicken zu durchbohren. Sobald aber Werners Augen auf ihm hafteten, verzog sich sein Gesicht zu einem freundlichen, fast süßen Lächeln, und sich verbindlich gegen den kaum Erwachten neigend, sagte er mit lispelnder, entschuldigender Stimme:
"Ich muss tausendmal um Verzeihung bitten, mein hochverehrtester Herr, Sie zu so früher Morgenstunde in Ihrem süßen Schlummer, ich kann wohl eigentlich nicht sagen gestört, aber doch beobachtet zu haben. Ich habe doch das Vergnügen, mit dem Herrn Landschaftsmaler Werner zu sprechen?"
"Ja - aber - wie um Gottes Willen kamen Sie hier herein?" sagte Werner, dem das eine Auge des Fremden wie ein glühendes Eisen entgegenstach, während das andere sich indes die Stube zu betrachten schien und bald oben an der Decke, bald unten am Boden suchte.
"Sehr einfach durch den allergewöhnlichsten Eingang", lächelte der Fremde. "Da ich aber niemand fand, der mich anmelden konnte, sah ich mich genötigt, mir diesen Dienst selbst zu erweisen."
"Und was wünschen Sie?" fragte Werner, dem es unheimlich in der Nähe des Mannes wurde.
"Ich komme nur mit einer einfachen Frage", erwiderte dieser. "Sie haben eine Annonce in die Zeitung rücken lassen, nach der Sie in der Gartenstraße ein goldenes Armband gefunden haben. ich bin von der Eigentümerin abgesandt, dasselbe anzusehen und, wenn es das richtige ist, mit ihrem besten Dank oder, wenn Sie eine Belohnung für den Fund beanspruchen, gegen Einzahlung derselben zu reklamieren." Werner hatte in peinlicher Spannung den Worten seines wunderlichen Besuchs gelauscht und sich unwillkürlich dabei im Bett emporgerichtet.
"Und wie heißt die Dame?" fragte er rasch und errötete dabei zugleich, als er den wie spöttisch lächelnden Blick des Fremden fest auf sich haften sah.
"Der Name tut wohl nichts zur Sache", meinte dieser mit einer nichtsdestoweniger verbindlichen Verbeugung, die aber eben wieder mehr wie Hohn als Höflichkeit aussah. "Zuerst möcht' ich den fraglichen Schmuck sehen, um zu wissen, ob es der richtige ist."
"Dann bitte ich Sie, dass Sie sich einen Augenblick in das Nebenzimmer verfügen", sagte Werner. "Ich will mich rasch ankleiden und stehe augenblicklich zu Ihren Diensten." Der Fremde gehorchte der Bitte, stand von seinem Stuhl auf und hinkte - Werner sah erst jetzt, dass das linke Bein kürzer sei als das rechte - dem beschriebenen Zimmer zu.

Der junge Mann beendete rasch seine Toilette. Jetzt endlich sollte er ja Aufklärung erhalten über das Rätsel seines Lebens; der Schleier sollte sich lüften, der für ihn Glück oder Elend in seinen dunkeln Falten barg, und das Armband aus dem Gefach nehmend, in dem es neben seinem Bett all die Nächte gelegen, betrat er gleich darauf sein kleines Atelier, in dem er den Fremden gebeten, ihn zu erwarten.

Dieser hatte indessen von der erhaltenen Erlaubnis unumschränkten Gebrauch gemacht, von einer Staffelei ein verkehrt darauf liegendes, noch unvollendetes Bild genommen und umgedreht, und betrachtete dasselbe mit größtem Interesse.
"Mein Herr", rief Werner, keineswegs erfreut über die genommene Freiheit des Mannes, "dieses Bild -"
"Ist ganz ausgezeichnet", entgegnete der Fremde, ohne im mindesten das Unschickliche seines Benehmens zu fühlen. "Ganz ausgezeichnet, sage ich Ihnen. Wetter, Herr Werner, ich glaubte, Sie wären nur Landschaftsmaler, aber ich sehe, dass Sie auch ausgezeichnet im Portraitieren sind."
"Dieses Bild", sagte Werner, "war keineswegs bestimmt, von irgend -"
"Kann es mir denken", lachte das kleine Ungeheuer, indem er das Bild vor sich auf die Staffelei stellte und sich vergnügt dabei die Hände rieb. "Sollte jedenfalls eine Überraschung für mich von meiner Braut werden - bin nun leider ein wenig zu früh dahintergekommen."
"Von Ihrer Braut?" rief der Maler erschreckt, und es war ihm, als ob eine Totenhand an sein Herz gegriffen habe.
"Versteht sich, versteht sich!" schmunzelte der Alte, und sein Gesicht verzerrte sich, wie es dem jungen Manne vorkam, fast zur Fratze. "Unendlich zarte Aufmerksamkeit das - unendlich zarte Aufmerksamkeit."

Werner musste sich an der Stuhllehne halten, um nicht umzusinken. Der Fremde, der das Bild jetzt weiter nicht betrachtete, musste die Frage nach dem Armband wiederholen, ehe Werner nur hörte, was jener zu ihm sagte, und fast mechanisch wickelte er dann den Goldreif aus dem Papier, in dem er eingeschlagen gewesen, und hielt ihn dem hastig danach Langenden entgegen.

Gerade diese Hast des fremden, unheimlichen Menschen brachte ihn aber auch wieder zu sich selber. Es war ihm, als ob er in diese Hände das Heiligtum nicht überliefern dürfte, und den Schmuck zurückziehend, fragte er rasch:
"Herr, ehe ich Ihnen das Armband übergebe, muss ich auch wissen, ob Sie bevollmächtigt sind, es in Empfang zu nehmen. Es gehört jedenfalls einer Dame, und ich hatte mir vorgenommen, es nur deren eigenen Händen wieder zu übergeben."
"Unsinn, verehrter Herr, barer Unsinn!" entgegnete der kleine Mann, der einen vergeblichen Griff nach dem goldenen Bande getan und sich dasselbe jetzt plötzlich wieder entzogen sah. "Zeigen Sie mir nur erst den Schmuck oder, noch besser, lassen Sie ihn mich beschreiben, und Sie werden sich dann leicht davon überzeugen, dass ich ihn kenne und also auch damit betraut werden kann. Es ist ein einfach goldener Reifen mit einem kleinen runden Schloss, das in der Gravierung eine von Blättern gebildete Krone zeigt. Unter dem Schloss aber ist ein deutsches A eingeschnitten, dem gegenüber ein geheimnisvolles verschlungenes Zeichen steht."
"Welcher Art?" fragte Werner.
"Etwa in - etwa in dieser Art", sagte der Fremde zögernd, indem er einen auf dem Tisch liegenden Bleistift aufnahm und eine Art von Pentagramm, aber mit durchbrochenen Linien zeichnete.
"Sie scheinen den Schmuck allerdings zu kennen", erwiderte Werner, "dennoch erlauben Sie mir, dass ich bei meinem Vorsatz beharre, ihn der Eigentümerin eigenhändig auszuliefern."
"Würde das mit Vergnügen tun", sagte der Fremde, indem sich sein Gesicht zu einem süßlichen Lächeln verzog, "aber - die Dame ist gerade verreist und hat mich beauftragt, den Schmuck für sie in Empfang zu nehmen."
"Verreist?" sagte Werner, ihn misstrauisch betrachtend.
"Aber das bleibt sich in der Hautsache gleich", setzte der Fremde rasch hinzu, "ich bin auch beauftragt, Ihnen den Finderlohn bis zum Goldwert und darüber auszuzahlen, da es ein liebes Andenken ist, das sie nicht missen möchte."
"Und wer hat Ihnen gesagt, dass ich überhaupt einen Finderlohn verlange?" sagte Werner, beleidigt durch das absprechende Wesen des Fremden. "Wenn es mir nun genügte, der Dame das verlorene Armband eigenhändig wieder zurückerstatten zu wollen?"
"Aber wenn ich Ihnen doch sage, dass das nicht angeht?"  fiel der Fremde ein und sein eines Auge blitzte dem jungen Manne fast zornig, wenigstens recht boshaft entgegen, während das andere in der Stube herumsuchte. Gerade diese Störrigkeit des kleinen Mannes bestärkte aber Werner nur noch mehr ins einem einmal gefassten Entschluss, und er sagte ruhig:
"Dann behalte ich den Schmuck, bis sich eine Gelegenheit bietet. Sie wissen jetzt, in wessen Händen er ist; das mag Ihnen genügen."
"Sehr wohl, Verehrtester", sagte wie umgewandelt in seinem ganzen Benehmen der Lahme. "Ew. Wohlgeboren werden dann schon heute Abend dazu Gelegenheit bekommen, da die Dame bis dahin, freilich zu etwas später Stunde, zurückkehrt. Ich werde sie am Bahnhof erwarten und mir dann das Vergnügen machen, Sie abzuholen. Sind Sie damit einverstanden?"
"Von Herzen gern", rief Werner, wenn er auch nicht recht begriff, was in aller Welt den noch vor wenigen Sekunden so mürrischen Gesellen auf  einmal so schmiegsam und freundlich gemacht hatte. "Zu welcher Stunde befehlen Sie, dass ich Sie erwarten soll?"
"Weiß ich noch nicht, mein Bester, weiß ich noch nicht", erwiderte der Fremde. "Kann um sieben Uhr, kann aber auch später kommen. Seien Sie wenigstens von sieben Uhr an zu Hause. Kann ich mich darauf verlassen?"
"Sie sollen mich auf dem Platz finden."
"Sehr schön - aber - was ich gleich noch fragen wollte, wann, in aller Welt, hat Ihnen denn die junge Dame eigentlich zu dem Bild gesessen? Ich weiß mich doch gar keiner Zeit zu erinnern - aber halt - antworten Sie mir nicht", unterbrach er sich plötzlich wieder mit dem nämlichen süßen, widerlichen Lächeln, "die Frage wäre unter den jetzigen Verhältnissen indiskret. Soll eine Überraschung für mich sein, das Bild - liebes, gutes Mädchen, das mir eine Freude machen will - darf nicht weiter danach forschen und habe die Ehre, mich Ihnen ganz gehorsamst zu empfehlen. Bitte, finde meinen Weg schon allein, bin hier bekannt im Hause." Er öffnete die Tür und eilte hinaus. Werner ging ihm nach, um ihn an die Treppe zu geleiten, sah ihn aber nicht mehr.

Der Bursche, der morgens Werners Kleider reinigte, kam eben die Treppe herauf und musste dem Fremden begegnet sein.
"Hast du den Herrn gesehen, der in diesem Augenblick die Treppe hinuntergegangen ist?"
"Den Herrn?" fragte der Bursche und sah erst nach rückwärts und dann Werner kopfschüttelnd an. "Eben?"
"In diesem Augenblick."
"Ist mir niemand begegnet." Werner stand betroffen da.
"Aber er muss eben die Treppe hinuntergegangen sein, oder er ist durch die Luft geflogen."
"Vielleicht nach oben gegangen?" bemerkte der Bursche vollkommen richtig, und Werner, der sich davon überzeugen wollte, ließ den jungen Menschen auf Wacht an der Treppe, um zu sehen, wann der Fremde zurückkommen würde. Aber er kam nicht. Zu Mittag ging Werner selbst in die obere Etage, sich nach dem Fremden unter irgendeinem Vorwande zu erkundigen. Niemand hatte ihn gesehen - er war nicht oben gewesen.

Werner kehrte wie in einem Traum in sein Zimmer zurück. In der Zeit besuchte in Gerhard und fand ihn bleich und aufgeregt, den Kopf in die Hand gestützt, auf seinem Sofa sitzen. Auf keine Frage des Freundes mochte er Rede stehen; er gab ausweichende, oft verkehrte Antworten, und als ihn der Freund verlassen, schloss er sich ein und nahm seine Arbeit wieder vor, das Bild der holden geheimnisvollen Unbekannten, das seine Träume füllte und selbst im hellen Sonnenschein nicht von seiner Seite wich, aus dem Gedächtnis zu vollenden. Auch den heutigen Tag wollte er damit hinbringen, und die Ungeduld verzehrte ihn fast, wenn er bedachte, dass ihn der heutige Abend dem Ziel seiner Wünsche entgegenführen sollte.

Dem Ziel seiner Wünsche? - Hatte jener entsetzliche Mensch, der auf so rätselhafte Weise verschwunden, sie nicht für seine Braut erklärt? - Und wenn er die Wahrheit redete, war sie dann nicht auf immer für ihn verloren? Und was war er ihr? Er warf die Palette beiseite und barg erschüttert das Antlitz in den Händen; durfte er hoffen, dass sie mit einem freundlichen Gedanken ihn im Herzen getragen? War er  nicht ein Fremder, Unbekannter, der nur ein- oder zweimal ihren Weg gekreuzt und den sie vielleicht schon lange vergessen? Was überhaupt hatte sein Herz dem fremden Mädchen auf so geheimnisvolle, ihm selber unerklärliche Weise zugewandt? War das die Liebe auf den ersten Blick, von der er wohl schon oft gelesen und gehört, die er aber immer für ein müßiges Märchen schwärmerischer Poeten gehalten? Oder täuschte er sich selber? War es vielleicht nur das Rätselhafte ihres Erscheinens und Verschwindens, das seine Phantasie befangen, das ihm das ruhige Urteil, die ruhige Überlegung genommen? Er wusste es nicht, aber es war ihm, als ob ihm das Herz zerreißen müsse, wenn er sich die Möglichkeit eines Verlustes auch nur dachte, und die kommende Stunde barg deshalb für ihn das Wohl und Wehe eines ganzen Lebens, eine Ewigkeit von Elend oder Seligkeit.

Gewaltsam rafft er sich endlich aus diesem ihm furchtbar werdenden Zustand empor und arbeitete mit regem Eifer aus neue an dem Bild,  das ihm unter den Händen wuchs, er wusste selbst nicht wie. So schwer er sich im Anfang die Ausführung eines Portraits ohne das Original gedacht, so leicht mischten sich, fast wie von selber, die Farben, und so klar schwebten ihm die Züge der Geliebten vor der Seele. Wie er den Pinsel nur an die Leinwand brachte, stand die geheimnisvolle Fremde auch wie lebendig vor ihm da, und in fieberhafter Aufregung und Angst, dass ihm das Bild wieder verschwinden möge, arbeitete er weiter und bannte, was ihm die Seele zum Zerspringen füllte, mit festen Farben auf die Leinwand hin.

So verging ihm der Tag, er wusste selber kaum wie rasch. Verschiedene Male klopften Freunde an seiner Tür, er antwortete ihnen nicht, hätte er doch mit keinem über Alltägliches sprechen können, und wie nun das Bild in größerer Lebensfrische aus der Leinwand sprang, fühlte er, dass sich ihm selber neue Lust und Freude durch die Adern goss. Aber immer rascher schlugen auch seine Pulse, seine Stirn brannte, seine Augen glühten, und frischer und lebendiger trat dabei das Ideal vor seine Phantasie. Zug um Zug konnte er erkennen: den feinen Rosenschimmer der zarten Haut, den feuchten Glanz des Auges, das sanfte Wogen selbst  ihrer Brust, und jetzt - entsetzt trat er einen Schritt zurück, denn vor ihm, lebend, atmend, stand - nicht mehr nur das rege Bild seiner erregten Einbildungskraft, nicht mehr ein Schatten, den sich die aufgerührten Sinne aus dunkler Nacht heraufbeschworen, stand die Geliebte selber in all der zauberhaften Schönheit vor ihm da, und während er Palette und Pinsel fallen ließ und zu den Füßen der Holden niederstürzen, ihre Knie umklammern und sie beschwören wollte, ihn nicht mehr zu verlassen, zucke plötzlich ein wilder Blitz durch das Gemach, der Donner rollte, und leblos brach er an der Staffelei zusammen.

Wie lange er so gelegen, er wusste es nicht, als er aber wieder zu sich kam, dämmerte schon der Abend, und vor ihm auf der Staffelei stand das vollendete Bild in fast schreckenerregender Wahrheit und Treue.

Werner konnte sich nicht losreißen von den lieben Zügen, und mit jedem Augenblick sog er das süße Gift tiefer ein in seine Seele. So rückte der Abend mehr und mehr heran, und in peinlicher Spannung erwartete er die versprochene Ankunft des Fremden. Stunde um Stunde aber verging, ohne dass dieser sich zeigte.

Um neun Uhr endlich klopfte es an der Tür, und als er diese rasch öffnete stand Gerhard vor ihm, der ihn verwundert vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete.
"Du bist es?" fragte Werner.
"Hast du jemand anderen erwartet?" lachte der Freund. "Weshalb so geputzt? Willst du in Gesellschaft gehen, oder kommst du daher? Und - um Gotteswillen, Werner, du siehst totenbleich aus! Du bist krank, Freund, du bist wahrhaftig krank, und das Beste für dich ist, zu Bette zu gehen. Ich will bei dir bleiben, wenn ich dich nicht störe."
"Ich danke dir herzlich", sagte Werner, verlegen lächelnd, "und ich versichere dir, dass ich mich vollkommen wohl und gesund fühle. Nur ein wenig angestrengt gearbeitet habe ich die letzten Tage, ein mir aufgetragenes Bild noch vor meiner Abreise zu beenden. Ein paar Tage Zerstreuung in den Bergen macht alles wieder gut."
"Aber dann geh nur auch in die Berge, Werner", drängte ihn Gerhard mit herzlicher Bitte. "Verlass M.; die Luft hier sagt dir nicht zu; du musst Zerstreuung haben, wenn du nicht wirklich erkranken willst, und ein Szenenwechsel ist das Beste, was du dir verschreiben kannst. Lass uns morgen aufbrechen. Ich gehe mit dir, und in dem schönen Tirol wird dir das Herz in all der alten Lust und Wonne aufgehen wie vordem." Er hielt ihm die Hand zum Einschlagen hin, in die Werner wohl lächelnd, aber doch nur auch zögernd die seine legte.
"Fest auf morgen kann ich es dir noch nicht versprechen", sagte er dabei, "sehr bald aber, vielleicht schon heute oder morgen wird es sich entscheiden, wann ich fort kann, und dann gehen wir zusammen. Ist dir das recht?"
"Es muss ja wohl sein", sagte der Freund, "mir ist alles recht, wenn ich dich nur fortbringen kann von hier. Apropos - hast du die Eigentümerin deines Armbandes endlich gefunden? Du versprachst sie mir zu zeigen."
"Noch nicht. - Wenn es geschieht, halte ich mein Versprechen."

Gerhard blieb noch zögernd stehen. Es war ihm nicht entgangen, dass Werner sich in einer eigenen Art von Aufregung befand und, während er mit ihm sprach, oft nach irgendeinem draußen vermuteten Geräusch aufhorchte.
"Hast du noch etwas vor heut Abend", fragte er endlich, "oder Lust, mich noch ein Stündchen zu begleiten? Wir treffen in Behlers Keller draußen, nicht sehr weit von der Gartenstraße, mehrere von unseren Bekannten."
"Heute kann ich nicht", sagte Werner rasch; "wenigstens jetzt noch nicht. Vielleicht komme ich später nach, ehe ihr auseinandergeht."
"Du erwartest Besuch?"
"Eine Geschäftssache."
"So will ich dich nicht länger stören. Bis elf oder halb zwölf triffst du uns dort. Guten Abend, Werner!"
"Guten Abend, Gerhard! Ich glaube bestimmt, dass ich mich bis dahin frei gemacht habe. Vielleicht kann ich dir dann auch eine Neuigkeit mitteilen."
 

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Gerhard ging, und Werner schritt in immer peinlicherer Ungeduld in seinem Zimmer auf und ab. Es schlug zehn Uhr, niemand kam, ihn abzuholen, Es schlug elf, er hörte nur die Haustür unten zuschlagen und verschließen; der erwartete Fremde kam nicht, und Werner griff schon nach Hut und Stock, seinen so oft furchtlos gemachten nächtlichen Spaziergang nach der fernen Gartenstraße auch heute zu wiederholen und den brennenden Schläfen wenigstens Kühlung zu geben, als er draußen Schritte auf der Treppe hörte. Er horchte - es musste der Hausmann sein, der oben im dritten Stock wohnte. - Aber die Schritte hielten vor seiner Tür, es klopfte bei hm an, und Werners Herz stand fast still. Er war nicht einmal imstande, 'Herein' zu rufen, als sich die Tür endlich langsam öffnete und auf der Schwelle, den Hut in der Hand, mit demselben widerlichen Lächeln, der Fremde stand.

"Ich muss inständigst um Entschuldigung bitten, Sie so lange habe warten zu lassen", sagte der Lahme, indem er lachend ins Zimmer glitt, "aber meine verehrte Braut hatte den ersten Zug versäumt und ist vor etwa einer halben Stunde mit dem letzten Zuge eingetroffen. Wenn es ihnen jetzt noch beliebt, mein Bester; wissen ja wohl, ich hatte mein Wort gegeben, und bin also hier, es zu halten."
"Aber werden wir die Dame so spät stören dürfen?" fragte Werner. "Sie wird angegriffen von der Reise sein."
"Oh bewahre! Frisch wie ein Fisch im Wasser", lachte der Kleine. "Haben nur nicht mehr viel Zeit zu versäumen, wenn wir noch heute dort eintreffen wollen."
"Wohnen Sie weit von hier?"
"Ein Viertelstündchen zu gehen. Aber ich sehe, Sie sind schon vollständig gerüstet, mein Bester."
"Ich bin bereit", sagte Werner. "Aber wie kamen Sie in das Haus?"
"Durch die Haustür, natürlich", lächelte der Fremde. "Fand sie glücklicherweise offen. Da wir von Finden reden, Sie haben doch das Armband bei sich?"
"Gewiss", erwiderte Werner, nach der Tasche fühlend, in der er es trug. Der kleine Mann folgte der Bewegung mit dem einen Auge, und sich vergnügt die Hände reibend, rief er:
"Vortrefflich, vortrefflich, mein Bester! Und nun kommen Sie. Meine Braut wird sich ganz unsagbar freuen, Ihren schätzbaren Besuch wie das Kleinod, nach dem sie sich so außerordentlich sehnt, noch heut Abend zu empfangen." So stieg er rasch dabei die Treppe hinunter, dass ihm Werner kaum zu folgen vermochte, und nur erst an der Haustür machte er halt, die er verschlossen fand.
"Aha", lachte er hier, "der würdige Bürger hat die Zugbrücke schon aufgezogen und sein Schloss für die Nacht verbarrikadiert. Hoffentlich haben Sie doch eins jener nützlichen Instrumente bei sich, ohne das kein ehrbarer Bewohner von M. vorsichtigerweise sein Haus verlässt."

Werner öffnete schweigend die Tür, die er wieder hinter sich schloss, und lautlos schritten nun die beiden Männer die schon stillen Straßen entlang, und zwar derselben Richtung zu, in welcher das rote Haus lag. Werner wollt eine Frage deshalb an seinen Begleiter richten, aber er brachte das Wort nicht über die Lippen, und Straße nach Straße ließen sie hinter sich, ohne dass sie auch nur eine Silbe miteinander gewechselt hätten. Endlich erreichten sie die Gartenstraße - Werners Herz klopfte ihm wie ein Hammer in der Brust - und folgten der Mauer, die dem roten Hause unmittelbar zuführt. Die einzige Person, die sie noch auf  der Straße trafen, war der Nachtwächter, der eben, als es von dem Turme zwölf schlug, die Stunde abrief.

"Und wohnt die Dame wirklich in dem roten Hause?" brach Werner jetzt zum ersten Mal das Schweigen.
"Wer" fragte der Nachtwächter, an dem sie gerade vorüberschritten, indem er ihnen erstaunt nachsah.
"Im roten Hause?" fragte der Fremde, ohne von jenem weiter Notiz zu nehmen. "Ich glaube, die Leute benennen unser Palais mit diesem Namen. Jawohl, mein Bester, und wir sind jetzt gleich zur Stelle. Wir steigen jedes Mal hier ab, wenn wir nach M. kommen. Aber da sind wir Ort und Stelle, und ich werde gleich -" er suchte, wenngleich vergebens, nach dem Klingelzuge und fuhr, ärgerlich mit dem Fuß stampfend, fort: "Da hat die verwünschte Straßenbrut wieder den Glockenring aus reiner Übermut abgedreht. Ich werde auch morgen einmal  Anzeige bei der Polizei machen und mich über die nachlässigen und schläfrigen Nachtwächter beschweren." Er hatte zugleich langsam zweimal an die Haustür geklopft, während Werner ein paar Schritte von dem Gebäude abtrat, um zu den Fenstern hinaufsehen zu können. Oben war alles totenstill und öde; kein Lichtstrahl aus den zum Teil offenen leeren Fenstern verreit, dass ein lebendes Wesen im Inneren hause, und in der wohl sternenhellen, aber von keinem Mondstrahl erleuchteten Nacht lag  das alte Gebäude finster und unheimlich vor ihm da.

Wieder knackte da das Schloss der Tür, wie an jenem Abend, und der Fremde sagte:
"So, mein Bester! Jetzt sind wir am Ziel, und nun möchte ich Sie nur freundlichst ersuchen, näher zu treten. Die Damen werden uns wahrscheinlich schon mit Schmerzen erwarten."
"Aber ich begreife wirklich nicht", sagte Werner, der Einladung indessen Folge gebend, "dies öde Gebäude kann doch nicht bewohnt sein?"
"Öde Gebäude?" lachte der Fremde, während er die Tür hinter dem Eingetretenen wieder ins Schloss warf. "Das ist nicht übel! Meinen wohl, mein Verehrtester, weil es noch so dunkel ist? - Werden gleich Licht machen, ,möchten auch sonst in der Finsternis die Treppe nicht finden." Kaum hatte er dies gesagt, als er auf täuschende Weise den Ruf der kleinen Eule, bei uns gewöhnlich der Totenvogel genannt, nachahmte. In demselben Augenblick wurden oben an der Treppe Schritte laut, Lakaien eilten mit brennenden Girandolen herab, und rechts und links entzündeten sich zu gleicher Zeit weitarmige Wandleuchter und strömten ein warmes, fast blendendes Licht durch den weiten Raum.

Werner traute seinen Augen kaum, so hatte sich der Platz in den wenigen Tagen, in denen er ihn nicht betreten, verwandelt. Von Licht und Glanz durchflossen, fielen die blendenden Strahlen nicht mehr auf kahle, nackte Wände und faule Trümmer, sondern zierliche, mit seltener Kunst ausgeschmückte Reliefs, hier und da von Freskomalereien unterbrochen, schmückten die Wände; weiche Teppiche deckten den Boden, und die neulich so morsche Treppe zeigte ein festes, gar seltsam in Holz geschnitztes Geländer, das sich, mit seltenen Blumen bestellt, zu der oberen Etage hinauf wand.

Werner presste seine Schläfe zwischen den Händen; es kam ihm alles wie ein tolles Märchen vor. Sein Führer ließ ihm aber kaum Zeit, sich zu besinnen, sondern flüsterte mit dem fatalen süßlichen Lächeln, indem er sich dicht an ihn drängte:
"Kommen Sie, Liebwertester, kommen Sie! Wir versäumen hier die kostbare, uns nur sehr knapp zugemessene Zeit, die wir besser benutzen können, als hier in dem kalten, zugigen Hausflur zu stehen. Meine Braut erwartet uns, wie ich fest überzeugt bin, in peinlichster Ungeduld." Dabei hinkte er, so rasch es ihm der lahme Fuß gestattete, der Treppe zu und diese hinauf, und wie betäubt und vollkommen willenlos folgte ihm Werner. Wie auf weichem Moos stieg er die belegten Stufen hinan, in immer neuen Glanz, in neue Pracht hinein, ja einem Feenschloss weit eher als einer menschlichen Wohnung glichen jetzt die Räume dieses Hauses, das er sich bis dahin nur als wenig mehr wie einen nackten Trümmerhaufen gedacht.

Überall standen Lakaien in glänzenden Livreen, und oben an der Treppe, während die Flügeltüren des Salons aufgeworfen waren und ein wahres Feuermeer von Glanz und Licht ausströmten, sprudelten kleine Fontänen wohlriechende Wasser aus und verbreiteten einen wunderbaren, fast betäubenden Duft.

Werner stand wie gebannt an der Schwelle, und ehe er völlig zur Besinnung kam, hörte er ein Seidenkleid rauschen. Sein widerlicher Begleiter flüsterte ihm etwas ins Ohr, und eine andere Tür ward plötzlich aufgeworfen, aus der eine ganze Gesellschaft glänzend gekleideter Damen und Kavaliere sichtbar wurde. Aber Werner hatte nur Sinn für die eine - er hörte, er sah nichts weiter, denn vor ihm, mit allem Zauber übergossen, den seine Phantasie nur je dem Himmelsbild gegeben, und dabei von Diamanten überdeckt, die an ihrem Nacken, aus ihren rabenschwarzen Locken blitzten, stand in vollendeter Schöne die Geliebte vor seinen entzückten Blicken.

Er wollte sprechen, aber kein Wort brachte er über die Lippen, und stumm und selig schaute er in die ihn freundlich anlachenden Augen der Dame.
"Es ist schön von Ihnen", sagte diese, und ihre Stimme klang wie das leise Rieseln des Bergquells durch sein blumiges Bett, "dass Sie mich gleich bei meiner Ankunft hier begrüßen. Ich hatte immer gehofft", setzte sie dann langsamer und mit leichtem Erröten hinzu, "Sie in der langen Zwischenzeit schon wieder einmal bei mir zu sehen, aber umsonst, und meine kleine Reise ließ sich auch nicht aufschieben."
"Mein süßes Leben", nahm hier plötzlich der Lahme das Wort, indem er sich mit ganz seltsamen Verbeugungen zwischen die beiden jungen Leute drängte, "ich habe hier das unschätzbare Vergnügen, Ihnen den außerordentlich geschickten Künstler und Landschafts- wie Portraitmaler -", setzt er mit einem bezeichnenden und pfiffigen Blick hinzu, "Werner vorzustellen. Zugleich ist dieser Herr, außer seinen anderen schätzbaren Eigenschaften, auch noch der glückliche Finder - aber davon nachher", unterbrach er sich rasch. "Herr Werner, mit Stolz und Freude stelle ich Ihnen dagegen Fräulein Agnes von Hochstetten, meine verehrte und geliebte Braut, vor, die -"
"Halt! - Nicht so rasch!" rief fast zornig die Jungfrau dazwischen. "Den Titel verdiene ich noch nicht, Herr Graf, und bis er mir gebührt - wenn das je geschieht -, wünsche ich ihn vermieden."
"Aber, meine Allerverehrteste -"
"Genug", lautete der ernste Bescheid, "und nun, mein lieber Freund", wandte sie sich wieder mit gewinnendem Lächeln an den jungen Mann, indem sie ihm, ohne den Grafen weiter zu beachten, die Hand hinüberreichte, "treten Sie ein bei uns und lassen Sie uns ein Stündchen froh verplaudern. Die Stunden fliehen so rasch, und es sind uns nur so wenige zugezählt."
"Agnes von Hochstetten?" wiederholte wie träumend Werner. "Wie ist mir denn? - War denn das nicht der Name jener sechzehnjährigen Jungfrau, die draußen auf dem Kirchhof in ihrem steinernen Sarge schon ein Jahrhundert lang begraben liegt?"

Agnes sah ihm, während er sprach, starr und ernst in die Augen, dann aber legte sich wieder das so liebe Lächeln um die zarten Lippen, und sie sagte freundlich:
"Pfui doch, lieber Freund, wer wird hier, in all dem Glanz und Schimmer lichten jugendfrischen Lebens, von dem kalten Grab sprechen! Uns allen steht es wohl bevor, doch weshalb vor der Zeit diese traurigen, trüben Bilder heraufbeschwören? Aber einführen will ich Sie jetzt in all den Glanz altadeliger und edler Geschlechter, die sich heut Abend hier einfanden, mich zu begrüßen."
"Und jener Graf?" fragte Werner mit leiser, angstbeklemmender Stimme. "Ist es war, was sein Mund behauptet - dass er - dass er ein Recht beanspruche auf diese schöne Hand?" Die Jungfrau warf verächtlich den Kopf zurück und sagte finster:
"Dass er es sich anmaßen möchte, glaub' ich wohl, und durch einen unglücklichen Zufall wäre ich auch fast in seine Gewalt gegeben. Doch davon nachher! - Hier kommen schon die edlen Herren und Frauen, die sich im Turniersaal uns erwartend versammelt haben." Zugleich betrat sie mit ihm das weite Gemach, das Werner jetzt, dem Übrigen entsprechend, mit fabelhaftem Glanz geschmückt fand. Aber über die Gruppen stattlicher und reich geputzter Herren und Damen hin, die überall aus- und einströmten, flog sein Auge unwillkürlich nach den bunten, reich gestickten seidenen Tapeten, die jetzt die Wände deckten und in deren Bildern er jetzt auf den ersten Blick das von dem alten Totengräber beschriebene Turnier erkannte. Edle gewappnete Ritter tummelten sich da auf kräftigen Rossen, hier einer dem Gegner die spitze Lanze zwischen die Fugen der Rüstung hineinrennend, dass der Getroffene aus dem Sattel taumelte; dort zwei andere mit weggeworfenen Lanzen und zu Fuß den zu Pferd begonnenen Kampf mit den blanken Schwertern ausfechtend. Auf dem sich rings umherziehenden Balkon aber saßen  in weiter geschmückter Reihe edle Frauen, und dort - unter Tausenden hätte er die holden Züge wiedererkannt - war auch ihr liebes Engelsangesicht, während dicht hinter ihr - wie ein Stich traf es ihn ins Herz - die boshaft schielenden Augen, das struppige Haar jener Teufelsfratze niederstarrte, und Werner jetzt entsetzt in ihr das wenn auch verzerrte, doch täuschend ähnliche Bild des Grafen erkannte.

Fast erschreckt schaute er sich im Saal um und begegnete dort, gar nicht weit von sich entfernt und zwischen zwei der dicht verhangenen Fenster, demselben boshaft zu ihm herüberblitzenden Auge, das auch aus dem Bilde der Tapete hernieder grinste. Kaum aber traf sein Blick den des kleinen tückischen Mannes, als dieser ihm mit seinem unheimlichen Lächeln zunickte.

Noch starrte Werner, wie von dem Auge gebannt, nach ihm hinüber, als plötzlich eine leichte Hand seinen Arm berührte und Agnes mit flüsternder Stimme sagte:
"So ernst, mein Freund? Licht und Glanz scheint die gefurchte Stirn dir nicht aufzuheitern - vielleicht vermag es die Musik. Es liegt ein eigener Reiz in jenen sanften Tönen, die wir armen Irdischen dem Himmel abgestohlen haben." Leicht schlug sie dabei die Hände zweimal zusammen, und mit dem zweiten Schlag schon begann ein unsichtbares Orchester mit gedämpften Instrumenten eine sanfte, wunderschöne Symphonie. Die Jungfrau aber, während die weichen Töne durch die erwärmten duftigen Räume wogten, führte den Jüngling, der sich an ihrer Hand der Erde entrückt wähnte, in ein kleines, nur von einer düsteren Ampel erhelltes Nebengemach und winkte ihm dort, auf einem Schemel neben ihr Platz zu nehmen.

"Beantworten Sie mir eine Frage", sagte da Werner, der gewaltsam den ihn umdrängenden Zauber zu bannen suchte. "Der Kopf schwindelt mir, meine Sinne empören sich wider mich - ich fasse, ich begreife nicht, was um mich her vorgeht, wo ich bin. - Atme und lebe ich? Wie ein märchenhafter Traum steigen neckische Gebilde auf um mich; ich sehe und höre und fühle doch dabei die Unmöglichkeit dessen, in dem ich lebe und atme. Ich weiß, dass übernatürliche Kräfte uns umgeben, dass sie Macht über uns gewinnen, wenn wir ihnen einmal Raum in unserer Seele gestatten, aber wenn das, was ich alles hier erkennen kann, nur eben solche wilde Täuschung wäre und ein nächster Augenblick des Erwachens mich einsam und elend zurück in des Lebens Alltäglichkeit schleudern könnte, wo endet da unser Verstand, wo beginnt der Wahnsinn, der uns mit seinen Krallen dann umfangen hält?"
"Du wunderlicher Mann!" lächelte ihm klar und fest ins Auge schauend die Jungfrau. "Welch' trüben, entsetzlichen Gedanken gibst du dich hin, während alles um dich her nur Lust und Freude atmet! Weshalb das alles? - Da draußen liegt die Nacht mit ihren Schrecken und Geheimnissen, hier ist Licht und Lust und Glanz. Hast du noch nie gelernt, den Augenblick zu genießen? Und muss denn immer nur ein Schreckensgespenst von dem, was einmal kommen kann und mag, die frohe Stunde und des Glückes Genuss trüben?"
"Und kann ich anders?" reif Werner in leidenschaftlicher, schmerzlicher Aufregung. "Du holdes Bild, das mir seit heute wie eine neue Sonne am düsteren Lebenshimmel aufgegangen, lebst hier in all dem Glanz, der mehr von dir sein Licht empfängt, als es dir gibt, in stets sich neu gebärender Lust und Herrlichkeit. Ich bin ein armer heimatloser Wandersmann, den sein wunderliches Geschick durch dieses lichte Paradies, in dem er nicht verweilen darf, geführt und dem die Nacht da draußen jetzt nur viel dunkler, nur viel trostloser erscheinen wird, als da er dich nicht kannte. Oh, warum musste mir das Glück gezeigt werden, nur um mich um so mehr mein Nichts empfinden zu lassen? Warum ward mir erlaubt, die Hand nach einer Frucht auszustrecken, die unerreichbar fern dem armen Maler liegt?" Er barg sein Antlitz in den Händen, und heiße Tränen perlten ihm zwischen den fast krampfhaft gespannten Fingern hindurch.
"So unerreichbar?" sagte mit leiser, aber zu den innersten Fasern seines Herzens dringender Stimme die Jungfrau an seiner Seite, dass er rasch und fast erschreckt zu ihr aufschaute.
"Und wäre es nicht?" rief er, von seinem Sessel aufspringend und, während er des Mädchens Hand ergriff, in schwindelndem seligen Entzücken zu ihren Füßen niedersinkend.
"Nicht so, mein teures Herz", sagte, ihn sanft vom Boden hebend, das wunderschöne Weib, "nicht so. Ich kann dich nicht vor mir im Staub sehen, indes ich durch dich selber Licht und Freiheit wieder erhalten soll."
"Durch mich?" rief Werner erstaunt zur ihr aufschauend. "Du Herrliche, durch mich?"
"So höre denn", flüsterte die Jungfrau, während sie ihn mit leiser Gewalt vom Boden hob und willig es geschehen ließ, dass er die Hand behielt und mit seinen Küssen bedeckte. "Ich bin nicht frei und glücklich, wie du wähnst. Eine Macht, die mit meinem Leben und Dasein in inniger Verbindung steht, hat Gewalt über mich. Nur ein Geschenk aus höherer, reinerer Hand enthob mich seinem Einfluss, aber nur solange ich das mir wahren konnte. Es war ein einfach goldener Reif, den ich bis jetzt an meinem Arm trug, von Feenkraft geweiht. Die Eule, die als Graf dir dort erschien, sie musste sich dem mächtigen Schutz beugen, ja sogar mir, in allem, was ich von ihr forderte, dienstbar sein. Da wollte es mein bös Geschick, dass ich an jenem Abend, an dem es mir vergönnt war, dich zu sehen, das Kleinod von meinem Arme verlor, und nur mein guter Engel lenkte deinen Blick auf jenen unscheinbaren Schmuck."
"Die Eule? - Der Graf?" wieder holte Werner, der in unbegrenztem Erstaunen den Worten der Jungfrau gelauscht. "Von Feenkraft geweiht? Wie ist mir denn? Treibst du nur deinen Spott mit mir, oder wäre meine Furcht begründet, dass alles, was mich hier umgibt, nur tolles Blendwerk meiner Sinne ist?"
"Blendwerk?" sagte die Jungfrau lächelnd, mit dem Kopf schüttelnd. "Wirklichkeit? - Wer von allen Sterblichen wäre imstande, Blendwerk von Wirklichkeit zu unterscheiden? Durch Eure Sinne nehmt Ihr Dinge wahr, doch wisst Ihr, ob sie sind? Ihr nennt das grün, und jenes blau und rot, und seid nicht einmal gewiss, ob nicht dem Auge des Nachbars rot wie grün erscheint, und er die Namen nur dafür verändert, und rot meint, wenn er grün es nennt."
"O nein, nein", bat Werner, in Todesangst die Arme ihr entgegenstreckend, "der Gedanke schon ist Wahnsinn, dass auch du, Himmlische, ein Blendwerk sein und mir entschwinden könntest, wie du dem Boden vor mir entstiegen. Wo nehme ich die Kraft her, dem Elend zu begegnen, die wieder zu verlieren? Du bist - du musst Wirklichkeit sein, und von deiner Liebe beglückt, von deinen Armen umschlungen, wäre mir selbst des Himmels Seligkeit ein Wahn."
"Frevle nicht", sagte mit scheuer Stimme die Jungfrau, indem sie ängstlich seinen Arm ergriff und das Antlitz dem Nachbarzimmer zuwandte. "Böse Mächte klammern sich an das Wort des Menschen und flechten Bande daraus, ihn tiefer und tiefer zu sich hinabzuziehen in ihr Reich - und es ist furchtbar dorten", setzte sie mit kaum hörbarer Stimme hinzu.
"Eine Hölle ohne dich", rief Werner in wilder Begeisterung, "ein Himmel, wo du weilst."

"Still - still - die Eule naht!" sagte Agnes plötzlich, indem sie warnend den Finger hob. "Das Armband jetzt! - Gib mir den goldenen Reifen, den du an jenem Abend vor der Tür gefunden - ich muss ihn haben." Werner griff in die Tasche, in der er in Papier eingeschlagen das Armband trug, als plötzlich der Lahme, das widerwärtige Gesicht zu einem boshaften Lächeln verzerrt, in der Tür erschien, auf Agnes zuging, sich tief vor ihr verbeugte und dann, ohne ein Wort zu sagen, die beiden langen Arme in die Höhe warf. In demselben Augenblick fast flogen rechts und links die schwerseidenen Gardinen, die bis jetzt die eine Wand des Gemachs gebildet hatten, zurück, und darin, Reihe an Reihe gedrängt, standen die Gäste, einen Halbkreis um ein kleines altarartiges Gestell bildend, auf dem ein mit schwerem Eisen verschlossenes rot und schwarzes Buch und ein blanker Dolch lagen.
"Sehr verehrte Damen und Herren, und allesamt lieben Freunde und Gefährten", rief der Graf mit scharfer, gellender Stimme, die in die entferntesten Ecken der Gemächer drang, "ich habe Sie heut Abend zu uns eingeladen, Zeugen einer feierlichen Handlung zu sein, die mich zu dem glücklichsten Wesen über und unter der Erde, Agnes von Hochstetten aber  zu meinem ehrbaren Weibe machen wird."
"Halt ein, Unglückseliger!" rief da die Jungfrau, die nach ihr ausgestreckte Hand des Widerlichen in Zorn und Abscheu zurückschleudernd. "Noch bin ich nicht in deiner Macht, noch hab' ich meine Freiheit, und ich will sie waren bis zur letzten Stunde des Gerichts. Du vergaßest das Armband, das du selber mir wieder in die Hände liefern musstest - du vergaßest die Hilfe, die ich in diesem jungen Freund gefunden, und ich trotze dir und deinem Zorn und Hass. Her zu mir jetzt, Helfer in der Not!" rief sie, dabei die Arme dem wie in Verzückung stehenden Werner entgegenstreckend, "gib mir das Band, mein Retter aus mehr als Todesqual - das Band - das goldene Band." Der Lahme sprach kein Wort, regte kein Glied seines Körpers, nur das höhnische Lächeln zuckte über seine Züge, als Werner den goldenen Reifen, den er in der Hand hielt, rasch und mit fieberhafter Angst aus der Papierhülle befreite.
"Hier", sagte er. "Hier nimm, Geliebte, und mein Leben bürgt dir für ..."
"Was ist das?" unterbrach ihn Agnes, indem sie totenbleich zurücktrat und die ausgestreckten Arme jetzt wie abwehrend ihm entgegenhielt. "Unglücklicher - ich bin verloren!"

"Haha!" lachte der Graf, "was haben wir da, Verehrtester, ein goldenes Armband? Das ist ja der Ring von der Straßenklingel, den Ew. Wohlgeboren aus Versehen eingesteckt haben. Jetzt weiß ich auch, wer mir die Ringe immer abdreht, und werde den Wächter darauf aufmerksam machen." Werner stand wie zu Stein erstarrt.
"Was ist das?" rief er mit vor innerer Angst fast erstickter Stimme. "Wie kommt der Ring in meine Tasche und wo ist der Schmuck hin, den ich ..."
"Der Schmuck?" kreischte der Lahme, "hier ist das Armband - hier in meiner Hand. Ich habe den Schatz, das echte Band, das dich, mein holdes Liebchen, an mich fesselt für die Ewigkeit."
"Wir gratulieren, wir gratulieren!" riefen die Anwesenden und beugten sich und knicksten und wehten mit den Tüchern, und das lahme Ungeheuer hinkte auf die wie zu Marmor erstarrte Schöne zu und wollte sie in die Arme schließen. Aber nur seine Berührung gab ihr wieder Leben, und wie ein gescheuchtes Reh floh sie dem Tisch zu, auf dem das Buch und der Dolch lagen.
"Aber das hilft Ihnen ja nichts, Verehrteste", lachte der Lahme, dass die Säle von dem fast teuflischen Lachen widerhallten. "Mein sind Sie, mein."
"Rette mich vor ihm", klang der Hilferuf der Jungfrau, die vor dem Tisch ohnmächtig niederbrach, an Werners Ohr, und wie elektrisch Feuer schoss der Hilferuf durch seine Adern.
"Teufel", schrie er, indem er in wenigen Sätzen an dem Tisch war und  den blanken Dolch vom Buch herunterriss - "Taschendieb! mit deinem Leben, wenn nicht anders, hol' ich mir mein Eigentum zurück!" Und mit den Worten warf er sich, seiner Stimme kaum noch mächtig, auf den Grafen, der vor der blanken Waffe scheu zurückwich.
"Ruhe, Ruhe, mein allerbester Herr Landschaftsmaler!" schrien die Gäste durcheinander und drängten sich ihm entgegen, ihn von seinem Opfer abzuziehen.
"Zurück von mir!" donnerte aber des jungen Mannes Stimme durch den Lärm, und, die Herbeidrängenden wie Schatten von sich schleudernd, folgte er in wilder Hast dem jetzt entsetzt die Treppe hinabfliehenden Grafen. Von allen Seiten stürzten die Lakaien herbei, alle Türen wurden geöffnet und wilde, entsetzliche Fratzen lachten ihm höhnisch überall entgegen, aber er sah nur ihn, mit wildem Griff krallte sich seine Hand in die Schulter des Flüchtigen und jetzt - jetzt fasste er das Kleinod, das jener eben von sich schleudern wollte.
"Hahaha", lachte da der Graf, indem er ihm unter den Händen entschwand und als Eule aus der geöffneten Haustür auf die Straße flog. "Was hilft dir der Ring - mein ist sie doch - mein ist sie doch!"
"Nicht dein - nicht dein", schrie Werner in fast wahnsinniger Wut, indem er, den Dolch wieder gefasst, hinter dem Tückischen herfloh. "Dein Leben ist mir verfallen und ich will - ich muss es haben."
"Mein allerbester Herr!" baten da die nachdrängenden Gäste, die sich wie Kletten an ihn hängten, "was machen Sie nur? Was machen Sie nur?"
"Fort! Lasst mich!" tobte aber der Rasende, indem er sich mit Gewalt ihren ihn jetzt fest umklammernden Armen zu entziehen suchte, "ich muss - ich muss! - zurück oder ich morde, was mein Arme erreichen kann."

"Aber Werner, um Gottes willen, komm zu dir!" rief ihm eine bekannte Stimme ins Ohr. "Du bist ja außer dir. Was hast du? Was ist geschehen?"
"Gerhard - dich sendet mir Gott!" rief der Unglückliche. "Ihm nach! - Noch ist es Zeit - er will Agnes zum Altar schleppen. Lasst mich! - Lasst mich los - dort fliegt er schon weit, weit voraus, und wenn er meinen Augen verloren - Teufel! Lasst mich los, sag ich! - Zu Hilfe, Gerhard, zu Hilfe!
"Aber so komm doch nur zu dir!" bat dieser in Todesangst den Freund. "Was hast du nur, und wo bist du gewesen?"
"Wo er gewesen ist?" sagte da eine tiefe Stimme, die einem der herbeigesprungenen Nachtwächter gehörte, "drin im roten Haus, so wahr ich selig zu werden hoffe, und das bei finsterer Nacht und zwischen zwölf und ein Uhr. Mir dürfte einer das Haus mit Gold pflastern, ich sollte 'die' Stunde darin zubringen."
"Im roten Haus?" rief der junge Mann erschreckt.
"Er ist fort - er ist fort!" rief da Werner in wildem, herzzerschneidendem Schmerz laut aufschreiend. "Verloren, verloren für immer!" Und während er sich mit so gewaltigen Kräften gegen die Arme sträubte, die ihn hielten, dass ihn die vier starken Männer kaum noch bändigen konnten, ließen plötzlich seine Anstrengungen nach, seine Arme sanken, er lehnte den Kopf zurück und lag ohnmächtig an Gerhards Schulter.

Dieser, der eben erst aus dem Wirtshaus kam, in dem er eigentlich nur Werner erwartend so lange zugebracht und durch den Lärm auf der Straße hierher gerufen war, suchte das Nähere über den unglücklichen Fall von den Nachtwächtern herauszubekommen. Diese wussten ihm aber selber sehr wenig anzugeben. Der in dieser Straße stationierte Wächter erzählte, dass er Lärm und Geschrei gehört, und nichts anderes geglaubt habe, als dass irgend ein Betrunkener aus einem Wirtshaus spät heimkehrend seinen Übermut ein wenig Luft mache. In der Nähe des roten Hauses sei er aber zu seinem Erstaunen - und vielleicht wohl Schrecken - innegeworden, dass der Lärm von dort herausschalle, und wie er noch an der anderen Seite gestanden, wäre plötzlich der Herr hier in voller Wut und Flucht herausgesprungen. Wie er da hineingeraten sei, wisse er freilich nicht, denn bis jetzt sei die Tür stets verschlossen gewesen. Aus dem Haus heraus aber sei er gekommen, so viel blieb gewiss, und das Beste wohl jetzt, ihn so rasch als möglich in sein Bett zu schaffen, damit er dort 'seinen Rausch ausschlafe'. Gerhard, wenn er in seinem Herzen auch viel Schlimmeres fürchtete, bestärkte die Wächter doch gern in dem Glauben, dass der Unglückliche heut Abend einmal 'zu viel getrunken'. Mit ihrer Hilfe klopfte er dann aus einem benachbarten Gebäude ein paar Arbeiter heraus, die den noch immer Ohnmächtigen gegen eine gute Belohnung nach seiner Wohnung trugen.

Alle weiteren Nachforschungen bei den Wächtern selber erwiesen sich auch als nutzlos. Nur einer von ihnen glaubte den jungen Mann als denselben wiederzuerkennen, der vor einer Stunde etwa, laut mit sich selbst redend, an ihm vorüber gegangen sei.
 

1    2    3    4    5.

In Werners Wohnung angekommen, dessen Tür sie mit dem in seiner Tasche gefundenen Hausschlüssel öffneten, blieb Gerhard, als er ihn wieder zu sich gebracht, die Nacht an seinem Bett, und der Kranke fiel gegen Morgen in einen saften, ruhigen Schlaf, aus dem er erst nach zehn Uhr erwachte.

Gerhard hatte eigentlich dieses Erwachen gefürchtet, weil er glaubte, dass der irre Geist, wenn sich die erschöpfte Natur wieder erholt, auch  neue Kräfte zu seinen tollen Phantasien sammeln würde. Dem war aber nicht so.

Vollkommen ruhig öffnete Werner die Augen, sah den Freund einzig einige Augenblicke an und schloss sie wieder. Aber das dauerte nicht lange, und Gerhard glaubte jetzt, dass er ihn fragen würde, wie er in sein Zimmer gekommen. Werner dagegen schien alles, was mit ihm vorgegangen, genau zu wissen, dankte ihm für seine Teilnahme, als er in der Straße halb ohnmächtig zusammengebrochen, und bat ihn dann auf seinem Tisch nachzusehen, ob das gefundene Armband noch dort liege.

Gerhard beruhigte ihn darüber. Er hatte gestern Abend, als sie ihn fanden, in der Hand gehalten, und er selber es an sich genommen, damit es nicht wieder verloren ginge. Es lag jetzt auf dem Tischchen neben seinem Bett.

Werner ließ es sich geben, betrachtete es einen Augenblick und dann auf sein Kissen zurücksinkend, sagte er ruhig:
"Gott sei Dank, der verdammte Lahme hatte es mir unterwegs schlau entwand und mir dafür den wertlosen eisernen Klingelring in die Tasche geschoben - aber es ist doch alles vorbei und Agnes auf immer für mich verloren."
"Aber, Werner", bat Gerhard, dem die unheimlichen Worte einen Stich ins Herz gaben, "raffe dich doch um Gottes willen zusammen und sei ein Mann. Banne diese tollen Phantasien und bedenke, dass wir hier in dem trockenen, hausbackenen M. leben, wo solche Dinge gar nicht an der Tagesordnung sind. Wärst du meinem Rat gefolgt und in die Berge gegangen, so hätte die reine, klare Luft dort dich bald von allem geheilt, was dich jetzt hier in dem feuchten, dunstigen Nebel beengt und zu Boden drückt, und das verwünschte Armband hättest du ebenfalls längst vergessen. Dein Blut ist zu dick, und ich will dich jetzt einen Augenblick dir selber überlassen, um rasch einen Arzt herbeizuholen, der dich schon wieder zu dir selber bringen und einen Teil deines schweren Blutes abzapfen wird."
"Nein - tue das nicht", bat Werner, seinen Arm ergreifend. "Er würde mich ebenso wenig verstehen, wie du es tust, denn wie mir scheint, bin ich auf eine mir selbst unerklärliche Art mit der uns schon verschlossenen Geisterwelt in zu naher und mir verderblicher Verbindung getreten. Glaube nicht, dass ich mich über mich selber täusche. Ich weiß alles, was geschehen, aber auch zugleich, dass ihr alle mir nie glauben werdet. Jetzt habe ich auch den Schlüssel dazu, dass du jene Fremde, die an uns vorüberging, nicht sahst, dass du sie später nicht am Fenster entdecken konntest. Kein anderer in der Stadt hat sie gesehen, nur meinem Auge erschien sie, und - nenn' es Segen oder Fluch - noch immer liegt in ihren Händen mein Geschick."
"Werner", sagte Gerhard unruhig, "dass du so ruhig über den Unsinn reden kannst, erschreckt mich mehr, als wenn du in deinen wilden Phantasien fortgefahren wärst. Das hätte man einem heftigen Fieber zuschreiben und ein tüchtiger Arzt es heben können. Dein Puls geht aber jetzt so ruhig, fast ruhiger als der meine, und du musst alle deine Kräfte zusammennehmen, dieser tollen Bilder, die dir selber nur Verderben bringen könnten, Meister zu werden."
"Du hast recht", sagte Werner ruhig, "ich glaube auch, dass es in meiner Macht stände, mich von dem Verkehr mit jenen Überirdischen fernzuhalten. Was könnten sie gegen den festen Willen des Menschen? - Was aber hülfe mir ein Leben, das jetzt, seines Zieles beraubt, mit allen Hoffnung vernichtet, nur Schmerz und Elend für mich haben müsste."
"Werner", rief Gerhard besorgt, "rede nicht so Entsetzliches! Du, ein junger, kräftiger Mann, der eben erst ins Leben tritt, mit den herrlichsten Talenten ausgestattet, mit einem kräftigen, gesunden Körper, selbst nicht ohne Mittel, deiner künstlerischen Laufbahn folgen zu können, du redest von vernichteten Hoffnungen, von einem seines Zieles beraubten Leben? Versündige dich nicht, denn gerade dich hat Gott vor vielen Tausenden begünstigt, und den Keim des Schönsten trägst du, ohne es vielleicht zu wissen, im eigenen Herzen."
"Den Keim des Todes", sagte Werner mit ernster, ruhiger Stimme. "Doch wie dem auch sei, Gerhard, von deinem Standpunkte aus hast du vollkommen recht, Freund, und ich danke dir für deine Teilnahme. Doch jetzt ..."

"Was willst du tun?"
"Aufstehen. Es ist zehn Uhr vorbei, und ich schlafe sonst nie so lange."
"Aber du bist krank."
"Nie gesünder gewesen in meinem Leben, selbst nicht einmal in meinem Geist, für den du doch am meisten zu fürchten scheinst. Aber ich muss aufstehen, denn ich habe einen Besuch abzustatten."
"Besuch? - Bei wem?"
"Lass das - du würdest mich doch nicht verstehen, wenn ich es dir auch sagte. Aber sei versichert", setzte er herzlicher hinzu, "dass ich das, was wir Menschen im gewöhnlichen Leben Verstand nennen, noch vollständig zusammen habe und mich keineswegs schon, wie mir dein ängstlicher Blick ziemlich deutlich sagt, für das Irrenhaus qualifiziere. Ich weiß, was mich umgibt und welche Sphären ich, mit nur menschlichen Kräften ausgestattet, betreten habe - ich weiß, welchen Gefahren ich dabei entgegengehe, aber sei auch versichert, dass ich mich ihnen nicht mutwillig überlasse."
"Solange du noch solchen Gedanken nachhängst", warnte Gerhard, "so lange bist du auch noch nicht geheilt, und jedes Ungewöhnliche, das dir aufstößt, wirst du damit in Verbindung bringen wollen."
"In einer Art hast du recht", sagte Werner. "Wenn du aber wüsstest, was ich in der letzten Nacht gesehen und erlebt habe, du würdest es für unmöglich halten, dass ich heute morgen schon so gefasst sein könne, und doch ist es der Fall. Sei also überzeugt, dass ich mir meines Zustandes klar bewusst bin und meine Kräfte und Sinne beherrsche. Nur das Entsetzliche konnte mich in dieser Nacht für kurze Stunden ihrer berauben, oder der Körper war vielmehr nicht imstande, der furchtbaren und auch unnatürlichen Aufregung des Geistes zu folgen. Jetzt aber darf ich auch nicht warten, bis mich die Gefahr aufsucht: das ängstliche Harren, die Ungewissheit würde mich aufreiben und elend machen. Ich will ihr selber frei ins Auge sehen, und was dann kommen darf, mag eben kommen!"

"Was willst du tun?" rief Gerhard besorgt.
"Nichts, was dich beunruhigen könnte", lachte Werner. "Es ist jetzt heller Tag, und ich glaube nicht, dass ich da etwas von Geistern zu fürchten habe. Sobald es dämmert, bitte ich dich selber, zu mir zu kommen und die Nacht bei mir zu bleiben. Beruhigt dich das jetzt?"
"Etwas, ja - aber doch noch nicht ganz. Ich möchte dich heute nicht dir ganz allein überlassen. Darf ich dich nicht begleiten?"
"Als Wächter?" lächelte Werner. "Lieber Freund, ich bin ein halber Fatalist. Was kommen soll, das kommt - wir können es manchmal auf kurze Zeit hinausschieben und uns eine Galgenfrist damit gewinnen, aber entgehen werden wir ihm nicht. Solange wir nur mit kaltem Blut das Steuer in der Hand behalten und unseren Lebensnachen vor dem Wind halten, dürfen wir auch hoffen, den sicheren Hafen zu erreichen, oder - wenn nicht - uns doch wenigstens den bequemsten Platz am Ufer aussuchen, wo wir stranden wollen. Nur der, der den Kopf verliert, sieht willenlos sein Boot dem schroffsten Teil der Küste entgegen treiben und - ist meist selber schuld daran."

Werner war indessen aufgestanden und zum Ausgehen völlig gerüstet.
"Darf ich dich wenigstens eine Strecke begleiten?" sagte Gerhard jetzt nach einigem Zögern.
"Und warum nicht? Nur bitt' ich dich darum: Störe mich nicht in dem, was ich vorhabe. Es ist zu meiner Ruhe nötig."
"Du willst das rote Haus besuchen?"
"Ja."
"Und weshalb?" bat Gerhard. "Muss das nicht dazu dienen, all deine früheren Phantasien nur noch mehr zu reizen, sie gefährlicher zu machen?"
"Mein Besuch soll gerade das Gegenteil bezwecken", sagte Werner ruhig. "Das helle Tageslicht soll mir helfen, die toten Bilder zu verscheuchen, die - vielleicht nur meine Phantasie - in letzter Nacht dort furchtbar aufgebaut. Ich muss mich selber überzeugen, dass dort nur nackte Trümmer, dass dort nur Schutt und Zerstörung herrscht, wo ich gestern Pracht und Glanz und fröhlich Leben sah. Wenn irgend etwas, so mag das dazu dienen, mich zu heilen."
"So lass mich mit dir gehen."
"Bis zu dem Haus: ja - aber nicht hinein. Dort muss ich mit mir selbst allein sein", sagte Werner. "Und noch eins", setzte er, wie sich plötzlich besinnend, hinzu, "lass mir noch eine halbe Stunde Zeit, einen notwendigen Brief zu schreiben. Nach Verlauf derselben hole mich hier ab."
"Du gehst nicht ohne mich?"
"Ich gebe dir mein Wort."

Gerhard ging, und als er nach etwa drei Viertelstunden zurückkehrte, fand er Werner schon in der Tür, ihn erwartend. Langsam schritten die beiden Freunde die Straßen entlang, und unaufgefordert erzählte Werner bis in die kleinsten Einzelheiten hinab seinen gestrigen Besuch im roten Haus und dessen Resultat. Gerhard suchte ihm allerdings das Ganze als einen tollen Traum, einen Fieberanfall auszureden, Werner aber lehnte jeden Zweifel mit ruhigem Lächeln ab. Dass andere nicht gesehen, was ihm erschienen, konnte für ihn kein Beweis des Gegenteils sein. Sich die Gewissheit aber zu holen, war der Zweck seines heutigen Besuchs, und dass er dazu den hellen Sonneschein gewählt, möge, wie er meinte, dem Freunde genug Beweis sein, dass er selber die Geisterwelt einer harten Probe unterwerfen wolle.
Werner sprach dabei so ruhig, so überlegt und bei vollem Bewusstsein und widerlegte alle Einwendungen des Freundes in so sicherer, seiner Sache gewisser Weise, dass diesem zuletzt nichts übrig blieb, als sich zu fügen. Um vier Uhr versprach Werner, wenn es ihm irgend möglich sei, in einer nicht sehr entfernten Restauration mit Gerhard zusammenzutreffen und ihm das Resultat mitzuteilen. Nur bis dahin solle er ihn ungestört lassen.

"Noch eins", sagte Werner plötzlich und hielt des Freundes Arm, als dieser, unfern vom roten Hause, gerade Abschied nehmen wollte. "Eins habe ich dir bis jetzt noch verschwiegen, was meine Verbindung mit dem alten Gebäude vielleicht noch rätselhafter - vielleicht erklärlicher macht. Du erinnerst dich an den Namen des jungen Mädchens, das in der Gruft dahinten beigesetzt steht?"
"Agnes von Hochstetten, wenn ich nicht irre ..."
"Ganz recht - auch ich heiße Hochstetten", sagte Werner ruhig.
"Du?" rief Gerhard erstaunt, "und davon hast du mir noch nie ein Wort gesagt?"
"Werner ist der Name, den ich als Künstler angenommen, um mir erst einen Ruf zu erwerben", entgegnete dieser.
"Dann ist dies das unglückseligste Zusammentreffen", rief Gerhard, den Kopf schüttelnd, "das ich mir denken kann. Der Zufall hat da in einer von seinen tollen Launen dir eine eingebildete Verwandtschaft zugeführt, und wenn irgendetwas, kann das nur mehr dazu dienen, deine tollen, fixen Ideen zu befestigen."
"Zufall", sagte Werner ernst, aber ruhig, "ist ein gar wunderliches Wort, mein lieber Freund, mit dem wir nicht selten nur zu leichtfertig umgehen. Für den Gott, der dort oben unsere Schicksale lenkt, gebt es keinen Zufall, und ineinandergreifend bildet unser Leben, aus Tausenden solcher anscheinenden Zufälle zusammengesetzt, eine einzige, feste Kette, in der wir kein Glied missen könnten. Sieh um dich her - betrachte nur die Gegenwart, und manches erscheint dir da als Zufall, wie du's nennst - schau aber zurück in die Vergangenheit, und hätte einer fehlen dürfen, dich dahin zu führen, wo du jetzt stehst? Nicht einer, es waren alle die Glieder der einen Kette. Doch genug. Auf Wiedersehen, Gerhard, auf ein frohes Wiedersehen!" Werner drehte sich mit den Worten ab und schritt allein dem roten Haus zu, während Gerhard, mit recht traurigen Gefühlen und wirklich ernsthaft um den Freund besorgt, die andere Richtung einschlug.

Die Tür des roten Hauses war allerdings verschlossen, aber ein fester Druck dagegen schob das morsche Schloss leicht auseinander, und der junge Mann betrat mit einem eigenen Schauder den düsteren, dumpfigen Raum, der wieder in seiner ganzen Öde, wie an jenem Tag, um ihn lag. Nur durch die zerbrochenen oder erblindeten Scheiben eines Fensters über der Hintertür fielen die Sonnenstrahlen herein und erhellten den Platz hinlänglich, ihm die halbzerfallene Treppe zu zeigen, die er jetzt vorsichtig, aber mit festen Schritten hinanstieg. So betrat er die wüsten Gemächer, die ihm in letzter Nacht einen Feenpalast gleich erschienen waren, und suchend schweifte daher sein Blick umher, als ob der Raum nicht leer sein könne und die, die er hier suche, ihm jeden Augenblick entgegen treten müsse. Aber alles lag still und öde wie das Grab, nur ein paar Ratten, in ihrem Spiel gestört, glitten scheu raschelnd, als sie den Schritt des Menschen hörten, über umherliegendes Gerümpel hinweg in ihr Versteck zurück. Werner stand auf der Schwelle des Saales und lehnte, die Arme verschränkt, an dem einen Türpfosten, während sein Blick fast unwillkürlich wieder an den Resten der alten, zerrissenen Tapete haftete, aus denen das eine boshafte, so wohl bekannte Auge wie höhnisch zum ihm niederstarrte.
"Und wäre denn alles - alles das, was mir mein ganzes Herz erfüllt, wirklich nur ein leerer Traum gewesen?" sprach er mit leiser Stimme vor sich hin. "Hätte ich nur in blindem Wahn geglaubt, der Welt der Geister, die uns hier umgeben, näher zu stehen als andere Sterbliche? Und soll ich das Gefühl jetzt mit mir hin durchs Leben tragen, das Ideal zu kennen, dem ich lebe, und es nie, nie zu erreichen? Schutt, Öde, Leere um mich her - ein trauriges Bild unserer Vergänglichkeit und noch dieselben Wände hier, die ich gestern in all der alten Pracht und Herrlichkeit so deutlich um mich sah, dass ich noch jetzt die Gruppen zeichnen wollte, die ihrer Fläche Leben gaben. Dort das edle Ritterpaar, das mit den blanken Schwertern in erbittertem Kampf Fuß an Fuß sich drängte, dort der Balkon, auf dem die Damen saßen, und da - da, wo das Auge auf mich niederschaut ..." Er hatte, wie seine Phantasie sich die vergangenen Szenen wieder aufgebaut, den Arm nach jenem Kopf ausgestreckt und stand jetzt plötzlich, wie zur Bildsäule geworden, mit fast aus den Höhlen dringenden Augen der Stelle gegenüber, auf der das Bild da oben Leben, Bewegung gewann. Das Auge blinzelte auf und zu, die Züge des halben Gesichts nahmen einen fast teuflischen Ausdruck an, und als ob sie dem Menschauge in Zorn und Wut begegnen wollten, hob sich der ganze Kopf jetzt aus der Wand heraus und zeigte sich in zähnefletschendem Grimm dem entsetzten Blick des Jünglings.
"Ha, bist du da?" rief Werner, für den im Nu alle die alten Bilder Leben gewannen, indem er das Armband ergriff und wie einen Talisman der Teufelslarve entgegenhielt, "da, da sieh, hämischer Geist, wie ich deinem Grimme trotze und dich zwingen kann zu weichen. Deine Macht ist aus, deine schlaue List zuschanden geworden, und wie ich dir hier entgegentrete, will ich dich ..."

"Halt, nicht weiter", flüsterte da plötzlich, während er mit dem hochgehobenen Armband auf das scheu zurückweichende Haupt zuschreiten wollte, eine leise, süße Stimme, und neben ihm stand, ihre weiße Hand nur leicht und kaum fühlbar auf seinen Arm legend, Agnes. Nicht mehr in all der Pracht und Herrlichkeit des letzten Abend freilich, sondern wie er sie zuerst gesehen, in jenem einfachen schwarzen Kleid, das nur das zarte Weiße ihrer Haut noch mehr hervorhob, stand sie neben ihm und schaute ihn mit ihrem lieben Lächeln freundlich an.
"Agnes!" rief Werner, und unwillkürlich fast beugte er das Knie vor der hohen, herrlichen Gestalt, der gerade die sanfte Schwermut in den Zügen einen noch viel größeren, unwiderstehlichen Reiz verlieh.
"Nicht doch, mein Freund",  flüsterte fast ängstlich das Mädchen, "nicht mir die Huldigung, die nur Gott gebührt. Ich komme auch nur", setzte sie hinzu, während ihr liebes Antlitz ein eigener Zug von Wehmut überflog, "Abschied von dir zu nehmen."
"Abschied?" rief Werner erschreckt und in tiefem Schmerz aus, "und was habe ich getan, dass du mich meiden willst? Hier ist das Band, das dir die Freiheit gibt und jenen tückischen Geist in seine Schranken zurückweist, und während du jetzt deine eigene Herrin wieder bist, willst du mir selber jede Hoffnung rauben?"
"Zu deinem eigenen Besten, Freund", sagte ernst und doch so tief betrübt dabei die Jungfrau. "Du kannst nicht leben in der Welt da draußen und mit uns fortverkehren hier. Wie ein böser tückischer Wirbel zieht die Geisterwelt alles, was ihr geboten wird, in ihren Kreis hinein - mit sich zu Grunde -, und halb der unseren, halb jener Welt noch angehörend, würde nur Qual und Elend dein trauriges Los werden. Uns noch nicht einverleibt, mit deinem Körper dem gröberen Stoff zugeteilt, würden zugleich die Sterblichen dich ausstoßen aus ihrer Zahl und dem Wahnsinn zuschreiben, was ihre eigene Kurzsichtigkeit überstiege. Nein, nein, lebe fort, das Leben beginnt ja erst für dich und hat vielleicht die schönsten Blüten dir noch aufgespart, den sonnigsten Weg für deinen Fuß gebahnt. Gib mir das Armband denn und nimm den besten Dank, den ich dir geben kann für die Lieb' und Treue - den Dank, dass ich mich dir zum letzten Mal gezeigt."
"Nein, nein, nein!" rief Werner, in wilder Angst die Hand ergreifend, die sie ihm entgegenhielt. "Nicht so darfst du mir wieder entweichen und Dank das nennen, was mich der Verzweiflung in die Arme schleudern müsste. Du selber hast gesagt, dies Band verleihe dem, der es besitzt, Kraft und Gewalt, dich ihm zu erringen, dich zu wahren, oh, lass es mir, lass mich dein eigen sein mit ihm und stoße mich nicht wieder kalt zurück."
"Weißt du, was du begehrst?" fragte mit warnender Stimme die Jungfrau. "Weißt du, dass du, indem du mir gehören willst, dem Himmel erst, der Seligkeit entsagen musst?"
"Du schreckst mich nicht", rief Werner fast außer sich. "Was ist mir Licht und Leben ohne dich? Was wäre selbst des Himmels Seligkeit, wenn ich sie getrennt von dir ertragen müsste? Oh, nimm mich auf ... sprich nur das eine Wörtchen: Ja, und lass mich dann zu deinen Füßen sterben."
"Und draußen Licht und Luft und Sonnenschein? Was dir an lieben Freunden lebt? Deine Heimat? Hat alles seinen Halt an dich verloren?"
"Es ist tot für mich!" rief Werner, in wilder Aufregung und Sehnsucht die Arme der Geliebten entgegenbreitend. "Sei du mein Gott, mein Himmel, meine Heimat - sei du mir Licht und Luft und Sonnenschein. Dort draußen liegt die Welt - für mich ein weites Grab, nur in deinen Armen blüht ein neues Leben."

Hoch und ernst richtete sich da die Gestalt der Jungfrau auf. Jeder Zug der Milde und Sanftmut war aus dem engelschönen, aber marmorbleichen Antlitz gewichen.
"So komm, Unglückseliger", sagte sie. "Denn wer wie du in wilder, ungezähmter Leidenschaft den Himmel und die Erde von sich stößt, der hat auf beide sich sein Recht verscherzt. Was wir dir bieten können, soll dir werden. Du bist der Unsere - sei uns denn willkommen!"
 

Gerhard wartete vergebens auf den Freund. Schon lange war die Zeit verflossen, in der er ihn aufzusuchen versprochen. Eine Unruhe, über die er sich selber keine Rechenschaft geben konnte, trieb ihn endlich nach Werners Wohnung, und er machte sich unterwegs die bittersten Vorwürfe, ihn überhaupt in der Reizbarkeit, in der er sich heute befunden, allein gelassen zu haben. In seine eigene Wohnung war Werner aber noch nicht zurückgekehrt und Gerhard nahm sich jetzt einen Wagen, das rote Haus noch vor der einbrechenden Dämmerung zu erreichen. Diese durfte Werner, wenn er sich ja noch dort befand, keinesfalls in den unheimlichen Räumen allein verbringen.

Gerhard, der die vordere Tür des alten Gebäudes noch immer verschlossen glaubte, hatte dem Kutscher schon Befehl gegeben, bei dem Totengräber vorzufahren und diesen mitzunehmen. Auffällig war ihm aber, dass eine Menge Leute dort in der Straße standen und nach den Fenstern des roten Hauses hinaufschauten. Er ließ den Wagen halten und stieg aus; aber niemand konnte ihm gewissen Bescheid geben. Einige meinten, es spukte da drinnen, andere, das Haus wolle einfallen, weshalb sich niemand näher hineinwagte. Ein andere Wagen fuhr in diesem Augenblick vor, und ein ihm befreundeter Arzt stieg mit einem Polizeidiener aus und näherte sich dem Eingang. Da zum ersten Mal schoss die Ahnung geschehenen Unheils durch sein Herz, und er eilte, sich den beiden anzuschließen. Was er von diesen hörte, reifte aber auch seine schlimmste Befürchtung zur Gewissheit.

Der Totengräber hatte, in der Nähe des alten Gebäudes beschäftigt, einen lauten Aufschrei darin gehört, und als er die Räume visitierte, einen jungen Mann tot oder nur ohnmächtig in einem der oberen Zimmer gefunden. Ohne sich weiter aufzuhalten, schickte er augenblicklich nach der Polizei und nach einem Arzt, und diese trafen jetzt gerade ein, die Untersuchung vorzunehmen.

Was Gerhard gefürchtet, war geschehen. Oben in dem einen Zimmer, zwischen Schutt und Trümmern, lag Werner ausgestreckt auf dem Boden - tot, das Antlitz unentstellt und ruhig, den einen Arm von sich gestreckt. Die linke Hand aber hielt ein schmales goldenes Armband, das Gerhard augenblicklich als das gefundene erkannte. Der Arzt versuchte es aus den schon erkalteten Fingern zu nehmen, aber diese hatten sich krampfhaft darum geschlossen, und es wäre, ohne Gewalt anzuwenden, nicht möglich gewesen.

Gerhard verhinderte das und brachte die Leiche nach den üblichen Formalitäten, von dem Arzt begleitet, nach Werners eigener Wohnung. Hier wurde der Körper von noch einigen anderen herbeigezogenen Ärzten, denen Gerhard alles mitteilte, was er über den aufgeregten Zustand des Freundes wusste, untersucht, und ihr Urteil lautete: "Tod, herbeigeführt durch einen plötzlichen Blutschlag!"

Der Brief, den Werner, wie in Vorahnung seines Todes, zurückgelassen, war an Gerhard gerichtet und enthielt kurze Verfügungen über seine kleine Hinterlassenschaft. Am Schluss des Briefes erklärte er, was er  Gerhard vorher mitgeteilt und sich auch später aus seinen Papieren ergab: dass Werner nur sein Künstlername sei und er eigentlich den Namen Ernst von Hochstetten führe. Er bat deshalb - wofür er eine nicht unbedeutende Summe dem städtischen Armenhaus vermachte -, in der Gruft der Hochstetten, nahe dem roten Haus, beigesetzt zu werden.

Sein Wunsch ward erfüllt, und auch das Armband, das die erstarrte Hand noch festgehalten, ruht bei ihm in der Gruft.

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Autor

Friedrich Gerstäcker - * 1816, † 1872; bekannt als Autor von Abenteuer- und Reisegeschichten. - Deutschland

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Titelgalerie

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weiterführende Links

erschienen u.a. in: Der unheimliche Gast - Hrsg: Manfred Kluge - 1989

als "Das rote Haus" erschienen u.a. in: Die schönsten Abenteuergeschichten - Hrsg: Petra Gallmeister - 1993

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Handlungsort

M...

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Vampir

Agnes von Hochstetten - geb. den 29. Februar 1728, gest. den 29. Februar 1744. Auch mehr als hundert Jahre später wird sie zuweilen in der Stadt M... gesehen. Der Maler Werner verliebt sich dort in sie und es gelingt ihm, ihren Wohnort, ein vom Zerfall gezeichnetes rotes Haus mit angrenzendem Friedhof, herauszufinden. Er wird Zeuge geisterhafter Erscheinungen und muss erkennen, dass Agnes einem anderen versprochen zu sein scheint. Ein Armband scheint der Schlüssel zum Verlöbnis mit Agnes, das sich nun in Werners Besitz befindet und ihr zurückgebracht wird.